das ist aber wirklich die letzte...


Predigt am 16. Sonntag n. Tr. zu Apg 12,1-17 (IV)

Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu mißhandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert. Und als er sah, daß es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote. Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Fest vor das Volk zu stellen. So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.
Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. Und siehe, der Engel des Herrn kam herein, und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir! Und er ging hinaus und folgte ihm und wußte nicht, daß ihm das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Straße weit, und alsbald verließ ihn der Engel. Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, daß der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.
Und als er sich besonnen hatte, ging er zum Haus Marias, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele beieinander waren und beteten. Als er aber an das Hoftor klopfte, kam eine Magd mit Namen Rhode, um zu hören, wer da wäre. Und als sie die Stimme des Petrus erkannte, tat sie vor Freude das Tor nicht auf, lief hinein und verkündete, Petrus stünde vor dem Tor. Sie aber sprachen zu ihr: Du bist von Sinnen. Doch sie bestand darauf, es wäre so. Da sprachen sie: Es ist sein Engel. Petrus aber klopfte weiter an. Als sie nun aufmachten, sahen sie ihn und entsetzten sich. Er aber winkte ihnen mit der Hand, daß sie schweigen sollten, und erzählte ihnen, wie ihn der Herr aus dem Gefängnis geführt hatte, und sprach: Verkündet dies dem Jakobus und den Brüdern. Dann ging er hinaus und zog an einen andern Ort.

Jakobus muss sterben - Petrus darf leben. Welch ungleiches Los, welch gegensätzliches Schicksal - unter demselben Herrn! Warum lässt der so was zu? Auf diese Frage gibt die Apostelgeschichte keine Antwort. Sie berichtet nur wie es kommt, dass Jakobus getötet und Petrus gefangen gesetzt und schließlich befreit wird.
Es geschieht unter dem König Herodes Agrippa I. Der ist weder gebürtiger Jude noch richtiger Römer – und buhlt darum um die Gunst von Römer und Juden. Er wird aufgrund guter Beziehungen durch Roms Gnaden sogar als König über alle Länder Palästinas gesetzt, über die schon sein berühmter Großvater, Herodes der Große, herrschte. Herodes Agrippa ist spielerischer Opportunist und eiskalter Pragmatiker. In Jerusalem versucht er durch strenge Beachtung der jüdischen Gesetze die einflussreichen konservativen Kreise des Judentums auf seine Seite zu bringen, und fördert den Kult am Jerusalemer Tempel – wodurch er auch das dortige Wohlwollen für sich erreicht und sichert.
Wohl mit aus diesem Grunde beginnt er die junge christliche Gemeinde in Jerusalem zu schikanieren und zu attackieren. Denn deren Bekenntnis zu Jesus als der Christus, Messias, Gesalbte Gottes, ist gerade für die führenden frommen Juden wie ein Stachel im Fleisch. Sie empfinden die Christen wie Christus selber: als einen Fremdkörper, den es abzustoßen bzw. auszumerzen gilt. Und dieses Empfinden nutzt Herodes Agrippa geschickt aus, um seine Macht zu festigen. Religiöse Dinge sind für ihn insofern relevant und interessant, als sie ihm politisch nutzen. Und weil es ihm politisch nutzt, den Christen Schaden zuzufügen, lässt er Jakobus als einen der führenden Köpfe der Jerusalemer Gemeinde verhaften und töten. Und als er sieht, wie diese Aktion unter der Bevölkerung Zustimmung und Gefallen findet, will er seine Popularität noch weiter erhöhen und lässt deshalb auch noch Petrus verhaften und ins Gefängnis werfen.
Damit ist die Jerusalemer Urgemeinde fast ohne Leitung – und damit am Rande ihres Ruins. Denn wenn einmal die entscheidenden Köpfe fehlen, dann zerstreut sich der Rest sehr schnell und zerfällt ins Bedeutungslose. Wäre der Gekreuzigte seinen zerstreuten Jüngern nicht als der Auferstandene erschienen, wäre alles zu Ende gewesen. Ein ähnliches Ende droht jetzt auch der Jerusalemer Urgemeinde, wenn Petrus ebenso getötet wird wie Jakobus.
Und wie lautet die todeswürdige Anklage? Jenen, die sich zu Jesus als Christus bekennen, wirft man vor allem vor, sie würden genauso wie ER gegen das Gesetz und die heilige Stätte des Tempels von Jerusalem polemisieren und agitieren. Dieser Vorwurf wird vor allem gegen den Diakon Stephanus laut, weshalb dieser gesteinigt wird.
Aber wie schon bei Stephanus, geht auch nach dem Tod von Jakobus und der Verhaftung des Petrus die Rechnung nicht auf. Wo nach menschlichem Ermessen das Ende nahe ist, hat Gott immer noch Mittel und Wege, und führt die Gemeinde Jesu weiter und erhält sie am Leben. Das bezeugen solche Situationen, in denen jemand auf wunderbare Weise wieder aus einem Kerker herauskommt – wie Petrus – genauso wie solche Situationen, in denen jemand sein Zeugnis mit dem Leben bezahlt - wie Jakobus. Führende Köpfe sind zwar in einer christlichen Gemeinde wichtig, entscheidend aber ist ihr Haupt: Christus. Der erhält seine Gemeinde – und nicht diese sich selbst.
In der Geschichte der Kirche tritt jedoch ab dem 4.Jhdt. diese Gewissheit in den Hintergrund und das Verlangen nach Sicherheit in den Vordergrund. Staatliches und kirchliches Oberhaupt, König und Papst, gehen zur eigenen Bestandssicherung das Bündnis von "Thron und Altar" ein – zum beiderseitigen Vorteil. Die Kirche gewinnt sichtbar an Boden und vergrößert damit auch ihre öffentliche Bedeutung und Macht. Bis es eben im 12. Jhdt. zur endgültigen Machtprobe zwischen König und Papst, zwischen Staat und Kirche kommt, die dann schließlich im Gang Heinrichs IV nach Canossa endet. Dass die äußerst faszinierende Kirche des Hochmittelalters eine Machtkirche ist, erkennt man daran, dass gerade sie die eigenen Gegner mit aller Macht verfolgt. Dieser Verfall an irdische Machtmittel zur Erhaltung der Kirche ist es auch, der immer wieder geistliche Reformbewegungen vor allem in den Klöstern hervorruft – die schließlich in jener „Reformation“ im 16. Jhdt. ihren Höhepunkt erreichen, die auch im Kloster ihren Anfang nimmt. Das unbedeutende Mönchlein Martin Luther hat nur deshalb gewagt fortzusetzen, was aus einer kirchlichen Not heraus mit ihm begonnen hat, weil er sich zutiefst dessen gewiss war, dass nicht menschliche Macht die Kirche erhält und weiterführt, sondern allein die Macht Gottes: „Mit unserer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren…“. Ebenso muss die Jerusalemer Urgemeinde dessen gewiss gewesen sein: Solange Christus das Haupt dieser Gemeinde ist, bleibt sie auch bestehen. Auch wenn dem führenden Kopf Petrus jetzt dasselbe Schicksal droht wie zuvor Jakobus.
Denn mit Petrus könnte Herodes Agrippa I noch mehr punkten unter der Bevölkerung. Denn Petrus, der Jude, hat sich die Feindschaft der eigenen Volksgenossen besonders dadurch zugezogen, weil er die juden-christliche Gemeinde für Nichtjuden öffnete. Nicht nur sein Glaube bringt Petrus ins Gefängnis, sondern auch die ethnischen Grenzen in der christlichen Gemeinde nicht mehr als trennend gelten zu lassen, statt dessen den Glauben an Jesus als den Christus als verbindend zu sehen. Aber sowohl das Bekenntnis zu Jesus als der Christus wie auch die daraus resultierende Offenheit für alle, die zum Glauben an ihn finden, ist für einen frommen Juden jener Zeit untragbar. Und Herodes Agrippa versteht es geschickt, genau das zu seinen Gunsten zu nutzen, indem er nun auch Petrus als führenden Kopf der Jerusalemer Urgemeinde im Kerker verschwinden lässt.
Und was macht nun diese Gemeinde - ohne Leitung? Sie betet; ohne Aufhören und bringt damit im Herzen Gottes etwas in Bewegung – und einen Engel auf den Weg. Mag sein, dass sie auch schon für die Freilassung von Jakobus gebetet hat, ohne den gewünschten Erfolg - wie nun bei Petrus.
Dieser Engel, dieser Bote Gottes kommt aus der Dunkelheit. Plötzlich steht er im Raum. "Engel/Bote des Herrn" wird er genannt. Ist es ein Deckname? Jedenfalls scheint er eine gewisse Übung in der Durchführung seiner Aufgabe zu haben, denn er stößt Petrus kräftig in die Seite. Was dann folgt ist bis in alle Einzelheiten wohlüberlegt: Ein halbnackter Petrus würde auf den nächtlichen Straßen sehr wohl auffallen. Gürte dich also, zieh deine Schuhe an, wirf deinen Mantel über.
Petrus scheint überhaupt nicht ganz bei sich zu sein. Der andere muss ihm alles sagen, ihn dazu antreiben. Zügig, aber ohne Hast geht alles vor sich. Als ob es selbstverständlich sei, verlassen die beiden die Zelle, gehen an der ersten Wache vorbei, dann an der zweiten. Die rühren sich anscheinend nicht. Wie das? Sehen sie nichts oder kennen sie etwa diesen Mann, diesen „Boten Gottes“? Gehorchen sie gar einem geheimen Befehl? Petrus, später danach befragt, weiß nichts. Ich schlief doch noch halb, sagt er; ich meinte zu träumen.
Schließlich öffnet sich das eiserne Tor zur Stadt. Verfügt dieser „Bote“ über einen Schlüssel - oder wirkt auch hier geheime Weisung? Noch eine Straße weit geht der Fremde mit. Voller Umsicht auch hier. Dann verschwindet er wieder dort, wo er herkam: im Dunkel der Nacht.
Petrus erwacht und begreift erst langsam: Das ist kein schöner Traum. Das ist handfeste Wirklichkeit. Aber mit dem Begreifen kehrt auch die Angst zurück. Denn er befindet sich mitten in der Stadt und die Leute kennen ihn. Was ist, wenn ihn jemand erkennt? Im Schutz der Dunkelheit läuft er zum Hause Marias. Doch es dauert bis sie ihm öffnen. Denn man weiß nie, ob nicht wieder römische Soldaten vor der Türe stehen – und den Nächsten abholen. Zwar ist sich die Magd ganz sicher, die Stimme des Petrus erkannt zu haben, aber die anderen glauben ihr nicht – und erklären sie kurzerhand für verrückt. Halten sie Petrus trotz ihres Gebets schon für einen toten Mann - wie Jakobus? Da jedoch die Magd hartnäckig bleibt, kommt man ihr entgegen und lässt sich auf den Kompromiss ein: Es könnte ja auch ein Engel sein. Denn einen solchen hält man viel eher für möglich, als Petrus. Ja, da war tatsächlich ein Engel, ein Bote Gottes mit im Spiel, aber nicht der, sondern Petrus steht leibhaftig vor der Tür. Mit ungläubigen Augen und mit Entsetzen wird er schließlich nach weiterem beständigem Anklopfen endlich hereingelassen.
Die Freude und der Jubel sind so groß, dass Petrus zum Schweigen und wohl auch zur Verschwiegenheit mahnen muss – und beginnt zu erzählen. Durchaus möglich, dass ihm manche nicht so ganz glauben. Ein Engel war's - wirklich? Oder hast du, Petrus, unter Folter deine Freiheit erkauft, hast irgendetwas gesagt oder getan, damit man dich freiließ? Oder hast du gar uns an die Römer verraten – und wir sind bald dran? Petrus kann darauf nur mit der ihm eigenen Gewissheit antworten: “…dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete“ , nämlich einen Schauprozess.-
Und wer war dieser „Bote Gottes“? Ein Sympathisant der christlichen Gemeinde? Vielleicht sogar aus den Reihen der geheimen Staatspolizei des Herodes Agrippa? Wir wissen es nicht. Es ist auch nicht wichtig. Viel wichtiger ist: Petrus wurde verhaftet - und befindet sich bald darauf wieder auf freiem Fuß. Dazwischen liegt ein Geschehen, über dem der Schleier eines göttlichen Geheimnisses liegt – und Petris kann nur bekennen: “Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.“ Diese Gewissheit ist das Entscheidende – und das soll weitererzählt werden, wozu Petrus dann auch die andern beauftragt, bevor er das Haus noch in der Nacht wieder verlässt; wohl um die andern durch seine Gegenwart nicht zu gefährden. Was da weitererzählt wird ist darum keine fromme Sensation, sondern das Zeugnis, dass Gott die Gemeinde Jesu erhält und bewahrt – auch angesichts der Tatsache, dass solch ein höchst ungleiches Geschick wie das von Petrus und Jakobus unmittelbar nebeneinander stehen.
Jakobus muss sterben, Petrus wird bewahrt – bis auch er später dann den Tod eines Märtyrers, eines (Blut)Zeugen für seinen Herrn in Rom erleidet. Auf eigenen Wunsch wird er mit dem Kopf nach unten gekreuzigt, weil er sich nicht für würdig hält, auf dieselbe aufrechte Weise wie sein Herr zu sterben.
Ein ganz anderes Ende nimmt jedoch Herodes Agrippa. Die Apostelgeschichte erzählt anschließend, dass er sich selber gerne in Amt und Würden reden hört. Und die Leute seine Stimme sogar für die Stimme Gottes halten, denn er hält sich für einen Gott. Und siehe da: Auch zu ihm kommt der „Engel des Herrn“ - allerdings um ihn seines Hochmuts wegen zu „schlagen“, so dass er „von Würmern zerfressen den Geist aufgibt“. Herodes Agrippa erfährt und erleidet damit am eigenen Leib seine eigene Unersättlichkeit. Er hätte gerne die christliche Gemeinde aufgefressen, - und wird schließlich von Würmern zu Tode zerfressen. Die christliche Gemeinde hingegen bleibt am Leben. Denn ein anderer erhält sie - was sie auch immer wieder freimütig bekennt. Aber glauben kann sie’s bis heute immer noch kaum. Amen.



Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis zu Apg 3,1-10 (IV)

Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, daß er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, daß er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

    Natürlich sorgt das für Verwunderung, wenn ein von Geburt an Gelähmter plötzlich umherspringt und dann - auch noch lautstark Gott lobt. „Das kann doch nicht sein! Den hab ich doch vorhin noch draußen sitzen sehen; wie sonst auch…“ Wenn Menschen oder Dinge nicht mehr am gewohnten Ort sind – das irritiert. Aber noch mehr irritiert, wenn plötzlich Unerwartetes geschieht und uns aus der gewohnten Bahn wirft. „Das glaub‘ ich nicht…“, ist dann immer unsere erste natürliche Reaktion. Doch Heilungswunder geschehen auch heute noch. „Zusammenwirken glücklicher Zufälle“, sagen wir dann - worunter wir unsere Unwissenheit verbergen. Öfters geschieht jedoch das Gegenteil: „Verkettung unglücklicher Umstände“ nennen wir das - worunter wir unser Ausgeliefertsein verbergen.
    Vielleicht ist es solch eine Verkettung unglücklicher Umstände, die jenen Menschen von Geburt an gelähmt sein lassen. Irgendwas muss da passiert sein. Aber was? - Doch Erklärungen machen ihn nicht wieder gesund. Und ihn zu bedauern hilft ihm nicht! Der Gelähmte hat sich mit seinem Schicksal notgedrungen und klugerweise abgefunden. Denn man kann nicht ein Leben lang gegen sein Schicksal rebellieren – oder mit Gott hadern.
    Auch andere haben sich damit abgefunden, dass er seinen angestammten Platz, seinen Stammplatz vor jener Türe des Tempels hat, welche man die Schöne nennt – auch wenn manche dies gar nicht schön finden, sondern lästig oder ärgerlich empfinden. Anderen wiederum ist dieser Gelähmte eine willkommen Gelegenheit, etwas Gutes zu tun – bevor sie im Tempel um Gottes Güte für ihr Leben bitten. Und gehört nicht das Elend der Welt und der Tempel Gottes doch irgendwie zusammen? Denn wenn es im Tempel um das Erbarmen Gottes geht, warum dann nicht vor dem Tempel um das Erbarmen der Menschen!?
    Wie an jedem Tag hat man den Gelähmten auch heute dorthin gesetzt, wo man ihn gut sehen kann – wenn man ihn denn sehen will. Petrus und Johannes jedenfalls sehen diesen Mann, der geduldig seine Hand ausstreckt und leise um Almosen bittet. Er hat gelernt mit allem zufrieden zu sein. Ansprüche stellen kann und will er nicht.
Und wie halten es nun Petrus und Johannes? Sie geben ihm nichts; gehen aber auch nicht einfach vorüber, sondern bleiben stehen - und halten dadurch schon mal dem Elend stand und schenken damit zunächst einmal das Wertvollste und Kostbarste, was ein Mensch für einen Menschen überhaupt haben kann: Zeit und Zuwendung. Doch darauf scheint der Gelähmte nicht - mehr - eingestellt. „Sieh uns an!“, müssen Johannes und Petrus zu ihm sagen. Könnte ja sein, dass er jetzt ganz besonders spendable Sponsoren vor sich hat, die mit ihrem Geld auch selbst gerne gesehen werden möchten. Wer viel spendet, will ja meist nicht unerkannt bleiben.
Aber kaum ist der hoffnungsvolle Blickkontakt hergestellt, da kommt auch schon die herbe Enttäuschung: „Gold und Silber habe ich nicht...“ Doch dann ist von etwas die Rede, das ebenso aus dem Rahmen des Gewohnten und Vertrauten fällt. Da ist von einer anderen Gabe die Rede – und von einem Namen – und von der Aufforderung, sich jetzt auf diesen Namen einzulassen: „Was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“, ist aus dem Munde von Johannes zu hören.
    Das soll wohl ein Scherz sein! Wie kann jemand Hand oder Hut so leer lassen, dafür aber den Mund so voll nehmen?! Wissen die denn nicht, dass ich schon über 40 Jahre, die ganze Zeit meines Lebens noch nie auf eigenen Beinen gestanden habe? Und ob ich das überhaupt noch jemals will: „auf eigene Beine stehen….“ Hab mich nämlich schon längst an mein Dasein als Sozialhilfeempfänger gewöhnt. Werft also endlich was ein... - hätte ich wahrscheinlich gedacht.
    Und wäre ich Petrus oder Johannes, dann käme mir wohl kaum über die Lippen: „Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ In Vollmacht so zu reden – traue ich mir das überhaupt zu bzw. traue ich dem Namen Jesu wirklich soviel Kraft, soviel Heilkraft zu? Habe ich so viel Vertrauen zu dem Heiland der Welt, dass ER diesen Menschen heilen kann? - Wie gerne würde ich am Bett eines Schwerkranken sagen: „Im Namen Jesu Christi von Nazareth: steh auf und geh umher“. Wie gerne! Aber da ist die heimliche Angst, mich zu blamieren und Jesus lächerlich zu machen, wenn dann eben doch nichts funktioniert und passiert und alles beim Alten bleibt.
    Aber es gibt sie: Menschen, welche die Vollmacht haben, im Namen Jesu Kranke zu heilen. Doch sie wirken meist im Verborgenen; wie Jesus – und nicht demonstrativ in der Öffentlichkeit. Jedenfalls hat Jesus seine Jünger ausgesandt mit dem Auftrag: „Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.“ Und doch ist wahrscheinlich nur wenigen Christen solche Vollmacht gegeben – und zu diesen Wenigen gehöre ich nicht. Bei Petrus und Johannes ist es anders. Sie haben die Vollmacht zu einem heilenden Machtwort – zumindest gegenüber diesem Menschen. Bei manch anderen sind sie vielleicht vorübergegangen oder haben sich ihnen entzogen – wie es Jesus bisweilen auch tat.
    Dieser eine aber scheint seinen Ohren nun doch nicht so richtig zu trauen. Soll ich es wirklich wagen, mich auf den Namen Jesu einzulassen und aufzustehen? Vielleicht auch deshalb streckt ihm Petrus die Hand entgegen. Ohne diese „Handreichung“ des Petrus – und ohne das vertrauensvolle Ergreifen dieser Hand seitens des Gelähmten wäre das Wunder wohl kaum geschehen. Da ist also nicht nur ein „Machtwort“ im Namen Jesu, und nicht nur eine sehr menschliche Handreichung durch Petrus. Da ist auch noch das Ergreifen dieser Hand als Zeichen des Vertrauens. Und also wagt es der Gelähmte mit Hilfe von Petrus sich auf die eigenen Füße zu stellen – und diese tragen ihn tatsächlich; er kann stehen und gehen.
Jetzt noch schnell Petrus und Johannes danken und dann nichts wie weg von hier und heim zu Verwandten und Bekannten, um ihnen zu berichten – und dann das neue Leben in vollen Zügen genießen. Nachholen, was ich bisher alles 40 Jahre lang versäumt und verpasst habe! Weg vom Tempel – und rein ins Vergnügen.
Wie verständlich sind solche Gedanken! Doch die ersten Schritte des vormals Gelähmten führen ihn an der Seite von Petrus und Johannes in den Tempel, in das Haus Gottes. Er kennt nämlich die erste Adresse des Dankes. Nicht Petrus, nicht Johannes werden von ihm gelobt und ihrer Heilkunst wegen bewundert und gepriesen. Er lobt und preist Gott. Vielleicht kann er das zum ersten mal in seinem Leben: Umherspringen und Gott loben. Denn nicht nur seine Füße, sondern auch sein Herz und seine Zunge waren vormals für das Lob Gottes gelähmt. Denn was sollte er zu loben und zu danken haben – und nicht eher zu klagen im Vergleich mit den andern?!
    Wenn darum solch ein Mensch in einem Gotteshaus zu finden ist, dann ist an diesem Menschen nicht nur ein leibliches, sondern auch ein geistliches Wunder geschehen; also nicht etwas Unerklärliches, sondern etwas Unerwartetes: Dass Leib und Seele dieses Menschen jemals geheilt werden; er Gott danken und sich seines Lebens freuen kann.
    So auch bei dem einen von zehn Aussätzigen, der zu Jesus wieder zurückkehrt und ihm dankt. An ihm ist ein Wunder geschehen. Bei den andern neun funktioniert zwar alles wieder und sie sind wieder in die Gesellschaft integriert. Mehr aber auch nicht. Dass jener ehemals Gelähmte im Tempel singt und springt, Gott von Herzen lobt und dankt, zeugt von dem Wunder eines in der Tiefe erneuerten Lebens.
…und damit könnte nun alles gut sein und die Welt ein wenig mehr in Ordnung (3,21). Aber die Heilung des Gelähmten samt seinem Singen und Springen hat eine seltsame Nebenwirkung. Denn statt sich einfach mit dem wunderbar Geheilten zu freuen, streiten die führenden Köpfe schließlich mit Petrus und Johannes über deren Berechtigung, so etwas im Namen Jesu tun zu dürfen (4,7) und verbieten ihnen fürderhin Jesus zu verkündigen (4,18).
    Es ist darum ein weiteres Wunder, wird das Herz für das Heil Gottes geöffnet und können Menschen freudig und fröhlich mit anderen einstimmen in den Lobpreis Gottes.
    Aber solch ein Wunder scheint mir noch größer, als die rein leibliche Heilung eines Gelähmten. Amen.

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Predigt am 10. Sonntag n. Tr. zu Jes. 62,1-12 (IV)

Um Zions willen will ich nicht schweigen, und um Jerusalems willen will ich nicht innehalten, bis seine Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz und sein Heil brenne wie eine Fackel, daß die Heiden sehen deine Gerechtigkeit und alle Könige deine Herrlichkeit. Und du sollst mit einem neuen Namen genannt werden, welchen des HERRN Mund nennen wird. Und du wirst sein eine schöne Krone in der Hand des HERRN und ein königlicher Reif in der Hand deines Gottes. Man soll dich nicht mehr nennen »Verlassene« und dein Land nicht mehr »Einsame«, sondern du sollst heißen »Meine Lust« und dein Land »Liebes Weib«; denn der HERR hat Lust an dir, und dein Land hat einen lieben Mann. Denn wie ein junger Mann eine Jungfrau freit, so wird dich dein Erbauer freien, und wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so wird sich dein Gott über dich freuen. O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, laßt ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden! Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, sondern die es einsammeln, sollen's auch essen und den HERRN rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums. Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! Siehe, der HERR läßt es hören bis an die Enden der Erde: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

   Jerusalem, Lobpreis Gottes auf Erden – trotz einer Klagemauer mitten in der Stadt? Jerusalem, aufgerichtetes Zeichen des Heils und der Heilung für die Völker – trotz einem nahezu unlösbaren Konflikt zwischen dem jüdischen und palästinensischen Volk?

   In keiner Stadt auf dieser Erde sind die Spannungen zwischen den Völkern und Religionen so spürbar. Keine Stadt auf dieser Erde ist so bedeutungsgeladen wie Jerusalem. Kein Land und kein Volk auf dieser Erde hat solch ein Schicksal wie Israel. Und keine Region dieser Erde hat solch eine turbulente Geschichte wie der vordere Orient.
So wird im Jahre 586 v.Chr. Jerusalem von den Babyloniern eingenommen, Häuser und Tempel werden zerstört, die Stadtmauer wird geschleift. Die ehemals prächtige Stadt gleicht anschließend einem unbewohnbaren Trümmerhaufen. „Wie liegt die Stadt so verlassen, die voll Volks war! Sie ist wie eine Witwe, die Fürstin unter den Völkern… Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über die Backen laufen. Es ist niemand unter allen ihren Liebhabern, der sie tröstet. Alle ihre Freunde sind ihr untreu und ihre Feinde geworden“, - so beginnen die Klagelieder Jeremias (1,1ff).

   Ca. 50 Jahre später beginnt unter dem Priester Esra und dem Statthalter Nehemia der Wiederaufbau der Stadt mit Rückkehrern aus dem Exil – jedoch mit allerhand Schwierigkeiten, Unterbrechungen, Intrigen. Und zugleich ist aus dem Mund eines Propheten jene große Verheißung für diese Stadt zu hören. Und dann wurde auf den Trümmern des alten ein neues Jerusalem gebaut – aber dann auch wieder 70 n.Chr. durch die Römer zerstört. Als Jesus dies 40 Jahre zuvor kommen sieht, weint er über diese Stadt und klagt: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt! Siehe, »euer Haus soll euch wüst gelassen werden«.“ (Mt 23,37) Nachdem dies eintrifft, versinkt die Stadt nahezu in der Bedeutungslosigkeit – bis im Zuge der muslimischen Eroberung im 7. Jhdt. auf dem ehemaligen jüdischen Tempelplatz der muslimische „Felsendom“ und die Al Aqsa Moschee errichtet werden, welche bis heute noch stehen. Im 11./12. Jhdt. wird die Stadt von den Kreuzfahrern zurückerobert und das „Königreich Jerusalem“ errichtet – und bald darauf wieder verloren. Im 16. Jhdt. wechselt die arabische zur osmanischen Herrschaft, welche bis 1917 dauert. Sultan Süleyman I lässt zu Beginn jene Stadtmauern und 8 Tore errichten, die heute noch zu sehen sind. Zu sehen ist auch das „Goldene Tor“ – welches direkt auf den Tempelberg führt. Nach christlicher Überlieferung zog Jesus durch dieses Tor ein – und wurde als Messias empfangen. Nach jüdischer Überlieferung wird der Messias am Ende aller Tage durch dieses Tor in die Stadt einziehen. Und nach muslimischer Überlieferung ist hier der Ort des Jüngsten Gerichts. Doch bald nach seiner Errichtung im 16. Jhdt. wird das „Goldene Tor“ zugemauert und versiegelt – und ist es bis heute.

   Mit dem Ende der osmanischen Herrschaft 1917 beginnt eine politisch turbulente Epoche, die bis heute anhält. Zwar wird Jerusalem schon bald nach der Staatsgründung 1948 zur Hauptstadt Israels erklärt und ist seit dem 6-Tage-Krieg von 1967 keine geteilte Stadt mehr und der Tempelplatz unter muslimischer Verwaltung ist allen Religionen zugänglich – aber genau das ist immer wieder Anlass für gefährliche Konflikte. „Yeruschalajim“ – „Stadt des Friedens“? – wie sie Juden nennen. Oder Al-Quds – „Die Heilige“? wie sie Muslime nennen.
Als im 6. Jhdt. v. Chr. Esra und Nehemia Jerusalem wieder aufbauen, wissen sie: „Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt ER es im Schlaf.“ (Ps 127) Und auf das, was Gott hier gibt und vom Menschen empfangen wird, kommt es entscheidend an. So auch: Nur wenn Gott seine Verheißung erfüllt, wird Jerusalem zum Lobpreis (Gottes) auf Erden wird, wird es zum Zeichen des Heils und der Heilung für die Völker. Und damit Gott seine Verheißung erfüllt, hat ER selber Menschen bestellt, die ihn unablässig daran erinnern sollen, dass gerade für diese Stadt das Wesentliche noch aussteht, was ER doch endlich wahrmachen soll.

   Das schließt politische Klugheit und menschliches Augenmaß gerade nicht aus, schließt aber ein, dass dies nicht alles ist. Da muss etwas „von oben“ kommen, „vom Himmel“, „extra nos“, damit auf Erden etwas wieder heil wird – damit Jerusalem und mit ihm Land und Leute geheilt werden. Und diese Heilung wächst nicht auf Erden, ist nicht das Ergebnis einer optimalen Entwicklung. Diese Heilung ist ein Geschenk des Himmels. Ist im wahrsten Sinne des Wortes „Zufall“.

   Als diesen „Zufall“ sieht der Seher Johannes „einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen…“. Und er sieht „die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann… und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offbg 21,1ff) Und im neuen Jerusalem sieht Johannes „…keinen Tempel; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm. …“ Und er sieht „einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes; mitten auf dem Platz und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens, … und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker.“ (Offbg 22,21ff) Damit nimmt der Seher Johannes auf, was Gott schon durch jenen Propheten Jesaja sagt: „Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. (Jes 65,17ff,). Und schreibt auch Petrus: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ (2 Petr 3,13) Und wenn Paulus schreibt: “Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.” (2 Kor 5,17), dann ist für ihn das Kommende schon verborgen gegenwärtig. Und Christus selbst sagt zu Nikodemus: „Es sei denn, dass jemand von neuem, (wtl.) von oben geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Joh 3,3)

   Wenn ich das alles recht verstehe, dann wird das Alte nicht durch etwas Neues ersetzt, das Neue tritt nicht quantitativ an die Stelle des Altem, sondern das Alte bekommt eine neue Qualität, indem es vom Himmel herab durchdrungen wird – und wird dadurch neu. Und diesem neuen „Zustand“ entspricht für Jerusalem auch ein „neuer Name“: „Man soll dich nicht mehr nennen »Verlassene« und dein Land nicht mehr »Einsame«, sondern du sollst heißen »Meine Lust« und dein Land »Liebes Weib«; denn der HERR hat Lust an dir, und dein Land hat einen lieben Mann. … Man wird Zion nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich, Jerusalem, wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«“, sagt Gott durch den Propheten Jesaja.

   Und das alles, weil von Gott her auf Erden etwas geschieht – wie auch bei der Taufe Jesu; da „tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.“ (Mt 3,16), Oder dann an Pfingsten mit einem Brausen und Feuerzungen. Beim Kommen Gottes, beim „Advent“ Gottes wird Irdisches geheiligt – und auch lebendig wie am Ende der Zeiten, wenn Gottes Geist, Gottes Kraft die Toten lebendig macht – und der neue Mensch einen neuen, einen „geistlichen Leib“ hat (1 Kor 15,44.46). Denn wenn sich der Himmel nicht auftut, sondern verschlossen bleibt, dann bleibt auf Erden alles beim Alten – beim alten Leid, Geschrei, Schmerz. Neu wird es, wenn es „von oben“ durchdrungen und verwandelt wird, eine neue Qualität bekommt, eine neue, geheilte, heile Kreatur wird.

   Vielleicht zählen zu den von Gott bestellten menschlichen Wächtern, die Tag und Nacht nimmer schweigen und die den Herrn daran erinnern, dass ER diese Verheißung des Heils und der Heilung und der Heiligung endlich wahrmacht -auch jene drei andere „Wächter“, die ganz verschieden und doch im Verbund nach Heilung verlangen: Die jüdische Klagemauer, die christliche Grabeskirche und der muslimische Felsendom. Drei ganz verschiedene Wahrzeichen, die alle an das eine erinnern, dass für Jerusalem, für Israel und für alle Völker und Religionen die endgültige Heilung noch kommen muss – von Gott, vom Himmel herab. Amen.


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Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis zu Jer. 1,4-19 (IV)

Und des HERRN Wort geschah zu mir: "Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, daß du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen." 
Und es geschah des HERRN Wort zu mir: "Jeremia, was siehst du?" Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig. Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich will wachen über meinem Wort, daß ich's tue. "
Und es geschah des HERRN Wort zum zweitenmal zu mir: "Was siehst du?" Ich sprach: Ich sehe einen siedenden Kessel überkochen von Norden her. Und der HERR sprach zu mir: Von Norden her wird das Unheil losbrechen über alle, die im Lande wohnen. Denn siehe, ich will rufen alle Völker der Königreiche des Nordens, spricht der HERR, daß sie kommen sollen und ihre Throne setzen vor die Tore Jerusalems und rings um die Mauern her und vor alle Städte Judas. Und ich will mein Gericht über sie ergehen lassen um all ihrer Bosheit willen, daß sie mich verlassen und andern Göttern opfern und ihrer Hände Werk anbeten. So gürte nun deine Lenden und mache dich auf und predige ihnen alles, was ich dir gebiete. Erschrick nicht vor ihnen, auf daß ich dich nicht erschrecke vor ihnen! Denn ich will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule, zur ehernen Mauer machen im ganzen Lande wider die Könige Judas, wider seine Großen, wider seine Priester, wider das Volk des Landes, daß, wenn sie auch wider dich streiten, sie dir dennoch nichts anhaben können; denn ich bin bei dir, spricht der HERR, daß ich dich errette.

   Wenn das nur mal gut geht! – mit dieser Berufung zum Propheten; und auch noch ohne eine Ausbildung zum Prediger! Jeremia spürt wohl diese Unzulänglichkeit mit seinen vielleicht 20 Jahren, seine fehlende Erfahrung, seine mangelnde Reife – und sagt wohl deshalb: „Ach Herr, ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung.“ Ich bin keine gestandene Persönlichkeit, die etwas vorzuweisen hat, um deinem Anspruch zu genügen. –
   Doch Jeremia weiß genau: Letztlich geht es nicht um Alter, nicht um Grammatik und Rhetorik. Es geht um die Frage, wie ein Mensch vor Menschen überhaupt Stimme Gottes sein kann: Welche natürlichen Begabungen, welche moralischen Qualitäten, welche spirituellen Voraussetzungen er hierfür mitbringen muss, damit Gott ihn überhaupt zu seinem Sprachrohr machen kann. – Welche also?
   Keine! - ER schafft sich, was und wen ER braucht. Und das beginnt bei Jeremia schon vor dessen Geburt: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker“, bekommt Jeremia zu hören; egal, ob er sich berufen fühlt, wie manche meinen - oder irgendein Sendungsbewusstsein hat, wie viele, die überall mitreden - und doch nichts zu sagen haben; die überall mit dabei sind – und doch nicht gesandt sind (23,21). Jeremia wird es gerade von ihnen schwer gemacht und er wird durch sie in große Schwierigkeiten gebracht.
   In Jeremias Berufung zeigt sich: Gottes souveräne Erwählung hängt nicht ab von eines Menschen Eignung. So erwählt sich Gott ein Volk ägyptischer Sklaven zu seinem Volk (5 Mose 7,7f). So ruft Jesus höchst einfache Menschen in seine Nachfolge. Und so spitzt es Paulus zu und bringt es auf den Punkt: „Das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme.“ (1 Kor 1,28f) Menschliche Perfektion ist keine Voraussetzung für Gottes Erwählung; im Gegenteil: An menschlichen Defiziten erweist er seine Güte und Herrlichkeit. Und so bekommt der Perfektionist Paulus zu hören: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2 Kor 12,9)
   Wenn schon Gottes Erwählung keine menschlichen Voraussetzungen hat, so hat sie doch menschliche Folgen. Denn es gilt, seinen Ruf zu hören und ihm zu folgen – was nicht unbedingt auf offene Ohren und Herzen trifft. Und wie schon bei Mose (2 Mose 4,10), wird auch Jeremias Einspruch strikt zurückgewiesen: „Sage nicht: Ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir und will dich erretten.“, bekommt Jeremia zu hören – und bekommt damit zu verstehen: Dein Einspruch hat nichts mit deiner menschlichen Unfähigkeit zu tun, sondern mit deiner menschlichen Angst. Denn du ahnst sehr wohl: Zu gehen, wohin immer ich dich sende und zu predigen, was immer ich dir gebiete – das wird dich Anfeindung und Anfechtung aussetzen. Es ist darum sehr menschlich, dass du dich lieber verstecken und mein Wort lieber verschweigen willst. Wie könnte es auch anders sein – von dir aus. Aber ich bin bei dir, ich bin mit dir. Meine Verheißung ist deine Hoffnung.
   Und um weitere Einwände erst gar nicht aufkommen zu lassen, streckt Gott seine Hand aus und rührt Jeremias Mund an und sagt zu ihm: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“ Und damit gehen Gottes Wort und eines Menschen Worte ineinander über. Göttliches erscheint in menschlicher Gestalt, Gottes Geist in prophetischer Leiblichkeit.
   600 Jahre nach Jeremia spitzt sich das alles zu – und Johannes fasst es in seinem Evangelium gleich zu Beginn in die unauslotbaren Worte: „Und das Wort ward Fleisch.“ – Jesus, das leibhaftige Wort Gottes. Ihm muss Gottes Wort nicht erst in den Mund gelegt werden – wie Jeremia; zu Jesus muss das Wort Gottes nicht erst „geschehen“ – wie zu Jeremia. Jesus ist das leibhaftige und lebendige Wort Gottes – das gegenüber den Menschen geschieht; wie es auch gegenüber Jeremia geschieht - der es dann weiterzusagen hat.
   Wie das Wort Gottes zu Jeremia – und auch zu Ezechiel! – immer wieder „geschieht“, in welcher Weise es empfangen wird, das lässt sich nicht fassen und festlegen, denn es ist ein dynamisches Geschehen. Es ist jedenfalls unausweichliche Ansprache, drängt sich Jeremia geradezu auf (20,7), so dass er es auch unausweichlich weitersagen muss – auch wenn ihm das gar nicht behagt, weil es mit persönlichen Unannehmlichkeiten verbunden ist und er deshalb am liebsten alles verschweigen möchte – und doch nicht kann, wie er einmal schreibt: „Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.“ (20,9). Ob Jeremia redet, ist also nicht in sein Belieben gestellt – er muss es tun. Ähnlich Paulus: „Dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!“ (1 Kor 9,16)
   Dass Jeremia sein prophetisches Amt nicht unbedingt Spaß macht und er darauf keine große Lust hat, ergibt sich erst recht daraus, wozu er von Gott eingesetzt wird: „Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du - ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“ (1,10) – also wirklich Niedergang und Neuanfang – und keine farbige Tünche auf rissige Fassaden? Vor solch einem Auftrag muss man einfach zurückschrecken!
Was Jeremia hört, das sieht er auch noch im Bild: Er sieht bei klarem Bewusstsein – nicht im Traum, nicht in Trance - einen erwachenden Mandelzweig – wie im Frühling. Was für ein schönes Bild – doch seine Bedeutung geht in eine ganz andere Richtung: „Ich will wachen über meinem Wort, dass ich‘s tue“, sagt Gott – auch wenn der König Jojakim später das auf Pergament niedergeschriebene Wort in den Flammen des Feuers meint auflösen zu können. Und dann sieht Jeremia noch ein Bild: Ein überkochender Kessel irgendwo von Norden her – Zeichen dafür, dass von Norden her siedend heißes Unheil kommt über das Land.
   Statt die Menschen angesichts dieses drohenden Unheils des Beistandes Gottes zu versichern, muss Jeremia Gottes Gericht ankündigen– und zwar „…um all ihrer Bosheit willen, dass sie mich verlassen und anderen Göttern opfern und ihrer Hände Werk anbeten.“ So sehr dies zuerst nach einer tiefen Kränkung Gottes klingt – es geht um eine heillose Verirrung des Menschen. Fixiert auf sich selbst ist er verschlossen in sich selber. Was er als sein Werk voller Stolz produziert und präsentiert, wirkt auf ihn zurück und gewinnt immer mehr eine ihn beherrschende Eigendynamik. Um diese zu zähmen und zu besänftigen, um Unheil abzuwehren, müssen zunehmend Opfer gebracht werden. Aber dadurch wird die Fixierung des Menschen auf sich selbst, seine Verschlossenheit in sich selber, noch mehr verstärkt. Er gerät immer tiefer hinein in einen verhängnisvollen Kreislauf, in welchem er Täter und Opfer zugleich ist. Was er tut, fällt auf ihn selbst wieder zurück – und macht ihn noch mehr zum - Autisten: Unentrinnbar in sich selber versponnen und vernetzt. Ausweglos einsam auf sich selbst geworfen.
Wofür Jeremia die Augen und Ohren geöffnet werden, genau das sieht und hört man unter den „beamteten“ Berufs-Propheten und Berufs-Predigern am Tempel von Jerusalem ganz anderes (28,1ff). Ihr Psycho-Blick ist darauf bedacht, alles positiv zu sehen. Und wie das Glas für sie nie halb leer, sondern immer halbvoll ist, so sehen sie auch in jeder drohenden Gefahr immer nur eine gute Chance – und diese Chance predigen sie den Menschen – höchst seelsorgerlich; als Evangelium, als frohe Botschaft: Anstatt sie vor einer drohenden Gefährdung zu warnen. – Aber wer mag diesen Auftrag schon auf sich nehmen?
   Denn es stellt sich die Frage: Wer wagt es denn zu sagen, dass wir Menschen den Niedergang verursachen – und Gott alleine einen Neuanfang setzt? – und also Kreuz und Auferstehung Jesu als Evangelium zu verkündigen! Wer wagt es, ein Hörender und Sehender zu werden – und nicht einer, der immer nur redet, weil er als Wissender angeblich immer schon alles weiß. Wer wagt es, sich senden zu lassen – und deshalb Anfeindung und Anfechtung auf sich zu nehmen? Wer wagt es, die Sorge um sich selbst abzulegen und sich ganze der Fürsorge Gottes anzuvertrauen. Wer wagt es, aus Vertrauen in Hoffnung zu leben? - dessen gewiss: Gottes Ziel ist nicht das zerstörte, sondern das geheilte Leben. Denn er will uns nicht zugrunderichten, sondern wird aufrichten, was wir zugrunderichten.
   Doch manchmal beginnt er damit - entsetzlich tief unten. Amen.

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Predigt am 7. Sonntag n. Trinitatis zu Phil 2,1-4 (IV)

Paulus schreibt: "Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine Freude dadurch vollkommen, daß ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut, achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient."

„…macht meine Freude vollkommen…“ bittet Paulus die Gemeinde in Philippi. Dann geht es ihm also darum, dass die andern etwas tun, damit er sich darüber freuen kann? Und also geht es Paulus um sich, um sein gutes Gefühl, wenn er an die Gemeinde in Philippi denkt? Geht es ihm darum?

Ja, auch! Denn er macht auch für sich geltend, was er dann schreibt: „…und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ Und was dient in diesem Falle Paulus zur Freude? Dass die christliche Gemeinde in Philippi „eines Sinnes ist, gleiche Liebe hat, einmütig und einträchtig ist.“

Umgekehrt lässt Paulus einmal die nicht ganz einfache Gemeinde in Korinth einmal wissen: “Nicht dass wir Herren wären über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude.“ (2 Kor 1,24) Auch Paulus tut, was er von andern erbittet.

Schauen wir in eine frühere Ausgabe der Lutherübersetzung, dann schreibt Paulus an die Philipper nicht: „…ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ Es gibt nämlich tatsächlich ein paar neutestamentliche. Handschriften, in denen das Wörtchen „auch“ fehlt und es also heißt: „…ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern … auf das, was dem andern dient.“. Und das hat man dann oftmals so verstanden: „…ein jeder sehe überhaupt nicht auf das Seine, sondern nur auf das, was dem andern dient“. Ein jeder sehe also gar nicht auf sich selbst, sondern sehe ganz von sich ab.

Dieser christliche Altruismus erschien vielen als das nötige Gegengewicht zu einem weltlichen Egoismus, welcher sagt: „…ein jeder sehe nur auf das, was ihm selber dient.“ Aber auch Christen sind Menschen und schwanken immer zwischen menschlichen Extremen hin und her. Vielleicht lautet deshalb auch bei Jesus das Gebot der Nächstenliebe ganz bewusst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie (auch) dich selbst. Darauf hat die (humanistische) Psychologie (bes. Erich Fromm) zurecht aufmerksam gemacht – und zwar gerade gegenüber einer christlichen Haltung, welche die völlige Aufopferung für andere verlangt – um es so Jesus vermeintlich gleichzutun.

Aber wir sind nicht Jesus – und auch nicht Gott. Nur Gott ist unerschöpflich. Unser Leben ist begrenzt. Nicht nur zeitlich, sondern auch mit unseren Kräften, die wir für andere einsetzen. Und außerdem ist es doch so: Wenn ich mich selber für den andern oder gar vom andern völlig aufzehren lasse, dann kann ich schließlich nicht mehr für ihn da sein, sondern bin erschöpft. In der pflegerischen Zuwendung zu einem Menschen merkt man dies in unserer Zeit besonders. Wer andere pflegt, der bedarf selber der Pflege, um für jemand Pflegebedürftiges da sein zu können. Ansonsten schlägt jegliche Hingabe ganz leicht in heimlichen Groll um.

Doch der Egoismus ist etwas völlig natürliches, weil eben jeder wirklich sich selbst der Nächste ist. Wir hängen diesem Wort allerdings nur ein beschönigendes Mäntelchen um, wenn wir eine solche Haltung und Gesinnung als „Individualismus“ bezeichnen. Und dem zeitgenössischen individuellen Egoismus entspricht durchaus der gegenwärtige staatliche Nationalismus, auch wenn dieser „nur“ im Gewande eines „zuerst“ erscheint. „America first…“ ist dafür nur ein markantes Beispiel. „Ein jeder sehe zuerst auf das Seine…“ Bestenfalls ist damit ein Rangfolge gemeint – die sich zuerst mal um sich selber kümmert, und wenn dann noch irgendetwas übrigbleibt, sich dem andern durchaus zuwendet. Wenn dann…

Aber solch ein Individual- oder Gruppen- oder Nationalegoismus entspricht eben nicht nur dem Geist unserer Zeit, sondern auch zutiefst der Natur des Menschen. Denn er gründet in der Angst. Und jede Angst ist immer darauf bedacht, sich zu schützen, sich abzusichern – egal ob materiell oder militärisch. Und darum stets darauf bedacht, die eigenen Interessen und Ziele zu wahren und sie gegenüber dem andern durchzusetzen.

Doch diese natürliche Haltung und Einstellung weckt nicht nur fruchtbaren Wettbewerb, sondern treibt auch auseinander. Denn der andere könnte mir etwas nehmen oder ich könnte zu kurz kommen. Diese natürliche Haltung geht deshalb auf Abstand und sichert sich ab, sei es individuell oder national. sei es durch Zäune oder Zölle. - Und das alles auch in der christlichen Kirche und unter den Kirchen? Auch unter den christlichen Gemeinden und in einer Gemeinde? –

Ja, auch hier gibt es ein natürliches Abgrenzen und Auseinandertriften. Auch hier gibt es zentrifugale, auseinandertreibende Kräfte. Die konfessions-verbindende Ökumene wie auch eine einzelne Gemeinde „gibt“ es tatsächlich nur im stetigen Bemühen, die vorhandenen zentrifugalen Kräfte der Angst durch Vertrauen zu überwinden. Und das einzige Gegenmittel zur tiefsitzenden Angst ist eben das riskante Vertrauen. Denn Vertrauen heißt immer: sich anvertrauen – sich einem andern anvertrauen. Und das ist immer ein Wagnis – und kann durchaus bitter enttäuscht oder gar missbraucht werden. Verständlich, dass jemand immer auf Nummer sicher gehen und immer auf der sicheren Seite sein will. Auch in der Kirche?

Denn für die Überwindung der Angst durch Vertrauen und Hingabe ist doch die Kirche zum lebendigen Zeichen gesetzt in der Welt – und ist damit tatsächlich ein Gegenmodell zum täglich erfahrbaren Misstrauen unter den Menschen, das im verborgenen Egoismus seinen unsichtbaren Grund hat. Im Gegensatz zu einem aufofpernden Altruismus oder einem misstrauischen Egoismus wahrt Paulus Maß und Mitte – und zwar in einem Miteinander, das in einem gegenseitigen Geben und Nehmen aus gegenseitigem Vertrauen besteht. Und was man sich gegenseitig geben und voneinander annehmen kann, sind in einer christlichen Gemeinde, in der Kirche nicht zuerst materielle Dinge, sondern etwas ganz anderes. Und so schreibt Paulus: „Ist nun bei euch Ermahnung/“Beistand“ in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, ist das da, ist das unter euch vorhanden, so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid.“

Die Freude des Paulus besteht also darin, dass die Gemeinde in Philippi miteinander lebt, was untereinander da ist – wenn es denn da ist! – und es im Umgang miteinander auch sichtbar wird. Nie bestand eine christliche Gemeinde aus gepriesenen Individualisten oder gar bewunderten Egoisten, die ihr Ding gedreht und sich erfolgreich durchgesetzt haben – meist auf Kosten anderer. Denn Gemeinde und Kirche gibt es nur in einem einmütigen und einträchtigen Miteinander – gerade angesichts dessen, dass ein gemeindliches, kirchliches, ökumenisches Miteinander eben immer zentrifugalen Kräften ausgesetzt ist, die dem einzelnen vielleicht zugutekommen, aber die Gemeinschaft auseinanderbringen und zerstören.

Um dem zu wehren, schreibt Paulus: „Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut, achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ Eine christliche Gemeinschaft oder Gemeinde besteht also im Dienst aneinander – mit welchen Gaben auch immer –, weshalb auch Petrus schreibt: „Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes.“

Wieder ist solch ein gegenseitiger Dienst das Gegenmodell zur alltäglich erfahrbaren Herrschaft von Menschen über Menschen, die doch im Wesentlichen darin besteht, den andern für mich nützlich zu machen und ihn für meine Zwecke einzuspannen, damit ich überlebe – den anderen überlebe; egal ob als Einzelner oder als Gruppe oder als Nation.

Die christliche Kirche, eine christliche Gemeinde - wenn denn Ermahnung/“Beistand“ in Christus, Trost der Liebe, Gemeinschaft des Geistes, herzliche Liebe und Barmherzigkeit da ist -, ist mitten in der Welt Zeichen für ein anderes Miteinander. Und dieses Zeichen gründet nicht im menschlichen Willen zur Alternative, sondern in Gott selber: Unmittelbar danach folgt bei Paulus nämlich jenes lehrhafte Loblied auf Christus, der um unseretwillen sich erniedrigte und von Gott gegen alle menschliche Erwartung erhöht wurde – und dieser sog. „Philipperhymnus“ beginnt mit den einleitenden Worten: Seid so unter euch gesinnt, wie es eurer Gemeinschaft in und mit Christus entspricht.

Christus ist Maß und Mitte – nicht nur meines persönlichen Lebens, sondern auch im Umgang miteinander. Amen.

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Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis zu Apg. 8,26-39 (IV)

Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. Und er stand auf und ging hin.
    Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! Da lief Philippus hin und hörte, daß er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.
    Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser: »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.«Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.
    Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, daß ich mich taufen lasse? Und er ließ den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn.
    Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich. Philippus aber fand sich in Aschdod wieder und zog umher und predigte in allen Städten das Evangelium, bis er nach Cäsarea kam.

     „Er zog aber seine Straße fröhlich...!“ So wunderbar endet, was höchst wundersam beginnt. Denn man weiß zu Beginn überhaupt nicht, was das im überhaupt soll. Am allerwenigsten weiß das Philippus. Und doch fügt sich eins zum andern Stück für Stück und Schritt für Schritt – und wird schließlich ein sinnvolles Ganzes.

    Und alles beginnt damit, dass ein „Engel“, ein „Bote Gottes“, jemand, von Gott geschickt, Philippus auf die Straße von Jerusalem nach Gaza schickt – ohne dass Philippus weiß, was er gerade da soll, zumal doch diese Straße recht „öde“ ist und durch die Einöde führt. Doch Philippus befolgt den Auftrag und geht. Und dann? - will es der Zufall, dass auf dieser öden Straße gerade ein höchst besonderer Wallfahrer unterwegs ist: nämlich der Kämmerer, der Schatzmeister der Königin von Äthiopien – was Philippus allerdings nicht weiß. Er weiß nur: Zu diesem Wagen soll er sich halten - sagt ihm dieses Mal der Geist Gottes. Und wieder tut Philippus, was ihm geheißen wird – und hört eine Stimme laut lesen; und zwar eine recht schwierige Stelle aus dem Propheten Jesaja. Von diesem Propheten hat sich nämlich der Kämmerer eine kostbare Schriftrolle in Jerusalem erworben. Und was er da so liest, das veranlasst Philippus ihn zu fragen: „Verstehst du auch, was du da liest?“ –
   
    Natürlich könnte der Kämmerer jetzt sagen, er sei doch nicht dumm – schließlich habe er ja auch eigens für diese Wallfahrt nach Jerusalem die hebräische Sprache gelernt. Ja, den Buchstaben versteht er – aber versteht er auch den Sinn? „Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?“ Und statt sich zu entrüsten bittet er Philippus, sich zu ihm zu setzen – und liest ihm vielleicht nochmals die entsprechende Stelle vor: „Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen…“ und stellt Philippus dann die entscheidende Frage: „Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das?“ Wer hat solch ein höchst merkwürdiges Schicksal? Mit wem geschieht da etwas Furchtbares, wogegen der sich aber nicht wehrt? Wer wird da verurteilt, und dieses Urteil wird von irgendjemand wieder aufgehoben? Wer hat da viele Nachkommen auf Erden, aber er selbst ist nicht mehr unter ihnen, weil er von der Erde weggenommen ist? Ist das der Prophet selber – oder jemand anderes?

    Und Philippus erzählt dem Kämmerer die Geschichte Jesu. Denn in der Geschichte eines Menschen zeigt sich dessen Persönlichkeit und Einmaligkeit, die „Individualität“. Aber zu dieser Geschichte gehört auch alles, was dem Leben eines Menschen vorausgeht und auf ihn einwirkt – und was von ihm ausgeht und sich von ihm auswirkt. Das alles macht die Wirklichkeit eines Menschen aus. Und so gehört zur Wirklichkeit Jesu sowohl die Begegnung zwischen Philippus und dem Kämmerer, als auch jene Worte beim Propheten Jesaja, die von einem leidenden Gottesknecht künden, aber offen lassen, wer das ist. Die Frage, die sich der Kämmerer aus Äthiopien stellt, hat sich darum auch schon manch anderer vor ihm gestellt: „Von wem redet der Prophet das?“

    Seit Ostern ist für die Jünger klar, dass damit nur Jesus gemeint sein kann. Dessen Geschick und das Geschick jenes Gottesknechtes gehen fließend ineinander über. Und das macht Philippus dem Kämmerer klar – wie schon der Auferstandene selbst den beiden Jüngern von Emmaus anhand der Propheten klar macht, „dass der Christus leiden müsse und in seine Herrlichkeit eingehen.“ Und so hört auch der Kämmerer aus dem Munde des Philippus die Geschichte des einen, der von den Menschen bis in den Tod erniedrigt wird – und in dieser Erniedrigung doch nicht endet, weil ihn Gott wider alle Erwartung erhöht hat. Frohe Botschaft, Evangelium.
Philippus muss dem Kämmerer wohl auch etwas von der Taufe erzählt haben – als „Eingliederung“ in den „Leib Christi“. Und weil der Kämmerer zu Jesus gehören möchte und sie plötzlich rein zufällig auf dieser Straße durch die Einöde an irgendeinem Wasser vorbeikommen, will er getauft werden und sagt zu Philippus: „Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse?“ –

    Leider allerhand. Denn der Kämmerer aus Äthiopien ist kein Jude – und bisher wurden nur Juden getauft, die zum Glauben an Jesus als den Knecht Gottes gekommen sind. Tauft Philippus den Kämmerer, so überschreitet er damit eine Grenze und schaff einen Präzedenzfall – und Menschen aus anderen Völkern stünde Tür und Tor in die Christenheit offen! Kann Philippus das wagen? - Doch Philippus ist sich dessen gewiss, dass in allem, was hier so scheinbar zufällig geschieht, Gottes Geist am Werk ist – und Philippus will und darf dessen Wirken nicht hindern, weiß er sich doch in dessen Dienst gestellt – und tauft den Kämmerer.

    Doch kaum ist dieser getauft, ist Philippus verschwunden; entrückt, wtl. „entrissen“ vom Geist Gottes und woanders hin versetzt. Also kein Taufnachgespräch: Na wie ging es dir, lieber Kämmerer bei der Taufe. Wie hast du dich gefühlt? War alles recht so wie ich‘s gemacht habe? - Stattdessen ein fast gewaltsames Ende, so dass sich der Kämmerer zurecht darüber ärgern könnte, dass er auf diese willkommene und nette Reisebegleitung forthin verzichten muss. – Doch stattdessen zieht er seine Straßen fröhlich.

    Er hat gefunden, was er in Jerusalem wohl vergeblich gesucht hat. Denn dort ist er mit seiner dunklen Hautfarbe bestimmt als Nichtjude aufgefallen – weshalb ihm der Zugang zum Tempel in der heiligen Stadt Jerusalem wohl verwehrt wurde. Aber was ihm nicht verwehrt werden kann, ist seine Taufe mitten in der Einöde.

    Was für ein Gegensatz kommt hier unausgesprochen zur Sprache: Hinter sich der prachtvolle Tempel und vor sich eine unscheinbare Wasserstelle. Nicht am spirituellen Kraftort Jerusalem, sondern in der faden Einöde, in der Wüste, wo nichts zu erwarten ist, da wird der Hunger nach Gott gestillt. Da kommt der Geist Gottes von oben herab und durchdringt und durchwirkt das irdische Wasser und macht es zum Wasser des Lebens. In der Einöde, abseits von Getriebe und Lärm, oder in einer Klosterzelle (Luther) abseits der Welt, nicht im gesellschaftlichen Trubel, nicht auf kirchlichen Massenveranstaltungen beginnt die Erneuerung der Kirche. Wo scheinbar nichts ist, da tut Gott sein Werk – auch abseits unserer Werke. Und zu denen gehören auch prächtige Tempel, welche wir von der Erde in den Himmel wachsen lassen – als Kirche, Synagoge oder Moschee – ohne dass wir wissen, ob dem äußeren Glanz auch eine innere Fülle entspricht.

    Aber nicht nur dieser Gegensatz steht im Hintergrund dieser Geschichte. Da reiht sich auch ein Zufall an den andern - und ordnet sich nach und nach zu einem sinnvollen Ganzen. Und so unverständlich alles beginnt, so klar endet es – in der Freude: „Der Kämmerer aber zog seine Straße fröhlich.“ – Mögen wir auch mit diesem Happyend einverstanden sein - mit so vielen unerklärlichen Zufällen bis dahin tun wir uns wiederum schwer. Weil für uns immer nur eines aus dem andern kausal-logisch hervorgehen kann, verknüpfen wir alles miteinander – und stellen dadurch einen erklärbaren und geschlossenen Zusammenhang her. Das gibt uns Sicherheit - auch wenn wir in unseren Verknüpfungen und erst recht in unseren Schlussfolgerungen oftmals irren. Wir müssen wohl verknüpfen - Gott aber ordnet, was uns doch wie zufällig zusammengewürfelt erscheint. Aus dem unverständlichen Chaos schafft er den geordneten Kosmos – so schon am Anfange der Schöpfung. Im Kleinen wie im Großen ordnet er alles auf das vollendete Heil, auf die große Freude hin – wie in der Geschichte vom Kämmerer aus Äthiopien. Denn während wir immer rückwärtsgewandt nach der Ursache von etwas fragen und erst zufrieden sind, wenn wir uns alles erklären oder zurechtlegen können, fügt und führt ER alles scheinbar Zufällige auf das von ihm gesetzte, uns verborgene Ziel hin. Auch durch Tiefen und Täler, durch Nächte und Dunkelheiten – in die Höhe zum Licht – wie in der Geschichte dessen, der aus aller menschlichen Erniedrigung von Gott erhoben wurde.

    Doch so wenig wie Philippus sich mitten in allem zufälligen Geschehen einen Reim auf das Ganze machen kann, so wenig können auch wir mitten in allem Geschehen einen abschließenden Sinn erkennen. Aber so sehr wie Philippus sich in die Einöde senden lässt ohne zu erkennen, welchen Sinn das haben kann, so sehr sollen auch wir darauf vertrauen, dass Gott auch uns rein zufällig in seinen Dienst nimmt, um auch durch uns zu bewirkten, dass Menschen ihre Straßen fröhlich ziehen. Amen.

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Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis zu 1. Joh 1,5-2,6 (IV)

Johannes schreibt: "Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis.  Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit.  Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.  Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.  Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.  Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. 

Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist.  Und er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.  Und daran merken wir, daß wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht. Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, daß wir in ihm sind. Wer sagt, daß er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat." 

Was meint denn das: Leben wie ER gelebt hat? Meint das: Sich kleiden, sich ernähren, wohnen, wandern wie Jesus es tat? Wohl kaum! Außerdem gehört ER zu den ganz wenigen, die auf dieser Erde nichts hinterlassen haben - woraus manche dann historisch schließen, Jesus habe gar nicht gelebt.

Es stimmt: Wir haben „das Leben Jesu“ nur durch Menschen, in deren Leben er tiefe Spuren hinterlassen hat – und die mit diesen Spuren ihn bezeugen. Also zutiefst menschlich bezeugen, was sie von IHM gesehen und gehört und mit ihm erlebt haben – und das geben sie weiter. Und das tut auch Johannes und schreibt gleich zu Beginn seines Evangeliums: „…und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14) Und in seinem 1. Brief schreibt Johannes gleich zu Beginn: „Und das ist die Botschaft, die wir von IHM gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis.“ (1,5)

Was hier bezeugt wird, geht zwar nicht am Sehen der Augen und Hören der Ohren vorbei, ist kein Traum, keine Vision, aber geht doch weit über Augen und Ohren hinaus. Es ist ein „erweitertes“, „vertieftes“ Sehen und Hören, das hier bezeugt und weitergegeben wird.

Darum kann es Jesus niemals als ein rein historisches Faktum der Vergangenheit geben, das es irgendwann mal gegeben hat. Denn bei ihm kommt es darauf an, dass er bei den Menschen ankommt, indem sie seine „Herrlichkeit“ sehen – und also seine „Fülle an Gnade und Wahrheit“ erkennen. Diese seine „Ankunft“, dieser sein „Advent“, kann also nie darauf begrenzt sein, dass ich über Jesus informiert bin und Bescheid weiß. Jesu Ankunft, sein Advent ist ein lebendiges Geschehen und bezieht mich als einen lebendigen Menschen mit ein, ergreift, erfasst mich, ergreift und erfasst auch meine Sinne.

Dann ginge es also zumindest schon mal nicht darum, Jesus in irgendeiner Weise äußerlich nachzuahmen, sondern eher ihm nachzufolgen: seinen Weg hinter ihm her zu gehen – als meinen Lebensweg. Und dieser Weg schließt aus zu wandeln in der Finsternis, in der Lüge, im Hass (vgl. 2,9ff) – denn dieser Weg verträgt sich nicht mit einem Lebenswandel im Licht, in der Wahrheit, in der Liebe, wie vor allem Johannes ihn bezeugt.

Dass sich Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge, Liebe und Hass schroff gegenüberstehen, entspricht allerdings einer damaligen Weltanschauung, die sich auch in jener Gemeinde ausgebreitet hat. Und aus dieser alltäglichen Welt der Finsternis, der Lüge, des Hasses gilt es zu fliehen - in die spirituelle Welt des Lichts, der Wahrheit und der Liebe. Wem dieser Absprung von der einen in die andere Welt gelingt, der rettet seine Seele. Er lebt jetzt schon ganz in der sündlosen, reinen Welt des Lichts, erhaben über alle irdischen, unreinen Bedingungen.

Doch wenn ich mich durch diesen Absprung selber von dieser unreinen, sündigen Welt erlösen kann, dann muss auch Christus nicht für meine Sünde gestorben sein. Es reicht, dass er gekommen ist und mir den Weg zurück zu Gott gelehrt hat. Und wer sich dies bewusst macht und sich dessen bewusst ist, der befindet sich schon auf dem Weg der Erlösung.

Aber gerade Johannes, der diesen Gegensatz, diesen („gnostischen“) „Dualismus“ von Licht und Finsternis, von Wahrheit und Lüge, von Liebe und Hass übernimmt, hebt ihn doch an dem entscheidenden Punkt völlig aus den Angeln – wenn er in seinem Evangelium schreibt: „So sehr hat Gott diese (sündige) Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle die an ihn glauben, also sich ihm anvertrauen, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 3,16.36). Es ist die Liebe Gottes, die sich  aus dem Licht in die Finsternis begibt: „…und das Licht scheint in der Finsternis…“ (Joh 1,5); oder ganz leibhaftig: „…und das Wort ward Fleisch…“ (Joh 1,14)

Der Gott, den die Bibel bezeugt, lässt sich ein auf diese reale Welt; wird hier in einem schmutzigen Stall geboren, um hier an einem schmutzigen Kreuz zu sterben. Und das alles aus Liebe zur sündigen Welt, die dennoch seine Schöpfung ist und seine Schöpfung bleibt.

So zu lieben ist jedoch ein Skandal, ein Ärgernis, eine Torheit (vgl. 1 Kor 1,23) – und gibt es in der ganzen Religionsgeschichte sonst nicht: Eine Liebe, die den Schmutz und Dreck des andern auf sich nimmt, um ihn davon zu erlösen, zu befreien, zu erretten. Ihn also gerade nicht seiner Sünde überlässt: „Selber schuld…“. Und Sünde ist im biblischen Sinne die Fixierung auf mich selbst: eine grundlegende Störung im Verhältnis zum andern und zu Gott – und daraus ein gestörtes, liebloses Verhalten. Sünde ist biblisch eine Beziehungsstörung.

Was aber vermag den in sich verschlossenen Menschen zu öffnen, zu lösen, zu erlösen von seiner Selbstverhaftung?

Druck? – Du musst… - oder: Ich muss…. - fixiert den Menschen noch mehr auf sich selber. Und zwar auch oder sogar erst recht im modernen Gewande: Du musst gut sein, denn du kannst es. Oder Ich muss immer besser werden, denn ich kann es. Diese moderne Art der Selbstüberschätzung und moralischer Tyrannei gründet im „Glauben an das Gute im Menschen“ und ist seit ca. zweihundert Jahren ein „notwendiges“ philosophisches Postulat – seit der Glaube an die Güte Gottes im Schwinden ist. Aber dieser edle „Glaube an das Gute im Menschen“ ist gerade keine Hoffnung, ist kein Trost, sondern wird unter der Hand zur unerbittlichen Forderung, zum moralischen Gesetz: Du musst – denn du kannst gut sein. Das Gute liegt in dir – du musst es nur verwirklichen. Aber dadurch werde ich noch mehr auf mich fixiert; werde noch mehr auf mich selbst bezogen und noch mehr in mich selbst verschlossen.

Der sündige Mensch ist ein einsamer Mensch, ein Autist, der dauernd nur mit sich selber beschäftigt ist. Stündig um seine Optimierung, um seine Perfektionierung bemüht, ständig um seine eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten kreisend – und  immer darauf aus, sich vor sich selbst und vor andern zu rechtfertigen, sich jedoch aus Angst nicht öffnen und deshalb sich nicht hinschenken, nicht hingeben, nicht lieben kann. Außer sich selber. Und darauf legt er großen Wert.

Erlösung von der Fixierung auf mich selber geschieht - durch Vertrauen zu einem andern, also dass ich mich ihm anvertraue. Und das ist immer ein Wagnis; denn mein Vertrauen kann auch missbraucht werden; kann aber auch belohnt werden, wo z.B. Menschen einander das versöhnende Wort und also Vergebung zusprechen und dieses Wort voneinander annehmen. Nicht anders zwischen Gott und Mensch: Dass ich den Zuspruch der Vergebung Gottes in Christus im Vertrauen annehme und für mich gelten lasse.

Erlösung geschieht also, indem ich mich öffne – und bereit bin zu geben oder zu empfangen. Ich lasse mich auf jemanden ein – und das heißt doch: ich „verlasse“ mich selbst und vertraue mich jemandem an. Und dergleichen tut die Liebe. Sie geht auf den andern zu – wie es die Liebe Gottes in Christus getan hat. Und zwar nicht spirituell abgehoben, sondern leibhaftig und erdnah. So erweist sich die Liebe als Liebe – wie die Liebe Gottes. Deshalb ist es für Johannes unmöglich, dass jemand behauptet, er habe Gemeinschaft mit Gott – und führt seinen wirklichen Lebenswandel in der Finsternis, in der Lüge, im Hass.

Leben wie er gelebt hat, ihm entsprechend, ihm gemäß kann deshalb nur heißen: Leben in der Liebe, in der Hingabe…. Und solches hat Jesus den Seinen geboten - und bezeugt Johannes in seinem Evangelium: „Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe…“ (Joh 15,12) Oder öfters in seinem Brief -und so auch: „Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (4,16) Amen.


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Predigt am 2. Sonntag n. Trinitatis zu 1. Kor. 14,1-5.20-25

Paulus schreibt: "Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!  Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen.  Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.  Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde.  Ich wollte, daß ihr alle in Zungen reden könntet; aber noch viel mehr, daß ihr prophetisch reden könntet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, damit die Gemeinde dadurch erbaut werde. ...

Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen.  Im Gesetz steht geschrieben: »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr.«  Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.  Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?  Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt;  was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, daß Gott wahrhaftig unter euch ist."

Ob Paulus wirklich recht hat? – Nicht nur, weil er gegen Ende etwas unverständlich sich etwas widerspricht?! - Mir scheint, ein kirchlicher Zaungast hält das Göttliche eher für anwesend, wenn höchst außergewöhnlich  „in Zungen geredet“ wird. Umgekehrt wendet sich ein kirchlicher Zaungast eher ab, wenn ganz gewöhnlich „prophetisch geredet“ wird. Denn die „Zungenrede“ („Glossolalie“) ist ein höchst begeistertes, ja geradezu ekstatisches Reden und Beten. Vom Hlg. Geist gewirkt (12,10) ist es auch für Paulus Lobpreisung Gottes. Auch er betet bisweilen in Zungen (14,18) - und im Gottesdienst der Gemeinde in Korinth scheint es den Gottesdienst zu erfüllen.

Und dennoch hat Paulus kritische Einwände. Nicht nur, weil es in Korinth etwas chaotische Ausmaße angenommen hat (vgl. 14,33), sondern vor allem, weil die „Zungenrede“ nur der spirituellen Auferbauung des Einzelnen diene, aber nicht zur Auferbauung der Gemeinde. Doch genau darum geht es Paulus - fünf Kapitel lang

Und alles beginnt im 12. Kapitel seines Briefes an die Korinther. Da schreibt er von dem einen Geist und seinen verschiedenen Gaben – und verdeutlicht dies im Bild von dem einen Leib aus verschiedenen Gliedern. Und was alle miteinander verbindet, ist - die Liebe, welche Paulus im darauffolgenden 13. Kapitel in den höchsten Tönen besingt (13,4ff) - und bekanntlich beginnt: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht….“ Und dann kommen im darauffolgenden 14. Kapitel tatsächlich jene „Engelzungen“ vor, die im Gottesdienst der Gemeinde von Korinth in weltentrückter und himmlisch verzückter „Begeisterung“ zu hören sind. Durchaus Gabe des Hlg. Geistes zum Lob Gottes - was jedoch vor allem den Einzelnen geistlich „aufbaut“ -jedoch unversehens geistlich hochmütig und lieblos machen kann gegenüber denen, die solche Gabe nicht haben – und dann nur „einem tönenden Erz oder einer klingenden Schelle“ gleicht! Es sei denn, manche können die „Zungenrede“ für jene „auslegen“, die eben nicht mit „Engelzungen“ begabt sind (14,5). Ansonsten wäre es besser zu schweigen (14,28).

Denn Paulus geht es nicht zuerst um die Auferbauung der persönlichen Spiritualität oder einer spirituellen Persönlichkeit, sondern um die Auferbauung der Gemeinde. Deshalb zieht er eine solche Rede im Gottesdienst vor, die es mit der Verständigung unter den Menschen und also auch mit dem Verstand (14,19) und dem Verstehen zu tun hat – und nennt sie „prophetische Rede“.

Hierzu muss man wiederum bedenken: Bei der biblischen Prophetie geht es nicht zuerst um die Vorhersage von zukünftigen Ereignissen. Propheten sind keine Hellseher und keine Schwarzseher. Es geht es geht bei der biblischen Prophetie um das entscheidende Wort (Gottes) in einer bestimmten Zeit und Situation; nüchtern und klar vor Menschen ausgesprochen – „So spricht der Herr:… -,damit diese wissen, auf was es heute ankommt – angesichts dessen, was auf die Menschen zukommt. Bei Johannes dem Täufer und bei Jesus ist darum konzentriert und klar zu hören: „Tut Buße, kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.“ Und bei Paulus dient solche prophetische Rede „den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung“ (14,3). Sie geht  aus der Liebe hervor, kommt besonnen und verständlich daher, und soll - wie die Zungenrede - in geordneter Weise geschehen (vgl. 14,31), „denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.“ (14,33)

Aber warum haben gerade die Korinther damit Schwierigkeiten? – wie sich besonders bei der Feier des Hlg. Abendmahls zeigt. Denn da wartet man nicht, bis alle da sind. „Der Rest wird schon noch irgendwann kommen...“ Und der Rest kommt dann auch – wenn die ersten schon wieder gehen. Die haben nämlich – wie bei einem richtigen Abendmahl - schon gut gegessen und kräftig getrunken, sind teilweise schon betrunken (11,21) – und die andern müssen sich mit den Resten begnügen. „Wer nicht kommt zur rechten Zeit…“ Sollen doch nächstes Mal einfach früher kommen! - Aber wie können die das, wenn sie als Hafenarbeiter in Korinth noch Schiffe zu entladen haben?! Oder wenn manche Herren ihre Knechte einfach nicht zur gegebenen Zeit vom Dienst für den Gottesdienst freistellen!? - „Unwürdig“, nennt Paulus  mit harschen Worten solch ein asoziales Verhalten am Tisch des Herrn. „…wer so isst und trinkt, dass er den Leib des Herrn – und das ist die Gemeinde - nicht achtet, der isst und trinkt sich selber zum Gericht.“ (1 Kor 11,27-29)

Aber warum solche Achtlosigkeit und also Lieblosigkeit gerade in der christlichen Gemeinde zu Korinth? Das hängt auch damit zusammen, dass die Korinther Griechen sind und die gewöhnliche Leiblichkeit des Menschen sich erst in der Vergeistigung vervollkommnet. Wenn in der griechischen Kunst der Mensch in seiner Leiblichkeit dargestellt wird, dann immer in vollkommener vergeistigter Schönheit – als ideales Abbild der ewigen Idee des Schönen. Das Leibliche in seiner Begrenztheit und Bedürftigkeit, ja Hinfälligkeit kann hier nicht vorkommen – im Gegensatz zum biblischen Zeugnis, das eine ideale Welt der Ideen nicht kennt, sondern nur diese reale Welt als Abbild seiner Herrlichkeit (Ps 19) und den realen Menschen als sein „Ebenbild“ (Ps 8).

Und auch biblisch ist der Mensch Leib, Seele und Geist – dich sich allerdings gegenseitig durchdringen in unauflöslicher „Dreieinigkeit“ – und darum in völliger „Gleichwertigkeit“. Eine Abwertung des Leibes oder gar eine Leibfeindlichkeit kommt in der Bibel nirgends vor! Das biblische und das griechische Verständnis des Menschen haben sich ihrer Ähnlichkeit wegen in der Kirche im römisch-griechischen Kulturraum immer wieder vermischt (vgl. insbesondere Augustinus) – bis dann vor ca. 200 Jahren aufgrund des naturwissenschaftlichen Erfolgs ein primär „materialistisches“ Menschenbild entstand, in dem der Mensch vor allem aus einem funktionierenden  und leistungsstarken Körper besteht – was besonders in die Medizin eingegangen ist. Vor ca. hundert Jahren hat man dann aber doch bemerkt, dass der Mensch doch nicht nur ein Stück seelen- und geistlose Materie ist – und die psychosomatische Medizin entstand (vgl. Viktor v. Weizsäcker).

Doch schleichend bildet sich gegenwärtig ein absolut anderes („transhumanes“) Menschenbild: Es ist auf ganz andere Weise leib-, seelen- und geistlos und „lebt“ in einer globalen und virtuellen Parallelwelt. Dementsprechend wird der Mensch als ein digitaler Datensatz auf Speichermedien erfasst und ist dadurch jederzeit abrufbar, verfügbar, kontrollierbar – und manipulierbar! Eine „Wirklichkeit“, die es „in Wirklichkeit“ gar nicht „gibt“ – jedoch noch wirkmächtiger, wirksamer wird als jede „analoge“ Wirklichkeit bisher und nicht nur die kirchliche und sonstige Verwaltung, sondern auch das Menschenbild in Kirche und Gesellschaft bestimmt.

Aber noch klingt Paulus von weither – zumindest in der Kirche - wie ein mahnender Einspruch, wenn er die Gemeinde als Leib Christi mit vielen Gliedern darstellt, hierzu das „Hohe Lied der Liebe“ anstimmt und schließlich darauf hinweist, dass das enthusiastische Reden und Beten „mit Engelzungen“ – auch wenn es den griechischen Korinther sehr entgegenkommt – nur die Spiritualität des Einzelnen aufbaut, und leicht lieblos werden kann, weil eben diese Spiritualisierung die Leiblichkeit des Menschen verkennt. Darum kommt Paulus auch im nachfolgenden 15. Kapitel auf die Auferstehung der Toten zu sprechen - zumal die Korinther meinen, sie seien jetzt schon aller Leiblichkeit enthoben und existieren wesentlich nur noch „geistig“, seien deshalb auch schon auferstanden (15,12). Dagegen setzt Paulus nicht nur den Ausblick auf die Auferstehung der Toten „zur Zeit der letzten Posaune“ (15,52), sondern spricht dabei auch von einem „geistlichen Leib“ („Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes“, Fr. Chr. Oetinger, 1776), bevor er dann im nachfolgenden 16. Kapitel sofort wieder zum Irdisch-Leibhaftigen zurückkehrt und auf die Geldsammlung für die notleidende Jerusalemer Urgemeinde zu sprechen kommt. Und bei seinen anschließenden Reiseplänen weißt er die Korinther darauf hin, dass er sie auf der Durchreise nicht nur mal fünf Minuten kurz sehen, sondern eine Zeitlang bei ihr bleiben will, „wenn es der Herr zulässt.“ (16,7)

Dieser große Bogen, den Paulus ganz bewusst und gezielt mit seinen fünf Kapiteln nacheinander abschreitet, zeigt, wie sehr sein Herz für diese gar nicht einfach Gemeinde in Korinth schlägt und wie er sich um sie bemüht – ihr deshalb den Weg weist von einer enthusiastischen Spiritualität des Einzelnen hin zu einer liebevollen Leibhaftigkeit und Herzlichkeit untereinander, so dass sich einer dem andern in seiner Bedürftigkeit zuwendet und die Gemeinde auferbaut wird.

Dazu dient auch die „prophetische Rede“ im Gottesdienst – die Paulus allerdings nicht näher definiert. Jedoch lässt sich so viel sagen: In der „prophetischen Rede“ kommt die jeweilige Zeit und Situation im Lichte des biblischen Wortes zur Sprache - wie bei den Propheten. Dabei geht es nicht um eine persönliche Meinung oder um einem kirchlichen Kommentar zu aktuellen Ereignissen oder zum Zeitgeschehen. Es geht auch nicht um praktische Handlungsanweisungen für bestimmte Problemzonen – äh Problemfelder des persönlichen oder gesellschaftlichen Lebens. Es geht um das Hören auf das biblische Wort, um es für unsere Zeit zur Sprache zu bringen – als wegweisendes und darum auch mahnendes Wort Gottes. Und das alles weniger „begeistert, sondern nüchtern und besonnen. Denn dass der Hlg. Geist am Werk ist, zeigt sich nicht zuerst in einer äußeren Begeisterung, die doch auch nur eine gruppendynamische Auswirkung sein könnte, sondern vor allem darin, dass jemand zutiefst berührt und getroffen, erschüttert und getröstet, ermahnt und ermutigt wird (14,25). Und so dies durch das „prophetische Wort“ geschieht, ist Gott gegenwärtig.

Paulus hat wohl recht. Auch wenn solches - vielleicht - gar nicht so oft geschieht. Doch wer weiß das schon!? Amen.


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Predigt am 1. Sonntag n. Tr. zu Jer 23,16-29 (IV)

 Die Propheten des Alten Testament sind einmalig in der ganzen Religionsgeschichte. Nach der Sesshaftwerdung Israels in Kanaan erscheinen sie - vor den Königen Israels, die immer wieder vergessen, dass ihre Macht nur verliehene Macht ist und sie deshalb dem Gott Israels Rechenschaft schuldig sind. Und sie stehen jenen Priestern gegenüber, die immer mehr das Abdriften in die Fruchtbarkeitskulte Kanaans zulassen und damit das Vergessen des Gottes Israels. Zum Propheten wird man plötzlich und unerwartet berufen, um als Bote Gottes zu sagen, was man als Wort Gottes zu sagen hat. Die prophetische Botschaft beginnt deshalb mit den Worten: „So spricht der Herr:…“.  

Aber mit der Zeit gibt es auch noch andere Propheten. Wie die Priester gehören sie vor allem am Tempel zu Jerusalem zum fest angestellten Tempelpersonal – und auch sie sagen: „So spricht der Herr: …“, aber was diese Berufspropheten sagen, steht oftmals im Widerspruch zur Botschaft der berufenen Propheten – und lässt fragen: Ja, was spricht denn nun der Herr? Dieses – oder jenes? Weil er beides nicht zugleich sagen kann, gibt es offensichtlich auch „falsche Propheten“. Doch wer ist falsch – und wer ist richtig? Ganz einfach: Falsch sind immer die andern – richtig ist man immer selbst, wenn man das richtige Selbst- oder Sendungsbewusstsein hat… Aber ganz so einfach ist es nun doch nicht; erst recht nicht bei Jeremia – auch wenn er als Bote Gottes zu sagen hat:

„So spricht der HERR/JHWH Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN. Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohlgehen -, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen. Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört? Siehe, es wird ein Wetter des HERRN kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. Und des HERRN Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen. Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.

Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der HERR. Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der HERR. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“

Man hört diesen Worten die Härte und Schärfe der Auseinandersetzung an – und diese Warnung vor falschen Propheten geht bis hinein ins Neue Testament: In seinen Reden über das Ende der Zeiten sagt Jesus: „Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen… und große Zeichen und Wunder tun, so dass sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführten.“ (Mt 11,24,11.24; 7,15). Dann haben falsche Propheten, „Pseudopropheten“ wie auch falsche Christusse offensichtlich etwas Verführerisches; man geht ihnen anscheinend leicht und gern auf den Leim. Warum? Sie treten als Wohltäter und Heilande auf; sie meinen es scheinbar nur gut – wie der Versucher mit Jesus in der Wüste! (vgl. Mt 4,1ff) – weshalb Johannes in einem Brief schreibt: „Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt.“ (1 Joh 4,1) Prüft die Geister – und also auch die prophetischen Geister; insbesondere wenn sie große Worte, große Versprechungen machen. Und woher kommen diese?

Bei Jeremia künden die falschen Propheten Gesichte aus ihrem Herzen (23,16) – und künden also das, was das Herz der Menschen begehrt. Sie meinen vielleicht wirklich subjektiv ehrlich, was sie sagen – und betrügen doch die Menschen, weil ihnen ganz anderes gesagt werden müsste. Voll religiöser Begeisterung sagen sie, wovon sie geträumt haben oder von welcher Welt oder Kirche sie träumen – was eben doch nur Ausdruck menschlicher Wünsche und Sehnsüchte ist und eben nicht empfangenes Wort Gottes.

Dabei ist es durchaus möglich, dass Gott durch Träume redet: Jakob erfährt durch den Traum von der Himmelsleiter die Gegenwart Gottes an diesem Ort. Josef, sein Sohn, der seiner hochmütigen Träume wegen von seinen Brüdern tief gedemütigt wird, rettet sein Leben in einem ägyptischen Gefängnis durch Traumdeutung. Salomo träumt, dass Gott ihn fragt, was er sich als König wünsche; und er bittet um – Weisheit für sein Amt als König. Daniel deutet einen Traum des babylonischen Königs Nebukadnezar und wird zum Obersten seiner Weisen ernannt. Joseph wird im Traum durch einen Engel aufgefordert, Maria nicht zu verlassen – und wird später zur Flucht nach Ägypten veranlasst und von dort dann wieder zur Rückkehr. Und Paulus wird durch ein Traumgesicht berufen, das Evangelium nach Europa zu bringen.

So sehr Gott auch durch Träume sprechen kann - der Traum ist nicht grundsätzlich das Einfallstor für göttliche Botschaften. Zwar ist für viele die „Seele“ die Schnittstelle zwischen Gott und Mensch. Aber es steigen eben auch Alpträume oder gar Horrorträume als Bilder und Botschaften aus dem Unterbewussten der Seele auf. Traum soll darum in der ganzen Zwiespältigkeit Traum bleiben, denn es geht um Bilder samt ihren möglichen Fehldeutungen – welche nicht als unmittelbares Wort Gottes ausgegeben werden dürfen (23,28). – Erst recht nicht, was in einem nebulösen Trance- oder Rauschzustand erlebt wird, egal ob durch ein religiöses Ritual (vgl. 1 Kön 18,28) oder durch Drogen herbeigeführt. Das Empfangen des Wortes Gottes hat es mit einem bewussten Hören und einem hörenden Bewusstsein zu tun. Es ist der wache und klare Geist eines Menschen, der vom Geist Gottes in aller Nüchternheit ergriffen und durchdrungen wird (vgl. Röm 8,16) – auch bei der visionären Berufung mancher Propheten (vgl. bes. Ez 3,12ff; usw.)

Aber was macht dann die falschen Propheten aus? Hat vielleicht ihre Botschaft einen falschen Inhalt – und ist eine „Irrlehre“? Nein! Sie haben eine Heilsbotschaft – wie manch andere Propheten Gottes auch – und doch ist diese Botschaft „gestohlen“ (23,30) und sind sie deshalb Diebe. Sie benutzen sie für einen bestimmten Zweck, um damit etwas bestimmtes zu bewirken; es geht ihnen nicht um die Botschaft, sondern um deren Funktion: Als Psychologen und Seelsorger wollen sie in unsicheren Zeiten die Menschen mit einer göttlichen Heilsbotschaft psychisch festigen und religiös trösten (23,17), was vielleicht gar nicht mal so schlecht klingt – verdecken und vertuschen aber dadurch mit solch gefälligen Heilsworten heillose (23,19) Zustände im Volk Gottes. Sie übertünchen (vgl. Mt 23,27) – während die Propheten Gottes aufdecken und - zur Umkehr mahnen.

Dieser Ruf zur Umkehr betrifft schon zu Jeremias Zeit eine zutiefst menschliche Verquickung von Religion und Ökonomie, wie sie besonders in dem landeseigenen kanaanäischen Fruchtbarkeitskult des Gottes Baal zum Vorschein kommt. Israels Priester und Propheten sind hineingerissen und fasziniert von den rauschhaften Ritualen dieses Vegetationskultes (vgl. Jes 28,7), in dessen Heiligtümern die Fruchtbarkeit der Erde, das Wachsen und Gedeihen der Früchte und damit die Wirtschaft des Landes „angekurbelt“ wird. Dafür werden auch menschliche Opfer, nämlich Kinder (vgl. 32,35) dargebracht, um Wohlfahrt und Wohlstand zu gewährleisten und zu sichern. Die Verquickung von Religion und Wirtschaft, also die Vergottung und Vergötzung der Ökonomie, weil sie doch einem Gott gleich lebenserhaltend ist und für das Überleben sorgt, ist auch das Einfallstor des Versuchers bei der ersten Versuchung Jesu: Mach aus den Steinen Brot, damit du nicht mehr hungern musst, damit du nicht verhungerst... - Diese Verquickung von Religion und Wirtschaft geht bis hinein in das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, wo „niemand kaufen oder verkaufen kann, wenn er nicht das Zeichen hat, nämlich den Namen des (verführerischen) Tieres oder die Zahl seines Namens.“ (Offbg 13,17)

Doch jegliche Vergötterung des Irdischen – erst recht mit prophetischem und priesterlichem Beistand - ist dem Gott Israels ein Gräuel und weckt seinen vehementen Einspruch. Gegen sein Vergessen als Herr und Eigentümer des geschenkten Landes ruft er sich im geschichtlichen Geschehen in Erinnerung – und zwar durch Ereignisse, die man gerade durch rauschhafte Kulte überblendet und verdrängt. Höchst unwillkommen machen die Propheten des Gottes Israels darauf aufmerksam, was sich da am Horizont zusammenbraut – und rufen deshalb zur Umkehr, also zur Abkehr von der Vergötterung des Irdischen und zur Hinkehr zu dem Gott Israels, dem Geber alles Irdischen. Ihre Botschaft kann nicht beruhigen und besänftigen wollen, sondern muss wachrütteln und erschrecken lassen. Und über ihre Botschaft erschrecken die Propheten des Gottes Israels selber zuerst. Vor allem Jeremia erlebt und erleidet das Wort Gottes an sich selber als eine Zumutung, weshalb er es am liebsten verschweigen würde – und doch nicht kann (20,9ff).

Dieses Wort Gottes sperrt sich in seiner Fremdheit und Andersartigkeit gegen jede kultische Vereinnahmung – wie der Gott Israels selber. Auch ER entzieht sich jeder religiösen Vereinnahmung und Verwaltung. ER ist absolut souverän, darum unbestechlich – und deshalb zu fürchten. Ist deshalb nicht nur ein naher und vertrauter Gott, der sehr wohl Trost und Geborgenheit schenkt, sondern auch ein ferner, in seinem geschichtlichen Handeln fremder und verborgener Gott, dessen zu wahrendes Geheimnis zu einem bohrenden Rätsel werden kann.

Doch genau dieser ferne und verborgene Gott durchschaut alles Verborgene, alles, was sich vor ihm verbergen will. Denn ER erfüllt Himmel und Erde. Mit ihm hat und bekommt es sein Volk zu tun – nicht nur als Retter, sondern genauso als Richter – in einem. Gericht und Rettung liegen ineinander. „Zur letzten Zeit“, also „letztendlich“  wird man es klar erkennen.

Aber bis dahin bleibt alles Prophetische im Bereich des Vorläufigen – und es lässt sich nicht eindeutig und also endgültig sagen, ob es sich nur um schöne oder schreckliche Träume aus des Menschen Herz handelt, oder ob tatsächlich Gottes Weisung zu hören ist. Da bleibt etwas offen – wie es dann auch Jeremia in der dramatischen Begegnung mit dem Propheten Hananja samt dem unentschiedenen Ausgang erfahren hat (28,1ff). Denn Gott selber muss sein Wort wahr machen – so dass es sich bewährt und endgültig bewahrheitet.

Doch bis dahin ist die Gefahr wahnhafter Verblendung immer gegeben. Besonders in unsicheren und angespannten Zeiten, wo jeder „Strohhalm“ zählt, erwachen Propheten und Christusse – weissagen und weisen den Weg des Heils und der Heilung - der allerdings immer dann ein Irrweg ist, wenn er in programmierter Machbarkeit begangen wird – und nicht zum Erschrecken und Innehalten und zur nötigen Umkehr und also heilsamen Veränderung führt.

Auch wenn alles immer mehr miteinander zusammenhängt und voneinander abhängt, so fängt doch jede heilsame Veränderung immer bei einzelnen an und wird manchmal bei den wenigen bleiben, die durch Gottes Wort verändert werden - und deshalb anders sind. Denn sie erfahren an sich selber, dass Gottes Wort einem Feuer gleicht, das menschliche Eitelkeit und Hochmut verzehrt; und einem Hammer, der auch noch die härtesten menschlichen Illusionen zerschlägt. Auch in Zeiten, in denen zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Wirklichkeit und Wahn nur sehr schwer zu unterscheiden ist. Amen

 

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Predigt am Sonntag Trinitatis zu Eph 1,3-14 (IV)

Paulus schreibt: "Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus. Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, daß wir, heilig und untadelig vor ihm sein sollten; in seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit. Denn Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluß, den er zuvor in Christus gefaßt hatte, um ihn auszuführen, wenn die Zeit erfüllt wäre, daß alles zusammengefaßt würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist. 

In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluß seines Willens; damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit, die wir zuvor auf Christus gehofft haben. In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit - in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem heiligen Geist, der verheißen ist, welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, daß wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit."

Dieser Lobpreis der Herrlichkeit Gottes ist wie eine große Symphonie. Die einzelnen Töne klingen so zusammen, dass sie ein wunderbares Ganzes bilden - und erst im Zusammenklingen kommt das Einzelne zu seiner Würde. Denn auf diesen symphonischen Lobpreis der Herrlichkeit Gottes hin hat jeder einzelne Ton seine verborgene Ausrichtung und kommt erst darin zum eigentlichen und eigenen Ziel.

Dieser überschwängliche Lobpreis der Herrlichkeit Gottes ist allerdings - in Ketten geschrieben (6,20),also in irgendeinem Gefängnis. Doch genau da weitet sich alles und überschreitet die Grenzen der begrenzten  Wirklichkeit und vertieft sich in der grenzenlosen Ewigkeit Gottes - aber verliert sich nicht mystisch darin, sondern findet dort gerade den festen Grund für das, was in der Zeit uns widerfährt: Unsere Erwählung zu Kinder Gottes; und damit unsere Berufung zum Lob seiner Herrlichkeit.

Da ist eine also große Kreisbewegung! Sie kommt aus dem Geheimnis des dreieinen Gottes – und sie vollendet sich wieder im Geheimnis des dreieinen Gottes. Darum: Gelobt, gepriesen, gesegnet sei Gott, der Vater, der uns durch Christus gesegnet hat; in IHM hat er uns erwählt…; in IHM haben wir die Erlösung…; in IHM sind wir auch zu Erben eingesetzt worden…; in IHM seid auch ihr versiegelt worden durch den Heiligen Geist.“ Christus ist der innerste Kern des Geheimnisses Gottes Hier nimmt das „Kommen Christi“ seinen Ausgang. Und ohne IHN gibt es keine Erwählung, keine Erlösung, keine Einsetzung als Erben, keine Versiegelung durch den Heiligen Geist. Dass wir Kinder Gottes sind, gründet in Gottes Willen und Ratschluss „vor Grundlegung/Erschaffung der Welt“. In der Ewigkeit hat ER uns „vorherbestimmt, seine Kinder zu sein“? Das ist „das Geheimnis seines Willens, nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hat“. In ihm hat er uns zu Erben „vorbestimmt“ nach seinem „Vorsatz“. Und das alles „aus Liebe“ in Christus, „dem Geliebten“.

Im Kolosserbrief wird dieser Gedanken, dass alles durch Christus und auf Christus hin geschaffen ist, noch weiter ausgeführt in einer – dem Johannesprolog (Joh 1) entsprechenden - kosmischen Christologie: „ER ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.“ (Kol 1,15-17)

Wenn es also diese große Kreisbewegung gibt, die in der Ewigkeit Gottes Ursprung und Ziel hat und also den ganzen Kosmos hineinholt in die Ewigkeit, dann geht es im biblischen Schöpfungsglauben nicht nur um den Ursprung der Welt im Willen Gottes, sondern auch um ihre Vollendung im Lob Gottes. Und der innerste Kern von Ursprung und Vollendung liegt „in Christus“ Weil ER das „Haupt“ alles Geschaffenen ist, findet in ihm alles zur Einung zusammen.

Dass wir also erwählt, erlöst, eingesetzt, versiegelt sind, gründet einzig und allein in Christus, der Liebe Gottes, vor aller Zeit; hat also seinen Grund, seine Ursache nicht in der Zeit – und damit auch nicht in uns, in unserem Willen. Darum kann auch nur ER gelobt und gepriesen und gesegnet sein – durch uns. Denn was da unvorstellbar „vor aller Zeit und Welt“ in Christus gründet, das zielt darauf ab: Wir sollen „seine Kinder sein auf ihn hin“; „zum Lobpreis seiner herrlichen Gnade“; „damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit“, „dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit“. Das Ziel ist das Lob Gottes – nicht ohne, sondern mit uns. Und alles hat im Ratschluss Gottes in Christus vor aller Zeit seinen Ursprung, „um diesen Ratschluss auszuführen (in der Zeit), wenn die Zeit erfüllt wäre, wenn also der rechte Zeitpunkt gekommen ist, dass alles zusammengefasst würde in Christus“.

Dann sind wir also geschaffen, erwählt, erlöst - zum Eigenlob Gottes? Dann geht’s also letztlich gar nicht um uns, sondern um Gott selbst? - So wenig wir Ursprung sind, so wenig sind wir auch Ziel. - Aber könnte Gott dann nicht auch ohne uns auskommen? Das Lob der himmlischen Heerscharen könnte ihm doch genügen. Warum also mit uns, wenn´s auch ohne uns ginge? Was fehlt ihm – ohne uns?

Darauf gibt es nur eine Antwort: ER will uns teilhaben lassen an seiner Fülle, an seiner Herrlichkeit. Und also geht es IHM – doch um uns. ER hat uns geschaffen, um uns zu vollenden im Lob seiner selbst.

Dass Gott uns zu seinem Lob geschaffen hat, ist darum nicht unsere Demütigung, sondern unsere Würdigung. Hebt uns über uns selbst hinaus, macht uns gerade nicht klein und unbedeutend, sondern groß und bedeutsam. Die Teilhabe am Lob Gottes ist unsere Würde. Durch diese Würdigung sind wir etwas, was wir von uns aus niemals sein können. Gott hat uns aus Liebe in Christus gewürdigt d.h. erwählt „vor Grundlegung der Welt“ und also zu seinen Kindern vorherbestimmt nach seinem Ratschluss und Willen.

Das und nur das ist der Sinn der sog. „Prädestinationslehre“, der „Lehre von der Vorherbestimmung“. Sie behauptet nicht, dass alles schicksalhaft vorherbestimmt ist und es kommt, wie‘s kommen muss. Sondern: Gott hat „in seiner Liebe uns vorherbestimmt, seine Kinder zu sein“. Er hat uns erwählt ohne unser Zutun – aus Liebe. Das ist sein unumstößlicher Ratschluss von Ewigkeit an – für alle Ewigkeit. Von ihm her – auf ihn hin; was Paulus in allen seinen Briefen zusammenfasst im Wort der Gnade.

Diese ewige Gnadenwahl Gottes kommt besonders zum Ausdruck in der Taufe eines unmündigen Kindes: Gott kommt uns mit seiner Liebe zuvor und beruft ein Menschenkind zum Gotteskind. Dieses „Wort der Wahrheit“ zu hören, diesem „Evangelium von unserer Seligkeit“ Glauben zu schenken und also sich von Gott geliebt, erwählt, erlöst, berufen zu wissen, ist das rechte „christliche Selbstbewusstsein“. Ich muss mir keines schaffen, muss mich nicht selber erfinden. Ich bin gefunden - von Gott; ich finde mich vor – in Christus. Je mehr ich mir dieses liebenden Gottes bewusst werde, umso mehr werde ich mir meiner selbst bewusst als geliebt – und kann andere lieben. Gottes Gnadenwahl gibt dem Leben Tiefe und Weite, Festigkeit und Perspektive.

Und das kommt ebenso zum Vorschein im Jubel der Erwählten und der Erlösten über ihre Erwählung und Erlösung in der urchristlichen Feier des Herrenmahls/Abendmahls. Zusammengefasst in dem Jubelruf in aramäischer Sprache : „Maranatha“ – „Unser Herr kommt, ja Herr (Jesu) komme bald.“ (vgl. Offbg 22,20) Besonders im Mahl des Herrn zur „Stärkung und Bewahrung im Glauben zum ewigen Leben“ wird das  Ziel ins Auge gefasst: Dass der aus der Ewigkeit Gottes in die Zeit Gekommene zur Vollendung der Zeiten wiederkommt und alles heimholt, hineinholt in den ewigen Jubel Gottes. Der Heilige Geist ist das Siegel Gottes darauf und macht mich dessen gewiss, lässt mich darauf getrost vertrauen und damit fröhlich leben. Dass solches geschieht, ist also wiederum Gottes Werk an mir – und gibt ihm die Ehre. Es gründet fest in IHM – und nicht auf unsicherem Grund in mir. Gibt deshalb nicht mir die Ehre, sondern Gott Lob und Dank.

Gott hier und heute zu loben und zu danken ist das schwache Abbild dessen, was in der Ewigkeit in seiner Fülle alles erfüllen wird. Denn hier und heute ist mehr als genug alles lautstark durchsetzt mit Jammern, Klagen, Schimpfen, Fluchen, Lästern, Spotten. Nicht auch noch in diese aufdringlichen Misstöne einzustimmen sind wir Christen berufen, sondern jetzt schon Gott zu loben und zu danken, „damit wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit.“

Dieser gemeinsame Wohlklang im Zusammenklingen der einzelnen „Stimmen“, diese große Symphonie zum Lob Gottes, ist in der Tat im Werden; ist im Schwange, hin zu einer "Geburt" – und bricht jetzt schon hier und dort hervor, wo mitten im Geschrei der Menschen das Lob Gottes zu hören ist. Wegweisend und hoffnungsvoll - sich der Horizont weitet; und sei es in einem engen Gefängnis - wie damals bei Paulus. Amen.

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