das ist aber wirklich die letzte...


Predigt zum Sonntag Jubilate über 2. Kor 4,16-18 (IV)

Paulus schreibt: "Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.  Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig." 

Paulus scheint unermüdlich. Ein Stehaufmännchen, ein Power-Apostel, der nicht nur immer wieder sich selbst, sondern vieles andere auf die Beine stellt. Was der alles anpackt - und wegsteckt; was er alles schafft - einfach bewundernswert. Und das, obwohl innerhalb manch christlicher Gemeinden und auch von außerhalb höchst angefochten.

Von seiner Unermüdlichkeit sollte ich mir wirklich mal ein Stück abschneiden - können. Denn dieses anscheinend ergebnislose, erfolglose Abmühen bin ich manchmal schon müde, wenn da so viel Zeit und Kraft investiert wird, und dann kommt - im Verhältnis dazu - doch kaum etwas Sichtbares dabei heraus. Ökonomisch einfach nicht effizient - genug. Schon allein – der Gottesdienst samt Predigt. Ein Auslaufmodell? - Wie verständlich, dass die Kirchenleitung schon aufgrund zukünftig zurückgehender Kirchensteuereinnahmen auf mehr Effizienz  und Erfolgskontrolle bedacht ist. Die vorhandenen menschlichen und materiellen Ressourcen sollen gewinnbringender eingesetzt werden.

Denn Anzeichen von individuellen und allgemeinen Lähmungs- und Ermüdungserscheinungen, Erschöpfungszuständen, Burn-out-Syndromen, gibt es auch in der Kirche - zur Genüge. Sollte noch bis vor kurzem die inzwischen etwas angestaubte Kompetenz gestärkt werden, so ist es seit neustem die Resilienz, die Stärkung der inneren Widerstandskräfte angesichts widriger Lebensumstände. Hierfür gibt es inzwischen nicht nur mal wieder eine Menge Fortbildungen wie vormals bei der „Kompetenz“, sondern dafür gibt es für Hauptamtliche im fortgeschrittenen Lebensalter sogar ein paar Tage Sonderurlaub. Und das klingt zunächst mal recht gut.

Paulus hätte das wohl auch gut brauchen können – denn nicht nur seine Kompetenz war immer wieder mal wie auch in Korinth heftig umstritten, sondern widrige Lebensumstände kannte er zur Genüge, und am Rande seiner Kraft war er öfters. Und wie wir hörten schreibt er von Trübsal, genauer von Bedrängnis - und schreibt dennoch, dass er nicht müde wird, nicht erschöpft ist?! Wie geht denn das zusammen?!

Trübsal, Bedrängnis, Ausweglosigkeit, Enge ist für ihn kein seelischer Zustand, sondern der ganz normale sichtbare Zustand der Welt, der ganz gewiss auf das seelische Befinden abfärbt. Wir wären blind, würden wir diesen sichtbaren Zustand der Welt nicht sehen! Aber diesen Zustand zu sehen, das macht eben müde und lässt die Hoffnung ermüden. Dagegen kämpfen wir an, müssen wir ankämpfen - mit angestrengtem Optimismus und positivem Denken. Wir stehen unter dem „Gesetz“ des sichtbaren, nachweisbaren Erfolgs, dass eben doch nicht alles vergeblich ist – müssen deshalb fit und stark sein, stehen selber unter Druck und setzen einander unter Druck.

Um nicht in Erschöpfung, im Kollaps zu enden, brauchen wir uns irgendeinen „Trost“, stürzen gemeinhin in die materielle Welt des flüchtigen Konsumierens oder fliehen in eine spirituelle Welt ewiger Werte oder in noch ganz andere Beruhigungs- oder Aufputschmittel, welche den unweigerlich wahrgenommenen Zustand unserer Welt betäuben und schön färben – um bei klarem Blick nicht in Pessimismus zu verfallen oder gar zu verzweifeln.

Aber das alles folgt dem „Gesetz“, aus eigener Kraft, die wahrgenommene Trübsal, die unleugbare Bedrängnis zu meistern – und treibt Mensch und Welt wahrscheinlich noch tiefer in den Kreislauf von scheinbarer Bewältigung und wirklicher Erschöpfung hinein. Denn – mit Paulus gesprochen - es ist „Fleisch“ und nicht „Geist“. Und das alles hat kaum einer so intensiv und extensiv erfahren wie Paulus selbst – bis zu jener gewaltsamen und erlösenden Christus-Begegnung vor den Toren von Damaskus. Da öffnete, da offenbarte sich ihm eine ganz andere Sicht - und erschloss sich ihm eine ganz andere Lebensweise, die zu jenem „Gesetz“ der säkularen oder religiösen Trübsal- und Bedrängnisbewältigung in völligem Gegensatz steht und „Evangelium“, frohe Botschaft ist. Und dessen Zentrum ist das Werk Gottes in und mit dem gekreuzigten und auferstanden Christus – uns zugute. Zeugnis von Gottes Erbarmen aus Liebe. Forthin ist Paulus „in Christus“ wie er immer wieder schreibt – denn Gott „hat uns errettet von der Macht der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes.“ (Kol 1,13)

Doch so schön und gut das klingt, so schwer fällt es, dies einfach nur anzunehmen: Ja und Amen und Danke zu sagen und sich darüber von Herzen zu freuen. Das Evangelium ist deshalb nicht nur frohe Botschaft für diese Welt, sondern auch fremde Botschaft in dieser Welt. Denn das Evangelium hat seinen Ursprung eben nicht in unserer Liebenswürdigkeit, sondern in Gottes Liebe zu uns. Und dass wir Macher nur die tatenlos Beschenkten sein sollen, das kränkt ungemein – oder erfreut ungemein. Denn was gibt es Schöneres, als einfach nur geliebt zu werden – und was gibt es Schwierigeres, als solche Liebe einfach nur gelten zu lassen und anzunehmen und sich ihr anzuvertrauen. Denn Sicherheit und Dauer gibt uns scheinbar am ehesten, was wir sichtbar schaffen und machen. Die Liebe hat jedoch im Unsichtbaren ihren Ursprung; ist der höchstmögliche Zufall; das unverdiente Wunder schlichthin – und alle Liebe verdichtet sich für Paulus im Werk Gottes an dem gekreuzigten und auferstandenen Christus – uns zugute. Und damit ist für Paulus der trübselige und bedrängende Zustand der Welt behoben?

Nein, im Gegenteil: Er empfindet die Spannung zwischen Trübsal in dieser Welt und Hoffnung für diese Welt nun umso mehr (vgl. Röm 7,24f). Denn er sieht jetzt den Zustand der Welt noch klarer und nüchterner als zuvor - jedoch nun nicht mehr auf Verzweiflung, sondern auf Hoffnung hin. Paulus schaut auf den gekreuzigten und auferstandenen Christus – und sieht von ihm her Mensch und Welt. Er schaut also nicht auf das Sichtbare, Vordergründige, das sich einem alltäglich aufdrängt als das alles Entscheidende – sondern auf das Unsichtbare, was von Gott her in und durch Christus verborgen ist und geschieht. Und das Vertrauen darauf ist seine einzige Kraftquelle und lässt ihn nicht müde werden. Des Paulus Kraftquelle liegt also nicht (spirituell) in ihm – sondern außerhalb von ihm: „in Christus“ – und das ist der „innere Mensch“, der von Tag zu Tag erneuert wird. Der „äußere Mensch“ ist hingegen nicht „in Christus“, sondern außerhalb von Christus, ist nur in sich selbst zuhause. Weil Paulus „in Christus“ ist, darum lebt er auch nicht von dem Sichtbaren, das er bewirkt, sondern lebt vom unsichtbaren Wirken Gottes – der in seinem Werk am Wirken ist. Und dieses Werk und Wirken geschieht in aller Unscheinbarkeit, setzt jedenfalls nicht auf den sichtbaren Schein, der sich zeitlich und objektiv festmachen, festhalten ließe. Auch nicht im Erscheinen und Auftreten eines Menschen.

Kurz zuvor schreibt er vom „Schatz (des Evangeliums) in irdenen - also alltäglichen - Gefäßen“. Da ist also von außen gesehen gerade nichts Außergewöhnliches, Sensationelles von diesem „Schatz“ zu erkennen. So wenig wie zuvor bei Jesus selbst, von dem Johannes bezeugt: „Das Wort ward – Fleisch“ – oder mit des Paulus eigenen Worten: „…nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.” Da ist eine tiefe Verborgenheit – aus der dennoch etwas, ja sogar das Entscheidende hervorgeht. Was darum am Karfreitag geschieht, das bringt der Ostermorgen ans Licht.

Und so stehen sich auch die Erfahrung von „Trübsal“ und die Hoffnung auf Herrlichkeit nicht nur einander gegenüber, sondern Paulus bekennt und bezeugt, dass Gott aus der Trübsal, aus der Bedrängnis als dem realen Zustand dieser Welt, „eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit schafft“. Und das erfährt Paulus besonders in zuvor genannten Grenzsituationen, in denen alles Spitz auf Knopf steht und die Schicksalsgemeinschaft mit seinem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, dessen Sterben und Auferstehen an ihm selbst zum Vorschein kommt – und er erfährt: „Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (12,9)

Alles widersprüchliche und zugleich wunderbare Erfahrungen. Da liegt nichts logisch auf der Reihe – so wenig wie bei Jesus selbst, wenn ER sich dessen gewiss ist, dass das Reich Gottes „kommt“, d.h. plötzlich und unerwartet hervorbricht, denn es ist ja verborgen schon „mitten unter uns“ – was sich dann schließlich an ihm selber vollzieht am Ostermorgen: Mitten in dieser bedrängenden Welt der Gewalt und des Tötens, der spirituellen Trostsuche und materiellen Betäubung, bricht die neue Welt Gottes und des ewigen Lebens hervor: Leben aus dem Tod. Licht aus der Finsternis. Von Menschen nicht mehr erwartet – und erst recht nicht selbst gemacht.

Mitten in der Zeit geschieht schon Ewigkeit, mitten in der alten Schöpfung Neuschöpfung. Im Zeitlichen verbirgt sich das Ewige - und entbirgt sich in ganz unvorhergesehenen Situationen. Auch dort, wo müde Christen samt einem müden Pfarrer es kaum mehr erwarten. Amen.

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Predigt am Ostermontag zu 1. Kor 15,50-57 (IV)

   Paulus schreibt: "Das sage ich aber, liebe Brüder, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können; auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit. 

Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muß anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit. Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: »Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?«  56 Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!"

Was Paulus in seinen Briefen schreibt, hat meist einen aktuellen Grund - und einen verborgenen Hintergrund. Fast alle seine Briefe zeugen deshalb von einer geistigen Auseinandersetzung, in der Paulus steht. Er schreibt also keine Abhandlung über irgendein hochinteressantes Thema, sondern beantwortet konkrete Anfragen aus den Gemeinden – weil eben da manches zur Frage steht oder in Frage gestellt wird.

So tut er es auch im ganzen 15. Kapitel des 1. Briefes an die Gemeinde in Korinth, wo es um die Frage der Auferstehung geht. Der Grund ist die Meinung der Korinther: Christus mag ja schon von den Toten auferstanden sein, aber sie selber würden nicht von den Toten auferstehen (15,12); hätten das auch gar nicht nötig, denn – die Seele sei doch unsterblich.

Kein Wunder, dass die Korinther so denken, denn sie stehen in der philosophischen Tradition von Sokrates und Platon; und da gibt es zum einen den vergänglichen Leib und zum andern die unsterbliche Seele. Dabei ist der Leib das Gefängnis der Seele; der leibliche Tod deshalb die Befreiung, Erlösung daraus. Und wenn gerade in der griechischen Kunst oftmals der menschliche Leib so schön dargestellt wird, dann geht es nicht um den Leib selbst, sondern nur um das sichtbar gewordene Abbild der schönen, reinen Seele. Und schon, wer sich mit solch philosophischen Wahrheiten beschäftigt und um sie weiß, dringt ein in die ewige Welt der Ideen, der die Seele angehört. Deshalb kann der Tod nur als Freund verstanden werden, weil er die Befreiung aus der Gefangenschaft im Leib vollendet. Und deshalb trinkt Sokrates in völliger Ruhe und Gelassenheit den Schierlingsbecher und stirbt einen schönen/guten Tod („Euthanasie“!). Wer hingegen den Tod fürchtet, der ist noch in die Welt der Sinne und des Leibes verstrickt. –

All das gehört mit zum geistigen Hintergrund der Korinther. - Der geistige Hintergrund des Paulus hingegen ist nicht das griechische, sondern das hebräische Denken. Demgemäß ist der Tod etwas Schreckliches und macht Angst. Es ist jene Angst, die auch Jesus im Garten Gethsemane und am Kreuz empfindet (vgl. Hebr 5,7). Denn der Tod trennt nicht die Seele vom Leib, sondern er trennt - den Menschen von Gott, der doch das Leben ist. Der Tod ist darum die Zertrümmerung des von Gott geschenkten Lebens in seiner Ganzheitlichkeit. Denn hebräisches Denken ist ganzheitliches Denken. Der Tod ist darum seinem Wesen nach Beziehungslosigkeit, Einsamkeit, Trennung – am ehesten wahrgenommen am Grabe eines Menschen. Deshalb auch der verständliche Wunsch, mit einem geliebten Verstorbenen wieder in Kontakt zu treten, um dadurch die Trennung wieder etwas rückgängig zu machen. Denn Leben ist Gemeinschaft, erst recht Gottesgemeinschaft. Gerade wegen seiner tiefen Gottverbundenheit muss Jesus darum den Tod erst recht als Gottverlassenheit empfinden.

Wenn nun aber wirklich durch seinenTodeskampf“ der Tod als Feind Gottes besiegt und also der Tod selber getötet ist, dann ist durch diesen völlig anderen „Todeskampf“ etwas Ungeheuerliches und Einmaliges geschehen. In seinem Osterlied: „Christ lag in Todesbanden…“  singt Martin Luther davon in der ihm höchst eindrücklichen und anschaulichen Weise: „Es war ein wunderlicher Krieg, da Tod und Leben rungen; das Leben behielt den Sieg; es hat den Tod verschlungen. Die Schrift verkündet das, wie ein Tod den andern fraß, ein Spott dem Tod ist worden. Halleluja.“ (EG 101,4)! Und dieser Sieg wird den Jüngern klar, als ihnen der Gekreuzigte als der Lebendige erscheint. Die grauenhafte und versklavende Macht des Todes gebrochen. Nikolaus Herman singt: „Sein‘ Raub der Tod musst geben her, das Leben siegt und ward ihm Herr, zerstöret ist nun all sein Macht. Christ hat das Leben wiederbracht. Halleluja.“ Das handfeste irdische Zeichen hierfür ist – das offene und leere Grab.

Erst das tiefe Grauen vor der bis dahin ungebrochenen Macht des Todes macht die überschwängliche Osterfreude der frühen Christenheit überhaupt verständlich. Und diesen Gegensatz von Grauen und Freude hat Matthias Grünewald auf seinem Isenheimer Altar in einmaliger Weise dargestellt: Da ist der Gekreuzigte in grauenhafter Hässlichkeit, umgeben von nichts anderem als Nacht und Finsternis, Trauer und Klage. Und in völligem Gegensatz dazu der lichtumglänzte Auferstandene in sieghafter  Herrlichkeit. - Doch - der Auferstandene zeigt demonstrativ die Nägelmale des Gekreuzigten. Denn der Auferstandene Christus ist kein anderer als der gekreuzigte Jesus – in verklärter Leiblichkeit. Dass der Auferstandene wirklich mit dem Gekreuzigten „identisch“ ist – und also weder ein irdischer Doppelgänger, noch eine spirituelle Phantasie der anderen Jünger, will der „ungläubige Thomas“ gerade anhand der Nägelmale erkennen. Er will nicht einfach glauben, was diese ihm da so erzählen . Er will selber das Unglaubliche prüfen: Dass Gott nämlich diesen von den Menschen Verworfenen und anscheinend von Gott selbst Verfluchten wider alles Erwarteten eben nicht der Macht des Todes und der Hölle überlassen, sondern entrissen und ihn damit bestätigt hat – und also diesem Gekreuzigten treu geblieben ist.

Tatsächlich kennt die Bibel im Menschen selbst nichts überzeitlich Dauerndes, sondern wenn etwas Bestand verleiht, weil es allein Bestand hat, dann ist es allein Gottes Treue. Und der kann ich mich nur anvertrauen. Weil dies aber ein enormes Wagnis ist, geht das nicht ohne Angst und Zweifel. Denn wir geben uns – verständlicherweise - nicht gerne aus der Hand. Deshalb auch immer wieder das vor allem in den Psalmen bezeugte zähe Ringen mit Gott, das seine Treue einklagt. Und diese Treue Gottes  wird erfahren im Segen, im Gedeihen, dass also etwas dauerhaft gute Frucht bringt – und doch plötzlich fruchtlos zu enden droht und sich ein Abgrund auftut. Deshalb wird die Treue Gottes auch erfahren in der Rettung aus solch abgründiger Not; also in der jähen Erfahrung des Endes und eines „zufälligem“ Neuanfang. Das Durchtragende zwischen beiden ist die Treue Gottes – was die Nägelmale des auferstandenen Christus bezeugen: Der Vater hat den Sohn nicht im Stich gelassen, sondern durch die Leben schaffende Macht seines Heiligen Geistes wieder in die Gottesgemeinschaft zurückgeholt - uns zugute.

Wenn jedoch die bleibende Treue Gottes wegfällt, dann muss notwendig etwas anderes an ihre Stelle treten, was uns treu bleibt und auf dessen Dauer wir vertrauen. Dann muss „etwas“ im Menschen sein, das ihm Dauer verleiht. Denn das Leben ist auf Dauer angewiesen – und ohne dieses kann kein Mensch leben. Deshalb kommt die griechische Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele unserem Verlangen nach unbegrenzter Fortdauer vielmehr entgegen, als das biblische Zeugnis von der unverfügbaren  Treue Gottes, die am Ostermorgen ans Licht kommt. Die griechische Vorstellung von einer unsterblichen Seele bedarf weder der Auferstehung Christi noch unserer Auferstehung am jüngsten Tage. Sie garantiert als solche den selbstverständlichen Übergang in ein „Weiterleben nach dem Tode“.

Doch alles, was uns ausmacht, ist Schöpfung Gottes und unterliegt nach biblischem Verständnis der Vergänglichkeit – und damit der Sterblichkeit. Ist „Fleisch und Blut“, ist „verweslich“ und kann das Reich Gottes nicht von sich aus erben, ist nicht von sich aus „kompatibel“, passend. Da geht von uns aus nichts fließend über aus der geschaffenen Zeit in die umgeschaffene Ewigkeit Gottes. Auch wenn die von Paulus bald erwartete Wiederkehr Christi nicht eingetroffen ist, so trifft doch etwas anderes zu: Der Übergang von der Zeit in die Ewigkeit hat mit einer „Verwandlung“ zu tun. Oder – mit Paulus in einem Bild ausgedrückt -: Das Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit… muss überkleidet werden mit etwas ganz anderem. Was da sein muss und gar nicht anders geht, kann nur in zurückhaltenden Bilder oder Gleichnissen angedeutet werden – wobei alle diese Bilder nur auf eines hinweisen wollen: Auf die bleibende und verlässliche Treue Gottes zu denen, die sich ihm anvertrauen.

Und die sich seiner Treue inmitten aller Fragen und Zweifel anvertrauen, haben tatsächlich eine andere Einstellung zum Sterben und ein anderes Verhältnis zum Tod: Da seine Macht gebrochen ist, gleicht er nur noch einem Schlaf, aus dem mich Gott am jüngsten Tage auferwecken wird, indem ER mich mit der belebenden Kraft seines Heiligen Geistes erneut beim Namen ruft und aus Liebe endgültig sagt: Du bist mein.

Wenn auch innerlich aus ganz anderen Grund, so ist doch äußerlich die Einstellung eines Christen zu Sterben und Tod dem des Sokrates sehr ähnlich: Weil nämlich Christus dem Tode die Macht genommen hat, kann auch ein Christ wie Sokrates ruhig und gelassen sterben. Ja, das Sterben kann ihm sogar wie Sokrates willkommen sein. Denn Christen sterben nicht mehr in die grauenvolle Leere des Nichts, sondern werden hineingeboren in die unvorstellbare Fülle der ewigen Freude im Reich Gottes. Amen.


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Predigt zum Karfreitag über Hebr 9,15. 26b-28 (IV)

Wenn der Hohepriester Kaiphas zum Hohen Rat sagt: „Ihr wisst nichts; ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe“ (Joh 11,50), dann hat er rein rechnerisch durchaus recht – und erkennt doch selber nicht die Tiefe seiner Worte. Denn bald darauf wird an einem Freitag um das Jahr 30 tatsächlich ein schwelender Konflikt auf  tödliche Weise an einem Kreuz gelöst - wie schon viele Konflikte zuvor und auch danach. Also nichts Besonderes - wäre es auch geblieben, wäre nicht plötzlich und unerwartet der Gekreuzigte seinen völlig enttäuschten Jüngern als der Auferstandene, als der Lebendige erschienen.

Nun könnte man meinen, damit wäre alles wieder gut; aber genau das gibt ihnen zu denken und lässt sie fragen: Wie ist das dann alles zu verstehen und zu fassen, was da an diesem Freitag geschah?

Wenn es nicht ein historisches Ereignis wie jedes andere in den Dimensionen von Raum und Zeit ist, sondern eine einmalige und universale „Tiefendimension“ hat, dann kann dies nur aus dem Zusammenhang heraus erkannt werden, in dem sich der Konflikt mit Jesus ereignete. Und das ist die Heilige Schrift des Alten Testaments und die religiösen Praxis des Judentums.

Um die unanschauliche Tiefendimension des Todes Jesu anschaulich und verständlich zu machen, greift man deshalb auf vertrautes „Anschauungsmaterial“ daraus zurück. Vor allem auf jenen „Knecht Gottes“ beim Propheten Jesaja, der freiwillig auf sich nimmt und erträgt, was andere ihm aufladen - und diese eigentlich selber ertragen und erleiden müssten. Damit tritt er an ihre Stelle – ihnen zugute: Sie sind davon befreit, erlöst, alles selber ausbaden zu müssen.

Dasselbe macht  der Schreiber des Hebräerbriefes anhand der Opferpraxis des Judentums anschaulich: So ging der Hohepriester einmal im Jahr - am großen Versöhnungstag, am Jom Kippur – in das durch einen Vorhang für die Öffentlichkeit verschlossene Dunkel des Allerheiligsten im Tempel von Jerusalem, um in der verborgenen Gegenwart Gottes die Sünden des ganzen Volkes zu sühnen. Hierzu nahm er zwei „Sündenböcke“. Der eine wurde mit der Sünde des Volkes „beladen“ und in die Wüste zum Teufel geschickt. Der andere musste sein Leben lassen. Umhüllt von den Wolken des Weihrauchs vergoss dann der Hohepriester im Allerheiligsten dessen Blut und also das Leben des Opfertieres. Durch Schuld und Verfehlung verwirktes Leben wird durch die stellvertretende Hingabe anderen Lebens am Leben erhalten. Ein unschuldiges Tier stirbt für schuldig gewordene Menschen - an ihrer statt, ihnen zugute, damit diese leben.

Und das immer wieder Jahr für Jahr - bis 70 n. Chr. mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels jede Opferpraxis endet. Für den Schreiber des Hebräerbriefes jedoch schon vierzig Jahre früher um das Jahr 30 – mit Jesus, dem „Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt“. ER ist als „Sündenbock“ das letzte „Sühnopfer“ zur Vergebung der Sünden – und ist zugleich der letzte und endgültige  Hohepriester, der durch sein eigenes Blut zum Mittler des neuen und ewigen Bundes (13,20) zwischen Gott und den Menschen wird – was allen bisherigen Hohenpriestern nie in den Sinn gekommen wäre.  Und das alles geschieht einmalig und für immer – nicht im heiligen Tempel, sondern an einem heillosen Kreuz. Abgründig und kaum zu fassen.

Und so bekennt der Schreiber des „Hebräerbriefes:

„Christus ist er der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. … Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer, die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Das klingt gut - aber ist das für uns – noch – verständlich? – zumal uns doch dessen Hintergrund, der alttestamentliche Opferkult, recht fremd ist! - Und doch kennen wir Verkehrsopfer, Kriegsopfer, überhaupt Todesopfer und manch einer wird zum Bauernopfer. Welchen Göttern werden da Menschen geopfert und wofür? Auch wenn uns dies kaum klar ist, so ist doch eines klar: Diese Opfer haben keinerlei sühnende oder heilende Wirkung, sondern zeugen von Unheil; sie machen nichts gut, sondern schreien nach Wiedergutmachung.

Sollten wir uns nicht deshalb besser vom „Opfergedanken“ lösen? – oder gerade nicht, weil das Opfer Christi darin ein völlig anderes ist, als es versöhnende Wirkung hat? - Außerdem scheint das Opfern in der Geschichte der Menschheit tatsächlich tief verankert -als Ausdruck dafür, dass einer von der Gunst des andern lebt. Aber das Opfer ist auch der Grund für den tödlichen Bruderzwist von Kain und Abel, mit dem biblisch die Urgeschichte der Menschheit „jenseits von Eden“ beginnt – und fortsetzt. Damit zeigt sich in der Bibel der Opferkult von Anfang an überschattet. Erst recht, wenn in den umliegenden Völkern es religiöse Praxis ist, den Göttern die erstgeborenen Kinder zu opfern –, für Israel seit jener Geschichte von Abraham und Isaak strengstens verboten, weil JHWH, dem Gott Israels, es ein Gräuel ist, wenn andere Menschen gewaltsam für ihn zum Opfer gemacht werden.

Doch auch wenn wir dem ursprünglichen Opfergedanken im Allgemeinen und dem kultischen Opferverständnis des Hebräerbriefes im Besonderen kaum mehr folgen können, stellt sich uns immer noch die Frage: Wie machen wir die Tiefendimension des Todes Jesu anschaulich und verständlich – wenn es denn eine solche aufgrund seiner Auferstehung gibt? Wie machen wir uns und andern klar, dass in dem historischen Ereignis des Todes dieses Einen - und keines anderen - etwas Einmaliges und Besonderes geschehen ist, universal gültig für alle Menschen zu allen Zeiten? Wie machen wir uns und andern verständlich, dass dieser Eine freiwillig zum „Sündenbock“ „für uns“ wurde, an unserer Stelle, uns zugute, um uns zu befreien, zu erlösen aus den tödlichen Folgen von Sünde und Schuld (vgl. Röm 6,23)?

Denn genau diese Tiefe des Todes Jesu ist für uns heute schwer nachzuvollziehen, zumal wir alle irdischen Ereignisse unter rein irdischer Kausalität sehen – ohne irgendeine himmlische Tiefe, erst recht nicht solch ein höllisches Ereignis wie die Kreuzigung Jesu. - Und zugleich halten wir die Banalität eines solch oberflächlichen Lebens nicht aus und schaffen deshalb ein Gegengewicht aus allerhand tiefgründigen Geheimniskrämereien, Mystifikationen und spekulativen Systemen – um zu einem möglichen Sinn auch solch schrecklicher Ereignisse zu gelangen. Tut das der Schreiber des Hebräerbriefes auch?

Und außerdem passt es mit unserem individualisierten Selbst- und Menschenverständnis einfach nicht zusammen, dass da einer die Sünde der anderen freiwillig erleidet und auf sich nimmt, an ihrer Stelle und sogar noch ihnen zugute. Verständlich, dass deshalb zunehmend Menschen dazu neigen, sich solange im Hamsterrad der Wiedergeburt/Reinkarnation zu drehen, bis sie ihren eigenen persönlichen Schweinehund gänzlich veredelt und also sich davon endlich selber erlöst haben. - Und zugleich schieben wir Verantwortung und Versagen ständig von uns auf andere ab – wie es nun mal entsprechend dem biblischen Tiefblick von Anfang an Adam und Eva getan haben und weiterhin wohl tun (vgl. 1 Mose 3). Wir halten es einfach nicht aus, selber schuld zu sein – ließen uns deshalb noch bis vor kurzem Schuldgefühle, also Schuld als Gefühl, therapeutisch wegerklären – oder verstehen heute unser schlechtes Gewissen als einen rein neuronalen Prozess – und werden dadurch von Schuld und Versagen befreit und erlöst zu einem Weiterleben in Frieden.

Aber das alles weist darauf hin, dass wir mit irgendetwas nicht fertig werden, was wir als heillosen und schuldverstrickten Zustand auf Erden erfahren und den wir offensichtlich selber in die Welt setzen und darin zutiefst verstrickt sind. Und also dürfte wohl keiner leugnen, dass wir dafür zutiefst verantwortlich sind – und es doch nicht sein wollen, um unser Leben nicht zu verwirken.

Wenn darum nach unserem Tod nicht alles „aus und vorbei“ ist und deshalb vor dem Tod nicht alles gleich-gültig und egal, dann gibt es- soweit ich erkenne -  nur die Alternative: Entweder wir müssen gnadenlos solange und immer wieder selber Sünde und Schuld abarbeiten und büßen, bis alles endgültig bereinigt ist, um befreit und erlöst in die Seligkeit eingehen zu können – oder in dem einmaligen Tod Christi gründet tatsächlich Vergebung und Versöhnung und damit unsere Erlösung und Befreiung „von außen“ zum (ewigen) Leben – was ich „nur“ für mich gelten lassen und annehmen kann. Für unser individualisiertes Menschenverständnis, gemäß dem jeder seines eigenen Glückes oder Unglückes Schmied ist, hat das erstere mehr Plausibilität. Weiß ich mich hingegen durch Christi Tod zum Leben befreit und erlöst, dann kann dies nur ein Leben sein, das solche Befreiung und Erlösung auch lebt. Und das zeigt sich auch in einem verantwortlichen Umgang mit andern Menschen und der ganzen Schöpfung .

Denn Christus ist wohl mein Retter, aber auch mein Richter im jüngsten Gericht. Und im jüngsten Gericht  wird nur zählen, was auch bei ihm nur gezählt hat, als er sich meiner erbarmte: und das ist - die Liebe; die bedingungslose Zuwendung zum andern. Ich werde danach gerichtet, ob ich seine Liebe nicht nur für mich gerne in Anspruch genommen, sondern auch an andere weitergegeben habe, für sie eingetreten bin (vgl. Mt 18,23ff), mich ihrer erbarmt habe (Mt 25,31ff). Und zwar gerade angesichts ihrer Schuld und Sünde. Amen.

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Predigt am Palmsonntag zu Jesaja 50,4-9 (IV)

  Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, daß ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, daß ich höre, wie Jünger hören.  Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.  Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.  Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, daß ich nicht zuschanden werde.  Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Laßt uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!  Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

Wer bekommt da jeden Morgen zum Hören das Ohr geweckt, damit er weiß mit den Müden zu reden zu rechter Zeit? Wer hat da einiges von den Menschen zu erleiden und erfährt dabei Gottes Beistand? Wer ist das? -

Wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Im Buch des Propheten Jesaja ist an vier verschiedenen Stellen vom „Knecht Gottes“ die Rede (42,1-4; 49,1-6; 50,4-9; 52,13-53,12). Was seine Person und seine Aufgabe ausmacht, das erfahren wir, aber wir wissen nicht, wer das ist. Das bleibt offen. Der „Knecht Gottes“ scheint ein „Typ“, eine „Gestalt“ zu sein, die wie im Nebel erscheint, sich aber nicht eindeutig „identifizieren“, sich niemand eindeutig zuordnen lässt.

Zwar wird beim  Propheten Jesaja das ganze Volk Gottes als „Knecht Gottes“ bezeichnet: („Du aber, Israel, mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe, du Spross Abrahams, meines Geliebten, den ich fest ergriffen habe von den Enden der Erde her und berufen von ihren Grenzen, zu dem ich sprach: Du sollst mein Knecht sein; ich erwähle dich und verwerfe dich nicht -, fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“ (Jes 41,8-10)) Aber auch schon Mose (Jos 1,2.7) und auch der Prophet Jesaja selbst werden „Knecht Gottes“ genannt (Jes 20,3). Und wie jener unbekannte „Knecht Gottes“ so haben auch diese beiden unter ihrer Berufung und Aufgabe zu leiden.

Doch jener unbekannte „Knecht Gottes“ nimmt das ihm zugefügte Leiden nicht nur bereitwillig auf sich, sondern trägt und erträgt es auch stellvertretend für seine Peiniger – tritt an ihrer Stelle und tritt für sie ein. Der unter ihrer Anklage steht, wird zu ihrem Anwalt. Der erbarmungslos Gepeinigte, erbarmt sich seiner Peiniger. Und damit geschieht etwas Ungeheuerliches und Einmaliges in der ganzen Religionsgeschichte: Der gnadenlose Wirkungszusammenhang von Sünde und Sühne ist zerbrochen. Ein moralisches Naturgesetz wäre aufgehoben: dass nämlich jeder selber gnadenlos ausbaden muss, was er sich und andern eingebrockt hat. Statt dessen ist nun Erlösung, Errettung, Befreiung möglich.

Was jedoch mit dem „Knecht Gottes“ beim Propheten Jesaja noch eine offene Möglichkeit ist, das sehen 500 Jahre später die Jünger Jesu mit dessen Leiden und Sterben als „erfüllte“ Wirklichkeit. Weil ihnen der am Kreuz Getötete als der von den Toten Auferstandene und Lebendige erscheint, erkennen sie, was am Karfreitag in der Tiefe geschah: Dieser eine hat freiwillig und stellvertretend die Sünden der anderen auf sich und mit in den Tod genommen - ihnen zugute. ER hat erlitten, was diese hätten erleiden müssen. Solch ein helles Licht wirft der „Knecht Gottes“ aus dem Propheten Jesaja auf das dunkle Geschehen am Kreuz – und offenbart seinen verborgenen Sinn.

Zwar klingt der „Knecht Gottes“ aus dem Propheten Jesaja schon vor dem Karfreitag immer wieder an (vgl. Mt 8,17; 12,18ff) – aber bis dahin sehen die Menschen in Jesus eher einen Propheten (Mt 16,14). Was jedoch den „Knecht Gottes“ mit den meisten Propheten verbindet, ist – das Leiden darunter, dass seine Botschaft bei den Müden gerade nicht ankommt, nicht erhört wird, sondern als „unerhört“ von ihnen zurückgewiesen wird, was er dann auch zu spüren bekommt. Denn die „Müden“ wollen in Ruhe gelassen werden.

Und so klagt auch Jesus: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigste die zu dir gesandt sind. Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel - und ihr habt nicht gewollt.“ (Mt 23,37) Und im „Gleichnis von den bösen Weingärtnern“ (Mt 21,33ff) stellt ER sich in eine Reihe mit jenen, die zuvor schon als „Knechte“ gesandt sind und handgreifliche oder gar tödliche Ablehnung erfahren. Und in einer besonderen „Seligpreisung“ stellt ER sogar das Geschick seiner Jünger in eine Reihe mit dem Geschick der Propheten, als er ihnen Leid und Verfolgung ankündigt und sagt: „Ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.“ (Mt 5,12)- Aber wer sind sie, welche die Propheten einschließlich den „Knecht Gottes“ verfolgt haben?

Es sind vor allem - die „Priester“, welche die Propheten als Bedrohung empfinden. Denn die Priester vertreten eine Institution, hüten und verwalten darin das Heilige, das Numinose, das Mysteriöse, das Geheimnisvolle und geben es weiter – als Geweihte, Ordinierte. Doch darin birgt sich die große Gefahr, dass unter priesterlicher „Verwaltung“ alles immer wieder zu einem leeren Ritual erstarrt. Es atmet nicht mehr, ist seelenlos richtig, ist tödlich korrekt.

Hat es das Priesterliche vor allem mit dem Inszenieren und Zelebrieren heiliger Schauspiele und also mit dem Schauen zu tun, so das Prophetische vor allem mit dem Hören und Reden. Den Propheten wird das Ohr geöffnet und sie müssen dem Gehörten „gehorsam“ sein – was für sie oftmals gar nicht einfach ist, denn ihre Botschaft ist nicht unbedingt willkommen. Denn während die Priester vor allem damit trösten, dass es ganz bestimmt schon irgendwie weitergeht, hat es die Botschaft der Propheten meist mit Ende und Neuanfang zu tun, mit dem Gericht und dem Erbarmen Gottes im Gericht; mit Leben aus dem Tod. Deshalb auch der Ruf zur Umkehr: Sich also darauf einzustellen und nicht besinnungslos weiterzumachen.

Da bricht etwas wie senkrecht von oben herein, plötzlich und unerwartet, rein „zufällig“ – wie es die Propheten selber bei ihrer Berufung erfahren als Einbruch der Wirklichkeit Gottes in die Wirklichkeit dieser Welt.

So zeigt auch die Herabkunft des Hlg. Geistes bei der Taufe Jesu, dass er kaum Priester, sondern eher Prophet ist. Dementsprechend verwaltet er auch keine heilige Tradition, sondern tut den Willen Gottes und spricht in dessen Vollmacht (vgl. Mt 5,22ff). Und wie die andern Propheten kündigt er das Kommen Gottes, den Hereinbruch des Reiches, der Königsherrschaft Gottes an und ruft deshalb die Menschen auf, sich darauf auszurichten und also ihr Sinnen und Trachten umzukehren.

Doch gleich den andern Propheten findet auch ER wenig Gehör und stößt auf viel Ablehnung – vor allem eben durch die Priester: durch die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Pharisäer, welche ihre Deutungshoheit in Sachen „Religion“ durch IHN in Frage gestellt und deshalb sich zu einer Machtprobe herausgefordert sehen. Doch darauf lässt sich Jesus nicht ein – so wenig wie die Propheten. Während die Priester „Religion“ als „Rückbindung“ an eine vorhandene letzte spirituelle Sicherheit verstehen, hält sich Jesus wie die Propheten letztlich nur an dies eine: An das Vertrauen auf die Treue Gottes – aufgrund der Gewissheit, dass dieses Vertrauen nicht enttäuscht wird – auch wenn es hart auf die Probe gestellt wird. Und so bekennt der „Knecht Gottes“ beim Propheten Jesaja: „Gott, der Herr, hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden… Er ist mir nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten…“

Das greift später auch„Paulus, ein Knecht Jesu Christi“ auf und schreibt: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und vertritt uns…“

1600 Jahre später verdichtet Paul Gerhardt angesichts schwerer Anfeindungen in seiner Kirche des Paulus Wort zu dem Lied: „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich... Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott’“

Eine ebensolche tiefe Gewissheit bringt nochmal 300 Jahre später Jochen Klepper zur Sprache: 1938 dichtet er in Bezug auf den „Knecht Gottes“ angesichts der schwierigen politischen und kirchlichen Situation das Lied: „ ER weckt mich all Morgen, ER weckt mir selbst das Ohr…“ Jochen Klepper weiß darin auch um „Angst und Klage“ – aber auch um das „Wort der ewgen Treue, die Gott uns Menschen schwört“.

Um dieses „Wort der ewgen Treue, die Gott uns Menschen schwört“ geht es Priester und Propheten auf je verschiedene, ja oftmals gegensätzliche Weise. Und wenn sie auch oftmals widereinander streiten, so streiten sie doch darum. Denn wir Menschen leben von verfügbarer Kontinuität – und doch sind es die unverfügbaren „Zufälle“, die unser Leben zutiefst ausmachen und bestimmen. Amen.

 

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Predigt an Laetare zu Phil 1,15-21 (IV)

 Paulus sitzt im Gefängnis und wartet auf seinen Prozess. Man wirft ihm irgendeinen Rechtsbruch vor. Doch im Gefängnis ist allen klar, dass er „seine Fesseln für Christus trägt“. Und ihm ist klar, dass dies alles „nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten ist.“ (1,13). Wie jedoch der anstehende Prozess juristisch ausgehen wird, ob mit einem Freispruch oder mit dem Todesurteil, das ist offen.

Angesichts dieser Ungewissheit ist es umso erstaunlicher, dass gerade in diesem Brief an die erste christlichen Gemeinde auf europäischem Boden, hervorgegangen aus dem Hause der Purpurhändlerin Lydia in Philippi, die Freude vorherrscht (vgl. 3,1; 4,4). Denn Paulus ist sich dessen gewiss, dass „mir dies zum Heil/zur Rettung ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi“ (1,19). Und Heil bzw. Rettung umfasst für ihn seltsamerweise beides: am Leben bleiben und sterben müssen. Egal nun was, seine Hoffnung zielt darauf, dass er „nicht zuschanden wird, sondern dass Christus verherrlicht werde an seinem Leibe; sei es durch Leben oder durch Tod“ (1,20) – und das entspricht genau dem, was er den Christen in Rom schreibt: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ (Röm 8,28)

Des Paulus Mut und seine Furchtlosigkeit im Gefängnis das Evangelium „zu verteidigen und zu bekräftigen“ (1,7.16), hat wiederum andere zuversichtlich und noch „kühner gemacht, das Wort (Gottes) zu reden ohne Scheu/ohne Furcht“, wie er im Gefängnis erfährt (1,15). Doch die Motive ihrer Kühnheit, ihrer Furchtlosigkeit scheinen recht verschieden – weshalb Paulus schreibt:

 

„Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. Was tut's aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“

 

Des Paulus Gefangenschaft hat also manche gerade nicht eingeschüchtert, sondern ermutigt, „das Wort zu reden ohne Scheu“. Und so predigen einige von ihnen Christus in guter Absicht und in Liebe zu Paulus, einige aber predigen Christus nicht aus lauteren Motiven, sondern aus Eigennutz und möchten Paulus Trübsal bereiten in seiner Gefangenschaft. Die Motive ihrer Christusverkündigung sind „Neid und Streitsucht“, wie Paulus schreibt. Sie nutzen die Chance, dass Paulus als ihr Konkurrent ausgeschaltet ist, um nun selber groß rauszukommen. Ehrgeizig werden sie statistisch nachweisen, dass bei ihnen der Gottesdienstbesuch zahlreicher und Opfer und Kollekte höher ausfallen als bei Paulus. Mit Genugtuung werden sie darauf hinweisen, dass das Gemeindeleben durch sie viel lebendiger und bunter ist. Mit Stolz werden sie ihre Erfolge auflisten und veröffentlichen und sich damit verteidigen.

Konkurrenz in der Kirche gibt es offensichtlich von Anfang an. Sie hat sehr persönliche, menschliche Anlässe und gründet -zumindest hier - nicht in einer anderen Botschaft, nicht in einem „anderen Evangelium“ – womit Paulus allerdings auch zur Genüge zu tun hat (vgl. 2 Kor 11,4; Gal 1,8f). Hier geht es also nicht um irgendwelche Feinde des christlichen Glaubens, sondern um Geschwister aus den eigenen Reihen. Sie wittern ihre Stunde – gegen Paulus, während andere mit ihm verbunden bleiben.

Und was macht nun Paulus? Macht er seine apostolischen Würden und Vorrechte geltend? Ärgert er sich und fühlt sich in seiner Ehre gekränkt? Aber damit würde er sich auf ihre Ebene begeben und ihnen auf den Leim gehen. Denn diese hätten gerne, dass er mit ihnen auf dieser Ebene streitet. Aber persönliche Motive der Christusverkündigung interessieren ihn nicht. Er weiß, dass auch in der Verkündigung sehr viel Menschliches mitspielt – aber dies eigens zum Thema und zum Gegenstand einer Diskussion zu machen ist eine endlose und ergebnislose Angelegenheit. Was also macht er? Er freut sich – und wird sich weiterhin freuen (1,18)!

Denn wenn es Paulus um Verteidigung/Apologie geht, dann verteidigt er nie seine Person, seine Persönlichkeit, sondern - das Evangelium. Dessen Apostel, dessen Anwalt ist er – denn das Evangelium steht unter der Anklage, nicht in das Schema dieser Welt zu passen. Und das Schema dieser Welt besteht aus den gnadenlosen und erbarmungslosen Tat-Folge-Zusammenhang weltlicher Gerechtigkeit: Es ist nur gerecht, dass jeder erbarmungslos und gnadenlos auslöffelt, was er sich und andern eingebrockt hat. Biblisch ist das jedoch - die Hölle. Und diese Hölle ist alltägliche Wirklichkeit – auf Erden

Dass hingegen einer stellvertretend für alle anderen, also an ihrer Stelle und ihnen zugute ihre Sünde, ihre Verfehlungen auf sich nimmt und in den Tod nimmt und sie dadurch „gerecht macht“, indem sie sich ihm anvertrauen - das ist eine Botschaft, welche darum niemals auf dem Mist der Welt wachsen kann. Die Botschaften dieser Welt haben alle etwas zu tun mit dem unauflöslichen Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Schuld kann deshalb eigtl. nicht vergeben, sondern muss immer persönlich gesühnt und also gerächt werden. Darum sitzt „die Welt“ ständig zu Gericht über sich selbst – und richtet sich dadurch selbst zugrunde; und zwar aus Gründen ihrer Gerechtigkeit. „Fiat iustitia et pereat mundus!“ „Recht/Gerechtigkeit geschehe, auch wenn die Welt darüber zugrunde geht“ – lautet das tödliche Prinzip des Habsburger-Kaisers Ferdinand I.

Das Evangelium als frohe Botschaft hingegen bürstet diese „selbstgerechte“ Welt gegen den Strich, leuchtet deshalb gerade nicht ein, passt in kein religiöses und erst recht in kein moralisches Schema, und steht deshalb unter Anklage – und muss nüchtern und besonnen verteidigt werden. Und das können Menschen als „Anwalt“ nur tun, wenn sie zugleich einen anderen Anwalt zur Seite haben: das Gebet anderer und den „Beistand des Geistes Jesu“ (1,19), – bzw.: den Heiligen Geist, den „Tröster“, wie er im Evangelium nach Johannes genannt wird.

Paulus geht es also nicht um sich selbst, sondern um die „Sache“, um die frohe Botschaft, um das Evangelium vom Jesus Christus. Und es geht ihm darum, dass die unverwechselbare Eigenart dieser Botschaft erkenntlich und verständlich ist – damit Menschen, die sie ablehnen, auch wissen, was sie da ablehnen. Und das ist eben nicht nur eine „Information“ über einen glaubwürdigen oder zweifelhaften religiösen Sachverhalt, ist  nicht um ein „Wissen“, das einen letztlich kalt lässt. Die frohe Botschaft hat nämlich ihr Ziel darin, dass sie einen Menschen zutiefst berührt und ihn selber froh macht. Es geht um das Gemüt eines Menschen, wie ihm zumute ist – und zwar im Leben wie im Sterben.

Und wenn Paulus schreibt: „Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn“, dann bedeutet dies nicht, dass er lebensmüde oder dienstmüde ist. Und selbst wenn er anschließend schreibt: Er „habe Lust aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre“ (1,23), was aber um der Gemeinde in Philippi willen besser nicht der Fall ist, dann ist dies keine romantische Weltflucht und auch keine Sehnsucht nach einem heilen Jenseits. Denn Paulus geht es nicht um sich selbst, sondern darum, dass „Christus verherrlicht werde an seinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.“ (1,20) Und „Leib“ ist - biblisch – immer der ganze Mensch, ist leben in der Welt. An die Christen in Korinth schreibt er im Blick auf widrige Lebenslagen: „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.“ (2 Kor 4,10)

Wenn wir das alles sehen und bedenken, dann merken wir wie bewundernswert Paulus ist – und zugleich wie fremd. Fremd, weil wir uns kaum vorstellen können, wie jemand so von Christus durchdrungen ist, dass er ganz für ihn lebt – und selber seine eigene Person, seine persönlichen Bedürfnissen dahinter zurückstellt, so dass Paulus den Christen in Galatien von diesem Erfülltsein schreiben kann: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“ (Gal 2,20). Bewundernswert aber ist Paulus, weil wir oft an uns selber so sehr kleben und nicht wegkommen von uns selbst, dass wir uns selbst schon zu einer Last werden, von der wir selber gerne befreit sein möchten.

Wenn aber solcher Wunsch aber nicht in Weltflucht oder Todessehnsucht enden soll, dann gibt es nur die eine Möglichkeit, dass wir aus Gnade und Erbarmen „in Christus“ hineinversetzt sind (vgl. Kol 1,3) und dadurch auch ein bleibendes „Bürgerrecht im Himmel“ haben (3,20).

Das macht gelassen – im Leben und auch im Sterben. Amen.


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Predigt an Okuli zu 1. Petr 1,13-21 (IV)

  Petrus schreibt: "Umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.  Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet;  sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.  Denn es steht geschrieben: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«  Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht;  denn ihr wißt, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise,  sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.  Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen,  die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt."

Petrus schreibt an Christen auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Diese fragen sich ernsthaft, ob es nicht doch besser wäre, wieder zu werden, was man vormals war: kein Christ. Dann würde man sich in der röm. Gesellschaft auch nicht mehr fremd fühlen, sondern würde wieder dazugehören, wäre wieder voll akzeptiert und integriert. Aber so hat man als Christ immer dieses Gefühl, ein Fremder, ein Außenseiter zu sein. Denn man wird ausgegrenzt, weil man anders lebt. Aber ob man solch ein anderes Leben auf Dauer durchhält?

Man spürt es dem ganzen Brief des Petrus an: Da sorgt sich einer um bedrängte und wankende Christen – und schreibt einen seelsorgerlichen Brief. Und seine Seelsorge beginnt mit dem Lob Gottes: „Gelobt sein Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren, neu geboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“. (1,3) Mit dem, was Gott an uns getan hat – und nicht was wir tun sollen! – setzt Petrus ein. Durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten hat ER uns wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung. Läge hingegen der Grund unserer Hoffnung in uns selbst – wäre es eine tote Hoffnung. Denn Hoffnung hat es doch damit zu tun, dass sich etwas oder alles zum Guten wendet, also wieder gut wird und gut bleibt – was wir Menschen weder garantieren noch auf Dauer bewirken können. Christen glauben nicht an das Gute im Menschen – sondern an die Güte Gottes, die ihnen zugute kommt – und sie deshalb andern zugute kommen lassen. Diese bedingungslose Güte Gottes nennen wir: Gnade.

Wer hingegen an das Gute im Menschen glaubt und deshalb auf die beständige Güte des Menschen hofft, der wird sie auch gnadenlos vom Menschen fordern: Du sollst gut sein, denn du kannst gut sein. Aus der Möglichkeit, gut sein zu können, ergibt sich der logische Zwang, auch gut sein zu müssen – und führt schließlich tatsächlich zu einem gnadenlosen Richten über den, der anscheinend nicht gut oder nicht gut genug ist; und sei es auch - man selbst. Man setzt sich selber und andere unter Druck, in allem gut zu sein – und nach Möglichkeit immer besser und schließlich perfekt zu werden.

Für Petrus kommt dies offensichtlich nicht in Frage. Denn er weiß, dass jeder Mensch ein Sünder ist und keiner dem andern irgendetwas voraus hat. Das führt zur Solidarität der Sünder, lässt aber dann auch umso mehr fragen: Worauf dann hoffen, wenn nicht auf die moralische Perfektion des Menschen? Es muss ein „Angebot“ von außen sein. Und so schreibt Petrus: „…setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesus Christi.“ Dann ist also das, was Christus zeigt, was mit ihm erscheint, die Gnade, die Zuwendung, die Handreichung, das „Angebot“ Gottes. Und darauf, auf IHN gilt es ganz zu hoffen. Und ohne ihn gibt es für Petrus nichts zu hoffen. Mit Christus steht und ohne IHN fällt die christliche Hoffnung. Und diese Hoffnung macht sich schließlich dort fest, wo Christus, der Sündlose die Sünde der Sünder stellvertretend übernimmt: am Kreuz (1,19; 2,22ff).

Wiederum ist solche „Stellvertretung“ nur dem christlichen – und jüdischen (vgl. Jes 53) - Glauben eigen. In allen (?) anderen Religionen muss jeder „gnadenlos“ und „erbarmungslos“ auslöffeln, was er sich und andern eingebrockt hat – und sei es über mehrere Wiedergeburten hinweg; wie vor allem im Hinduismus – bis er endlich „der Seelen Seligkeit erlangt“ (1,9).

Dabei muss man zugleich bedenken: Über Christus, die Zuwendung, die Handreichung Gottes, kann man nicht verfügen. Christus ist keine spirituelle Substanz in mir, kein religiöser Besitz. Man kann ihn nicht haben. Man kann sich ihm nur personal, also in einer „persönlichen Beziehung“ anvertrauen, „an ihn glauben“ – und so auf IHN lebendig hoffen (1,21). Und Hoffnung heißt auch hier: Dass sich zum Guten wendet, also wieder gut wird und gut bleibt, was im Argen liegt und der Erlösung bedarf. Und solche Hoffnung hat nichts mit Schwärmerei zu tun, sondern vielmehr  mit „Nüchternheit“, also mit der illusionslosen Erkenntnis, dass der Menschen nicht des Menschen Hoffnung ist. Hierzu muss man sogar nach Petrus die „Lenden des Gemüts umgürten“, so dass das Gemüt gefasst bleibt und man sich nicht doch in schönen Illusionen über menschliche Möglichkeiten versteigt.

Das hat nichts mit Pessimismus zu tun, sondern ist biblischer Realismus, der weltlicher Erfahrungen entspricht – und vor einem falschen Optimismus bewahrt, der die Möglichkeiten und Fähigkeiten des Menschen schwärmerisch überschätzt, den Menschen deshalb moralisch überfordert und schließlich in Enttäuschung, Beschimpfung oder gar der gnadenlosen Verfluchung des Menschen endet – angesichts seiner tagtäglich erfahrbaren Verfehlungen. „Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.”

Das ist das eine – und daraus folgt das andere: „…wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein/werden in euren ganzen Wandel.“ Das klingt in einer Zeit, in der auch – zumindest die evangelische - Kirche ganz weltlich, säkular sein, schon etwas befremdend – und ist es auch schon in der Zeit des Petrus. Denn Petrus sieht die Christen jener Zeit „in der Fremde“(1,17), redet sie an mit „auserwählte Fremdlinge“ (1,1) oder „Fremdlinge und Pilger“ (2,11) – denn sie unterscheiden sich eben von den „Einheimischen“ der römischen Gesellschaft – was ihnen eben Schwierigkeiten bereitet und zu schaffen macht; weshalb sie Petrus seelsorgerlich ermutigt, nicht wieder zurückzufallen in das alte und vergangene Leben. Denn vormals setzten sie ihre Hoffnung – aus Unwissenheit (1,14; und Torheit 2,15) - eben nicht auf die angebotene Gnade, sondern gaben sich ihren „Begierden“ hin – hofften also auf die Erfüllung all dessen, was ihr Herz alles begehrte – und also haben wollte – seien es Dinge oder Menschen oder aufzählbare Erfolge. Dabei geht es immer um Macht über etwas, das mir zur Verfügung steht – und also mein Selbstwertgefühl ausmacht. Bei solchen „Begierden“ regiert jedoch immer die Gier: Nichts ist genug; es muss immer noch mehr sein. Unersättlichkeit ist das Zeichen der „Begierde“ – und einer inneren Leere.

Von solch „nichtigem, leerem, eitlen Wandel“, wie Petrus ihn nennt, sind die Christen durch Christus erlöst, müssen nicht mehr dem Nichtigen nachjagen, sondern sind stattdessen berufen zu einem „heiligen Wandel“. Und dieser Wandel zeigt sich in der Gottesfurcht. Und das ist ein Leben in der Verantwortung vor Gott – und also im Wissen (im Gegensatz zu jener „Unwissenheit!) , dass sie demgegenüber Rechenschaft ablegen müssen, „der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk“.

Wie aber passt das „Gericht nach Werken“ zusammen mit der „Hoffnung auf die Gnade“? Schließen sich das Gericht nach den Werken und also die Gottesfurcht und das Vertrauen in die bedingungslose Gnade Gottes nicht gegenseitig aus? Oder hebt die Hoffnung auf die Gnade das Gericht nach den Werken auf – so dass meine Werke letztlich also doch keine Rolle mehr spielen. Wie kann ich Gott fürchten, sein Urteil fürchten – und ihm zugleich vertrauen, mich ihm zugleich anvertrauen? Wie soll denn das gehen?

Mein Vertrauen und also mein Hoffen auf seine Gnade betrifft mein unmittelbares Verhältnis zu IHM. Und Christus ist dabei das verlässliche Zeichen/Sakrament seines Erbarmens. Ich muss vor Gott nicht gut sein – denn ich kann es nicht. Er macht mich gut, gerecht – durch Christus. Unverdient, aus Gnade, aus Erbarmen, aus Liebe. Und nur deshalb haben Christen die große Hoffnung, dass alles gut wird.

Meine Werke hingegen betreffen mein Verhältnis zu meinem Nächsten, zu Gottes Schöpfung – und also: Ob sich im Umgang mit ihnen das Erbarmen zeigt, das mir Gott schenkt (vgl. Mt 28,23ff). Und das ist Zeichen dafür, dass ich heilig bin wie er heilig ist, ist Zeichen meiner „Heiligung“. Umgekehrt: Wie könnte ich darauf hoffen, dass Gott sich meiner erbarmt und mir gnädig ist, wenn ich zugleich selber – sei es zu mir, sei es zu meinem Nächsten – erbarmungslos, gnadenlos, lieblos bin. Das wäre ein Widerspruch in mir selber.

       

Für einen Christen hat also ein „heiliges Leben“, hat die „Heiligung des Lebens“ nicht mit einem heiligen Ort oder mit einem heiligen Ritual zu tun, sondern lässt die lebendige Beziehung eines Menschen zu dem Heiligen Gott erkennen. Heiligkeit ist kein Habitus, keine Substanz, besteht nicht in bestimmten Ritualen oder Mysterien, Handlungen oder Haltungen. Es ist schlichte Gottesverbundenheit in Gottesfurcht - im Alltag dieser Welt. Amen.

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Predigt am Sonntag Reminiscere zu Jes. 5,1-7 (IV)

 „Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?“

Da singt einer das Lied von seinem Freund und dessen Weinberg. Und der da singt, ist der Prophet Jesaja. Und die da zuhören sind die Bürger von Jerusalem und die Männer von Juda. Und diese wissen: Der Weinberg ist ein Bild für die Braut seines Freundes. Denn eine Braut wird oftmals mit einem Weinberg verglichen: Der süßen Trauben wegen - welche ganz gewiss auch der nötigen Pflege und Zuwendung bedürfen. Ein Liebeslied ist also zu hören. Allerdings das Lied einer enttäuschten Liebe – und also ein Klagelied. Denn die Pflege und Zuwendung war da – nur der erhoffte Ertrag an süßen Trauben nicht.

Aber warum hat die bisherige Liebesmüh einfach nicht gefruchtet? Man kann es sich einfach nicht erklären! Hat es vielleicht doch an irgendetwas gemangelt? Aber an was, das bisher nicht getan wurde? Und: Was also nun überhaupt noch tun?

Ratlosigkeit macht sich breit – bei dem Besitzer des Weinbergs; und er lädt die Bürger Jerusalem und die Männern von Juda ein, zwischen ihm und seinem Weinberg zu urteilen und zu sagen, was zu tun ist. Aber auch diese scheinen ziemlich ratlos und im Schweigen zu verharren - und so gibt der Besitzer des Weinbergs selber die Antwort:

„Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.“

Das klingt hart: Der Besitzer des Weinbergs wird seinen Weinberg sich selbst überlassen und sich von ihm zurückziehen. Vielleicht ist der Weinberg darüber zunächst sogar höchst erfreut. Jetzt kann endlich alles wachsen und reifen wie es will. Doch was dann kommt, weiß jeder Winzer: Der ungepflegte Weinberg verwildert, verwahrlost, verkommt. Von einem Weinberg schließlich keine Spur mehr – und von süßen Trauben erst recht nicht. –

Und was meinen die Bürger von Jerusalem und die Männer von Juda zu diesem Vorhaben des Weinbergbesitzers? – Sie würden es wohl kaum anders halten bei ergebnisloser Liebesmüh. Und Jesaja fährt fort:

„Des HERRN Zebaoth Weinberg ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“

Den Zuhörern stockt der Atem. Manche werden rot vor Zorn – andere werden rot vor Scham. Sie haben sich nämlich stillschweigend selber das Urteil gesprochen. Schon die ganze Zeit ging es um sie selbst – ohne dass sie es gemerkt haben. Das Haus Israel und die Männer von Juda sind die Pflanzung, an der Gottes Herz hing; sind sein geliebter Weinberg, sind seine geliebte Braut. Doch aus dem Liebeslied des Gottes Israels wurde nicht nur ein Klagelied über eine enttäuschte Liebe, sondern auch ein Anklagelied – und zwar vor dem Gericht, das mit den Bürgern von Jerusalem bestückt war, die dann plötzlich und unerwartet Richter in eigener Sache wurden und über sich selbst das Urteil sprachen (vgl. Rm 2,1) - wie vormals der König David, als ihm der Prophet Nathan ein Gleichnis erzählt von einem reichen Mann, der viele Schafe hat, aber für ein Festmahl einem armen Mann sein einziges geliebtes Schaf an sich reißt. Mit scheinbar gutem Rechtsempfinden ausgestattet sagt David entrüstet und empört: „So wahr der HERR lebt: der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat!“ … Und Nathan sagt zu David: „Du bist der Mann!“- und jetzt sagt Jesaja zu den Bürgern Jerusalems: „Ihr seid dieser unfruchtbare Weinberg des Herrn“. Denn ER erwartete Rechtsprechung, aber da war Rechtsbrechung; ER erwartete gut Regiment, aber da war Blutregiment.

Gleich nach dieser Anklage sind aus dem Munde Jesajas „Weherufe“ zu hören: „Weh denen, die ein Haus zum andern bringen und einen Acker zum andern rücken bis kein Raum mehr da ist und sie allein das Land besitzen... Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen... Weh denen, die weise sind in ihren eigenen Augen und halten sich selbst für klug!...Weh denen, die den Schuldigen gerecht sprechen für Geschenke und das Recht nehmen denen, die im Recht sind...“ –

Weh denen also, die sich mit Ellenbogen breit machen und die andern zur Seite drängen; die alles gekonnt ins Gegenteil verdrehen, weil es so für sie passend ist; und auch noch das Recht vor Gericht beugen lassen und damit immer im Recht sind. Das sind die „schlechten Trauben“, welche der Weinberg Gottes gebracht hat.

Nachdem sich Gott von seinem Weinberg zurückgezogen hat, fällt - noch zur Zeit Jesajas - die assyrische Weltmacht über das Nordreich Israel her. Das Land Gottes, das „heilige Land“ wird dem Volk Gottes entzogen und vor allem die führenden Köpfe des Volkes nach Assyrien deportiert. Die Weherufe Jesajas verhallten zwar unerhört – waren dann aber unausweichlich zu spüren.

700 Jahre nach Jesaja hört die geistliche Führung des Volkes Gottes zwar kein weiteres Lied, dafür aber ein „Gleichnis vom Weinberg“ - aus dem Munde Jesu. In diesem Gleichnis schickt der Eigentümer des Weinbergs nach vielen vorhergehenden Gesandten zuletzt seinen Sohn, und erinnert durch ihn die Weingärtner an den immer noch ausstehenden und ihm zustehenden Ertrag. Doch wie vormals fühlen diese sich nur belästigt und provoziert – und töten schließlich sogar den Sohn des Weinbergbesitzers. „…was wird dieser mit den Weingärtnern tun?“, fragt Jesus die geistliche Führung. Diese antwortet „Er wird den Bösen ein böses Ende bereiten und seinen Weinberg andern Weingärtnern verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit geben.“ –

Wieder sprechen sich hier welche (nach dem Zeugnis von Mt!) unbemerkt das eigene Urteil, woraufhin Jesus zu ihnen sagt: „Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt. - Und als die Hohenpriester und Pharisäer seine Gleichnisse hörten, erkannten sie, dass er von ihnen redete. Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen; aber sie fürchteten sich vor dem Volk, denn es hielt ihn für einen Propheten. (Mt 21,40ff).

Und wie bei Jesaja sind auch aus Jesu Mund bald darauf ebenfalls Wehe-Rufe zu hören: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! … Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt! Weh euch, …die ihr die Becher und Schüsseln außen reinigt, innen aber sind sie voller Raub und Gier! Weh euch, …die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch aussehen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat! So auch ihr: von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Unrecht. Weh euch, …die ihr den Propheten Grabmäler baut und die Gräber der Gerechten schmückt und sprecht: Hätten wir zu Zeiten unserer Väter gelebt, so wären wir nicht mit ihnen schuldig geworden am Blut der Propheten! Damit bezeugt ihr von euch selbst, dass ihr Kinder derer seid, die die Propheten getötet haben…“

Der Kern solch harter Worte Jesu ist jedoch nicht Zorn, sondern Trauer. Diesmal nicht zuerst wegen sozialer Verfehlungen, sondern wegen korrekter und penibler und wunderschöner Heuchelei. Und während Jesus vor seinem Einzug über die Stadt Jerusalem weint (vgl. Lk 19,41), klagt er jetzt über sie: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt! Siehe, »euer Haus soll euch wüst gelassen werden«. (Mt 23,13ff)

40 Jahre später wird tatsächlich des Herrn Haus in Jerusalem verwüstet und wüst gelassen - und Menschen aus anderen Völkern verstehen sich als „Weinberg des Herrn“ bzw. als die „Braut Christi“, nämlich die christliche Kirche. Aber bringt dieser „kirchliche Weinberg“ dann wirklich bessere Früchte?

In der Zeit der Reformation wird darüber auch konfessionell gestritten. Lucas Cranach d.J. malt 1569 für die Pfarrkirche St. Marien in Wittenberg einen konfessionell aufgeteilten Weinberg Gottes: In der linken Hälfte die Papisten, welche u.a. die Früchte des Weinbergs selber essen, und in der rechten Hälfte die Reformatoren und Gelehrten, welche – ganz klar! - den Weinberg Gottes samt seinen Früchten hegen und pflegen.

Zu den Früchten der Reformation gehört jedoch leider auch, dass sie (außer Zwingli) die prophetische Stimme in der Kirche (aus antischwärmerischen Gründen) fast ganz zum Schweigen gebracht hat - zugunsten einer fest institutionalisierten Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung. Aber das prophetische Wort hat seinen Ursprung nicht in einer Institution, erwächst nicht aus dem religiösen Kult. Es kommt „von außerhalb“ – und ist kein mögliches, sondern das notwendige Wort, das sein muss – und nicht auch noch sein könnte: Aufklärende Zeitansage Gottes in einer bestimmten geschichtlichen Situation – meist gegen den Trend der Zeit; und darum selten willkommen. Das prophetische Wort stellt meist in die Entscheidung zwischen angepriesenen Sicherheiten und dem gewagten Vertrauen zu Gott. Sicherheit kann der schöne Schein sein oder der nachweisbare Erfolg, kann säkularer/weltlicher oder religiöser/kirchlicher Art sein. Sie ist immer vom Menschen gemacht zu des Menschen Verfügung. Das unverfügbare Vertrauen zu Gott ist hingegen ein Wagnis und besteht nur so lange, wie ich mich in guten wie in bösen Zeiten dem EINEN anvertraue. Das Feld des Vertrauens ist der gelebte Alltag, der Zustand deshalb immer die Anfechtung/“tentatio“ – und damit das persönliche Ringen des Herzens in der lebendigen Zwiesprache/“oratio“ mit Gott.  

So haben es viele Propheten erfahren und haben nur so auch ihre Berufung und ihren Auftrag durchgehalten.

Nicht anders: Jesus. Amen.

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Predigt am Sonntag Invokavit zu 2 Kor 6,1-10 (IV)

 Paulus schreibt: "Als Mitarbeiter aber ermahnen wir auch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. Denn er spricht: «Zur angenehmen Zeit habe ich dich erhört, und am Tage des Heils habe ich dir geholfen.» Siehe, jetzt ist die wohlangenehme Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils. Und wir geben in keiner Sache irgendeinen Anstoß, damit der Dienst nicht verlästert werde, sondern in allem empfehlen wir uns als Gottes Diener, in vielem Ausharren, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten,in Schlägen, in Gefängnissen, in Tumulten, in Mühen, in Wachen, in Fasten;  in Reinheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Güte, im Heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe; im Reden der Wahrheit, in der Kraft Gottes; durch die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken; durch Ehre und Unehre, durch böse und gute Nachrede, als Verführer und Wahrhaftige; als Unbekannte und Wohlbekannte; als Sterbende, und siehe, wir leben; als Gezüchtigte und doch nicht getötet; als Traurige, aber allezeit uns freuend; als Arme, aber viele reich machend; als nichts habend und doch alles haben."

„Die Bewährung des Apostels in seinem Dienst“, - so überschreibt die „Luther-Übersetzung“ diesen Abschnitt aus dem 2. Korintherbrief. Denn Paulus weiß sich zu einem Apostel, zu einem Gesandten Jesu Christi berufen und von IHM in Dienst genommen. Und für diese Berufung ins Apostelamt lebt er voll und ganz - wie die Propheten für ihre Berufung ins Prophetenamt.

Und alles fängt an mit einer völlig unerwarteten Christus-Begegnung vor Damaskus; für Paulus Bekehrung und Berufung in einem. Seither verläuft nicht nur sein persönliches Leben in eine völlig andere Richtung, sondern für das damit verbundene „Amt“ als Apostel will er sich in allen Lebenssituationen bewähren. Denn dieses Amt hat bei ihm oberste Priorität.

Und was ist der Inhalt dieses Amtes, dieses Dienstes? Einzig und allein das „Evangelium“; also die „frohe Botschaft“ von der Versöhnung der Menschen mit Gott durch den gekreuzigten und auferstandenen Christus (vgl. 2 Kor 6,18) Juden und Griechen, also allen Menschen zu verkündigen.

Dass Paulus so ganz in seinem „Apostelamt“ aufgeht, er also so ganze dafür und daraus lebt, ist für uns schon etwas merkwürdig. Denn spätestens seit Beginn der regulären Lohnarbeit mit der Industrialisierung im 19 Jhdt. unterscheiden wir zwischen Berufsleben und Privatleben, zwischen Arbeit und Vergnügen, zwischen Pflicht und Kür. Unsere berufliche Tätigkeit erfüllt dabei eine bestimmte Funktion – und sei es, dass man eben Geld hat für ein Dach über dem Kopf und für das tägliche Brot auf dem Tisch und für den jährlichen Urlaub in der DomRep. Erfüllt unsere berufliche Tätigkeit diese Funktion nicht mehr, funktioniert das nicht mehr, dann wechselt man nach Möglichkeit den Arbeitsplatz, den Arbeitgeber oder gar den Job - was ja auch verständlich ist.

Sich hingegen mit seinem Beruf zu identifizieren und ihn als persönliche Berufung zu verstehen, und seinen Dienst nicht nach Vorschrift, sondern aus Berufung zu „machen“, das macht Paulus so unzeitgemäß. Diese Unzeitgemäßheit zeigt sich auch in der Werbung für die Ausbildung von Pfarrern und Diakonen unserer Landeskirche mit der Überschrift: „Gesucht: ManagerPosaunenhirte“; zu finden im Internet unter „Himmlische Berufe“ auf der Homepage der Bad. Landeskirche. (http://www.himmlische-berufe.de/) Was auch immer ein „ManagerPosaunenhirte“ ist – er dürfte schon etwas oder ziemlich verschieden sein von dem bisherigen Hirtenamt, Pfarramt oder Pfarrdienst. Denn dieses zeitgemäße „Berufsbild“ ist zuerst funktional – und also darauf angelegt, dass da etwas einfach gut und korrekt und also reibungslos funktioniert.

Im Apostelamt des Paulus funktioniert kaum etwas reibungslos; erst recht nicht in Korinth – dafür verdeutlicht sich aber bei ihm umso mehr Jesu „Gleichnis vom guten Hirten“: Während der gute Hirte sich mit Leib und Leben für seine Schafe einsetzt, flieht der „Mietling“, der „angemietete Funktionär“ vor dem „Wolf“; denn dem Funktionär geht es zuerst – und zuletzt -  um sich selber und nicht um die ihm anvertrauten Schafe. Darum rettet er immer zuerst die eigene Haut – erst recht in solch gefährlichen Situationen, die Paulus aufzählt. Für Paulus hingegen gehört die Bewährung in solch schwierigen Situationen mit zu seinem Dienst, mit zu seinem Amt, mit zu seiner Aufgabe. Denn gerade darin zeigt es sich, wie ernst und persönlich er seine Berufung nimmt.

Bei des Paulus Bewährung geht es also nicht darum, sich persönlich keine Blöße zu geben und den starken Mann zu spielen, sondern: Keinen Anstoß, keinen Anlass zu geben, dass das Amt in solchen Situationen lächerlich gemacht werden könnte, weil Paulus – wie ein „angestellter Funktionär“  seine eigene Haut rettet und die Flucht ergreift und das Amt im Stich lässt.

Persönliche Verunglimpfungen hat Paulus zur Genüge erfahren und ertragen – und weggesteckt. Sie waren es nicht wert, darauf einzugehen. Doch als man ihm in Korinth das Apostelamt streitig macht, da stellt er sich auf die Hinterbeine – um des Amtes, um seines Dienstes, um der ergangenen Berufung willen. (vgl. 2 Kor 10ff)

Nun gibt es ganz bestimmt auch persönliche Verhaltensweisen, welche einem öffentlichen Amt nicht gemäß und deshalb abträglich sind. Und dazu gehört an erster Stelle, dass sich jemand durch solch ein Amt persönlich - vor allem materiell - bereichert – was man Paulus in Korinth auch einmal vorwirft. - Einem öffentlichen Amt ebenso abträglich ist, wenn man aus der verliehenen Machtposition zum eigenen Vorteil das Recht beugt und den Untergebenen mit Füßen tritt. Aber nicht um solche Versuchungen geht es Paulus, auch nicht um moralische Verfehlungen – denn Paulus glaubt nicht an das Gute im Menschen, sondern an die Güte Gottes. Paulus geht es einzig um seine Bewährung als „Diener Gottes“ in den verschiedenen Grenzsituationen und ihren Herausforderungen; nämlich „in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten - , (und das alles) in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, (und dabei kämpft er nur) mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, (und zwar ) in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten.“

Was Paulus um seines Apostelamtes willen auf sich nimmt, um die Würde dieses Amtes in höchst verschiedenen Situationen zu bewähren, das klingt fast übermenschlich. Dabei will er nur alle Kraft des Amtes willen aufbieten, um es nicht durch „Flucht“ dem Gelächter preiszugeben. Er steht in Person für das Amt ein.

Hinzu kommt, Grenzsituationen auszuhalten, wo etwas von außen in bestimmter Weise zu sein scheint – und doch in Wirklichkeit ganz anders ist. So erscheint er (und Timotheus) manchen wohl „als Verführer und (sind) doch wahrhaftig; als die Unbekannten, als „nobody“, und doch bekannt (bei Gott); als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.“

Was für enorme Gegensätze prallen hier spannungsreich aufeinander, die Paulus auszuhalten hat um des Amtes willen - und die ihn doch persönlich schier zerreißen.

Doch wie Amt und Person („unvermischt und ungetrennt“) ineinander liegen, so auch Bewährung und – Bewahrung! Die Situation der Bewährung ist immer zugleich die Situation der Bewahrung; ist - „Zeit der Gnade“, Zeit der Zuwendung Gottes, ist „Tag des Heils“.

Wo Paulus alle Kraft aufbietet und seine Schwachheit spürt, da erfährt er zugleich, dass „Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist“. Wo er sich an Tagen drohenden Unheils bewährt, da erfährt er Bewahrung am „Tage des Heils“.

Sich bewähren und bewahrt werden gehört zusammen. Das eine geht in das andere über. Deshalb ist nicht auseinander zu dividieren, was ich selber tue und was durch Gott an mir getan wird: Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Und so schreibt Paulus an anderen Stelle: „…durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.“ (1 Kor 15,10). Und so ermahnt er hier die Korinther, dass sie „die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangen“.

Das aber kann im Zusammenhang mit den danach aufgezählten grenzwertigen Situationen nur heißen: Paulus ermahnt, als Christ solche Grenzsituationen nicht zu fliehen, sondern sich in ihnen mutig zu bewähren – um dergleichen Erfahrung zu machen wie er: Gnädig bewahrt zu werden. Also das Wagnis des Glaubens, des Vertrauens einzugehen – gegenüber dem Gott, der die Toten lebendig macht; der das Licht aus der Finsternis ruft; der ins Dasein ruft, was nicht ist; der in den Schwachen mächtig ist. Und also mit dem Gott, der Wunder tut. Und Wunder meint in der Bibel immer (nur): Wo nichts mehr zu erwarten und nach menschlichem Ermessen schon alles zu Ende ist, da setzt ER plötzlich und unerwartet einen neuen Anfang. Wo Menschen zu IHM schreien und meinen sie schreien nur ins Leere, da werden sie doch erhört (vgl. Ps 91,15: „Invocabit me, et ego exaudiam eum…“). Wo Menschen wie vor einer unüberwindbaren Mauer stehen und nicht mehr weiterwissen, da tut sich doch noch eine Türe auf ins Freie.

Und das alles ist die Erfahrung Israels mit seinem Gott von Ägypten her. Und diese Erfahrung verdichtet sich in dem Geschehen am Karfreitag und am Ostermorgen in unüberbietbarer Weise. Und Paulus erfährt diesen Gott seit Damaskus immer wieder im eigenen Leben als Apostel, als Gesandter Jesus Christi: Wie er bewahrt wird in Situationen der Bewährung.

Und dabei ist es immer die gleiche Erfahrung: Wo wir nur Unheil und Bedrohung sehen, da schafft Gott Heil und Befreiung.

Sich darauf einzulassen, ist jedoch das harte Wagnis des Glaubens - und führt zur heilsamsten Erfahrung in dieser Welt. Amen.


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Predigt am Aschermittwoch zu 2 Kor 7,8-10 (IV)

  Etwas Schwerwiegendes muss vorgefallen sein. Eine persönliche Verletzung oder Kränkung? Handfeste Vorwürfe mit massiven Schuldzuweisungen? Wir wissen es nicht genau. Wir wissen nur: Paulus besucht die Gemeinde in Korinth, es kommt zu einem heiklen Zwischenfall und daraufhin muss er die Gemeinde verlassen – und anschließend ist das Verhältnis zwischen Paulus und der Gemeinde in Korinth am Gefrierpunkt angekommen. Alles ist wie erstarrt. Wie soll es nun weitergehen – wenn überhaupt?

Paulus greift wohl als erster wieder zur Feder – und bricht „unter Tränen“ das Schweigen, wie er schreibt. Aber was für einen Brief soll er schreiben? Soll er alles unter den Teppich kehren und so tun, als wäre nichts geschehen - und alles beim Alten?

In seinem „Tränenbrief“ muss er wohl teilweise gar nicht zimperlich geschrieben haben. Vielleicht waren manch geharnischte Sätze darunter – wir wissen es nicht, denn dieser Brief ist nicht (oder z.T. in Kap. 10ff?) erhalten. Jedenfalls ist sich Paulus schließlich selber nicht mehr sicher, ob er den Brief überhaupt abschicken soll. Will er doch, dass das Verhältnis zu den Korinthern wieder besser wird und in Ordnung kommt. Noch frostiger, noch eisiger sollte es keinesfalls werden. Er will ja die Korinther nicht noch mehr verhärten, sondern ihr Herz erweichen und wieder für sich gewinnen. Aber wie werden die Korinther solch einen Brief aufnehmen? Wird alles noch schlimmer – oder wird es besser? Bewirkt der Brief Empörung – oder führt er zur Besinnung? - Wenn Paulus jedoch nichts tut, dann verläuft alles im Sande – und wird bestimmt nicht besser. - Also wagt es Paulus; mit Zagen und Zittern unter Hoffen und Bangen: Sein Mitarbeiter Titus ist Postbote nach Korinth. -

Als Paulus nach des Titus Rückkehr erfährt, wie die Korinther seinen Brief aufgenommen haben und welche Wirkung er gezeitigt hat, da muss er ihnen gleich nochmals ein paar Zeilen schreiben – und darin steht u.a.:

„… wenn ich euch auch durch den Brief traurig gemacht habe, reut es mich nicht. Und wenn es mich reute - ich sehe ja, dass jener Brief euch wohl eine Weile betrübt hat -, so freue ich mich doch jetzt nicht darüber, dass ihr betrübt worden seid, sondern darüber, dass ihr betrübt worden seid zur Reue. Denn ihr seid betrübt worden nach Gottes Willen, so dass ihr von uns keinen Schaden erlitten habt. Denn die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemanden reut; die Traurigkeit der Welt aber wirkt den Tod.“

 Paulus freut sich. Und was ist das für eine Freude? Ist es die Schadenfreude in der Siegerpose: Denen habe ich´s aber mal gegeben; denen habe ich´s wieder mal gezeigt und heimgezahlt; wie die in die Knie gegangen sind und plötzlich ganz schön klein geworden …!?

Zwar erfährt er, dass die Korinther durch seinen Brief nicht bocksbeinig und sturköpfig, sondern traurig und betrübt wurden, dass sie der Brief geschmerzt, belastet, bedrückt hat. Er hat sie beschäftigt und aufgewühlt und eben nicht kalt gelassen. Er hat Wirkung gezeigt. Aber nicht das ist es, was Paulus freut. Sondern dass diese Wirkung tatsächlich  zu einem Gesinnungswandel geführt hat: Zur Einsicht und Reue, zur Buße und Umkehr. Und er meint, so sei es Gottes gemäß, es sei so geschehen nach Gottes Willen, von Gott gewirkt. Und das freut ihn.

Und wie es auf Seiten des Paulus keine Schadenfreude ist, so sollen sich die Korinther nun auch nicht wie begossene Pudel vorkommen, wie kleingemachte reumütige Sünder, die in ihrer eigenen Zerknirschung zergehen. Nein, die Reue der Korinther entspricht dem Willen Gottes; und Gott ist nicht daran gelegen, den Menschen kurz und klein zu kriegen – wie es Menschen oftmals gerne untereinander tun. Gott will des Menschen Seligkeit. Und der aus dem Schmerz über das eigene Versagen geborene Gesinnungswandel der Korinther führt in diese heilsame Richtung. Darum bereut eure Reue nicht. Sie ist kein Gesichtsverlust. Ihr habt euer Gesicht nicht verloren. Ihr habt etwas gewonnen auf dem Weg zur Seligkeit.

Wir merken, wie Paulus hier äußerst seelsorgerlich und einfühlsam darum ringt, dass die Korinther sich selber auf keinen Fall wie Versager oder Weicheier vorkommen. Sie sollen verstehen: Was menschlich wie ein Verlust aussieht, ist in diesem Fall geistlich ein Gewinn. Und wie Paulus mit seinem gewagten Brief mit Hoffen und Bangen sich ihnen zuwandte, so können sie sich nun wieder Paulus frei und offen zuwenden – ohne sich selbst Vorwürfe zu machen und ohne Vorwürfe zu befürchten. Paulus ist nicht nachtragend. Er gräbt nicht ständig die Vergangenheit um und holt „olle Kamellen“ hervor.

Und doch ist das, was die Korinther da hinter sich haben, eine wichtige Erfahrung. Und deren Summe ist nach Paulus: Wenn Traurigkeit oder Kränkung, wenn Leid oder Schmerz, wenn Kummer oder gar Entsetzen, wenn Tränen Gott gemäß sind, dann bewirken diese eine Umkehr hin zu einer Reinigung/Katharsis, zu einer Erleichterung, zur Befreiung, die man nicht bereut, sondern über die man sich freut. Ein säkularer Rest dieser geistlichen Einsicht ist der psychologische Rat, Tränen zuzulassen – auch über sich selbst?? - und zu welcher Seligkeit?

Jedenfalls sind die Korinther in dem tiefen Tal, das sie da durchschritten haben, nicht hängen geblieben – obwohl sie bestimmt leicht versucht waren, sich niederzulassen in ihrem Schmerz, sich festzubeißen in ihrer Kränkung, sich einzurichten in ihrem Trotz – und also gefangen und unerlöst zu bleiben. Und wie oft kommt gerade das unter Menschen vor! Man kriegt die Kurve nicht – und will sie schließlich auch nicht mehr kriegen; sondern fährt stur geradeaus mit dem Kopf durch die Wand. Man findet nicht mehr heraus – und will auch nicht mehr heraus; man hat sich alles zurechtgelegt und eingeigelt. Verbissenheit und Verbiesterung werden zur eigenen Identität. Und immer sind die andern daran schuld – und bleiben immer daran schuld.

Diese Haltung zu verlassen, kommt einem schließlich vor wie ein Identitätsverlust, wie ein Gesichtsverlust vor einem selbst und vor anderen. Also bleibt man vergraben und hat sich begraben in einer trotzigen Haltung - und findet auch nicht mehr zum andern.

Für Paulus ist diese Haltung nicht nach Gottes Willen, nicht Gott gemäß, sondern der „Welt“ gemäß. – und führt nicht zur Erlösung, bewirkt keine Befreiung, sondern bringt - den Tod. Und Tod meint in der Bibel immer Beziehungslosigkeit und damit Einsamkeit. Leben hingegen ist Gemeinsamkeit, ein beziehungsreiches Miteinander, lebendiger Austausch, ein Geben und Nehmen. Die Grenze zwischen Leben und Tod ist darum nicht unbedingt eine zeitliche oder räumliche Grenze, sondern der Rückzug auf sich selbst – oder die Verwerfung des andern. Darum kann der Tod im biblischen Sinne schon zu Lebzeiten einkehren. -

Paulus hat also mit einem gewagten Brief die Korinther zur Selbsterkenntnis und zur Freude der Buße geführt, weil diese sich nicht davor verschlossen, sondern dafür geöffnet haben und zur schmerzhaften Einsicht und Reue über ihr Fehlverhalten Paulus gegenüber führte. Zum ihrem eigenen Glück haben sie seinen gewagten Brief nicht als bösartige Beleidigung und Kränkung empfunden, haben sich nicht in ihrem Schmerz genüsslich verbohrt, sondern sind darüber hinausgewachsen - ihnen selbst zugute und Paulus zur Freude.

Was Paulus mit den Korinthern durchlebte und auch durchlitt, das kennen wir in anderer Weise von – Jesus. Er hat Tränen vergossen – über die Stadt Jerusalem, weil diese nicht zur Freude der Buße, zur erlösenden Umkehr, zu den Tränen über sich selbst gefunden hat. Deshalb sagt Jesus auf dem Weg zum Kreuz insbesondere zu den Frauen von Jerusalem, die ihn beklagen und beweinen: „Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder.“ Denn sein Wort: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken...“ fand kaum Gehör.  Nur wenige kamen. Die meisten wollten lieber bei sich bleiben. Sie wollten sich nicht öffnen – und bleiben verschlossen. Sie vergruben, begruben sich trotzig in sich selbst.

Dass das nicht Gottes Wille ist, sagt im Kirchenjahr auch der Aschermittwoch als Beginn der österlichen Bußzeit. Und das Ziel dieser Bußzeit ist die österliche Freude.

Auf dem Weg dahin geht es ganz bestimmt um die Erkenntnis des eigenen Versagens; es geht um Einsicht, Erschrecken, Reue, Bedauern, Beschämung; vielleicht sogar unter Tränen, die man über sich selbst vergießt. Aber niemals, um darin zu ertrinken, sondern um sie Christus mit auf den Kreuzweg zu geben - und zu einem befreiten Leben zu finden. Amen.

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Predigt am Sonntag Estomihi zu Amos 5,21-24 (IV)

 Irgendwann im 8. Jhdt. v. Chr. stehen sich der Priester Amazja und der Prophet Amos im Staatsheiligtum zu Bethel gegenüber – und aus des Amos Munde ist zu hören:

„Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! -

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Wer sagt hier „Ich“? Nicht Amos, sondern der Gott Israels, der vormals zu Mose Zeiten sein Volk wissen lässt: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ Dieser Gott hat Amos - ein Bauer im Südreich Juda – durch bedrängende Visionen angesprochen und zum Propheten berufen und ins Nordreich Israel gesandt. Dort muss er den Menschen sagen, was bei Gott die Stunde geschlagen hat; muss als Bote Gottes sagen: „So spricht der Herr…“ – und zwar angesichts sozialer Notstände die sich daraus drohenden Gefahren ankündigen – um vielleicht (5,15) bei den Menschen doch noch eine Änderung zu erwirken, bevor alles ins Rutschen kommt und es kein Halten mehr gibt.

Nicht Amos erhebt also seine Stimme zum Protest gegen irgendwelche Missstände, sondern Gott protestiert durch ihn: dass Recht und Gerechtigkeit missachtet werden – während zugleich auf spirituelle und liturgische Korrektheit sehr geachtet wird.

Doch für Amos wird seine prophetische Botschaft zum persönlichen Schicksal - wie 150 Jahre später erst recht für Jeremia. Denn am Staatsheiligtum zu Bethel sieht der dortige Priester Amazja durch das Auftreten von Amos die öffentliche Ordnung bedroht und lässt König Jerobeam II (787-747 v.Chr.) dienstverpflichtet und dienstbeflissen ausrichten: „Der Amos macht einen Aufruhr gegen dich im Hause Israel; das Land kann seine Worte nicht ertragen. Denn so spricht Amos: Jerobeam wird durchs Schwert sterben, und Israel wird aus seinem Lande gefangen weggeführt werden.“ –

Doch seltsamerweise rät derselbe Priester dem Propheten: „Du Seher, geh weg und flieh (heim) ins Land Juda und iss dort dein Brot und weissage daselbst. Aber weissage nicht mehr in Bethel; denn es ist des Königs Heiligtum und der Tempel des Königreichs.“ (7,10-13) Vielleicht ahnt der Gottesmann Amazja, dass der Gottesmann Amos die Wahrheit sagt – und will nicht unschuldig Blut vergießen, wenn Amos, wegen Landfriedensbruch angeklagt, der Prozess gemacht wird und die Todesstrafe droht. - Und Amos nimmt sich den Rat Amazjas zu Herzen und kehrt wieder in seine alte Heimat ins Südreich Juda zurück – und ist wohl bald vergessen. Land und Leute beruhigen sich wieder - bis dann Jahrzehnte später – 722 v.Chr. - die Großmacht Assyrien über Land und Leute von Samaria herfällt, das Staatsheiligtum Bethel zerstört und vor allem die Oberschicht des Volkes ins 900 km entfernte Assyrien deportiert. Doch was ist für solch ein hartes Gericht Gottes die hinreichend menschliche Ursache?

„…sie verkaufen den Unschuldigen für Geld und die Armen für ein Paar Sandalen… Sie tun dem Geringen Gewalt an und schinden die Armen… Sie verkehren das Recht in Wermut und stoßen die Gerechtigkeit zu Boden… Sie sind dem gram, der sie zurechtweist und verabscheuen den, der ihnen die Wahrheit sagt. - Ihr wandelt das Recht in Gift und die Frucht der Gerechtigkeit in Wermut... …die ihr die Armen unterdrückt und die Elenden im Lande zugrunde richtet und sprecht: Wann will denn der Neumond ein Ende haben, dass wir (endlich wieder) Getreide verkaufen (können), und der Sabbat (ein Ende haben), dass wir (endlich wieder) Korn feilhalten können und das Maß verringern und den Preis steigern und die Waage fälschen, damit wir die Armen um Geld und die Geringen um ein paar Schuhe in unserer Gewalt bringen und Spreu für Korn verkaufen...“ – ist aus dem Amos Mund zu hören.

Denn unter König Jerobeam II expandiert das Land und es herrscht binnen kurzer Zeit Hochkonjunktur und Wohlstand, politischer Stärke und wirtschaftliche Blüte – wobei wenige das Rennen machen und viele auf der Strecke bleiben; vor allem Kleinbauern, die sich verschulden müssen, dann ihr Land und somit ihre Existenzgrundlage verlieren und als Landarbeiter für Großgrundbesitzer und städtische Oberschicht arbeiten müssen.

Amos sieht also schwerwiegende soziale Verfehlungen einer besitzenden und wirtschaftlich unabhängigen Oberschicht, die gut und günstig auf Kosten der von ihnen Abhängigen lebt – und zwar auch oder gerade mit Hilfe der Rechtsprechung. Denn die Besitzenden sind oft Richter in eigener Sache und vertreten ihre eigenen Interessen vor Gericht. Und wenn die Großen und Starken gerade durch die Rechtsprechung - und damit scheinbar völlig legal - die Not der Kleinen ausnutzen, verstärken sie die Zerklüftung und Zersplitterung der Gesellschaft.

Gewiss gründen soziale Unterschiede auch in der Natur der Menschen - und jegliche menschliche Gleichmacherei ist der Bibel absolut fremd. Aber weil es menschlich bedingt soziale Unterschiede gibt, muss die Kultur von Recht und Gerechtigkeit notwendig und ausgleichend sein – und insbesondere die Schwachen schützen und nicht den Starken nützen. Deshalb dürfen die Rechtsverhältnisse niemals abhängig werden von den Besitz- und Machtverhältnissen.

Denn das Recht ist wie das Land – Gabe Gottes. Es ist heiliges Recht und heiliges Land – wie auch Israel ein heiliges Volk. Nicht aufgrund seiner kulturellen oder religiösen Vorzüge, sondern aufgrund der abgründigen Erwählung Gottes aus Liebe. Doch die Gott berufen hat, sind IHM auch besonders verpflichtet – und sucht ER in besonderer Weise heim: „Euch allein habe ich erkannt aus allen Geschlechtern der Erde – darum suche ich an euch heim alle eure Missetaten“, spricht der HERR dem Munde von Amos zu hören (3,2). Das ist der Preis der Erwählung, der Berufung – und hat Israel immer wieder erfahren müssen. Denn mit der göttlichen Erwählung geht auch eine menschliche Verantwortung einher – und diese zeigt sich in der Ausübung von Recht und Gerechtigkeit. Also in der richterlichen Auslegung des Rechts ohne Ansehen der Person – und in dem menschlichen Gespür für Gerechtigkeit unter Ansehen einer Person in ihrer Bedürftigkeit. Die sozialen Gegensätze von sinnlos reich und bitter arm passen deshalb niemals zum Volk Gottes; denn damit stehen Menschen und Güter nicht mehr im richtigen, im rechten Verhältnis, weshalb es ungerechte Verhältnisse sind.

Zwar kennt Israel kein Verbot, auf elfenbeingeschmücken Lagern zu schlafen oder in elfenbeingeschmückten Häusern zu wohnen. Kein Verbot, ein Winterhaus und ein Sommerhaus zu besitzen, Wein zu trinken und sich zu salben mit den besten Ölen. Es gibt kein Verbot von Beauty und Wellness. Nirgendwo wird das asketische Leben gepriesen und materieller Reichtum getadelt. Aber Amos sieht eine in ihrem Wohlstand abgegrenzte und abgehobene und eingeigelte Oberschicht, der das menschliche Gespür für die sozialen Verhältnisse durch materielle Maßlosigkeit und Üppigkeit verloren geht – und die deshalb soziales Unrecht auch gar nicht mehr stört. „Fette Kühe“ nennt sie Amos – und sagt: Sie „schlemmen im Übermut“ und „achten kein Recht. Sie sammeln Schätze von Frevel und Raub in ihren Palästen.“ Da ist im sozialen Leben etwas ertaubt! – und zugleich blüht das kultische Leben! Man versammelt sich, opfert, singt. Gerne nimmt man an Wallfahrten zu heiligen Stätten teil und feiert ausgiebig religiöse Feste.

Doch was gelten vor dem Gott Israels die korrekt dargebrachte Opfer derer, die andere Menschen zu ihren Opfern machen, weil sie in ihnen nicht mehr Schwester oder Bruder erkennen und deshalb nicht mehr spüren, was ihnen gegenüber menschlich angebracht und rechtens ist!?

Gerade im Volk Gottes müsste man ein Gespür für Unrecht gegenüber den Schwachen und Ausbeutung der Abhängigen haben. Denn dieses Volk war doch selber rechtlos und ausgebeutet in Ägypten. Und wenn Gott sein Volk aus der ägyptischen Knechtschaft in die Freiheit geführt hat, dann kann dieses Volk im Lande der Freiheit doch nicht selber einander knechten. Denn sowohl dieses Volk wie auch dieses Land sind Eigentum Gottes. In einem Psalm heiß es sogar: „Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.“ (24,1)

Wer das erkennt und bekennt, für den gehören die menschliche Zuwendung und die Hinwendung zu Gott zusammen – erst recht, wenn er bekennt, dass sich Gottes Erbarmen und Freundlichkeit tief zu uns herabgebeugt und sehr menschlich uns zugewandt haben – in Christus. Amen.

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Predigt am Sonntag Sexagesimae zu 2 Kor 12, 1-10 (IV)

Als sich um das Jahr 50 n. Chr. der Apostel Paulus für eineinhalb Jahre in der griechischen Hafenstadt Korinth aufhält, entsteht dort eine christliche Gemeinde. Fünf Jahre später halten sich andere „Apostel“ in Korinth auf. Sie haben etwas bei sich, was Paulus nicht bei sich hatte: „Empfehlungsschreiben“, Referenzen von anderen Gemeinden. Dadurch öffnen sich ihnen Türen – und auch Ohren. Sie tun außerdem etwas, was Paulus auch nicht tat: Sie rühmen sich, ganz besondere oder deshalb bessere Apostel zu sein. In der Tat: Sie sind persönlich beeindruckend, wirken bibelfest und haben auch noch außergewöhnliche spirituelle Erlebnisse vorzuweisen. Und da man auch dadurch groß wird, indem man andere klein macht, erwähnen sie auch so ganz nebenbei, dass Paulus schon deshalb gar kein richtiger Apostel sein könne, weil er solche spirituellen Erlebnisse gar nicht habe. Wohl deshalb habe er auch nicht gewagt, von seinem apostolischen Recht Gebrauch zu machen, dass die Korinther ihn finanziell unterstützen – was sie bei diesen anderen Aposteln ruhig dürfen. Stattdessen habe Paulus die Korinther ganz raffiniert mit einer vorgetäuschten Kollekte für die Jerusalemer Urgemeinde betrogen. Und außerdem sei da noch ein höchst zwiespältigen Eindruck: Stehe Paulus vor der Gemeinde, so sei er eine schwache Erscheinung. Schreibe er ihr hingegen Briefe aus der Ferne, so sei dies starker theologischer Tobak. Was die christliche Gemeinde in Korinth da zu hören bekommt und das psychologisch kluge Vorgehen jener „Apostel“ entfaltet seine Wirkung: Die Stimmung kippt um.

Und was nun? Paulus kann und will solche Vorwürfe weder persönlich auf sich sitzen lassen, noch die Korinther dieser gemeindlichen Stimmungsmache überlassen. Da ihnen aber der Kopf völlig verdreht ist, und er deshalb unter ihnen eine unerwünschte Person, schreibt er ihnen einen Brief – unter Tränen; einen „Tränenbrief“. (Kap. 10-13)

In diesem Brief begibt er sich auf eine Ebene, die ihm eigentlich völlig fernliegt – auf die ihn aber seine Gegner zwingen, weil das ihre Basis ist. Es ist die Ebene des Eigenlobs, des sich Rühmens durch etwas, mit dem man anderen imponiert und sie für sich kassiert. Auf dieser Schiene des Sich-Rühmens sind jene anderen „Megaapostel“ – wie Paulus sie nennet - dahergefahren und mit den Korinthern abgefahren. Um sie wieder für sich und sein Evangelium zurückzugewinnen, muss Paulus sich nun selbst auf diese Schiene begeben. Er muss den Ruhmredigen ein Ruhmrediger werden, den Prahlern ein Prahler – und weiß zugleich, dass er damit etwas Törichtes, etwas Närrisches tut, und schreibt deshalb: „Was ich jetzt rede, das rede ich nicht dem Herrn gemäß, sondern wie in Torheit, weil wir so ins Rühmen gekommen sind. Da viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen. Denn ihr ertragt gerne die Narren, ihr, die ihr klug seid.“

Wir spüren aus diesen Worten Schmerz und Ironie – und sind gespannt, was nun folgt. Es folgt eine Narrenrede, die vollends närrisch bzw. beschämend ist. Denn unter aufgezogener Narrenkappe sagt Paulus die Wahrheit. Als seine Ruhmestaten zählt er Situationen auf, in denen seine Schwachheit offen zutage trat. Er gießt damit ganz bewusst Öl ins Feuer seiner Gegner, schüttet Wasser auf ihre Mühlen – und macht selbst das Maß ihrer Vorwürfe und Verachtung gegen ihn randvoll, bringt es damit selber zum Überlaufen. Er spricht von Schläge, Todesnot, Steinigung, Schiffbruch, Hunger, Durst, Blöße – und schließlich von der täglichen Sorge um alle Gemeinden. Er steht anscheinend wirklich nicht über den Dingen. Scheint wirklich nicht alles im Griff zu haben. Da habt ihr ihn also, diesen schwachen Typen. Wahrhaftig kein starkes Stück, kein Kraftprotz Gottes. Kein Megaapostel.

Doch statt solcher Schwachheit sich zu schämen und deshalb darüber vor andern zu schweigen, rühmt sich Paulus ihrer unter der aufgesetzten Narrenkappe – was jedoch erst der Anfang ist, womit Paulus für Verwunderung und für Verwirrung sorgt, indem er das vernichtende Urteil seiner Gegner anscheinend selber mit genügend Beispielen bestätigt. Seltsam ist dabei jedoch, dass er sich dessen wirklich ernsthaft rühmt, ein schwacher Typ zu sein. Aber warum und wozu das?

Hören wir ihn selber. Es beginnt damit, dass nach dem Ruhm seiner menschlichen Tiefpunkte, er sich seiner geistlichen Höhenflüge rühmt, diese schließlich vom Himmel auf die Erde herunterholt, um dann alles in einem merkwürdigen Finale enden zu lassen:  

"Gerühmt muß werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.  Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren - ist er im Leib gewesen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel.  Und ich kenne denselben Menschen - ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -,  der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.  Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.  Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.  Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.  Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, daß er von mir weiche.  Und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.  Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark."

 Jetzt also der Wechsel von der Schwachheit zur Stärke, von deprimierenden Erfahrungen zu beflügelnden Erlebnissen - wie Erscheinungen, Ekstase, Entrückungen, Offenbarungen, Außergewöhnliches, Paranormales, Übersinnliches, Überirdisches, Paradiesisches. Mit solchen Erlebnissen kann man Aufmerksamkeit wecken und Punkte machen. So was hat Konjunktur – zu allen Zeiten. Damit sammeln die Erleuchteten ihre Verehrer. Damit machen die Verlage ihr Geld. Damit wird der langweilige Alltag spannender. Also her mit dem Übersinnlichen, her mit den Außerirdischen. Wohl dem, der sich solcher Erlebnisse rühmen kann und damit Bücher schreibt und Geld macht. „Gerühmt muss werden – und wenn es auch nichts nützt...“

Und also haut auch Paulus kräftig auf diese Pauke seiner Gegner: Eure geistlichen Höhenflüge kenne ich schon seit 14 Jahren. Auch ich kann mit außergewöhnlichen Dingen mir einen Heiligenschein aufsetzten und ihn auf Hochglanz polieren. Denn ich habe das alles auch schon erlebt. Egal, ob das „im Leib oder außer des Leibes gewesen ist“, also nur Kopfkino oder wirkliche Entrückung war; wie etwa bei Nahtod Erlebnissen – von denen wir genauso wenig wissen. Paulus gibt dieses Nicht-Wissen wenigstens zu – und stellt zugleich die Frage: Was nützt es denn wirklich, solche Erlebnisse zu haben? Vielleicht wäre ich in euren Augen dann ein religiöses Genie. Und ihr wärt dann meine Jünger, abhängig von meinen himmlischen Erlebnissen. Und wir wären dann eine der vielen spirituellen Bewegungen. Aber Gemeinde Jesus Christi - wären wir nicht.

Versteht ihr jetzt, warum ich bei euch in Korinth nicht wie ein Megaapostel aufgetreten bin, mich nicht bewundern, mich nicht heiligsprechen lassen wollte!? „Ich enthalte mich dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.“ Nehmt mich in meiner irdischen Alltäglichkeit und Gewöhnlichkeit wahr – und setzt nicht auf himmlischen Erscheinungen, die ich sehr wohl zum Besten geben kann. Aber so wie ich mit euch und unter euch bin, so will ich von euch geachtet sein: Als euer Bruder in Christus und als dessen Apostel, als dessen Gesandter. Mehr nicht.

Nachdem nun Paulus wieder alle heruntergeholt hat auf den Boden der irdischen Realität, geht er noch einen Schritt weiter, um auch den letzten Rest spiritueller Kraftmeierei aus den Angeln zu heben. Und das hat wieder etwas mit einer eigenen Erfahrung zu tun: Paulus kennt anscheinend die große Versuchung, sich solcher spirituellen Erlebnisse wegen über andere zu erheben. Dann zählt man sich selbst zu den wahrhaft Erleuchteten – und die anderen zu den immer noch Verdunkelten. Um dieser Überheblichkeit nicht zu erliegen, habe er von Gott einen „Pfahl ins Fleisch“ bekommen - eine uns nicht näher bekannte schmerzhafte Krankheit. Die hält ihn so auf dem Boden der irdischen Realität, dass ihm sämtliche spirituelle Schwärmerei und Prahlerei vergeht. So hat Paulus den Sinn von diesem „Pfahl im Fleisch“, von seiner Krankheit verstanden – und dennoch darunter schwer gelitten und sie für seinen Dienst als hinderlich angesehen. Dreimal hat er um Heilung gebeten - denn ein kerngesunder Apostel wäre doch dem Evangelium viel „nützlicher“. Aber Paulus wurde nicht geheilt. Warum nicht? Er selbst meint, damit er vor drohender Überheblichkeit bewahrt werde.

Statt der ersehnten Heilung bekommt er „nur“ ein Wort, das für ihn jedoch wegweisend ist: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Wörtlich: „...meine Kraft kommt in Schwachheit zum Ziel, wird in Schwachheit vollendet.“ Von nun an weiß er: Ich muss nicht ständig den starken Typen spielen. Ich muss in den Augen der anderen nicht der makellose Heilige sein. Ich muss mich nicht vor ihnen aufblasen – und dann geht mir doch irgendwann die Luft aus. All das muss ich nicht. Denn was menschlich als schwach erscheint, ist genau der Raum, in dem Gott seine Kraft entfaltet. In irdenen und zerbrechlichen Gefäßen und eben nicht in himmlischen und jenseitigen Entrückungen birgt sich der kostbare Schatz des Evangeliums, „damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns“, schreibt Paulus an anderer Stelle (2 Kor 4,7). Das schöpferische Wort Gottes kommt zum Zuge im geschaffenen Fleisch. Im Irdischen verbirgt und entfaltet sich der Himmlische. In menschlicher Endlichkeit der Ewige. Wann und wo und wie es IHM gefällt.

Das hat mit einem Kult der Schwächlichkeit, mit einer Ideologie der Unterwürfigkeit, mit Servilität nichts zu tun. So etwas hat Paulus nie gepredigt und erst recht gegenüber den Korinthern nie praktiziert. Paulus macht aus einer menschlichen Not keine fromme Tugend. Denn das wäre wiederum Menschenwerk – nur in der anderen Richtung und um nichts besser. „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, macht hingegen menschliche Unvollkommenheit zu einem „Raum“, in dem sich Gottes Kraft entfaltet. Wann und wo und wie es IHM gefällt.

Und daraus ergeben sich dann andere Erlebnisse und Erfahrungen, ganz irdische Gotteserfahrungen. Und also hat Paulus erlebt und erfahren: Wenn mir das Wasser bis zum Halse steht – Gott lässt mich nicht ertrinken. Wenn mir der Boden unter den Füßen wankt oder gar entzogen wird – Gott trägt mich wunderbar. Wenn ich unter Sorgen schier ersticke - Gott befreit mich von der erdrückenden Last. Und wenn ich mich schon unter den Toten wähne oder tatsächlich tot wäre - Gott weckt die Toten auf. ER schafft Leben aus dem Tod; Licht aus der Finsternis. Wann und wo und wie es IHM gefällt.

Christliche Gotteserfahrung besteht darum nicht zuerst in außergewöhnlichen religiösen Erfahrungen oder spirituellen Glückserlebnissen, die mich mal kurz in den dritten oder siebten Himmel oder gar ins Paradies erheben, mich dann aber wieder in den irdischen Alltag abstürzen lassen. Christliche Gotteserfahrungen werden ganz irdisch gemacht, wo ein Mensch in angespannter Geduld und in herausgefordertem Vertrauen ganz bewusst Gottes Kraft und Wirken Raum gibt in alltäglichen, schwierigen, verkorksten Situationen. Christliche Gotteserfahrung ereignet sich in einem Tun oder Lassen, in einem Ergreifen oder Loslassen, das für Gottes Wirken offen ist. Christliche Gotteserfahrung ist alltäglich.

Das ist recht ernüchternd – angesichts unseres unersättlichen Verlangens nach religiösen und spirituellen Schnäppchen. Aber diese Ernüchterung entspricht der christlichen Hoffnung, dass Gott mitten im Chaos unserer alltäglichen Welt dennoch ordnend am Werk ist - und SEIN Werk darin zur Vollendung führt.

Welche Hoffnung sollte diese Welt sonst haben?! Amen.


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Predigt an Septuagesimae zu Jer 9,22-23 (IV)

  So spricht der HERR: "Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.  Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, daß er klug sei und mich kenne, daß ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR."

Weisheit, Stärke, Reichtum; Wissen, Kraft, Besitz; Wissenschaft, Energie, Materie – das sind doch die tragenden Säulen unserer alltäglichen Welt. Und wer weise, stark und reich ist, wer etwas weiß, kann und hat, der trägt diese Welt mit und bringt sie voran – und kann sich dessen doch guten Gewissens rühmen!

Und warum soll er das mal wieder nicht? – wie hier beim Propheten Jeremia als Wort Gottes zu hören ist! Ist das wieder mal typisch biblisch und typisch für diesen Gott, dass alles, worauf Menschen stolz sein können und was so gewirkt haben, wieder mal kurz und klein gemacht wird?! Dass jeder menschliche Erfolg nur negativ gesehen wird und man sich ja nichts darauf einbilden soll…? Ist solch ein prophetischer Zeigefinger die göttliche Richtung? - und deshalb fromme Schadenfreude berechtigt, wenn da wieder mal jemand mit seiner Weisheit am Ende ist und ein Starker in die Knie geht und ein Reicher über Nacht pleitegeht?

Gewiss: Auch ein Weiser kann recht schnell töricht werden, und ein Starker plötzlich schwach, und ein Reicher schließlich in bitterer Armut enden. Aber darüber schadenfroh zu sein kann nur jemand, der selber töricht, schwach und arm ist - und also mit seiner Schadenfreude ein Ressentiment zum Ausdruck bringt; und jedem Ressentiment liegt zugrunde das Gefühl dauernder Ohnmacht gegenüber erlittener Ungerechtigkeit oder Niederlage oder persönlichen Zurückgesetztseins. Und wenn man sein eigenes Ressentiment dann noch durch Gott in Kraft gesetzt sieht, weil der es „denen“ endlich mal gezeigt hat, dann mag fromme Schadenfreude sehr menschlich und verständlich sein, aber mit dem Wort Gottes beim Propheten Jeremia hat sie nichts zu tun. Denn nirgendwo in der Bibel werden Weisheit, Stärke, Reichtum als solche schlecht geredet oder madig gemacht – und so auch nicht beim Propheten Jeremia. Denn das alles sind - Gottes gute Gaben (vgl. 1 Tim 4,4) - gegeben und empfangen zum verantwortlichen Gebrauch. –

Doch beim verantwortlichen Gebrauch wird es eben schwierig – was unsere Erfahrung lehrt und die Bibel bezeugt: Denn sind Weisheit, Stärke, Reichtum; Wissen, Kraft, Besitz; Wissenschaft, Energie, Materie nicht mehr Gottes Gaben, dann ist man Gott auch nicht mehr Rechenschaft schuldig. „Abgelöst“ von ihrem Geber entwickeln sie eine „absolute“ Eigengesetzlichkeit und Eigendynamik. Irdische Güter werden dann vergöttert und also zu irdischen Göttern. Weil nun von ihnen das Leben abhängt, dient und opfert man ihnen, verehrt sie und betet sie an, lässt sie über sich herrschen und - herrscht mit ihnen über andere: Die Gabe der Weisheit wird zur gewissenlosen Raffiniertheit. Die Gabe der Stärke dient zur Unterdrückung der Schwächeren. Und die Gabe des Reichtums entartet zur sinnlosen Protzerei. Aus dem freudigen Dank an Gott wird das verbissene Rühmen - meiner selbst.

Die kritische Botschaft der Propheten Israels betrifft also nicht die Gaben Gottes als solche, sondern deren Pervertierung durch ihre Vergötterung, indem Weisheit, Stärke, Reichtum autonom neben Gott zu stehen kommen oder gar an Gottes Stelle treten - und damit das allererste Gebot missachtet wird: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir…“ Und aus der Missachtung des allersten Gebotes folgt die Missachtung aller anderen Gebote.

Grund solcher Vergötterung irdischer Dinge ist wohl eine tiefsitzende Angst angesichts der Ungesichertheit des Lebens - und damit das Verlangen nach vorhandener und verfügbarer Sicherheit. Und dieses Verlangen stillen irdische Götter viel besser, als der biblische Gott. Denn so wie es die irdischen Götter gleich allen irdischen Dingen „gibt“, so „gibt es“ den biblisch bezeugten Gott eben nicht. Als der Höchste und Ewige ist er völlig unabhängig und unverfügbar - und gibt sich, wann und wo und wie es IHM gefällt. Und das macht IHN nicht nur „unbeweisbar“, sondern macht uns auch ziemlich zu schaffen.

Das Verhältnis des Menschen zu diesem Gott kann darum nur ein personales Vertrauensverhältnis sein – zwischen einem Ich und einem Du. Und dieses personale Vertrauensverhältnis gestaltet sich in Wort und Antwort, in Ansprache und Zwiesprache.

Die Psalmen zeugen von diesem Vertrauensverhältnis – auch und gerade dort, wo es durch innere Anfechtung und äußere Anfeindung aufs Heftigste erschüttert wird (vgl. Ps 13;43), und nur durch das Wagnis des Vertrauens/Glaubens jene tiefsitzende Angst im Menschen überwunden wird (vgl. Ps 73,23!). Und die Propheten rufen das Volk Gottes wieder zurück zu diesem Vertrauensverhältnis und also hin zu dem verlässlichen Gott Israels und weg von den trügerischen Göttern dieser Welt (vgl. Jes 26,4). Und die Zwiesprache des Menschen mit Gott in den Psalmen und die Ansprache Gottes an sein Volk durch die Propheten gründet einzig und allein in der zugesagten Treue Gottes: „Ich bin - und bleibe - der HERR, dein Gott…“ (2 Mose 20,1) Ihr könnt euch auf mich verlassen.

Aber wenn nun dieser Gott für Menschen unverfügbar und unvorstellbar ist (vgl. 2 Mose 20,4), wenn es IHN nicht gibt wie es alles andere gibt, sondern ER sich gibt wann und wo es ihm gefällt, worin gibt ER sich dann zu erkennen? –

Der Unverfügbarkeit und Unvorstellbarkeit dieses Gottes entspricht, dass ER „geschieht“ (vgl. Mit 6,10) – und also „Geschichte macht“ auf Erden. Darum bezeugen die Propheten - bes. Ezechiel! - immer wieder: „Und des Herrn Wort geschah zu mir…“ Und so sagt Gott durch den Propheten Jeremia, dass ER es ist, „der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden“. In diesem Geschehen offenbart sich sein „HERRsein“, seine Herrschaft auf Erden. Und das hat Israel immer wieder erfahren (vgl. Ez. 12,20;14,23; 20,43.44) und hat darin diesen Gott in seiner eigenen Geschichte erkannt - und ist über diesen lebendigen Gott immer wieder zutiefst erschrocken. Aber auch über sich selbst, weil dadurch jedes angebliche Bescheid-Wissen über Gott erschüttert und jedes gemachte Gottesbild zerstört wird und nur das offene und grenzenlose Vertrauen in Gottes zugesagter Treue übrig bleibt. Ein solches Vertrauen kann niemals ein sicherer Besitz, sondern immer nur eine innere Gewissheit sein, die immer wieder hart errungen werden muss, angesichts dessen, was auf Erden alles geschieht... und mitten darin verborgen Gottes Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit.

Während Weisheit, Stärke, Reichtum sehr schnell privatisiert werden und es um meine Weisheit, meine Stärke und meinen Reichtum geht, haben Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit immer mit dem gemeinsamen Leben zu tun, sind also „soziale Werte“: Man übt dem andern gegenüber Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Und so bewirkt Gottes Barmherzigkeit die Vergebung unserer Schuld - also all dessen, was wir uns an Liebe, an Zuwendung schuldig bleiben. Sein Recht bewahrt vor der Willkür der Starken - und schützt die Schwachen. Und seine Gerechtigkeit ist auf Ausgleich bedacht – aber nicht auf künstliche Gleichheit. Und das „übt“ Gott auf Erden – und verwirklicht darin sein HERRsein, seine Herrschaft auf Erden.

Und wie tut ER das? ER tut es so, wie es kein Mensch tun würde und erst recht von einem Gott nicht zu erwarten ist – und das beginnt in einer Krippe und endet schließlich an einem Kreuz und mit einem leeren Grab. In der Geschichte Jesu von Nazareth geschieht Gottes Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit – indem Gott aus der Menschen Unbarmherzigkeit, Unrecht und Ungerechtigkeit seine Barmherzigkeit, sein Recht und seine Gerechtigkeit wirkt - dem unbarmherzigen, unrechten und ungerechten Menschen zugute. Und dabei zeigt sich: Unter scheinbarer Torheit, Schwachheit und Armut verbergen sich darum für Paulus Gottes Weisheit, Stärke und Reichtum (vgl. 1 Kor 1,25ff; 2 Kor 8,9), so dass er schreibt: „Christus Jesus ist uns von Gott gemacht zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung“ – und endet mit Jeremia: »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!« (1 Kor 1,31) Denn was Gott zurecht vom Menschen fordert, das schenkt, das gibt ER ihm -und stellt dadurch die vom Menschen zerbrochene Gemeinschaft wieder her. Deshalb ist allein ER zu rühmen.

Und was ist nun mit Weisheit, Stärke und Reichtum? Sind sie für mich Gaben dieses Gottes, dann werde ich sie nicht für mich behalten, sondern werde sie andern zugutekommen lassen (Eph 4,28). Dadurch werden meine Weisheit, meine Stärke und mein Reichtum zum Abglanz von Gottes Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit – und erhalten dadurch Würde und Sinn. Amen.


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Predigt am letzten Sonntag n. Epiphanias zu Offbg 1,9-18 (IV)

  Johannes schreibt: "Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. 

Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. 

Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte  und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle." 

Johannes sitzt fest – denn auf der Felseninsel Patmos hat man ihn festgesetzt, „um des Wortes Gottes Willen und um des Zeugnisses von Jesus“. - Doch gerade hier öffnet sich ihm der Himmel – und er bekommt Einblick in das, „was ist und was geschehen soll“ (1,19). Und das soll er aufschreiben und an 7 Gemeinden senden. Johannes nennt sich selbst deren „Bruder und Mitgenosse in der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus.“ Und damit zeigt er an, welch gegenwärtigen Leidensweg er mit jenen Gemeinden teilt, aber auch welche zukünftige Hoffnung!

Nahezu 2000 Jahre hat dieses „Trostbüchlein“ der „Offenbarung an Johannes“ die Christenheit auf dem Weg durch die Zeit begleitet und hat einzelne Christen und ganze Gemeinden in Zeiten von Bedrängnis und Verfolgung getröstet und Kraft zum Durchhalten gegeben. Aber ebenso lange gibt dieses letzte Buch der Bibel Anlass, über seine himmlischen Bilder zu spekulieren – woraus mancher auch schon falsche irdische Konsequenzen gezogen hat! Johannes sollte und wollte jedoch nur eines: In den trostlosen Machtkämpfen auf Erden diesen einen großen Trost bezeugen: Die Macht Gottes wird siegen – und nicht die Mächte der Finsternis. Das schaut er und lässt es bedrängte Mitchristen in seiner Zeit wissen – und auch in späteren Zeiten.

Diese Offenbarung des Sieges Gottes über alle widergöttlichen Mächte – und nur darum geht es in diesem „Trostbüchlein“  - geschieht wieder mal gerade dort, wo nach menschlichem Ermessen nur eine Niederlage zu verzeichnen ist und alles nur zu Ende sein kann: auf einer Gefangeneninsel. Hier soll Johannes zwar zum Schweigen gebracht werden – doch was er da zu sehen und zu hören und aufzuschreiben bekommt, redet bis heute – während all jene, die ihn zum Schweigen bringen wollten, schon längst verschwunden und verstummt sind. Denn Johannes hat es mit dem Einen zu tun, dessen schöpferisches Wort Bleibendes bewirkt. Auch wenn es widerständig zugeht oder scheinbar alles drunter und drüber geht: ER durchwirkt die verworrene Geschichte und ordnet sie auf ihr Ziel hin – was Johannes in Bildern und Gleichnissen offenbart wird.

Und was er da alles sieht und hört soll er jenen weitergeben, die aufgrund ihrer eigenen Ohnmacht an der Macht Gottes zweifeln – und sich verzweifelt fragen: Wie kann Gott nur zulassen, was da alles geschieht? Was hat das alles für einen Sinn? Wo soll das noch hinführen? Wo keiner mehr durchblickt, bekommt Johannes den Einblick; sich selbst und anderen zum Trost – und dem römischen Kaiser Domitian zum Trotz.

Zu dessen Ehren hat man in Ephesus, wo Johannes herkommt, den ersten Kaisertempel in Kleinasien errichtet. Domitian erlässt jede seiner Verlautbarungen als „Gott und Herr“ – und erwartet auch, dass man ihn so verehrt vergöttert. Seinen eignen Vetter lässt er wegen „Gottlosigkeit“ hinrichten und dessen Frau auf eine Insel verbannen - vermutlich, weil beide dem christlichen Glauben zugeneigt sind. Überhaupt scheinen ihm die Christen ein gottloses und herrenloses Pack zu sein, weil sie ihn nicht als „Gott und Herr“ verehren und sich also nicht in die Staatsraison ein- und dem Kaiser unterordnen. Mit Hilfe des Pantomimenspiels versucht man, den christlichen Glauben lächerlich zu machen: Im Theater wird ein Clown im bunten Narrengewandt getauft und gefoltert und schließlich auf groteske Weise gekreuzigt. Und die Leute haben ihren Heidenspaß dabei. Zugleich aber ist es dieser Kaiser Domitian, der die Landwirtschaft in Italien fördert und sich um ordentliche Verwaltung und sogar Rechtsprechung im römischen Reich kümmert. Ein hervorragender Staatsmann – und ein herausragender Christenhasser. Beides zugleich!

Die göttliche Verehrung der römischen Kaiser seit dem Kaiser Augustus entspricht übrigens einer weitverbreiteten Stimmung in der Bevölkerung des römischen Reiches. Durch solcherlei Autorität wird tatsächlich Frieden, Ordnung und Recht geschaffen. Dieser Personenkult hat „integrative Kraft“. Die römischen Kaiser verstehen sich als von der „Vorsehung“ geschenkte „Retter“ und „Wohltäter“ – wie fast 2000 Jahre später ein anderer in Deutschland, dessen Personenkult genau dieselbe integrative Kraft haben sollte: Hieß es bis zum Ende des (christlichen) Mittelalters noch „Ein Reich, ein Glaube, ein Herrscher“, so hieß es dann: „Ein Reich, ein Volk, ein Führer"!

Solcherart staatlich eingeforderte Verehrung bzw. Vergottung eines Menschen muss bei Christen auf Ablehnung oder gar Widerstand stoßen – und veranlasst andererseits staatliche Behörden und die übrige Bevölkerung zu Anklage, Bestrafung, Verbannung oder gar Tod der Widerständigen. Darum steht gerade in der Offenbarung des Johannes die Mahnung und der Trost: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ Johannes wird „nur“ verbannt auf eine Sträflingsinsel, um weit fort von seiner Gemeinde den seelischen Tod durch Vereinsamung zu sterben - und seine Gemeinde in Ephesus den geistlichen Tod durch Verwaisung.

Doch stattdessen hört Johannes am ersten Tag der Woche, am „Tag der Auferstehung des Herrn“, auf jener Insel hinter sich eine laute Stimme. Der Stimme zugewandt fällt sein Blick auf 7 goldene Leuchter. Das sind jene 7 Gemeinden in Kleinasien/Türkei, denen er das alles schreiben soll. Und diese empfangen ihr Licht wiederum von dem, der in ihrer Mitte steht und 7 Sterne in seiner rechten Hand hält.

7 Sterne sind eigentlich die Zeichen der Weltherrschaft in der Hand des Sonnengottes Helios und befinden sich auch auf römischen Kaisermünzen – und Sterne sind bis heute Zeichen vom Macht und Herrschaft – z.B. auf der Fahne der USA und der EU. Und nun hält plötzlich einer, „der aussieht wie ein Menschensohn“ 7 Sterne in seiner rechten Hand. Dann ist also Ihm alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben... und nicht dem Kaiser in Rom?

Aber auch alles andere, was Johannes sieht, sind Zeichen seiner Macht und Herrlichkeit: Sein langes Gewand und sein goldener Gürtel stehen für seine priesterliche und königliche Würde. Sein Haar ist weiß wie Schnee. Seine Augen sind wie Feuerflammen. Seine Füße wie aus Golderz. Seine Stimme wie ein großes Wasserrauschen. Aus seinem Munde geht ein zweischneidiges Schwert hervor. Und sein Angesicht leuchtet wie die Sonne in ihrer Macht – und stellt damit auch den Sonnengott Helios in den Schatten. Schon die Vorstellung dieser Erscheinung macht einen überwältigenden, „umwerfenden Eindruck“ – weshalb auch Johannes bewusstlos wird und wie tot dem zu Füßen fällt, „der einem Menschensohn gleicht“.

Mir wurde noch nie eine solche Vision zuteil – und ich begehre sie auch nicht. Denn eine solcher ist nicht nur faszinierend, sondern auch erschreckend. Hildegard von Bingen wurden von früher Kindheit an Visionen zuteil, die sie lange Zeit verdrängte und verschwieg und die sie aufwühlten und nahezu krank machten – und die sie erst viel später jemand anvertrauen konnte und musste. Denn dem Einblick in die Tiefendimension der Wirklichkeit – der über unsere fünf Sinne hinausgeht - hält kein Mensch (außer die selbsternannten Hellseher und Schwarzseher) stand; auch Johannes nicht und fällt wie tot zu Boden. Das Wenige, das er bisher gesehen hat, ist schon zu viel – und wäre das Ende, würde nicht dieser Andere seine rechte Hand auf ihn legen und ihn wieder aufrichten und sagen. „Fürchte dich nicht“.

„Fürchtet euch nicht“, ist immer zu hören, wo die Ewigkeit in die Zeit hineinbricht – und ist deshalb auch der Gruß des Auferstandenen, mit dem ER unter seinen verstörten und verwirrten Jüngern Vertrauen stiftet, als diese ihren Augen nicht trauen und meinen, nur noch Gespenster, Hirngespinste zu sehen (Lk 24,36f). Und zuvor auf dem See Genezareth ruft er ihnen mitten in der Nacht zu: „Ich bin's… Fürchtet euch nicht.“ (Mk 6,49) Und auf dem Berg der Verklärung rührt der Verklärte sie an und sagt: „Steh auf und fürchtet euch nicht.“ Es sind immer diese Worte, mit denen ER sich zu erkennen gibt - auch Johannes: „Fürchte dich nicht. Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendig. Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

„Fürchte dich nicht“, ist also keine Aufforderung zum christlichen Heldentum, sondern ist seine Einladung zum Vertrauen – auch zum Vertrauen darauf, dass ER es ist, in dessen Hand die Schlüssel zum Reich des Todes und der Hölle liegen. Denn nur ER ist hinabgestiegen in das Reich des Todes und kann darin gefangen setzen – und daraus befreien; nicht der Kaiser in Rom (vgl Mt 10,28; Lk 12,4f). Der röm. Kaiser hat nur die Schlüssel zum römischen Palast und zu den römischen Gefängnissen. Und seine Macht ist nur geliehene Macht, über deren Gebrauch und Missbrauch auch er einst dem Allmächtigen Rechenschaft geben muss. Denn auf diesen Allmächtigen treiben alle Machtkämpfe zu.

Dieses zielgerichtete „Treiben“ der Machtkämpfe in der sichtbaren irdischen und unsichtbaren „geistigen“ Welt schaut Johannes in einer Abfolge dramatischer Bilder und Szenen. Er schaut: Was in Gottes Ewigkeit schon an sein Ziel gekommen ist, dessen Vollendung in der Zeit steht noch aus. Zwar hinkt die Zeit der Ewigkeit hinterher – und mündet schließlich doch in sie ein.

Diese ganz große Perspektive ist der ganz große Trost in der Zeit bis dahin. Und in dieser („End“)Zeit leben wir. Diese große Perspektive darf der Christenheit nie verloren gehen; sonst geht ihr auch der große Trost verloren - angesichts der bis zum Morgen des „jüngsten Tages“ fortdauernden Machtkämpfe auf Erden.

Denn seit Kain und Abel geht es nur um die Frage: Wer ist Gewinner – und wer Verlierer. Wer macht das Rennen – und wer macht schlapp. Wer kommt an am Ziel – und wer bleibt auf der Strecke. Und auf diese letztentscheidende Frage gibt das letzte Buch der Bibel eine Antwort. Doch während auf Erden weiterhin Sieger und Besiegte sich nach einer Weile immer wieder abwechseln, steht im Himmel der endgültige Sieger schon fest. „Sieger“ ist jenes „Lamm, wie geschlachtet“, das zugleich „der Löwe aus dem Stamm Juda“ (Offbg 5,5f) ist, der „Herr aller Herren und König aller Könige“ (Offbg 17,14).

Und weil dies im Himmel schon entschieden ist, ist auf Erden noch nicht aller Tage Abend. Amen. 

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Predigt am 2. Sonntag n. Epiph.  zu 1. Kor. 2,1-10 (IV)

Paulus schreibt: "Liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. 

Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht: »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit."

Was für eine Jammergestalt – dieser Paulus. In Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern weilt er in Korinth – anstatt mit dem nötigen kräftigen Sendungsbewusstsein überzeugend aufzutreten. Und was für eine Jammerbotschaft – dieser Gekreuzigte. Damit bei den Menschen anzukommen, dürfte wohl kaum mit Erfolg gekrönt sein – anstatt mit einer Heldenfigur, mit der sich die Menschen gerne identifizieren. Und weil das alles für die ganze Kirche nur zum Schaden sein kann, sollte man diesen Paulus besser seines Amtes entheben – was ja auch manche versuchen. Sie werfen ihm vor, seine Schwachheit sei Zeichen dafür, dass er gar kein richtiger Apostel sein kann...

Auch auf kirchlichen Fortbildungen könnte Paulus lernen, wie er sein Auftreten aufpolieren kann und welche Botschaft ihm die Menschen abnehmen. Hierzu müsste er vor allem bei den Bedürfnissen der Menschen einsetzen und diese religiös oder spirituell ausdeuten und vertiefen. Denn wer bei den Menschen ankommen will, der muss auch von ihnen ausgehen; z.B. von ihrer Sehnsucht nach Glück, Erfolg, Gesundheit, Frieden, Wohlstand. Wenn auch Paulus mal zu diesen Themen etwas zu sagen wüsste – natürlich in leichter Sprache -, dann würde man ihm ganz bestimmt vielleicht zuhören… Doch stattdessen hält er „es für richtig, unter den Korinthern nichts zu wissen als allein Jesus Christus, und diesen als Gekreuzigten.“

Gewiss spielt bei ihm der auferstandene Christus eine große Rolle, denn dieser stellte sich ihm doch in einer Erscheinung vor Damaskus in den Weg – und hat des Paulus Lebensweg von Grund auf und nachhaltig verändert. Mit solch einem außergewöhnlichen und authentischen Bekehrungserlebnis könnte doch Paulus die Menschen nachhaltig begeistern – und tut es doch nicht. Was ist nur los - mit Paulus? – oder in Korinth? – Ja, in Korinth ist allerhand los.

In den drei Jahren seit des Paulus Abwesenheit ist diese Gemeinde gewachsen – und hat sich dabei nicht nur in verschiedene rivalisierende Gruppen aufgespalten (1 Kor 1,12), sondern hat auch die Botschaft von dem gekreuzigten Christus preisgegeben und durch erhabene spirituelle Weisheiten ersetzt. Die hiervon Begeisterten und Geisterfüllten, die sich selber als „vollkommen“ betrachten, fühlen sich über alles Niedrig-Irdische erhaben und wissen sich jetzt schon jenseits des Todes ins Himmlische erhoben. Als die schon Himmlisch-Vollkommenen ist ihnen auf Erden „alles erlaubt“ (1 Kor 6,12; 10,23), weshalb bei ihnen das Irdisch-Leibliche und also soziale Verantwortung füreinander und die Liebe untereinander keine Rolle mehr spielen (vgl. 1 Kor 10f). Dieser Enthusiasmus öffnet dann auch die Tür für jene Superapostel, die aus anderen Gemeinden „Empfehlungsschreiben“ vorweisen können (z.B. 2 Kor 10,12ff), und sich selber als „Engel/Boten des Lichts“ und „Diener der Gerechtigkeit“ empfehlen (2 Kor 11,14f) und Paulus sein Apostolat streitig machen, denn er habe nun mal weder himmlische Offenbarungen noch Wundertaten vorzuweisen und überhaupt mangle es ihm einfach an „Geist und Kraft“, also an Überzeugungskraft und Durchsetzungsvermögen (vgl. 2 Kor 12,1ff).

Natürlich lässt das Paulus so nicht stehen, sondern schreibt einen weiteren Brief - der jedoch keinerlei Wirkung zeigt. Im Gegenteil: Aufgrund des offensiven Vorgehens jener Superapostel sieht er sich zu einem Gemeindebesuch genötigt – der für ihn jedoch erschütternd verläuft. Denn er trifft die Gemeinde im Aufstand gegen sich an. Und weil irgendjemand aus der Gemeinde gegen ihn besonders Sturm läuft, kann er nicht mehr länger bleiben und kehrt unverrichteter Dinge wieder nach Ephesus zurück und schreibt von dort aus einen „Tränenbrief“ (2 Kor 10-13). Darin kämpft er einen schier verzweifelten Kampf gegen jene aufgeblasenen und erfolgreichen Superapostel und für die Gemeinde in Korinth, die deren Auftreten und Aufgeblasenheit nahezu erlegen ist. Titus, des Paulus Freund, überbringt diesen Brief – diesmal nicht ohne Wirkung. Als Titus zurückreist, reist ihm Paulus ungeduldig entgegen und erfährt erleichtert: Die Gemeinde ist zur Einsicht und zur Umkehr gekommen. Daraufhin schreibt Paulus einen überschwänglichen „Versöhnungsbrief“ (2 Kor 1,1-2,14;7,5-16), in dem er darum bittet, auch jenem aufgehetzten Gemeindeglied zu verzeihen. Schließlich reist Paulus nochmals nach Korinth und trifft hier eine Gemeinde in Frieden an – und schreibt den bekannten „Brief an die Gemeinde in Rom“.

Die urchristlichen Zeiten waren also gemeindeintern ziemlich turbulente Zeiten Denn immer wieder geht es auch um die Frage: Was ist der Inhalt des Evangeliums? Ist es eine religiöse Weisheit? – wie für die Korinther. Oder ist es eine moralische Vollkommenheit? – wie für die Galater. Vor allem Paulus hat hier die wegweisende Auseinandersetzung zu führen – und weist dabei immer wieder hin auf den gekreuzigten Christus – als Geheimnis und Weisheit Gottes.

Doch gerade dieses Geheimnis und diese Weisheit Gottes sind durch des Menschen Weisheit nicht einsehbar. Der Geist Gottes muss unserem Geist „zufällig“ das Geheimnis und die Weisheit Gottes im Gekreuzigten eröffnen. Ansonsten bleibt der Gekreuzigte vielleicht ein Spiegel menschlicher Erbarmungslosigkeit – ist aber niemals der Abgrund göttlichen Erbarmens. Ist er ein Spiegel menschlicher Erbarmungslosigkeit, dann will man hier nicht hineinschauen. Ist er der Abgrund göttlichen Erbarmens, dann kann man sich gar nicht genug in ihn hinein versenken – was Paulus tut und dabei etwas Entscheidendes erkennt: Da dreht sich etwas um. Was der Mensch in scheinbarer religiöser und politischer Weisheit tut, das ist eigtl. Torheit aufgrund von Blindheit (V 8). Und was Gott in scheinbarer Torheit am Kreuz geschehen lässt, darin verbirgt sich seine tiefe Weisheit und offenbart sich seine abgründige Liebe.

Aber für dieses Geheimnis Gottes kann allein der Geist Gottes die Augen öffnen. Doch dafür den Boden zu bereiten, ist Paulus als Apostel berufen und gesandt, indem er dieses Geheimnis Gottes vor den Menschen in aller Freimütigkeit (vgl. Eph 6,20) und Nüchternheit (1 Thess 5,8) und Klarheit (vgl. 1 Kor 14,19) bezeugt – ohne die Menschen davon überzeugen oder überreden zu wollen. Denn sonst würde alles auf seiner Überredungsgabe und Überzeugungskraft gründen – und damit auf menschlicher Rhetorik und Psychologie. Paulus dürfte und müsste dann ständig attraktiv und effektiv nachlegen und noch eins draufsetzen, um die Gemeinde bei Laune und bei Stange zu halten. Dann aber wäre er nicht mehr Apostel, nicht mehr Gesandter seines Herrn, sondern spiritueller Entertainer – wie vielleicht jene Superapostel, welche in Korinth mit ihren erhabenen Weisheiten sich selbst glänzend anbieten und die Menschen betören. Die Mitte ihrer Weisheit ist die Botschaft, dass man mit dem auferstandenen Christus schon alles Irdische und damit auch Leid, Elend, Tod schon hinter sich gelassen habe. Alles sei schon ins Licht getaucht; man müsse es nur richtig erkennen.

Hingegen schreibt Paulus an die Gemeinde in Philippi: „Christus möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.“ Für Paulus steht da noch etwas aus, weshalb er auch an der erfahrbaren und bedrängenden irdischen Wirklichkeit festhält –und sie gerade bei dem Gekreuzigten entmnachtet sieht! Denn unter dem Mantel scheinbarer Torheit, verbirgt sich hier Gottes Weisheit. Unter dem Mantel scheinbarer Schwachheit verbirgt sich hier Gottes Kraft. Unter dem Mantel menschlichen Unheils verbirgt sich hier Gottes Heil für den Menschen. Und so erkennt es Paulus nicht nur am Gekreuzigten, sondern erfährt es auch an sich selber – und schreibt deshalb im Blick auf sein angeblich schwaches Auftreten: „Wir haben aber diesen Schatz (des Evangeliums) in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.“ (2 Kor 4,7) Gefäß ist Paulus – und damit als Mann durchaus jener Frau ähnlich, die sich auch so verstanden hat: Maria, des Herrn Magd - Paulus, ein Diener Jesu Christi.

Und was Maria als Mutter austrägt und wovon Paulus als Apostel erfüllt ist, das „äußert“ sich von selber. Deshalb hat Paulus bei seinem Auftreten in Korinth dem Geist und der Kraft Gottes Raum gegeben – und sich selber zurückgenommen. Ist nicht hochgescheit, hochgebildet, hochintelligent, hochbegabt, hochmütig aufgetretenen. Wollte nicht überzeugen, sondern die in der Torheit und Schwachheit des gekreuzigten Christus verborgene Weisheit und Kraft Gottes bezeugen, die dann am Ostermorgen zutage kam.

Deshalb hat es ihm auch nichts ausgemacht, als man ihn seiner schwachen und törichten Erscheinung wegen unter den Korinthern verächtlich machte. Und seltsamerweise war es gerade dieser schwache und törichte Apostel, der Christus unter den Menschen mehr bekannt gemacht hat, als irgendein anderer(vgl. 2 Kor 11,23). Schon allein das müsste zu denken geben.

Wenigstens in der Kirche! Amen.

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Predigt am 1. Sonntag n. Epiph. zu 1. Kor. 1,26-31 (IV)

  Paulus schreibt:  "Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, damit, wie geschrieben steht: »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«"

Wir haben doch alle Augen im Kopf – und sehen, was vor Augen ist: wer etwas ist – und wer wohl nichts ist; wer etwas darstellt – und wer nicht; wer etwas vorzuweisen hat – und wer nicht. Und danach beurteilen wir die Menschen. Es ist deshalb entscheidend, dass man etwas aus sich macht, damit man etwas ist - vor den Augen der andern. Denn wir haben alle Augen im Kopf und gehen nach dem, was da vor Augen ist. Und wenn da nicht viel ist oder gar nichts, dann übersehen und übergehen wir einen Menschen ganz schnell - seiner Bedeutungslosigkeit wegen. So sind wir Menschen – nun mal.

Ist Gott auch so? Gewiss: ER sieht hinter die äußeren Kulissen und schaut ins Herz. Aber was ER da sieht, ist doch dasselbe, was wir vor Augen hat. Das Innere bildet sich doch ab im Äußeren. Gott sieht also dasselbe. Aber im Gegensatz zu uns geht ER nicht danach! Weder die äußere Erscheinung noch die inneren Qualitäten eines Menschen sind vor Gott entscheidend in seiner Wertung, in seiner Bewertung eines Menschen. Sonst müsste seine Gemeinde, sein Volk, seine Kirche die Elite der Welt; also die ausgesucht Besten sein, die sich in ihren Qualitäten von dem Rest der Welt deutlich abheben. Hingegen soll mal jemand ironisch und zutreffend gesagt haben: Das Schiff der Kirche sei aus lauter „Nieten“ zusammengehalten. Und diese doppelte Bedeutung, dieses Teekesselchen von „Nieten“ trifft zu. Die Nieten, auf denen keinerlei eigener Wert steht, sind zugleich die Nieten, die das Schiff der Kirche zusammenhalten. – und das trifft auch auf die Gemeinde in der Hafenstadt Korinth zu.

Zu ihr gehören zumindest mal nicht viele gebildete, einflussreiche, angesehene Leute, sondern größtenteils einfache Hafenarbeiter. Kulturell, wirtschaftlich, sozial ohne große Chancen zum Aufstieg und zur Karriere. Vor den Augen der Welt stehen sie eher auf der vergessenen Seite der Verlierer. Gemessen an dem, was ihnen an öffentlicher Achtung und Beachtung entgegengebracht wird, sind sie ein Nichts, ein Nobody. Denn sie können von sich aus nichts vorweisen, was nennenswert, beachtenswert wäre. Dementsprechend ist auch das Selbstwertgefühl solcher Menschen.

Was soll Paulus mit und aus ihnen machen, wenn er was machen will? Er könnte sich aus Nächstenliebe oder Mitleid zu ihrem Erfolgstrainer, zu ihrem „Coach“ erklären. Vielleicht schafft er es, sie groß rauszubringen. Dann müsste er das mögliche Entwicklungspotential der Korinther erheben, eine Erfolgsstrategie mit ihnen und für sie entwickeln und durch Förderung und Optimierung ihrer Leistungsfähigkeit ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl steigern - was zumindest mal gut klingt.

Aber Paulus ist kein Coach; kein Erfolgstrainer. Er ist ein Apostel, ein Gesandter Jesu Christi. Er steht in dessen Dienst und handelt in dessen Auftrag und ist von diesem berufen und gesandt, das Evangelium, die frohe Botschaft von Jesus, dem Christus, Messias, dem Gesalbten Gottes zu verkündigen.

Und diese Botschaft setzt nicht beim Menschen ein, sondern bei Gott. Sie setzt nicht bei dem ein, was ein Mensch macht oder aus sich machen kann und also einen Menschen ausmacht, sondern bei dem, was Gott tut – für uns. Wir treten damit in die zweite Reihe – auch wenn es uns kränkt. Denn wenn man beim Menschen beginnt, dann bleibt man auch beim Menschen hängen, bei seinen Fähigkeiten und wie unfähig er ist, bei seinen Möglichkeiten und wie unmöglich er ist.. Gott ist dann höchstens der Menschen- und Weltverbesserer. Er fördert das Gute im Menschen und macht den Menschen besser. Dann ist Gott ein Coach, ist Mittel zum Zweck; Gott – eine nützliche moralische Funktion!

Paulus sieht jedoch nicht zuerst auf den Menschen: Was der alles für sich tun und aus sich machen könnte. Er sieht zuerst auf Gott: was der getan hat durch Christus für uns. Von Christus her fällt deshalb das Licht Gottes auf uns – und zwar auch und gerade auf jene, die auf der Schattenseite des Lebens stehen und deshalb von Menschen leicht übersehen werden. Durch Christus werden auch und gerade sie erwählt und in Christus hineinversetzt.

Und woher weiß Paulus das so genau? Er hat seinen Herrn vor Augen - und den hat er doch als Evangelium, als frohe Botschaft den Korinthern gepredigt. Der galt vor der Welt nichts – und wurde doch von Gott bei der Taufe erwählt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Der wurde von der Welt erniedrigt zum Tod am Kreuz – von Gott aber erhöht zu seiner Rechten.

Wie also Menschen „vor der Welt“ dastehen und in den Augen der Welt erscheinen, spielt vor Gott keine Rolle. Eher gilt sogar das Gegenteil: „Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist…“ Das ist allerdings ein starkes Stück, wenn Paulus meint, Gott habe durch Christus „zuschanden“, „zunichte“, zum Nichts gemacht alles, was unter Menschen besonders zählt: Bildung, Einfluss, Macht, Ansehen. Aber warum macht Gott das alles zunichte? Gewiss: Bildung verführt leicht zu Einbildung und Dünkel; Einfluss verführt leicht zur Beeinflussung und Manipulation anderer, Macht verführt zu ihrer Bemächtigung und Beherrschung; und mit dem Ansehen will man oftmals nur sichtbares Aufsehen erregen. Denn für einen Menschen zählt eben vor allem, was vor Augen ist. Aber eben nicht vor Gott.

Deshalb macht Gott durch Christus alles zunichte, was aus eigener Kraft bestehen möchte; Paulus nennt das „Fleisch“. Und in dieser Nichtigkeit vor Gott sind alle Menschen gleich. Vor Gott kann keiner mehr sich dem anderen gegenüber irgendwelcher Vorzüge rühmen. Aber Gott tut das eben nicht, um zu vernichten, sondern um ein Neues zu schaffen, geschaffen aus der Kraft Gottes und bestehend in der Kraft Gottes. Nur was Gottes Schöpferkraft aus dem Nichts schafft, kann auch vor ihm bestehen, weil es durch IHN ist. So ruft ER aus dem Nichts die Welt ins Dasein. So weckt ER die Toten auf. So sucht ER die Verwaisten und macht sie zu seinen Kindern. So schafft ER etwas Bleibendes – durch Christus. Ich bin jemand, weil ich durch Christus vor Gott jemand bin.

In diesem Sinne macht er die Letzten zu den Ersten; macht aus dem letzten Dreck ein Stück Gold. Angefangen hat alles mit der Erwählung Israels als eines absolut unbedeutenden Volkes. Entsprechendes geschieht mit der Erwählung Marias als einer absolut unbedeutenden Frau. Und der dann aus ihrem Schoß in einem Viehstall geboren wird, ohne festen Wohnsitz unter den Menschen weilt, und dessen zeitliches Leben vor den Augen der Welt ohne Ruhm und Ehre endet – gerade dieser vor den Augen der Welt Bedeutungslose wird von Gott aus den Toten gerufen und eingesetzt zum Herrn der Welt – und ist „uns von Gott gemacht zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung…“ Und weise, gerecht, heilig und erlöst sind alle, die sich ihm anvertrauen und damit „in Christus“ sind; und damit „eine neue Kreatur“ – mitten in der alten Welt. Ich bin ein in und durch Christus von Gott neu geschaffener, erwählter, geliebter, begnadigter, geheiligter Menschen. Alles, was Christus ist, das bin ich auch. Denn was er ist, das ist er für mich. Und was ER mir schenkt, das kann mir niemand rauben.

Was ich in und durch Christus bin, stellt darum alles in den Schatten, was ich von mir aus und aus mir heraus sein kann, was ich aus eigener Kraft aus mir machen will. „An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd. Was Christus mir gegeben, das ist der Liebe wert“, jubelt Paul Gerhard – im Gefolge von Paulus. Das hat nichts mit Selbstverachtung zu tun, sondern ist gerade ein ganz anders begründetes Selbstwertgefühl und führt zu einem völlig anderen Selbstbewusstsein. Es hat „in Christus“ seinen Ursprung – und nicht in mir selbst. „In Christus“ werde ich mir selbst geschenkt, empfange ich mich selbst. Forthin bin ich mir selbst als ein Mensch bewusst, der sich Christus verdankt. Mein Selbstwert gründet deshalb darin, dass mich Christus wert geachtet hat. Mein Leben gründet nicht mehr auf der Wertigkeit, die ich ihm verleihe. Ich lebe nicht mehr aus mir selbst. Christus ist mein Leben. Und dieses in Christus verborgene Leben kann mir niemand nehmen – ich aber kann mich annehmen mit meinen Fehlern und Schwächen. Die haben nicht mehr das letzte Wort. Das letzte Wort ist schon gesprochen: In meiner Berufung durch die Taufe. Da wurde ich hineingetauft in Christus und habe seither Wohnrecht und Bleibrecht in ihm – wie alle, die sich durch die Taufe berufen und voller Vertrauen in Dienst nehmen lassen.

Und weil Gott niemand aus irdischen Gründen ausschließt, gehören dazu auch gebildete, einflussreiche, angesehene Leute. Auch diese nimmt er in seinen Dienst, um durch sie zu wirken. Was an Glanz und Leistung und Erfolg in der Kirche vorhanden ist, muss deshalb nicht künstlich tiefgestapelt oder gar schlechtgeredet werden. Es erscheint aber in einem völlig neuen Licht: es dient dem Ruhm und der Ehre Gottes. Weil Gott mich „entrühmt" hat, wie jemand zutreffend meinte, und ich also befreit bin von dem Zwang, „berühmt“ werden zu müssen, bin ich auch nicht mehr zum zwanghaften Erfolg verdammt oder zum kläglichen Scheitern verurteilt. Alles, was ich bin, das bin ich durch Christus. Weil ich nicht selber etwas aus mir machen muss, kann ich für andere etwas machen, mich für sie einsetzen. Weil ich mich nicht immer nur um mich kümmern muss, kann ich mich um anderen kümmern. Auch mit der Macht und Weisheit, mit dem Reichtum und Ansehen, das mir zuteil wurde. Und wenn sich Erfolg einstellt, wenn jemand glanzvolle Taten vollbringt, wenn jemand Begabung und Talent hat, - dann soll er ruhig sein Licht vor den Leuten leuchten lassen und nicht verschämt unter einen Scheffel stellen. Denn seine Begabung, seine Leistung, sein Erfolg weiß er als ein Geschenk und Gabe Gottes, um damit Bote Gottes und Zeuge Jesu Christi zu sein. Und dann bleibt nur noch eines: Gott dafür zu danken und IHN dafür zu loben und allein IHNzu rühmen – vor den Augen und Ohren der Welt. Amen.

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Predigt zur Jahreslosung 2018

 „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

So lautet das biblische Wort aus Offbg. 21,6b für das neue Jahr 2018.

 Ohne Wasser - kein Leben. Denn Wasser ist die Voraussetzung für Leben, denn alles Leben kommt aus dem Wasser – und so auch jedes menschliche Leben aus dem Fruchtwasser. Ohne Wasser vertrocknet und verdorrt alles Lebendige auf Erden; stirbt ab.

Nicht nur in biblischer Zeit, sondern erst recht in unserer Zeit wird um den Zugang zu Wasser gestritten - bis hin zum Wasser des Jordan. Durch die zunehmende Privatisierung der Wasserquellen wird aus einer elementaren Lebensvoraussetzung ein gewinnträchtiges Geschäft. Und wenn es ums Geschäft geht, dann gibt es nichts umsonst. Nahezu alles Trinkwasser muss man kaufen – denn nahezu alle wichtigen Quellen sind durch den Aufkauf von Grund und Boden privatisiert. Und wer über die Wasservorräte auf der Erde verfügt, der verfügt letztlich über die Macht zu entscheiden, wer leben darf – und wer nicht. Denn ohne Wasser – kein Leben.

Da jedoch aus all unseren Wasserhähnen jederzeit genügend aufbereitetes Brauchwasser fließt, fällt uns das alles kaum auf. Und außerdem ist die Brauchwasserversorgung zum Glück immer noch in der „öffentlichen Hand“. Der scheinbare gesicherte Überfluss an Brauchwasser lässt uns jedoch auch wenig sorgfältig damit umgehen – und auch dessen Kostbarkeit ist uns aufgrund der scheinbar ständigen Verfügbarkeit kaum bewusst. Bewusst wird es uns immer erst dann, wenn von der „Belastung“ dieses Wassers die Rede ist, und es als mögliches Trinkwasser – vor allem für Kleinkinder – erst recht nicht mehr in Frage kommt. Auch dann dämmert uns: Ohne Wasser – kein Leben. Denn Wasser ist - wie Feuer, Luft und Erde - elementar für das das Leben – und darum überlebenswichtig.

Und zwar zunächst einfach mal für das physische, für das leibliche Leben. Aber was für das leibliche und also für das „äußere“ Leben gilt, das gilt auch immer für das seelische und also für das „innere“ Leben. Und so wird in der Bibel vieles „Äußere“ zu einem gleichnishaften Bild für etwas „Inneres“. Und also auch – das Wasser. Auch ein Mensch kann innerlich, seelisch vertrocknen, verdursten, weil etwas so Elementares wie „Wasser“ fehlt. Da wir jedoch sehr stark nach außen und also an der äußeren Wasserversorgung orientiert sind, vergessen wir oftmals das „Wasser“ als ein lebensnotwendiges Element des inneren Lebens – und dann vertrocknet und verdurstet etwas in uns, in unserer Seele, in unserem Leben. Vielleicht sogar, ohne dass wir es merken, weil uns der scheinbare Überfluss des „äußeren Wassers“ davon ablenkt und dies vergessen lässt.

Vielleicht muss der innere Durst nach dem lebendigen Wasser – auch in der Kirche - erst wieder in uns geweckt werden. Vielleicht auch dadurch, dass uns wieder klar wird, wie elementar lebenswichtig das äußere Wasser für unser Leben ist.

Wenn nun der Seher Johannes den auf dem Thron hört sagen: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“, dann ist dieses biblische Wort die Verheißung Gottes, dass die Lebensdurstigen nicht verdursten werden – und es ist zugleich der Hinweis, dass allein dieses „lebendiges Wasser“ zum Leben führt, also Wasser, das aus einer Quelle kommt, aus Gott selbst hervorquillt als dem Ursprung des Lebens. Es ist kein menschlich aufbereitetes Brauchwasser. „Denn bei DIR ist die Quelle des Lebens…“,  bekennt der Beter eines Psalms vor Gott (Ps 36,10). Und beim Propheten Jeremia ist umgekehrt zu hören: „Denn du, HERR, bist die Hoffnung Israels. Alle, die dich verlassen, … verlassen den HERRN, die Quelle des lebendigen Wassers.“ (Jer 7,13) Und wenn der Propheten Sacharja andeutet: „Zu der Zeit werden lebendige Wasser aus Jerusalem fließen und der HERR wird König sein über alle Lande.“ (Sach 14,8), dann sieht das der Seher Johannes, wenn er zu Beginn der Offenbarung schreibt: “denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers…“ (Offbg 7,17) und am Ende: „Und ER zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes.“ (Offbg 22,1) Und den Johannes hier als „Lamm“ sieht, der sagt selber am Jakobsbrunnen zu einer Frau: „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser.“ (Joh 4,10) Und am letzten Tag des Laubhüttenfestes ruft Jesus in die Menge der Menschen: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Joh 7.37f)

Dann gibt es also dieses lebendige und darum Leben schaffende Wasser nicht nur umsonst von dem, der als „Quelle des Lebens“ die „Gabe Gottes“ in Person ist, sondern dieses Wasser strömt auch auf andere über und kommt ihrem Leben zugute; lässt sie nicht verdorren, lässt sie nicht verdursten. Denn wie Gott gibt, so wird auch ein Mensch, der von Gott etwas empfangen hat, davon weitergeben – und es nicht allein für sich behalten; es nicht „privatisieren“. Christliches Leben ist immer gemeinsames Leben. Darum gestaltet sich dieses „lebendige“ und also Leben schaffende Wassers in der Liebe. -Denn das Wesen dieses Wassers ist die Liebe.

Und wie das natürliche und irdische Leben jedes einzelnen im Fruchtwasser beginnt, so beginnt das christliche und geistliche Leben im Taufwasser. Da wird ein Mensch in die "Quelle des lebendigen Wassers" hineingetacht. Forthin gilt - nicht nur auf Durststrecken - die Zusage Gottes:

"Ich will dem Durstigen geben von der Queller deslebendigen Wassers umsonst." Amen.

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Predigt am Altjahrsabend zu 2. Mose 13,20-22 (IV)

  So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Man lagert am Rande der Wüste. Hinter sich das ägyptische Kulturland – und vor sich die steinige Wüste. Hinter sich Knechtschaft und Fleischtöpfe – und vor sich Entbehrung und Freiheit. Und immer wieder schwankt man zwischen der Erinnerung an die angeblich ach so gute alten Zeit in Ägypten und der Hoffnung auf das von Gott verheißene, aber unbekannte Land. Und dazwischen die Wüste, an deren Rande man lagert – und bei deren Anblick man sich fragt: Was kommt da noch alles auf uns zu? Werden wir diese Herausforderung bestehen? Und wird ER, der uns hat ausziehen lassen aus Ägypten – mit uns weiterziehen? Kennt er sich aus mit „Wüste“– oder ist er nur mit „Kultur“ vertraut? Führt er uns – oder verlässt er uns?

Denn erst recht in der Wüste steht alles immer wieder Spitz auf Knopf und damit auf der Kippe – und man weiß nicht, wohin es fällt. Nicht nur das Volk hat darum immer wieder mal von Mose, sondern auch Mose immer wieder mal von dem Volk - genug. Und alle haben von diesem verborgenen Gott genug, der diesem Volk und Mose immer nur seine Treue zusagt und ein schier übermenschliches Vertrauen fordert. Und so wird die Zeit der 40-jährigen Wanderschaft durch die Wüste eine Zeit der Bewahrung und Bewährung.

Und das von Anfang an. Denn kaum hat der Pharao die Israeliten ziehen lassen, da besinnt er sich eines anderen und will seine dienstbaren Sklaven wieder mit militärischer Gewalt zurückholen. Und Israel – die Soldaten des Pharao im Rücken und das erste schier unüberwindbare Hindernis des Schilfmeeres vor Augen - sagt zu Mose: „Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? Haben wir's dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben.“ (2 Mose 14,11f) – Und so geht das 40 Jahre weiter – beim Volk und bei Mose. Israel erlebt 40 durchwanderte Jahre mit Abwegen und Irrwegen – und lernt gerade in dieser Zeit wie anschließend nie mehr, worauf es entscheidend ankommt: Auf das beständige Vertrauen in Gottes Führung und Bewahrung, denn nur dadurch wird die stets vorhandene Angst überwunden - und werden auch noch die schwersten Lebenserfahrungen zu prägenden Gotteserfahrungen.

Und solche Erfahrungen haben alle eines gemeinsam: Sie geschehen meist „am Rande“. Wenn plötzlich Unerwartetes auftaucht und Menschen nicht mehr weitersehen und nicht mehr weiterwissen: da führt ER weiter, die sich IHM anvertrauen. Am Rande taucht ER „zufällig“ auf, an der Grenze – als ob ER eine „Randerscheinung“ wäre und es auf „Grenzerfahrungen“ mit IHM abgesehen hätte - und ER es darauf ankommen lassen will. Denn am Rande und an der Grenze ist das Vertrauen am meisten herausgefordert, sich auf den Unsichtbaren und Unverfügbaren und Unberechenbaren einzulassen und sich der Verheißung seiner Treue und Fürsorge anzuvertrauen. Ob das gelingt, steht niemals fest. Israel ist es öfters nicht gelungen. Es blieb öfters in der eigenen Sorge um sich selbst und in der Angst vor der Zukunft stecken – und hat mit Mose und Gott gehadert.

Und zugleich steht, was Israel 40 Jahre lang mit seinem Gott auf dieser dramatischen Wanderschaft durch die Wüste erfährt, im Kontrast zu den Religionen der anderen sesshaften Völker. Deren Götter sorgen für Wetter und Wachstum, sorgen für die Fruchtbarkeit der Erde. Deshalb sind es vorwiegend verschiedene Muttergottheiten, welche den Wohlstand und die Wohlfahrt des Landes garantieren. Und diese standen spätestens mit der Sesshaftwerdung Israels im verheißenen Land in großem Konflikt mit dem einen und einzigen Gott, der das wandernde Gottesvolk bisher begleitet und geleitet hat. Sollte er am Ziel der Wanderschaft nicht ausgedient haben?!

Doch weiterhin kennt Israel nur den EINEN und EINZIGEN - zuständig für ALLES; auch für die Natur; aber vor allem macht er immer noch Geschichte mit seinem Volk. Und im Lauf dieser Geschichte ist ER das große und persönliche „Ich“; spricht sein Volk an und lässt es wissen: „Ich bin der Herr, deine Gott…“ Und ER ist selber ansprechbar als das große und persönliche „DU. Und diese „Ich-Du-Beziehung“ beruht auf Treue und Vertrauen – und das ist das Entscheidende im Laufe dieser Geschichte. “. Wie ER selber vor allem Mund und Ohr ist, darum hat ER auch den Menschen mit Ohr und Mund geschaffen. Aber auch das Auge hat er geschaffen. Und so bekommt Israel neben dem zugesagten Wort der Treue auch Zeichen der Treue Gottes mit auf den steinigen Weg: „Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.“

Mit Israel hat auch die christliche Kirche von Anfang an dieses zeitliche Leben als eine Wanderschaft, als eine Pilgerschaft verstanden – mal durch Wüste, mal durch Wohlstand. Beides gilt es zu durchschreiten – und schließlich hinter sich zu lassen. In beidem kann man sich aber auch verirren und verkommen. Karge Zeiten können das Gemüt leicht bitter machen - und üppige Zeiten die Sinne schnell betören.

Aber Wüste oder Wohlstand - das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist vielmehr die Frage: Wissen wir uns auf dem Weg – und zu welchem Ziel? Wo geht’s lang und wo geht’s hin - in kargen oder üppigen Zeiten? Israel hat besonders auf seiner Wanderung durch die Wüste von dem gegebenen Wort der Verheißung und von den wegweisenden Zeichen gelebt; sonst hätte es die Wüste gar nicht überlebt – hingegen stand es später in der Zeit seiner Sesshaftigkeit und des materiellen Wohlstands immer in der Gefahr, seinen Gott zu vergessen und den Göttern der Fruchtbarkeit und des Wachstums zu huldigen – was besonders die Propheten gesehen und beklagt haben.

Die uns gegebenen Zeichen der Treue Gottes auf unserer Wanderschaft sind zwar keine Wolkensäule und Feuersäule - dafür aber die Hlg. Taufe und das Hlg. Abendmahl. Das Sakrament der hlg Taufe stellt uns auf den Weg der Nachfolge Christi – und das ist kein einfacher Weg und kann in und durch die Wüste führen und also auch karge Zeiten einschließen. Und das Sakrament des Hlg. Abendmahls ist die notwendige Wegzehrung auf diesem Weg, auf dieser Wanderschaft durch die Zeit zur Ewigkeit. „Das stärke und das bewahre euch im Glauben zum ewigen Leben“, ist deshalb immer wieder zu hören.

Und die hlg. Taufe und das hlg. Abendmahl sind für die Kirche wie die Wolken- und Feuersäule für Israel: Zeichen der unverbrüchlichen Treue Gottes; Zeichen für den „Immanu-el“, für den „Gott mit uns“. Denn Zeichen sind nicht die Sache selber, sondern zeigen auf die Sache oder auf eine Person hin. Und wie die Wolken- und Feuersäule auf den mitgehenden Gott zeigten, so zeigen auch Taufe und Abendmahl auf den „Gott mit uns“, dessen Treue immer noch verlässlich ist und im Vertrauen ergriffen und festgehalten sein will und der in Jesus, dem Christus, uns immer noch zusagt: „Siehe, ich bin bei euch, ich bin mit euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Amen.

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Predigt am Christfest zu 1 Joh. 3,1-6 (IV)

  Johannes schreibt: "Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, daß wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.  Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. 

Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wißt, daß er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und, in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt."

Wir sind Menschenkinder, sind Kinder von Adam und Eva, sind von Erde genommen und werden wieder zu Erde - auch wenn wir uns manchmal wie unsterbliche Götter gebärden. In einem Liebesakt werden wir gezeugt und unter Schmerzen geboren - auch wenn die technische Zeugung in der Petrischale und die schmerzfreie Geburt inzwischen möglich sind. Egal: Wir sind Menschenkinder – Kinder von Menschen durch Menschen. In unserer menschlichen Natur liegt der Ursprung unseres natürlichen Menschseins – als Kinder von Adam und Eva. Und deren Namenstag ist - der 24. Dezember!

Und wir bleiben Menschenkinder, können von uns aus die Grenzen unseres Menschseins nicht überschreiten; können uns selbst nicht zu Gotteskinder machen. Sonst würde unsere Gotteskindschaft in unserer Menschenkindschaft gründen und aus ihr hervorgehen – wäre ihre menschenmögliche Fortsetzung und bliebe an sie gebunden im Wollen und Vollbringen! Menschenkinder sind und bleiben wir also von uns Menschen aus; wenn aber Gotteskinder, dann nur von Gott aus. Von Gott muss etwas ausgehen und bei uns ankommen. –

Und von IHM ist „etwas“ ausgegangen und bei uns angekommen. Und was? „So sehr hat Gott diese Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“, bezeugt der Evangelist Johannes; und Paul Gerhard singt: „Nichts, nichts hat dich getrieben zu mir vom Himmelszelt als das geliebte Lieben…“ (EG 11,5) Dann ist es also die Liebe, die im Herzen des Vaters den Sohn „gezeugt“ hat (vgl. Nicänische Glaubensbekenntnis: „genitum non factum“/„gezeugt, nicht geschaffen“), um uns von Herzen leibhaftig nahe zu sein, uns deshalb aufsucht, heimsucht und uns beheimatet in seinem Herzen. Und nur die Liebe ist fähig, ganz tief „hinabzusteigen“ um sich des andern zu erbarmen, ihn zu „unterfangen“ – und sei er noch so tief gefallen, noch so verloren, noch so verkommen (vgl. EG 41,3).

Und also ist der Vater aus Liebe zu uns hinabgestiegen im Sohn. Und dessen Gedenktag ist einen Tag nach Adam und Eva - am 25. Dezember. Unter für IHN höchst unwürdigen Verhältnissen kommt er in einem schmutzigen Stall zur Welt, weil in der Welt sonst kein Raum für IHN ist. Und unter für IHN noch unwürdigeren Verhältnissen scheidet ER an einem schändlichen Kreuz aus dieser Welt, ausgestoßen aus der heiligen Stadt (vgl. Hebr 13,12). Was ER dabei auf sich nimmt, was er trägt und erträgt und erleidet, das zeugt von des Menschen Sünde; zeugt davon, dass unsere ursprüngliche Gottesebenbildlichkeit entstellt und verzerrt ist -und zeugt zugleich von einer unwiderstehlichen Liebe, um aus uns wieder zu machen, was wir von uns aus nicht mehr sind: Kinder Gottes Durch den Sohn Gottes werden Adam und Eva, werden wir Menschenkinder wieder Gotteskinder. Denn „dazu ist ER erschienen damit er die Sünden wegnehme“, schreibt Johannes (V 5; vgl. Joh 1,29). Die Krippe zielt also aufs Kreuz. Das Kreuz geht aus der Krippe hervor. Das eine gibt es nur mit dem anderen; wie auch unsere Gotteskindschaft nur durch seine Gottessohnschaft. „Du unser Heil und höchstes Gut, vereinest dich mit Fleisch und Blut, wirst unser Freund und Bruder hier, und Gottes Kinder werden wir.“ heißt es in einem Weihnachtslied (EG 42,6).

Und unsere Gotteskindschaft beginnt mit unserer Berufung im Sakrament der heiligen Taufe (vgl. 1 Joh 2,20.27: „Salbung“?). Da werden wir IHM als „Glieder“ „einverleibt“ (vgl. 1 Kor 12), um seinem „Bild“ gleich zu sein (vgl. Röm 8,29) – um also durch seinen Tod der Sünde abzusterben und durch seine Auferstehung von den Toten an seinem Leben teilzuhaben. Umgekehrt nehmen wir IHN in uns auf: „Wie viele IHN aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden“, bezeugt der Evangelist Johannes (Joh 1,12).

Wenn also unsere Gotteskindschaft die „Erweisung“, die „Gabe“ der Liebe Gottes ist (V 1), dann hat sich damit unser Menschsein in seiner Tiefe verändert und unser Leben hat eine ganz neue Qualität: Vor Gott – „coram deo“ - sind wir Gotteskinder; in den Augen von Menschen  immer noch „nur“ Menschenkinder. Denn von der „Welt“ aus ist unsere Gotteskindschaft nicht einsichtig – wie denn auch!? -, sondern nur von jner Liebe Gottes aus, die durch die Kraft des Heiligen Geistes in der „Jungfrau“ Maria unser Fleisch und Blut annimmt und als Sohn Gottes zur Welt kommt -; was von „der Welt“ aus ebenfalls nicht einsichtig ist – wie denn auch!? Ohne den Sohn Gottes bleiben wir, was wir „von Natur aus“ sind: Kinder von Adam und Eva; Menschenkinder, deren Gottesebenbildlichkeit durch die Sünde verzerrt, entstellt ist und bleibt – wie der Zustand der Welt klar zu erkennen gibt.

Dabei gehen für Johannes Sünde und Unrecht („Anomia“) ineinander über; dass also etwas nicht so ist, wie es recht und richtig ist, wie es eigentlich und ursprünglich sein soll. Und das zeigt sich für Johannes vor allem in der Lieblosigkeit -und in der Lieblosigkeit  zeigt sich die Gottlosigkeit „der Welt“ (1 Joh 4,7ff). Man will über den andern herrschen – und nicht ihm dienen. Die Liebe hingegen steht im Dienst des andern und beugt sich tief zu ihm hinab. Kinder Gottes haben die Lieblosigkeit der Welt überwunden, denn sie leben - „angstfrei“ und „furchtlos“ (vgl. 1 Joh 4,18) - aus und in und von der Liebe Gottes, die in Christus sich tief zu uns hinabgebeugt hat, um uns zu dienen (Joh 13,4ff). Forthin zeigt sich wahre Größe in der Bereitschaft zum Dienst (vgl. Lk 9,46; 22,34) – wie bei Jesus, so auch unter den Seinen (Joh 13,15). In ihrer dienstbaren Liebe zeigt sich ihre Zugehörigkeit zu Christus. Lieblosigkeit und Gehässigkeit (vgl. 1 Joh 2,9; 4,20) ist den Kindern Gottes fremd (V 3), denn sie entspricht nicht dem Sohn Gottes. Und wollten sie  einander nicht dienen, sondern übereinander herrschen, dann hätten sie ihren Herrn so wenig erkannt wie „die Welt“ ihn kennt (vgl. V 6). -

Doch auch wenn wir als Kinder Gottes in der Liebe leben und bewusst Lieblosigkeit und Gehässigkeit, Unrecht und Sünde meiden und dies auch spürbar und sichtbar wird, so ist unsere Gotteskindschaft doch nicht nur „der Welt“ verborgen, sondern auch uns selbst. Wir hören es zwar, dass wir Gottes Kinder sind, „sehen“ es aber noch nicht, denn“ es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (V 2)

Ihm gleich zu sein – das ist das Ziel unserer Gotteskindschaft; und geschieht dadurch, dass wir IHN sehen wie ER ist. Im endgültigen Sehen, im Schauen, im Erschauen nehmen wir IHN auf und werden hineinverwandelt in sein Bild; die Kinder Gottes werden endgültig dem Sohne Gottes gleich. Und wenn der Evangelist Johannes schon von dem fleischgewordenen Wort bezeugt: „…und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ – was muss dann das für ein „Sehen“ sein, durch das wir endgültig in IHN hineinverwandelt und ihm gleich sein werden!

Doch bis dahin gilt: Wir sind zwar „gezeugt“ als Kinder Gottes und wachsen im Verborgenen des “Leibes Christi“ als „Glieder“ heran – aber wir sind noch nicht endgültig „geboren“. Da ist mit uns etwas im Schwange – wie mit der ganzen Welt. Was wir bei Gott schon sind, ist auch vor uns selbst noch nicht zum Vorschein gekommen. Und wenn Johannes schreibt, dass „wir ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist“, so beginnt dieses „Sehen“ doch jetzt schon für ihn im Erkennen der Liebe Gottes im Sohn Gottes und lässt ihn schreiben: „Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und sind es auch.“ Und lässt Paul Gerhard singen: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen…“ (37,4) Und lässt Gerhard Tersteegen singen:  Sehet, was hat Gott gegeben, seinen Sohn zum ewgen Leben…“ (EG 39,3) Und: „Sehet doch da, Gott will so freundlich und nah zu den Verlornen sich kehren... Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget. Sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget. Gott wird ein Kind, hebet und träget die Sünd. Alles anbetet und schweiget.“ (EG 41,1.2)

Das Fest der Weihnacht hat es auch mit dem vorläufigen Sehen der Liebe Gottes zu tun, zu erkennen im Kommen des Sohnes Gottes, um uns zu Kinder Gottes zu machen. Das zu sehen, lässt staunen und still werden und anbeten; lässt uns Gott loben auf Erden – mit den Engeln im Himmel. Amen.

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Predigt am 3. Advent zu Röm. 15,4-13 (IV)

Paulus schreibt: "Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, daß ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. 

Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht: »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.«  Und wiederum heißt es: »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!«  Und wiederum: »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker!«  Und wiederum spricht Jesaja: »Es wird kommen der Sproß aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.« 

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, daß ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes."

Finden wir noch zusammen - oder triften wir auseinander? Haben wir noch Hoffnung – füreinander? -

Diese Frage stellt sich der christlichen Gemeinde in Rom angesichts eines schier unüberwindbaren Konflikts zwischen Christen mit jüdischer und Christen mit römischer Herkunft. Denn den „Judenchristen“ macht es überhaupt nichts aus, jenes Fleisch zu essen, das zuvor den römischen Göttern geweiht und geopfert wurde und anschließend auf dem Markt gut und günstig zu kaufen ist. Sie glauben nicht an die Macht der römischen Götter und sind deshalb die Starken im Glauben. Und als solche rühmen sie sich gegenüber den Schwachen im Glauben. Das sind jene römischen „Heidenchristen“, die mit den römischen Göttern groß geworden sind - was bei ihnen auch noch als Christen nachwirkt. Sie empfinden es deshalb als Anfechtung und Zumutung, wenn die Judenchristen vor ihren Augen in aller Freiheit Götzenopferfleisch essen.

Gewiss, von der Sache her betrachtet, haben die Starken im Glauben vollkommen Recht: Die römischen Götter sind ein Nichts, und darum braucht es einem auch nichts ausmachen, ihnen geopfertes Fleisch zu essen. Also ihr Schwachen, hättet ihr einen starken Glauben, dann wäre das für euch keine Anfechtung oder gar Zumutung. Ihr seid einfach noch keine richtigen Christen, habt einfach die Sache mit den römischen Götter noch nicht überwunden, denn sonst stündet ihr darüber... – Aber es geht eben nicht – zuerst – um eine Sache, sondern - um Menschen, die von ihrer Herkunft und damit auch Tradition oder Kultur zutiefst geprägt sind.

Nun würden wir heute vielleicht sagen: Seid einfach tolerant zueinander. Die einen können dochn ruhig solches Fleisch essen - und die andern müssen es ja nicht genauso tun. Es soll eben jeder so halten, wie er es für richtig hält. - Dieses liberale Toleranzverständnis geht vom Einzelnen aus – und bleibt auch meist beim Einzelnen stehen. Das Gemeinsame ergibt sich vielleicht oder soll gezielt erreicht werden – so vom Einzelnen her möglich.

Christliche Kirche geht nicht vom Einzelnen aus, sondern vom Ganzen – vom ganzen „Leib Christi“. Und die einzelnen „Glieder“ sind auf das Leben des ganzen „Leibes“ hingeordnet und tragen auf je ihre Weise zum Leben des Ganzen bei. Der Leib Christi ist als Ganzes seinen einzelnen Gliedern vorgeordnet – denn Christus ist die „Vorgabe“ Gottes. Und von dieser „Vorgabe“ Gottes geht Paulus aus. Und was aus dieser Vorgabe hervorgeht und also Christus entsprechend ist, das ist für Paulus entscheidend. So auch im Konflikt in der christlichen Gemeinde in Rom.

Deshalb die Bitte des Paulus an die Christen mit ihrem jeweils verschiedenen religiösen oder kulturellem Hintergrund : „Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ Beide ermahnt also Paulus, sich gegenseitig anzunehmen – wie Christus beide angenommen hat zum Lobe Gottes. Die aus jüdischem Hause wurden angenommen, weil Gott wahrhaftig und also sein Israel gegebenes Wort in Treue hält. Und die aus nicht-jüdischem Hause wurden angenommen, weil Gott barmherzig ist und nicht vom Heil ausschließt, denen es bisher nicht zuteilwurde. Wenn nun Gott beide durch Christus angenommen hat, dann sollen sie sich doch auch beide gegenseitig annehmen. Wie dürften Menschen scheiden, was Gott durch Christus zusammengefügt hat!?

Aber „warum“ sollen sich Christen in ihrer gewachsenen Verschiedenartigkeit annehmen? Was ist der Grund hierfür? Der Grund ist das Ziel: „Damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.“ Dann geht es also letztlich um das einmütige Lob Gottes – und das ist unter Christen nur möglich, wenn man sich untereinander annimmt, wie Christus uns angenommen hat – zu Gottes Lob. Ansonsten lobt jeder Gott so vor sich hin – wenn das überhaupt möglich ist…

Damit ist klar: Von Christus geht alles aus – und auf das Lob Gottes zielt alles ab. Fällt darum Christus als Ursprung und das Lob Gottes als Ziel weg, dann dreht sich alles im Kreise – um einen selbst. Man will sich selbst behaupten – und tritt auf der Stelle. Man will Recht haben - und dem andern das angeblich Richtige aufzuzwingen. Das aber führt eben nicht zum Loben Gottes aus einem Mund, sondern zur Klage übereinander aus vielen Mündern. Das aber entspricht nicht Christus, ist nicht IHM gemäß. Denn ER hat uns angenommen – zu Gottes Lob.

Gewiss beginnt unser Angenommensein zunächst einmal damit, dass ER unser Fleisch und Blut angenommen hat. Das ihm Fremde hat er sich zu eigen gemacht -und damit auch all unser Jammern und Klagen, um es dem Lob Gottes zuzuführen. Aber damit hat er uns bei sich Raum gegeben. ER hat uns bei sich zugelassen; hat uns bei sich aufgenommen – um unserem Leben eine Ausrichtung zu geben: Das Lob Gottes aus einem Munde – inmitten aller gewachsenen Verschiedenheit. In dieses eine Lob Gottes mündet alles menschliche Verschiedene ein – und wird dadurch überwunden. Dabei mag der Mund, die Sprache, die Art und Weise des Lobens höchst verschieden sein. Seine Einmütigkeit hat es nicht in der Gleichförmigkeit, sondern in der Herzlichkeit, die von Christus angerührt ist. Bleibt man hingegen an der äußeren Gleichförmigkeit hängen, dann kommt man über Äußerlichkeiten sehr leicht in Konflikt miteinander. Dann wird die äußere Andersartigkeit des Andern zur Anfechtung. Dann geht es nicht um die innere Annahme des Andern in seiner Andersartigkeit, sondern um seine geforderte äußere Anpassung. Und wenn diese nicht geleistet wird, um seine rigide Ablehnung. Und das gibt es auch – auch in der Kirche; wie der Konflikt in Rom zeigt..

Zwar versuchen wir, Gräben zu überwinden und appellieren deshalb vielleicht an den guten Willen. Doch meist bleibt es beim Appellieren oder Ermahnen oder Bitten und damit bei der Forderung, der andere möge doch endlich mal… Und so kommt man keinen Schritt voran, denn man geht keinen Schritt aufeinander zu.

Auch Paulus ermahnt und bittet, einander anzunehmen wie Christus uns angenommen. Doch seine Bitte an die Christen in Rom ist eingebettet in die Bitte an Gott: „Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander…“ Und: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben...“ Was Paulus von den Christen in Rom fordert, das ist eingebettet in die Bitte an Gott!. Und was Gott gibt und womit er sie erfüllt, das soll unter ihnen Gestalt annehmen. Was sie empfangen, das sollen sie einander weitergeben. Sie sollen füreinander werden, die sie für Gott schon sind. Eintracht untereinander ist Gabe Gottes und ist zugleich Aufgabe der Christen. Hoffnung füreinander ist Gabe Gottes und ist zugleich Aufgabe der Christen. Gottes Gabe ist unsere Aufgabe. Bliebe alles nur unsichtbare Gabe Gottes, dann käme davon nichts zum Vorscheinen. Wäre es nur sichtbares Werk des Menschen, dann würde alles im Eigenlob enden. Gottes Gabe ist eine Aufgabe an uns Menschen. Und wenn wir sie anpacken, dann soll dies Christus, der „Vorgabe“ Gottes entsprechen – und auf das gemeinsame Loben Gottes ausgerichtet sein.

So bleiben wir nicht bei uns selber stehen, sondern wachsen über uns hinaus. Während die Klage übereinander immer nur auf der Stelle treten lässt, bringt uns das Loben Gottes miteinander weiter – und lässt die Hoffnung füreinander wachsen und die Klage gegeneinander weichen. So verlieren geschichtlich gewachsenen Unterschiede ihr absolutes Gewicht, haben nicht mehr das erste und erst recht nicht das letzte Wort – und dürfen deshalb auch ihr vorübergehendes Recht haben. Die Erinnerung an die gemeinsame Basis und die Hoffnung auf das gemeinsame Ziel lässt Abstand entstehen – vor allem zu mir selber.

Weiterhin wird es Konflikte aufgrund von unterschiedlicher Tradition und Kultur  in der Kirche und unter Christen geben. So himmlisch sind wir noch nicht, dass wir nicht mehr so irdisch wären. Dies jedoch kann man von uns erwarten, dass wir anders mit Konflikten umgehen, weil wir Christus gemäß miteinander umgehen. So  zeigt sich, ob wir als Christen und als Kirche miteinander auf dem Weg zum Loben Gottes sind und füreinander Hoffnung und Zukunft haben und also adventliche Menschen sind - zum Vorbild und zur Hoffnung der übrigen Welt. Amen.

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Predigt am 2. Advent zu Jes 63,15-64,3 (IV)

"So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.  Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.  Warum läßt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, daß wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!  Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.  Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach daß du den Himmel zerrissest und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, daß dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müßten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten - und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen! - und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren."

Was sich da abspielt, ist ein hartes Ringen – mit Gott. Ein Ringen mit Gott, wie es nur Israel kennt und keine andere Religion. Denn mit dem Ringen mit Gott hat „Israel“ begonnen. Auf dem Rückweg zu seinem von ihm betrogenen Bruder Esau hat Jakob am Fluss Jabbok eine ganze Nacht lang mit Gott gerungen und ließ sich von ihm bei Anbruch der Morgenröte nicht einfach davonschicken, sondern sagte: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Daraufhin bekam Jakob den Namen „Israel“, und d.h. „Gottesstreiter“. Nicht, weil er für Gott gestritten hätte, sondern weil er mit Gott gestritten hat. Und dieses Ringen, das mit Jakob bzw. Israel begonnen hat, das sich fort bei den Betern Israels (vgl. Ps 13;79;80) und ist der ganzen nachfolgenden Geschichte Israels bis heute tief in die Seele geschrieben.

Dass mit Gott gerungen wird, das zeigt sich bnei Jesaja darin, dass ER ständig angesprochen wird: „So schau nun vom Himmel und sieh herab… Wo ist nun dein Eifer… Warum lässt du uns, Herr, abirren… Kehr zurück… Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab…

Wehmütig drängelt hier einer – und klopft damit an einen anscheinend verschlossenen Himmel an. In ihn hat sich Gott anscheinend zurückgezogen und lässt die Menschen nun abirren von seinen Wege und lässt ihr Herz verstocken, so dass sie ihn nicht mehr fürchten. Sie sind geworden wie solche, über die er niemals herrschte und sein Name nie genannt wurde (V. 17.19). Dem verborgenen Gott entsprechen sich selbst überlassene Menschen. Dem verschlossenen Himmel entsprechen in sich verschlossenen Menschen. Und dem wehmütigen Drängeln Gott gegenüber entspricht das helle Entsetzen und der Schmerz über die Abgestumpftheit und Gleichgültigkeit und Gottvergessenheit der Menschen.

Doch nicht die Menschen werden deshalb angeklagt, nicht an die Menschen wird hier appelliert, sich endlich zu öffnen – sondern vor Gott wird geklagt und mit Gott wird gerungen, dass er den verschlossenen Himmel öffnet und aus seiner Verborgenheit endlich hervortritt und sich mit seiner Macht durch etwas Gewaltiges endlich offenbart, „dass dein Name kund würde unter deinen Feinden, die dein Volk vertrieben und dein Heiligtum zertreten haben, und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.“

Doch woher kommt diese Beharrlichkeit, mit der hier einer an einen scheinbar völlig verschlossenen Himmel klopft und mit einem zutiefst verborgenen Gott ringt – wie einst Jakob am Fluss Jabbok; und immer noch sagt: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“?

Diese Beharrlichkeit gründet in dem tiefen Vertrauen, dass Gott auch in seiner Verborgenheit für Israel bleibt, der er ist: „Bist du doch unser Vater… unser Erlöser, das ist dein Name von alters her.“ Es ist einzig und allein diese Gewissheit, die solch ein Ringen mit Gott auslöst und in Gang hält. Denn nur wo solche Gewissheit und Glaube ist, kann auch Zweifel und Anfechtung sein und findet ein Ringen mit Gott statt!

Und woher diese Gewissheit? Sie kommt „von alters her“ – und das heißt: Aus all den Erfahrungen, die Israel mit seinem Gott in seiner Geschichte und damit auch mit seinen Gerichten gemacht hat. Es ist die Erinnerung an Erfahrungen, die Hoffnung in Gang setzen; die Hoffnung auf Gottes unverbrüchliche Treue. Woher soll sonst Hoffnung sich nähren?! Und auf was soll sie sonst abzielen?!

Erinnerung meint jedoch nie die Erinnerung an eine historische Vergangenheit (incl. Lk 22,19), sondern meint immer ihre Vergegenwärtigung: Dass heute solches wieder geschieht, was einst geschehen ist: Erlösung. Dass also gelöst wird, was gebunden ist; dass befreit wird, was gefangen ist; dass errettet wird, was verloren ist; dass zum Leben erweckt wird, was tot ist. Und das „Urdatum“ – das „Urgegebene“ hierfür ist der Auszug Israels aus dem Sklavenhaus Ägypten. Da hat Gott das Schreien seines Volkes erhört (5 Mose 26,7ff) Und die Erinnerung an solche Erhörung weckt die Hoffnung, dass solches wieder geschieht – heute: Dass Gott kommt und erlöst, befreit, errettet und die (wie) Toten auferweckt (vgl. Hes . 37).

Nichts weniger verbindet Israel mit der Hoffnung auf das Kommen Gottes, mit der Hoffnung auf seinem „Advent“. Darum dieses beharrliche Drängeln, dass es doch lieber heute als morgen geschieht. Die Zeit drängt, denn die Welt ist und gerät zunehmend aus den Fugen. Darum muss auch etwas so Außergewöhnliches geschehen, das man „von alters her“ eben dann doch nicht vernommen hat und alles Vorstellbare übersteigt. Im Neuen Testament hat dies sogar kosmische Dimensionen.

Darum lebt Israel, lebt das Volk Gottes immer und bis heute in der Zeit des Advent und erwartet das Kommen seiner Herrschaft, das Kommen seines Reiches – des Reiches Gottes. Und das Kommen seines Reiches wird immer mit dem Kommen Gottes zum Gericht verbunden – und also mit der Hoffnung, dass zwischen Recht und Unrecht endgültig entschieden wird. Der Ruf danach ertönt schon in den Psalmen von den durch ihre Feinde Bedrängten und Gedemütigten: Gott möge sich erheben gegen sie (vgl. 108); ER möge sich aufmachen, um vor ihnen zu erretten (vgl. Ps 17;44; 82); ER möge erscheinen und den Hoffärtigen und Prahlern vergelten. (Ps 94,1!)

Die Hoffnung darauf hat sich schließlich immer mehr verbunden mit der Erwartung des Gesalbten, des Messias, des Christus auf dem Thron Davids, der aus dem geöffneten Himmel herabsteigen und die Königsherrschaft Gottes auf Erden ausrichten wird (vgl. Jes 9,5f).

Nun bekennen wir Christen ja das Kommen des Christus – nennen uns deshalb auch nach IHM, denn wir glauben, dass Jesus von Nazareth der Christus, der Gesalbte, der Messias Gottes sei. Unser Name ist Bekenntnis. Und des Christus Ankunft, sein Advent „im Fleisch“ ist das Urdatum unseres Glaubens, an das wir uns am Christfest, am Fest der Geburt Christi, erinnern. Geschieht diese Erinnerung im biblischen Sinne, dann geht es nicht um die Erinnerung an ein vergangenes historisches Ereignis, sondern ist eine Erinnerung, die Hoffnung weckt – für heute. Und zwar keine andere Hoffnung als die, welche schon zuvor insbesondere durch die Propheten Israels immer wieder geweckt wurde: Die Hoffnung auf Erlösung, Errettung, Befreiung; die Hoffnung, dass die Toten auferweckt werden; und zwar auch die lebendig Toten – was immer noch mit dem Kommen Gottes zum Gericht verbunden ist und dem Wohltun Gottes an denen, die auf ihn harren.

Und dessen Kommen wir Christen hierzu erwarten, auf wen wir hierzu hoffen, ist kein anderer als der, der eben aus dem Himmel gekommen und auf Erden erschienen ist – dessen Herrlichkeit und Macht allerdings verhüllt, verborgen war „im Fleisch“: „In unser armes Fleisch und Blut verkleidet sich das ewig Gut…“ (M.L); d.h. mit unserem armen Fleisch und Blut bekleidet sich das ewig Gut. Doch trotz aller Verhüllung in einem Menschen aus Fleisch und Blut geschieht die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes ;allerdings wiederum verhüllt verborgen – an einem römischen Marterpfahl. Da erreicht der Himmel auf Erden seinen sichtbaren Tiefpunkt - und zugleich unsichtbaren Höhepunkt. An einem Kreuz außerhalb der heiligen Stadt endet, was schon in einem Stall beginnt, weil sonst kein Raum in der Herberge ist. Die Liebe Gottes verbirgt sich in der Hingabe eines Menschen und zeigt hier ihre Erhabenheit, indem Christus alle Erniedrigungen trägt und überwindet.– was dann am Ostermorgen für die Seinen völlig unerwartet zum Vorschein kommt: Der scheinbar Schwache ist der Starke, der scheinbar Unterworfene ist der Überwinder, das verwundete Lamm ist der Löwe von Juda. Als der Vorhang im Tempel am Karfreitag durchreißt und das Grab am Ostermorgen aufreißt, da reißt auch der Himmel auf und an dem EINEN wird schon hoffnungsvoll anders, was in seiner ganzen Tiefe und Breite noch seiner endgültigen Offenbarung harrt: die endgültigen Erlösung, Befreiung, Errettung durch den wiederkommenden auferstandenen und erhöhten Christus.

Hätten wir Christen diese Erwartung und Hoffnung nicht mehr, würden auch hierfür kein Zeichen mehr setzten und dafür nicht mehr zeichenhaft leben, dann wären wir auch nicht mehr christliche, nicht mehr adventliche Kirche – und es müsste uns nicht geben.

Haben wir hingegen diese Hoffnung, dann doch auch angesichts der Bedrängnis in der Welt immer noch diese drängelnde Wehmut, die immer noch mit Gott ringt und uns immer noch seufzen lässt: „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab…“ oder singen lässt: „O Heiland reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf…“ Amen.



Predigt am 1. Advent zu Offenbarung 5 (IV)

  Der seher Johannes schreibt: "Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln.  Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?  Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen.  Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.  Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. 

Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Gestalten und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden. Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Gestalten und um die Ältesten her, und ihre Zahl war vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und die vier Gestalten sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an."

Während im Himmel schon alles entschieden ist, scheint auf Erden noch alles offen. Denn was ist das für ein Machtkampf, der da täglich auf Erden mit schonungsloser oder geschönter Gewalt geführt wird – und wer wird daraus als Sieger hervorgehen? – das fragen sich auch die Christen im röm. Reich gegen Ende des 1. Jhdts. Unter der Herrschaft des röm. Kaisers Domitian sind sie zum ersten Mal systematischen Verfolgungen ausgesetzt, denn sie verweigern die Verehrung der staatlich verordneten Götter. Aus dem Staat als einer göttlichen Ordnungsmacht (Röm 13), wurde das „Tier aus dem Abgrund“ (Offbg 13). Ihr verweigerter Gehorsam führt viele Christen ins Leiden – und lässt sie fragen: Sitzt Gott noch im Weltregiment – oder regieren in der Welt nicht ganz andere Mächte und Kräfte? (Kap 12-14)

Als Antwort auf diese bedrängende Frage sieht der Seher Johannes, wie im Himmel schon feststeht, was auf Erden erst noch seinen Lauf nimmt. Und was Johannes da zu sehen bekommt, liegt hart an der Grenze des Darstellbaren – und ist zu symbolischen Bildern verdichtete Wirklichkeit.

Im „Weltgericht nach den Werken“ (20,12) enden schließlich die dramatischen Wehen der Endzeit und es folgt die Geburt eines „neuen Himmels und einer neuen Erde“ mit dem „neuen Jerusalem“ (21,18 ff) - von dem Johannes schreibt. „Und ich sah keinen Tempel darin; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm. Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.”

Dieses „Lamm“ erscheint zum ersten Mal, als in der rechten Hand dessen, der auf einem Thron sitzt (Kap 4), sich ein siebenfach versiegeltes Buch befindet und ein „starker Engel mit großer Stimme“ fragt: „Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?“ Und „würdig“ meint in der Bibel: Wer hat das nötige Gegengewicht und hält dem allem Stand, was dann kommt? Wer – fragt ein starker Engel mit großer Stimme – und fragt damit:. Wer hat diese Stärke und Größe, das Buch aufzutun und (also) seine Siegel zu brechen – und in Gang zu setzen, was bis jetzt noch aufgehalten ist (vgl. 2 Thess 2,7). Wer…?

Niemand – „weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde“. Und damit scheint für Johannes der Lauf der Geschichte verschlossen und der Ausgang der Geschichte völlig offen zu bleiben – und die unter Anfechtung und Anfeindung leiden, bleiben ungetröstet. Denn wenn es kein bestimmtes Ziel gibt, auf das hin alles geordnet ist, dann hat die ganze Welt- und jede Lebensgeschichte keinen Sinn. Denn nur vom Ziel des Ganzen her ergibt sich auch der Sinn des Einzelnen – und lassen sich Leiderfahrungen aushalten und ertragen. Da sich aber nirgendwo irgendjemand findet, der die Stärke und Größe hat und also „würdig“ ist, das versiegelte Buch zu öffnen, kommen dem Seher Johannes die Tränen. –

Doch dann kommt jemand (von den „Ältesten“) zu ihm und tröstet ihn mit den Worten: „Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.“

Gott sei Dank! Der Löwe aus dem Stamm Juda ist offensichtlich aus irgendeinem Kampf schon als Sieger hervorgegangen, hat deshalb die Kraft und Größe, ist also „würdig“ – und wird jetzt wohl gleich in Erscheinung treten, um das Buch mit seinen 7 Siegeln zu öffnen, um damit den Lauf der Weltgeschichte zu ihrer Vollendung in Gang zu setzen.

Doch plötzlich steht da „inmitten des Thrones und der vier lebendigen Wesen und inmitten der Ältesten” ein Lamm – und zwar: wie geschlachtet, getötet (V. 6). Hat sich das irgendwie - hierher verirrt? Doch gerade dieses Lamm sei „würdig“, weil es geschlachtet, getötet ist (V. 9)! Und dass es ein besonderes Lamm ist, zeigt sich daran, dass es 7 Hörner und 7 Augen hat. „Das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande“, heißt es - was immer das heißt. Dieses Lamm geht auch später aus dem Kampf gegen das „Tier aus dem Abgrund“ und gegen seine Könige als Überwinder, als Sieger  hervor und ist deshalb „Herr aller Herren und König aller Könige.“ (17,14).

Das Lamm ist also der Löwe, der überwunden hat – und der Löwe ist das Lamm, das geschlachtet ist. Doch wie soll man das zusammenbringen?!

Was da alles auf die Vollendung der Zeiten hin geschieht, das gründet in einem einzigen Geschehen mitten in der Zeit, wo das Lamm, das geschlachtet ist, und der Löwe, der überwunden hat, ineinander liegen. Und das ist Jesu Tod und Auferstehung. Denn der als ein schwaches Lamm am Kreuz geschlachtet, ist als ein starker Löwe von den Toten auferstanden. Der starke Löwe ist das schwache Lamm – und das schwache Lamm ist der starke Löwe. Und dieses Lamm kommt und empfängt das Buch aus der Hand dessen, der auf dem Thron sitzt. Denn - dessen Leidensgeschichte gibt der ganzen Weltgeschichte Sinn und Ziel – bis hin zur Auferstehung der Toten am Ende der Zeiten.

Dann hat also die ganze Weltgeschichte ihr Zentrum im Leiden, Sterben und Auferstehen Christi; akkumuliert und konzentriert, häuft und verdichtet sich hier – und lässt sich in ihrer Tiefe auch nur von hier aus verstehen. Und wie im Leiden Christi das Leid aller Kreatur aufgenommen und verdichtet ist, so ist auch in der Auferstehung Christi das Leid aller Kreatur schon siegreich überwunden. -

Als dann das Lamm das Buch nimmt, mag es evangelischen Christen etwas seltsam erscheinen, wenn die vier Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten vor dem Lamm nicht nur niederfallen, sondern auch noch räuchern und dies neue Lied anstimmen: „Du bist würdig zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel, denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft ...“ Und in diesen Lobgesang auch noch sogleich eine unendliche Zahl von Engeln einstimmt und dieses neue Lied aufnimmt: „Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.“ Und schließlich die ganze sichtbare und unsichtbare Kreatur einfällt in den Lobgesang und singt: „Dem, der auf dem Thron sitzt und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ – Was für ein gewaltiges und überschwängliches Gotteslob in diesem himmlischen Gottesdienst. Doch – werden evangelische Christen wieder fragen – wo bleibt denn in diesem Gottesdienst die Predigt?

Im himmlischen Gottesdienst geht alle Verkündigung ein in den Lobpreis und in die Anbetung Gottes. Und alle stimmen ein mit ihrer Stimme – und richten die noch unvollendete Zeit aus auf die Vollendung der Zeiten. Die Liturgie im Himmel hallt auf Erden wider – und in der irdischen Liturgie spiegelt sich der himmlische Gottesdienst. Dazu gehört, dass auch wir bei der Feier des Hlg. Abendmahls einstimmen in den Lobgesang der Engel, wenn wir singen und bekennen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr, Zebaoth...“ (Jes 6,3; vgl. 4,8)Und diesem dreifachen “Heilig…” entspricht das dreifache gesungene „Amen…“ zum Abschluss eines jeden Gottesdienstes.

Das gesprochene Wort ist irdisch, das gesungene Wort ist himmlisch. Das gesprochene Wort informiert, das gesungene Wort proklamiert. Das Ziel alles Lehrens ist darum das Loben und das Ziel alles Predigens ist darum das Preisen Gottes. Jeder Gottesdienst ist trotz all seiner menschlichen Dürftigkeit ein irdischer Abglanz der himmlischen Zukunft – und hat darin seine „Würde“. Das sollten wir nie vergessen, wenn wir Gottesdienst feiern. Eine auf Erden singende Gemeinde ist darum eine Gemeinde auf dem Weg in den Himmel. Singend gingen die Christen in der römischen Arena den gefräßigen Löwen entgegen. Denn sie wussten: der Löwe aus dem Stamm Juda hat die römischen Löwen schon überwunden – und damit auch alles, was nach dem Brechen der 7 Siegel und dem Eröffnen des Buches dann in Gang gesetzt wird – und den Seher Johannes zutiefst erschrecken und auch getrost hoffen lässt. Denn er schaut die Vollendung: Gott wird den Sieg behalten im Widerstreit aller Mächte und Kräfte - und wird schließlich abwischen alle Tränen…. (Kap. 21).

Doch weil auf dem Weg dahin die Bedrängnis zunimmt, wird auch jene Bitte immer drängender, mit der die ganze Offenbarung des Johannes schließt (22,20): "Amen, Ja, komm, Herr Jesus".