Zwischen der röm.-kath. Seelsorgeeinheit Vogtsburg
und den evangelischen Kirchengemeinden Bickensohl
und Bischoffingen gibt es einen Ökumenischen Partnerschaftsvertrag.

Das ökum. Zusammenwirken geschieht demnach auf verschiedenen Ebenen:

Ökumenische Gottsdienste
Jährliche Gemeinsame PGR und KGR Sitzung
Im Bildungswerk Vogtsburg: Ökumenisches  Glaubensseminar/ Ökumenische Bibelwoche
Weltgebetstag der Frauen
Nacht der Offenen Kirchen 
Ökumenische Kindergottesdienste

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Eingeladen sind alle Kinder
zum jährlichen Kinderbibelfrühstück
zu den jährlichen Kintertagen in Bickensohl

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Predigt zu Joel 2,12f/Aschermittwoch 2017/

Beginn des ökum. Glaubensseminars (III)

Mit Fasching habe ich als evangelischer Pfarrer so meine Schwierigkeiten. Nein nicht so sehr wegen dem ausgelassenen närrischen Treiben, sondern weil am Aschermittwoch plötzlich alles vorbei ist – mit einem Schlag. Plötzlich beginnt nach dieser ziemlich närrischen Zeit eine sehr ernsthafte Zeit: die Fastenzeit, die Passionszeit. Ich habe schon manchen katholischen Amtsbruder bewundert – oder bedauert, der diese Kehre von der Ausgelassenheit zur Einkehr über Nacht von Amts wegen mitmachen muss. Ein paar Tage zuvor womöglich noch in der Bütt – und dann die Asche in der Hand. Ich möchte nicht sagen, dass das unmöglich sei – aber eine derartige Kehre über Nacht zu vollziehen: vom Faschingsnarren zum Narren in Christus, wie sich Paulus einmal bezeichnet, das fiele mir nun doch nicht so leicht.

Aber das zeigt: Der Aschermittwoch hat prophetische Qualität. Denn wie der Aschermittwoch, so haben die Propheten des Alten Testaments dem gewiss bisweilen recht närrischen Treiben der Menschen mit ihren Worten abrupt Einhalt geboten, sie zum Innehalten gemahnt und zur Umkehr aufgefordert. Aber die Narretei hat eben ihre eigene Dynamik – und die prophetische Botschaft nicht unbedingt einen durchschlagenden Erfolg.

Das biblische Wort für den heutigen Aschermittwoch hat genau damit zu tun und steht im Buch des Propheten Joel. So spricht der Herr: „Bekehret euch zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen! Zerreißet eure Herzen und nicht eure Kleider und bekehret euch zu dem HERRN, eurem Gott! Denn er ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte.“

Es klingt recht dramatisch und ist ein eindrückliches Bild: „Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider.“ Aber auf den Gedanken, mein Herz zu zerreißen, bin ich eigentlich noch nie gekommen. Ja, und öfters zerreißen wir uns das Maul über bestimmte Ereignisse oder auch Personen. Und manchmal könnte ich mir in den Hintern oder auf die Zunge beißen. Aber dass ich mir mein Herz zerreiße...? - Obwohl doch manches auf der Welt herzzerreißend ist, wenn ich so manches Elend sehe. Dann ist also das Herz zu zerreißen der äußerste Ausdruck von Schmerz – allerdings über mich selbst, über all das, was ich bei mir und bei anderen verdorben und verbockt habe. Ja, dafür könnt ich mir auch manchmal in den Hintern beißen. Und doch: Es ist nicht mein Hintern, sondern mein Herz, das allerhand Bedenkliches in den Kreislauf, in den Umlauf bringt - bei mir und unter Menschen. Die Mitte, von der alles ausgeht – aber auf die auch alles wieder zugeht. Denn alles, was von mir ausgeht, kommt irgendwie wieder auf mich zurück – und trifft mich.

Aber nicht das lässt das Herz zerreißen, sondern die Einsicht, dass in meiner Mitte etwas anders werden muss. Klar: An einzelnen Verhaltensweisen doktern wir immer wieder herum; verbessern, optimieren. Ist ja auch nötig. Aber letztlich bedarf es der Erneuerung unseres Herzens. Es bedarf eines neuen Herzens… Denn in der verborgenen Mitte muss etwas anders werden – nicht nur am sichtbaren Rande.

Jedoch - wenn das so einfach ginge – und es so etwas gäbe wie eine geistliche Herztransplantation: Alt raus, neu rein! Die Kleider zu zerreißen macht zwar einen gewaltigen oder gar einen gewalttätigen Eindruck und zeugt davon, dass sich da jemand Luft macht und – seinen Zorn oder seine Wut abreagiert; meist Zorn und Wut gegen andere. So zerreißt auch der Hohepriester seine Kleider beim Verhör Jesu und sagt: „Er hat Gott gelästert! …“ (Mt 26,65) Sein Herz zu zerreißen, daran denkt er gerade nicht. Denn er hat den Übeltäter Jesus im Blick – und nicht sich selbst.

Das halten wir anscheinend anders; denn bei uns ist viel von Selbstbewusstsein, Selbstbestimmtheit, Selbstvertrauen die Rede. Hingegen ist von Selbsterkenntnis wenig oder gar nicht die Rede. Denn sie würde mich nicht festigen, sondern vielleicht erschüttern und nicht nach Befestigung, sondern nach Veränderung verlangen. Nach dem, was in der Bibel Buße/Umkehr heißt – und schon dort nicht gerade auf offene Ohren stößt.

Denn Buße/Umkehr beginnt meinst mit Innehalten und Einkehren. Stopp – nicht immer so weiter, nicht immer in einem so fortmachen. Nicht immer alles mitnehmen und mitmachen, was sich einem gerade mal wieder anbietet. Sich nicht mal dahin, mal dorthin treiben lassen. Sich nicht vom Glanz der Dinge und den Masken der Menschen blenden und täuschen lassen.

Stattdessen innehalten und – erkennen, wie es wirklich um einen steht. Also gerade nicht die Sau rauslassen, sondern den inneren Schweinehund ins Auge fassen. Das ist ein geistlicher Kampf: die Betrachtung und Erkenntnis des eigenen Herzens vor Gott. Dem Anblick des eigenen Versagens standhalten – und um Vergebung, um Befreiung, um Absolution und damit um Erneuerung bitten. Und dafür ist nicht ein Therapeut, sondern ein Seelsorger zuständig – mit dem „Sakrament der Buße und der Versöhnung“. Vielleicht sind die Wartezimmer der Therapeuten deshalb so voll, weil die Beichtstühle in den Kirchen so leer sind?

Ein Hilfsmittel zur Selbsterkenntnis ist ein Beichtspiegel, wie er sich als „Hilfe zur Gewissenserforschung“ auch im GL befindet – mit lauter Fragen an mich selber. Man braucht Mut, sich diesen Fragen zu stellen – und damit sich in Frage stellen zu lassen. Doch es ist gerade diese Art von Läuterung, die dann zur Lauterkeit des Herzens führt – und aller Überheblichkeit über andere wehrt. Es entsteht die Solidarität der Sünder, die sich angewiesen wissen auf das unergründlich Erbarmen Gottes.

Zu den Hilfsmitteln im Kampf gegen den inneren Schweinehund gehört auch das Fasten: also der bewusste Verzicht auf Unnützes und Überflüssiges; sich die Flucht in die Zerstreuung verbieten und sich auf das Wesentliche besinnen. Leib und Seele in Zucht nehmen und seine Zunge in Zaum halten. Ja leer werden und die Leere aushalten – und die leeren Hände Gott hinhalten. Das ist mühsam – und heilsam.

Zu all dem lädt uns die Fastenzeit, die Passionszeit ein: 40 Tage lang den Kreuzweg Jesu vor Augen relativiert sich manches, was ich sonst vor Augen hab. Dieser Weg beginnt heute, am Aschermittwoch, mit der Erinnerung an unsere Endlichkeit – und damit der Mahnung, von allem Endlichen nichts Unendliches, von allem Zeitlichen nichts Ewiges zu erwarten und dafür verbittert zu kämpfen. Runter vom Laufsteg der Welt – und rauf auf den Kreuzweg Jesu.

Das Aschenkreuz weist mich auf diesen Weg der Demut und Zuversicht: Der ich Erde, Asche, Staub bin - mein alter Mensch muss täglich mit Christus sterben, um mit ihm täglich als neuer Mensch zu leben.

Am Aschermittwoch ist darum nicht alles vorbei, sondern da beginnt eigentlich alles Wesentliche: die Erneuerung unseres Herzens in der Hingabe an Christus. Amen.