das ist aber wirklich die letzte...


Predigt am vorl. Sonntag im Kirchenjahr zu Lk 16,1-9 (III)

  Jesus sprach zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz.  Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.  Der Verwalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln.  Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.  Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und fragte den ersten: Wieviel bist du meinem Herrn schuldig?  Er sprach: Hundert Eimer Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig.  Danach fragte er den zweiten: Du aber, wieviel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Sack Weizen. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig. 

Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.  Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.  

Das ist moralisch eine höchst bedenkliche Geschichte. Doch Jesus greift sie höchst unbedenklich auf. Gewiss nicht zum Vorbild, sondern als Gleichnis. Und bei einem Gleichnis kommt es auf den Vergleichspunkt an. Und den gilt es zu finden.

Da veruntreut also ein Verwalter die Güter seines Herrn. Der erfährt das und zieht ihn darüber zur Rechenschaft und diesen erwartet daraufhin die Kündigung. - „Was soll ich tun?“, fragt er sich – und es kommt ihm der rettende Gedanke: Als letzte Amtshandlung lässt er die Schuldner seines Herrn kommen - und verringert durch Urkundenfälschung eigenmächtig deren Schulden. Erneut zu Lasten seines Herrn – was eigentlich der Gipfel aller bisherigen Veruntreuung ist! - Aber - so macht er sich Freunde; und die braucht er dringend – in der Zeit nach seiner kommenden Entlassung. Dann will er weder schwer arbeiten, noch auf der Straße landen, sondern von jenen aufgenommen werden, die er im letzten Augenblick noch begünstigt hat.

„Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter...“ Und der „Herr“ – typisch Lukas! -. kann nur Jesus selber sein. Aber der Herr lobt nicht dessen unrechtmäßige Machenschaften, sondern „weil er klug gehandelt hatte...“. Darum trägt dieses Gleichnis bei Jesus die Überschrift „Vom klugen Verwalter“ – und nicht die moralische Überschrift „Vom unehrlichen Verwalter“ – wie in der Luther-Bibel! Die Klugheit ist der entscheidende Vergleichspunkt in diesem Gleichnis. Und darauf kommt es Jesus – zunächst - an.

Und in der Tat: Sich in letzter Minute durch einen Schuldenerlass Freunde zu machen, zeugt doch von Klugheit - mag auch die Handlung unter moralischen oder rechtlichen Gesichtspunkten höchst verwerflich sein. Zwar sind Freundschaften auf finanzieller Basis hauchdünn gegründet und halten menschlichen Belastungen meist nicht lange stand. Das Geld verbindet Menschen so schnell wie es sie auch wieder trennt – meist des Geldes wegen. Und echte Freunde kann man sowieso nicht kaufen – und wird sie auch nicht um Geld verkaufen. Und ob dieser Verwalter später dann bei allen eine offene Tür findet, das steht auch noch dahin. Aber in seiner – selbstverursachten - Not tut dieser Verwalter das einzig Richtige und handelt darin klug. Und das ist für den Herrn, für Jesus, des Lobes wert ist.

Aber auch noch in anderen Gleichnissen spielt Klugheit eine entscheidende Rolle. So im „Gleichnis von den fünf klugen und fünf törichten Jungfrauen“ (Mt 25,1ff). Fünf sind klug, weil sie nicht nur Öl in ihren Lampen, sondern auch noch Öl in Reserve haben. Und im „Gleichnis vom treuen und klugen Verwalter“ (Lk 12,42ff) hat dieser die Knechte seines Herrn in der Zeit von dessen Abwesenheit klugerweise weder geschlagen noch für sich ausgebeutet, sondern fürsorglich behandelt.

In allen drei Gleichnissen endet eines und beginnt Anderes– ohne, dass man genau weiß, wann es der Fall sein wird: dass dem untreuen Verwalter gekündigt wird und er auf der Straße steht; dass der Ruf ertönt: Der Bräutigam kommt und man mitten in der Nacht aufbrechen muss; dass jener Hausherr zurückkehrt und als Aufsicht über sein Dienstpersonal man ihm Rechenschaft geben muss. Das alles kann plötzlich eintreten – und dann zeigt sich, ob jemand klug oder töricht gehandelt hat.

Klugheit ist weitsichtig und bedenkt, was plötzlich und unerwartet am Horizont erscheinen könnte. Torheit hingegen ist kurzsichtig und hat einen engen Horizont. Sie ist beschränkt - auf das Heute. Klugheit ist bedacht – auf das „Morgen“. Um „morgen“ aufgenommen zu werden, lässt der Verwalter „heute“ die Schulden nach. Um „morgen“ auf der Hochzeitsfeier rechtzeitig anzukommen, nehmen die fünf klugen Jungfrauen „heute“ auch noch Öl in Reserve mit. Um „morgen“ vom Hausherr nicht getadelt zu werden, geht „heute“ die Dienstaufsicht mit dessen Angestellten ordentlich um. Und das, obwohl „morgen“ als Zeitpunkt völlig ungewiss ist. Völlig gewiss hingegen ist, dass „morgen“ unausweichlich kommt. Wann die Entlassung kommt, der Bräutigam kommt, der Hausherr kommt, ist nur eine Frage der Zeit. Es wäre deshalb Torheit, die bis dahin noch vorhandene Zeit mit kurzsichtigem Denken nach kurzfristigen Erfolg zu vergeuden. Das weiß im Besonderen jedes Wirtschaftsunternehmen - und im Allgemeinen jeder Mensch. Deshalb stellt Jesus den „Kindern des Lichts“ die „Kinder dieser Welt“ als Vorbilder hin: dass diese – exemplarisch für sie der „kluge“ Verwalter – in irdischen Dingen meist klüger und also weitsichtiger sind als die „Kinder des Lichts“ in geistlichen Dingen. Deren geistlicher Horizont ist oftmals sehr eng auf das Hier und Heute und - damit auf sich selber beschränkt, auf ihre eigene religiöse oder spirituelle Befindlichkeit. Sie haben mehr ihren gegenwärtigen Zustand im Blick und weniger – ihren kommenden Herrn.

Doch warum liegt das „Kommen“, die „Ankunft“, der „Advent“ unseres Herrn nicht nur außerhalb unseres Blickfeldes, sondern ist überhaupt nahezu unwahrscheinlich? Schließlich gibt es doch ein Widerfahrnis, das zwar in der Sache höchst verschieden, ja. sogar entgegengesetzt ist und doch darin höchst ähnlich, dass es ebenfalls ganz gewiss kommt, vielleicht sogar plötzlich und unerwartet eintritt, uns unverhofft aus allem herausreißt – und in seinem „Erscheinen“ völlig unvorstellbar ist; denn wissen wir gar nicht genau, was es ist – obwohl wir es schon x-mal erfahren haben - an anderen; nur nicht - an uns selbst: Das Sterben, der Tod. Und das Kommen des Todes verdrängen wir Menschen im Allgemeinen genauso aus unserem Bewusstsein – wie Christen im Besonderen das Kommen ihres Herrn. Aber schon das Verdrängen des Todes wäre nach dem Zeugnis der Bibel Torheit – weshalb ein Psalmbeter bittet: „Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“. Dann macht also schon das von Gott gelehrte Bedenken der Begrenztheit des irdischen Lebens klug, weil wir ansonsten das rechte Maß verlieren und gründen unser Leben in Torheit auf das maßlos unbegrenzt Verfügbare, Habbare – welches doch genauso sterblich und vergänglich ist wie wir selbst. -

Doch worin besteht nun die besondere Klugheit der „Kinder des Lichts“? Sie besteht darin, dass sie das möglicherweise plötzliche Kommen ihres Herrn, seine Ankunft, seinen Advent in sich wachhalten – zumal sie nicht wissen können wann ER kommt. Darum ermahnt Jesus die Seinen: „Wachet, denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer HErr kommt.“ (Mt 24,42) Und weil sie sich nicht vorstellen können wie er kommt, lässt er sie gleichnishaft wissen: „Wie der Blitz ausgeht vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird auch das Kommen des Menschensohns sein.“ (Mt 24,27) Also nicht zu übersehen.

Gottesdienstlicher Ausdruck solcher Wachheit angesichts bedrängender Ereignisse und Nöte in der Welt ist bei der Feier des Herrenmahls in der frühen Christenheit der (aramäische) Jubelruf: „Maran-atha – unser Herr kommt. Ja, Herr Jesu, komme bald!“ Frohe Gewissheit – „unser Herr kommt“ - und drängende Bitte – „Ja, Herr Jesu, komme bald!“ in einem. Und mit ebensolcher Zuversicht und Inbrunst lehrt Jesus die Seinen beten und bitten: „Vater unser im Himmel, …dein Reich komme“. Endlich!

Eine Kirche, die von der Heillosigkeit dieser Welt nicht mehr bedrängt wird und das Heil Gottes für sie nicht mehr erwartet und herbeisehnt, ist in wahrhaftig eine „weltfremde“ Kirche und eine Kirche ohne Zukunft. Weil sie von der Not dieser Welt nicht mehr bedrängt wird, drängt sie auch ihren Herrn nicht mehr zu seiner Ankunft, zu seinem Advent. Betet und bittet ihren anscheinend „schlafenden“ Herrn nicht mehr: „Wach auf, wach auf, s'ist hohe Zeit, Christ sei mit deiner Hilf nicht weit…“ (EG 244) Stattdessen träumt sie von einer heilen Welt; wird zu einer Kirche mit schönen Träumen, Visionen, Illusionen und wiegt sich darin in Sicherheit. Auch für diese Kirche muss man den Herrn bitten: „Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit…“ (EG 262,2) Außerdem ist eine verschlafene Kirche kaum attraktiv. Attraktiv, anziehend aber ist sie für andere, wenn sie spürbar von ihrem Herrn angezogen wird. Wenn dieser „Zug“ auf ihrem Weg durch die Zeiten spürbar ist – und also zu spüren ist: Da zieht etwas über den zeitlichen Horizont hinaus und wird von dort her angezogen. Da sprengt etwas jeden irdischen und damit auch kirchlichen Rahmen auf den kommenden Herrn hin und schaut ihm hoffnungsvoll entgegen und richtet sich getrost auf ihn aus.

Diese Ausrichtung auf den ganz gewiss und vielleicht plötzlich kommenden Herrn ist jedoch nicht nur allgemein, sondern noch in einer ganz besonderen Weise klug. Denn ganz zum Schluss bringt Jesus auch etwas Inhaltliches vom Gleichnis zur Geltung, nämlich den „ungerechten Mammon“, das Geld. – und sagt seinen Jüngern: „Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.“

Damit setzt Jesus den ungerechten Verwalter den Seinen nun doch – in bestimmter Weise! - zum Vorbild, indem er ihnen sagt: Nutzt auch ihr den ungerechten Mammon - allerdings nicht, um euch irdische Freunde zu machen, sondern solche Freunde, die euch aufnehmen in die ewigen Hütten, wenn der ungerechte Mammon zu Ende geht. Bis dahin nutzt den ungerechten Mammon für etwas Zukünftiges jenseits des irdischen Horizontes. Und die Freunde, die man mit dem ungerechten Mammon gewinnen soll, damit sie einen einst aufnehmen in die ewigen Hütten, sind gewiss nicht die, die hier auf Erden in Palästen wohnen. Es sind eher ganz gewiss jene, die hier auf Erden vielleicht nicht mal eine Hütte haben – unter denen ER aber seinen Platz eingenommen hat (vgl. Lk 9,58) – und in welchen letztlich ER selber den Seinen begegnet (vgl. Mt 25,31ff). Amen.


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Predigt am drittletzten Sonntag i. Kj. zu Lk 11,14-23 (III)

  Und Jesus trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich.  Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten.  Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.  Er aber erkannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: @Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet, und ein Haus fällt über das andre.  Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die bösen Geister aus durch Beelzebul.  Wenn aber ich die bösen Geister durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein.  Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.  Wenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden.  Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute.  Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut."

Eigentlich gehören Geister und Dämonen nicht mehr zu unserem „modernen Weltbild“. Ebenso wenig Hexen und Zauberer. Und deshalb kann eigtl. auch niemand mehr vom Teufel besessen sein - wie im „finsteren Mittelalter“. Und doch - treiben solche Mächte und Kräfte massenweise in der Phantasy-Literatur oder in Phantasy-Filmen ihr magisches Wesen und Unwesen – während die Psychologie sie höchst „aufgeklärt“ zu innerpsychischen Mächten und Kräften erklärt hat. Demgemäß sind sie ein immanenter Teil des Menschen selbst – und kommen nicht eigenständig „außerhalb“ von ihm vor.

Und doch kommt vieles „von außen“ – und geht in uns ein und haust in uns, treibt uns um und reibt uns auf, nimmt von uns Besitz und macht uns „besessen“: Eindrücke, Erlebnisse, Begegnungen, Erfahrungen – die zu Hoffnungen oder Ängsten werden.  

Auch die Psychologie weiß natürlich, dass der Mensch kein abgeschlossenes Individuum ist, sondern immer im fließenden Austausch mit seiner „Umwelt“ steht. Und diese „Umwelt“ ist eben nicht nur materieller Art, sondern da sind auch geistige Mächte und Kräfte, Dynamiken am Werk, denen er ausgesetzt ist. Wir sind – auch wenn es uns gar nicht gefällt - weniger „selbstbestimmt“, sondern mehr „fremdbestimmt“. Denn wir sind ständig Einflüssen, Meinungen, Stimmungen, Verführungen, Trends, Moden ausgesetzt, nehmen sie in uns auf und machen sie uns selbst zu eigen. Sie werden ein Teil von uns selbst. Letztlich lässt sich deshalb gar nicht eindeutig sagen, ob etwas „ganz authentisch“ aus mir selber kommt oder von außen bedingt und verursacht ist.

Und unter all den Mächten und Kräften, die auf uns einströmen und die von uns ausströmen, sind gewiss auch zerstörerische Mächte und Kräfte. Und die sind keine Phantasie, sondern reale Lebenserfahrung. Deshalb sieht auch die Psychotherapie ihre Aufgabe darin, einen Menschen von Zwang und Wahn zu befreien, von denen er „wie besessen“ ist und damit möglicherweise sich oder andere zerstört. Die Psychotherapie ist ein „Exorzismus“ der humanwissenschaftlichen Art. - Das ist das eine.

Das andere ist: Wenn das Zeugnis des Neuen Testaments von Dämonen und bösen Geistern spricht, dann geht es nie um die Frage: Glaubst du, dass es Dämonen und böse Geister gibt? Glaubst du, dass es den Teufel gibt? Gehören diese zu deinem „gläubigen Weltbild“? Sondern: Glaubst du, dass Jesus die Macht und Kraft hat, von solch zerstörerischen Mächten und Kräften zu befreien, zu erretten, zu heilen? Und wenn er das kann und tut (vgl. Mk 9,23), dann ist auch ER ein „Therapeut“ – wenn auch ganz anderer und besonderer Art. Und dann stellt sich schon die Frage: Und woher hat er hierzu die Macht und Kraft, woher die Vollmacht, solches zu tun?

Wenden wir uns nun dem biblischen Zeugnis zu: „Und Jesus trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme.“ Wie sehr hier ein Böser Geist und ein stummer Mensch ineinander übergehen zeigt sich daran, dass dieser stumme Geist einen Menschen stumm macht – und dieser Mensch erst dann wieder redet, nachdem der stumme Geist ausgefahren ist.

Wir diagnostizieren hier einen autistischen, d.h. in sich verschlossenen, ja geradezu eingeschlossenen und also zur Gemeinschaft kaum oder gar nicht fähigen Menschen. Denn die Gemeinschaft unter Menschen gründet im Wesentlichen in der Verständigung durch Sprache. Und Sprechen ist ein Akt des Geistes. Und der Geist dieses Menschen ist hierfür blockiert – und deshalb ist dieser Mensch verstummt; was höchst verschiedene Ursachen haben kann. Meist sind es jedoch irgendwelche schockierende Erfahrungen und Erlebnisse.

Doch während wir mit dem Auffinden dieser Ursache auch ihre Auswirkungen zu therapieren versuchen, treibt Jesus in Vollmacht solch einen stummen und einen Menschen verstummenden und also „bösen Geist“ einfach aus. Wie er das tut, wird nicht bezeugt. Dafür aber, dass der Stumme anschließend wieder redet – und also geheilt ist. Und Heilung meint in der Bibel immer, dass ein Mensch wieder zur Gemeinschaft fähig ist. Und dazu gehört in der Bibel, dass er (wieder) reden und beten kann. -

„Und die Menge verwunderte sich“, heißt es ob der Tat Jesu. Denn es ist ein „Wunder“. Und ein Wunder ist etwas Wunderbares, das wir eigtl. nicht mehr erwarten - weil wir vielleicht schon alle Hoffnungen aufgegeben haben. Und plötzlich geschieht es… Würde jenes „Wunderbare“ unter uns geschehen, dann würden auch wir uns nicht nur freudig verwundern, sondern vielleicht auch skeptisch fragen: Da kann doch etwas nicht stimmen; da geht doch etwas nicht mit rechten Dingen zu; da muss doch etwas faul sein. Und wir suchen sofort ein Haar in der Suppe. Und finden immer eines…

Nichts anderes tun manche mit den Worten: „Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzubul, ihren Obersten.“ Für sie kann Jesus nur mit dem Teufel im Bunde stehen. Vielleicht, weil ER dann für sie abgehakt und erledigt ist. Sie müssen sich nicht weiter mit ihm beschäftigen und auseinandersetzen. Denn den „Teufel“ soll man meiden. Zurecht!

Andere hingegen wollen Jesus nicht verteufeln, fordern aber von ihm „ein Zeichen vom Himmel“, dass er mit Gott im Bunde stehe. Denn schließlich wird hier jemand geheilt. Und das müsste eigtl. etwas mit Gott zu tun haben. Aber so sicher sind sie sich nun auch wieder nicht – und fordern deshalb ein „Zeichen vom Himmel“, das ihn als Bevollmächtigten Gottes ausweist. Und diese Forderung nach einem „Zeichen vom Himmel“ hat ihr Recht. Denn die Menschen spüren nicht nur: Hier kommt durch diesen Jesus in diesem stummen Menschen eine übermenschliche Macht und Kraft zum Zuge. Sie wissen auch zugleich: Auch der Teufel kann Heilungswunder tun, denn – so M. Luther – er ist „der Affe Gottes“. Er äfft Gott nach. Doch alles, was er tut, beruht rein auf dem äußeren Schein, ist hohles, leeres, nichtiges Blendwerk. So scheint er es mit den Menschen auch immer nur gut zu meinen – und so auch mit Jesus in der Wüste: Als Sohn Gottes könne er sich doch mal etwas Gutes tun und Steine zu Brot verwandeln und seiner Hungerleiderei ein Ende machen. Aber es geht dem Teufel nicht um Jesus; es geht ihm um sich selbst – was dann die letzte Versuchung auch zeigt: Jesus soll vor ihm niederfallen und ihn anbeten.

Ob also durch Jesus wirklich Gottes heilende Macht und Kraft wirksam ist oder des Teufels Blendwerk, das bedarf tatsächlich eines „Zeichens vom Himmel“. Denn die Frage ist berechtigt: Mit wem steht Jesus im Bunde? Aus welcher Quelle schöpft er die Kraft für seine Worte und Taten, zumal diese tatsächlich über das „normale menschliche Maß“ hinausgehen?!

Auf die „Zeichenforderung“ geht Jesu erst später ein – und spricht dann vom „Zeichen des Jona“ als Gleichnis für ihn selbst (11,29ff). Jetzt aber geht er ein auf den schwerwiegenden Vorwurf, mit dem Teufel im Bunde zu stehen und also nach außen den schönen Schein zu wahren, aber ansonsten nur Zerstörung anzurichten – und sagt: Wenn ein Reich untereinander uneins ist, dann kann es doch nicht bestehen, sondern löst sich selber auf. So auch das Reich des Bösen. Und außerdem: wenn eure eigenen Söhne Menschen von bösen Mächten und Kräften befreien und heilen – was sie auch tun – stehen die dann auch mit dem Bösen im Bunde? Warum stellt ihr bei mir in Frage, was ihr bei andern und euch selber akzeptiert? - Und damit sagt er: Es geht hast nicht um die berechtigte Frage nach der Vollmacht. Es geht von vornherein um die Ablehnung Jesu durch die führenden Persönlichkeiten. Vor allem lehnen sie seinen Anspruch ab, dass mit seiner Person das Reich Gottes zu ihnen gekommen ist; also auch, wenn er „durch den Finger Gottes die bösen Geister austreibe“.

Wie seltsam: bei den einfachen Menschen, beim „Volk“, kommt Jesus eher an als bei den führenden Persönlichkeiten des Volkes. Mit ihnen entfachen sich immer wieder heftige Streitgespräche. Und diese sind oftmals so in sich verwoben, dass sie kaum gelöst werden können. Vielleicht hat Jesus auch aus diesem Grund seine Gegner öfters einfach stehen lassen und ist davongegangen (vgl. Mt 16,4; 21,17). Hingegen sagt er am Ende dieser Auseinandersetzung: „Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich. Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“ Deshalb ein hartes Wort, weil es jede Gleichgültigkeit ihm gegenüber ausschließt und Entschiedenheit fordert im Blick auf den Anspruch, den ER für sich geltend macht (vgl. Lk 11,32).

Und an diesem Anspruch - und damit an der Frage: Wer ist ER? - scheiden sich die Geister bis heute. Die einen verneinen, dass mit ihm, mit seinen Worten und Taten und mit seinem Tod und seiner Auferstehung von den Toten das Reich Gottes zeichenhaft angebrochen und „nahe herbeigekommen“ sei. Die andern wissen kein anderes „Zeichen“ als IHN selbst, in dem ihre verwegene Hoffnung und Zuversicht gründet, dass alle zerstörerischen Mächte und Kräfte - im Menschen und um den Menschen - von IHM schließlich überwunden und besiegt werden. Und deshalb auch aller „Autismus“, alle Verschlossenheit des Menschen in sich selbst, alles Verstummen endlich geheilt wird - im freudigen Loben Gottes. Amen.


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Predigt am 21. Sonntag n. Tr. zu Mt. 10,34-39 (III)

 Jesus sagt zu seinen Jüngern: "Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden."

Sollte man diese Worte nicht am besten unter die Kanzel fallen lassen?! Denn das klingt doch überhaupt nicht einladend, sondern eher abstoßend. Ist mal wieder kein niederschwelliges Angebot, sondern eine erschreckend hohe Hürde. Und weiß denn Jesus nicht, dass man mit solchen Worten die Kirchen noch leerer macht?

Dabei hat er doch auch noch ganz andere Worte; denn wie könnte es sonst heißen: „Und alles Volk hörte ihn gern.“ (Mk 12,37) Dann hat er also Zulauf und Zuspruch. Und wohl auch seiner Heilungen wegen wird die Menge immer größer und steigen die Erwartungen, die Hoffnungen, die man auf ihn setzt.

Oder - vielleicht gerade deshalb diese harten Worte? Denn der Haufen, die Menge, die Masse ist ein dynamisches Gebilde, das stimmungsmäßig erheblichen Schwankungen unterliegt und sich immer irgendwelchen Meinungen anhängt. Jesus möchte hingegen die bewusste Entscheidung des einzelnen. Und in diese Entscheidung stellt er hier – wie öfters - seine Jünger.

Zunächst gehen seine Worte auf eine offensichtlich verbreitete Meinung ein und korrigieren diese vor den Ohren seiner Jünger in fast erschreckender Weise: „Ihr sollt nicht meinen…“, sagt er zu ihnen und stellt mit dieser Korrektur die verbreitete Meinung und also Erwartung richtig, dass ER endlich den ersehnten Frieden/Shalom auf die Erde bringen werde; oder – wie es heute heißt - die „versöhnte Verschiedenheit“? Das ist die große Hoffnung, die man auf den Messias, auf den Christus, auf den Gesalbten Gottes setzt, dass er der irdische Friedensbringer ist. Denn wozu sollte er sonst kommen!? Und zu dieser Hoffnung passt scheinbar sehr gut sein Wort: „Ich bin gekommen, dass sie das Leben und volle Genüge haben sollen.“ Jesus, der Lebensbringer. Mit solch einem Versprechen und Vorhaben kann man Menschen für sich gewinnen. Denn „Leben im Überfluss“ wollen wir - vor allem im materiellen Überfluss. Dagegen hört sich sein Wort vom „Leben finden, wenn man’s um seinetwillen verliert“ höchst widersprüchlich an. Und sein Wort vom „Kreuz auf sich nehmen und ihm nachfolgen“ hört sich recht unbequem an. Und dass ER „nicht gekommen sei, Frieden zu bringen, sondern das Schwert“? – das hört sich zunächst mal gewalttätig an - und passt gar nicht zusammen mit jenem Wort, das die Friedensstifter selig preist! - Jesus, du verwirrst! - Oder stellst du klar?

Wir müssen hier genau hinhören und dazu müssen wir den Zusammenhang sehen, in dem Jesu Wort vom Schwert bildhaft steht. In diesem Falle geht es nur um diesen einen Aspekt: Das Schwert scheidet. Und Jesus ist wie ein Schwert, das Menschen scheidet. Und damit ist ER zumindest kein religiöser Kitt für verschiedene religiöse Auffassungen, keine spirituelle Soße über verschiedene spirituelle Befindlichkeiten. Es geht bei Jesus immer im Klarheit durch Wahrheit. Und das macht ihn so unbequem.

Das Zeugnis des Neuen Testaments kennt deshalb viele harte Auseinandersetzungen Jesu mit seinen Gegnern. Und diese Auseinandersetzungen gehen sogar bis hinein in den engsten Kreis der Familie – so auch in Jesu eigener Familie (vgl. Joh 7,5; Mk 3,11). Auch die Familie des Simon Petrus und seines Bruders Andreas war sicherlich nicht erbaut, als diese ihre Fischernetze hinter sich ließen, um sich diesem Jesus anzuschließen. Und auch der Zöllner Matthäus wird bei seinem römischen Arbeitgeber etliches Stirnrunzeln hervorgerufen haben, als er plötzlich seinen höchst lukrativen Arbeitsplatz verließ (Mk 2,11). Auch später gibt es immer wieder große Trennungen und familiäre Auseinandersetzungen, weil Menschen sich dazu entschließen, Jesu Lebensweg für sich anzunehmen und zu gehen, beispielhaft Franziskus von Assisi. Und heute erfahren dies oftmals vor allem Muslime, die Christ geworden sind: Sie sind familiär meist geächtet.

Und das nicht, weil ein mit Jesus verbundener Mensch von sich aus gegen andere Menschen feindlich und unversöhnlich gesinnt ist oder von sich aus Menschen entzweit und Unfrieden stiftet. Ein Christ ist vielmehr dazu berufen, Menschen zu versöhnen und Frieden zu stiften – soweit es an ihm liegt; soweit es ihm möglich ist (Hebr 12,14). Aber er wird eben seltsamerweise genau dabei auf Menschen stoßen, die ihm mit Unversöhnlichkeit und Friedlosigkeit begegnen.

Und weil nun das Bekenntnis zu Jesus solches sich bringt, entsteht dann schon mal die Frage: Soll man um dieses Bekenntnisses willen wirklich den Familienfrieden aufs Spiel setzen? Oder soll man nicht besser um des Friedens willen Jesus - verleugnen? Hierauf das harte Wort Jesu: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“ Aber warum solch harte Worte? - Weil nicht nur Jesus mit dem, was er lebt und lehrt auf Widerstand und Feindschaft stößt, sondern eben auch, wer sich an ihn hält und zu ihm hält, wer sich zu ihm bekennt. Denn wer sich auf ihn einlasst und ihm nachfolgt, auf den geht auch seine „Gesinnung“ über (vgl. Phil 2,5). Aber wenn Widerstand und Anfeindung nahezu unausweichlich sind, dann aus Furcht davor nicht doch eher alles lassen?

Auf diese Furcht seiner Jünger geht ER im Abschnitt zuvor ein und sagt ihnen: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle…Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“ (Mt 10,28.32) - Aber warum ist dieses Bekenntnis zu Jesus so entscheidend – und in Folge dann auch scheidend unter den Menschen? –

Weil er anders ist als alle andern. Wäre ER wie alle andern, würde er nicht auf solchen Widerstand stoßen. Aber wozu wäre er dann gekommen?! Und wären die Seinen nicht anders als der große Haufen – wozu müsste es sie dann geben!? ER hat andere Maßstäbe, lebt andere Werte. Und welche Maßstäbe und welche Werte hat und lebt ER - und ruft damit Menschen in seine Nachfolge und also auf seinen Weg?

Was Jesus bewegt, ist die Barmherzigkeit Gottes, das Erbarmen Gottes mit einer Welt, die mit sich selber knallhart umspringt; gnadenlos rechnet, aufrechnet, abrechnet; fordert und raubt, an sich reißt und verschlingt. Im Gegensatz dazu zeigt sich jenes Erbarmen in der freiwilligen Hingabe des Lebens andern zugute. - Und das ist die Welt gegen den Strich gebürstet. Denn „natürlich“ sind wir darauf bedacht, unser „Kreuz“ eher anderen aufzubürden und empfinden es deshalb als „unnatürlich“, wenn Jesus sagt: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert“, wtl.: „entspricht mir nicht“. Jesus nimmt einem eben das Kreuz nicht ab – das Kreuz, das man mit sich selber hat und mit anderen; vor allem das Kreuz der Verantwortung, das wir sehr gerne auf andere abschieben: Die sind verantwortlich, die sind schuld. Denn es ist einem eben viel leichter, wenn immer die anderen schuld und verantwortlich und der Sündenbock sind – auch für mein eigenes Elend. Dann ist man fein raus.

Und doch schreit unsere Welt, in der ständig „abgeschoben“ wird – Menschen und Schuld -, gerade nach solchen Menschen, die die Last der Verantwortung bewusst auf sich nehmen?! – auch auf die Gefahr hin, dass sie schließlich für alles verantwortlich gemacht und zum Sündenbock erklärt werden – wie Jesus es erfahren hat und wie es dann die Christen beim Zerfall des römischen Reich erfahren haben und man deshalb sagte im Rundumschlag sagte: „Die Christen – später: Juden - sind an allem schuld.“

Und „natürlich“ setzen wir eher auf Selbstfindung, Selbstverwirklichung, Selbsterhaltung, und empfinden es deshalb als eine Zumutung, wenn Jesus sagt: „Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden.“ Aber die Selbstbezogenheit (M. Luther: „homo incurvatus in se ipsum“), der Egoismus - d.h. biblisch die „Sünde“ - kommt kaum aus, ohne über die Leichen anderer zu gehen. Hingegen ist für solche, die sich auf Jesu Wort einlassen, sein Wort keine Zumutung, sondern eine große Verheißung: Sie gehen gerade nicht leer aus, sie laufen gerade nicht ins Leere. Sie finden das Leben, auch wenn sie es scheinbar verlieren. An keinem andern hat sich dies so gezeigt, wie - an Jesus selber.

Menschen, die wohltuend anders sind, sind dringend nötig. Menschen, die nicht aus Angst mit den Wölfen heulen, Menschen, die nicht um des eigenen Vorteils willen stets ihr Fähnchen nach dem Wind hängen, Menschen, die nicht aus Sorge ständig um sich selber kreisen, Menschen, die nicht mitmachen beim allgemeinen Hauen und Stechen und aufeinander Eindreschen, sondern Wunden verbinden und Hände zur Versöhnung reichen statt Fäuste zu ballen. Doch genau diese stoßen schnell auf Ablehnung. Sie passen nicht in das gängige Muster, erfüllen nicht die gängigen Erwartungen.

Mitläufer mit der indifferenten Masse zu sein ist darum tatsächlich vielversprechender und verlockender als Jesus nachzufolgen. Denn was hat man davon? Was bringt's? Jesus zu folgen hat keinerlei nachweisbaren persönlichen Nutzen. Es bringt einem nichts – im Gegenteil: Es fordert von einem persönliche Hingabe und Engagement – und hat seinen Ursprung in der Liebe. Denn Liebe fragt niemals nach dem eigenen Nutzen, sondern ist in Freiheit Hingabe an den andern um des anderen willen, ihm zugute, ihm zu nutz.

Und solches ist das gelebte Bekenntnis zu Jesus. Amen.


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Predigt am 20. Sonntag. n. Tr. zu 1 Mose 8,18-22 (III)

Die ersten elf Kapitel der Bibel sind das „Urgeschehen“, die „Urgeschichte“ von Welt und Mensch. Und aus diesem Urgeschehen geht alles hervor. Die Gegenwart beinhaltet darum alles Vergangene – und birgt den Keim des Kommenden. Das biblische Denken ist darum nicht - wie das unsere - „historisch“ orientiert oder gar fixiert, sondern hat es mit dem „Heute“ zu tun. „Heute“ fallen die Entscheidungen, „Heute“ kommt etwas zutage und wird offenbar.

Und zu dem stets präsenten Urgeschehen gehört: die Erschaffung und Ordnung von Welt und Mensch aus dem Ur-Chaos mit dem abschließenden Qualitätsurteil: „Alles sehr gut“. Doch dazu gehört auch der sog. „Sündenfall“ des Menschen und seine Vertreibung aus dem Paradies/Garten, der Brudermord und die Vertreibung des Mörders, die Sintflut aufgrund der Bosheit der Menschen, der Turmbau zu Babel und das Nicht-mehr-Verstehen unter den Menschen. Doch in all diesen Katastrophen am Rande des Abgrunds geht es immer um – Bewahrung: Adam und Eva müssen nicht wie angedroht sterben, sondern werden „nur“ aus dem Paradies vertrieben. Der Brudermörder Kain muss zwar fliehen, darf aber nicht selber wieder aus Blutrache ermordet werden. Die Sintflut vernichtet zwar alles Leben auf dem Lande, doch durch die Rettung von Noah und seiner Familie und den Tieren beginnt das Leben auf Erden neu. Der Turm zu Babel begräbt die Menschen nicht unter seinen Trümmern, sondern sie werden nur zerstreut in alle Lande.

Die Urgeschichte besteht aus Bewahrungsgeschichten. Und um Bewahrung vor der Bedrohung am Rande einer „instabilen Harmonie“ geht es - bis heute. Denn die Gefahr, dass durch „Frevel“ (1 Mose 6,11ff) nicht nur die Ordnung unter den Menschen, sondern auch die Ordnung in der Natur wieder ins „Chaos“, ins „Tohuwabohu“ abgleitet, ist stets gegeben – durch „Naturkatastrophen“.

Die exemplarische Urgeschichte hierfür ist die Geschichte von der Sintflut. Sie erzählt davon, wie die Verhältnisse der Natur ins Wanken kommen, weil die Verhältnisse unter den Menschen in Unrecht und Gewalt abgeglitten sind. Und so beginnt das Zeugnis von der „Sintflut“, von der „großen Flut“ mit den Worten: "Als der HErr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen; und er sprach: „Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe. - Aber Noah fand Gnade vor dem Herrn... er war ein frommer Mann und ohne Tadel zu seinen Zeiten. Er wandelte mit Gott.“ (6,5ff) - Dem kulturellen Zerfall der menschlichen Ordnungen lässt Gott also den Zerfall der Ordnung der Natur folgen. Nur Noah und seine Familie samt je ein Paar von den Tieren werden in der Arche vor dem Untergang bewahrt. Und als sich schließlich nach sechs Monaten die Wasser endgültig verlaufen haben, kann Noah mit allen andern die rettende Arche endlich wieder verlassen:

"So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne,  dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen. 

Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.  Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.  Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht."

Dass eine Naturkatastrophe mit dem Tun Gottes zu tun hat, das scheint uns heute fremd. Scheint doch gerade die Natur durch ihre ehernen Naturgesetze recht autonom zu sein. Doch zugleich wird uns immer mehr vertraut, dass manche Naturkatastrophe mit dem Tun des Menschen zu tun hat: auch als Folge, wie er mit der Natur umgeht. Da ist die raubbauartige Abholzung der Wälder und Hänge - mit den Folgen von Erdrutsch und Klimawandel; da ist der ungebremste Verbrauch von fossilen Energiequellen – mit den Folgen der Abschmelzung der Polkappen samt dem Anstieg des Meeresspiegels; da ist der Einsatz von zu viel chemischen und künstlichen Stoffen - mit den Folgen für die Fruchtbarkeit der Erde und der Reinheit des Wassers; da ist die genetische Veränderung von Pflanzen, Tieren und auch von Menschen - mit irreversiblen und unabsehbaren Folgen. Es entstehen mögliche Naturkatastrophen – vom Tun des Menschen zumindest mitverursacht!

Doch was der Mensch möglicherweise selber tut, das will Gott nicht mehr tun: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um des Menschen willen…“, sagt Gott zu sich selber in seinem Herzen. ER will also die Erde hinfort schonen – und nicht mehr wegen dem Menschen verfluchen und zerstören. Denn warum sollen Pflanzen und Tiere ausbaden, was die Menschen sich eingebrockt haben? Warum sollen gerade Pflanzen und Tiere unter den Folgen der menschlichen Bosheit leiden? Nicht einmal die natürlichen Lebensgrundlagen will Gott dem Menschen entziehen: Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Die durch den Rhythmus bedingte Fruchtbarkeit der Erde soll bleiben. Denn – der Mensch ist durch Strafe nicht verbesserlich. Weder indem es ihn selber trifft, noch indem es andere oder seine natürlichen Lebensgrundlagen trifft. „… das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“, sagt Gott zu sich selber. Und damit ist der Mensch von Gott abgeschrieben und also ein hoffnungsloser Fall? –

Der Zusammenhang, in dem dieses Wortes steht, weist in eine ganz andere Richtung. Denn die Einsicht, die „in Gottes Herzen“ zur Sprache kommt, lautet: Strafe – und damit auch die Androhung der Todesstrafe – verbessert den Menschen nicht auf Dauer, weil sie ihn nicht von Grund auf zum Guten und also in seinem Herzen verändert. Strafe führt nicht zur Umkehr, nicht zur Buße, nicht zur dauerhaften Besserung, sondern höchstens zur kurzfristigen Abschreckung: Man lässt etwas sein - bis sich eine „bessere“ Gelegenheit ergibt und macht dann just weiter. Es wird einen schon nicht treffen…

Diese Erkenntnis, dass die Menschen einfach immer so weitermachen, kommt in der darauffolgenden Geschichte vom „Turmbau zu Babel“ zur Sprache. Da sagt Gott beim Anblick des Turmes wiederum zu sich selber: „…dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.“ Und so ist es: Wir Menschen machen immer weiter – und keine noch so schwere Strafe und Tracht Prügel hält uns auf Dauer davon ab - obwohl wir (!) seltsamerweise immer noch weitgehend auf Strafe als Mittel zur Erziehung setzen. –

Aber wenn dies letztlich doch nicht wirkt, was ändert dann das Herz eines Menschen – wenn es solch eine Änderung überhaupt gibt? Wenn es nicht Strafe ist samt ihrer permanenten Androhung – was ist es dann?

Es ist die Erkenntnis und Erfahrung von Gottes unergründlicher Güte. Wenn, dann lässt Gottes Güte den Menschen gut werden. Den Glauben an „das Gute im Menschen“ kennt die Bibel darum nicht – und darum auch nicht den Appell noch besser zu werden! In der Bibel lebt der Mensch immer in Beziehung. Und also geht es in der Bibel darum, was das (boshafte) Verhalten eines Menschen zum Guten ändert. Und das kann nur die Erfahrung von Gottes Güte sein – und damit auch die erschreckende Erkenntnis: Eigentlich haben wir Menschen durch unser Verhalten unser Leben verwirkt. Gottes Güte ist es, der wir unser Leben täglich neu verdanken.

Noah muss dies so erkannt haben. Ausdruck dieser tiefen Erkenntnis ist das „Opfer“, das er dann auf einem Altar darbringt, als er wieder trockenen Boden unter sich hat. Das Opfer des Noah ist Zeichen der Dankbarkeit für die Bewahrung, ist Dankopfer. Aber Noah sagt eben nicht nur: Gott sei Dank, nun ist endlich alles vorbei; Gott sei dank, mich hat's zum Glück nicht erwischt. Das Opfer des Noah ist der Anfang aller Sühnopfer, aller Versöhnungsopfer. Damit wird etwas gesühnt, was nicht in Ordnung ist – und ungesühnt nur Unfrieden gebiert. Da muss ein Ausgleich geschaffen werden, weil sonst alles ins Rutschen kommt. Zumindest diesen Gedanken kennen wir bis heute, wenn uns auch der Ritus dafür weitgehend fehlt. Dafür ist uns der Ruf nach Rache vertrauter…

Was mit dem Sühnopfer bei Noah beginnt, das spitzt sich schließlich auf das Sühnopfer Jesu zu. Darum haben wir in unseren Kirchen den Altar des Noah zusammen mit dem Kreuz Christi. Da gibt sich einer selber aus Liebe für andere hin, um das Verhältnis zwischen Gott und Mensch ins Lot zu bringen und Verderben abzuwenden. Und seine Hingabe für mich gelten zu lassen, macht mich gut, macht mich gütig gegenüber anderen.

Sowohl mit Noah wie mit Jesus beginnt ein jeweils neues Kapitel der Geschichte zwischen Gott und Mensch. Nicht, weil nach Noah oder nach Jesus die Menschheit sich endlich gebessert hätte, sondern weil klar ist: Wenn etwas einen Menschen zur Buße und Besserung führt, dann ist es nicht das Gute im Menschen, sondern Gottes Güte, wie sie sich in der Hingabe Jesus zur Versöhnung an unserer statt und uns zugute darstellt.

Folglich muss die menschliche Bosheit nicht mehr im Wasser der Sintflut ersäuft werden – dafür aber zeichenhaft im Wasser der Taufe mit Christus sterben. Durch die Taufe wird nun einem Menschen von Jugend auf, von Kind auf gesagt: Du müsstest zwar zu Recht eine Sintflut befürchten, in der du ertrinkst, in der du umkommst. Aber was du nun gnädig erfährst, ist die Rettung aus dem Wasser der Sintflut, die Rettung aus dem Tod. Denn wer mit Christus am Kreuz stirbt, der wird auch mit ihm leben durch seine Auferstehung. Wie der Regenbogen nach der Sintflut, so ist die Taufe das Zeichen dafür, dass Gott gütig und gnädig ist – um Christi willen.

Um Christi willen lässt Gott trotz der Bosheit der Menschen die Natur nicht mehr aus den Fugen geraten. Die für den Menschen überlebenswichtigen Ordnungen der Natur will Gott nicht mehr aus den Angeln heben. ---

Ob allerdings nicht wir selbst in Missachtung dieser Güte Gottes die Ordnung der Natur ins Wanken bringen und eine „Sintflut“ auslösen, das ist eine andere Frage. Allerdings eine sehr ernste. Amen.


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Predigt am 19. Sonntag n. Tr- zu Mk. 1,32-39 (III)

  Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen.  Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.  Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn. 

Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.  Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach.  Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.  Und er sprach zu ihnen: Laßt uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, daß ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.  Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.

Nach Sonnenuntergang gehen in Kapernaum die Türen auf und Menschen machen sich auf den Weg zum Haus von Simon, genannt Petrus. Hier hat Jesus am Tage dessen Schwiegermutter von lebensbedrohlichem Fieber geheilt – was sich natürlich herumgesprochen hat. Und nun bringen die Gesunden ihre Kranken ebenfalls dorthin – und sagen damit: Hier, Jesus, bringen wir dir, womit auch wir unsere große Not haben. Denn ich halte es einfach nicht mehr aus, zusehen zu müssen wie mein Kind epileptische Anfälle bekommt und sich total verkrampft. Und ich bin am Ende meiner Kraft, mit der ich schon jahrelang meinen gelähmten Mann pflege. Und ich ertrage die depressiven Phasen meiner Frau nicht mehr; das zieht mich selber runter.

Tagsüber sieht und hört man vom menschlichen Elend nicht so viel. Denn wer traut sich schon damit auf die Straße. Aber im Schutz der Dunkelheit würden sie nicht kommen, wenn sie es IHM nicht zutrauen würden, dass ER der Not irgendwie wehren kann. Ich geh doch auch nicht zu einem Arzt, wenn ich kein Vertrauen in seine Heilkunst habe. Auf´s Verrauen kommt es an. Wissen, ob mir geholfen wird, das kann ich nicht. Das weiß nicht mal ein Arzt – mit seinem Wissen.

Und so klopfen sie an die Tür – an die Haustür von Petrus und erst an die Herzenstür von Jesus. Denn wenn ER sich verschließt, wenn er dicht macht, weil auch ER dieses Elend nicht sehen noch hören will – was dann? - ER aber öffnet sich und hört und sieht sich ihr Elend an, beugt sich tief zu ihnen herab, legt den Kranken die Hände auf, spricht sein Machtwort und wirft in Vollmacht die bösen Geister hinaus.

Böse Geister sind darin böse, dass sie den Geist eines Menschen binden – an Nichtiges, an Destruktives, so dass dieser Mensch davon kaum mehr loskommt: Ich weiß nicht, was da immer in mich fährt, ich tue wie besessen Dinge, die ich gar nicht tun will - als ob mich der Teufel reitet. Ich weiß nicht, warum mich nachts die Erinnerung an schreckliche Erlebnisse überfällt und sich wie ein dunkler Schatten über mein Leben legt. Ich weiß nicht, woher diese Sucht kommt, immer im Mittelpunkt stehen zu müssen, immer bewundert zu werden, immer recht zu haben. Ich weiß nicht, warum ich Dinge kaufe, die ich horte und gar nicht brauche und mich dabei immer mehr verschulde.

Und so werden - wie in einer Beichte - vor Jesus auch allerhand Zwänge und Süchte ausgebreitet, die einen Menschen an Leib und Seele zerstören und seine Angehörigen belasten. Alles wird vor Jesus ausgebreitet – in der großen Hoffnung, dass ER befreien, retten, erlösen, heilen kann. „Kyrie, eleison“, „Herr, erbarme dich“, ist der Notruf, Notschrei des Herzens.

„Und er half vielen Kranken…“ - vielen aber auch nicht. Warum aber wirkt er nur von Fall zu Fall und nicht flächendeckend und vielleicht auch - gewerblich? Wie kann er sich mit diesem Talent die Chance entgehen lassen, sein gutes Geld zu verdienen!?

Alle Wunder Jesu sind Zeichen und zeigen auf etwas hin. Sie bezeugen seine Botschaft: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Seine Heilungen sind Hinweise auf das Heil Gottes, das mit ihm verborgen unter den Menschen gegenwärtig ist. Er ist deshalb nicht ein „Heiler“ unter vielen, sondern der „Heiland“ Gottes.

Aber die wenigsten verstehen ihn so. Da heilt Jesus zehn Aussätzige. Doch nur einer kehrt um und dankt dafür. Die andern neun meinen: Hauptsache wieder gesund. Eins zu neun - das ist wohl ein „repräsentatives Ergebnis“. Nur einer kommt von zehn ins Nachdenken und Danken. Neun hingegen haken ab. Denn jetzt funktioniert ja wieder alles und wir sind wieder verwendungsfähig und gebrauchsfertig.

Aber Gesundheit ist mehr - und Krankheit auch. Zumindest nach biblischem Verständnis. Gesundheit und Krankheit sind Ausdruck dafür, dass eine Beziehung in Ordnung ist oder nicht in Ordnung ist – die Beziehung des Einzelnen zum Ganzen und die Beziehung des Ganzen zum Einzelnen. Gesundheit und Krankheit sind Ausdruck dafür, dass die Verhältnisse stimmen und im Lot sind – oder nicht. Auch die Machtverhältnisse, die Einkommensverhältnisse, die Besitzverhältnisse, die Lebensverhältnisse –  und auch das Gottesverhältnis. Ein krankes Organ kann Hinweis sein auf den kranken Organismus. Und das einzelne Übel in der Welt ist Hinweis darauf, dass in der ganzen Welt etwas nicht in Ordnung ist. Deshalb bedarf die ganze Welt der Heilung – und nicht nur der Einzelne. Jesus hat den Einzelnen im Blick, ohne das Ganze aus den Augen zu verlieren. Später geht er aufs Ganze. Da gibt er sich nicht dem einzelnen, sondern dem Ganzen hin; nimmt nicht nur das Unheil eines einzelnen weg, sondern nimmt die Heillosigkeit der Welt auf sich - in der Gestalt des Kreuzes. Als Leiden geht es auf ihn über und mit ihm in den Tod, um durch seine Auferstehung von den Toten endgültiges Heil zu wirken. Gottes Heil kommt aus dem Abgrund des Nichts. Es gründet nicht in dieser Welt. Geht nicht aus ihr hervor.

Das Wunder, das Zeichen, das Jesus an andern tut, geschieht schließlich an ihm selbst. Sein unheilvoller Tod am Kreuz und seine heilbringende Auferstehung aus dem Grab der Welt vollenden seine Heilungswunder an ihm selber. Von nun an gilt erst recht: Wer sich ihm als Einzelner anvertraut, der hat Teil am universalen Heil Gottes. Und diese Teilhabe kann immer nur zeichenhaft zum Vorschein kommen. Umgekehrt hat das einzelne Unheil sein Ziel in der endgültigen Heilung im Reiche Gottes. Diese große Perspektive gibt Gesundheit und Krankheit ihren irdischen Stellenwert – und lässt auch heute die Gesunden sich fürsorgend um die Kranken kümmern und sie fürbittend zu Jesus bringen.

Die Sprechstunde im Hause des Petrus geht wohl bis spät in den Abend hinein – und dann ist schließlich auch Jesus geschafft und müde. Schon allein die Nähe so vieler Menschen zu ertragen, kostet viel Kraft. Und die Nähe kranker Menschen erst recht. Das weiß jeder Arzt! Nach solch einem anstrengenden Abend würde ich am nächsten Morgen erst einmal richtig ausschlafen – wie Simon und Andreas und Jakobus und Johannes. Als die dann endlich aufstehen, sind zwar schon wieder ein paar Leute da, aber Jesus ist weg. Na dann macht er wohl schon wieder ein paar Haus- und Krankenbesuche. Vielleicht bei all denen, die gestern Abend nicht mehr drankamen. Ja? - Nein! „Früh am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.“ Und das nicht, weil er die Menschen satt hat, sondern weil die Sprechstunde mit seinem himmlischen Vater die Voraussetzung ist für die Sprechstunde mit den Menschen. Denn nur aus solchem Beten erhält Jesus seine Kraft und Vollmacht, die er im Kampf gegen zerstörerische Mächte und Kräfte braucht. Fatalerweise wirft man ihm bald vor, er stehe selber mit diesen Mächten und Kräften in Verbindung. Aber die geschickte Verdrehung der Wahrheit gehört mit zur Krankheit der Welt. Nur aus dem Gebet erhält Jesus die Kraft, welche ihn das alles auf sich nehmen lässt.

Deshalb sucht er immer wieder einen einsamen Ort, wo sich ungestört und ungeteilt ausgerichtet auf Gott. So auch jetzt, früh am Morgen. Und schon suchen ihn seine Jünger und finden ihn – und machen ihm dem Vorwurf: Ja wo steckst du denn! Wo bleibst du denn?! Was vergeudest du hier mit Beten deine Zeit, während schon wieder eine Menge Leute auf dich warten. Beten kannst du doch auch später. Jetzt musst du an die Arbeit – und wir sind dir dabei gerne behilflich, übernehmen Management und Logistik für dich, stellen dir einen Dienstplan auf, führen deinen Terminkalender, kümmern uns um das Marketing und mieten für dich Kirchen und große Säle, Fußballstadien und Flugplätze – zu medienwirksamen Heilungsgottesdiensten.

Wir wollen es den Jüngern in ihrem Überschwang nicht übelnehmen, dass sie Jesus und seine Heilungen nicht richtig verstehen und sein Beten als unnütze Zeitverschwendung betrachten. Schließlich kommen sie aus der Welt harter Arbeit. Und diese Welt besteht nun mal aus Organisieren und Anpacken am jeweiligen Arbeitsplatz. Und eben nicht aus Beten an einsamen Orten.

Es ist deshalb nur zu verständlich, dass sie kaum verstehen, dass Jesu Sprechstunde unter den Menschen unmöglich ist ohne seine Sprechstunde mit seinem Vater im Himmel. Dass seine Hingabe an die Not der Menschen nicht geht ohne seine Hingabe an die Kraft Gottes. Wie überhaupt jedes Gebet als Akt des Vertrauens eine immer wieder erneute Lebensübergabe an Gott ist – wie sie Charles de Foucault 1896 aufgrund seiner Bekehrung in Paris ganz im Geiste Jesu formuliert hat: „Mein VATER, ich überlasse mich Dir, mach mit mir, was Dir gefällt. Was du auch mit mir tun magst, ich danke Dir. Zu allem bin ich bereit, alles nehme ich an. Wenn nur Dein Wille sich an mir erfüllt und an allen Deinen Geschöpfen, so ersehne ich weiter nichts, mein Gott. In Deine Hände lege ich meine Seele; Ich gebe sie Dir, mein Gott, mit der ganzen Liebe meines Herzens, weil ich Dich liebe, und weil diese Liebe mich treibt, mich Dir hinzugeben, ohne Maß, mit einem grenzenlosen Vertrauen; denn Du bist mein VATER.“

Dermaßen befreit von der Sorge um mich selbst, bin ich frei zur Fürsorge für andere. Denn Beten und Dienen, Glauben und Lieben, Herz und Hand gehören für einen Christen zusammen. Dietrich Bonhoeffer schreibt 1944 aus der Zelle der Gestapo in Berlin: „...unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesen Beten und aus diesem Tun.“

Ohne die bewusste Hinwendung des Herzens zu Gott, ohne das Beten, steht alles Planen und Tun auf tönernen Füßen. Und ohne das bewusste Tun des Rechten und Gerechten verkommt alles Beten zur leblosen und lieblosen Bigotterie.

Dass Jesus früh am Morgen sich seinem Vater im Himmel zuwendet und bis spät am Abend den Menschen auf Erden, das gehört zusammen. Das eine geht nicht ohne das andere. Amen.


Predigt am 18. Sonntag n. Tr. zu Mk 10,17-27 (III)

  Als sich Jesus auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?  Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.  Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter.«  Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.  Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!  Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter. 

Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!  Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen!  Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme.  Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden?  Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.

Dieser – vielleicht - junge Mann ist wahrhaftig kein schlechter Mensch. Vielleicht ist er einer von denen, die ihr Leben einfach genießen wollen – und dennoch spüren: Was ich da alles habe und erreicht habe, das kann nicht alles sein. Es muss noch „mehr“ geben als all das, was es schon gibt. Leben ist mehr als essen und trinken, mehr als arbeiten und sich vergnügen, mehr als gesund bleiben und alt werden, mehr als geboren werden und - sterben. Und so fragt er nach dem „ewigen Leben“; also nach dem, was bleibenden Bestand hat und nicht in der Flüchtigkeit der vergänglichen Zeit zerfällt und sich auflöst.

Dass - vielleicht - gerade ein junger Mensch nach dem ewigen Leben fragt, ist schon außergewöhnlich; denn ein junger Mensch denkt doch eher an das Glück des Augenblicks. Gedanken an das „ewige Leben“ macht man sich doch eher mit zunehmendem Alters oder vor dem Sterben - wenn überhaupt; und fragt sich vielleicht: Und was bleibt? - Für manche bleibt dann „die Seele“. Aber für die meisten Menschen, die nur im materiellen Hier und Heute leben, gibt es die Frage nach dem „ewigen Leben“ gar nicht (mehr) – dafür eher die Frage: Was muss ich mir noch alles zulegen, um ein noch glücklicheres und noch erfolgreicheres und noch gesünderes und noch längeres Leben zu haben? Was muss ich tun, um noch optimaler, noch effizienter mein Leben zu gestalten. Was muss ich tun, um aus meinem Leben hier und heute noch mehr reinzustecken und herauszuholen?

Der Horizont und also die Frage jenes jungen Menschen scheint weit darüber hinauszugehen. Er kennt wohl das Flüchtige – und fragt Jesus nach dem Bleibenden und was er dazu tun muss, um dies Bleibende zu erlangen. Respektvoll kniet er vor Jesus nieder und ebenso respektvoll redet er ihn an: „Guter Meister“ - und schon kommt die erste unerwartete Korrektur. „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott allein.“

Wollte sich dieser junge Mensch mit dieser ehrwürdigen Anrede vielleicht bei Jesus einschleimen – um eine günstige Antwort zu erhalten? - Sollte dies zutreffen, dann zeigt sich auch hier: Jesus geht niemandem auf den Leim – oder Schleim. Weder den Fangfragen seiner Gegner, noch den Huldigungen seiner Verehrer. Er bleibt bei der „Sache“. Und „Sache“ sind bei ihm die Gebote, die Weisungen Gottes: „Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter.«“ Wenn Jesus auf die Gebote Gottes hinweist, dann hat also die Frage nach dem „ewigen Leben“ etwas mit dem irdischen Leben zu tun – und zwar wie man miteinander umgeht, wie man einander begegnet. Wenn man also etwas tun kann für das ewige Leben, dann hat dies etwas mit dem sozialen Leben zu tun. Mein ewiges Leben hat etwas zu tun mit meinem Verhältnis zum andern. Und das ist die zweite Korrektur, welche dieser junge Mensch wohl nicht so ganz verstanden hat, zumal er sofort und voller Stolz Jesus wissen lässt: Meister, sagt er – nicht mehr „guter Meister“! -, Meister, das hab ich alles gehalten von Jugend auf. –

Vor solch einem sozial verantwortlichen und deshalb moralisch einwandfreien - also „guten“? -  Menschen müsste nun Jesus niederknien und ihn wortreich wertschätzen und würdigen. Tut er aber wieder mal nicht. Da es Jesus nicht auf äußere Gesten und große Worte ankommt, schaut er diesen jungen Menschen stillschweigend an – und gewinnt ihn einfach lieb. Und mit dieser Liebe könnte er ihn entlassen – doch gerade aus dieser Liebe geht Entscheidendes und - schließlich Scheidendes! -  hervor. „Eines fehlt dir…“, hört dieser junge Mensch nach einer Weile Jesus sagen. - Naja, wenn´s weiter nichts ist. Also, welches Gebot fehlt mir noch? - sag schon!

„Geh hin, verkaufe alles, was du hast - und gib’s den Armen. So wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach.“ Aber – Moment mal: was du mir da gebietest, das ist doch kein Gebot in den Heiligen Schriften – und hat außerdem nichts mit meiner Frage zu tun. Ich frage nach dem Gewinn des ewigen Lebens – und du sprichst vom Verlieren, vom Verkaufen meines irdischen Besitzes, den ich doch ehrlich und fleißig und also wiederum moralisch einwandfrei erworben habe... Das müsstest du mir zugutehalten und mich loben... Stattdessen soll alles verkaufen und den Armen geben? Und das würde mir einen bleibenden Schatz im Himmel bringen? - Und mich dann dir anschließen, dir nachfolgen? Ist das nicht ein bisschen zu viel verlangt!? -

Jesu Wort ist nicht die Antwort, die jener junge Mann erwartet hat. Und in dieser Antwort geht es nicht nur darum, sich von Geld und Besitz zu lösen, sondern es in jenen zu geben, an die dieser junge Mann bisher noch nie gedacht hat. Die auf der Schattenseite des Lebens leben. Doch – manchmal hat er auch an die gedacht, Aber ob er das kann? Oder ob er nicht Angst hat, dann selber leer auszugehen? Ob er das schafft, sich von seinen irdischen Sicherheiten zu lösen – und sich an Jesus zu binden; und all seine Sorge um sich selbst in der Fürsorge seines Vaters im Himmel geborgen zu wissen? Oder ob nicht gerade die Frage nach dem ewigen Leben Ausdruck der Sorge und Angst um sich selbst ist: um den eigenen Bestand? Ist also seine Frage nach dem ewigen Leben nur die Spitze seiner Sorge um sich selbst, um den eigenen Bestand, so dass es ihm nur um eine weitere Absicherung seines eigenen Lebens geht – weshalb die Armen ihm nur etwas nehmen. Dass Jesus darauf zu sprechen kommt, das verletzt und kränkt diesen jungen Mann: „Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.“

Was mit Verehrung beginnt, endet in Verärgerung – denn die Wahrheit ist bisweilen unerträglich. Da will einer für sich den Himmel gewinnen - aber keinen Cent auf Erden an irgendjemand abgeben. Da ist einer spirituell höchst interessiert, aber materiell zutiefst gebunden. Da fragt einer ernsthaft, was er denn tun muss – aber was Jesus dann sagt hat für ihn damit nichts zu tun. Wollte er wirklich eine Antwort auf seine Frage nach dem ewigen Leben – oder will er mit seiner Antwort nur zeigen, wie tadellos sein irdisches Leben ist, weshalb er sich eigentlich den Himmel schon verdient hat. Wollte er von Jesus nur gelobt und bestätigt werden – und ist nun umso mehr von ihm entsetzt, geschockt?

So mag es ihm ergangen sein – aber darum geht es Jesus nicht. Jesus geht es um Seelsorge – und d.h. um die Befreiung von heillosen Bindungen. Deshalb sagt Jesus diesem jungen Menschen die unbequeme Wahrheit in herzlicher Liebe – und lädt ihn zur Nachfolge ein. Denn dieser junge Mensch ist von seinem Besitz besessen. Und das ist nicht nur ein psychisches Phänomen, sondern hat eine geistliche Tiefendimension. Denn was sich da in dieser Besessenheit ausdrückt, ist zugleich Ausdruck des Misstrauens gegenüber dem, der sagt: „Ich bin der Herr, dein Gott.“ Und weil ich das für dich bin und bleibe, „brauchst du keine anderen Götter haben neben mir…“ Und Götter sind immer etwas Geschaffenes, das vergöttert wird, weil man sich davon Halt und Heil verspricht und erhofft.

Dann ist also das erste Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ das „eine (Gebot), das diesem jungen Menschen fehlt“. Er traut nicht so ganz der fürsorgenden Zusage Gottes: „Ich bin der HErr, dein Gott“, das verspreche, das verheiße ich dir -  und hat deshalb noch andere Götter neben IHM.

Dann aber geht es nicht um irdische Güter als solche; es geht nicht um Reichtum oder Armut. Jesus hat Armut nie glorifiziert und Reichtum nie verteufelt. Alle Güter dieser Erde sind für ihn Gottes Gaben zum zeitlichen Leben; zu gebrauchen als Lebensmittel, aber eben nicht zu vergöttern als Lebensmitte, von der man sich nicht trennen kann. Und so trennt sich dieser junge Mensch lieber von Jesus.

Und doch hat Jesus immer wieder auf die Gefahr des Reichtums hingewiesen. Denn die Versuchung, aus Angst und Sorge das irdisch Verfügbare zu vergöttern und aus Sicherheitsgründen neben den unverfügbaren Gott zu stellen, ist allgegenwärtig – und Jesus nicht fremd. (vgl. Mt 4,1ff) Doch während ER allen Versuchungen widersteht, gelingt uns dies kaum. Als Jesus schließlich sagt, es sei „leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als ein Reicher ins Reich Gottes kommt“, da können Jesu Jünger sich nur noch entsetzt untereinander fragen: „Wer kann dann selig werden?“ Denn wer schafft das schon, zu besitzen, ohne von seinem Besitz besessen zu sein? Wer schafft das schon „zu haben als hätte er nicht“ (vgl. 1 Kort 7,29ff)? Wer schafft das schon, sich nicht an die Sicherheitsversprechen der irdischen Götter zu binden – sondern stattdessen durch sein Gottvertrauen ein wahrhaft freier Mensch zu sein – wie Jesus? Wer schafft das schon von sich aus?

„Vom Menschen aus ist's unmöglich“ kann Jesus da nur sagen – hingegen sind „bei Gott alle Dinge möglich“. Und also ist es allein Gottes Güte, wenn ein Mensch dennoch das ewige Leben ererbt – und erfährt, dass Gott gut, gütig ist. Amen.


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Predigt am Erntedankfest zu Jes. 58,7-12 (III)

  Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!  Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.  Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,  sondern den Hungrigen dein Herz finden läßt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.  Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.  Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, daß man da wohnen könne«.

Kein Essen auf dem Tisch, kein Dach über dem Kopf, keine Kleider am Leib - kann ich mir einfach nicht vorstellen wie sich das anfühlt; was für ein Lebensgefühl das ist. Ich werde zwar immer wieder mal durch die Medien über die Lebenssituation solcher Menschen informiert – aber ich selbst kenne keinen lebensbedrohlichen Mangel; eher lebensbedrohlichen Überfluss. Und beides gibt es immer mehr, weil die „soziale Schere“ immer weiter aufgeht. Denn immer mehr beziehen als „Spitzenverdiener“ ein Gehalt, das in keinerlei Verhältnis zu einer real erbrachen Leistung stehen kann. Und immer mehr auch gut ausgebildete junge Menschen verdienen unter ihrem Niveau; und die weniger gut Ausgebildeten können ohne staatliche Sozialleistungen in unserer Gesellschaft kaum überleben.

Hinzu kommt eine merkwürdige Schieflage: Es stimmt rechtlich etwas nicht, wenn jemand vor Gereicht verurteilt wird, weil er „containert“; also aus dem Müllcontainer eines Supermarktes „entsorgte“ Lebensmittel holt - und dadurch Hausfriedensbruch begeht. Es stimmt ökologisch etwas nicht, wenn massenweise produzierte Lebensmittel massenweise vernichtet werden, nur um die Preise stabil zu halten. Es stimmt ökonomisch etwas nicht, wenn ehrliche Arbeit und Leistung sich nicht mehr lohnen, weil man mit Geld an der Börse viel leichter Geld verdienen kann. Es stimmt ethisch etwas nicht, wenn der Hunger unter den Ärmsten der Armen durch waffenstarrende Bürgerkriegsparteien oder korrupte und verfilzte Behörden noch verschärft wird – oder man umgekehrt in den reichen Ländern an der Börse gewissenlos das Geschäft mit dem Hunger macht, indem man mit Lebensmitteln spekuliert und dadurch die Preise um des eigenen Gewinns willen in die Höhe treibt; oder wenn der Zugang zu dem elementarsten Lebensmittel Wasser privatisiert wird, um auch damit noch bedenkenlos ein Geschäft zu machen. Und es stimmt erst recht etwas nicht, wenn internationale Patente auf natürliche Nutzpflanzen angemeldet werden können – und diese niemand mehr pflanzen oder vermarkten darf, ohne dafür zu bezahlen (vgl. Offbg 13,17).

Damit werden nicht nur unter den Ärmsten gezielt Abhängigkeiten geschaffen und erst recht diese dazu gezwungen, sich mit Gewalt zu holen, was man ihnen nimmt oder vorenthält. Die Piraterie vor dem Horn von Afrika hat eindeutig ihre Wurzeln in der Verarmung der Fischer durch die Piraterie großer Fangschiffe in ihren Gewässern vor der Küste. Nicht nur auf der einen, sondern auch auf der anderen Seite hat die Piraterie kriminelle Züge.

Doch der biblische Text eröffnet noch einen anderen Aspekt. Er klagt nicht nur das Recht für die Schwächeren und Abhängigen ein. Denn als man nach Jahrzehnten aus dem babylonischen Exil wieder zurückkehrt in das Land der Väter und Mütter, da machen die einen schnell das Rennen und die anderen haben das Nachsehen. Die einen werden zu Herren und die andern zu ihren Knechten.

Nun sind soziale Unterschiede bis zu einem gewissen Grad völlig normal und natürlich. Gleichmacherei ist in jeder - auch in geschlechtlicher - Hinsicht nicht angemessen; auch nicht unter dem Schein der Gerechtigkeit. Gefährlich aber ist, wenn sich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft bildet aus Reichen und Schönen und Armen und Heruntergekommenen. Das lässt nicht nur konfliktträchtige Spannungen entstehen, sondern blockiert die Wohlfahrt eines ganzen Landes.

Die Menschen z.Zt. Jesajas fragen noch, was wir heute in der Machbarkeitseuphorie unserer Zeit kaum mehr fragen: Und wo bleibt Gott? Sieht er nicht, was hier los ist? Warum bringt er uns hier her und bringt uns doch nicht voran?

Die Antwort Jesajas weist darauf hin, dass schwere soziale und menschliche Missstände das Gedeihen des Landes blockieren. Zwar wird nach Vorschrift geopfert und gefastet; werden Gottesdienste nach Vorschrift gefeiert; und wird fleißig gearbeitet - und doch hat man das Gottesrecht verlassen, ja pervertiert: Denn das Recht, das ursprünglich die Schwachen schützen soll, dient nun dem Schutz der Starken. Diese schützen sich mit Hilfe des Rechts, denn die Schwachen sind ja von ihrem Wohlwollen und Wohlergehen abhängig – und fahren deshalb fort mit deren verstärkter Ausnutzung. Denn je besser es den Reichen und Schönen geht – umso ein wenig besser geht es auch den Armen. Doch diese volkswirtschaftliche Rechnung geht nicht auf – dafür aber umso mehr die soziale Schere. Deshalb muss Jesaja sagen: „Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“

Während also alle die Starken und Reichen als den volkswirtschaftlichen Motor im Blick haben, richtet Jesaja den Blick auf die Schwachen und Unbedeutenden, welche man als Versager öffentlich bloßstellt. Denn wie man sich ihnen gegenüber verhält, das habe entscheidende volkswirtschaftliche Auswirkungen. Denn die Grundbedürfnisse wie Nahrung und Kleidung und ein Dach über dem Kopf - wie auch der Umgang mit dem „Fremdling“ (vgl. 2 Mose 12,49 u.ö.; Mal 3,5!) sind im Alten Testament ein Gottesrecht.

Dass aber etwas rechtlich verankert ist und also eingeklagt werden kann, heißt noch lange nicht, dass es auch menschlich beachtet und geachtet wird. Menschlich aber findet dieses Grundrecht dann Achtung, wenn ich im andern einen Menschen erkenne – und sei er auch noch so heruntergekommen und noch so entstellt. Biblisch gesprochen: wenn ich mich seiner erbarme; mit anderen Worten: Wenn ich mich zu ihm hinabbeuge. Deshalb mahnt Jesaja: „…entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut.“ Die elementarsten Dinge des Lebens, Nahrung, Kleidung, Obdach, was du für dich selbstverständlich in Anspruch nimmst, das lass auch dem andern gleichermaßen zukommen – soweit es dir möglich ist.

Nun geschieht dies unter uns – allerdings weniger in der direkten Begegnung mit jemand, der hungert, friert oder obdachlos ist. Es geschieht eher vermittelt über irgendeine Institution, die sich um solche Menschen kümmert. Und das Mittel hierfür ist das Geld. Es ist gut, dass über dieses Mittel jeder die Möglichkeit hat, sich für andere einzusetzen und ihre Not zu lindern. Doch dass es Geld allein nicht ist, das wissen wir. Denn ein Mensch bedarf nicht nur der materiellen, sondern genauso auch der menschlichen Zuwendung.

Deshalb kommt gerade in unserer Zeit, in der das Geld eine Hauptrolle im Leben spielt, etwas Wichtiges zum Vorschein: Die ethische Dimension des Geldes – und damit die Frage: Wem gebe ich mein Geld wofür – und wem und wofür gebe ich es bewusst nicht. Ich kann es nämlich nicht nur bewusst für einen guten Zweck geben, sondern umgekehrt völlig ahnungslos ausgeben für soziales Unrecht. Und das betrifft nicht nur billige Waren aus Billiglohnländern. Was für mich „gut und günstig“ zu kaufen ist, kann andere ihre wirtschaftliche Existenz ruinieren. Wenn ich mich darum frage: Wem gebe ich mein Geld wofür – und wem gebe ich es nicht? - dann ist dies nicht Ausdruck von Geiz, sondern von Gewissenhaftigkeit. Denn Geld heißt nicht nur, dass ich dafür etwas bekomme, sondern dass ich damit auch immer etwas finanziere, unterstütze, fördere: Wirtschaftliche Strukturen, soziale Verhältnisse, das Einkommen eines Menschen.

Es entspricht darum im Zeitalter der unaufhaltsamen Globalisierung meiner Verantwortung als Christ, dass ich gewissenhaft bedenke, ob ich mit meinem Geld Reiche noch reicher und Arme noch ärmer mache. Oder ob ich für ein faires Produkt oder für eine faire Dienstleistung auch bereit bin, einen fairen Preis zu zahlen – um andere nicht durch Preis-Dumping in den wirtschaftlichen und sozialen und persönlichen Ruin zu treiben. Es entspricht meiner Verantwortung als Christ, dass ich wirtschaftliches Unrecht gerade finanziell nicht unterstütze. Ein gewissenhafter Umgang mit Geld ist darum für Christen genauso Teil ihrer sozialen Verantwortung, wie ein gewissenhafter Umgang mit den Gütern. -

Und was hat das alles mit dem Erntedankfest zu tun? Das Erntedankfest erinnert daran, dass wir vor allem Empfangende sind. Verstehen wir uns hingegen vor allem als Produzenten und Konsumenten, dann wollen wir immer mehr und bekommen doch nie genug, verlieren das rechte Maß und werden maßlos; übersehen das Kleine und gieren nach immer Größerem. Und das alles, um uns abzusichern. Denn der Grund solchen Lebens ist Angst und Sorge.

Verstehen wir uns hingegen vor allem als Empfangende, dann tritt an die Stelle der Unersättlichkeit die Dankbarkeit, welche darauf hinweist, dass ich jemandem etwas verdanke, was er mir nicht schuldet, sondern schenkt. Und nur unter dieser Voraussetzung kann und werde ich auch etwas weiterschenken. Wer dies tut, der versteht sein Tun - und also auch sein Produzieren und Konsumieren! - vor allem als Verwaltung irdischer Güter. Und wer verwaltet, der weiß, dass er dem Eigentümer Rechenschaft über seine Verwaltung schuldet. Und solche Verwaltung hat es nicht nur mit den eigenen Bedürfnissen zu tun, sondern berücksichtigt die Bedürfnisse des andern und wird bereit zu teilen.

Verantwortlicher Verwalter, also Haushalter der Schöpfung Gottes zu sein - das ist das biblische Verständnis des „homo oeconomicus“, des wirtschaftenden Menschen. Und daran erinnert das Erntedankfest – und ist damit höchst unzeitgemäß. Und höchst notwendig. Amen.


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Predigt zum 16. Sonntag n. Tr. über Klagelieder 3,22-26.31-32 (III)

Niemals hat jemand gedacht, dass so etwas jemals passiert. Denn man steht ja mit Gott im Bunde; ist das auserwählte, das heilige Volk, hat eine heilige Stadt mit einem heiligen Tempel. Und die hier eingesetzten Priester und Propheten versichern die Menschen immer wieder der Gottesnähe – und zwar umso mehr, je mehr am politischen Horizont immer dunklere Wolken auftauchen.

Und dann geschieht es – nach eineinhalb Jahren harter Belagerung und furchtbarem Hunger, dass Jerusalem, Zion, die Stadt Davids, die Stadt Gottes samt dem Tempel, der Wohnung Gottes im Jahre 587 v.Chr., am 9. Av - das ist der vorletzte jüdische Monat im jüdischen Mondkalender –von dem Heer der Babylonier eingenommen und nahezu völlig zerstört und die führenden Köpfe des Volkes Gottes aus dem Heiligen Land nach Babylonien deportiert werden.

Doch wie konnte nur geschehen, was niemals jemand gedacht hat? Haben die Menschen versagt? Oder hat Gott versagt? - Und war da niemand, der das hat kommen sehen – und darauf ernsthaft hinwies? Doch, es gab ein paar wenige – aber die wollte man nicht hören. Sie würden die Widerstandkraft des Volkes schwächen. Deshalb widerstand man ihnen – und brachte sie zum Schweigen…

Normalerweise beginnt nach solch einer furchtbaren Katastrophe irgendwann die Zeit der Anklage: Schuldige werden gesucht und auch gefunden – und zur Rechenschaft gezogen. Und dem Feind begegnet man mit Hass und Verachtung – was auch geschieht. Doch für manche beginnt eine Zeit des ernsthaften „Nach-Denkens“ über dieses Geschehen und seine Vorgeschichte; und ihr Nach-Denken erhält die Gestalt der Klage. Jedoch keine Klage, die dem ganzen Leid einfach mal Luft verschafft und dadurch seelische Erleichterung bewirkt – wie es jeder Therapeut empfiehlt. Ganz im Gegenteil: Es ist Klage über sich selber - vor dem Angesicht Gottes.

Denn das ist eben immer noch klar: Man hat es immer noch mit Gott zu tun. Auch, wenn er sich im Dunkel eines furchtbaren Geschehens verbirgt – oder offenbart? Hat ER vielleicht dieses ganze Elend über seine Stadt und ihre Bewohner gebracht? - Und offenbart sich im Dunkel dieses furchtbaren Geschehens vielleicht auch der Mensch? Hat er vielleicht selber dieses ganze Elend verursacht? Offenbart sich in diesem furchtbaren Geschehen vielleicht das Versagen der Menschen und das Zurechtweisen Gottes in einem? Ist, was da geschah, die dunkle Seite der Bundestreue Gottes angesichts der dunklen Seite der Untreue der Menschen? Denn nur wenn auch solches Leid und Elend mit der Treue Gottes zu tun haben, kann ich vor ihm klagen und – auf ihn hoffen.

So tut es der gerechte Hiob, der sein Leid und Elend allerdings als ungerecht versteht – und deshalb vor Gott nicht nur klagt, sondern ihn auch anklagt; bis Gott endlich sein Leid und Elend wendet. Und so tun es auch die „Klagelieder (Jeremias)“, welche das über die Stadt und das Volk gekommene Leid und Elend jedoch als gerecht erkennen - und anerkennen. Dass Gott einen nicht loslässt und man deshalb von Gott nicht loslässt, bedingt sich gegenseitig – sei es im Glück oder im Unglück. Das ist die Erfahrung Israels, die es in seiner Geschichte mit seinem Gott immer wieder macht - und deshalb nicht nur seinen Segen in den Zeiten des Glücks, sondern in Zeiten des Unglücks auch seinen Fluch erfährt, seinen „Zorn und Grimm“ – und kann sich deshalb in solch schweren Zeiten auch nur an IHN wenden. Mit „Zorn und Grimm“ geht es um die Benennung einer menschlichen Erfahrung Gottes – und nicht um eine Eigenschaft Gottes!

Wer hingegen nur einen „lieben Gott“ kennt, den wird erlittene Lieblosigkeit irgendwann zur Abwendung von diesem „lieben Gott“ führen. Vielleicht wird er seine Hoffnung verzweifelt auf „das Gute im Menschen“ setzten – wohlwissend, dass es letztlich eine hoffnungslose Hoffnung ist: „Du hast keine Chance – aber nutze sie.“

Wir Christen sollten uns hüten, angesichts von Not und Elend in dieser Welt recht locker vom „lieben Gott“ zu reden. Die täglichen Erfahrungen von Lieblosigkeit widersprechen dieser geistlichen Oberflächlichkeit. Das biblische Zeugnis weiß, dass aus seiner Hand nicht nur Licht, sondern auch Finsternis, nicht nur Segen, sondern auch Fluch, nicht nur Glück, sondern auch Unglück, nicht nur Gesundheit, sondern auch Krankheit kommen – und deshalb habe ich in allen Dingen mich an IHN zu wenden. IHM habe ich zu danken für seine Güte, die alle Morgen neue ist – und vor IHM habe ich zu klagen, dass ER sich doch meiner erbarmt.

Und so jemand meint, dass er es in seinem Leben nicht mehr mit Gott zu tun hat, der sieht sich entweder nur noch den Folgen menschlichen Handelns ausgesetzt– oder einem anonymen Schicksal ausgeliefert. Seine Hoffnung besteht dann nur noch passiv in einem „glücklichen Zufall“, der das „zufällige Unglück“ abwendet - oder aktiv in einem Appell an den Menschen; und wenn der nichts nützt in rücksichtsloser Gewalt gegen den Menschen.

In Gegensatz hierzu das biblische Zeugnis. Israel hat es allezeit und in allem mit diesem einem Gott zu tun. ER ist die eine und einzige Adresse „in Freud und Leid“. Diese Verbundenheit und Verbindlichkeit – und also „Treue“ und „Vertrauen“ -  ist der Kern des biblischen „Monotheismus“. Dieser ist zwar ein religionswissenschaftlicher Begriff, aber biblisch ein durchlebtes und durchlittenes personales Verhältnis von Gott und Mensch. Der Mensch weiß sich von Gott angesprochen – und er kann Gott ansprechen. Deshalb ist der biblische Mensch immer ein „mündiger“ und d.h. ein „verantwortlicher“ Mensch, der vor Gott Rede und Antwort stehen muss.

Und wenn dieses personale Verhältnis zerbricht und dieser biblische „Monotheismus“ zerfällt, dann muss und wird der Mensch etwas aus dem Geschaffenen vergöttern, muss und wird er sich seine Götter schaffen und auf sie seine Hoffnung setzen – sei dies etwas Geschöpfliches oder etwas, das er selber geschaffen hat. Der „Polytheismus“, die „Vielgötterei“, ist darum in der Bibel ein Zeichen des Zerfalls - und deshalb ein heilloser Irrweg, der ins Unglück führt. Der „Atheismus“ ist die nüchterne und rationale Konsequenz daraus.

Wenn es aber nun dieser EINE ist, zu dem ich in Freude und Leid, in Glück und Unglück in einem unaufhebbaren Verhältnis stehe, dann ist ER auch die einzige Adresse für meinen Dank und guten und die einzige Quelle meiner Hoffnung in schweren Zeiten. Darum bekennt jener Kläger in seinen Klageliedern nicht nur die menschliche Schuld, sondern weiß mitten im Elend:

„Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. … Denn der HERR verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.“

Da weiß also einer nicht nur den einen Gott, an den er sich wenden muss, sondern er weiß auch, welch tiefe Lebenserfahrungen Menschen mit diesem Gott als dem HERRN machen: Der HERR verletzt und verbindet, ER zerschlägt und seine Hand heilt wieder. ER führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Das Heil des Menschen ist Gottes Ziel – und nicht dessen Unheil.

Was sich darum in der Geschichte Israels auf den 9. Av des Jahres 587 v. Chr. zuspitzte und darin verdichtete, das verdichtet und spitzt sich schließlich zu am Ende der Geschichte Jesu. Im Elend des Kreuzes zeigt sich das Elend des Menschen und dessen Überwindung am Ostermorgen.

Messianische Juden, also Juden, die Jesus als „Messias“, als „Christus“, als „Gesalbten Gottes“ und also „König“ bekennen, gedenken darum am 9. Av des Todes Jesu. Der „Karfreitag“, der „Klagefreitag“ und die „Klagelieder“ gehören für sie zusammen.

Doch mit diesem Datum verbindet sich noch mehr: am 9. Av des Jahres 70 n. Chr. wird die heilige Gottesstadt Jerusalem abermals zerstört; diesmal durch die Römer. Und am Vortag des 9. Av im Jahre 1492 n.Chr. werden die seit Jahrhunderten ansässigen Juden aus Spanien vertrieben – wenn sie nicht zum Christentum konvertieren. Und ebenfalls am 9. Av des Jahres 1914, das ist der 1. August, beginnt der erste Weltkrieg.

Merkwürdig, welch leidvolle Ereignisse sich mit diesem einen Datum des jüdischen Kalenders verbinden – einzig überboten von Jesu Kreuz und Auferstehung. Mitten in der leidvollen Wirklichkeit dieser Welt das Zeichen der Hoffnung für diese Welt.

Ich wüsste sonst kein anderes. Amen.

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Predigt am 14. Sonntag n. Tr. zu Mk. 1,40-45 (III)

Und es kam zu Jesus ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, daß du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekanntzumachen, so daß Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.

Markus hat es eilig – denn die Welt liegt im Argen. Deshalb beginnt er sein Evangelium nicht mit der Geburt Jesu in Bethlehem, sondern mit dessen Taufe durch Johannes im Wasser des Jordan. Anschließend erwähnt er nur kurz Jesu Versuchung in der Wüste und schon folgt dessen Auftritt in der Öffentlichkeit mit den Worten: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das/dieses Evangelium.“ (1,14) Nach der Berufung seiner ersten Jünger geht er in Kapernaum sofort ans Werk: In Vollmacht lehrt ER und heilt Menschen an Leib, Seele und Geist, so dass sich die Leute entsetzen. Weil er jedoch immer mehr Zulauf bekommt, muss er sich gewaltsam den Menschen entziehen – zum Beten an einem einsamen Ort. Doch die Leute suchen und finden ihn, oder seine Jünger suchen ihn auf und rufen ihn wieder zurück – ans Werk. (vgl. V 45)

Dass sich ihm auch ein Aussätziger naht, ist eigentlich eine unmögliche Möglichkeit. Denn Aussätzige haben sich von andern Menschen tunlichst fernzuhalten - und andere Menschen sich von ihnen. „Unrein, unrein!“, muss ein Aussätziger laut rufen, sobald sich ihm jemand naht. So steht es jedenfalls in dem Gesetz des Mose (3. Mose 13,45f). Was fällt darum nur solch einem „Unreinen“ ein, die gesetzliche Sicherheitszone zu durchbrechen und ganz gezielt auf Jesus zuzugehen und sich direkt vor ihm auf die Knie zu werfen und völlig unvermitteltzu sagen: „Willst du, so kannst du mich reinigen.“ -

Aber wieso „reinigen“? Will er einfach nur mal wieder „reine Haut“ haben, damit er sich wieder unter den Leuten sehen lassen kann? - Ja, ganz bestimmt auch. Denn Menschen mit Hautausschlägen vielleicht auch noch im Gesicht sind recht „unansehnlich“. Und wenn hier mit Aussatz Lepra gemeint ist, dann kommt noch die Angst vor Ansteckung hinzu. Denn Lepra ist hochinfektiös.

Dann hat also „unrein“ nicht nur etwas mit der Haut zu tun, sondern auch mit dem Verhältnis zu anderen Menschen: Die gehen verständlicherweise auf Abstand – denn Nähe ist bedrohlich. Welch ein Entsetzen muss deshalb die anwesenden Jünger befallen, als Jesus ohne irgendwelche Berührungsängste die Hand ausstreckt und diesen Aussätzigen, diesen „Unreinen“ anrührt – und damit alle gesetzlichen Sicherheitsvorschriften ignoriert.

Aber auch sonst scheint Jesus keinerlei Berührungsängste zu haben. Einem Taubstummen legt er die Finger in die Ohren und berührt seine Zunge mit Speichel. Dem Blinden von Betsaida streicht er Speichel auf die Augen und legt seine Hände auf ihn. Einen epileptischen Knaben ergreift er bei der Hand; ebenso die Hand der fiebernden Schwiegermutter des Petrus. Sogar die tote Tochter des Jairus und den Sarg des Jünglings zu Nain berührt er, was einem Juden in derRegel verboten ist! Und im Garten Gethsemane rührt er das abgeschlagene Ohr des Knechtes des Hohenpriesters an und heilt es. Und jetzt „streckt er die Hand aus und rührt einen Aussätzigen an und spricht zu ihm: Ich will's tun; sei rein!“ - und „verunreinigt“sich dadurch nicht selber?- Jedenfalls spricht Jesus das heilende Machtwort Gottes – und hat offensichtlich keinerlei Angst, mit einem Aussätzigen in Kontakt zu kommen.

Sollte das damit zu tun haben, wie ER in einem Streitgespräch mit den Pharisäern und Schriftgelehrten über die rituelle Reinheit beim Essen sagt: "Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund eines Menschen herauskommt, das macht ihn unrein"? (Mt 15,18f) - Also geht es bei „rein“ oder „unrein“ für Jesus nicht zuerst um die Haut, sondern um das Herz. Denn „mit was das Herz voll ist, davon geht der Mund über“ – und macht offenbar, ob jemand „nicht ganz sauber“ ist, weil aus seinem Mund dreckige Worte zu hören sind und er sich mit einem dreckigen Lachen als Dreckschleuder oder gar als Dreckspatz oder Drecksau alle Ehre macht – was sozial hoch infektiös ist. Deshalb gilt es, solche Menschen zu meiden!

Auch wenn uns reine Haut viel wichtiger erscheint als ein reines Herz unduns die Gefahr der „Verunreinigung“ des Herzens kaum bewusst ist – sie bedarf genauso der Heilung wie die Unreinheit der Haut (vgl. EG 389). Denn beide, Haut und Herz, haben etwas mit der Gemeinschaft unter Menschen zu tun. Wenn Jesus darum einen Menschen mit unreiner Haut oder unreinem Geist heilt, dann wird dieser Mensch nicht nur als Einzelwesen (Individuum), sondern auch als Gemeinwesen (Politikum) geheilt. Denn über Haut und Herz kommen wir miteinander „in Kontakt“.

Doch die Reinigung bzw. Heilung des Aussätzigen hat noch eine andere Dimension, welche uns allerdings noch weniger bewusst ist: Gemäß dem jüdischen Gesetzt gebietet Jesus dem Geheilten: „Zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.“ Dadurch gibt Jesus den religiösen Führern zu erkennen, dass er das jüdische Gesetzt achtet und das Amt des Priesters respektiert, undweist mit dem gebotenen Dankopfer den Geheilten auf die geistliche Dimension seiner Heilung hin. Denn dass der Leib wieder „funktioniert“ und ein „Ausgestoßener“ wieder sozial „integriert“ ist, ist nicht alles. „Heilung“ hat nach biblischem Verständnis in der Tiefe mit dem Heil Gottes zu tun; ansonsten bleibt die Heilung oberflächlich – und im Falle des Aussätzigen auf „reineHaut“ beschränkt.

Darum sind alle Heilungen Jesu Zeichen, Hinweise auf das Kommen des Reiches (vgl. Lk 11,20). Deshalb heilt er weder flächendeckend noch nur oberflächlich. Will deshalb auch nicht, dass sich jemand an ihn klammert, um an seiner Seite immer und überall fit und gesund zu sein – und droht dem Geheilten schließlich, treibt ihn davon und verbietet ihm, seine Heilung an die große Glocke zu hängen. Jesus will nicht als einer der vielen „Heiler“ unter den Menschen bekannt werden und anerkannt sein. Denn schließlich wird er selber zu Zeichen von Gottes Heil – allerdings an einem heillosen Kreuz. Infiziert von „Aussatz“ und „Unreinheit“ dieser Welt wird er selber wie ein Aussätziger und Unreiner hinausgestoßen vor die Tore der heiligen Stadt. Als einen solchen hat ihn dann auch Mathias Grünewald auf dem Isenheimer Altar dargestellt. Allein schon diesen Gekreuzigten anzuschauen erweckt Ekel - und schreckt ab vor jeglicher Berührung. Dabei ist dieser Heillose doch nur das Spiegelbild unserer heillosen Welt – und zugleich das Abbild von Gottes Heil für diese Welt. Denn wie es von jenem „Gottesknecht“ heißt: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen...“ (Jes 53,4) - so geschieht hier Heilung durch stellvertretende Übernahme des Unheils und der Heillosigkeit anderer - wovor sich allerdings jeder Arzt und Therapeut hüten muss: Not und Leid des andern zur eigenen Not und zum eigenen Leiden zu machen. Doch bei Jesus geschieht dies, damit er alles Unheil der Menschen mit in den Tod nimmt und es mit ihm sterbe – und der geheilte Mensch mit ihm als dem Erstgeborenen von den Toten aus dem Grab der Welt hervorgeht. Der Auferstandene ist das Zeichen für die verborgene Heilung dieser Welt, die noch offenbar werden muss: Der - biblisch verstandene - Tod als der Zerfall in die Beziehungslosigkeit ist überwunden. Es kommt wieder zusammen, was zusammengehört – und dazu gehört auch das entzweite und entstellte Verhältnis des Menschen zu Gott.

Bleibt allerdings nur noch die Frage: Warum heilt Gott diese Welt – und überlässt sie nicht einfach ihrem schicksalhaften Unheil? Warum überschreitet Jesus die Grenze der „Unberührbarkeit“, um mit dem Leid der Menschen „in Kontakt zu kommen“ und es ganz bewusst und folgenschwer auf sich zu nehmen? Was ist hierfür der Grund?

Und es jammert ihn, und er streckt die Hand aus, rührt ihn an…“, heißt es. Jesus wird vom Jammer gepackt – wie öfters angesichts der Menschen; und wie im Gleichnis jener Samariter über den unter die Räuber Gefallenen; und wie der Vater, als er seinen verlorenen Sohn von ferne kommen sieht und ihm entgegeneilt. Dieser Jammer äußert sich in Erbarmen – und ist der tiefste Grund der „Grenzüberschreitung“ Gottes hin zu den Menschen, hin zu seiner Menschwerdung: Er kann das Elend des Menschen nicht mehr länger anschauen, sondern macht es zur „Chefsache“. „Da jammert Gott in Ewigkeit mein Elend übermaßen; er dacht an sein Barmherzigkeit…“, singt M. Luther. Und was sich in der Begegnung Jesu mit dem Aussätzigen zeigt – dass ihn jammert und er sich seiner erbarmt -, das verdichtet sich in der Jammergestalt des Gekreuzigten: Ausdruck all unseres Jammers und zugleich des Jammers Gottes über uns. Ausdruck der Erbarmungslosigkeit dieser Welt und zugleich von Gottes Erbarmen mit dieser Welt.

Wenn es darum in dem höchst vielfältigen Zeugnis der Bibel einen „roten Faden“ gibt, dann ist es dieser Jammer, der sich äußert in einem herzlichen Erbarmen. Und wenn es in dieser erbarmungslosen Welt Kirche gibt, dann besteht sie aus jenen, die ER berufen und gesetzt hat zum Zeichen und Zeugnis seines Erbarmens. Amen.


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Predigt am 13. Sonntag n. Tr. zu Mk 3,20f+31-35 (III)

Und Jesus ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, so daß sie nicht einmal essen konnten.  Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen. 

(Die Schriftgelehrten aber, die von Jerusalem herabgekommen waren, sprachen: Er hat den Beelzebul, und: Er treibt die bösen Geister aus durch ihren Obersten.  Jesus aber rief sie zusammen und sprach zu ihnen in Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben?  Wenn ein Reich mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen.  Und wenn ein Haus mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen.  Erhebt sich nun der Satan gegen sich selbst und ist mit sich selbst uneins, so kann er nicht bestehen, sondern es ist aus mit ihm.  Niemand kann aber in das Haus eines Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, wenn er nicht zuvor den Starken fesselt; erst dann kann er sein Haus berauben.  Wahrlich, ich sage euch: Alle Sünden werden den Menschenkindern vergeben, auch die Lästerungen, wieviel sie auch lästern mögen;  wer aber den heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig.  Denn sie sagten: Er hat einen unreinen Geist.) 

Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen.  Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.  Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder?  Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!  Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Dass er einen bösen Geist habe (Joh 8,48) und IHN deshalb mal jemand aus dem Kreise seiner Gegner für verrückt erklärt, das liegt nahe. Dass solches aber gerade seine engsten Verwandten tun, das verstehe ich nicht. Sehen sie vielleicht ihren eigenen Ruf in Gefahr? Denn was er sagt und tut, das fällt ja auch auf seine ganze Sippe und Familie zurück („Sippenhaft“). Gewiss macht er sonst einen recht normalen Eindruck – außer dass er sich den Menschen irgendwie bedingungslos zuwendet... Hat das vielleicht den Neid seiner Angehörigen geweckt? Denn für die soll er doch zuerst oder gar ausschließlich da sein; insbesondere für seine (verwitwete?) Mutter und für seine Brüder.

Doch Blutsverwandtschaft spielt bei Jesus offensichtlich nicht die entscheidende Rolle – darum werfen ihm auch seine Gegner vor, er sei wohl ein Samariter (Joh 8,48), also ein Bastard, er sei und verhalte sich „unjüdisch“ und beschmutze das jüdische Nest. So wendet er sich auch den verhassten römischen Besatzern freundlich zu – wie dem Hauptmann von Kapernaum und ist sogar bereit, dessen „unreines“ Haus zu betreten (Mt 8,5ff) – was aber seltsamerweise dieser abwehrt! Und so wenden sich auch andere Menschen an ihn – vor allem, um von ihm geheilt zu werden an Leib, Seele und Geist. Hat das vielleicht den Neid seiner Gegner erweckt: die Menschen kommen zu IHM und nicht zu ihnen?

Aber die Menschen kommen auch zu IHM, um ihn zu hören. Und was sie zu hören bekommen, ist die „frohe Botschaft“, das „Evangelium“ vom Kommen des Reiches Gottes – das mit einer veränderten Lebensausrichtung einhergeht („Buße“/“Umkehr“). Zum Zeichen des kommenden Reiches Gottes gehört, dass er schuldig gewordenen Menschen die Vergebung zuspricht (Mk 2,7) und auch am Sabbat Kranke heilt (Lk 13,14).

Und das alles in einer eigenartigen Vollmacht und Souveränität – so dass sich die Menschen darüber entsetzen. Er lebt anscheinend in einem unmittelbaren Gottesverhältnis und ist zugleich ganz den Menschen zugewandt. Und vielleicht kann er den Menschen nur deshalb so bedingungslos zugewandt sein, weil er in solch einem unmittelbaren Gottesverhältnis lebt. Und das macht ihn anders als die anderen. Und die Menschen spüren das. Deshalb suchen die einen seine Nähe – und gehen die anderen auf Distanz zu ihm; und seien es seine eigenen Angehörigen.

Ja, man muss wohl sagen: Jesus spaltet die Menschen; er entzweit sie (vgl.. Vielleicht hat er deshalb gesagt, dass er „nicht gekommen sei Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Mt 10,34ff). An Jesus scheiden sich die Geister, denn er stellt die Menschen in die Entscheidung – und zwar vor allem mit seiner Botschaft: diese anzunehmen oder sie zu verwerfen – und damit ihn selber anzunehmen oder zu verwerfen. Jedenfalls gibt es viele, die ihn hören wollen, ihm zuhören wollen - denn sie hören aus seinen Worten das Wort Gottes; genauso wie sie bei ihm die heilende Kraft Gottes spüren wollen, die von ihm ausgeht (vgl. Mk 5,27ff). Kein Wunder, dass jene vier Freunde um ihres gelähmten Freundes willen das Dach eines überfüllten Hauses abdecken, weil dieser nur auf diese Weise vor Jesu Füßen landet, der drinnen im Hause den Menschen das Wort“ sagt (Mk 2,2ff) Natürlich sind stets auch die Vertreter der „Religionssicherheit“ zugegen und schreiben bemüht und eifrig mit, was sie da so zu hören bekommen - um ihrer obersten Behörde in Jerusalem Bericht über ihn zu erstatten: Was sie da so hören und sehen, das wird sorgfältig protokolliert und in seiner schon ziemlich dicken Personalakte archiviert. Und irgendwann wird es ihm serviert...

Doch selbst seine erklärten Feinde müssen zugeben, dass ER nicht taktiert und schon gar nicht irgendjemanden hofiert (Lk 20,21). Jesus ist geradlinig, unverstellt – und dabei so wohltuend anders, dass es eben für manche schon wieder zu wohltuend ist. Und das werfen sie ihm auch vor: Er müsse viel strenger sein - auch zu denen, für deren verkorkstes Leben seine Güte die letzte Hoffnung ist. Doch gerade diese finden zu IHM. Denn sie brauchen IHM nicht vorspielen, wie toll sie sind und was sie alles können... Bei ihm müssen sie sich selber nichts vormachen.

Dass ER anders ist als die andern, das erkennen eben auch seine Angehörigen. Schon sein Verbleib im Tempel zu Jerusalem mit 12 Jahren war nicht die eigensinnige Episode eines pubertierenden Jugendlichen. Schon damals „entsetzten sie sich“ (Mt 13,54). Doch seit seiner Taufe durch Johannes im Alter von ca. 30 Jahren und seinem anschließenden öffentlichen Auftreten scheint er für seine Angehörigen etwas seltsam (vgl. Joh 7,5). Dabei redet er weder sinnloses Zeug noch benimmt er sich sinnlos daneben. Stattdessen lädt ER ein zur Freude, dass Gott durch ihn das Verlorene heimsucht. Das sei seine „Mission“ (Lk 19,10). Ist ER deshalb „von Sinnen“ – wie seine Angehörigen meinen? - oder hat „einen Dämon“ und „treibt die bösen Geister aus durch ihren Obersten“ – wie seine Gegner behaupten? (Der Evangelist Markus hat dieses Urteil der Gegner Jesu wohl ganz bewusst in diese (!) Geschichte eingefügt – und damit dem Urteil seiner Angehörigen beigeordnet! Mk 3,22-30) Jedenfalls machen sich seine Angehörigen auf den Weg, um einen, der scheinbar verrückt ist, „festzuhalten“, also zu ergreifen und mit nach Hause zu nehmen - und unter Hausarrest zu stellen? - Vormals als 12jähriger „ging er mit seinen Eltern hinab nach Nazareth und ward ihnen untertan.“ Jetzt auch?

Gewiss gibt es Menschen, die tatsächlich „religiös daneben“ sind. Solche Menschen haben sich in etwas hineinverbohrt. In ihnen ist es eng und fanatisch, hart und kalt. Sie kennen weder Gnade noch Erbarmen. Doch dergleichen lässt sich bei Jesus gerade nicht feststellen. ER ist kein engstirniger Fanatiker. Sein Herz ist weit und warm. ER lebt die Güte Gottes und erbarmt sich deshalb der Menschen, die auf solche Güte angewiesen sind. Die Evangelien bezeugen deshalb kein religiöses Wahngebilde eines exaltierten Egozentrikers. Im Gegenteil: Die Evangelien bezeugen einen Menschen, der in seinem Reden und Handeln völlig souverän und klar, nüchtern und höchst bodenständig ist - und schließlich selber einlöst, was er von anderen fordert: Die Hingabe des Lebens aus Liebe.

Ahnen das seine Angehörigen und versuchen ihn zu bremsen? Wollen sie ihm sagen: Er müsse doch endlich mal auch an sich selber denken... Jedenfalls stehen sie eines Tages vor einem wieder mal überfüllten Haus, kommen nicht rein oder gehen nicht rein, schicken stattdessen jemanden hinein und lassen Jesus ausrichten: „Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.“ Wollen sie also wissen, ob bei ihm alles in Ordnung ist, weil sie sich wieder mal große Sorgen um ihn machen? Denn das alles erschöpfe ihn doch zu sehr und er müsse doch auch mal an seine Gesundheit denken...

Was Jesus da zu hören bekommt, das ist die höfliche und diplomatische Spielart ihres Verdachts, er sei wahnsinnig. Doch während Jesus bei seinen Gegnern solch diplomatische Höflichkeit „Heuchelei“ nennt, lässt ihn jetzt in die Menge fragen: „Wer ist meine Mutter, wer sind meine Geschwister?“ Und während alle ob dieser völlig unvermittelten Frage ziemlich irritiert oder betreten sind, schaut ER die Menschen an – und gibt nach einer Weile betretenen Schweigens selber die Antwort: „Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Geschwister! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Was für eine Antwort! Die Antwort eines Wahnsinnigen? - weil auch jetzt die leibliche Blutsverwandtschaft keine entscheidende Rolle spielt? Schon auf der Hochzeit zu Kana weist er den dränglerischen Hinweis seiner Mutter auf mangelnden Wein zurück mit den Worten: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen. (Joh 2,4/Luther 1912) Ein andermal sagt eine Frau: „Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du gesogen hast.“ Und er antwortet: „Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.“

Dann sind also nicht Fleisch und Blut für Jesus verbindlich – weshalb „Mutter“ und „Geschwister“ bei ihm einen ganz anderen und neuen Inhalt haben: Der ist mit mir verbunden, verwandt, „der ist mir Mutter und Schwester und Bruder, der den Willen Gottes tut.“ Damit widerspricht er dem normalen orientalischen Denken, bei dem Familie und Sippe bis heute an erster Stelle stehen. Aber warum ist das so bei ihm? So anders?

Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk“ (Joh 4,34), sagt er einmal. Und zur Hingabe an den Willen Gottes gehört die Hingabe seines Lebens andern zugute. Dieser gelebte Wille Gottes ist es wohl, der ihn so „verrückt“ erscheinen lässt - auch oder gerade für uns! Zumal wir es doch für „normal“ betrachten, dass alles sich um den Aufbau und die Erhaltung unseres eigenen Selbst dreht. Wir sind zuerst uns selbst verpflichtet: Aber genau dadurch auch immer in Angst und Sorge um uns selbst – was uns zermürbt und krank macht.

Dabei haben wir doch einen Vater im Himmel, der für uns sorgt. Im Vertrauen auf seinen Vater im Himmel hat Jesus gelebt – und konnte deshalb selbstlos lieben – und scheint deshalb nicht ganz normal! - Scheint…! Denn nicht ER, sondern wir bedürfen doch der Heilung. Nicht ER ist ver-rückt, sondern ER rückt wieder zurecht, bringt wieder ins Lot. Doch nicht um einen Verrückten und Kranken zu sehen und zu hören kommen die Menschen zu ihm, sondern um durch seine Hingabe endlich von ihren Verrücktheiten und Krankheiten an Leib, Seele und Geist geheilt zu werden!

Wenn das aber stimmt – und es kann nicht anders sein! -, dann ist Jesus der einzig Normale – in dieser ver-rückten Welt!! Amen.


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Predigt am 12. Sonntag n. Tr. zu Jes 29,17-24 (III)

"Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.  Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;  und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.  Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,  welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.  Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände - seine Kinder - in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.  Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen."

Die Welt ist voller Götter und deren Propheten. Diese prophezeien, was jene versprechen - und wir uns alle wünschen: Glück, Gesundheit und ein langes Leben - sopfern man ihrer Botschaft glaubt und sich ihnen anvertraut. Die Botschaft dieser „Propheten“ reicht von der vielversprechenden Werbung bis hin zu den Wahlversprechen der politischen Parteien. Doch manches Versprechen entpuppt sich dann doch als ein Versprecher... - Und dennoch lassen wir uns immer wieder auf etwas ein, was uns da so versprochen wird und wovon wir uns etwas versprechen, weil es uns hoffentlich „etwas bringt“: Irgendeinen Zugewinn. - „Segen“?

Uns daran zu orientieren scheint eine „Grundkonstante“, ein „Existential“ unseres Lebens zu sein. So lassen sich schon im Paradies Adam und Eva von einer listigen Schlange umgarnen, die ihnen verspricht, verheißt, prophezeit: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben – wie Gott euch gesagt hat -, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und (werdet) wissen, was gut und böse ist.“ (1 Mose 3,4f) Und Adam und Eva glauben der Schlange und glauben ihr immer wieder, gehen ihr auf den Leim – und gehen letztlich leer aus. Statt etwas zu gewinnen, verlieren sie - das Paradies.

Die „Erlösung“ von solch leeren Versprechungen beginnt mit Abraham. Von Gott herausgerufen aus der bisherigen Welt der Götter und ihrer Propheten „bindet“ er sich allein an diesen einen Gott, der ihm in Treue seinen Segen, Land und Leute verheißt. „Und Abraham glaubte dem HErrn...“ (1 Mose 15,6) Und damit beginnt das „wanderte Gottesvolk“ der „Hebräer“ (vgl. 1 Mose 14,13). Doch im verheißenen Land Kanaan erwirbt Abraham lediglich eine Grabstätte für seine Frau Sarah und für sich – und darin wird auch die Verheißung Gottes begraben?

Über seinen Sohn Isaak und dessen Sohn Jakob gelangt das „wandernde Gottesvolk“ schließlich nach Ägypten und endet dort in der Knechtschaft – und damit endet auch die Verheißung Gottes? - Doch Gott gedenkt seines “Bundesmit Abraham, Isaak und Jakob und führt durch Mose die Hebräer aus dem ägyptischen Sklavenhaus heraus – in die Wüste Sinai hinein, wo er mit dem ganzen Volk einen Bund schließt und seine Treue verspricht: „Ich bin (und bleibe) der HErr, dein Gott...“ (2 Mose 20,2) - was allerdings während einer dramatischer „Wanderschaft“ durch die Untreue des Volkes immer wieder zu scheitern droht. Erst nach 40 Jahren wird das „wandernde Gottesvolk“ in dem Abraham verheißenen Land Kanaan langsam sesshaft.

Doch bald verspricht man sich den eigenen Fortbestand in der Sesshaftigkeit durch ein dauerhaftes Königtum - wie es alle anderen Völker auch haben (1 Sam 8,5). Und da mit der Sesshaftigkeit die Verheißung Gottes erfüllt scheint scheint damit auch die Zeit des mitwandernden Gottes vorbei zu sein und es beginnt die Zeit mit den hier sesshaften Göttern und Göttinnen Kanaans, welche für das gute Wetter und die Fruchtbarkeit des Landes sorgen („Baal“) - und damit Glück, Gesundheit und ein langes Leben garantieren...

Weil man nicht mehr anders sein will als alle andern und also die Last der „Auserwähltheit“ und also „Absonderung“ und also „Heiligkeit“ nicht mehr ertragen und erleiden möchte (3 Mose 19,2/1 Petr 1,16!), darum immer wieder die Versuchung der politischen und religiösen Anpassung/“Assimilation“ - und immer wieder der Einspruch Gottes aus dem Mund seiner berufenen Propheten vor Königen und Priestern: Einspruch gegen die selbstherrliche Ausbeutung des Landes - zumal es doch Eigentum Gottes und also „Heiliges Land“ ist (3 Mose25,23). Einspruch gegen den selbstherrlichen Machtanspruch königlicher Tyrannen - zumal die Königsherrschaft Gottes über Israel immer noch gültig ist (Ps146,10). Einspruch gegen die selbstherrlichen Spötter, die den verspotten, der immer noch am „alten“ Gott Israels, an JHWH festhält (Ps 42). Und Einspruch gegen die selbstherrliche Zurechtlegung des Rechts gegenüber dem Schwachen und Unschuldigen - zumal es doch das Israel verliehene Gottesrecht ist (1 Mose 26,5).

Da Tyrannen, Spötter und Rechtsbeuger jedoch unverbesserlich sind, können sie nur ausgerottet werden. Hingegen werden den Tauben wieder die Ohren und den Blinden wieder die Augen für das Wort Gottes geöffnet. Und die irren, werden wieder Verstand annehmen und die murren, lassen sich wieder etwas sagen und die Elenden haben wieder Freude am Herrn und die Ärmsten werden wieder fröhlich sein in dem Heiligen Israels – wie Jesaja verkündet.

Doch diese Verheißung und die damit verbundene Hoffnung scheint sich zunächst einmal nicht zu erfüllen. Im Gegenteil: alles wird noch schlimmer – bis schließlich angesichts des ganzen politischen und religiösen Versagens mit der Deportation des Volkes nach Babylonien der Staat Israel endet (587 v. Chr.) – und damit endet auch die Treue Gottes zu seinem Volk Israel?

Doch es gibt immer wieder welche, die dennoch an der Treue Gottes zu seinem gegebenen Wort und zu seinem erwählten Volk festhalten - woraus schließlich die Verheißung eines ganz anderen Königs erwächst. Dieser „Gesalbte Gottes“, dieser Messias wird dann endgültig die Königsherrschaft Gottes über das Volk Gottes errichten und „recht regieren“ (Jer 23,5). Dann wird niemand mehr beschämt oder erblasst dastehen, denn Gott wird sich vor allen andern Völkern an seinem Volk erweisen und diese werden den Gott Israels heiligen und fürchten.

Doch als dann nach ca. 50 Jahren die zaghafte Rückkehr eines „Restes“ aus Babylonien beginnt (Jes 11,11), ist und wird nichts mehr wie es zuvor einmal war. Eine immer wieder bedrohte und oftmals mit Waffengewalt erkämpfte („theokratische“) Autonomie endet schließlich in der nationalen und religiösen Katastrophe der Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahre 70 n. Chr. durch die Römer. Und damit endet schließlich auch die Verheißung samt der Treue Gottes für sein Volk?

Jahrzehnte vor dieser Katastrophe verdichtet sich die Geschichte des Volkes Gottes in einer einzigen Person und bildet sich schließlich in dessen Schicksal (typologisch) ab. Viele sehen in diesem Menschen einen Propheten (Mt 21,11), denn er verkündigt und verheißt die „frohe Botschaft“, das „Evangelium“ vom „unableitbaren“/“nahen“ Kommen des „Reiches Gottes“, der „Königsherrschaft Gottes“ und ruft deshalb zur „Umkehr“ auf. - Doch was kommt, ist sein beschämendes Ende in Gottverlassenheit an einem Kreuz, an dem er von den Römern als „König der Juden“, also als „Gesalbter“, als „Messias“ verhöhnt und von den religiösen Führern des eigenen Volkes seines Gottvertrauens wegen verspottet wird. -

Doch „plötzlich und unerwartet“ erscheint der Gekreuzigte „nach einer kleinen Weile“ seinen Jüngern und offenbart sich ihnen als der Lebendige; geht durch verschlossene Türen und hält mit ihnen das Mahl wie zuvor – was doch überhaupt nicht zusammenpasst. Aber nicht um dieses Mysterium geht es, sondern um die Erkenntnis: Der Gott Israels ist Jesus treu geblieben und hat gerade den von den Toten auferweckt, der so vielen missfallen hat – und hat damit endgültig bestätigt, was schon bei seiner Taufe im Jordan zu hören war: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ - Und was an diesem einen Sohn Gottes zeichenhaft geschah, sollte das nicht auch an den „toten“ Kindern Gottes geschehen können (vgl. Ez 37): Dass Gott auch an ihnen seine Treue erweist und endlich wahr machen, was er ihnen immer wieder verheißen hat? Dann aber wäre Jesus, seine Geschichte und sein Schicksal, die Hoffnung für Israel!

Als verblendeter Pharisäer und Christenverfolger hat dies Paulusvor den Toren von Damaskus selbererfahren – und widerspricht darum manchen Christen in Rom (vgl. Röm 9-11), die – wie heute vor allem viele Muslime – meinen: Gott habe seine Verheißungen und seine Treue von Israel zurückgezogen und es wohl endgültig verworfen. Dagegen macht Paulus in aller Schärfe deutlich: Die als ein fremder Zweig in den Ölbaum Israel eingepflanzt sind, die können – wie manch ursprünglicher Zweig – auch wieder ausgebrochen werden. Also kann das Schicksal eines Teils von Israel jederzeit auch zum Schicksal der Kirche werden! - weshalb die Kirche mit der Synagoge nicht nur die Verheißungen Gottes teilt, sondern auch seine Warnung; vor allem angesichts der Versuchung zu leugnen, dass die Kirche eingepflanzt ist in den „Ölbaum Israel“ und deshalb oftmals geduldet hat oder gar Gefallen daran hatte, wie man dem Ölbaum Israel auch noch seine letzten Zweige gewaltsam auszureißen versuchte – durch Pogrome und in Vernichtungslagern.

Auch aus diesem Grunde wird nach ca. 1900 Jahren im Jahre 1948 unter erheblichen Geburts- und Folgewehen der Staat Israel gegründet. Und obwohl sich in dieser „nationalen Heimstatt“ viele der Zerstreuten Israels sammeln, ist das wandernde Gottesvolkes doch noch nicht am Ziel der verheißenen „Ruhe“ („Sabbat“) angekommen (vgl. Brief an die Hebräer/an das „wandernde Gottesvolk“). Denn gerade das „Heilige Land“ mit seinen vielen „Unruhen“ schreit nach den immer noch ausstehenden Verheißungen des „Heiligen Israels“ für sein Volk und die Völker dieser Welt.

Auf diese große Perspektive weisen seit einigen Jahrzehnten besonders jene „messianischen Juden“ - die ehemaligen „Judenchristen“ - hin, welche sich zu Jesus als Messias, als Gesalbten Gottes und damit als „König Israels“ bekennen. Bei seinem Erscheinen in menschlicher Niedrigkeit wurden die Verheißungen der Propheten erneut in Kraft gesetzt, aber erst mit seinem Erscheinen in göttlicher Herrlichkeit endgültig erfüllt, womit dann endgültig die „Königsherrschaft Gottes“ sich vollendet.

Mit diesen „messianische Juden“ tut sich allerdings nicht nur die die jüdische Orthodoxie, sondern auch die christliche Kirche schwer. Denn wir verstehen Kirche weitgehend als eine religiös-ethische Spielart der Gesellschaft. Und den christlichen Glauben haben wir weitgehend individual- psychologisch verengt auf einen spirituellen Trost für den Fall/Kasus, dass es mir mal schlecht gehen sollte. Dadurch wird der christliche Glaube zu einer „Kasualie“ – und der Gott, den die ganze Bibel bezeugt, (funktional) austauschbar (!) mit all den irdischen Göttern, deren Propheten einen solchen Trost noch brauchbarer und wirksamer verheißen! Über solch verstümmeltem Kirchen- und Glaubensverständnis haben wir den großen Trost der verheißenen „Königsherrschaft Gottes“ weitgehend verloren - und können deshalb auch nicht mehr sehnsüchtig beten und bitten, dass SEIN Reich endlich komme, SEIN Name endlich geheiligt werde, und SEIN Wille endlich geschehe. -

Zwar sitzen die „messianischen Juden“ als eine Minderheit zwischen allen Stühlen; aber vor allem sie erinnern uns gegenwärtig an diese große Verheißung und mahnen uns stillschweigend, sie wiederzugewinnen. Wie ließe es sich sonst hoffnungsvoll und getrost leben in dieser erlösungsbedürftigen Welt. Amen.


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Predigt am 9. Sonntag n. Tr. zu Mt 7,24-29 (III)


Jesus sagt am Ende der "Bergpredigt": Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein, und sein Fall war groß.

Und es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, daß sich das Volk entsetzte über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten.

Was ist denn an Jesu „Lehre“ - also an der vorausgehenden „Bergpredigt“ (Mt 5ff)- so „entsetzlich“, dass „sich das Volk entsetzt“ - oder auch nur „verwundert“? Ich habe sie mal gelesen – und finde sie eigentlich ganz interessant. Aber ob man sie eben wirklich „tun“, also wirklich leben kann?

Jesus scheint diesen Anspruch zu haben – und das scheint für die einfachen Leute aus dem Volk eine gewisse Zumutung zu sein. Und dann auch für seine gebildeten Gegner. Und schließlich auch für viele seiner Jünger, so dass sich viele von ihm trennen (Joh 6,60ff)!

Scheinbar gehen Jesu Worte bei niemandem runter wie Öl, als hätten die Menschen schon lange auf sie gewartet. Im Gegenteil: Sie werden als eine Herausforderung, als eine Provokation empfunden, denn - sie stellen in die Entscheidung. Und so zeigt auch sein Wort „Vom Hausbau“: Entweder baut jemand das Haus seines Lebens auf Fels oder auf Sand. Und worauf er baut, das zeigt sich, wenn das Haus seines Lebens vom „Unwetter“ überrascht und ergriffen wird. Dann wird offenbar, ob er klug/weise war – oder töricht/dumm. Das Unwetter bringt es an den Tag – nicht das Schönwetter.

Dabei ist doch klar: Wir bauen lieber – auf „Sand“. Der passt sich meinem „Bauvorhaben“ und also meinen „Bedürfnissen“ an. „Fels“ hingegen ist widerständig und gar nicht so einfach zu bebauen. Doch wenn's drauf ankommt und drunter und drüber geht, dann wird der geschmeidige Sand zur Falle – und der harte Fels zur Rettung. Denn dann gibt es nur noch eines: Entweder dem „Unwetter“ standhalten – oder von ihm mitgerissen werden.

Und dem Unwetter halten nicht jene stand, die Jesus zwar gerne zuhören und vielleicht auch gerne noch ein „(Berg)Predigtnachgespräch“ mit ihm führen. Denn nur Anhören gleicht dem Sand als Fundament des Lebens. Wer sich hingegen auf sein Wort einlässt und es tut, es also lebt, der baut er auf Fels – was sich jedoch erst im „Unwetter“ zeigt.

Aber kommt denn so eine unwetterartige Lebenssituation überhaupt bei Jesu Jüngern vor? Mit Gott müsste doch eigtl. immer alles gut gehen! Wozu glaubt man denn sonst an ihn!?

Auch mit Gott bleiben die Stürme des Lebens nicht aus – sie gehen aber anders aus. Den Jüngern Jesu widerfährt dasselbe wie allen andern Menschen auch. Auch sie werden vor nichts verschont, werden gerüttelt und geschüttelt, sei es durch innere Anfechtung oder durch äußere Anfeindung. Auch Jesu Jünger müssen durch alles hindurch – und gehen doch anders als andere daraus hervor! Auch bei ihnen offenbaren die unausbleiblichen Stürme des Lebens die Qualität des Fundaments. Und diese Qualität kann man nicht theoretisch diskutieren, sondern nur praktisch erfahren. Die Wahrheit dieses Fundaments ist auf Bewahrheitung, auf Bewährung aus. Und das ist für Menschen, die immer auf der sicheren Seite sein wollen, ein zu hohes Wagnis, ein zu großes Risiko! Doch genau die begehrte „materielle“, d.h. verfügbare Sicherheit kann sich in unsicheren Zeiten plötzlich als „Sand“ und eben nicht als „Fels“ erweisen! - Doch worin besteht nun die „Härte“ der Bergpredigt Jesu?

Angesichts der großen Menge, die ihm folgt, angesichts des vielen Volks, geht Jesus auf einen Berg, setzt sich und seine Jünger treten zu ihm – und er lehrt sie; gar nicht auf gleicher Augenhöhe. ER ist ihr Rabbi/Lehrer und sie sind seine Schüler, ER ist ihr Meister und sie seine Lehrlinge. Und was ER sie lehrt, das sollen sie „zeichenhaft“ leben – wie ER es auch tut. Und seine „Lehre“ beginnt mit „Seligpreisungen“. Da wird gerade all denen die „Fülle“, die „Seligkeit“ verheißen, die in den Augen der Welt die Looser/Verlierer sind und nur leer ausgehen können! - Daraufhin nennt er gerade diese „das Salz der Erde“ – das man jedoch wegschüttet und von den Leuten zertreten lässt, wenn es aufhört, solches Salz zu sein. Und er nennt sie auch noch „das Licht der Welt“ - und als solches sollen sie leuchten vor den Leuten – zum Lob Gottes! - Daraufhin macht er seinen Jüngern klar, dass er nicht gekommen ist, die Weisungen, die Gebote Gottes, die „Thora“ aufzulösen und revolutionär über den Haufen zu werfen. Jesus versteht sich nicht als Revolutionär - wie anscheinend manche ihn gerne verstehen (möchten). Er ist gekommen, die Gebote Gottes und damit den Willen Gottes zu erfüllen. In diesem Sinne soll auch die „Gerechtigkeit/Rechtschaffenheit“ seiner Jünger besser sein als die der Schriftgelehrten und Pharisäer... - ansonsten bleibe (auch) ihnen der Zugang zum Reich Gottes verschlossen.

Dann legt ER ihnen die Gebote Gottes in der Weise der „besseren Gerechtigkeit“ aus, indem er sie anders füllt als gewohnt: Töten beginnt schon mit tödlichen Gedanken und Worten. Ehebruch ist schon der begehrende Blick. Ein klares Ja oder Nein erübrigt alles Schwören, also Bekräftigen. Vergelten wird überwunden durch Vergeben, Fordern durch Geben. Den Nächsten zu lieben umfasst auch den, der mir feindlich gesinnt ist.

Dann geht ER auf ein geheiligtes, frommes Lebens ein. Wenn ihr … Almosen gebt/eine Gabe verteilt, dann hängt dies nicht an die große Glocke, sondern lasst es im Verborgenen. Und wenn ihr... betet, dann nicht mit vielen Worten vor den Leuten, sondern im Verborgenen. Und wenn ihr fastet... dann versucht nicht, damit aufzufallen und euren Verzicht öffentlich würdigen zu lassen, sondern haltet es verborgen. Denn für Gott ist nicht das Öffentliche Entscheidend; ER sieht ins Verborgene.

Dann lehrt Jesus die Seinen den Umgang mit den elementaren irdischen Dingen: Nahrung und Kleidung: Sorgt euch nicht, denn euer Vater im Himmel versorgt euch. Trachtet nicht nach immer mehr und nie genug, sondern trachtet nach dem Reich Gottes.

Dann folgen zwei besondere Hinweise: Was ich dem andern an Verfehlungen vorhalte – das ist in mehrfacher Weise bei mir selber zu finden. Und: Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht vor die Säue – um bei ihnen anzukommen?! Denn sie werden das Heilige mit Füßen treten und sich gegen euch selber wenden und euch zerreißen. - (Vielleicht) Deshalb anschließend die Verheißung: Ihr geht bei Gott nicht leer aus: Bei ihm kommt ihr an, denn Gott erhört Gebet.

Dann fasst Jesus die Auslegung der Gebote zusammen in der verblüffend einfachen „Goldenen Regel“: „Alles nun, was wir wollt, dass euch die Leute (Gutes!) tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“ Doch daraufhin sofort wieder der Hinweis, dass das alles gar nicht so einfach ist: Denn es gleicht einem „schmalen Pfad“ und führt durch eine enge Pforte ins Leben – und nur wenige gehen diesen Weg. Die meisten gehen den „breiten Weg“, auf dem sie so viel wie möglich mitnehmen wollen, was sich ihnen gerade alles so bietet. Sie meinen, das sei der Weg zum Leben – aber es ist der Weg ins Verderben.

Dann folgen schließlich noch Warnungen vor den falschen Propheten, die in „Schafskleidern“ daherkommen; Salonpropheten, die edel und schön gekleidet sind und ebenso edel und schön reden. Es geht ihnen um Auftritt und Erscheinung – aber nicht um Entscheidung und Umkehr. Doch wer was ist, lässt sich letztlich nur an dem erkennen, was er hervorbringt; Die Qualität eines Baumes erkennt man an seinen Früchten – und nicht an seinen grünen Blättern oder bunten Blüten. Und so reicht es auch nicht, zu Jesus „Herr, Herr“ zu sagen, sondern den von IHM gelehrten Willen Gottes zu tun. Und wer diese seine Lehre, seine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein (Lebens)Haus auf Felsen baute...

Und dann - das Erstaunen, Erschrecken, Entsetzen der Leute – über diesen Anspruch von Verbindlichkeit, mit dem Jesus in Vollmacht lehrt – und die Menschen in die Entscheidung stellt. - Hingegen halten es die Schriftgelehrten - die Theologen! - eher mit der Beliebigkeit: Es beliebt ihnen nämlich, bei den Menschen anzukommen, um anerkannt zu werden. Die Verbindlichkeit Jesu hingegen fordert heraus – und scheidet die Menschen in solche, die nur mal kurz hören wollen, was er so alles sagt - und in solche, die hören und es tun, es leben.

Und die dann in bedrückender Zeit die beglückende Erfahrung machen: Mein Lebenshaus ist nicht auf Sand, sondern auf Fels gebaut. -

Und dieser Fels ist Jesus selber. Amen.


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Predigt am 8. Sonntag n. Tr. zu Jes 2,1-5 (III)

Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem: 

Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, laßt uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, laßt uns wandeln im Licht des HERRN!

Hätte Jesaja nicht eine Völkerwallfahrt zum Hause Gottes auf dem Zion, auf dem Berge Gottes prophezeit (vgl. Mi 4,1-5), sondern eine Völkerwanderung nach Europa – und hätte er nicht angekündigt, dass von Zion in Jerusalem Weisung für alle ausgeht, sondern von den „Vereinten Nationen“ in New York – und hätte er nicht gesagt, dass Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Sicheln umgeschmiedet werden, sondern dass immer mehr Waffen geschmiedet werden – hätte Jesaja das prophezeit, dann - würde ich ihm glauben. So aber ist es nur eine schöne Vision – und eine menschliche Illusion?

Oder gab es in der Zeit Jesajas vielleicht doch ganz konkrete Ansätze, hoffnungsvolle politische Anzeichen - als Anlass für solch eine wunderbare „Vision“ vom kommenden Frieden unter den Völkern und Nationen? - Oder wollte Jesaja mit dieser Friedens-Vision Menschen in Kriegen und Bürgerkriegen seiner Zeit trösten? Oder müssen wir heute sagen: Schön ist sie schon, deine Friedensvision – aber uns bestimmt heute eher die Horrorvision der Endschlacht von „Armageddon“ oder auch nur der mögliche „Kampf der Kulturen“ („Clash of Cultures“, S.P. Huntington) – und damit auch die Angst davor. Denn wir sehen und hören doch, was Menschen alles wirken und bewirken und was da alles am Horizont der Zukunft auftaucht! Und das ist zugleich faszinierend und furchterregend, hoffnungsvoll und grauenvoll.

Und in dieser Welt als „Wirkstatt“ des Menschen ist das Wirken eines Gottes eine „Utopie“, ein „Nicht-Ort“, es hat keinen Raum (mehr). Denn wir füllen und bestimmen den Lauf der Geschichte. Was Jesaja da schaut, kann für damals nur der religiöse Ausdruck („Projektion“) einer menschlichen Sehnsucht sein – und für uns heute die Aufforderung, den friedlosen Zustand dieser Welt aktiv zu ändern und den Völkerfrieden tatkräftig herbeizuführen; denn wir „machen“ Geschichte.

So hat es wohl auch die ehemalige Sowjetunion verstanden, als sie 1979! vor das Gebäude der Vereinten Nationen in New York eine beeindruckende Skulptur aus Eisenguss gestiftet hat. Mit kräftigen Hammerschlägen verwandelt ein Mann ein Schwert zu einer Pflugschar. - Doch wie seltsam: Ein bewusst atheistischer Staat beschenkt die Völkergemeinschaft mit einem biblischen Motiv - und sagt damit: Wir Menschen erfüllen, was da ein Gott verheißt! Wir verwirklichen und schaffen den Frieden unter den Völkern. - Und zugleich ist es es ein Staat, der mit der Gewalt des Schwertes das eigene Volk unterdrückt und andere Völker in Schach hält: 1953 in Berlin; 1956 in Budapest; 1968 in Prag; 1979! bis 1989 in Afghanistan; danach 1994 bis 1996 und 1999 bis 2009 in Tschetschenien.

Doch solch gewaltsam diktierter „Friede“ steht nicht nur im Gegensatz zu den Völkern, die schließlich freiwillig sagen: „Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen...“ Er steht überhaupt im Gegensatz dazu, dass dieser Friede nicht von Menschen geleistet, sondern von Gott verheißen wird – und deshalb zu verwirklichen „letztlich“ den Menschen entzogen ist. Darauf weist der Anfang jener Verheißung bei Jesaja hin: „Es wird zur letzten Zeit...“ - also „schließlich“, „endlich“, „ganz gewiss“ geschehen. Die Völker werden kommen zum Berg des Herrn, werden von ihm Weisung („Thora“) empfangen, annehmen und ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden, werden den andern nicht mehr als Feind sehen und nicht mehr gegeneinander Krieg führen. -

Doch was „zur letzten Zeit“ geschieht, müsste doch recht bald geschehen. Denn die weltweiten Konflikte und Spannungen setzen zunehmend unter Druck, den Frieden in und unter den Völkern mit der Gewalt des Schwertes herbeizuführen und aufrechtzuerhalten - zumal Worte kaum etwas erreichen, weil sie den andern nicht erreichen. Das zeigen die Friedenskonferenzen der „Vereinten Nationen“. Das zeigen auf andere Weise die diktatorischen Tendenzen in der Türkei und in Polen und in Venezuela; das zeigt im Jemen der Stellvertreterkrieg zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran, das zeigt der verheerende Bürgerkrieg in Syrien und das zeigen insbesondere die explosiven Zustände in Israel und da besonders auf dem Berg des Herrn, auf dem Tempelberg in Jerusalem, der „Stadt des Friedens“! Gerade von hier geht in absehbarer Zukunft kein Friede unter den Völkern aus. Jesajas Friedens-Vision scheint weiter weg als jemals zuvor. -

Und was „machen“ wir nun mit Jesaja? Entweder wir lassen seine Friedens-Vision fahren als eine schöne, aber leider nicht zu verwirklichende menschliche Illusion. Oder – wir schenken ihr als Verheißung Gottes Glauben und leben mit ihr (vgl. Abraham; Luther: „promissio et fide sunt relativa“). Da Christen nie an das glauben, was sie in der Welt sehen und hören, gründet auch ihre Hoffnung nicht auf noch so „verheißungsvollen“ politischen Versprechungen. Der christliche Glaube gründet allein auf dem Wort der Verheißung Gottes.

Wenn es darum eine „einladende Kirche“ gibt, dann kanndiese Kirche nur einladen, „umzukehren“ und nicht mehr an das menschlich Mögliche,sondern an das von Gott Verheißene zu glauben. Und allein das ist „frohe Botschaft“, ist „Evangelium“!

Aber wenn das stimmt, dann ist das „Evangelium“ ein Fremdkörper in dieser Welt – und in der Kirche? - und wird deshalb „natürlicherweise“ abgelehnt, abgestoßen – auch in der Kirche? Denn es geht nicht vom Menschen aus und unterliegt deshalb nicht seiner Verfügbarkeit. Und wer „dennoch“ der Verheißung Gottes glaubt und mit ihr lebt, ist darum ein „Fremdling“ (1 Petr 1,1) in dieser Welt, die sich zwar wirklich nach Frieden sehnt, und doch - um einer vermeintlichen „Gerechtigkeit“ willen?! - von sich aus nur das Gesetz der Vergeltung, aber nicht Vergebung, das Gesetz der Rache, aber nicht Versöhnung kennt; weshalb unter Völkern und Menschen „gnadenlos“ aufgerechnet und „erbarmungslos“ abgerechnet wird.

Und was für ein Leben entspricht - im Gegensatz dazu - dem Glauben an Gottes Verheißung? Es kann nur ein „zeichenhaftes“ Leben sein - und als ein solches Zeichen Zeugnis geben. In diesem Sinne lässt im Lutherjahr 1983 der evang. Pfarrer Friedrich Schorlemmer im Lutherhof zu Wittenberg nachts ein Schwert zu einer Pflugschar umschmieden. Und am 4. November 1989 ruft er auf dem Alexanderplatz in Berlin den Menschen das Luther-Wort zu: „Lasset die Geister aufeinander treffen, aber die Fäuste haltet still.“ Die Fäuste der Staatsgewalt hingegen waren ganz knapp dabei geistlos zuzuschlagen.

Ein Christ als „Zeichen“, die Kirche als „Zeichen“ - und zwar „ein Zeichen, dem widersprochen wird“ - wie Jesus (Lk 2,34). Und als Zeichen ein Vorzeichen des Kommenden. - wie Johannes d T. (Mt 3). Doch ein Zeichen ist nie die „Sache“ selber, sondern zeigt und weist in aller Bescheidenheit und Demut auf die „Sache“ hin und lebt auf sie zu. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieses Zeichen und Zeugnis bei den Menschen ankommt und angenommen wird – oder nicht. Christen leben nicht erfolgskontrolliert sondern verheißungsorientiert!

Deshalb können Christen und Kirche niemals durch Dramatisieren und Emotionalisieren Stimmung unter Menschen machen oder Menschen gegen Menschen aufbringen, eine Kultur gegen die andere, eine Religion gegen die andere oder auch nur einem Nationalismus oder gar Rassismus huldigen. Ebenso wenig darf Kirche populistisch werden und also der Mehrheit gefällig, um durch „niederschwellige Angebote“ deren Wohlgefallen zu gewinnen. Als Zeichen sind Christen (wie auch Juden!) berufen zu einem „Vor-zeichen“ und damit auch „Vor-leben“ des verheißenen Friedens. Und das nicht als Masse, sondern als Minorität in der Masse; manchmal sogar als Einzelne; wie Johannes der Täufer als „Rufer in der Wüste“ (der Kirche?). Und wie die Völker „zuletzt“ und „schließlich“ sagen: „Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen...“ – so sagen Christen (wie auch Juden!) heute: „Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, ihr von der Gemeinde Jesu, lasst uns wandeln, leben im Licht des Herrn!“ -

Dass Christen den Krieg unter den Völkern und Nationen überwinden und abschaffen, wäre darum eine Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung. Weiterhin wird die Erde täglich mit dem Blut Abels getränkt, weil Geschwister einander erbarmungslos erschlagen. Und doch werden mitten in diesem Getümmel immer wieder welche berufen zum Zeichen und Zeugnis für eine Verheißung, die von den „letzten Tagen“ her ihr Licht in ihre Lebenstage wirft. Ein hoffnungsvolles Zeichen in einer hoffnungslos zerstrittenen Welt. Amen.


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Predigt am 5. Sonntag n. Tr. zu Joh 1,35-42 (III)


"Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger;
und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!
Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.
Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo ist deine Herberge?
Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.
Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.
Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.
Und er führte ihn zu Jesus..."

Es wundert einen schon, dass Johannes der Täufer nur sagt: „Siehe, das ist Gottes Lamm“, und schon laufen zwei seiner Jünger zu Jesus über und folgen ihm nach. Entweder die beiden sind recht leichtgläubig – oder sie sehen tatsächlich etwas. Aber etwas Äußeres kann's nicht sein, denn an Jesus ist nichts Besonderes zu sehen. Und doch müssen ihnen die Augen aufgegangen sein – über dem „Lamm Gottes“. Denn normalerweise läuft man doch keinem Lamm nach. Und sei es auch das „Lamm Gottes“, das ja auch noch „die Sünde der Welt trägt“. Warum soll die Welt nicht selber ihre eigene Sünde tragen und ertragen; ist doch selber dafür verantwortlich?! Soll doch selber ihre Sünde, ihr Karma abtragen. Oder?!

Und dass also die beiden auf das Lamm Gottes gewartet oder es gar gesucht haben und ihm deshalb hinterherlaufen – das wird wohl auch kaum der Fall sein. Denn wir warten und suchen und laufen doch ganz anderem hinterher. Dass die beiden Jünger des Johannes zu Jesus überlaufen würde mehr einleuchten, hätte Johannes gesagt: Siehe, das ist Gottes Löwe, der in dieser unerträglich sündigen Welt mit seinen Pranken endlich mal kräftig durchgreift. - Warum schickt uns Gott nicht solch einen starken „Löwen“, sondern so ein schwaches „Lamm“ - welches doch ganz leicht zur Beute der irdischen Löwen wird? Bedenken das die beiden, als sie anscheinend begeistert dem Lamm Gottes folgen?

Wie dem auch sei: Weil die beiden die allerersten „Nachfolger“ sind, ist nun auf jeden Fall eine Begrüßung fällig: „Schön, dass ihr alle da seid. Ich freue mich sehr auf unsere gemeinsame Zeit, auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Es kann echt nur gut werden. Und ich wünsche uns - viel Spaß!“; hätte ich vielleicht zur Begrüßung der beiden gesagt. Denn man muss ja die Leute erst mal optimistisch stimmen, sie motivieren, ihnen Lust und Laune machen – hab ich vor kurzem auf einer Fortbildung für ehrenamtlichen Nachwuchs in der Kirche gelernt. - Doch stattdessen dreht sich Jesus irgendwann um, sieht die beiden ihm nachfolgen und fragt sie so nur: „Was sucht ihr?“ Und diese Frage ist im Evangelium nach Johannes das erste Wort aus dem Munde Jesu! Dann ist diese Frage offensichtlich an alle gestellt, die sich ihm anschließen und ihm folgen: „Was sucht ihr?“ - bei mir. Was wollt ihr – von mir?

Doch mit solch einer kühlen oder gar vorwurfsvollen Frage begrüßt zu werden, klingt nun mal gar nicht einladend und stimmt einen gar nicht begeistert, sondern macht schon etwas nachdenklich: Ja…, was suchen wir eigentlich bei Jesus? Was wollen wir bei ihm finden?

Wahrscheinlich, was alle wollen - und viele versprechen: Glück, Gesundheit und ein langes Leben! Aber ob das bei dem „Lamm Gottes“ zu finden ist? - Und weil uns seine Frage verlegen macht, antworten wir am besten mit einer Gegenfrage: „Meister, wo ist deine Bleibe?“ Wo bist du Zuhause? Also wo werden wir mit dir ankommen – wenn wir uns auf dich einlassen? Wo führst du uns hin? Und – wollen wir das überhaupt; und - werden wir uns dort auch wohlfühlen? - Doch - ob das eine Rolle spielt - beim Lamm Gottes? Und während wir uns das fragen, hören wir IHN sagen: „Kommt und seht“.

Na endlich die längst fällige Einladung. Und obwohl wir uns schon ein wenig abgewimmelt vorkommen, lassen wir uns trotzdem auf ihn ein und gehen mit ihm – ohne zu wissen, wohin er uns führt. Und was bekommen wir zu sehen? Eigentlich wieder nichts Besonderes. Und doch - gehen uns allmählich die Augen auf. Denn je länger wir mit IHM unterwegs sind, um so mehr kommen wir bei IHM an und sind bei IHM zuhause und finden bei IHM eine Bleibe. Denn wir „ sehen seine Herrlichkeit“ hinter menschlichen Kulissen; sehen und erkennen, wer ER ist – anhand dessen, was er uns auf dem Wege sagt (vgl. V 14).

Wo wir geographisch schließlich ankommen, das weiß ich nicht mehr; weiß nur: Es dauert den ganzen Tag bis zur 10. Stunde, also bis nachmittags um 16 Uhr. Ein langer Weg, der bisweilen schon unsere Geduld etwas strapaziert. Denn wir sind nun mal darauf eingestellt, dass alles recht kurz gehalten wird und schnell geht. Für längere Ausführungen haben wir einfach keine Zeit. Und alles bitte „in einfacher Sprache“. Denn über etwas auch noch nachzudenken sind wir einfach nicht mehr so gewohnt. - Doch was Jesus spricht, spricht uns an. Und je länger wir uns auf ihn einlassen, umso mehr hören wir aus seinen Worten das Wort Gottes.

Doch plötzlich wird Andreas unruhig, steht auf und geht davon. Hat er von Jesus genug oder ist Jesus gar zum Davonlaufen?. Ganz im Gegenteil – wie sich später herausstellt: Andreas muss seine Entdeckung seinem Bruder Simon mitteilen. „Wir haben den Messias, den Gesalbten Gottes, den Christus gefunden.” Und das, obwohl wir doch gehofft haben, dass Johannes der Messias sei. Aber unsere Hoffnung hat er immer zurückgewiesen. Er sei nur „die Stimme eines Predigers in der Wüste“, denn in der „Wüste“ - nicht im „Kulturland“ - beginnt die Erneuerung des Volkes Gottes. Und er weise nur auf den hin, der nach ihm kommt – und doch vor ihm gewesen ist; und sei nicht mal wert, ihm die Schuhe zu schnüren. Auf dessen Kommen, auf dessen Ankunft, Advent solle er die Menschen vorbereiten. Das sei sein Auftrag. Und der da kommt, der komme als Richter zum Gericht – weshalb die Menschen ihren Lebenswandel ändern und sich zum Zeichen dessen taufen lassen sollen.

Und als der angekündigte Richter dann kommt, spricht Johannes jedoch - vom „Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt“. Wie passt denn das zusammen? Das passt so wenig zusammen wie der Messias und das Lamm Gottes. Denn der Messias ist doch der von Gott gesalbte königliche Herrscher, der König Israels (V 49) – Irgendwie kriegen wir das alles einfach nicht auf die Reihe. Hier passt nichts zusammen – was vielleicht an Jesus selber liegt? Denn je mehr wir mit ihm vertraut werden, umso mehr steht für uns fest: Dieser Jesus ist anders als alle andern. Er passt in keine gängige Vorstellung; sprengt jeden gängigen Rahmen. Er ist nicht zu fassen.

Doch was bei uns den Glauben an ihn weckt, das stürzt andere in tiefe Zweifel – und uns schließlich in tiefste Verzweiflung. Denn angesichts eines gekreuzigten Messias, eines gekreuzigten Königs der Juden, werden auch wir in tiefe Zweifel, ja in tiefe Verzweiflung gestürzt. Erst durch sein völlig unerwartetes „Erscheinen“/“Gesehenwerden“ - seine „Auferweckung von den Toten“ - wird uns klar: Er ist als das „Lamm Gottes“ zugleich der „Löwe von Juda“. Allerdings ein „Löwe“, der wiederum jeden gängigen Rahmen und damit auch jedes Bild, das man von solch einem „Löwen“ hat. Denn wer hätte je daran gedacht, dass der Messias, der Christus, der König Israels jemals den Tod auf sich nimmt, um ihn zu besiegen!? Und zwar den Tod im biblischen Sinne: als absolute Beziehungslosigkeit, als tiefste Einsamkeit. Um dies zu überwinden, waren in diesem Lamm tatsächlich löwenhafte Kräfte am Werk.

Matthias Grünewald hat dies alles richtig und auf seine Weise dargestellt, als er Johannes den Täufer auf dem Isenheimer Altar mit einem überlangen Zeigefinger dargestellt hat! Da steht Johannes allerdings nicht am Ufer des Jordan, sondern unter dem Kreuz - wo er jedoch nie stand! Entweder ist Matthias Grünewald hier ein „historischer“ Fehler unterlaufen – oder bei diesem ziemlich übel Zugerichteten am Kreuz wird endlich offenbar, worauf Johannes bei der Taufe Jesu schon hingewiesen hast: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“

Aber bis einem hierfür die Augen aufgehen und man es in aller Klarheit „sieht“, kann es ein weiter, weiter Weg sein – und länger dauern als nur einen Tag. Vielleicht sogar ein ganzes Leben. Amen.


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Predigt am 4. S. n. Trinitatis zu 1. Mose 50,15-22 (III)

Er war der vorletzte von 12 Söhnen und der Lieblingssohn seines Vaters Jakob. Das hat den Neid seiner älteren Brüder erweckt - und noch gesteigert durch seine höchst seltsamen Träume. Und das alles bringt ihn schier ins Grab - in einem trockenen Brunnen. Von seinen Brüdern glücklicherweise an eine Karawane verkauft, bleibt er am Leben landet als Sklave im ägyptischen Königshaus. Und da er schön von Gestalt ist, wird ihm eine angebliche, aber tatsächlich verweigerte Liebesgeschichte mit der Frau seines Dienstherrn von dieser selbst angehängt - was ihn dann ins Gefängnis bringt. Da er jedoch des Pharao seltsame Träume zu deuten vermag, kehrt er wieder in dessen Haus zurück und wird dort dessen weitsichtiger Wirtschaftsminister. Denn wie dem Pharao geträumt kommen dann tatsächlich nach 7 fetten Jahren 7 magere und dürre Jahre - allerdings nicht nur in Ägypten. Und wie viele aus den umliegenden Völkern, so kommen auch seine Brüder von Kanaan nach Ägypten, um Weizen zu kaufen. Er erkennt sie - sie aber erkennen ihn nicht. Nach einem kleinen beängstigenden Spiel mit ihnen bezeichnet er sie als ausländische Spione, hält einen der Brüder als Geisel fest und schickt die andern wieder heim: Beim nächsten Mal sollen sie auch das jüngste Nesthäkchen Benjamin mitbringen. Nach ihrer zweiten Ankunft treibt er sie wieder in Furcht und Schrecken - bevor er sich ihnen schließlich unter Tränen zu erkennen gibt. Daraufhin lässt er seine ganze Sippschaft, also auch ihren Vater Jakob, nach Ägypten holen, damit sie hier die mageren Jahre überleben. Familiennachzug oder Familienzusammenführung aus wirtschaftlichen Gründen -damals schon. Und selbst als die 7 schlechten Jahre um sind, zieht es den Vater Jakob und die anderen Brüder aus dem wirtschaftlich wohlhabenden Ägypten nicht wieder zurück in die alte Heimat Kanaan. Sie bleiben dort - bis Jakob dann nach weiteren 10 Jahren in Ägypten stirbt. Sein Tod verändert jedoch plötzlich die bis dahin recht friedliche Familiensituation:

"Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten. Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. So wohnte Josef in Ägypten mit seines Vaters Hause und lebte hundertundzehn Jahre..."

Nach 17 Jahren stirbt also der Vater Jakob in Ägypten - und sein Tod erweckt das schlechte Gewissen der Brüder wieder zum Leben. Denn ohne den Schutz des Vaters, so denken sie, könnte sich der mächtige Bruder nun an ihnen rächen. Zwar hat er ihnen lange zuvor schon zweimal die Vergebung angeboten. Und doch reißt der Tod Jakobs wieder plötzlich alte Ängste, alte Wunden auf. Die ganze Vergangenheit ist wieder bedrohlich gegenwärtig. - Sollte eventuell nun geschehen, was vormals der betrogene Esau gegen seinen Bruder Jakob, den jetzt verstorbenen Vater Jakob, vorhatte? -: „Und Esau war Jakob gram um

des Segens willen, mit dem ihn sein Vater Isaak gesegnet hatte und sprach in seinem Herzen: Es wird die Zeit bald kommen, dass man um unseren Vater Isaak Leid tragen muss; dann wil1 ich meinen Bruder Jakob - umbringen." (27,41) Ist also jetzt mit dem Tod des Vaters Jakob für Josef die Zeit der Rache gekommen? Ein Leichtes, das beängstigende Spiel von früher noch toller mit seinen Brüdern zu treiben. Und das wissen sie! Und da sie auch wissen, welchen Stellenwert ihr Vater Jakob bei Josef hatte, wie sehr er seinen Vater geachtet und geehrt hat, lassen sie Josef durch einen Mittelsmann im Namen des Vaters um Vergebung bitten. Denn Vergebung sei des Vaters letzter Wille gewesen - sagen sie...

Josef könnte jetzt lachen und sagen, das sei doch alles längst vergessen und vorbei. Aber Josef lacht nicht, sondern weint - wie vormals im Verborgenen, als seine Brüder zum ersten Mal zu ihm kommen; und als er sich ihnen dann beim zweiten Mal zu erkennen gibt; und als er schließlich seinen Vater Jakob wiedersieht. Und jetzt, als die schuldbeladene und unbereinigte Vergangenheit nach ca. 20 Jahren wieder unterm Teppich hervorkriecht: Josef weint und - seine Brüder fallen vor ihm nieder, wie sie es schon dreimal zuvor getan haben und - wie er es zu ihrem Ärgernis vor vielen Jahren geträumt hat. Sie bieten ihm an, seine Knechte, seine Sklaven zu sein, weil sie um ihr Leben fürchten. „Fürchtet euch nicht. Stehe ich denn an Gottes Statt?" sagt Josef zu ihnen. Habe ich das Recht, zu Gericht über euch zu sitzen?

Welch eine Demut und Größe spricht hier aus dem Munde des mächtigen Josef! Der Versuchung, sich an Gottes Statt als Richter über seine Brüder zu setzen und seiner gekränkten Seele Genugtuung durch Rache zu verschaffen, gibt er nicht nach - und zwar deshalb nicht, weil ihm zutiefst klar geworden ist: „Ihr, meine Brüder, gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tag ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk"

Dann geht es also in dieser dramatischen Geschichte nicht - nur - um die glücklich Errettung von Josef, sondern - drin - um den wunderbaren Erweis von Gottes Treue zu seinem Volk. Vom „Ganzen“ her erhält das „Einzelne“ seinen Sinn! Damit das Volk Gottes am Leben bleibt, bleibt Josef am Leben - und kann nun nicht gehässig, sondern nur freundlich mit seinen Brüdern reden und sie trösten; verspricht ihnen sogar, für sie und ihre Kinder zu sorgen - und sagt seinen misstrauischen Brüdern nochmals: „So fürchtet euch nun nicht." Zwar gilt nach wie vor, dass seine Brüder ihm wirklich böse mitgespielt haben. Doch die Erkenntnis, dass Gott die Regie in diesem bösen Spiel übernommen hat, bewirkt die zwar längst fällige, aber jetzt erst mögliche Vergebung und Versöhnung unter den Brüdern. Ohne diese entscheidende Erkenntnis hätte die Geschichte Josefs mit seinen Brüdern einen ganz anderen Verlauf genommen.

Wie Josef nun kraft dieser Einsicht in die Regie Gottes sich nicht zum Richter über die Verfehlungen seiner Brüder setzen kann, so können diese umgekehrt ihre Verfehlungen an Josef nun nicht einfach durch die weise Voraussicht Gottes entschuldigen. Nur Josef darf sagen, dass Gott sich menschliches Versagen zunutze gemacht hat, was zugleich sagen lässt: Ohne solch eine verdeckte und „zufällige" „Krisenintervention" Gottes wären wir Menschen den unausweichlichen Folgen unserer Taten hoffnungslos ausgeliefert.

Doch die Geschichte Israels im Alten Testament zeugt davon, dass Gott sein Volk trotz selbstverschuldeter Blindheit und Bosheit nicht aufgibt, sondern es immer wieder wunderbar errettet und erlöst, ihm vergibt und es mit sich versöhnt - was sich schließlich im Neuen Testament verdichtet und immer mehr zuspitzt in der Geschichte Jesu. (Darum liegen das Alte und das Neue Testament nicht so sehr „historisch“ nacheinander, sonder „sachlich“ über- oder ineinander! - so dass das eine das andere erschließt.)

Und so wird auch von Jesu Auferstehung am Ostermorgen her klar: Bei seiner Kreuzigung am Karfreitag liegen der Menschen schuldhaftes Versagen und Gottes barmherziges Vergeben verflochten ineinander - „unvermischt und ungetrennt". Menschliches Versagen macht Gott zum heiligen Zeichen, zum Sakrament seiner Vergebung. Während Josef am Leben bleibt, damit das Volk Gottes weiterhin auf Erden am Leben bleibt, stirbt am Kreuz dieser Eine, damit andere ihr verwirktes Leben nicht verlieren. Diese Erkenntnis über den Tod Jesu bewahrt anschließend die (Juden)Christen davor, über ihre (jüdischen) „Brüder" zu Gericht zu sitzen oder gar Rache an ihnen zu nehmen (vgl. Apg 2,23.36). Doch die (heiden)christliche Kirche ist später immer mehr an der menschlichen Oberfläche des Geschehens hängen geblieben und hat sich deshalb immer wieder zum Richter über ihre jüdischen „Brüder" aufgespielt - weit entfernt von der demütigen Einsicht Josefs, nicht an Gottes Statt zu stehen; weit entfernt von der „frühchristlichen" Einsicht, dass der Gekreuzigte nicht nur durch uns, sonder darin auch für uns gestorben ist; und weit entfernt von Paulus, der die „Verstockung“ Israels gegenüber dem Evangelium als den Heilsweg Gottes mit seinem Volk und den Völkern erkennt - und deshalb nicht über die Blindheit der Menschen schimpft, sondern über die Weisheit Gottes staunt (vgl. Rom 11,33ff).

Aber hierzu muss einem ein Licht aufgehen, müssen einem die Augen geöffnet werden - wie Josef im Blick auf seine dramatische Lebensgeschichte, den ersten Christen im Blick auf das grausame Leiden und Sterben Jesu, Paulus im Blick auf die rätselhafte Verschlossenheit Israels für das Evangelium. Es muss einem etwas klar und offenbar gemacht werden, um nicht der Versuchung zu erliegen, sich zum blinden Richter über andere zu setzen.

Christen leben deshalb mit dem doppelten Vorbehalt: Es bleibt immer etwas offen auf das abschließende Urteil Gottes hin, da völlig anders ausfallen kann, als wir meinen. Und es bleibt etwas offen auf die verwegene Hoffnung hin, dass mitten im sichtbaren Sumpf und Chaos menschlicher Irrwege und Sackgassen Gott unsichtbar Regie führt und schließlich wider menschlicher Voraussicht alles herrlich hinausführt.

Nicht, weil wir es wert sind, sondern weil ER sich und uns treu bleibt. Auch wenn wir es oftmals kaum - mehr - glauben - können. Amen.

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Predigt zum 2. Sonntag n. Tr. über Mt 22,1-14 (III)

Und Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach:"Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu laden; doch sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.

Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren's nicht wert. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute; und die Tische wurden alle voll. Da ging der König hinein, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte.Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm die Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappern sein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt."

Das ist ja schon ein doppelt dickes Ende – wenn dieser König im Zorn die Stadt seiner widerspenstigen Gäste niederbrennen und diesen Gast ohne ein hochzeitliches Gewandt fesseln und in die Finsternis hinauswerfen lässt. - Manche meinen, so etwas könne niemals aus dem Munde Jesus stammen. Von ihm sei doch immer nur Positives zu hören. - Aber Jesus befindet sich in harter Auseinandersetzung mit den führenden Persönlichkeiten seiner Zeit. Davon zeugt auch das unmittelbar vorangehende „Gleichnis von den bösen Weingärtnern“, welche dem Weinbergsbesitzer seinen Anteil an den Früchten verweigern, deshalb nicht nur manche seiner gesandten Knechte, sondern schließlich auch noch seinen Sohn umbringen - und schließlich hören müssen: „Das Reich Gottes wird von euch genommen werden und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt.“ (21,43) Ebenfalls ein dickes Ende – und darum kein Wunder, dass die geistlichen Führer jener Zeit Jesus selber ein dickes Ende zufügen möchten – denn sie fühlen sich mit seinen Gleichnissen angegriffen, wollen darum öfters Hand an ihn legen – und trauen sich doch nicht, weil das Volk ihn für einen Propheten hält. (21,45f)

Gewiss, alles nur Gleichnisse. Aber jedes Gleichnis macht auf einen ernsthaften Zustand aufmerksam und führt ihn zu dem entscheidenden (Vergleichs)Punkt – so wie vormals der Prophet Nathan vor dem großen König David, der bitter erkennen muss: Ich bin der Mann in diesem Gleichnis! (vgl. 2 Sam 12,1ff). - Anders die Hohenpriester, Schriftgelehrten, Pharisäer: Auch sie erkennen sich in Jesu Gleichnissen, gehen aber auf Abwehr und Abstand zu ihm, denn sie spüren Jesu Vorwurf, nur eitle Religionsverwalter zu sein (vgl. Mt 23) - und seinen Anspruch (vgl. Mt 12,41), dass sich im Verhalten gegenüber seiner Person und Botschaft ihr Heil oder Unheil entscheiden. Doch so wenig wie vormals die Botschaft der Propheten, findet sein prophetischer Aufruf: „Tut Buße, kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ (Mt 4,17) kaum offene Ohren unter ihnen – was sich eben in manchem Gleichnis vom Himmelreich, vom Reich Gottes widerspiegelt.

Und so trifft auch die Einladung in diesem „Gleichnis von der königlichen Hochzeit“ bei den geladenen Gästen auf gewisse „Terminschwierigkeiten“. Die geladenen Gästen haben für die Hochzeitsfeier des Sohnes entweder keine Lust oder einfach keine Zeit (vgl. Lk 7,31ff), denn ihr Geschäft und ihr Acker – also ihr „Werk“ und „Besitz“ - sind ihnen wichtiger. Kann ja vielleicht später mal auf ein Gläschen Wein vorbeikommen…, wenn sich's zufällig ergibt... Manch andere fühlen sich durch die wiederholte Einladung sogar regelrecht bedrängt und genervt – und lassen das die Boten auch spüren, ergreifen, verhöhnen und töten sie sogar.

Und was nun? Alles ausfallen lassen? Aber es ist doch alles bereit! - Und so werden ursprünglich gar nicht vorgesehene „Menschen von der Straße“ eingeladen (vgl. Lk 14,16ff!), Gute und Böse; also ohne irgendwelche moralischen Bedingungen, ohne Ansehen der Person oder des Standes, „ohne Verdienst und Würdigkeit“ (Luther) – und fragen sich doch: Wie kommen denn wir zu solch unverdienter Ehre – denn wir „Straßenkinder“ passen doch gar nicht auf solch ein hohes Fest? - Und dennoch folgen sie der Einladung mit Freuden! - während die Stadt jener, die nicht nur sich selber ausladen, sondern auch noch die Boten ergreifen, verhöhnen, töten, der König im Zorn zerstören lässt.

Bald nach diesem Gleichnis weint Jesus über die Stadt Jerusalem und klagt: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten, und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt" (23,37). "...doch sie wollten nicht kommen", heißt es im Gleichnis. Tatsächlich wird nicht nur Jerusalem 30 Jahre später zerstört, sondern die Einladung ergeht auch an Menschen aus anderen Völkern - und findet unter ihnen offene Ohren und Herzen (vgl. Apg 16,14).

Und damit ist alles wieder in bester Ordnung? Nicht ganz! Denn da ist ein Gast von der „Straße“, der offensichtlich keine Notwendigkeit sieht, das ihm vom Gastgeber angebotene festliche Gewand anzunehmen und anzuziehen. Er hält sich selbst für gut und würdig genug, an dieser Hochzeitfeier teilzunehmen wie er nun mal ist – und wird schließlich im hohen Bogen in die Finsternis hinausgeworfen...

Nur akzeptiert und toleriert zu werden, wie ich nun mal bin, das scheint bei Jesus nicht alles zu sein. Die Losung der humanistischen Psychologie „Ich bin okay – du bist okay“, die inzwischen auch in der Kirche zum Evangelium erhoben wurde, ist offensichtlich nicht Jesu Losung. Was er da gleichnishaft mit diesem dicken Ende sagt, meint doch: So wie du kommst, kannst du nicht bleiben. Die „Straße“ muss abgelegt und etwas „Passendes“ muss angezogen werden. Schließlich ist es ein Hochzeitsmahl – und kein Stammtisch.

Zum Zeichen des Beginns eines anderen, neuen Lebens wurde schon in der frühen Christenheit einem (erwachsenen) Täufling ein weißes Taufgewand angelegt – und das meint mit den Worten eines Liedes: "Ich habe Jesus angezogen, schon längst bei meiner Heilgen Tauf..." (EG 530,5) Oder mit Paulus: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, ihr habtChristus angezogen.“ (Gal 3,27). Und das hat für Paulus konkret:e Folgen: „So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heilgen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld... Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit." (Kol 3,12ff) - Das alles anzuziehen geht aber nicht, ohne anderes abzulegen - worauf ebenfalls Paulus hinweist: "Legt von euch abden alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet...und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit." (Eph 4,22f) Denn da muss doch ein Unterschied sein zwischen dem alten Menschen, dem es alleine darauf ankommt, von andern - und selbstverliebt von sich - akzeptiert und toleriert zu werden, wie er nun mal ist - und dem neuen Menschen, der „in Christus“ eine „neue Kreatur“ wird.

Dass ich bei der Taufe die Lumpen des alten Menschen ablege und das Kleid des neuen Menschen anziehe und also mein Leben eine andere „Gestalt“ bekommt - „Kleider machen Leute“ -, darin zeigt sich – nach Jesu Gleichnis - die „Auserwähltheit“. Und diese ist anscheinend mit großen Ernst verbunden. Es ist derselbe Ernst, der auch auf der Berufung und Erwählung Israels liegt. Denn die christliche Kirche ist – nach Paulus - eingepfropft in den Ölbaum Israel – und teilt deshalb mit Israel dasselbe Schicksal! (vgl. Röm 9-11) Dass von dem „Ölbaum Israel“ manche „Zweige“ ausgebrochen wurden, könnte darum auch zum Schicksal der Kirche werden. Oder mit den Worten Jesu an seine Jünger: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ (Mt 5,20)

Mit seinem „Gleichnis von der königlichen Hochzeit“ hält Jesus eben nicht nur den führenden Persönlichkeiten des jüdischen Volkes den Spiegel vor, sondern auch den (führenden Persönlichkeiten von uns) Christen, die zu leichtfertig meinen; durch die Taufe berufen und eingeladen zu und also bejaht und angenommen zu sein wie man nun mal ist („Rechtfertigung“), reiche schon – und sich dabei im Vergleich mit den ursprünglich geladenen Gästen auch noch leichtfertig als die Besseren vorkommen oder sich gar an deren Stelle setzen. - Vor solch verhängnisvollem Hochmut warnt wiederum Paulus: „Darum sieh die Güte und den Ernst Gottes: den Ernst gegenüber denen, die gefallen sind, die Güte Gottes aber dir gegenüber, sofern du bei seiner Güte bleibst. Sonst wirst auch du abgehauen werden." (Röm 11,22)

Aber nehmen wir Christen die Güte Gottes noch ernst – oder ist sie uns „der liebe Gott“ nicht zu selbstverständlich geworden? Bedenken wir noch, dass es eben nicht genügt, dass wir uns von Gott einfach nur angenommen und bejaht, geachtet und geliebt fühlen, sondern dass gerade „Gottes Güte uns zur Buße, zur Umkehr leitet“ ( Röm 2,14; vgl. Lk 19,1ff - „Heiligung“)? Vielleicht ist in unseren Kirchen der prophetische Ruf zur Umkehr und Buße deshalb so leise geworden, weil auch wir bei unserem kirchlichen „Geschäft“ und auf unserem persönlichen „Acker“ noch noch bestätigt und bejahrt werden wollen?! Haben wir deshalb das „prophetische Amt“ – den Ruf zur Umkehr, zur Lebensänderung – weitgehend manch andern außerhalb der Kirche überlassen und uns stattdessen vor allem auf das „priesterliche (seelsorgerlich-diakonische?) Amt“ zurückgezogen – und betonen deshalb so sehr das „Priestertum aller Gläubigen“? Segnen ab, was gesellschaftlich im Trend liegt, um selber im Trend zu liegen und gesellschaftlich anerkannt und wertgeschätzt zu werden? - wohl wissend, dass die Propheten gegen den Strom, gegen den mainstream schwammen und kaum oder keine Anerkennung fanden!

Merkwürdigerweise tut dies nicht so sehr die „priesterlich“ orientierte röm.-kath. Kirche, sondern gerade die evang. Kirche, welche doch ursprünglich hervorging aus dem prophetischen Ruf zur Umkehr, Buße - „95 Thesen“! (vgl. schon die 1. These!) –, der jedoch jenem Mönch und Theologieprofessor in seiner „priesterlichen“ Kirche fast das Leben gekostet hätte; wie zuvor manch anderen „Propheten“ in der Geschichte der Kirche!

Jener Mönch und Theologieprofessor scheint jedenfalls etwas von dem Ernst der Güte Gottes erkannt und verstanden zu haben, weshalb sein reformatorisches Anliegen der „Umkehr“ auch von einer großen Ernsthaftigkeit zeugt – während gerade unter evang. Christen heute ihr Christsein spätestens dann aufhört, wenn es keinen Spaß mehr macht...

Aber ob nicht solch einer Haltung für die christliche Kirche genauso ein dickes Ende bedeuten könnte? Wer weiß... Amen.


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Predigt zum Sonntag Trinitatis über Jes 6,1-13 (III)

 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel. Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das Haus ward voll Rauch. Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.

Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, daß deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei. Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet's nicht; sehet und merket's nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und laß ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, daß sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen. Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt. Denn der HERR wird die Menschen weit wegtun, so daß das Land sehr verlassen sein wird. Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals verheert werden, doch wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein. 

Es hört sich wie ein Vorwurf an, entspricht aber den Tatsachen: Wir sind beschränkt – auf das, was unsere fünf Sinne wahrnehmen: Was wir sehen, hören, riechen, schmecken, tasten – das ist für uns die „Wirklichkeit“; und bildet den festen Rahmen unseres alltäglichen Lebens. Allerdings gibt es tatsächlich Menschen mit einem „6. Sinn“, was diese allerdings eher als belastend empfinden – und sich nicht „outen“!

Und doch versuchen wir uns von jeglicher Beschränktheit und Begrenztheit zu befreien; wollen grenzenlos, schrankenlos werden – so auch im „Rausch“, etwa durch Drogen. Dann kommet alles „ins Schwimmen“ – oder löst sich gar auf. Solche Drogen sind nicht mehr nur natürliche Drogen wie Alkohol oder Heroin, sondern es sind immer mehr künstliche Drogen. Sie reichen vom LSD des letzen Jahrhunderts bis hin zu modernen Designerdrogen aus dem Labor. Und wie solche Kunstdrogen, hat auch die Gentechnik denselben Ursprung: das Labor – und dasselbe Ziel: natürliche Grenzen zu überschreiten. Das Labor  ist die Gebärmutter der der „schönen neuen Welt“ der Zukunft – auch des „schönen neuen Menschen“? - Und das ist nicht nur ein globaler Trend, sondern ein fast unwiderstehlicher Sog. Und so gibt es neben der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen auch eine spirituelle Entgrenzung, vor allem in interreligiös-mystischer Gestalt. Dabei geht es um das „Eintauchen“ und „Verschmelzen“ mit dem „Unendlichen“, dem „Kosmischen“, dem „Universum“, dem „All-Einen“.

Wohin auch immer solch spirituelle Entgrenzung führt, zu welchen Mächten und Kräften, zu welchen Engeln und Energien, zu welchen Geistern und Göttern, - sie führt jedenfalls nicht zu dem Gott, den die Bibel bezeugt. Denn solch künstlich entgrenzte Religiosität / Spiritualität gründet im Willen des Menschen – und bleibt beim Können des Menschen. Erweitert nur seinen beschränkten Radius mehr oder weniger; überschreitet/transzendiert jedenfalls nicht „die Welt“ auf – Gott hin. Es bleibt eine „immanente Transzendenz“!

Anders, wenn sich plötzlich und unerwartet, gewaltsam und ungewollt eine „Dimension“ öffnet, die einen erschaudern und erschrecken lässt – wie es einige Propheten bei ihrer Berufung erfahren haben (vgl. Am 3,8; Jer 20,7; Ez 1,28). Und zu diesen gehört auch Jesaja. Plötzlich und unerwartet sieht und hört er – was er sonst nicht sieht und hört.

Er befindet sich wohl gerade im Tempel zu Jerusalem, Opfer werden dargebracht. Und plötzlich wird für ihn alles transparent auf eine verborgene Tiefendimension hin, die wir mit unseren fünf Sinnen nicht wahrnehmen: Jesaja schaut in das Allerheiligste, obwohl dieses durch einen Vorhang verhängt ist. Im Allerheiligsten befindet sich im Dunkeln die Bundeslade mit den 10 Geboten darin und merkwürdigen Engelwesen darauf, Seraphim genannt. Das Allerheiligste im Tempel ist der Ort, von dem es heißt, dass Gott hier seine „irdische Wohnung“, seinen irdischen Thron habe. Und plötzlich sieht Jesaja, wie von dorther der Saum (seines Mantels) samt Rauch den ganzen Tempel erfüllt - und er hört den gewaltigen Ruf jener himmlischen Wesen, die aus Scham und Scheu ihre Augen und Füße verhüllen: „Heilig, heilig, heilig ist der HErr/JHWH Zebaoth, der Herr der Heerscharen; alle Lande sind seiner Ehre voll.“ (vgl. Offbg 4,8; Liturgie bei der Feier des Hlg. Abendmahls!)

Das hebräische Wort „heilig“ geht mit „abgeschnitten“, „abgetrennt“, „abgesondert“ einher. Gott als „der Heilige“ ist kein vergöttertes Stück dieser Welt. ER ist der „ganz Andere“. Seine Gegenwart wahrzunehmen, kann entsprechend nur „in Furcht“ geschehen: Erschrecken angesichts der für einen Menschen unfasslichen Größe, „Herrlichkeit“/“Gewichtigkeit“ Gottes.

Da wir aber „weltimmanent“ denken und leben, ist uns solche „Gottesfurcht“ fremd geworden - was wir als Befreiung/Emanzipation empfinden. Uns ist niemand „übergeordnet“ und wir sind niemandem „untergeordnet“. Wir begegnen uns auf gleicher Augenhöhe. „Keine Hierarchie“ - ist das Postulat der Demokratie. Und so „fürchten“ wir uns auch nicht mehr vor einem dreimalheiligen Gott, sondern nur noch – vor dem ganz profanen Menschen. Im biblischen Sinne kann uns deshalb auch nichts mehr „heilig“ sein – und unserem Zugriff entzogen. Alles unterliegt unserer Verfügungsgewalt. Folglich gib es auch keine Tabus, keine Schamgrenzen mehr. Alles ist erlaubt – wenn es denn nützt.

Auch in Israel, im Volk Gottes, kommt dieser Gedanke immer wieder mal auf. Inmitten des politischen, religiösen und wirtschaftlichen Treibens macht sich Gottvergessenheit und damit Selbstversessenheit breit. Man ist versessen auf seine Macht - als König oder Priester oder Ökonomen. - Dahinein schickt Gott seine Propheten. Sie werden berufen, um das Volk Gottes an seinen Gott, an dessen Heiligkeit zu erinnern – aber auch daran, dass das Volk Gottes ebenso heilig sein soll wie sein Gott, also „abgeschnitten“, „abgetrennt“, „abgesondert“ von den andern Völkern – und damit anders als diese. Diese „Andersheit“, die von den andern als „Fremdheit“ empfunden wird, ist der hohe Preis und die Last der „Auserwähltheit“ – weshalb Israel immer wieder gar nicht „auserwählt“ sein will, sondern allen andern Völkern und ihren Göttern gleich.

Wie alle andern Propheten wird nun auch Jesaja berufen, das Volk Gottes an seinen ganz anderen Gott, an „den Heiligen“ und seine Gebote zu erinnern – und es zur „Umkehr“ zu rufen; also zu einem „geheiligten“ Leben gemäß Gottes Gebot/Recht.

Aber wie soll das möglich sein, wenn man selber zu jenen gehört, die man zur Umkehr, zur Änderung ihres Lebens rufen soll?! Wer hingegen seine eigene „Unwürdigkeit“  nicht erkennt, ist blind gegenüber sich selbst – und sieht die Fehler anderer deshalb umso größer; ist nicht berufener Prophet, sondern selbsternannter Moralapostel. Jesaja wird sich seiner „Unwürdigkeit“ sofort bewusst, erschrickt zutiefst und ruft aus: „Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den Herrn/JHWH Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“

Damit nun Jesaja überhaupt Prophet und also Mund Gottes vor den Ohren der Menschen sein kann, nimmt ein Seraphim eine glühende Kohle vom Altar und reinigt seine Lippen, nimmt damit Schuld und sühnt damit Sünde – und befähigt Jesaja zum Dienst als Prophet. Für Jesaja beginnt damit eine „andere“ Zeit. Aber schon dieser schmerzhafte Vorgang der „Reinigung“ lässt ahnen, dass es auch später bei der Verkündigung nicht ohne Schmerzen zugehen wird! - Doch will Jesaja das wirklich auf sich nehmen? – oder doch besser absagen?

Da Gott niemanden mit Gewalt zwingt, hört Jesaja die Stimme Gottes: „Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?“ – und er antwortet: „Hier bin ich, sende mich!“ Ob Jesaja weiß, auf was er sich damit einlässt? - Doch nachdem auch diese Hürde genommen ist, erscheint schon die nächste – und schwerwiegendste: Jesaja muss reden – aber er wird nur auf taube Ohren und versteinerte Herzen stoßen. Die Menschen hören zwar, aber sie verstehen nichts; sie sehen zwar, aber sie merken nichts. Jesaja kommt nicht an, hat keinen Erfolg. Die Menschen wollen und werden die Richtung ihres Sinnens und Trachtens nicht ändern, sondern weitermachen wie bisher. Aber noch schlimmer: Gott selber wird es fügen, dass die Menschen noch trotziger, noch verbissener, noch verbohrter, noch verstockter werden – und alles endet in der Zerstörung des „heiligen Landes“ und in Wegführung/Deportation seiner Bewohner in ein fremdes Land (Babylonien).

Auch wenn er es nicht mehr selber erleben muss: Jesaja musste es kommen sehen – und das ist schon bitter genug. Um nicht in Verzweiflung zu versinken, erhält er für sich ein seltsames Trostwort Gottes: Israel gleicht dann zwar einem gefällten, aber nicht entwurzelten Baum „…wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.“ (vgl. 11,1) Jesaja selber redet dann von einem übriggebliebenen „Rest“ (vgl. 1,9 u.ö.).

Insbesondere seit Jesaja im 8. Jhdt. v. Chr. hat Israel durch die Jahrtausende bis hinein in unsere Zeit immer wieder diese Erfahrung gemacht: Wie ein gefällter Baum – aber nicht entwurzelt. Nicht die Masse, sondern ein „Rest“, ein heiliger Same“ (vgl. Lk 12,32); nicht aus dem „spirituellen Labor“ interreligiös gesinnter Menschen, sondern aus der Kraft und der „Heiligkeit“ dessen, der die „Toten“ zum „Leben“ erweckt.

Doch wenn die „heidenchristliche Kirche“ – wie der Judenchrist Paulus schreibt – „in den Ölbaum Israel eingepfropft“ (Röm 11,17ff) ist, wird sie dann nicht auch immer wieder diese Erfahrung machen – zusammen mit Israel? Wahrscheinlich  - ganz gewiss! Amen.