das ist aber wirklich die letzte...


Predigt am 14. Sonntag n. Tr. zu Mk. 1,40-45 (III)

Und es kam zu Jesus ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, daß du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekanntzumachen, so daß Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.

Markus hat es eilig – denn die Welt liegt im Argen. Deshalb beginnt er sein Evangelium nicht mit der Geburt Jesu in Bethlehem, sondern mit dessen Taufe durch Johannes im Wasser des Jordan. Anschließend erwähnt er nur kurz Jesu Versuchung in der Wüste und schon folgt dessen Auftritt in der Öffentlichkeit mit den Worten: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das/dieses Evangelium.“ (1,14) Nach der Berufung seiner ersten Jünger geht er in Kapernaum sofort ans Werk: In Vollmacht lehrt ER und heilt Menschen an Leib, Seele und Geist, so dass sich die Leute entsetzen. Weil er jedoch immer mehr Zulauf bekommt, muss er sich gewaltsam den Menschen entziehen – zum Beten an einem einsamen Ort. Doch die Leute suchen und finden ihn, oder seine Jünger suchen ihn auf und rufen ihn wieder zurück – ans Werk. (vgl. V 45)

Dass sich ihm auch ein Aussätziger naht, ist eigentlich eine unmögliche Möglichkeit. Denn Aussätzige haben sich von andern Menschen tunlichst fernzuhalten - und andere Menschen sich von ihnen. „Unrein, unrein!“, muss ein Aussätziger laut rufen, sobald sich ihm jemand naht. So steht es jedenfalls in dem Gesetz des Mose (3. Mose 13,45f). Was fällt darum nur solch einem „Unreinen“ ein, die gesetzliche Sicherheitszone zu durchbrechen und ganz gezielt auf Jesus zuzugehen und sich direkt vor ihm auf die Knie zu werfen und völlig unvermitteltzu sagen: „Willst du, so kannst du mich reinigen.“ -

Aber wieso „reinigen“? Will er einfach nur mal wieder „reine Haut“ haben, damit er sich wieder unter den Leuten sehen lassen kann? - Ja, ganz bestimmt auch. Denn Menschen mit Hautausschlägen vielleicht auch noch im Gesicht sind recht „unansehnlich“. Und wenn hier mit Aussatz Lepra gemeint ist, dann kommt noch die Angst vor Ansteckung hinzu. Denn Lepra ist hochinfektiös.

Dann hat also „unrein“ nicht nur etwas mit der Haut zu tun, sondern auch mit dem Verhältnis zu anderen Menschen: Die gehen verständlicherweise auf Abstand – denn Nähe ist bedrohlich. Welch ein Entsetzen muss deshalb die anwesenden Jünger befallen, als Jesus ohne irgendwelche Berührungsängste die Hand ausstreckt und diesen Aussätzigen, diesen „Unreinen“ anrührt – und damit alle gesetzlichen Sicherheitsvorschriften ignoriert.

Aber auch sonst scheint Jesus keinerlei Berührungsängste zu haben. Einem Taubstummen legt er die Finger in die Ohren und berührt seine Zunge mit Speichel. Dem Blinden von Betsaida streicht er Speichel auf die Augen und legt seine Hände auf ihn. Einen epileptischen Knaben ergreift er bei der Hand; ebenso die Hand der fiebernden Schwiegermutter des Petrus. Sogar die tote Tochter des Jairus und den Sarg des Jünglings zu Nain berührt er, was einem Juden in derRegel verboten ist! Und im Garten Gethsemane rührt er das abgeschlagene Ohr des Knechtes des Hohenpriesters an und heilt es. Und jetzt „streckt er die Hand aus und rührt einen Aussätzigen an und spricht zu ihm: Ich will's tun; sei rein!“ - und „verunreinigt“sich dadurch nicht selber?- Jedenfalls spricht Jesus das heilende Machtwort Gottes – und hat offensichtlich keinerlei Angst, mit einem Aussätzigen in Kontakt zu kommen.

Sollte das damit zu tun haben, wie ER in einem Streitgespräch mit den Pharisäern und Schriftgelehrten über die rituelle Reinheit beim Essen sagt: "Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund eines Menschen herauskommt, das macht ihn unrein"? (Mt 15,18f) - Also geht es bei „rein“ oder „unrein“ für Jesus nicht zuerst um die Haut, sondern um das Herz. Denn „mit was das Herz voll ist, davon geht der Mund über“ – und macht offenbar, ob jemand „nicht ganz sauber“ ist, weil aus seinem Mund dreckige Worte zu hören sind und er sich mit einem dreckigen Lachen als Dreckschleuder oder gar als Dreckspatz oder Drecksau alle Ehre macht – was sozial hoch infektiös ist. Deshalb gilt es, solche Menschen zu meiden!

Auch wenn uns reine Haut viel wichtiger erscheint als ein reines Herz unduns die Gefahr der „Verunreinigung“ des Herzens kaum bewusst ist – sie bedarf genauso der Heilung wie die Unreinheit der Haut (vgl. EG 389). Denn beide, Haut und Herz, haben etwas mit der Gemeinschaft unter Menschen zu tun. Wenn Jesus darum einen Menschen mit unreiner Haut oder unreinem Geist heilt, dann wird dieser Mensch nicht nur als Einzelwesen (Individuum), sondern auch als Gemeinwesen (Politikum) geheilt. Denn über Haut und Herz kommen wir miteinander „in Kontakt“.

Doch die Reinigung bzw. Heilung des Aussätzigen hat noch eine andere Dimension, welche uns allerdings noch weniger bewusst ist: Gemäß dem jüdischen Gesetzt gebietet Jesus dem Geheilten: „Zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.“ Dadurch gibt Jesus den religiösen Führern zu erkennen, dass er das jüdische Gesetzt achtet und das Amt des Priesters respektiert, undweist mit dem gebotenen Dankopfer den Geheilten auf die geistliche Dimension seiner Heilung hin. Denn dass der Leib wieder „funktioniert“ und ein „Ausgestoßener“ wieder sozial „integriert“ ist, ist nicht alles. „Heilung“ hat nach biblischem Verständnis in der Tiefe mit dem Heil Gottes zu tun; ansonsten bleibt die Heilung oberflächlich – und im Falle des Aussätzigen auf „reineHaut“ beschränkt.

Darum sind alle Heilungen Jesu Zeichen, Hinweise auf das Kommen des Reiches (vgl. Lk 11,20). Deshalb heilt er weder flächendeckend noch nur oberflächlich. Will deshalb auch nicht, dass sich jemand an ihn klammert, um an seiner Seite immer und überall fit und gesund zu sein – und droht dem Geheilten schließlich, treibt ihn davon und verbietet ihm, seine Heilung an die große Glocke zu hängen. Jesus will nicht als einer der vielen „Heiler“ unter den Menschen bekannt werden und anerkannt sein. Denn schließlich wird er selber zu Zeichen von Gottes Heil – allerdings an einem heillosen Kreuz. Infiziert von „Aussatz“ und „Unreinheit“ dieser Welt wird er selber wie ein Aussätziger und Unreiner hinausgestoßen vor die Tore der heiligen Stadt. Als einen solchen hat ihn dann auch Mathias Grünewald auf dem Isenheimer Altar dargestellt. Allein schon diesen Gekreuzigten anzuschauen erweckt Ekel - und schreckt ab vor jeglicher Berührung. Dabei ist dieser Heillose doch nur das Spiegelbild unserer heillosen Welt – und zugleich das Abbild von Gottes Heil für diese Welt. Denn wie es von jenem „Gottesknecht“ heißt: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen...“ (Jes 53,4) - so geschieht hier Heilung durch stellvertretende Übernahme des Unheils und der Heillosigkeit anderer - wovor sich allerdings jeder Arzt und Therapeut hüten muss: Not und Leid des andern zur eigenen Not und zum eigenen Leiden zu machen. Doch bei Jesus geschieht dies, damit er alles Unheil der Menschen mit in den Tod nimmt und es mit ihm sterbe – und der geheilte Mensch mit ihm als dem Erstgeborenen von den Toten aus dem Grab der Welt hervorgeht. Der Auferstandene ist das Zeichen für die verborgene Heilung dieser Welt, die noch offenbar werden muss: Der - biblisch verstandene - Tod als der Zerfall in die Beziehungslosigkeit ist überwunden. Es kommt wieder zusammen, was zusammengehört – und dazu gehört auch das entzweite und entstellte Verhältnis des Menschen zu Gott.

Bleibt allerdings nur noch die Frage: Warum heilt Gott diese Welt – und überlässt sie nicht einfach ihrem schicksalhaften Unheil? Warum überschreitet Jesus die Grenze der „Unberührbarkeit“, um mit dem Leid der Menschen „in Kontakt zu kommen“ und es ganz bewusst und folgenschwer auf sich zu nehmen? Was ist hierfür der Grund?

Und es jammert ihn, und er streckt die Hand aus, rührt ihn an…“, heißt es. Jesus wird vom Jammer gepackt – wie öfters angesichts der Menschen; und wie im Gleichnis jener Samariter über den unter die Räuber Gefallenen; und wie der Vater, als er seinen verlorenen Sohn von ferne kommen sieht und ihm entgegeneilt. Dieser Jammer äußert sich in Erbarmen – und ist der tiefste Grund der „Grenzüberschreitung“ Gottes hin zu den Menschen, hin zu seiner Menschwerdung: Er kann das Elend des Menschen nicht mehr länger anschauen, sondern macht es zur „Chefsache“. „Da jammert Gott in Ewigkeit mein Elend übermaßen; er dacht an sein Barmherzigkeit…“, singt M. Luther. Und was sich in der Begegnung Jesu mit dem Aussätzigen zeigt – dass ihn jammert und er sich seiner erbarmt -, das verdichtet sich in der Jammergestalt des Gekreuzigten: Ausdruck all unseres Jammers und zugleich des Jammers Gottes über uns. Ausdruck der Erbarmungslosigkeit dieser Welt und zugleich von Gottes Erbarmen mit dieser Welt.

Wenn es darum in dem höchst vielfältigen Zeugnis der Bibel einen „roten Faden“ gibt, dann ist es dieser Jammer, der sich äußert in einem herzlichen Erbarmen. Und wenn es in dieser erbarmungslosen Welt Kirche gibt, dann besteht sie aus jenen, die ER berufen und gesetzt hat zum Zeichen und Zeugnis seines Erbarmens. Amen.


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Predigt am 13. Sonntag n. Tr. zu Mk 3,20f+31-35 (III)

Und Jesus ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, so daß sie nicht einmal essen konnten.  Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen. 

(Die Schriftgelehrten aber, die von Jerusalem herabgekommen waren, sprachen: Er hat den Beelzebul, und: Er treibt die bösen Geister aus durch ihren Obersten.  Jesus aber rief sie zusammen und sprach zu ihnen in Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben?  Wenn ein Reich mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen.  Und wenn ein Haus mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen.  Erhebt sich nun der Satan gegen sich selbst und ist mit sich selbst uneins, so kann er nicht bestehen, sondern es ist aus mit ihm.  Niemand kann aber in das Haus eines Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, wenn er nicht zuvor den Starken fesselt; erst dann kann er sein Haus berauben.  Wahrlich, ich sage euch: Alle Sünden werden den Menschenkindern vergeben, auch die Lästerungen, wieviel sie auch lästern mögen;  wer aber den heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig.  Denn sie sagten: Er hat einen unreinen Geist.) 

Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen.  Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.  Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder?  Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!  Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Dass er einen bösen Geist habe (Joh 8,48) und IHN deshalb mal jemand aus dem Kreise seiner Gegner für verrückt erklärt, das liegt nahe. Dass solches aber gerade seine engsten Verwandten tun, das verstehe ich nicht. Sehen sie vielleicht ihren eigenen Ruf in Gefahr? Denn was er sagt und tut, das fällt ja auch auf seine ganze Sippe und Familie zurück („Sippenhaft“). Gewiss macht er sonst einen recht normalen Eindruck – außer dass er sich den Menschen irgendwie bedingungslos zuwendet... Hat das vielleicht den Neid seiner Angehörigen geweckt? Denn für die soll er doch zuerst oder gar ausschließlich da sein; insbesondere für seine (verwitwete?) Mutter und für seine Brüder.

Doch Blutsverwandtschaft spielt bei Jesus offensichtlich nicht die entscheidende Rolle – darum werfen ihm auch seine Gegner vor, er sei wohl ein Samariter (Joh 8,48), also ein Bastard, er sei und verhalte sich „unjüdisch“ und beschmutze das jüdische Nest. So wendet er sich auch den verhassten römischen Besatzern freundlich zu – wie dem Hauptmann von Kapernaum und ist sogar bereit, dessen „unreines“ Haus zu betreten (Mt 8,5ff) – was aber seltsamerweise dieser abwehrt! Und so wenden sich auch andere Menschen an ihn – vor allem, um von ihm geheilt zu werden an Leib, Seele und Geist. Hat das vielleicht den Neid seiner Gegner erweckt: die Menschen kommen zu IHM und nicht zu ihnen?

Aber die Menschen kommen auch zu IHM, um ihn zu hören. Und was sie zu hören bekommen, ist die „frohe Botschaft“, das „Evangelium“ vom Kommen des Reiches Gottes – das mit einer veränderten Lebensausrichtung einhergeht („Buße“/“Umkehr“). Zum Zeichen des kommenden Reiches Gottes gehört, dass er schuldig gewordenen Menschen die Vergebung zuspricht (Mk 2,7) und auch am Sabbat Kranke heilt (Lk 13,14).

Und das alles in einer eigenartigen Vollmacht und Souveränität – so dass sich die Menschen darüber entsetzen. Er lebt anscheinend in einem unmittelbaren Gottesverhältnis und ist zugleich ganz den Menschen zugewandt. Und vielleicht kann er den Menschen nur deshalb so bedingungslos zugewandt sein, weil er in solch einem unmittelbaren Gottesverhältnis lebt. Und das macht ihn anders als die anderen. Und die Menschen spüren das. Deshalb suchen die einen seine Nähe – und gehen die anderen auf Distanz zu ihm; und seien es seine eigenen Angehörigen.

Ja, man muss wohl sagen: Jesus spaltet die Menschen; er entzweit sie (vgl.. Vielleicht hat er deshalb gesagt, dass er „nicht gekommen sei Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Mt 10,34ff). An Jesus scheiden sich die Geister, denn er stellt die Menschen in die Entscheidung – und zwar vor allem mit seiner Botschaft: diese anzunehmen oder sie zu verwerfen – und damit ihn selber anzunehmen oder zu verwerfen. Jedenfalls gibt es viele, die ihn hören wollen, ihm zuhören wollen - denn sie hören aus seinen Worten das Wort Gottes; genauso wie sie bei ihm die heilende Kraft Gottes spüren wollen, die von ihm ausgeht (vgl. Mk 5,27ff). Kein Wunder, dass jene vier Freunde um ihres gelähmten Freundes willen das Dach eines überfüllten Hauses abdecken, weil dieser nur auf diese Weise vor Jesu Füßen landet, der drinnen im Hause den Menschen das Wort“ sagt (Mk 2,2ff) Natürlich sind stets auch die Vertreter der „Religionssicherheit“ zugegen und schreiben bemüht und eifrig mit, was sie da so zu hören bekommen - um ihrer obersten Behörde in Jerusalem Bericht über ihn zu erstatten: Was sie da so hören und sehen, das wird sorgfältig protokolliert und in seiner schon ziemlich dicken Personalakte archiviert. Und irgendwann wird es ihm serviert...

Doch selbst seine erklärten Feinde müssen zugeben, dass ER nicht taktiert und schon gar nicht irgendjemanden hofiert (Lk 20,21). Jesus ist geradlinig, unverstellt – und dabei so wohltuend anders, dass es eben für manche schon wieder zu wohltuend ist. Und das werfen sie ihm auch vor: Er müsse viel strenger sein - auch zu denen, für deren verkorkstes Leben seine Güte die letzte Hoffnung ist. Doch gerade diese finden zu IHM. Denn sie brauchen IHM nicht vorspielen, wie toll sie sind und was sie alles können... Bei ihm müssen sie sich selber nichts vormachen.

Dass ER anders ist als die andern, das erkennen eben auch seine Angehörigen. Schon sein Verbleib im Tempel zu Jerusalem mit 12 Jahren war nicht die eigensinnige Episode eines pubertierenden Jugendlichen. Schon damals „entsetzten sie sich“ (Mt 13,54). Doch seit seiner Taufe durch Johannes im Alter von ca. 30 Jahren und seinem anschließenden öffentlichen Auftreten scheint er für seine Angehörigen etwas seltsam (vgl. Joh 7,5). Dabei redet er weder sinnloses Zeug noch benimmt er sich sinnlos daneben. Stattdessen lädt ER ein zur Freude, dass Gott durch ihn das Verlorene heimsucht. Das sei seine „Mission“ (Lk 19,10). Ist ER deshalb „von Sinnen“ – wie seine Angehörigen meinen? - oder hat „einen Dämon“ und „treibt die bösen Geister aus durch ihren Obersten“ – wie seine Gegner behaupten? (Der Evangelist Markus hat dieses Urteil der Gegner Jesu wohl ganz bewusst in diese (!) Geschichte eingefügt – und damit dem Urteil seiner Angehörigen beigeordnet! Mk 3,22-30) Jedenfalls machen sich seine Angehörigen auf den Weg, um einen, der scheinbar verrückt ist, „festzuhalten“, also zu ergreifen und mit nach Hause zu nehmen - und unter Hausarrest zu stellen? - Vormals als 12jähriger „ging er mit seinen Eltern hinab nach Nazareth und ward ihnen untertan.“ Jetzt auch?

Gewiss gibt es Menschen, die tatsächlich „religiös daneben“ sind. Solche Menschen haben sich in etwas hineinverbohrt. In ihnen ist es eng und fanatisch, hart und kalt. Sie kennen weder Gnade noch Erbarmen. Doch dergleichen lässt sich bei Jesus gerade nicht feststellen. ER ist kein engstirniger Fanatiker. Sein Herz ist weit und warm. ER lebt die Güte Gottes und erbarmt sich deshalb der Menschen, die auf solche Güte angewiesen sind. Die Evangelien bezeugen deshalb kein religiöses Wahngebilde eines exaltierten Egozentrikers. Im Gegenteil: Die Evangelien bezeugen einen Menschen, der in seinem Reden und Handeln völlig souverän und klar, nüchtern und höchst bodenständig ist - und schließlich selber einlöst, was er von anderen fordert: Die Hingabe des Lebens aus Liebe.

Ahnen das seine Angehörigen und versuchen ihn zu bremsen? Wollen sie ihm sagen: Er müsse doch endlich mal auch an sich selber denken... Jedenfalls stehen sie eines Tages vor einem wieder mal überfüllten Haus, kommen nicht rein oder gehen nicht rein, schicken stattdessen jemanden hinein und lassen Jesus ausrichten: „Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.“ Wollen sie also wissen, ob bei ihm alles in Ordnung ist, weil sie sich wieder mal große Sorgen um ihn machen? Denn das alles erschöpfe ihn doch zu sehr und er müsse doch auch mal an seine Gesundheit denken...

Was Jesus da zu hören bekommt, das ist die höfliche und diplomatische Spielart ihres Verdachts, er sei wahnsinnig. Doch während Jesus bei seinen Gegnern solch diplomatische Höflichkeit „Heuchelei“ nennt, lässt ihn jetzt in die Menge fragen: „Wer ist meine Mutter, wer sind meine Geschwister?“ Und während alle ob dieser völlig unvermittelten Frage ziemlich irritiert oder betreten sind, schaut ER die Menschen an – und gibt nach einer Weile betretenen Schweigens selber die Antwort: „Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Geschwister! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Was für eine Antwort! Die Antwort eines Wahnsinnigen? - weil auch jetzt die leibliche Blutsverwandtschaft keine entscheidende Rolle spielt? Schon auf der Hochzeit zu Kana weist er den dränglerischen Hinweis seiner Mutter auf mangelnden Wein zurück mit den Worten: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen. (Joh 2,4/Luther 1912) Ein andermal sagt eine Frau: „Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du gesogen hast.“ Und er antwortet: „Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.“

Dann sind also nicht Fleisch und Blut für Jesus verbindlich – weshalb „Mutter“ und „Geschwister“ bei ihm einen ganz anderen und neuen Inhalt haben: Der ist mit mir verbunden, verwandt, „der ist mir Mutter und Schwester und Bruder, der den Willen Gottes tut.“ Damit widerspricht er dem normalen orientalischen Denken, bei dem Familie und Sippe bis heute an erster Stelle stehen. Aber warum ist das so bei ihm? So anders?

Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk“ (Joh 4,34), sagt er einmal. Und zur Hingabe an den Willen Gottes gehört die Hingabe seines Lebens andern zugute. Dieser gelebte Wille Gottes ist es wohl, der ihn so „verrückt“ erscheinen lässt - auch oder gerade für uns! Zumal wir es doch für „normal“ betrachten, dass alles sich um den Aufbau und die Erhaltung unseres eigenen Selbst dreht. Wir sind zuerst uns selbst verpflichtet: Aber genau dadurch auch immer in Angst und Sorge um uns selbst – was uns zermürbt und krank macht.

Dabei haben wir doch einen Vater im Himmel, der für uns sorgt. Im Vertrauen auf seinen Vater im Himmel hat Jesus gelebt – und konnte deshalb selbstlos lieben – und scheint deshalb nicht ganz normal! - Scheint…! Denn nicht ER, sondern wir bedürfen doch der Heilung. Nicht ER ist ver-rückt, sondern ER rückt wieder zurecht, bringt wieder ins Lot. Doch nicht um einen Verrückten und Kranken zu sehen und zu hören kommen die Menschen zu ihm, sondern um durch seine Hingabe endlich von ihren Verrücktheiten und Krankheiten an Leib, Seele und Geist geheilt zu werden!

Wenn das aber stimmt – und es kann nicht anders sein! -, dann ist Jesus der einzig Normale – in dieser ver-rückten Welt!! Amen.


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Predigt am 12. Sonntag n. Tr. zu Jes 29,17-24 (III)

"Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.  Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;  und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.  Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,  welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.  Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände - seine Kinder - in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.  Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen."

Die Welt ist voller Götter und deren Propheten. Diese prophezeien, was jene versprechen - und wir uns alle wünschen: Glück, Gesundheit und ein langes Leben - sopfern man ihrer Botschaft glaubt und sich ihnen anvertraut. Die Botschaft dieser „Propheten“ reicht von der vielversprechenden Werbung bis hin zu den Wahlversprechen der politischen Parteien. Doch manches Versprechen entpuppt sich dann doch als ein Versprecher... - Und dennoch lassen wir uns immer wieder auf etwas ein, was uns da so versprochen wird und wovon wir uns etwas versprechen, weil es uns hoffentlich „etwas bringt“: Irgendeinen Zugewinn. - „Segen“?

Uns daran zu orientieren scheint eine „Grundkonstante“, ein „Existential“ unseres Lebens zu sein. So lassen sich schon im Paradies Adam und Eva von einer listigen Schlange umgarnen, die ihnen verspricht, verheißt, prophezeit: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben – wie Gott euch gesagt hat -, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und (werdet) wissen, was gut und böse ist.“ (1 Mose 3,4f) Und Adam und Eva glauben der Schlange und glauben ihr immer wieder, gehen ihr auf den Leim – und gehen letztlich leer aus. Statt etwas zu gewinnen, verlieren sie - das Paradies.

Die „Erlösung“ von solch leeren Versprechungen beginnt mit Abraham. Von Gott herausgerufen aus der bisherigen Welt der Götter und ihrer Propheten „bindet“ er sich allein an diesen einen Gott, der ihm in Treue seinen Segen, Land und Leute verheißt. „Und Abraham glaubte dem HErrn...“ (1 Mose 15,6) Und damit beginnt das „wanderte Gottesvolk“ der „Hebräer“ (vgl. 1 Mose 14,13). Doch im verheißenen Land Kanaan erwirbt Abraham lediglich eine Grabstätte für seine Frau Sarah und für sich – und darin wird auch die Verheißung Gottes begraben?

Über seinen Sohn Isaak und dessen Sohn Jakob gelangt das „wandernde Gottesvolk“ schließlich nach Ägypten und endet dort in der Knechtschaft – und damit endet auch die Verheißung Gottes? - Doch Gott gedenkt seines “Bundesmit Abraham, Isaak und Jakob und führt durch Mose die Hebräer aus dem ägyptischen Sklavenhaus heraus – in die Wüste Sinai hinein, wo er mit dem ganzen Volk einen Bund schließt und seine Treue verspricht: „Ich bin (und bleibe) der HErr, dein Gott...“ (2 Mose 20,2) - was allerdings während einer dramatischer „Wanderschaft“ durch die Untreue des Volkes immer wieder zu scheitern droht. Erst nach 40 Jahren wird das „wandernde Gottesvolk“ in dem Abraham verheißenen Land Kanaan langsam sesshaft.

Doch bald verspricht man sich den eigenen Fortbestand in der Sesshaftigkeit durch ein dauerhaftes Königtum - wie es alle anderen Völker auch haben (1 Sam 8,5). Und da mit der Sesshaftigkeit die Verheißung Gottes erfüllt scheint scheint damit auch die Zeit des mitwandernden Gottes vorbei zu sein und es beginnt die Zeit mit den hier sesshaften Göttern und Göttinnen Kanaans, welche für das gute Wetter und die Fruchtbarkeit des Landes sorgen („Baal“) - und damit Glück, Gesundheit und ein langes Leben garantieren...

Weil man nicht mehr anders sein will als alle andern und also die Last der „Auserwähltheit“ und also „Absonderung“ und also „Heiligkeit“ nicht mehr ertragen und erleiden möchte (3 Mose 19,2/1 Petr 1,16!), darum immer wieder die Versuchung der politischen und religiösen Anpassung/“Assimilation“ - und immer wieder der Einspruch Gottes aus dem Mund seiner berufenen Propheten vor Königen und Priestern: Einspruch gegen die selbstherrliche Ausbeutung des Landes - zumal es doch Eigentum Gottes und also „Heiliges Land“ ist (3 Mose25,23). Einspruch gegen den selbstherrlichen Machtanspruch königlicher Tyrannen - zumal die Königsherrschaft Gottes über Israel immer noch gültig ist (Ps146,10). Einspruch gegen die selbstherrlichen Spötter, die den verspotten, der immer noch am „alten“ Gott Israels, an JHWH festhält (Ps 42). Und Einspruch gegen die selbstherrliche Zurechtlegung des Rechts gegenüber dem Schwachen und Unschuldigen - zumal es doch das Israel verliehene Gottesrecht ist (1 Mose 26,5).

Da Tyrannen, Spötter und Rechtsbeuger jedoch unverbesserlich sind, können sie nur ausgerottet werden. Hingegen werden den Tauben wieder die Ohren und den Blinden wieder die Augen für das Wort Gottes geöffnet. Und die irren, werden wieder Verstand annehmen und die murren, lassen sich wieder etwas sagen und die Elenden haben wieder Freude am Herrn und die Ärmsten werden wieder fröhlich sein in dem Heiligen Israels – wie Jesaja verkündet.

Doch diese Verheißung und die damit verbundene Hoffnung scheint sich zunächst einmal nicht zu erfüllen. Im Gegenteil: alles wird noch schlimmer – bis schließlich angesichts des ganzen politischen und religiösen Versagens mit der Deportation des Volkes nach Babylonien der Staat Israel endet (587 v. Chr.) – und damit endet auch die Treue Gottes zu seinem Volk Israel?

Doch es gibt immer wieder welche, die dennoch an der Treue Gottes zu seinem gegebenen Wort und zu seinem erwählten Volk festhalten - woraus schließlich die Verheißung eines ganz anderen Königs erwächst. Dieser „Gesalbte Gottes“, dieser Messias wird dann endgültig die Königsherrschaft Gottes über das Volk Gottes errichten und „recht regieren“ (Jer 23,5). Dann wird niemand mehr beschämt oder erblasst dastehen, denn Gott wird sich vor allen andern Völkern an seinem Volk erweisen und diese werden den Gott Israels heiligen und fürchten.

Doch als dann nach ca. 50 Jahren die zaghafte Rückkehr eines „Restes“ aus Babylonien beginnt (Jes 11,11), ist und wird nichts mehr wie es zuvor einmal war. Eine immer wieder bedrohte und oftmals mit Waffengewalt erkämpfte („theokratische“) Autonomie endet schließlich in der nationalen und religiösen Katastrophe der Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahre 70 n. Chr. durch die Römer. Und damit endet schließlich auch die Verheißung samt der Treue Gottes für sein Volk?

Jahrzehnte vor dieser Katastrophe verdichtet sich die Geschichte des Volkes Gottes in einer einzigen Person und bildet sich schließlich in dessen Schicksal (typologisch) ab. Viele sehen in diesem Menschen einen Propheten (Mt 21,11), denn er verkündigt und verheißt die „frohe Botschaft“, das „Evangelium“ vom „unableitbaren“/“nahen“ Kommen des „Reiches Gottes“, der „Königsherrschaft Gottes“ und ruft deshalb zur „Umkehr“ auf. - Doch was kommt, ist sein beschämendes Ende in Gottverlassenheit an einem Kreuz, an dem er von den Römern als „König der Juden“, also als „Gesalbter“, als „Messias“ verhöhnt und von den religiösen Führern des eigenen Volkes seines Gottvertrauens wegen verspottet wird. -

Doch „plötzlich und unerwartet“ erscheint der Gekreuzigte „nach einer kleinen Weile“ seinen Jüngern und offenbart sich ihnen als der Lebendige; geht durch verschlossene Türen und hält mit ihnen das Mahl wie zuvor – was doch überhaupt nicht zusammenpasst. Aber nicht um dieses Mysterium geht es, sondern um die Erkenntnis: Der Gott Israels ist Jesus treu geblieben und hat gerade den von den Toten auferweckt, der so vielen missfallen hat – und hat damit endgültig bestätigt, was schon bei seiner Taufe im Jordan zu hören war: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ - Und was an diesem einen Sohn Gottes zeichenhaft geschah, sollte das nicht auch an den „toten“ Kindern Gottes geschehen können (vgl. Ez 37): Dass Gott auch an ihnen seine Treue erweist und endlich wahr machen, was er ihnen immer wieder verheißen hat? Dann aber wäre Jesus, seine Geschichte und sein Schicksal, die Hoffnung für Israel!

Als verblendeter Pharisäer und Christenverfolger hat dies Paulusvor den Toren von Damaskus selbererfahren – und widerspricht darum manchen Christen in Rom (vgl. Röm 9-11), die – wie heute vor allem viele Muslime – meinen: Gott habe seine Verheißungen und seine Treue von Israel zurückgezogen und es wohl endgültig verworfen. Dagegen macht Paulus in aller Schärfe deutlich: Die als ein fremder Zweig in den Ölbaum Israel eingepflanzt sind, die können – wie manch ursprünglicher Zweig – auch wieder ausgebrochen werden. Also kann das Schicksal eines Teils von Israel jederzeit auch zum Schicksal der Kirche werden! - weshalb die Kirche mit der Synagoge nicht nur die Verheißungen Gottes teilt, sondern auch seine Warnung; vor allem angesichts der Versuchung zu leugnen, dass die Kirche eingepflanzt ist in den „Ölbaum Israel“ und deshalb oftmals geduldet hat oder gar Gefallen daran hatte, wie man dem Ölbaum Israel auch noch seine letzten Zweige gewaltsam auszureißen versuchte – durch Pogrome und in Vernichtungslagern.

Auch aus diesem Grunde wird nach ca. 1900 Jahren im Jahre 1948 unter erheblichen Geburts- und Folgewehen der Staat Israel gegründet. Und obwohl sich in dieser „nationalen Heimstatt“ viele der Zerstreuten Israels sammeln, ist das wandernde Gottesvolkes doch noch nicht am Ziel der verheißenen „Ruhe“ („Sabbat“) angekommen (vgl. Brief an die Hebräer/an das „wandernde Gottesvolk“). Denn gerade das „Heilige Land“ mit seinen vielen „Unruhen“ schreit nach den immer noch ausstehenden Verheißungen des „Heiligen Israels“ für sein Volk und die Völker dieser Welt.

Auf diese große Perspektive weisen seit einigen Jahrzehnten besonders jene „messianischen Juden“ - die ehemaligen „Judenchristen“ - hin, welche sich zu Jesus als Messias, als Gesalbten Gottes und damit als „König Israels“ bekennen. Bei seinem Erscheinen in menschlicher Niedrigkeit wurden die Verheißungen der Propheten erneut in Kraft gesetzt, aber erst mit seinem Erscheinen in göttlicher Herrlichkeit endgültig erfüllt, womit dann endgültig die „Königsherrschaft Gottes“ sich vollendet.

Mit diesen „messianische Juden“ tut sich allerdings nicht nur die die jüdische Orthodoxie, sondern auch die christliche Kirche schwer. Denn wir verstehen Kirche weitgehend als eine religiös-ethische Spielart der Gesellschaft. Und den christlichen Glauben haben wir weitgehend individual- psychologisch verengt auf einen spirituellen Trost für den Fall/Kasus, dass es mir mal schlecht gehen sollte. Dadurch wird der christliche Glaube zu einer „Kasualie“ – und der Gott, den die ganze Bibel bezeugt, (funktional) austauschbar (!) mit all den irdischen Göttern, deren Propheten einen solchen Trost noch brauchbarer und wirksamer verheißen! Über solch verstümmeltem Kirchen- und Glaubensverständnis haben wir den großen Trost der verheißenen „Königsherrschaft Gottes“ weitgehend verloren - und können deshalb auch nicht mehr sehnsüchtig beten und bitten, dass SEIN Reich endlich komme, SEIN Name endlich geheiligt werde, und SEIN Wille endlich geschehe. -

Zwar sitzen die „messianischen Juden“ als eine Minderheit zwischen allen Stühlen; aber vor allem sie erinnern uns gegenwärtig an diese große Verheißung und mahnen uns stillschweigend, sie wiederzugewinnen. Wie ließe es sich sonst hoffnungsvoll und getrost leben in dieser erlösungsbedürftigen Welt. Amen.


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Predigt am 9. Sonntag n. Tr. zu Mt 7,24-29 (III)


Jesus sagt am Ende der "Bergpredigt": Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein, und sein Fall war groß.

Und es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, daß sich das Volk entsetzte über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten.

Was ist denn an Jesu „Lehre“ - also an der vorausgehenden „Bergpredigt“ (Mt 5ff)- so „entsetzlich“, dass „sich das Volk entsetzt“ - oder auch nur „verwundert“? Ich habe sie mal gelesen – und finde sie eigentlich ganz interessant. Aber ob man sie eben wirklich „tun“, also wirklich leben kann?

Jesus scheint diesen Anspruch zu haben – und das scheint für die einfachen Leute aus dem Volk eine gewisse Zumutung zu sein. Und dann auch für seine gebildeten Gegner. Und schließlich auch für viele seiner Jünger, so dass sich viele von ihm trennen (Joh 6,60ff)!

Scheinbar gehen Jesu Worte bei niemandem runter wie Öl, als hätten die Menschen schon lange auf sie gewartet. Im Gegenteil: Sie werden als eine Herausforderung, als eine Provokation empfunden, denn - sie stellen in die Entscheidung. Und so zeigt auch sein Wort „Vom Hausbau“: Entweder baut jemand das Haus seines Lebens auf Fels oder auf Sand. Und worauf er baut, das zeigt sich, wenn das Haus seines Lebens vom „Unwetter“ überrascht und ergriffen wird. Dann wird offenbar, ob er klug/weise war – oder töricht/dumm. Das Unwetter bringt es an den Tag – nicht das Schönwetter.

Dabei ist doch klar: Wir bauen lieber – auf „Sand“. Der passt sich meinem „Bauvorhaben“ und also meinen „Bedürfnissen“ an. „Fels“ hingegen ist widerständig und gar nicht so einfach zu bebauen. Doch wenn's drauf ankommt und drunter und drüber geht, dann wird der geschmeidige Sand zur Falle – und der harte Fels zur Rettung. Denn dann gibt es nur noch eines: Entweder dem „Unwetter“ standhalten – oder von ihm mitgerissen werden.

Und dem Unwetter halten nicht jene stand, die Jesus zwar gerne zuhören und vielleicht auch gerne noch ein „(Berg)Predigtnachgespräch“ mit ihm führen. Denn nur Anhören gleicht dem Sand als Fundament des Lebens. Wer sich hingegen auf sein Wort einlässt und es tut, es also lebt, der baut er auf Fels – was sich jedoch erst im „Unwetter“ zeigt.

Aber kommt denn so eine unwetterartige Lebenssituation überhaupt bei Jesu Jüngern vor? Mit Gott müsste doch eigtl. immer alles gut gehen! Wozu glaubt man denn sonst an ihn!?

Auch mit Gott bleiben die Stürme des Lebens nicht aus – sie gehen aber anders aus. Den Jüngern Jesu widerfährt dasselbe wie allen andern Menschen auch. Auch sie werden vor nichts verschont, werden gerüttelt und geschüttelt, sei es durch innere Anfechtung oder durch äußere Anfeindung. Auch Jesu Jünger müssen durch alles hindurch – und gehen doch anders als andere daraus hervor! Auch bei ihnen offenbaren die unausbleiblichen Stürme des Lebens die Qualität des Fundaments. Und diese Qualität kann man nicht theoretisch diskutieren, sondern nur praktisch erfahren. Die Wahrheit dieses Fundaments ist auf Bewahrheitung, auf Bewährung aus. Und das ist für Menschen, die immer auf der sicheren Seite sein wollen, ein zu hohes Wagnis, ein zu großes Risiko! Doch genau die begehrte „materielle“, d.h. verfügbare Sicherheit kann sich in unsicheren Zeiten plötzlich als „Sand“ und eben nicht als „Fels“ erweisen! - Doch worin besteht nun die „Härte“ der Bergpredigt Jesu?

Angesichts der großen Menge, die ihm folgt, angesichts des vielen Volks, geht Jesus auf einen Berg, setzt sich und seine Jünger treten zu ihm – und er lehrt sie; gar nicht auf gleicher Augenhöhe. ER ist ihr Rabbi/Lehrer und sie sind seine Schüler, ER ist ihr Meister und sie seine Lehrlinge. Und was ER sie lehrt, das sollen sie „zeichenhaft“ leben – wie ER es auch tut. Und seine „Lehre“ beginnt mit „Seligpreisungen“. Da wird gerade all denen die „Fülle“, die „Seligkeit“ verheißen, die in den Augen der Welt die Looser/Verlierer sind und nur leer ausgehen können! - Daraufhin nennt er gerade diese „das Salz der Erde“ – das man jedoch wegschüttet und von den Leuten zertreten lässt, wenn es aufhört, solches Salz zu sein. Und er nennt sie auch noch „das Licht der Welt“ - und als solches sollen sie leuchten vor den Leuten – zum Lob Gottes! - Daraufhin macht er seinen Jüngern klar, dass er nicht gekommen ist, die Weisungen, die Gebote Gottes, die „Thora“ aufzulösen und revolutionär über den Haufen zu werfen. Jesus versteht sich nicht als Revolutionär - wie anscheinend manche ihn gerne verstehen (möchten). Er ist gekommen, die Gebote Gottes und damit den Willen Gottes zu erfüllen. In diesem Sinne soll auch die „Gerechtigkeit/Rechtschaffenheit“ seiner Jünger besser sein als die der Schriftgelehrten und Pharisäer... - ansonsten bleibe (auch) ihnen der Zugang zum Reich Gottes verschlossen.

Dann legt ER ihnen die Gebote Gottes in der Weise der „besseren Gerechtigkeit“ aus, indem er sie anders füllt als gewohnt: Töten beginnt schon mit tödlichen Gedanken und Worten. Ehebruch ist schon der begehrende Blick. Ein klares Ja oder Nein erübrigt alles Schwören, also Bekräftigen. Vergelten wird überwunden durch Vergeben, Fordern durch Geben. Den Nächsten zu lieben umfasst auch den, der mir feindlich gesinnt ist.

Dann geht ER auf ein geheiligtes, frommes Lebens ein. Wenn ihr … Almosen gebt/eine Gabe verteilt, dann hängt dies nicht an die große Glocke, sondern lasst es im Verborgenen. Und wenn ihr... betet, dann nicht mit vielen Worten vor den Leuten, sondern im Verborgenen. Und wenn ihr fastet... dann versucht nicht, damit aufzufallen und euren Verzicht öffentlich würdigen zu lassen, sondern haltet es verborgen. Denn für Gott ist nicht das Öffentliche Entscheidend; ER sieht ins Verborgene.

Dann lehrt Jesus die Seinen den Umgang mit den elementaren irdischen Dingen: Nahrung und Kleidung: Sorgt euch nicht, denn euer Vater im Himmel versorgt euch. Trachtet nicht nach immer mehr und nie genug, sondern trachtet nach dem Reich Gottes.

Dann folgen zwei besondere Hinweise: Was ich dem andern an Verfehlungen vorhalte – das ist in mehrfacher Weise bei mir selber zu finden. Und: Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht vor die Säue – um bei ihnen anzukommen?! Denn sie werden das Heilige mit Füßen treten und sich gegen euch selber wenden und euch zerreißen. - (Vielleicht) Deshalb anschließend die Verheißung: Ihr geht bei Gott nicht leer aus: Bei ihm kommt ihr an, denn Gott erhört Gebet.

Dann fasst Jesus die Auslegung der Gebote zusammen in der verblüffend einfachen „Goldenen Regel“: „Alles nun, was wir wollt, dass euch die Leute (Gutes!) tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“ Doch daraufhin sofort wieder der Hinweis, dass das alles gar nicht so einfach ist: Denn es gleicht einem „schmalen Pfad“ und führt durch eine enge Pforte ins Leben – und nur wenige gehen diesen Weg. Die meisten gehen den „breiten Weg“, auf dem sie so viel wie möglich mitnehmen wollen, was sich ihnen gerade alles so bietet. Sie meinen, das sei der Weg zum Leben – aber es ist der Weg ins Verderben.

Dann folgen schließlich noch Warnungen vor den falschen Propheten, die in „Schafskleidern“ daherkommen; Salonpropheten, die edel und schön gekleidet sind und ebenso edel und schön reden. Es geht ihnen um Auftritt und Erscheinung – aber nicht um Entscheidung und Umkehr. Doch wer was ist, lässt sich letztlich nur an dem erkennen, was er hervorbringt; Die Qualität eines Baumes erkennt man an seinen Früchten – und nicht an seinen grünen Blättern oder bunten Blüten. Und so reicht es auch nicht, zu Jesus „Herr, Herr“ zu sagen, sondern den von IHM gelehrten Willen Gottes zu tun. Und wer diese seine Lehre, seine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein (Lebens)Haus auf Felsen baute...

Und dann - das Erstaunen, Erschrecken, Entsetzen der Leute – über diesen Anspruch von Verbindlichkeit, mit dem Jesus in Vollmacht lehrt – und die Menschen in die Entscheidung stellt. - Hingegen halten es die Schriftgelehrten - die Theologen! - eher mit der Beliebigkeit: Es beliebt ihnen nämlich, bei den Menschen anzukommen, um anerkannt zu werden. Die Verbindlichkeit Jesu hingegen fordert heraus – und scheidet die Menschen in solche, die nur mal kurz hören wollen, was er so alles sagt - und in solche, die hören und es tun, es leben.

Und die dann in bedrückender Zeit die beglückende Erfahrung machen: Mein Lebenshaus ist nicht auf Sand, sondern auf Fels gebaut. -

Und dieser Fels ist Jesus selber. Amen.


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Predigt am 8. Sonntag n. Tr. zu Jes 2,1-5 (III)

Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem: 

Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, laßt uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, laßt uns wandeln im Licht des HERRN!

Hätte Jesaja nicht eine Völkerwallfahrt zum Hause Gottes auf dem Zion, auf dem Berge Gottes prophezeit (vgl. Mi 4,1-5), sondern eine Völkerwanderung nach Europa – und hätte er nicht angekündigt, dass von Zion in Jerusalem Weisung für alle ausgeht, sondern von den „Vereinten Nationen“ in New York – und hätte er nicht gesagt, dass Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Sicheln umgeschmiedet werden, sondern dass immer mehr Waffen geschmiedet werden – hätte Jesaja das prophezeit, dann - würde ich ihm glauben. So aber ist es nur eine schöne Vision – und eine menschliche Illusion?

Oder gab es in der Zeit Jesajas vielleicht doch ganz konkrete Ansätze, hoffnungsvolle politische Anzeichen - als Anlass für solch eine wunderbare „Vision“ vom kommenden Frieden unter den Völkern und Nationen? - Oder wollte Jesaja mit dieser Friedens-Vision Menschen in Kriegen und Bürgerkriegen seiner Zeit trösten? Oder müssen wir heute sagen: Schön ist sie schon, deine Friedensvision – aber uns bestimmt heute eher die Horrorvision der Endschlacht von „Armageddon“ oder auch nur der mögliche „Kampf der Kulturen“ („Clash of Cultures“, S.P. Huntington) – und damit auch die Angst davor. Denn wir sehen und hören doch, was Menschen alles wirken und bewirken und was da alles am Horizont der Zukunft auftaucht! Und das ist zugleich faszinierend und furchterregend, hoffnungsvoll und grauenvoll.

Und in dieser Welt als „Wirkstatt“ des Menschen ist das Wirken eines Gottes eine „Utopie“, ein „Nicht-Ort“, es hat keinen Raum (mehr). Denn wir füllen und bestimmen den Lauf der Geschichte. Was Jesaja da schaut, kann für damals nur der religiöse Ausdruck („Projektion“) einer menschlichen Sehnsucht sein – und für uns heute die Aufforderung, den friedlosen Zustand dieser Welt aktiv zu ändern und den Völkerfrieden tatkräftig herbeizuführen; denn wir „machen“ Geschichte.

So hat es wohl auch die ehemalige Sowjetunion verstanden, als sie 1979! vor das Gebäude der Vereinten Nationen in New York eine beeindruckende Skulptur aus Eisenguss gestiftet hat. Mit kräftigen Hammerschlägen verwandelt ein Mann ein Schwert zu einer Pflugschar. - Doch wie seltsam: Ein bewusst atheistischer Staat beschenkt die Völkergemeinschaft mit einem biblischen Motiv - und sagt damit: Wir Menschen erfüllen, was da ein Gott verheißt! Wir verwirklichen und schaffen den Frieden unter den Völkern. - Und zugleich ist es es ein Staat, der mit der Gewalt des Schwertes das eigene Volk unterdrückt und andere Völker in Schach hält: 1953 in Berlin; 1956 in Budapest; 1968 in Prag; 1979! bis 1989 in Afghanistan; danach 1994 bis 1996 und 1999 bis 2009 in Tschetschenien.

Doch solch gewaltsam diktierter „Friede“ steht nicht nur im Gegensatz zu den Völkern, die schließlich freiwillig sagen: „Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen...“ Er steht überhaupt im Gegensatz dazu, dass dieser Friede nicht von Menschen geleistet, sondern von Gott verheißen wird – und deshalb zu verwirklichen „letztlich“ den Menschen entzogen ist. Darauf weist der Anfang jener Verheißung bei Jesaja hin: „Es wird zur letzten Zeit...“ - also „schließlich“, „endlich“, „ganz gewiss“ geschehen. Die Völker werden kommen zum Berg des Herrn, werden von ihm Weisung („Thora“) empfangen, annehmen und ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden, werden den andern nicht mehr als Feind sehen und nicht mehr gegeneinander Krieg führen. -

Doch was „zur letzten Zeit“ geschieht, müsste doch recht bald geschehen. Denn die weltweiten Konflikte und Spannungen setzen zunehmend unter Druck, den Frieden in und unter den Völkern mit der Gewalt des Schwertes herbeizuführen und aufrechtzuerhalten - zumal Worte kaum etwas erreichen, weil sie den andern nicht erreichen. Das zeigen die Friedenskonferenzen der „Vereinten Nationen“. Das zeigen auf andere Weise die diktatorischen Tendenzen in der Türkei und in Polen und in Venezuela; das zeigt im Jemen der Stellvertreterkrieg zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran, das zeigt der verheerende Bürgerkrieg in Syrien und das zeigen insbesondere die explosiven Zustände in Israel und da besonders auf dem Berg des Herrn, auf dem Tempelberg in Jerusalem, der „Stadt des Friedens“! Gerade von hier geht in absehbarer Zukunft kein Friede unter den Völkern aus. Jesajas Friedens-Vision scheint weiter weg als jemals zuvor. -

Und was „machen“ wir nun mit Jesaja? Entweder wir lassen seine Friedens-Vision fahren als eine schöne, aber leider nicht zu verwirklichende menschliche Illusion. Oder – wir schenken ihr als Verheißung Gottes Glauben und leben mit ihr (vgl. Abraham; Luther: „promissio et fide sunt relativa“). Da Christen nie an das glauben, was sie in der Welt sehen und hören, gründet auch ihre Hoffnung nicht auf noch so „verheißungsvollen“ politischen Versprechungen. Der christliche Glaube gründet allein auf dem Wort der Verheißung Gottes.

Wenn es darum eine „einladende Kirche“ gibt, dann kanndiese Kirche nur einladen, „umzukehren“ und nicht mehr an das menschlich Mögliche,sondern an das von Gott Verheißene zu glauben. Und allein das ist „frohe Botschaft“, ist „Evangelium“!

Aber wenn das stimmt, dann ist das „Evangelium“ ein Fremdkörper in dieser Welt – und in der Kirche? - und wird deshalb „natürlicherweise“ abgelehnt, abgestoßen – auch in der Kirche? Denn es geht nicht vom Menschen aus und unterliegt deshalb nicht seiner Verfügbarkeit. Und wer „dennoch“ der Verheißung Gottes glaubt und mit ihr lebt, ist darum ein „Fremdling“ (1 Petr 1,1) in dieser Welt, die sich zwar wirklich nach Frieden sehnt, und doch - um einer vermeintlichen „Gerechtigkeit“ willen?! - von sich aus nur das Gesetz der Vergeltung, aber nicht Vergebung, das Gesetz der Rache, aber nicht Versöhnung kennt; weshalb unter Völkern und Menschen „gnadenlos“ aufgerechnet und „erbarmungslos“ abgerechnet wird.

Und was für ein Leben entspricht - im Gegensatz dazu - dem Glauben an Gottes Verheißung? Es kann nur ein „zeichenhaftes“ Leben sein - und als ein solches Zeichen Zeugnis geben. In diesem Sinne lässt im Lutherjahr 1983 der evang. Pfarrer Friedrich Schorlemmer im Lutherhof zu Wittenberg nachts ein Schwert zu einer Pflugschar umschmieden. Und am 4. November 1989 ruft er auf dem Alexanderplatz in Berlin den Menschen das Luther-Wort zu: „Lasset die Geister aufeinander treffen, aber die Fäuste haltet still.“ Die Fäuste der Staatsgewalt hingegen waren ganz knapp dabei geistlos zuzuschlagen.

Ein Christ als „Zeichen“, die Kirche als „Zeichen“ - und zwar „ein Zeichen, dem widersprochen wird“ - wie Jesus (Lk 2,34). Und als Zeichen ein Vorzeichen des Kommenden. - wie Johannes d T. (Mt 3). Doch ein Zeichen ist nie die „Sache“ selber, sondern zeigt und weist in aller Bescheidenheit und Demut auf die „Sache“ hin und lebt auf sie zu. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieses Zeichen und Zeugnis bei den Menschen ankommt und angenommen wird – oder nicht. Christen leben nicht erfolgskontrolliert sondern verheißungsorientiert!

Deshalb können Christen und Kirche niemals durch Dramatisieren und Emotionalisieren Stimmung unter Menschen machen oder Menschen gegen Menschen aufbringen, eine Kultur gegen die andere, eine Religion gegen die andere oder auch nur einem Nationalismus oder gar Rassismus huldigen. Ebenso wenig darf Kirche populistisch werden und also der Mehrheit gefällig, um durch „niederschwellige Angebote“ deren Wohlgefallen zu gewinnen. Als Zeichen sind Christen (wie auch Juden!) berufen zu einem „Vor-zeichen“ und damit auch „Vor-leben“ des verheißenen Friedens. Und das nicht als Masse, sondern als Minorität in der Masse; manchmal sogar als Einzelne; wie Johannes der Täufer als „Rufer in der Wüste“ (der Kirche?). Und wie die Völker „zuletzt“ und „schließlich“ sagen: „Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen...“ – so sagen Christen (wie auch Juden!) heute: „Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, ihr von der Gemeinde Jesu, lasst uns wandeln, leben im Licht des Herrn!“ -

Dass Christen den Krieg unter den Völkern und Nationen überwinden und abschaffen, wäre darum eine Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung. Weiterhin wird die Erde täglich mit dem Blut Abels getränkt, weil Geschwister einander erbarmungslos erschlagen. Und doch werden mitten in diesem Getümmel immer wieder welche berufen zum Zeichen und Zeugnis für eine Verheißung, die von den „letzten Tagen“ her ihr Licht in ihre Lebenstage wirft. Ein hoffnungsvolles Zeichen in einer hoffnungslos zerstrittenen Welt. Amen.


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Predigt am 5. Sonntag n. Tr. zu Joh 1,35-42 (III)


"Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger;
und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!
Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.
Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo ist deine Herberge?
Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.
Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.
Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.
Und er führte ihn zu Jesus..."

Es wundert einen schon, dass Johannes der Täufer nur sagt: „Siehe, das ist Gottes Lamm“, und schon laufen zwei seiner Jünger zu Jesus über und folgen ihm nach. Entweder die beiden sind recht leichtgläubig – oder sie sehen tatsächlich etwas. Aber etwas Äußeres kann's nicht sein, denn an Jesus ist nichts Besonderes zu sehen. Und doch müssen ihnen die Augen aufgegangen sein – über dem „Lamm Gottes“. Denn normalerweise läuft man doch keinem Lamm nach. Und sei es auch das „Lamm Gottes“, das ja auch noch „die Sünde der Welt trägt“. Warum soll die Welt nicht selber ihre eigene Sünde tragen und ertragen; ist doch selber dafür verantwortlich?! Soll doch selber ihre Sünde, ihr Karma abtragen. Oder?!

Und dass also die beiden auf das Lamm Gottes gewartet oder es gar gesucht haben und ihm deshalb hinterherlaufen – das wird wohl auch kaum der Fall sein. Denn wir warten und suchen und laufen doch ganz anderem hinterher. Dass die beiden Jünger des Johannes zu Jesus überlaufen würde mehr einleuchten, hätte Johannes gesagt: Siehe, das ist Gottes Löwe, der in dieser unerträglich sündigen Welt mit seinen Pranken endlich mal kräftig durchgreift. - Warum schickt uns Gott nicht solch einen starken „Löwen“, sondern so ein schwaches „Lamm“ - welches doch ganz leicht zur Beute der irdischen Löwen wird? Bedenken das die beiden, als sie anscheinend begeistert dem Lamm Gottes folgen?

Wie dem auch sei: Weil die beiden die allerersten „Nachfolger“ sind, ist nun auf jeden Fall eine Begrüßung fällig: „Schön, dass ihr alle da seid. Ich freue mich sehr auf unsere gemeinsame Zeit, auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Es kann echt nur gut werden. Und ich wünsche uns - viel Spaß!“; hätte ich vielleicht zur Begrüßung der beiden gesagt. Denn man muss ja die Leute erst mal optimistisch stimmen, sie motivieren, ihnen Lust und Laune machen – hab ich vor kurzem auf einer Fortbildung für ehrenamtlichen Nachwuchs in der Kirche gelernt. - Doch stattdessen dreht sich Jesus irgendwann um, sieht die beiden ihm nachfolgen und fragt sie so nur: „Was sucht ihr?“ Und diese Frage ist im Evangelium nach Johannes das erste Wort aus dem Munde Jesu! Dann ist diese Frage offensichtlich an alle gestellt, die sich ihm anschließen und ihm folgen: „Was sucht ihr?“ - bei mir. Was wollt ihr – von mir?

Doch mit solch einer kühlen oder gar vorwurfsvollen Frage begrüßt zu werden, klingt nun mal gar nicht einladend und stimmt einen gar nicht begeistert, sondern macht schon etwas nachdenklich: Ja…, was suchen wir eigentlich bei Jesus? Was wollen wir bei ihm finden?

Wahrscheinlich, was alle wollen - und viele versprechen: Glück, Gesundheit und ein langes Leben! Aber ob das bei dem „Lamm Gottes“ zu finden ist? - Und weil uns seine Frage verlegen macht, antworten wir am besten mit einer Gegenfrage: „Meister, wo ist deine Bleibe?“ Wo bist du Zuhause? Also wo werden wir mit dir ankommen – wenn wir uns auf dich einlassen? Wo führst du uns hin? Und – wollen wir das überhaupt; und - werden wir uns dort auch wohlfühlen? - Doch - ob das eine Rolle spielt - beim Lamm Gottes? Und während wir uns das fragen, hören wir IHN sagen: „Kommt und seht“.

Na endlich die längst fällige Einladung. Und obwohl wir uns schon ein wenig abgewimmelt vorkommen, lassen wir uns trotzdem auf ihn ein und gehen mit ihm – ohne zu wissen, wohin er uns führt. Und was bekommen wir zu sehen? Eigentlich wieder nichts Besonderes. Und doch - gehen uns allmählich die Augen auf. Denn je länger wir mit IHM unterwegs sind, um so mehr kommen wir bei IHM an und sind bei IHM zuhause und finden bei IHM eine Bleibe. Denn wir „ sehen seine Herrlichkeit“ hinter menschlichen Kulissen; sehen und erkennen, wer ER ist – anhand dessen, was er uns auf dem Wege sagt (vgl. V 14).

Wo wir geographisch schließlich ankommen, das weiß ich nicht mehr; weiß nur: Es dauert den ganzen Tag bis zur 10. Stunde, also bis nachmittags um 16 Uhr. Ein langer Weg, der bisweilen schon unsere Geduld etwas strapaziert. Denn wir sind nun mal darauf eingestellt, dass alles recht kurz gehalten wird und schnell geht. Für längere Ausführungen haben wir einfach keine Zeit. Und alles bitte „in einfacher Sprache“. Denn über etwas auch noch nachzudenken sind wir einfach nicht mehr so gewohnt. - Doch was Jesus spricht, spricht uns an. Und je länger wir uns auf ihn einlassen, umso mehr hören wir aus seinen Worten das Wort Gottes.

Doch plötzlich wird Andreas unruhig, steht auf und geht davon. Hat er von Jesus genug oder ist Jesus gar zum Davonlaufen?. Ganz im Gegenteil – wie sich später herausstellt: Andreas muss seine Entdeckung seinem Bruder Simon mitteilen. „Wir haben den Messias, den Gesalbten Gottes, den Christus gefunden.” Und das, obwohl wir doch gehofft haben, dass Johannes der Messias sei. Aber unsere Hoffnung hat er immer zurückgewiesen. Er sei nur „die Stimme eines Predigers in der Wüste“, denn in der „Wüste“ - nicht im „Kulturland“ - beginnt die Erneuerung des Volkes Gottes. Und er weise nur auf den hin, der nach ihm kommt – und doch vor ihm gewesen ist; und sei nicht mal wert, ihm die Schuhe zu schnüren. Auf dessen Kommen, auf dessen Ankunft, Advent solle er die Menschen vorbereiten. Das sei sein Auftrag. Und der da kommt, der komme als Richter zum Gericht – weshalb die Menschen ihren Lebenswandel ändern und sich zum Zeichen dessen taufen lassen sollen.

Und als der angekündigte Richter dann kommt, spricht Johannes jedoch - vom „Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt“. Wie passt denn das zusammen? Das passt so wenig zusammen wie der Messias und das Lamm Gottes. Denn der Messias ist doch der von Gott gesalbte königliche Herrscher, der König Israels (V 49) – Irgendwie kriegen wir das alles einfach nicht auf die Reihe. Hier passt nichts zusammen – was vielleicht an Jesus selber liegt? Denn je mehr wir mit ihm vertraut werden, umso mehr steht für uns fest: Dieser Jesus ist anders als alle andern. Er passt in keine gängige Vorstellung; sprengt jeden gängigen Rahmen. Er ist nicht zu fassen.

Doch was bei uns den Glauben an ihn weckt, das stürzt andere in tiefe Zweifel – und uns schließlich in tiefste Verzweiflung. Denn angesichts eines gekreuzigten Messias, eines gekreuzigten Königs der Juden, werden auch wir in tiefe Zweifel, ja in tiefe Verzweiflung gestürzt. Erst durch sein völlig unerwartetes „Erscheinen“/“Gesehenwerden“ - seine „Auferweckung von den Toten“ - wird uns klar: Er ist als das „Lamm Gottes“ zugleich der „Löwe von Juda“. Allerdings ein „Löwe“, der wiederum jeden gängigen Rahmen und damit auch jedes Bild, das man von solch einem „Löwen“ hat. Denn wer hätte je daran gedacht, dass der Messias, der Christus, der König Israels jemals den Tod auf sich nimmt, um ihn zu besiegen!? Und zwar den Tod im biblischen Sinne: als absolute Beziehungslosigkeit, als tiefste Einsamkeit. Um dies zu überwinden, waren in diesem Lamm tatsächlich löwenhafte Kräfte am Werk.

Matthias Grünewald hat dies alles richtig und auf seine Weise dargestellt, als er Johannes den Täufer auf dem Isenheimer Altar mit einem überlangen Zeigefinger dargestellt hat! Da steht Johannes allerdings nicht am Ufer des Jordan, sondern unter dem Kreuz - wo er jedoch nie stand! Entweder ist Matthias Grünewald hier ein „historischer“ Fehler unterlaufen – oder bei diesem ziemlich übel Zugerichteten am Kreuz wird endlich offenbar, worauf Johannes bei der Taufe Jesu schon hingewiesen hast: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“

Aber bis einem hierfür die Augen aufgehen und man es in aller Klarheit „sieht“, kann es ein weiter, weiter Weg sein – und länger dauern als nur einen Tag. Vielleicht sogar ein ganzes Leben. Amen.


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Predigt am 4. S. n. Trinitatis zu 1. Mose 50,15-22 (III)

Er war der vorletzte von 12 Söhnen und der Lieblingssohn seines Vaters Jakob. Das hat den Neid seiner älteren Brüder erweckt - und noch gesteigert durch seine höchst seltsamen Träume. Und das alles bringt ihn schier ins Grab - in einem trockenen Brunnen. Von seinen Brüdern glücklicherweise an eine Karawane verkauft, bleibt er am Leben landet als Sklave im ägyptischen Königshaus. Und da er schön von Gestalt ist, wird ihm eine angebliche, aber tatsächlich verweigerte Liebesgeschichte mit der Frau seines Dienstherrn von dieser selbst angehängt - was ihn dann ins Gefängnis bringt. Da er jedoch des Pharao seltsame Träume zu deuten vermag, kehrt er wieder in dessen Haus zurück und wird dort dessen weitsichtiger Wirtschaftsminister. Denn wie dem Pharao geträumt kommen dann tatsächlich nach 7 fetten Jahren 7 magere und dürre Jahre - allerdings nicht nur in Ägypten. Und wie viele aus den umliegenden Völkern, so kommen auch seine Brüder von Kanaan nach Ägypten, um Weizen zu kaufen. Er erkennt sie - sie aber erkennen ihn nicht. Nach einem kleinen beängstigenden Spiel mit ihnen bezeichnet er sie als ausländische Spione, hält einen der Brüder als Geisel fest und schickt die andern wieder heim: Beim nächsten Mal sollen sie auch das jüngste Nesthäkchen Benjamin mitbringen. Nach ihrer zweiten Ankunft treibt er sie wieder in Furcht und Schrecken - bevor er sich ihnen schließlich unter Tränen zu erkennen gibt. Daraufhin lässt er seine ganze Sippschaft, also auch ihren Vater Jakob, nach Ägypten holen, damit sie hier die mageren Jahre überleben. Familiennachzug oder Familienzusammenführung aus wirtschaftlichen Gründen -damals schon. Und selbst als die 7 schlechten Jahre um sind, zieht es den Vater Jakob und die anderen Brüder aus dem wirtschaftlich wohlhabenden Ägypten nicht wieder zurück in die alte Heimat Kanaan. Sie bleiben dort - bis Jakob dann nach weiteren 10 Jahren in Ägypten stirbt. Sein Tod verändert jedoch plötzlich die bis dahin recht friedliche Familiensituation:

"Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten. Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. So wohnte Josef in Ägypten mit seines Vaters Hause und lebte hundertundzehn Jahre..."

Nach 17 Jahren stirbt also der Vater Jakob in Ägypten - und sein Tod erweckt das schlechte Gewissen der Brüder wieder zum Leben. Denn ohne den Schutz des Vaters, so denken sie, könnte sich der mächtige Bruder nun an ihnen rächen. Zwar hat er ihnen lange zuvor schon zweimal die Vergebung angeboten. Und doch reißt der Tod Jakobs wieder plötzlich alte Ängste, alte Wunden auf. Die ganze Vergangenheit ist wieder bedrohlich gegenwärtig. - Sollte eventuell nun geschehen, was vormals der betrogene Esau gegen seinen Bruder Jakob, den jetzt verstorbenen Vater Jakob, vorhatte? -: „Und Esau war Jakob gram um

des Segens willen, mit dem ihn sein Vater Isaak gesegnet hatte und sprach in seinem Herzen: Es wird die Zeit bald kommen, dass man um unseren Vater Isaak Leid tragen muss; dann wil1 ich meinen Bruder Jakob - umbringen." (27,41) Ist also jetzt mit dem Tod des Vaters Jakob für Josef die Zeit der Rache gekommen? Ein Leichtes, das beängstigende Spiel von früher noch toller mit seinen Brüdern zu treiben. Und das wissen sie! Und da sie auch wissen, welchen Stellenwert ihr Vater Jakob bei Josef hatte, wie sehr er seinen Vater geachtet und geehrt hat, lassen sie Josef durch einen Mittelsmann im Namen des Vaters um Vergebung bitten. Denn Vergebung sei des Vaters letzter Wille gewesen - sagen sie...

Josef könnte jetzt lachen und sagen, das sei doch alles längst vergessen und vorbei. Aber Josef lacht nicht, sondern weint - wie vormals im Verborgenen, als seine Brüder zum ersten Mal zu ihm kommen; und als er sich ihnen dann beim zweiten Mal zu erkennen gibt; und als er schließlich seinen Vater Jakob wiedersieht. Und jetzt, als die schuldbeladene und unbereinigte Vergangenheit nach ca. 20 Jahren wieder unterm Teppich hervorkriecht: Josef weint und - seine Brüder fallen vor ihm nieder, wie sie es schon dreimal zuvor getan haben und - wie er es zu ihrem Ärgernis vor vielen Jahren geträumt hat. Sie bieten ihm an, seine Knechte, seine Sklaven zu sein, weil sie um ihr Leben fürchten. „Fürchtet euch nicht. Stehe ich denn an Gottes Statt?" sagt Josef zu ihnen. Habe ich das Recht, zu Gericht über euch zu sitzen?

Welch eine Demut und Größe spricht hier aus dem Munde des mächtigen Josef! Der Versuchung, sich an Gottes Statt als Richter über seine Brüder zu setzen und seiner gekränkten Seele Genugtuung durch Rache zu verschaffen, gibt er nicht nach - und zwar deshalb nicht, weil ihm zutiefst klar geworden ist: „Ihr, meine Brüder, gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tag ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk"

Dann geht es also in dieser dramatischen Geschichte nicht - nur - um die glücklich Errettung von Josef, sondern - drin - um den wunderbaren Erweis von Gottes Treue zu seinem Volk. Vom „Ganzen“ her erhält das „Einzelne“ seinen Sinn! Damit das Volk Gottes am Leben bleibt, bleibt Josef am Leben - und kann nun nicht gehässig, sondern nur freundlich mit seinen Brüdern reden und sie trösten; verspricht ihnen sogar, für sie und ihre Kinder zu sorgen - und sagt seinen misstrauischen Brüdern nochmals: „So fürchtet euch nun nicht." Zwar gilt nach wie vor, dass seine Brüder ihm wirklich böse mitgespielt haben. Doch die Erkenntnis, dass Gott die Regie in diesem bösen Spiel übernommen hat, bewirkt die zwar längst fällige, aber jetzt erst mögliche Vergebung und Versöhnung unter den Brüdern. Ohne diese entscheidende Erkenntnis hätte die Geschichte Josefs mit seinen Brüdern einen ganz anderen Verlauf genommen.

Wie Josef nun kraft dieser Einsicht in die Regie Gottes sich nicht zum Richter über die Verfehlungen seiner Brüder setzen kann, so können diese umgekehrt ihre Verfehlungen an Josef nun nicht einfach durch die weise Voraussicht Gottes entschuldigen. Nur Josef darf sagen, dass Gott sich menschliches Versagen zunutze gemacht hat, was zugleich sagen lässt: Ohne solch eine verdeckte und „zufällige" „Krisenintervention" Gottes wären wir Menschen den unausweichlichen Folgen unserer Taten hoffnungslos ausgeliefert.

Doch die Geschichte Israels im Alten Testament zeugt davon, dass Gott sein Volk trotz selbstverschuldeter Blindheit und Bosheit nicht aufgibt, sondern es immer wieder wunderbar errettet und erlöst, ihm vergibt und es mit sich versöhnt - was sich schließlich im Neuen Testament verdichtet und immer mehr zuspitzt in der Geschichte Jesu. (Darum liegen das Alte und das Neue Testament nicht so sehr „historisch“ nacheinander, sonder „sachlich“ über- oder ineinander! - so dass das eine das andere erschließt.)

Und so wird auch von Jesu Auferstehung am Ostermorgen her klar: Bei seiner Kreuzigung am Karfreitag liegen der Menschen schuldhaftes Versagen und Gottes barmherziges Vergeben verflochten ineinander - „unvermischt und ungetrennt". Menschliches Versagen macht Gott zum heiligen Zeichen, zum Sakrament seiner Vergebung. Während Josef am Leben bleibt, damit das Volk Gottes weiterhin auf Erden am Leben bleibt, stirbt am Kreuz dieser Eine, damit andere ihr verwirktes Leben nicht verlieren. Diese Erkenntnis über den Tod Jesu bewahrt anschließend die (Juden)Christen davor, über ihre (jüdischen) „Brüder" zu Gericht zu sitzen oder gar Rache an ihnen zu nehmen (vgl. Apg 2,23.36). Doch die (heiden)christliche Kirche ist später immer mehr an der menschlichen Oberfläche des Geschehens hängen geblieben und hat sich deshalb immer wieder zum Richter über ihre jüdischen „Brüder" aufgespielt - weit entfernt von der demütigen Einsicht Josefs, nicht an Gottes Statt zu stehen; weit entfernt von der „frühchristlichen" Einsicht, dass der Gekreuzigte nicht nur durch uns, sonder darin auch für uns gestorben ist; und weit entfernt von Paulus, der die „Verstockung“ Israels gegenüber dem Evangelium als den Heilsweg Gottes mit seinem Volk und den Völkern erkennt - und deshalb nicht über die Blindheit der Menschen schimpft, sondern über die Weisheit Gottes staunt (vgl. Rom 11,33ff).

Aber hierzu muss einem ein Licht aufgehen, müssen einem die Augen geöffnet werden - wie Josef im Blick auf seine dramatische Lebensgeschichte, den ersten Christen im Blick auf das grausame Leiden und Sterben Jesu, Paulus im Blick auf die rätselhafte Verschlossenheit Israels für das Evangelium. Es muss einem etwas klar und offenbar gemacht werden, um nicht der Versuchung zu erliegen, sich zum blinden Richter über andere zu setzen.

Christen leben deshalb mit dem doppelten Vorbehalt: Es bleibt immer etwas offen auf das abschließende Urteil Gottes hin, da völlig anders ausfallen kann, als wir meinen. Und es bleibt etwas offen auf die verwegene Hoffnung hin, dass mitten im sichtbaren Sumpf und Chaos menschlicher Irrwege und Sackgassen Gott unsichtbar Regie führt und schließlich wider menschlicher Voraussicht alles herrlich hinausführt.

Nicht, weil wir es wert sind, sondern weil ER sich und uns treu bleibt. Auch wenn wir es oftmals kaum - mehr - glauben - können. Amen.

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Predigt zum 2. Sonntag n. Tr. über Mt 22,1-14 (III)

Und Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach:"Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu laden; doch sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.

Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren's nicht wert. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute; und die Tische wurden alle voll. Da ging der König hinein, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte.Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm die Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappern sein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt."

Das ist ja schon ein doppelt dickes Ende – wenn dieser König im Zorn die Stadt seiner widerspenstigen Gäste niederbrennen und diesen Gast ohne ein hochzeitliches Gewandt fesseln und in die Finsternis hinauswerfen lässt. - Manche meinen, so etwas könne niemals aus dem Munde Jesus stammen. Von ihm sei doch immer nur Positives zu hören. - Aber Jesus befindet sich in harter Auseinandersetzung mit den führenden Persönlichkeiten seiner Zeit. Davon zeugt auch das unmittelbar vorangehende „Gleichnis von den bösen Weingärtnern“, welche dem Weinbergsbesitzer seinen Anteil an den Früchten verweigern, deshalb nicht nur manche seiner gesandten Knechte, sondern schließlich auch noch seinen Sohn umbringen - und schließlich hören müssen: „Das Reich Gottes wird von euch genommen werden und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt.“ (21,43) Ebenfalls ein dickes Ende – und darum kein Wunder, dass die geistlichen Führer jener Zeit Jesus selber ein dickes Ende zufügen möchten – denn sie fühlen sich mit seinen Gleichnissen angegriffen, wollen darum öfters Hand an ihn legen – und trauen sich doch nicht, weil das Volk ihn für einen Propheten hält. (21,45f)

Gewiss, alles nur Gleichnisse. Aber jedes Gleichnis macht auf einen ernsthaften Zustand aufmerksam und führt ihn zu dem entscheidenden (Vergleichs)Punkt – so wie vormals der Prophet Nathan vor dem großen König David, der bitter erkennen muss: Ich bin der Mann in diesem Gleichnis! (vgl. 2 Sam 12,1ff). - Anders die Hohenpriester, Schriftgelehrten, Pharisäer: Auch sie erkennen sich in Jesu Gleichnissen, gehen aber auf Abwehr und Abstand zu ihm, denn sie spüren Jesu Vorwurf, nur eitle Religionsverwalter zu sein (vgl. Mt 23) - und seinen Anspruch (vgl. Mt 12,41), dass sich im Verhalten gegenüber seiner Person und Botschaft ihr Heil oder Unheil entscheiden. Doch so wenig wie vormals die Botschaft der Propheten, findet sein prophetischer Aufruf: „Tut Buße, kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ (Mt 4,17) kaum offene Ohren unter ihnen – was sich eben in manchem Gleichnis vom Himmelreich, vom Reich Gottes widerspiegelt.

Und so trifft auch die Einladung in diesem „Gleichnis von der königlichen Hochzeit“ bei den geladenen Gästen auf gewisse „Terminschwierigkeiten“. Die geladenen Gästen haben für die Hochzeitsfeier des Sohnes entweder keine Lust oder einfach keine Zeit (vgl. Lk 7,31ff), denn ihr Geschäft und ihr Acker – also ihr „Werk“ und „Besitz“ - sind ihnen wichtiger. Kann ja vielleicht später mal auf ein Gläschen Wein vorbeikommen…, wenn sich's zufällig ergibt... Manch andere fühlen sich durch die wiederholte Einladung sogar regelrecht bedrängt und genervt – und lassen das die Boten auch spüren, ergreifen, verhöhnen und töten sie sogar.

Und was nun? Alles ausfallen lassen? Aber es ist doch alles bereit! - Und so werden ursprünglich gar nicht vorgesehene „Menschen von der Straße“ eingeladen (vgl. Lk 14,16ff!), Gute und Böse; also ohne irgendwelche moralischen Bedingungen, ohne Ansehen der Person oder des Standes, „ohne Verdienst und Würdigkeit“ (Luther) – und fragen sich doch: Wie kommen denn wir zu solch unverdienter Ehre – denn wir „Straßenkinder“ passen doch gar nicht auf solch ein hohes Fest? - Und dennoch folgen sie der Einladung mit Freuden! - während die Stadt jener, die nicht nur sich selber ausladen, sondern auch noch die Boten ergreifen, verhöhnen, töten, der König im Zorn zerstören lässt.

Bald nach diesem Gleichnis weint Jesus über die Stadt Jerusalem und klagt: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten, und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt" (23,37). "...doch sie wollten nicht kommen", heißt es im Gleichnis. Tatsächlich wird nicht nur Jerusalem 30 Jahre später zerstört, sondern die Einladung ergeht auch an Menschen aus anderen Völkern - und findet unter ihnen offene Ohren und Herzen (vgl. Apg 16,14).

Und damit ist alles wieder in bester Ordnung? Nicht ganz! Denn da ist ein Gast von der „Straße“, der offensichtlich keine Notwendigkeit sieht, das ihm vom Gastgeber angebotene festliche Gewand anzunehmen und anzuziehen. Er hält sich selbst für gut und würdig genug, an dieser Hochzeitfeier teilzunehmen wie er nun mal ist – und wird schließlich im hohen Bogen in die Finsternis hinausgeworfen...

Nur akzeptiert und toleriert zu werden, wie ich nun mal bin, das scheint bei Jesus nicht alles zu sein. Die Losung der humanistischen Psychologie „Ich bin okay – du bist okay“, die inzwischen auch in der Kirche zum Evangelium erhoben wurde, ist offensichtlich nicht Jesu Losung. Was er da gleichnishaft mit diesem dicken Ende sagt, meint doch: So wie du kommst, kannst du nicht bleiben. Die „Straße“ muss abgelegt und etwas „Passendes“ muss angezogen werden. Schließlich ist es ein Hochzeitsmahl – und kein Stammtisch.

Zum Zeichen des Beginns eines anderen, neuen Lebens wurde schon in der frühen Christenheit einem (erwachsenen) Täufling ein weißes Taufgewand angelegt – und das meint mit den Worten eines Liedes: "Ich habe Jesus angezogen, schon längst bei meiner Heilgen Tauf..." (EG 530,5) Oder mit Paulus: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, ihr habtChristus angezogen.“ (Gal 3,27). Und das hat für Paulus konkret:e Folgen: „So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heilgen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld... Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit." (Kol 3,12ff) - Das alles anzuziehen geht aber nicht, ohne anderes abzulegen - worauf ebenfalls Paulus hinweist: "Legt von euch abden alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet...und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit." (Eph 4,22f) Denn da muss doch ein Unterschied sein zwischen dem alten Menschen, dem es alleine darauf ankommt, von andern - und selbstverliebt von sich - akzeptiert und toleriert zu werden, wie er nun mal ist - und dem neuen Menschen, der „in Christus“ eine „neue Kreatur“ wird.

Dass ich bei der Taufe die Lumpen des alten Menschen ablege und das Kleid des neuen Menschen anziehe und also mein Leben eine andere „Gestalt“ bekommt - „Kleider machen Leute“ -, darin zeigt sich – nach Jesu Gleichnis - die „Auserwähltheit“. Und diese ist anscheinend mit großen Ernst verbunden. Es ist derselbe Ernst, der auch auf der Berufung und Erwählung Israels liegt. Denn die christliche Kirche ist – nach Paulus - eingepfropft in den Ölbaum Israel – und teilt deshalb mit Israel dasselbe Schicksal! (vgl. Röm 9-11) Dass von dem „Ölbaum Israel“ manche „Zweige“ ausgebrochen wurden, könnte darum auch zum Schicksal der Kirche werden. Oder mit den Worten Jesu an seine Jünger: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ (Mt 5,20)

Mit seinem „Gleichnis von der königlichen Hochzeit“ hält Jesus eben nicht nur den führenden Persönlichkeiten des jüdischen Volkes den Spiegel vor, sondern auch den (führenden Persönlichkeiten von uns) Christen, die zu leichtfertig meinen; durch die Taufe berufen und eingeladen zu und also bejaht und angenommen zu sein wie man nun mal ist („Rechtfertigung“), reiche schon – und sich dabei im Vergleich mit den ursprünglich geladenen Gästen auch noch leichtfertig als die Besseren vorkommen oder sich gar an deren Stelle setzen. - Vor solch verhängnisvollem Hochmut warnt wiederum Paulus: „Darum sieh die Güte und den Ernst Gottes: den Ernst gegenüber denen, die gefallen sind, die Güte Gottes aber dir gegenüber, sofern du bei seiner Güte bleibst. Sonst wirst auch du abgehauen werden." (Röm 11,22)

Aber nehmen wir Christen die Güte Gottes noch ernst – oder ist sie uns „der liebe Gott“ nicht zu selbstverständlich geworden? Bedenken wir noch, dass es eben nicht genügt, dass wir uns von Gott einfach nur angenommen und bejaht, geachtet und geliebt fühlen, sondern dass gerade „Gottes Güte uns zur Buße, zur Umkehr leitet“ ( Röm 2,14; vgl. Lk 19,1ff - „Heiligung“)? Vielleicht ist in unseren Kirchen der prophetische Ruf zur Umkehr und Buße deshalb so leise geworden, weil auch wir bei unserem kirchlichen „Geschäft“ und auf unserem persönlichen „Acker“ noch noch bestätigt und bejahrt werden wollen?! Haben wir deshalb das „prophetische Amt“ – den Ruf zur Umkehr, zur Lebensänderung – weitgehend manch andern außerhalb der Kirche überlassen und uns stattdessen vor allem auf das „priesterliche (seelsorgerlich-diakonische?) Amt“ zurückgezogen – und betonen deshalb so sehr das „Priestertum aller Gläubigen“? Segnen ab, was gesellschaftlich im Trend liegt, um selber im Trend zu liegen und gesellschaftlich anerkannt und wertgeschätzt zu werden? - wohl wissend, dass die Propheten gegen den Strom, gegen den mainstream schwammen und kaum oder keine Anerkennung fanden!

Merkwürdigerweise tut dies nicht so sehr die „priesterlich“ orientierte röm.-kath. Kirche, sondern gerade die evang. Kirche, welche doch ursprünglich hervorging aus dem prophetischen Ruf zur Umkehr, Buße - „95 Thesen“! (vgl. schon die 1. These!) –, der jedoch jenem Mönch und Theologieprofessor in seiner „priesterlichen“ Kirche fast das Leben gekostet hätte; wie zuvor manch anderen „Propheten“ in der Geschichte der Kirche!

Jener Mönch und Theologieprofessor scheint jedenfalls etwas von dem Ernst der Güte Gottes erkannt und verstanden zu haben, weshalb sein reformatorisches Anliegen der „Umkehr“ auch von einer großen Ernsthaftigkeit zeugt – während gerade unter evang. Christen heute ihr Christsein spätestens dann aufhört, wenn es keinen Spaß mehr macht...

Aber ob nicht solch einer Haltung für die christliche Kirche genauso ein dickes Ende bedeuten könnte? Wer weiß... Amen.


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Predigt zum Sonntag Trinitatis über Jes 6,1-13 (III)

 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel. Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das Haus ward voll Rauch. Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.

Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, daß deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei. Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet's nicht; sehet und merket's nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und laß ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, daß sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen. Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt. Denn der HERR wird die Menschen weit wegtun, so daß das Land sehr verlassen sein wird. Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals verheert werden, doch wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein. 

Es hört sich wie ein Vorwurf an, entspricht aber den Tatsachen: Wir sind beschränkt – auf das, was unsere fünf Sinne wahrnehmen: Was wir sehen, hören, riechen, schmecken, tasten – das ist für uns die „Wirklichkeit“; und bildet den festen Rahmen unseres alltäglichen Lebens. Allerdings gibt es tatsächlich Menschen mit einem „6. Sinn“, was diese allerdings eher als belastend empfinden – und sich nicht „outen“!

Und doch versuchen wir uns von jeglicher Beschränktheit und Begrenztheit zu befreien; wollen grenzenlos, schrankenlos werden – so auch im „Rausch“, etwa durch Drogen. Dann kommet alles „ins Schwimmen“ – oder löst sich gar auf. Solche Drogen sind nicht mehr nur natürliche Drogen wie Alkohol oder Heroin, sondern es sind immer mehr künstliche Drogen. Sie reichen vom LSD des letzen Jahrhunderts bis hin zu modernen Designerdrogen aus dem Labor. Und wie solche Kunstdrogen, hat auch die Gentechnik denselben Ursprung: das Labor – und dasselbe Ziel: natürliche Grenzen zu überschreiten. Das Labor  ist die Gebärmutter der der „schönen neuen Welt“ der Zukunft – auch des „schönen neuen Menschen“? - Und das ist nicht nur ein globaler Trend, sondern ein fast unwiderstehlicher Sog. Und so gibt es neben der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen auch eine spirituelle Entgrenzung, vor allem in interreligiös-mystischer Gestalt. Dabei geht es um das „Eintauchen“ und „Verschmelzen“ mit dem „Unendlichen“, dem „Kosmischen“, dem „Universum“, dem „All-Einen“.

Wohin auch immer solch spirituelle Entgrenzung führt, zu welchen Mächten und Kräften, zu welchen Engeln und Energien, zu welchen Geistern und Göttern, - sie führt jedenfalls nicht zu dem Gott, den die Bibel bezeugt. Denn solch künstlich entgrenzte Religiosität / Spiritualität gründet im Willen des Menschen – und bleibt beim Können des Menschen. Erweitert nur seinen beschränkten Radius mehr oder weniger; überschreitet/transzendiert jedenfalls nicht „die Welt“ auf – Gott hin. Es bleibt eine „immanente Transzendenz“!

Anders, wenn sich plötzlich und unerwartet, gewaltsam und ungewollt eine „Dimension“ öffnet, die einen erschaudern und erschrecken lässt – wie es einige Propheten bei ihrer Berufung erfahren haben (vgl. Am 3,8; Jer 20,7; Ez 1,28). Und zu diesen gehört auch Jesaja. Plötzlich und unerwartet sieht und hört er – was er sonst nicht sieht und hört.

Er befindet sich wohl gerade im Tempel zu Jerusalem, Opfer werden dargebracht. Und plötzlich wird für ihn alles transparent auf eine verborgene Tiefendimension hin, die wir mit unseren fünf Sinnen nicht wahrnehmen: Jesaja schaut in das Allerheiligste, obwohl dieses durch einen Vorhang verhängt ist. Im Allerheiligsten befindet sich im Dunkeln die Bundeslade mit den 10 Geboten darin und merkwürdigen Engelwesen darauf, Seraphim genannt. Das Allerheiligste im Tempel ist der Ort, von dem es heißt, dass Gott hier seine „irdische Wohnung“, seinen irdischen Thron habe. Und plötzlich sieht Jesaja, wie von dorther der Saum (seines Mantels) samt Rauch den ganzen Tempel erfüllt - und er hört den gewaltigen Ruf jener himmlischen Wesen, die aus Scham und Scheu ihre Augen und Füße verhüllen: „Heilig, heilig, heilig ist der HErr/JHWH Zebaoth, der Herr der Heerscharen; alle Lande sind seiner Ehre voll.“ (vgl. Offbg 4,8; Liturgie bei der Feier des Hlg. Abendmahls!)

Das hebräische Wort „heilig“ geht mit „abgeschnitten“, „abgetrennt“, „abgesondert“ einher. Gott als „der Heilige“ ist kein vergöttertes Stück dieser Welt. ER ist der „ganz Andere“. Seine Gegenwart wahrzunehmen, kann entsprechend nur „in Furcht“ geschehen: Erschrecken angesichts der für einen Menschen unfasslichen Größe, „Herrlichkeit“/“Gewichtigkeit“ Gottes.

Da wir aber „weltimmanent“ denken und leben, ist uns solche „Gottesfurcht“ fremd geworden - was wir als Befreiung/Emanzipation empfinden. Uns ist niemand „übergeordnet“ und wir sind niemandem „untergeordnet“. Wir begegnen uns auf gleicher Augenhöhe. „Keine Hierarchie“ - ist das Postulat der Demokratie. Und so „fürchten“ wir uns auch nicht mehr vor einem dreimalheiligen Gott, sondern nur noch – vor dem ganz profanen Menschen. Im biblischen Sinne kann uns deshalb auch nichts mehr „heilig“ sein – und unserem Zugriff entzogen. Alles unterliegt unserer Verfügungsgewalt. Folglich gib es auch keine Tabus, keine Schamgrenzen mehr. Alles ist erlaubt – wenn es denn nützt.

Auch in Israel, im Volk Gottes, kommt dieser Gedanke immer wieder mal auf. Inmitten des politischen, religiösen und wirtschaftlichen Treibens macht sich Gottvergessenheit und damit Selbstversessenheit breit. Man ist versessen auf seine Macht - als König oder Priester oder Ökonomen. - Dahinein schickt Gott seine Propheten. Sie werden berufen, um das Volk Gottes an seinen Gott, an dessen Heiligkeit zu erinnern – aber auch daran, dass das Volk Gottes ebenso heilig sein soll wie sein Gott, also „abgeschnitten“, „abgetrennt“, „abgesondert“ von den andern Völkern – und damit anders als diese. Diese „Andersheit“, die von den andern als „Fremdheit“ empfunden wird, ist der hohe Preis und die Last der „Auserwähltheit“ – weshalb Israel immer wieder gar nicht „auserwählt“ sein will, sondern allen andern Völkern und ihren Göttern gleich.

Wie alle andern Propheten wird nun auch Jesaja berufen, das Volk Gottes an seinen ganz anderen Gott, an „den Heiligen“ und seine Gebote zu erinnern – und es zur „Umkehr“ zu rufen; also zu einem „geheiligten“ Leben gemäß Gottes Gebot/Recht.

Aber wie soll das möglich sein, wenn man selber zu jenen gehört, die man zur Umkehr, zur Änderung ihres Lebens rufen soll?! Wer hingegen seine eigene „Unwürdigkeit“  nicht erkennt, ist blind gegenüber sich selbst – und sieht die Fehler anderer deshalb umso größer; ist nicht berufener Prophet, sondern selbsternannter Moralapostel. Jesaja wird sich seiner „Unwürdigkeit“ sofort bewusst, erschrickt zutiefst und ruft aus: „Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den Herrn/JHWH Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“

Damit nun Jesaja überhaupt Prophet und also Mund Gottes vor den Ohren der Menschen sein kann, nimmt ein Seraphim eine glühende Kohle vom Altar und reinigt seine Lippen, nimmt damit Schuld und sühnt damit Sünde – und befähigt Jesaja zum Dienst als Prophet. Für Jesaja beginnt damit eine „andere“ Zeit. Aber schon dieser schmerzhafte Vorgang der „Reinigung“ lässt ahnen, dass es auch später bei der Verkündigung nicht ohne Schmerzen zugehen wird! - Doch will Jesaja das wirklich auf sich nehmen? – oder doch besser absagen?

Da Gott niemanden mit Gewalt zwingt, hört Jesaja die Stimme Gottes: „Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?“ – und er antwortet: „Hier bin ich, sende mich!“ Ob Jesaja weiß, auf was er sich damit einlässt? - Doch nachdem auch diese Hürde genommen ist, erscheint schon die nächste – und schwerwiegendste: Jesaja muss reden – aber er wird nur auf taube Ohren und versteinerte Herzen stoßen. Die Menschen hören zwar, aber sie verstehen nichts; sie sehen zwar, aber sie merken nichts. Jesaja kommt nicht an, hat keinen Erfolg. Die Menschen wollen und werden die Richtung ihres Sinnens und Trachtens nicht ändern, sondern weitermachen wie bisher. Aber noch schlimmer: Gott selber wird es fügen, dass die Menschen noch trotziger, noch verbissener, noch verbohrter, noch verstockter werden – und alles endet in der Zerstörung des „heiligen Landes“ und in Wegführung/Deportation seiner Bewohner in ein fremdes Land (Babylonien).

Auch wenn er es nicht mehr selber erleben muss: Jesaja musste es kommen sehen – und das ist schon bitter genug. Um nicht in Verzweiflung zu versinken, erhält er für sich ein seltsames Trostwort Gottes: Israel gleicht dann zwar einem gefällten, aber nicht entwurzelten Baum „…wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.“ (vgl. 11,1) Jesaja selber redet dann von einem übriggebliebenen „Rest“ (vgl. 1,9 u.ö.).

Insbesondere seit Jesaja im 8. Jhdt. v. Chr. hat Israel durch die Jahrtausende bis hinein in unsere Zeit immer wieder diese Erfahrung gemacht: Wie ein gefällter Baum – aber nicht entwurzelt. Nicht die Masse, sondern ein „Rest“, ein heiliger Same“ (vgl. Lk 12,32); nicht aus dem „spirituellen Labor“ interreligiös gesinnter Menschen, sondern aus der Kraft und der „Heiligkeit“ dessen, der die „Toten“ zum „Leben“ erweckt.

Doch wenn die „heidenchristliche Kirche“ – wie der Judenchrist Paulus schreibt – „in den Ölbaum Israel eingepfropft“ (Röm 11,17ff) ist, wird sie dann nicht auch immer wieder diese Erfahrung machen – zusammen mit Israel? Wahrscheinlich  - ganz gewiss! Amen.