das ist aber wirklich die letzte...


Predigt am letzten Sonntag n. Epiphanias zu Offbg 1,9-18 (IV)

  Johannes schreibt: "Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. 

Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. 

Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte  und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle." 

Johannes sitzt fest – denn auf der Felseninsel Patmos hat man ihn festgesetzt, „um des Wortes Gottes Willen und um des Zeugnisses von Jesus“. - Doch gerade hier öffnet sich ihm der Himmel – und er bekommt Einblick in das, „was ist und was geschehen soll“ (1,19). Und das soll er aufschreiben und an 7 Gemeinden senden. Johannes nennet sich selbst deren „Bruder und Mitgenosse in der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus.“ Und damit zeigt er an, welch gegenwärtigen Leidensweg er mit jenen Gemeinden teilt, aber auch welche zukünftige Hoffnung!

Nahezu 2000 Jahre hat dieses „Trostbüchlein“ der „Offenbarung an Johannes“ die Christenheit auf dem Weg durch die Zeit begleitet und hat einzelne Christen und ganze Gemeinden in Zeiten von Bedrängnis und Verfolgung getröstet und Kraft zum Durchhalten gegeben. Aber ebenso lange gibt dieses letzte Buch der Bibel Anlass, über seine himmlischen Bilder zu spekulieren – woraus mancher auch schon falsche irdische Konsequenzen gezogen hat! Johannes sollte und wollte jedoch nur eines: In den trostlosen Machtkämpfen auf Erden diesen einen großen Trost bekannt geben: Die Macht Gottes wird siegen – und nicht die Mächte der Finsternis. Das schaut er und lässt es bedrängte Mitchristen in seiner Zeit wissen – und auch in späteren Zeiten.

Diese Offenbarung des Sieges Gottes über alle widergöttlichen Mächte – und nur darum geht es in diesem „Trostbüchlein“  - geschieht wieder mal gerade dort, wo nach menschlichem Ermessen nur eine Niederlage zu verzeichnen ist und alles nur zu Ende sein kann: auf einer Gefangeneninsel. Hier soll Johannes zwar zum Schweigen gebracht werden – doch was er da zu sehen und zu hören und aufzuschreiben bekommt, redet bis heute – während all jene, die ihn zum Schweigen bringen wollten, schon längst verschwunden und verstummt sind. Denn Johannes hat es mit dem Einen zu tun, dessen schöpferisches Wort Bleibendes bewirkt. Auch wenn es widerständig zugeht oder scheinbar alles drunter und drüber geht: ER durchwirkt die verworrene Geschichte und ordnet sie auf ihr Ziel hin – was Johannes in Bildern und Gleichnissen offenbart wird.

Und was er da alles sieht und hört soll er jenen weitergeben, die aufgrund ihrer eigenen Ohnmacht an der Macht Gottes zweifeln – und sich verzweifelt fragen: Wie kann Gott nur zulassen, was da alles geschieht? Was hat das alles für einen Sinn? Wo soll das noch hinführen? Wo keiner mehr durchblickt, bekommt Johannes den Einblick; sich selbst und anderen zum Trost – und dem römischen Kaiser Domitian zum Trotz.

Zu dessen Ehren hat man in Ephesus, wo Johannes herkommt, den ersten Kaisertempel in Kleinasien errichtet. Domitian erlässt jede seiner Verlautbarungen als „Gott und Herr“ – und erwartet auch, dass man ihn so verehrt vergöttert. Seinen eignen Vetter lässt er wegen „Gottlosigkeit“ hinrichten und dessen Frau auf eine Insel verbannen - vermutlich, weil beide dem christlichen Glauben zugeneigt sind. Überhaupt scheinen ihm die Christen ein gottloses und herrenloses Pack zu sein, weil sie ihn nicht als „Gott und Herr“ verehren und sich also nicht in die Staatsraison ein- und dem Kaiser unterordnen. Mit Hilfe des Pantomimenspiels versucht man, den christlichen Glauben lächerlich zu machen: Im Theater wird ein Clown im bunten Narrengewandt getauft und gefoltert und schließlich auf groteske Weise gekreuzigt. Und die Leute haben ihren Heidenspaß dabei. Zugleich aber ist es dieser Kaiser Domitian, der die Landwirtschaft in Italien fördert und sich um ordentliche Verwaltung und sogar Rechtsprechung im römischen Reich kümmert. Ein hervorragender Staatsmann – und ein herausragender Christenhasser. Beides zugleich!

Die göttliche Verehrung der römischen Kaiser seit dem Kaiser Augustus entspricht übrigens einer weitverbreiteten Stimmung in der Bevölkerung des römischen Reiches. Durch solcherlei Autorität wird tatsächlich Frieden, Ordnung und Recht geschaffen. Dieser Personenkult hat „integrative Kraft“. Die römischen Kaiser verstehen sich als von der „Vorsehung“ geschenkte „Retter“ und „Wohltäter“ – wie fast 2000 Jahre später ein anderer in Deutschland, dessen Personenkult genau dieselbe integrative Kraft haben sollte: Hieß es bis zum Ende des (christlichen) Mittelalters noch „Ein Reich, ein Glaube, ein Herrscher“, so hieß es dann: „Ein Reich, ein Volk, ein Führer“.

Solcherart staatlich eingeforderte Verehrung bzw. Vergottung eines Menschen muss bei Christen auf Ablehnung oder gar Widerstand stoßen – und veranlasst staatliche Behörden und die übrige Bevölkerung zu Anklage, Bestrafung, Verbannung oder gar Tod der Widerständigen. Darum steht gerade in der Offenbarung des Johannes die Mahnung und der Trost: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ Johannes wird „nur“ verbannt auf eine Sträflingsinsel, um weit fort von seiner Gemeinde den seelischen Tod durch Vereinsamung zu sterben - und seine Gemeinde in Ephesus den geistlichen Tod durch Verwaisung.

Doch stattdessen hört Johannes am ersten Tag der Woche, am „Tag der Auferstehung des Herrn“, auf jener Insel hinter sich eine laute Stimme. Der Stimme zugewandt fällt sein Blick auf 7 goldene Leuchter. Das sind jene 7 Gemeinden in Kleinasien/Türkei, denen er das alles schreiben soll. Und diese empfangen ihr Licht wiederum von dem, der in ihrer Mitte steht und 7 Sterne in seiner rechten Hand hält.

7 Sterne sind eigentlich die Zeichen der Weltherrschaft in der Hand des Sonnengottes Helios und befinden sich auch auf römischen Kaisermünzen – und Sterne sind bis heute Zeichen vom Macht und Herrschaft – z.B. auf der Fahne der USA und der EU. Und nun hält plötzlich einer, „der aussieht wie ein Menschensohn“ 7 Sterne in seiner rechten Hand. Dann ist also Ihm alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben... und nicht dem Kaiser in Rom?

Aber auch alles andere, was Johannes sieht, sind Zeichen seiner Macht und Herrlichkeit: Sein langes Gewand und sein goldener Gürtel stehen für seine priesterliche und königliche Würde. Sein Haar ist weiß wie Schnee. Seine Augen sind wie Feuerflammen. Seine Füße wie aus Golderz. Seine Stimme wie ein großes Wasserrauschen. Aus seinem Munde geht ein zweischneidiges Schwert hervor. Und sein Angesicht leuchtet wie die Sonne in ihrer Macht – und stellt damit auch den Sonnengott Helios in den Schatten. Schon die Vorstellung dieser Erscheinung macht einen überwältigenden, „umwerfenden Eindruck“ – weshalb auch Johannes bewusstlos wird und wie tot dem zu Füßen fällt, „der einem Menschensohn gleicht“.

Mir wurde noch nie eine solche Vision zuteil – und ich begehre sie auch nicht. Denn eine solcher ist nicht nur faszinierend, sondern auch erschreckend. Hildegard von Bingen wurden von früher Kindheit an Visionen zuteil, die sie lange Zeit verdrängte und verschwieg und die sie aufwühlten und nahezu krank machten – und die sie erst viel später jemand anvertrauen konnte und musste. Denn dem Einblick in die Tiefendimension der Wirklichkeit – der über unsere fünf Sinne hinausgeht - hält kein Mensch (außer die selbsternannten Hellseher und Schwarzseher) stand; auch Johannes nicht und fällt wie tot zu Boden. Das Wenige, das er bisher gesehen hat, ist schon zu viel – und wäre das Ende, würde nicht dieser Andere seine rechte Hand auf ihn legen und ihn wieder aufrichten und sagen. „Fürchte dich nicht“.

„Fürchtet euch nicht“, ist immer zu hören, wo die Ewigkeit in die Zeit hineinbricht – und ist deshalb auch der Gruß des Auferstandenen, mit dem ER unter seinen verstörten und verwirrten Jüngern Vertrauen stiftet, als diese ihren Augen nicht trauen und meinen, nur noch Gespenster, Hirngespinste zu sehen (Lk 24,36f). Und zuvor auf dem See Genezareth ruft er ihnen mitten in der Nacht zu: „Ich bin's… Fürchtet euch nicht.“ (Mk 6,49) Und auf dem Berg der Verklärung rührt der Verklärte sie an und sagt: „Steh auf und fürchtet euch nicht.“ Es sind immer diese Worte, mit denen ER sich zu erkennen gibt - auch Johannes: „Fürchte dich nicht. Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendig. Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

„Fürchte dich nicht“, ist also keine Aufforderung zum christlichen Heldentum, sondern ist seine Einladung zum Vertrauen – auch zum Vertrauen darauf, dass ER es ist, in dessen Hand die Schlüssel zum Reich des Todes und der Hölle liegen. Denn nur ER ist hinabgestiegen in das Reich des Todes und kann darin gefangen setzen – und daraus befreien; nicht der Kaiser in Rom (vgl Mt 10,28; Lk 12,4f). Der röm. Kaiser hat nur die Schlüssel zum römischen Palast und zu den römischen Gefängnissen. Und seine Macht ist nur geliehene Macht, über deren Gebrauch und Missbrauch auch er einst dem Allmächtigen Rechenschaft geben muss. Denn auf diesen Allmächtigen treiben alle Machtkämpfe zu.

Dieses zielgerichtete „Treiben“ der Machtkämpfe in der sichtbaren irdischen und unsichtbaren „geistigen“ Welt schaut Johannes in einer Abfolge dramatischer Bilder und Szenen. Er schaut: Was in Gottes Ewigkeit schon an sein Ziel gekommen ist, dessen Vollendung in der Zeit steht noch aus. Zwar hinkt die Zeit der Ewigkeit hinterher – und mündet schließlich doch in sie ein.

Diese ganz große Perspektive ist der ganz große Trost in der Zeit bis dahin. Und in dieser („End“)Zeit leben wir. Diese große Perspektive darf der Christenheit nie verloren gehen; sonst geht ihr auch der große Trost verloren - angesichts der bis zum Morgen des „jüngsten Tages“ fortdauernden Machtkämpfe auf Erden.

Denn seit Kain und Abel geht es nur um die Frage: Wer ist Gewinner – und wer Verlierer. Wer macht das Rennen – und wer macht schlapp. Wer kommt an am Ziel – und wer bleibt auf der Strecke. Und auf diese letztentscheidende Frage gibt das letzte Buch der Bibel eine Antwort. Doch während auf Erden weiterhin Sieger und Besiegte sich nach einer Weile immer wieder abwechseln, steht im Himmel der endgültige Sieger schon fest. „Sieger“ ist jenes „Lamm, wie geschlachtet“, das zugleich „der Löwe aus dem Stamm Juda“ (Offbg 5,5f) ist, der „Herr aller Herren und König aller Könige“ (Offbg 17,14).

Und weil dies im Himmel schon entschieden ist, ist auf Erden noch nicht aller Tage Abend. Amen. 

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Predigt am 2. Sonntag n. Epiph.  zu 1. Kor. 2,1-10 (IV)

Paulus schreibt: "Liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. 

Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht: »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit."

Was für eine Jammergestalt – dieser Paulus. In Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern weilt er in Korinth – anstatt mit dem nötigen kräftigen Sendungsbewusstsein überzeugend aufzutreten. Und was für eine Jammerbotschaft – dieser Gekreuzigte. Damit bei den Menschen anzukommen, dürfte wohl kaum mit Erfolg gekrönt sein – anstatt mit einer Heldenfigur, mit der sich die Menschen gerne identifizieren. Und weil das alles für die ganze Kirche nur zum Schaden sein kann, sollte man diesen Paulus besser seines Amtes entheben – was ja auch manche versuchen. Sie werfen ihm vor, seine Schwachheit sei Zeichen dafür, dass er gar kein richtiger Apostel sein kann...

Auch auf kirchlichen Fortbildungen könnte Paulus lernen, wie er sein Auftreten aufpolieren kann und welche Botschaft ihm die Menschen abnehmen. Hierzu müsste er vor allem bei den Bedürfnissen der Menschen einsetzen und diese religiös oder spirituell ausdeuten und vertiefen. Denn wer bei den Menschen ankommen will, der muss auch von ihnen ausgehen; z.B. von ihrer Sehnsucht nach Glück, Erfolg, Gesundheit, Frieden, Wohlstand. Wenn auch Paulus mal zu diesen Themen etwas zu sagen wüsste – natürlich in leichter Sprache -, dann würde man ihm ganz bestimmt vielleicht zuhören… Doch stattdessen hält er „es für richtig, unter den Korinthern nichts zu wissen als allein Jesus Christus, und diesen als Gekreuzigten.“

Gewiss spielt bei ihm der auferstandene Christus eine große Rolle, denn dieser stellte sich ihm doch in einer Erscheinung vor Damaskus in den Weg – und hat des Paulus Lebensweg von Grund auf und nachhaltig verändert. Mit solch einem außergewöhnlichen und authentischen Bekehrungserlebnis könnte doch Paulus die Menschen nachhaltig begeistern – und tut es doch nicht. Was ist nur los - mit Paulus? – oder in Korinth? – Ja, in Korinth ist allerhand los.

In den drei Jahren seit des Paulus Abwesenheit ist diese Gemeinde gewachsen – und hat sich dabei nicht nur in verschiedene rivalisierende Gruppen aufgespalten (1 Kor 1,12), sondern hat auch die Botschaft von dem gekreuzigten Christus preisgegeben und durch erhabene spirituelle Weisheiten ersetzt. Die hiervon Begeisterten und Geisterfüllten, die sich selber als „vollkommen“ betrachten, fühlen sich über alles Niedrig-Irdische erhaben und wissen sich jetzt schon jenseits des Todes ins Himmlische erhoben. Als die schon Himmlisch-Vollkommenen ist ihnen auf Erden „alles erlaubt“ (1 Kor 6,12; 10,23), weshalb bei ihnen das Irdisch-Leibliche und also soziale Verantwortung füreinander und die Liebe untereinander keine Rolle mehr spielen (vgl. 1 Kor 10f). Dieser Enthusiasmus öffnet dann auch die Tür für jene Superapostel, die aus anderen Gemeinden „Empfehlungsschreiben“ vorweisen können (z.B. 2 Kor 10,12ff), und sich selber als „Engel/Boten des Lichts“ und „Diener der Gerechtigkeit“ empfehlen (2 Kor 11,14f) und Paulus sein Apostolat streitig machen, denn er habe nun mal weder himmlische Offenbarungen noch Wundertaten vorzuweisen und überhaupt mangle es ihm einfach an „Geist und Kraft“, also an Überzeugungskraft und Durchsetzungsvermögen (vgl. 2 Kor 12,1ff).

Natürlich lässt das Paulus so nicht stehen, sondern schreibt einen weiteren Brief - der jedoch keinerlei Wirkung zeigt. Im Gegenteil: Aufgrund des offensiven Vorgehens jener Superapostel sieht er sich zu einem Gemeindebesuch genötigt – der für ihn jedoch erschütternd verläuft. Denn er trifft die Gemeinde im Aufstand gegen sich an. Und weil irgendjemand aus der Gemeinde gegen ihn besonders Sturm läuft, kann er nicht mehr länger bleiben und kehrt unverrichteter Dinge wieder nach Ephesus zurück und schreibt von dort aus einen „Tränenbrief“ (2 Kor 10-13). Darin kämpft er einen schier verzweifelten Kampf gegen jene aufgeblasenen und erfolgreichen Superapostel und für die Gemeinde in Korinth, die deren Auftreten und Aufgeblasenheit nahezu erlegen ist. Titus, des Paulus Freund, überbringt diesen Brief – diesmal nicht ohne Wirkung. Als Titus zurückreist, reist ihm Paulus ungeduldig entgegen und erfährt erleichtert: Die Gemeinde ist zur Einsicht und zur Umkehr gekommen. Daraufhin schreibt Paulus einen überschwänglichen „Versöhnungsbrief“ (2 Kor 1,1-2,14;7,5-16), in dem er darum bittet, auch jenem aufgehetzten Gemeindeglied zu verzeihen. Schließlich reist Paulus nochmals nach Korinth und trifft hier eine Gemeinde in Frieden an – und schreibt den bekannten „Brief an die Gemeinde in Rom“.

Die urchristlichen Zeiten waren also gemeindeintern ziemlich turbulente Zeiten Denn immer wieder geht es auch um die Frage: Was ist der Inhalt des Evangeliums? Ist es eine religiöse Weisheit? – wie für die Korinther. Oder ist es eine moralische Vollkommenheit? – wie für die Galater. Vor allem Paulus hat hier die wegweisende Auseinandersetzung zu führen – und weist dabei immer wieder hin auf den gekreuzigten Christus – als Geheimnis und Weisheit Gottes.

Doch gerade dieses Geheimnis und diese Weisheit Gottes sind durch des Menschen Weisheit nicht einsehbar. Der Geist Gottes muss unserem Geist „zufällig“ das Geheimnis und die Weisheit Gottes im Gekreuzigten eröffnen. Ansonsten bleibt der Gekreuzigte vielleicht ein Spiegel menschlicher Erbarmungslosigkeit – ist aber niemals der Abgrund göttlichen Erbarmens. Ist er ein Spiegel menschlicher Erbarmungslosigkeit, dann will man hier nicht hineinschauen. Ist er der Abgrund göttlichen Erbarmens, dann kann man sich gar nicht genug in ihn hinein versenken – was Paulus tut und dabei etwas Entscheidendes erkennt: Da dreht sich etwas um. Was der Mensch in scheinbarer religiöser und politischer Weisheit tut, das ist eigtl. Torheit aufgrund von Blindheit (V 8). Und was Gott in scheinbarer Torheit am Kreuz geschehen lässt, darin verbirgt sich seine tiefe Weisheit und offenbart sich seine abgründige Liebe.

Aber für dieses Geheimnis Gottes kann allein der Geist Gottes die Augen öffnen. Doch dafür den Boden zu bereiten, ist Paulus als Apostel berufen und gesandt, indem er dieses Geheimnis Gottes vor den Menschen in aller Freimütigkeit (vgl. Eph 6,20) und Nüchternheit (1 Thess 5,8) und Klarheit (vgl. 1 Kor 14,19) bezeugt – ohne die Menschen davon überzeugen oder überreden zu wollen. Denn sonst würde alles auf seiner Überredungsgabe und Überzeugungskraft gründen – und damit auf menschlicher Rhetorik und Psychologie. Paulus dürfte und müsste dann ständig attraktiv und effektiv nachlegen und noch eins draufsetzen, um die Gemeinde bei Laune und bei Stange zu halten. Dann aber wäre er nicht mehr Apostel, nicht mehr Gesandter seines Herrn, sondern spiritueller Entertainer – wie vielleicht jene Superapostel, welche in Korinth mit ihren erhabenen Weisheiten sich selbst glänzend anbieten und die Menschen betören. Die Mitte ihrer Weisheit ist die Botschaft, dass man mit dem auferstandenen Christus schon alles Irdische und damit auch Leid, Elend, Tod schon hinter sich gelassen habe. Alles sei schon ins Licht getaucht; man müsse es nur richtig erkennen.

Hingegen schreibt Paulus an die Gemeinde in Philippi: „Christus möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.“ Für Paulus steht da noch etwas aus, weshalb er auch an der erfahrbaren und bedrängenden irdischen Wirklichkeit festhält –und sie gerade bei dem Gekreuzigten entmnachtet sieht! Denn unter dem Mantel scheinbarer Torheit, verbirgt sich hier Gottes Weisheit. Unter dem Mantel scheinbarer Schwachheit verbirgt sich hier Gottes Kraft. Unter dem Mantel menschlichen Unheils verbirgt sich hier Gottes Heil für den Menschen. Und so erkennt es Paulus nicht nur am Gekreuzigten, sondern erfährt es auch an sich selber – und schreibt deshalb im Blick auf sein angeblich schwaches Auftreten: „Wir haben aber diesen Schatz (des Evangeliums) in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.“ (2 Kor 4,7) Gefäß ist Paulus – und damit als Mann durchaus jener Frau ähnlich, die sich auch so verstanden hat: Maria, des Herrn Magd - Paulus, ein Diener Jesu Christi.

Und was Maria als Mutter austrägt und wovon Paulus als Apostel erfüllt ist, das „äußert“ sich von selber. Deshalb hat Paulus bei seinem Auftreten in Korinth dem Geist und der Kraft Gottes Raum gegeben – und sich selber zurückgenommen. Ist nicht hochgescheit, hochgebildet, hochintelligent, hochbegabt, hochmütig aufgetretenen. Wollte nicht überzeugen, sondern die in der Torheit und Schwachheit des gekreuzigten Christus verborgene Weisheit und Kraft Gottes bezeugen, die dann am Ostermorgen zutage kam.

Deshalb hat es ihm auch nichts ausgemacht, als man ihn seiner schwachen und törichten Erscheinung wegen unter den Korinthern verächtlich machte. Und seltsamerweise war es gerade dieser schwache und törichte Apostel, der Christus unter den Menschen mehr bekannt gemacht hat, als irgendein anderer(vgl. 2 Kor 11,23). Schon allein das müsste zu denken geben.

Wenigstens in der Kirche! Amen.

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Predigt am 1. Sonntag n. Epiph. zu 1. Kor. 1,26-31 (IV)

  Paulus schreibt:  "Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, damit, wie geschrieben steht: »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«"

Wir haben doch alle Augen im Kopf – und sehen, was vor Augen ist: wer etwas ist – und wer wohl nichts ist; wer etwas darstellt – und wer nicht; wer etwas vorzuweisen hat – und wer nicht. Und danach beurteilen wir die Menschen. Es ist deshalb entscheidend, dass man etwas aus sich macht, damit man etwas ist - vor den Augen der andern. Denn wir haben alle Augen im Kopf und gehen nach dem, was da vor Augen ist. Und wenn da nicht viel ist oder gar nichts, dann übersehen und übergehen wir einen Menschen ganz schnell - seiner Bedeutungslosigkeit wegen. So sind wir Menschen – nun mal.

Ist Gott auch so? Gewiss: ER sieht hinter die äußeren Kulissen und schaut ins Herz. Aber was ER da sieht, ist doch dasselbe, was wir vor Augen hat. Das Innere bildet sich doch ab im Äußeren. Gott sieht also dasselbe. Aber im Gegensatz zu uns geht ER nicht danach! Weder die äußere Erscheinung noch die inneren Qualitäten eines Menschen sind vor Gott entscheidend in seiner Wertung, in seiner Bewertung eines Menschen. Sonst müsste seine Gemeinde, sein Volk, seine Kirche die Elite der Welt; also die ausgesucht Besten sein, die sich in ihren Qualitäten von dem Rest der Welt deutlich abheben. Hingegen soll mal jemand ironisch und zutreffend gesagt haben: Das Schiff der Kirche sei aus lauter „Nieten“ zusammengehalten. Und diese doppelte Bedeutung, dieses Teekesselchen von „Nieten“ trifft zu. Die Nieten, auf denen keinerlei eigener Wert steht, sind zugleich die Nieten, die das Schiff der Kirche zusammenhalten. – und das trifft auch auf die Gemeinde in der Hafenstadt Korinth zu.

Zu ihr gehören zumindest mal nicht viele gebildete, einflussreiche, angesehene Leute, sondern größtenteils einfache Hafenarbeiter. Kulturell, wirtschaftlich, sozial ohne große Chancen zum Aufstieg und zur Karriere. Vor den Augen der Welt stehen sie eher auf der vergessenen Seite der Verlierer. Gemessen an dem, was ihnen an öffentlicher Achtung und Beachtung entgegengebracht wird, sind sie ein Nichts, ein Nobody. Denn sie können von sich aus nichts vorweisen, was nennenswert, beachtenswert wäre. Dementsprechend ist auch das Selbstwertgefühl solcher Menschen.

Was soll Paulus mit und aus ihnen machen, wenn er was machen will? Er könnte sich aus Nächstenliebe oder Mitleid zu ihrem Erfolgstrainer, zu ihrem „Coach“ erklären. Vielleicht schafft er es, sie groß rauszubringen. Dann müsste er das mögliche Entwicklungspotential der Korinther erheben, eine Erfolgsstrategie mit ihnen und für sie entwickeln und durch Förderung und Optimierung ihrer Leistungsfähigkeit ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl steigern - was zumindest mal gut klingt.

Aber Paulus ist kein Coach; kein Erfolgstrainer. Er ist ein Apostel, ein Gesandter Jesu Christi. Er steht in dessen Dienst und handelt in dessen Auftrag und ist von diesem berufen und gesandt, das Evangelium, die frohe Botschaft von Jesus, dem Christus, Messias, dem Gesalbten Gottes zu verkündigen.

Und diese Botschaft setzt nicht beim Menschen ein, sondern bei Gott. Sie setzt nicht bei dem ein, was ein Mensch macht oder aus sich machen kann und also einen Menschen ausmacht, sondern bei dem, was Gott tut – für uns. Wir treten damit in die zweite Reihe – auch wenn es uns kränkt. Denn wenn man beim Menschen beginnt, dann bleibt man auch beim Menschen hängen, bei seinen Fähigkeiten und wie unfähig er ist, bei seinen Möglichkeiten und wie unmöglich er ist.. Gott ist dann höchstens der Menschen- und Weltverbesserer. Er fördert das Gute im Menschen und macht den Menschen besser. Dann ist Gott ein Coach, ist Mittel zum Zweck; Gott – eine nützliche moralische Funktion!

Paulus sieht jedoch nicht zuerst auf den Menschen: Was der alles für sich tun und aus sich machen könnte. Er sieht zuerst auf Gott: was der getan hat durch Christus für uns. Von Christus her fällt deshalb das Licht Gottes auf uns – und zwar auch und gerade auf jene, die auf der Schattenseite des Lebens stehen und deshalb von Menschen leicht übersehen werden. Durch Christus werden auch und gerade sie erwählt und in Christus hineinversetzt.

Und woher weiß Paulus das so genau? Er hat seinen Herrn vor Augen - und den hat er doch als Evangelium, als frohe Botschaft den Korinthern gepredigt. Der galt vor der Welt nichts – und wurde doch von Gott bei der Taufe erwählt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Der wurde von der Welt erniedrigt zum Tod am Kreuz – von Gott aber erhöht zu seiner Rechten.

Wie also Menschen „vor der Welt“ dastehen und in den Augen der Welt erscheinen, spielt vor Gott keine Rolle. Eher gilt sogar das Gegenteil: „Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist…“ Das ist allerdings ein starkes Stück, wenn Paulus meint, Gott habe durch Christus „zuschanden“, „zunichte“, zum Nichts gemacht alles, was unter Menschen besonders zählt: Bildung, Einfluss, Macht, Ansehen. Aber warum macht Gott das alles zunichte? Gewiss: Bildung verführt leicht zu Einbildung und Dünkel; Einfluss verführt leicht zur Beeinflussung und Manipulation anderer, Macht verführt zu ihrer Bemächtigung und Beherrschung; und mit dem Ansehen will man oftmals nur sichtbares Aufsehen erregen. Denn für einen Menschen zählt eben vor allem, was vor Augen ist. Aber eben nicht vor Gott.

Deshalb macht Gott durch Christus alles zunichte, was aus eigener Kraft bestehen möchte; Paulus nennt das „Fleisch“. Und in dieser Nichtigkeit vor Gott sind alle Menschen gleich. Vor Gott kann keiner mehr sich dem anderen gegenüber irgendwelcher Vorzüge rühmen. Aber Gott tut das eben nicht, um zu vernichten, sondern um ein Neues zu schaffen, geschaffen aus der Kraft Gottes und bestehend in der Kraft Gottes. Nur was Gottes Schöpferkraft aus dem Nichts schafft, kann auch vor ihm bestehen, weil es durch IHN ist. So ruft ER aus dem Nichts die Welt ins Dasein. So weckt ER die Toten auf. So sucht ER die Verwaisten und macht sie zu seinen Kindern. So schafft ER etwas Bleibendes – durch Christus. Ich bin jemand, weil ich durch Christus vor Gott jemand bin.

In diesem Sinne macht er die Letzten zu den Ersten; macht aus dem letzten Dreck ein Stück Gold. Angefangen hat alles mit der Erwählung Israels als eines absolut unbedeutenden Volkes. Entsprechendes geschieht mit der Erwählung Marias als einer absolut unbedeutenden Frau. Und der dann aus ihrem Schoß in einem Viehstall geboren wird, ohne festen Wohnsitz unter den Menschen weilt, und dessen zeitliches Leben vor den Augen der Welt ohne Ruhm und Ehre endet – gerade dieser vor den Augen der Welt Bedeutungslose wird von Gott aus den Toten gerufen und eingesetzt zum Herrn der Welt – und ist „uns von Gott gemacht zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung…“ Und weise, gerecht, heilig und erlöst sind alle, die sich ihm anvertrauen und damit „in Christus“ sind; und damit „eine neue Kreatur“ – mitten in der alten Welt. Ich bin ein in und durch Christus von Gott neu geschaffener, erwählter, geliebter, begnadigter, geheiligter Menschen. Alles, was Christus ist, das bin ich auch. Denn was er ist, das ist er für mich. Und was ER mir schenkt, das kann mir niemand rauben.

Was ich in und durch Christus bin, stellt darum alles in den Schatten, was ich von mir aus und aus mir heraus sein kann, was ich aus eigener Kraft aus mir machen will. „An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd. Was Christus mir gegeben, das ist der Liebe wert“, jubelt Paul Gerhard – im Gefolge von Paulus. Das hat nichts mit Selbstverachtung zu tun, sondern ist gerade ein ganz anders begründetes Selbstwertgefühl und führt zu einem völlig anderen Selbstbewusstsein. Es hat „in Christus“ seinen Ursprung – und nicht in mir selbst. „In Christus“ werde ich mir selbst geschenkt, empfange ich mich selbst. Forthin bin ich mir selbst als ein Mensch bewusst, der sich Christus verdankt. Mein Selbstwert gründet deshalb darin, dass mich Christus wert geachtet hat. Mein Leben gründet nicht mehr auf der Wertigkeit, die ich ihm verleihe. Ich lebe nicht mehr aus mir selbst. Christus ist mein Leben. Und dieses in Christus verborgene Leben kann mir niemand nehmen – ich aber kann mich annehmen mit meinen Fehlern und Schwächen. Die haben nicht mehr das letzte Wort. Das letzte Wort ist schon gesprochen: In meiner Berufung durch die Taufe. Da wurde ich hineingetauft in Christus und habe seither Wohnrecht und Bleibrecht in ihm – wie alle, die sich durch die Taufe berufen und voller Vertrauen in Dienst nehmen lassen.

Und weil Gott niemand aus irdischen Gründen ausschließt, gehören dazu auch gebildete, einflussreiche, angesehene Leute. Auch diese nimmt er in seinen Dienst, um durch sie zu wirken. Was an Glanz und Leistung und Erfolg in der Kirche vorhanden ist, muss deshalb nicht künstlich tiefgestapelt oder gar schlechtgeredet werden. Es erscheint aber in einem völlig neuen Licht: es dient dem Ruhm und der Ehre Gottes. Weil Gott mich „entrühmt" hat, wie jemand zutreffend meinte, und ich also befreit bin von dem Zwang, „berühmt“ werden zu müssen, bin ich auch nicht mehr zum zwanghaften Erfolg verdammt oder zum kläglichen Scheitern verurteilt. Alles, was ich bin, das bin ich durch Christus. Weil ich nicht selber etwas aus mir machen muss, kann ich für andere etwas machen, mich für sie einsetzen. Weil ich mich nicht immer nur um mich kümmern muss, kann ich mich um anderen kümmern. Auch mit der Macht und Weisheit, mit dem Reichtum und Ansehen, das mir zuteil wurde. Und wenn sich Erfolg einstellt, wenn jemand glanzvolle Taten vollbringt, wenn jemand Begabung und Talent hat, - dann soll er ruhig sein Licht vor den Leuten leuchten lassen und nicht verschämt unter einen Scheffel stellen. Denn seine Begabung, seine Leistung, sein Erfolg weiß er als ein Geschenk und Gabe Gottes, um damit Bote Gottes und Zeuge Jesu Christi zu sein. Und dann bleibt nur noch eines: Gott dafür zu danken und IHN dafür zu loben und allein IHNzu rühmen – vor den Augen und Ohren der Welt. Amen.

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Predigt zur Jahreslosung 2018

 „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

So lautet das biblische Wort aus Offbg. 21,6b für das neue Jahr 2018.

 Ohne Wasser - kein Leben. Denn Wasser ist die Voraussetzung für Leben, denn alles Leben kommt aus dem Wasser – und so auch jedes menschliche Leben aus dem Fruchtwasser. Ohne Wasser vertrocknet und verdorrt alles Lebendige auf Erden; stirbt ab.

Nicht nur in biblischer Zeit, sondern erst recht in unserer Zeit wird um den Zugang zu Wasser gestritten - bis hin zum Wasser des Jordan. Durch die zunehmende Privatisierung der Wasserquellen wird aus einer elementaren Lebensvoraussetzung ein gewinnträchtiges Geschäft. Und wenn es ums Geschäft geht, dann gibt es nichts umsonst. Nahezu alles Trinkwasser muss man kaufen – denn nahezu alle wichtigen Quellen sind durch den Aufkauf von Grund und Boden privatisiert. Und wer über die Wasservorräte auf der Erde verfügt, der verfügt letztlich über die Macht zu entscheiden, wer leben darf – und wer nicht. Denn ohne Wasser – kein Leben.

Da jedoch aus all unseren Wasserhähnen jederzeit genügend aufbereitetes Brauchwasser fließt, fällt uns das alles kaum auf. Und außerdem ist die Brauchwasserversorgung zum Glück immer noch in der „öffentlichen Hand“. Der scheinbare gesicherte Überfluss an Brauchwasser lässt uns jedoch auch wenig sorgfältig damit umgehen – und auch dessen Kostbarkeit ist uns aufgrund der scheinbar ständigen Verfügbarkeit kaum bewusst. Bewusst wird es uns immer erst dann, wenn von der „Belastung“ dieses Wassers die Rede ist, und es als mögliches Trinkwasser – vor allem für Kleinkinder – erst recht nicht mehr in Frage kommt. Auch dann dämmert uns: Ohne Wasser – kein Leben. Denn Wasser ist - wie Feuer, Luft und Erde - elementar für das das Leben – und darum überlebenswichtig.

Und zwar zunächst einfach mal für das physische, für das leibliche Leben. Aber was für das leibliche und also für das „äußere“ Leben gilt, das gilt auch immer für das seelische und also für das „innere“ Leben. Und so wird in der Bibel vieles „Äußere“ zu einem gleichnishaften Bild für etwas „Inneres“. Und also auch – das Wasser. Auch ein Mensch kann innerlich, seelisch vertrocknen, verdursten, weil etwas so Elementares wie „Wasser“ fehlt. Da wir jedoch sehr stark nach außen und also an der äußeren Wasserversorgung orientiert sind, vergessen wir oftmals das „Wasser“ als ein lebensnotwendiges Element des inneren Lebens – und dann vertrocknet und verdurstet etwas in uns, in unserer Seele, in unserem Leben. Vielleicht sogar, ohne dass wir es merken, weil uns der scheinbare Überfluss des „äußeren Wassers“ davon ablenkt und dies vergessen lässt.

Vielleicht muss der innere Durst nach dem lebendigen Wasser – auch in der Kirche - erst wieder in uns geweckt werden. Vielleicht auch dadurch, dass uns wieder klar wird, wie elementar lebenswichtig das äußere Wasser für unser Leben ist.

Wenn nun der Seher Johannes den auf dem Thron hört sagen: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“, dann ist dieses biblische Wort die Verheißung Gottes, dass die Lebensdurstigen nicht verdursten werden – und es ist zugleich der Hinweis, dass allein dieses „lebendiges Wasser“ zum Leben führt, also Wasser, das aus einer Quelle kommt, aus Gott selbst hervorquillt als dem Ursprung des Lebens. Es ist kein menschlich aufbereitetes Brauchwasser. „Denn bei DIR ist die Quelle des Lebens…“,  bekennt der Beter eines Psalms vor Gott (Ps 36,10). Und beim Propheten Jeremia ist umgekehrt zu hören: „Denn du, HERR, bist die Hoffnung Israels. Alle, die dich verlassen, … verlassen den HERRN, die Quelle des lebendigen Wassers.“ (Jer 7,13) Und wenn der Propheten Sacharja andeutet: „Zu der Zeit werden lebendige Wasser aus Jerusalem fließen und der HERR wird König sein über alle Lande.“ (Sach 14,8), dann sieht das der Seher Johannes, wenn er zu Beginn der Offenbarung schreibt: “denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers…“ (Offbg 7,17) und am Ende: „Und ER zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes.“ (Offbg 22,1) Und den Johannes hier als „Lamm“ sieht, der sagt selber am Jakobsbrunnen zu einer Frau: „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser.“ (Joh 4,10) Und am letzten Tag des Laubhüttenfestes ruft Jesus in die Menge der Menschen: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Joh 7.37f)

Dann gibt es also dieses lebendige und darum Leben schaffende Wasser nicht nur umsonst von dem, der als „Quelle des Lebens“ die „Gabe Gottes“ in Person ist, sondern dieses Wasser strömt auch auf andere über und kommt ihrem Leben zugute; lässt sie nicht verdorren, lässt sie nicht verdursten. Denn wie Gott gibt, so wird auch ein Mensch, der von Gott etwas empfangen hat, davon weitergeben – und es nicht allein für sich behalten; es nicht „privatisieren“. Christliches Leben ist immer gemeinsames Leben. Darum gestaltet sich dieses „lebendige“ und also Leben schaffende Wassers in der Liebe. -Denn das Wesen dieses Wassers ist die Liebe.

Und wie das natürliche und irdische Leben jedes einzelnen im Fruchtwasser beginnt, so beginnt das christliche und geistliche Leben im Taufwasser. Da wird ein Mensch in die "Quelle des lebendigen Wassers" hineingetacht. Forthin gilt - nicht nur auf Durststrecken - die Zusage Gottes:

"Ich will dem Durstigen geben von der Queller deslebendigen Wassers umsonst." Amen.

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Predigt am Altjahrsabend zu 2. Mose 13,20-22 (IV)

  So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Man lagert am Rande der Wüste. Hinter sich das ägyptische Kulturland – und vor sich die steinige Wüste. Hinter sich Knechtschaft und Fleischtöpfe – und vor sich Entbehrung und Freiheit. Und immer wieder schwankt man zwischen der Erinnerung an die angeblich ach so gute alten Zeit in Ägypten und der Hoffnung auf das von Gott verheißene, aber unbekannte Land. Und dazwischen die Wüste, an deren Rande man lagert – und bei deren Anblick man sich fragt: Was kommt da noch alles auf uns zu? Werden wir diese Herausforderung bestehen? Und wird ER, der uns hat ausziehen lassen aus Ägypten – mit uns weiterziehen? Kennt er sich aus mit „Wüste“– oder ist er nur mit „Kultur“ vertraut? Führt er uns – oder verlässt er uns?

Denn erst recht in der Wüste steht alles immer wieder Spitz auf Knopf und damit auf der Kippe – und man weiß nicht, wohin es fällt. Nicht nur das Volk hat darum immer wieder mal von Mose, sondern auch Mose immer wieder mal von dem Volk - genug. Und alle haben von diesem verborgenen Gott genug, der diesem Volk und Mose immer nur seine Treue zusagt und ein schier übermenschliches Vertrauen fordert. Und so wird die Zeit der 40-jährigen Wanderschaft durch die Wüste eine Zeit der Bewahrung und Bewährung.

Und das von Anfang an. Denn kaum hat der Pharao die Israeliten ziehen lassen, da besinnt er sich eines anderen und will seine dienstbaren Sklaven wieder mit militärischer Gewalt zurückholen. Und Israel – die Soldaten des Pharao im Rücken und das erste schier unüberwindbare Hindernis des Schilfmeeres vor Augen - sagt zu Mose: „Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? Haben wir's dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben.“ (2 Mose 14,11f) – Und so geht das 40 Jahre weiter – beim Volk und bei Mose. Israel erlebt 40 durchwanderte Jahre mit Abwegen und Irrwegen – und lernt gerade in dieser Zeit wie anschließend nie mehr, worauf es entscheidend ankommt: Auf das beständige Vertrauen in Gottes Führung und Bewahrung, denn nur dadurch wird die stets vorhandene Angst überwunden - und werden auch noch die schwersten Lebenserfahrungen zu prägenden Gotteserfahrungen.

Und solche Erfahrungen haben alle eines gemeinsam: Sie geschehen meist „am Rande“. Wenn plötzlich Unerwartetes auftaucht und Menschen nicht mehr weitersehen und nicht mehr weiterwissen: da führt ER weiter, die sich IHM anvertrauen. Am Rande taucht ER „zufällig“ auf, an der Grenze – als ob ER eine „Randerscheinung“ wäre und es auf „Grenzerfahrungen“ mit IHM abgesehen hätte - und ER es darauf ankommen lassen will. Denn am Rande und an der Grenze ist das Vertrauen am meisten herausgefordert, sich auf den Unsichtbaren und Unverfügbaren und Unberechenbaren einzulassen und sich der Verheißung seiner Treue und Fürsorge anzuvertrauen. Ob das gelingt, steht niemals fest. Israel ist es öfters nicht gelungen. Es blieb öfters in der eigenen Sorge um sich selbst und in der Angst vor der Zukunft stecken – und hat mit Mose und Gott gehadert.

Und zugleich steht, was Israel 40 Jahre lang mit seinem Gott auf dieser dramatischen Wanderschaft durch die Wüste erfährt, im Kontrast zu den Religionen der anderen sesshaften Völker. Deren Götter sorgen für Wetter und Wachstum, sorgen für die Fruchtbarkeit der Erde. Deshalb sind es vorwiegend verschiedene Muttergottheiten, welche den Wohlstand und die Wohlfahrt des Landes garantieren. Und diese standen spätestens mit der Sesshaftwerdung Israels im verheißenen Land in großem Konflikt mit dem einen und einzigen Gott, der das wandernde Gottesvolk bisher begleitet und geleitet hat. Sollte er am Ziel der Wanderschaft nicht ausgedient haben?!

Doch weiterhin kennt Israel nur den EINEN und EINZIGEN - zuständig für ALLES; auch für die Natur; aber vor allem macht er immer noch Geschichte mit seinem Volk. Und im Lauf dieser Geschichte ist ER das große und persönliche „Ich“; spricht sein Volk an und lässt es wissen: „Ich bin der Herr, deine Gott…“ Und ER ist selber ansprechbar als das große und persönliche „DU. Und diese „Ich-Du-Beziehung“ beruht auf Treue und Vertrauen – und das ist das Entscheidende im Laufe dieser Geschichte. “. Wie ER selber vor allem Mund und Ohr ist, darum hat ER auch den Menschen mit Ohr und Mund geschaffen. Aber auch das Auge hat er geschaffen. Und so bekommt Israel neben dem zugesagten Wort der Treue auch Zeichen der Treue Gottes mit auf den steinigen Weg: „Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.“

Mit Israel hat auch die christliche Kirche von Anfang an dieses zeitliche Leben als eine Wanderschaft, als eine Pilgerschaft verstanden – mal durch Wüste, mal durch Wohlstand. Beides gilt es zu durchschreiten – und schließlich hinter sich zu lassen. In beidem kann man sich aber auch verirren und verkommen. Karge Zeiten können das Gemüt leicht bitter machen - und üppige Zeiten die Sinne schnell betören.

Aber Wüste oder Wohlstand - das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist vielmehr die Frage: Wissen wir uns auf dem Weg – und zu welchem Ziel? Wo geht’s lang und wo geht’s hin - in kargen oder üppigen Zeiten? Israel hat besonders auf seiner Wanderung durch die Wüste von dem gegebenen Wort der Verheißung und von den wegweisenden Zeichen gelebt; sonst hätte es die Wüste gar nicht überlebt – hingegen stand es später in der Zeit seiner Sesshaftigkeit und des materiellen Wohlstands immer in der Gefahr, seinen Gott zu vergessen und den Göttern der Fruchtbarkeit und des Wachstums zu huldigen – was besonders die Propheten gesehen und beklagt haben.

Die uns gegebenen Zeichen der Treue Gottes auf unserer Wanderschaft sind zwar keine Wolkensäule und Feuersäule - dafür aber die Hlg. Taufe und das Hlg. Abendmahl. Das Sakrament der hlg Taufe stellt uns auf den Weg der Nachfolge Christi – und das ist kein einfacher Weg und kann in und durch die Wüste führen und also auch karge Zeiten einschließen. Und das Sakrament des Hlg. Abendmahls ist die notwendige Wegzehrung auf diesem Weg, auf dieser Wanderschaft durch die Zeit zur Ewigkeit. „Das stärke und das bewahre euch im Glauben zum ewigen Leben“, ist deshalb immer wieder zu hören.

Und die hlg. Taufe und das hlg. Abendmahl sind für die Kirche wie die Wolken- und Feuersäule für Israel: Zeichen der unverbrüchlichen Treue Gottes; Zeichen für den „Immanu-el“, für den „Gott mit uns“. Denn Zeichen sind nicht die Sache selber, sondern zeigen auf die Sache oder auf eine Person hin. Und wie die Wolken- und Feuersäule auf den mitgehenden Gott zeigten, so zeigen auch Taufe und Abendmahl auf den „Gott mit uns“, dessen Treue immer noch verlässlich ist und im Vertrauen ergriffen und festgehalten sein will und der in Jesus, dem Christus, uns immer noch zusagt: „Siehe, ich bin bei euch, ich bin mit euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Amen.

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Predigt am Christfest zu 1 Joh. 3,1-6 (IV)

  Johannes schreibt: "Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, daß wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.  Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. 

Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wißt, daß er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und, in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt."

Wir sind Menschenkinder, sind Kinder von Adam und Eva, sind von Erde genommen und werden wieder zu Erde - auch wenn wir uns manchmal wie unsterbliche Götter gebärden. In einem Liebesakt werden wir gezeugt und unter Schmerzen geboren - auch wenn die technische Zeugung in der Petrischale und die schmerzfreie Geburt inzwischen möglich sind. Egal: Wir sind Menschenkinder – Kinder von Menschen durch Menschen. In unserer menschlichen Natur liegt der Ursprung unseres natürlichen Menschseins – als Kinder von Adam und Eva. Und deren Namenstag ist - der 24. Dezember!

Und wir bleiben Menschenkinder, können von uns aus die Grenzen unseres Menschseins nicht überschreiten; können uns selbst nicht zu Gotteskinder machen. Sonst würde unsere Gotteskindschaft in unserer Menschenkindschaft gründen und aus ihr hervorgehen – wäre ihre menschenmögliche Fortsetzung und bliebe an sie gebunden im Wollen und Vollbringen! Menschenkinder sind und bleiben wir also von uns Menschen aus; wenn aber Gotteskinder, dann nur von Gott aus. Von Gott muss etwas ausgehen und bei uns ankommen. –

Und von IHM ist „etwas“ ausgegangen und bei uns angekommen. Und was? „So sehr hat Gott diese Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“, bezeugt der Evangelist Johannes; und Paul Gerhard singt: „Nichts, nichts hat dich getrieben zu mir vom Himmelszelt als das geliebte Lieben…“ (EG 11,5) Dann ist es also die Liebe, die im Herzen des Vaters den Sohn „gezeugt“ hat (vgl. Nicänische Glaubensbekenntnis: „genitum non factum“/„gezeugt, nicht geschaffen“), um uns von Herzen leibhaftig nahe zu sein, uns deshalb aufsucht, heimsucht und uns beheimatet in seinem Herzen. Und nur die Liebe ist fähig, ganz tief „hinabzusteigen“ um sich des andern zu erbarmen, ihn zu „unterfangen“ – und sei er noch so tief gefallen, noch so verloren, noch so verkommen (vgl. EG 41,3).

Und also ist der Vater aus Liebe zu uns hinabgestiegen im Sohn. Und dessen Gedenktag ist einen Tag nach Adam und Eva - am 25. Dezember. Unter für IHN höchst unwürdigen Verhältnissen kommt er in einem schmutzigen Stall zur Welt, weil in der Welt sonst kein Raum für IHN ist. Und unter für IHN noch unwürdigeren Verhältnissen scheidet ER an einem schändlichen Kreuz aus dieser Welt, ausgestoßen aus der heiligen Stadt (vgl. Hebr 13,12). Was ER dabei auf sich nimmt, was er trägt und erträgt und erleidet, das zeugt von des Menschen Sünde; zeugt davon, dass unsere ursprüngliche Gottesebenbildlichkeit entstellt und verzerrt ist -und zeugt zugleich von einer unwiderstehlichen Liebe, um aus uns wieder zu machen, was wir von uns aus nicht mehr sind: Kinder Gottes Durch den Sohn Gottes werden Adam und Eva, werden wir Menschenkinder wieder Gotteskinder. Denn „dazu ist ER erschienen damit er die Sünden wegnehme“, schreibt Johannes (V 5; vgl. Joh 1,29). Die Krippe zielt also aufs Kreuz. Das Kreuz geht aus der Krippe hervor. Das eine gibt es nur mit dem anderen; wie auch unsere Gotteskindschaft nur durch seine Gottessohnschaft. „Du unser Heil und höchstes Gut, vereinest dich mit Fleisch und Blut, wirst unser Freund und Bruder hier, und Gottes Kinder werden wir.“ heißt es in einem Weihnachtslied (EG 42,6).

Und unsere Gotteskindschaft beginnt mit unserer Berufung im Sakrament der heiligen Taufe (vgl. 1 Joh 2,20.27: „Salbung“?). Da werden wir IHM als „Glieder“ „einverleibt“ (vgl. 1 Kor 12), um seinem „Bild“ gleich zu sein (vgl. Röm 8,29) – um also durch seinen Tod der Sünde abzusterben und durch seine Auferstehung von den Toten an seinem Leben teilzuhaben. Umgekehrt nehmen wir IHN in uns auf: „Wie viele IHN aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden“, bezeugt der Evangelist Johannes (Joh 1,12).

Wenn also unsere Gotteskindschaft die „Erweisung“, die „Gabe“ der Liebe Gottes ist (V 1), dann hat sich damit unser Menschsein in seiner Tiefe verändert und unser Leben hat eine ganz neue Qualität: Vor Gott – „coram deo“ - sind wir Gotteskinder; in den Augen von Menschen  immer noch „nur“ Menschenkinder. Denn von der „Welt“ aus ist unsere Gotteskindschaft nicht einsichtig – wie denn auch!? -, sondern nur von jner Liebe Gottes aus, die durch die Kraft des Heiligen Geistes in der „Jungfrau“ Maria unser Fleisch und Blut annimmt und als Sohn Gottes zur Welt kommt -; was von „der Welt“ aus ebenfalls nicht einsichtig ist – wie denn auch!? Ohne den Sohn Gottes bleiben wir, was wir „von Natur aus“ sind: Kinder von Adam und Eva; Menschenkinder, deren Gottesebenbildlichkeit durch die Sünde verzerrt, entstellt ist und bleibt – wie der Zustand der Welt klar zu erkennen gibt.

Dabei gehen für Johannes Sünde und Unrecht („Anomia“) ineinander über; dass also etwas nicht so ist, wie es recht und richtig ist, wie es eigentlich und ursprünglich sein soll. Und das zeigt sich für Johannes vor allem in der Lieblosigkeit -und in der Lieblosigkeit  zeigt sich die Gottlosigkeit „der Welt“ (1 Joh 4,7ff). Man will über den andern herrschen – und nicht ihm dienen. Die Liebe hingegen steht im Dienst des andern und beugt sich tief zu ihm hinab. Kinder Gottes haben die Lieblosigkeit der Welt überwunden, denn sie leben - „angstfrei“ und „furchtlos“ (vgl. 1 Joh 4,18) - aus und in und von der Liebe Gottes, die in Christus sich tief zu uns hinabgebeugt hat, um uns zu dienen (Joh 13,4ff). Forthin zeigt sich wahre Größe in der Bereitschaft zum Dienst (vgl. Lk 9,46; 22,34) – wie bei Jesus, so auch unter den Seinen (Joh 13,15). In ihrer dienstbaren Liebe zeigt sich ihre Zugehörigkeit zu Christus. Lieblosigkeit und Gehässigkeit (vgl. 1 Joh 2,9; 4,20) ist den Kindern Gottes fremd (V 3), denn sie entspricht nicht dem Sohn Gottes. Und wollten sie  einander nicht dienen, sondern übereinander herrschen, dann hätten sie ihren Herrn so wenig erkannt wie „die Welt“ ihn kennt (vgl. V 6). -

Doch auch wenn wir als Kinder Gottes in der Liebe leben und bewusst Lieblosigkeit und Gehässigkeit, Unrecht und Sünde meiden und dies auch spürbar und sichtbar wird, so ist unsere Gotteskindschaft doch nicht nur „der Welt“ verborgen, sondern auch uns selbst. Wir hören es zwar, dass wir Gottes Kinder sind, „sehen“ es aber noch nicht, denn“ es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (V 2)

Ihm gleich zu sein – das ist das Ziel unserer Gotteskindschaft; und geschieht dadurch, dass wir IHN sehen wie ER ist. Im endgültigen Sehen, im Schauen, im Erschauen nehmen wir IHN auf und werden hineinverwandelt in sein Bild; die Kinder Gottes werden endgültig dem Sohne Gottes gleich. Und wenn der Evangelist Johannes schon von dem fleischgewordenen Wort bezeugt: „…und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ – was muss dann das für ein „Sehen“ sein, durch das wir endgültig in IHN hineinverwandelt und ihm gleich sein werden!

Doch bis dahin gilt: Wir sind zwar „gezeugt“ als Kinder Gottes und wachsen im Verborgenen des “Leibes Christi“ als „Glieder“ heran – aber wir sind noch nicht endgültig „geboren“. Da ist mit uns etwas im Schwange – wie mit der ganzen Welt. Was wir bei Gott schon sind, ist auch vor uns selbst noch nicht zum Vorschein gekommen. Und wenn Johannes schreibt, dass „wir ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist“, so beginnt dieses „Sehen“ doch jetzt schon für ihn im Erkennen der Liebe Gottes im Sohn Gottes und lässt ihn schreiben: „Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und sind es auch.“ Und lässt Paul Gerhard singen: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen…“ (37,4) Und lässt Gerhard Tersteegen singen:  Sehet, was hat Gott gegeben, seinen Sohn zum ewgen Leben…“ (EG 39,3) Und: „Sehet doch da, Gott will so freundlich und nah zu den Verlornen sich kehren... Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget. Sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget. Gott wird ein Kind, hebet und träget die Sünd. Alles anbetet und schweiget.“ (EG 41,1.2)

Das Fest der Weihnacht hat es auch mit dem vorläufigen Sehen der Liebe Gottes zu tun, zu erkennen im Kommen des Sohnes Gottes, um uns zu Kinder Gottes zu machen. Das zu sehen, lässt staunen und still werden und anbeten; lässt uns Gott loben auf Erden – mit den Engeln im Himmel. Amen.

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Predigt am 3. Advent zu Röm. 15,4-13 (IV)

Paulus schreibt: "Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, daß ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. 

Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht: »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.«  Und wiederum heißt es: »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!«  Und wiederum: »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker!«  Und wiederum spricht Jesaja: »Es wird kommen der Sproß aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.« 

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, daß ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes."

Finden wir noch zusammen - oder triften wir auseinander? Haben wir noch Hoffnung – füreinander? -

Diese Frage stellt sich der christlichen Gemeinde in Rom angesichts eines schier unüberwindbaren Konflikts zwischen Christen mit jüdischer und Christen mit römischer Herkunft. Denn den „Judenchristen“ macht es überhaupt nichts aus, jenes Fleisch zu essen, das zuvor den römischen Göttern geweiht und geopfert wurde und anschließend auf dem Markt gut und günstig zu kaufen ist. Sie glauben nicht an die Macht der römischen Götter und sind deshalb die Starken im Glauben. Und als solche rühmen sie sich gegenüber den Schwachen im Glauben. Das sind jene römischen „Heidenchristen“, die mit den römischen Göttern groß geworden sind - was bei ihnen auch noch als Christen nachwirkt. Sie empfinden es deshalb als Anfechtung und Zumutung, wenn die Judenchristen vor ihren Augen in aller Freiheit Götzenopferfleisch essen.

Gewiss, von der Sache her betrachtet, haben die Starken im Glauben vollkommen Recht: Die römischen Götter sind ein Nichts, und darum braucht es einem auch nichts ausmachen, ihnen geopfertes Fleisch zu essen. Also ihr Schwachen, hättet ihr einen starken Glauben, dann wäre das für euch keine Anfechtung oder gar Zumutung. Ihr seid einfach noch keine richtigen Christen, habt einfach die Sache mit den römischen Götter noch nicht überwunden, denn sonst stündet ihr darüber... – Aber es geht eben nicht – zuerst – um eine Sache, sondern - um Menschen, die von ihrer Herkunft und damit auch Tradition oder Kultur zutiefst geprägt sind.

Nun würden wir heute vielleicht sagen: Seid einfach tolerant zueinander. Die einen können dochn ruhig solches Fleisch essen - und die andern müssen es ja nicht genauso tun. Es soll eben jeder so halten, wie er es für richtig hält. - Dieses liberale Toleranzverständnis geht vom Einzelnen aus – und bleibt auch meist beim Einzelnen stehen. Das Gemeinsame ergibt sich vielleicht oder soll gezielt erreicht werden – so vom Einzelnen her möglich.

Christliche Kirche geht nicht vom Einzelnen aus, sondern vom Ganzen – vom ganzen „Leib Christi“. Und die einzelnen „Glieder“ sind auf das Leben des ganzen „Leibes“ hingeordnet und tragen auf je ihre Weise zum Leben des Ganzen bei. Der Leib Christi ist als Ganzes seinen einzelnen Gliedern vorgeordnet – denn Christus ist die „Vorgabe“ Gottes. Und von dieser „Vorgabe“ Gottes geht Paulus aus. Und was aus dieser Vorgabe hervorgeht und also Christus entsprechend ist, das ist für Paulus entscheidend. So auch im Konflikt in der christlichen Gemeinde in Rom.

Deshalb die Bitte des Paulus an die Christen mit ihrem jeweils verschiedenen religiösen oder kulturellem Hintergrund : „Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ Beide ermahnt also Paulus, sich gegenseitig anzunehmen – wie Christus beide angenommen hat zum Lobe Gottes. Die aus jüdischem Hause wurden angenommen, weil Gott wahrhaftig und also sein Israel gegebenes Wort in Treue hält. Und die aus nicht-jüdischem Hause wurden angenommen, weil Gott barmherzig ist und nicht vom Heil ausschließt, denen es bisher nicht zuteilwurde. Wenn nun Gott beide durch Christus angenommen hat, dann sollen sie sich doch auch beide gegenseitig annehmen. Wie dürften Menschen scheiden, was Gott durch Christus zusammengefügt hat!?

Aber „warum“ sollen sich Christen in ihrer gewachsenen Verschiedenartigkeit annehmen? Was ist der Grund hierfür? Der Grund ist das Ziel: „Damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.“ Dann geht es also letztlich um das einmütige Lob Gottes – und das ist unter Christen nur möglich, wenn man sich untereinander annimmt, wie Christus uns angenommen hat – zu Gottes Lob. Ansonsten lobt jeder Gott so vor sich hin – wenn das überhaupt möglich ist…

Damit ist klar: Von Christus geht alles aus – und auf das Lob Gottes zielt alles ab. Fällt darum Christus als Ursprung und das Lob Gottes als Ziel weg, dann dreht sich alles im Kreise – um einen selbst. Man will sich selbst behaupten – und tritt auf der Stelle. Man will Recht haben - und dem andern das angeblich Richtige aufzuzwingen. Das aber führt eben nicht zum Loben Gottes aus einem Mund, sondern zur Klage übereinander aus vielen Mündern. Das aber entspricht nicht Christus, ist nicht IHM gemäß. Denn ER hat uns angenommen – zu Gottes Lob.

Gewiss beginnt unser Angenommensein zunächst einmal damit, dass ER unser Fleisch und Blut angenommen hat. Das ihm Fremde hat er sich zu eigen gemacht -und damit auch all unser Jammern und Klagen, um es dem Lob Gottes zuzuführen. Aber damit hat er uns bei sich Raum gegeben. ER hat uns bei sich zugelassen; hat uns bei sich aufgenommen – um unserem Leben eine Ausrichtung zu geben: Das Lob Gottes aus einem Munde – inmitten aller gewachsenen Verschiedenheit. In dieses eine Lob Gottes mündet alles menschliche Verschiedene ein – und wird dadurch überwunden. Dabei mag der Mund, die Sprache, die Art und Weise des Lobens höchst verschieden sein. Seine Einmütigkeit hat es nicht in der Gleichförmigkeit, sondern in der Herzlichkeit, die von Christus angerührt ist. Bleibt man hingegen an der äußeren Gleichförmigkeit hängen, dann kommt man über Äußerlichkeiten sehr leicht in Konflikt miteinander. Dann wird die äußere Andersartigkeit des Andern zur Anfechtung. Dann geht es nicht um die innere Annahme des Andern in seiner Andersartigkeit, sondern um seine geforderte äußere Anpassung. Und wenn diese nicht geleistet wird, um seine rigide Ablehnung. Und das gibt es auch – auch in der Kirche; wie der Konflikt in Rom zeigt..

Zwar versuchen wir, Gräben zu überwinden und appellieren deshalb vielleicht an den guten Willen. Doch meist bleibt es beim Appellieren oder Ermahnen oder Bitten und damit bei der Forderung, der andere möge doch endlich mal… Und so kommt man keinen Schritt voran, denn man geht keinen Schritt aufeinander zu.

Auch Paulus ermahnt und bittet, einander anzunehmen wie Christus uns angenommen. Doch seine Bitte an die Christen in Rom ist eingebettet in die Bitte an Gott: „Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander…“ Und: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben...“ Was Paulus von den Christen in Rom fordert, das ist eingebettet in die Bitte an Gott!. Und was Gott gibt und womit er sie erfüllt, das soll unter ihnen Gestalt annehmen. Was sie empfangen, das sollen sie einander weitergeben. Sie sollen füreinander werden, die sie für Gott schon sind. Eintracht untereinander ist Gabe Gottes und ist zugleich Aufgabe der Christen. Hoffnung füreinander ist Gabe Gottes und ist zugleich Aufgabe der Christen. Gottes Gabe ist unsere Aufgabe. Bliebe alles nur unsichtbare Gabe Gottes, dann käme davon nichts zum Vorscheinen. Wäre es nur sichtbares Werk des Menschen, dann würde alles im Eigenlob enden. Gottes Gabe ist eine Aufgabe an uns Menschen. Und wenn wir sie anpacken, dann soll dies Christus, der „Vorgabe“ Gottes entsprechen – und auf das gemeinsame Loben Gottes ausgerichtet sein.

So bleiben wir nicht bei uns selber stehen, sondern wachsen über uns hinaus. Während die Klage übereinander immer nur auf der Stelle treten lässt, bringt uns das Loben Gottes miteinander weiter – und lässt die Hoffnung füreinander wachsen und die Klage gegeneinander weichen. So verlieren geschichtlich gewachsenen Unterschiede ihr absolutes Gewicht, haben nicht mehr das erste und erst recht nicht das letzte Wort – und dürfen deshalb auch ihr vorübergehendes Recht haben. Die Erinnerung an die gemeinsame Basis und die Hoffnung auf das gemeinsame Ziel lässt Abstand entstehen – vor allem zu mir selber.

Weiterhin wird es Konflikte aufgrund von unterschiedlicher Tradition und Kultur  in der Kirche und unter Christen geben. So himmlisch sind wir noch nicht, dass wir nicht mehr so irdisch wären. Dies jedoch kann man von uns erwarten, dass wir anders mit Konflikten umgehen, weil wir Christus gemäß miteinander umgehen. So  zeigt sich, ob wir als Christen und als Kirche miteinander auf dem Weg zum Loben Gottes sind und füreinander Hoffnung und Zukunft haben und also adventliche Menschen sind - zum Vorbild und zur Hoffnung der übrigen Welt. Amen.

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Predigt am 2. Advent zu Jes 63,15-64,3 (IV)

"So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.  Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.  Warum läßt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, daß wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!  Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.  Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach daß du den Himmel zerrissest und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, daß dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müßten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten - und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen! - und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren."

Was sich da abspielt, ist ein hartes Ringen – mit Gott. Ein Ringen mit Gott, wie es nur Israel kennt und keine andere Religion. Denn mit dem Ringen mit Gott hat „Israel“ begonnen. Auf dem Rückweg zu seinem von ihm betrogenen Bruder Esau hat Jakob am Fluss Jabbok eine ganze Nacht lang mit Gott gerungen und ließ sich von ihm bei Anbruch der Morgenröte nicht einfach davonschicken, sondern sagte: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Daraufhin bekam Jakob den Namen „Israel“, und d.h. „Gottesstreiter“. Nicht, weil er für Gott gestritten hätte, sondern weil er mit Gott gestritten hat. Und dieses Ringen, das mit Jakob bzw. Israel begonnen hat, das sich fort bei den Betern Israels (vgl. Ps 13;79;80) und ist der ganzen nachfolgenden Geschichte Israels bis heute tief in die Seele geschrieben.

Dass mit Gott gerungen wird, das zeigt sich bnei Jesaja darin, dass ER ständig angesprochen wird: „So schau nun vom Himmel und sieh herab… Wo ist nun dein Eifer… Warum lässt du uns, Herr, abirren… Kehr zurück… Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab…

Wehmütig drängelt hier einer – und klopft damit an einen anscheinend verschlossenen Himmel an. In ihn hat sich Gott anscheinend zurückgezogen und lässt die Menschen nun abirren von seinen Wege und lässt ihr Herz verstocken, so dass sie ihn nicht mehr fürchten. Sie sind geworden wie solche, über die er niemals herrschte und sein Name nie genannt wurde (V. 17.19). Dem verborgenen Gott entsprechen sich selbst überlassene Menschen. Dem verschlossenen Himmel entsprechen in sich verschlossenen Menschen. Und dem wehmütigen Drängeln Gott gegenüber entspricht das helle Entsetzen und der Schmerz über die Abgestumpftheit und Gleichgültigkeit und Gottvergessenheit der Menschen.

Doch nicht die Menschen werden deshalb angeklagt, nicht an die Menschen wird hier appelliert, sich endlich zu öffnen – sondern vor Gott wird geklagt und mit Gott wird gerungen, dass er den verschlossenen Himmel öffnet und aus seiner Verborgenheit endlich hervortritt und sich mit seiner Macht durch etwas Gewaltiges endlich offenbart, „dass dein Name kund würde unter deinen Feinden, die dein Volk vertrieben und dein Heiligtum zertreten haben, und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.“

Doch woher kommt diese Beharrlichkeit, mit der hier einer an einen scheinbar völlig verschlossenen Himmel klopft und mit einem zutiefst verborgenen Gott ringt – wie einst Jakob am Fluss Jabbok; und immer noch sagt: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“?

Diese Beharrlichkeit gründet in dem tiefen Vertrauen, dass Gott auch in seiner Verborgenheit für Israel bleibt, der er ist: „Bist du doch unser Vater… unser Erlöser, das ist dein Name von alters her.“ Es ist einzig und allein diese Gewissheit, die solch ein Ringen mit Gott auslöst und in Gang hält. Denn nur wo solche Gewissheit und Glaube ist, kann auch Zweifel und Anfechtung sein und findet ein Ringen mit Gott statt!

Und woher diese Gewissheit? Sie kommt „von alters her“ – und das heißt: Aus all den Erfahrungen, die Israel mit seinem Gott in seiner Geschichte und damit auch mit seinen Gerichten gemacht hat. Es ist die Erinnerung an Erfahrungen, die Hoffnung in Gang setzen; die Hoffnung auf Gottes unverbrüchliche Treue. Woher soll sonst Hoffnung sich nähren?! Und auf was soll sie sonst abzielen?!

Erinnerung meint jedoch nie die Erinnerung an eine historische Vergangenheit (incl. Lk 22,19), sondern meint immer ihre Vergegenwärtigung: Dass heute solches wieder geschieht, was einst geschehen ist: Erlösung. Dass also gelöst wird, was gebunden ist; dass befreit wird, was gefangen ist; dass errettet wird, was verloren ist; dass zum Leben erweckt wird, was tot ist. Und das „Urdatum“ – das „Urgegebene“ hierfür ist der Auszug Israels aus dem Sklavenhaus Ägypten. Da hat Gott das Schreien seines Volkes erhört (5 Mose 26,7ff) Und die Erinnerung an solche Erhörung weckt die Hoffnung, dass solches wieder geschieht – heute: Dass Gott kommt und erlöst, befreit, errettet und die (wie) Toten auferweckt (vgl. Hes . 37).

Nichts weniger verbindet Israel mit der Hoffnung auf das Kommen Gottes, mit der Hoffnung auf seinem „Advent“. Darum dieses beharrliche Drängeln, dass es doch lieber heute als morgen geschieht. Die Zeit drängt, denn die Welt ist und gerät zunehmend aus den Fugen. Darum muss auch etwas so Außergewöhnliches geschehen, das man „von alters her“ eben dann doch nicht vernommen hat und alles Vorstellbare übersteigt. Im Neuen Testament hat dies sogar kosmische Dimensionen.

Darum lebt Israel, lebt das Volk Gottes immer und bis heute in der Zeit des Advent und erwartet das Kommen seiner Herrschaft, das Kommen seines Reiches – des Reiches Gottes. Und das Kommen seines Reiches wird immer mit dem Kommen Gottes zum Gericht verbunden – und also mit der Hoffnung, dass zwischen Recht und Unrecht endgültig entschieden wird. Der Ruf danach ertönt schon in den Psalmen von den durch ihre Feinde Bedrängten und Gedemütigten: Gott möge sich erheben gegen sie (vgl. 108); ER möge sich aufmachen, um vor ihnen zu erretten (vgl. Ps 17;44; 82); ER möge erscheinen und den Hoffärtigen und Prahlern vergelten. (Ps 94,1!)

Die Hoffnung darauf hat sich schließlich immer mehr verbunden mit der Erwartung des Gesalbten, des Messias, des Christus auf dem Thron Davids, der aus dem geöffneten Himmel herabsteigen und die Königsherrschaft Gottes auf Erden ausrichten wird (vgl. Jes 9,5f).

Nun bekennen wir Christen ja das Kommen des Christus – nennen uns deshalb auch nach IHM, denn wir glauben, dass Jesus von Nazareth der Christus, der Gesalbte, der Messias Gottes sei. Unser Name ist Bekenntnis. Und des Christus Ankunft, sein Advent „im Fleisch“ ist das Urdatum unseres Glaubens, an das wir uns am Christfest, am Fest der Geburt Christi, erinnern. Geschieht diese Erinnerung im biblischen Sinne, dann geht es nicht um die Erinnerung an ein vergangenes historisches Ereignis, sondern ist eine Erinnerung, die Hoffnung weckt – für heute. Und zwar keine andere Hoffnung als die, welche schon zuvor insbesondere durch die Propheten Israels immer wieder geweckt wurde: Die Hoffnung auf Erlösung, Errettung, Befreiung; die Hoffnung, dass die Toten auferweckt werden; und zwar auch die lebendig Toten – was immer noch mit dem Kommen Gottes zum Gericht verbunden ist und dem Wohltun Gottes an denen, die auf ihn harren.

Und dessen Kommen wir Christen hierzu erwarten, auf wen wir hierzu hoffen, ist kein anderer als der, der eben aus dem Himmel gekommen und auf Erden erschienen ist – dessen Herrlichkeit und Macht allerdings verhüllt, verborgen war „im Fleisch“: „In unser armes Fleisch und Blut verkleidet sich das ewig Gut…“ (M.L); d.h. mit unserem armen Fleisch und Blut bekleidet sich das ewig Gut. Doch trotz aller Verhüllung in einem Menschen aus Fleisch und Blut geschieht die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes ;allerdings wiederum verhüllt verborgen – an einem römischen Marterpfahl. Da erreicht der Himmel auf Erden seinen sichtbaren Tiefpunkt - und zugleich unsichtbaren Höhepunkt. An einem Kreuz außerhalb der heiligen Stadt endet, was schon in einem Stall beginnt, weil sonst kein Raum in der Herberge ist. Die Liebe Gottes verbirgt sich in der Hingabe eines Menschen und zeigt hier ihre Erhabenheit, indem Christus alle Erniedrigungen trägt und überwindet.– was dann am Ostermorgen für die Seinen völlig unerwartet zum Vorschein kommt: Der scheinbar Schwache ist der Starke, der scheinbar Unterworfene ist der Überwinder, das verwundete Lamm ist der Löwe von Juda. Als der Vorhang im Tempel am Karfreitag durchreißt und das Grab am Ostermorgen aufreißt, da reißt auch der Himmel auf und an dem EINEN wird schon hoffnungsvoll anders, was in seiner ganzen Tiefe und Breite noch seiner endgültigen Offenbarung harrt: die endgültigen Erlösung, Befreiung, Errettung durch den wiederkommenden auferstandenen und erhöhten Christus.

Hätten wir Christen diese Erwartung und Hoffnung nicht mehr, würden auch hierfür kein Zeichen mehr setzten und dafür nicht mehr zeichenhaft leben, dann wären wir auch nicht mehr christliche, nicht mehr adventliche Kirche – und es müsste uns nicht geben.

Haben wir hingegen diese Hoffnung, dann doch auch angesichts der Bedrängnis in der Welt immer noch diese drängelnde Wehmut, die immer noch mit Gott ringt und uns immer noch seufzen lässt: „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab…“ oder singen lässt: „O Heiland reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf…“ Amen.



Predigt am 1. Advent zu Offenbarung 5 (IV)

  Der seher Johannes schreibt: "Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln.  Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?  Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen.  Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.  Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. 

Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Gestalten und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden. Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Gestalten und um die Ältesten her, und ihre Zahl war vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und die vier Gestalten sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an."

Während im Himmel schon alles entschieden ist, scheint auf Erden noch alles offen. Denn was ist das für ein Machtkampf, der da täglich auf Erden mit schonungsloser oder geschönter Gewalt geführt wird – und wer wird daraus als Sieger hervorgehen? – das fragen sich auch die Christen im röm. Reich gegen Ende des 1. Jhdts. Unter der Herrschaft des röm. Kaisers Domitian sind sie zum ersten Mal systematischen Verfolgungen ausgesetzt, denn sie verweigern die Verehrung der staatlich verordneten Götter. Aus dem Staat als einer göttlichen Ordnungsmacht (Röm 13), wurde das „Tier aus dem Abgrund“ (Offbg 13). Ihr verweigerter Gehorsam führt viele Christen ins Leiden – und lässt sie fragen: Sitzt Gott noch im Weltregiment – oder regieren in der Welt nicht ganz andere Mächte und Kräfte? (Kap 12-14)

Als Antwort auf diese bedrängende Frage sieht der Seher Johannes, wie im Himmel schon feststeht, was auf Erden erst noch seinen Lauf nimmt. Und was Johannes da zu sehen bekommt, liegt hart an der Grenze des Darstellbaren – und ist zu symbolischen Bildern verdichtete Wirklichkeit.

Im „Weltgericht nach den Werken“ (20,12) enden schließlich die dramatischen Wehen der Endzeit und es folgt die Geburt eines „neuen Himmels und einer neuen Erde“ mit dem „neuen Jerusalem“ (21,18 ff) - von dem Johannes schreibt. „Und ich sah keinen Tempel darin; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm. Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.”

Dieses „Lamm“ erscheint zum ersten Mal, als in der rechten Hand dessen, der auf einem Thron sitzt (Kap 4), sich ein siebenfach versiegeltes Buch befindet und ein „starker Engel mit großer Stimme“ fragt: „Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?“ Und „würdig“ meint in der Bibel: Wer hat das nötige Gegengewicht und hält dem allem Stand, was dann kommt? Wer – fragt ein starker Engel mit großer Stimme – und fragt damit:. Wer hat diese Stärke und Größe, das Buch aufzutun und (also) seine Siegel zu brechen – und in Gang zu setzen, was bis jetzt noch aufgehalten ist (vgl. 2 Thess 2,7). Wer…?

Niemand – „weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde“. Und damit scheint für Johannes der Lauf der Geschichte verschlossen und der Ausgang der Geschichte völlig offen zu bleiben – und die unter Anfechtung und Anfeindung leiden, bleiben ungetröstet. Denn wenn es kein bestimmtes Ziel gibt, auf das hin alles geordnet ist, dann hat die ganze Welt- und jede Lebensgeschichte keinen Sinn. Denn nur vom Ziel des Ganzen her ergibt sich auch der Sinn des Einzelnen – und lassen sich Leiderfahrungen aushalten und ertragen. Da sich aber nirgendwo irgendjemand findet, der die Stärke und Größe hat und also „würdig“ ist, das versiegelte Buch zu öffnen, kommen dem Seher Johannes die Tränen. –

Doch dann kommt jemand (von den „Ältesten“) zu ihm und tröstet ihn mit den Worten: „Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.“

Gott sei Dank! Der Löwe aus dem Stamm Juda ist offensichtlich aus irgendeinem Kampf schon als Sieger hervorgegangen, hat deshalb die Kraft und Größe, ist also „würdig“ – und wird jetzt wohl gleich in Erscheinung treten, um das Buch mit seinen 7 Siegeln zu öffnen, um damit den Lauf der Weltgeschichte zu ihrer Vollendung in Gang zu setzen.

Doch plötzlich steht da „inmitten des Thrones und der vier lebendigen Wesen und inmitten der Ältesten” ein Lamm – und zwar: wie geschlachtet, getötet (V. 6). Hat sich das irgendwie - hierher verirrt? Doch gerade dieses Lamm sei „würdig“, weil es geschlachtet, getötet ist (V. 9)! Und dass es ein besonderes Lamm ist, zeigt sich daran, dass es 7 Hörner und 7 Augen hat. „Das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande“, heißt es - was immer das heißt. Dieses Lamm geht auch später aus dem Kampf gegen das „Tier aus dem Abgrund“ und gegen seine Könige als Überwinder, als Sieger  hervor und ist deshalb „Herr aller Herren und König aller Könige.“ (17,14).

Das Lamm ist also der Löwe, der überwunden hat – und der Löwe ist das Lamm, das geschlachtet ist. Doch wie soll man das zusammenbringen?!

Was da alles auf die Vollendung der Zeiten hin geschieht, das gründet in einem einzigen Geschehen mitten in der Zeit, wo das Lamm, das geschlachtet ist, und der Löwe, der überwunden hat, ineinander liegen. Und das ist Jesu Tod und Auferstehung. Denn der als ein schwaches Lamm am Kreuz geschlachtet, ist als ein starker Löwe von den Toten auferstanden. Der starke Löwe ist das schwache Lamm – und das schwache Lamm ist der starke Löwe. Und dieses Lamm kommt und empfängt das Buch aus der Hand dessen, der auf dem Thron sitzt. Denn - dessen Leidensgeschichte gibt der ganzen Weltgeschichte Sinn und Ziel – bis hin zur Auferstehung der Toten am Ende der Zeiten.

Dann hat also die ganze Weltgeschichte ihr Zentrum im Leiden, Sterben und Auferstehen Christi; akkumuliert und konzentriert, häuft und verdichtet sich hier – und lässt sich in ihrer Tiefe auch nur von hier aus verstehen. Und wie im Leiden Christi das Leid aller Kreatur aufgenommen und verdichtet ist, so ist auch in der Auferstehung Christi das Leid aller Kreatur schon siegreich überwunden. -

Als dann das Lamm das Buch nimmt, mag es evangelischen Christen etwas seltsam erscheinen, wenn die vier Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten vor dem Lamm nicht nur niederfallen, sondern auch noch räuchern und dies neue Lied anstimmen: „Du bist würdig zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel, denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft ...“ Und in diesen Lobgesang auch noch sogleich eine unendliche Zahl von Engeln einstimmt und dieses neue Lied aufnimmt: „Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.“ Und schließlich die ganze sichtbare und unsichtbare Kreatur einfällt in den Lobgesang und singt: „Dem, der auf dem Thron sitzt und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ – Was für ein gewaltiges und überschwängliches Gotteslob in diesem himmlischen Gottesdienst. Doch – werden evangelische Christen wieder fragen – wo bleibt denn in diesem Gottesdienst die Predigt?

Im himmlischen Gottesdienst geht alle Verkündigung ein in den Lobpreis und in die Anbetung Gottes. Und alle stimmen ein mit ihrer Stimme – und richten die noch unvollendete Zeit aus auf die Vollendung der Zeiten. Die Liturgie im Himmel hallt auf Erden wider – und in der irdischen Liturgie spiegelt sich der himmlische Gottesdienst. Dazu gehört, dass auch wir bei der Feier des Hlg. Abendmahls einstimmen in den Lobgesang der Engel, wenn wir singen und bekennen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr, Zebaoth...“ (Jes 6,3; vgl. 4,8)Und diesem dreifachen “Heilig…” entspricht das dreifache gesungene „Amen…“ zum Abschluss eines jeden Gottesdienstes.

Das gesprochene Wort ist irdisch, das gesungene Wort ist himmlisch. Das gesprochene Wort informiert, das gesungene Wort proklamiert. Das Ziel alles Lehrens ist darum das Loben und das Ziel alles Predigens ist darum das Preisen Gottes. Jeder Gottesdienst ist trotz all seiner menschlichen Dürftigkeit ein irdischer Abglanz der himmlischen Zukunft – und hat darin seine „Würde“. Das sollten wir nie vergessen, wenn wir Gottesdienst feiern. Eine auf Erden singende Gemeinde ist darum eine Gemeinde auf dem Weg in den Himmel. Singend gingen die Christen in der römischen Arena den gefräßigen Löwen entgegen. Denn sie wussten: der Löwe aus dem Stamm Juda hat die römischen Löwen schon überwunden – und damit auch alles, was nach dem Brechen der 7 Siegel und dem Eröffnen des Buches dann in Gang gesetzt wird – und den Seher Johannes zutiefst erschrecken und auch getrost hoffen lässt. Denn er schaut die Vollendung: Gott wird den Sieg behalten im Widerstreit aller Mächte und Kräfte - und wird schließlich abwischen alle Tränen…. (Kap. 21).

Doch weil auf dem Weg dahin die Bedrängnis zunimmt, wird auch jene Bitte immer drängender, mit der die ganze Offenbarung des Johannes schließt (22,20): "Amen, Ja, komm, Herr Jesus".