das ist aber wirklich die letzte...



Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis zu 1. Joh 1,5-2,6 (IV)

Johannes schreibt: "Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis.  Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit.  Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.  Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.  Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.  Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. 

Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist.  Und er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.  Und daran merken wir, daß wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht. Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, daß wir in ihm sind. Wer sagt, daß er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat." 

Was meint denn das: Leben wie ER gelebt hat? Meint das: Sich kleiden, sich ernähren, wohnen, wandern wie Jesus es tat? Wohl kaum! Außerdem gehört ER zu den ganz wenigen, die auf dieser Erde nichts hinterlassen haben - woraus manche dann historisch schließen, Jesus habe gar nicht gelebt.

Es stimmt: Wir haben „das Leben Jesu“ nur durch Menschen, in deren Leben er tiefe Spuren hinterlassen hat – und die mit diesen Spuren ihn bezeugen. Also zutiefst menschlich bezeugen, was sie von IHM gesehen und gehört und mit ihm erlebt haben – und das geben sie weiter. Und das tut auch Johannes und schreibt gleich zu Beginn seines Evangeliums: „…und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14) Und in seinem 1. Brief schreibt Johannes gleich zu Beginn: „Und das ist die Botschaft, die wir von IHM gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis.“ (1,5)

Was hier bezeugt wird, geht zwar nicht am Sehen der Augen und Hören der Ohren vorbei, ist kein Traum, keine Vision, aber geht doch weit über Augen und Ohren hinaus. Es ist ein „erweitertes“, „vertieftes“ Sehen und Hören, das hier bezeugt und weitergegeben wird.

Darum kann es Jesus niemals als ein rein historisches Faktum der Vergangenheit geben, das es irgendwann mal gegeben hat. Denn bei ihm kommt es darauf an, dass er bei den Menschen ankommt, indem sie seine „Herrlichkeit“ sehen – und also seine „Fülle an Gnade und Wahrheit“ erkennen. Diese seine „Ankunft“, dieser sein „Advent“, kann also nie darauf begrenzt sein, dass ich über Jesus informiert bin und Bescheid weiß. Jesu Ankunft, sein Advent ist ein lebendiges Geschehen und bezieht mich als einen lebendigen Menschen mit ein, ergreift, erfasst mich, ergreift und erfasst auch meine Sinne.

Dann ginge es also zumindest schon mal nicht darum, Jesus in irgendeiner Weise äußerlich nachzuahmen, sondern eher ihm nachzufolgen: seinen Weg hinter ihm her zu gehen – als meinen Lebensweg. Und dieser Weg schließt aus zu wandeln in der Finsternis, in der Lüge, im Hass (vgl. 2,9ff) – denn dieser Weg verträgt sich nicht mit einem Lebenswandel im Licht, in der Wahrheit, in der Liebe, wie vor allem Johannes ihn bezeugt.

Dass sich Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge, Liebe und Hass schroff gegenüberstehen, entspricht allerdings einer damaligen Weltanschauung, die sich auch in jener Gemeinde ausgebreitet hat. Und aus dieser alltäglichen Welt der Finsternis, der Lüge, des Hasses gilt es zu fliehen - in die spirituelle Welt des Lichts, der Wahrheit und der Liebe. Wem dieser Absprung von der einen in die andere Welt gelingt, der rettet seine Seele. Er lebt jetzt schon ganz in der sündlosen, reinen Welt des Lichts, erhaben über alle irdischen, unreinen Bedingungen.

Doch wenn ich mich durch diesen Absprung selber von dieser unreinen, sündigen Welt erlösen kann, dann muss auch Christus nicht für meine Sünde gestorben sein. Es reicht, dass er gekommen ist und mir den Weg zurück zu Gott gelehrt hat. Und wer sich dies bewusst macht und sich dessen bewusst ist, der befindet sich schon auf dem Weg der Erlösung.

Aber gerade Johannes, der diesen Gegensatz, diesen („gnostischen“) „Dualismus“ von Licht und Finsternis, von Wahrheit und Lüge, von Liebe und Hass übernimmt, hebt ihn doch an dem entscheidenden Punkt völlig aus den Angeln – wenn er in seinem Evangelium schreibt: „So sehr hat Gott diese (sündige) Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle die an ihn glauben, also sich ihm anvertrauen, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 3,16.36). Es ist die Liebe Gottes, die sich  aus dem Licht in die Finsternis begibt: „…und das Licht scheint in der Finsternis…“ (Joh 1,5); oder ganz leibhaftig: „…und das Wort ward Fleisch…“ (Joh 1,14)

Der Gott, den die Bibel bezeugt, lässt sich ein auf diese reale Welt; wird hier in einem schmutzigen Stall geboren, um hier an einem schmutzigen Kreuz zu sterben. Und das alles aus Liebe zur sündigen Welt, die dennoch seine Schöpfung ist und seine Schöpfung bleibt.

So zu lieben ist jedoch ein Skandal, ein Ärgernis, eine Torheit (vgl. 1 Kor 1,23) – und gibt es in der ganzen Religionsgeschichte sonst nicht: Eine Liebe, die den Schmutz und Dreck des andern auf sich nimmt, um ihn davon zu erlösen, zu befreien, zu erretten. Ihn also gerade nicht seiner Sünde überlässt: „Selber schuld…“. Und Sünde ist im biblischen Sinne die Fixierung auf mich selbst: eine grundlegende Störung im Verhältnis zum andern und zu Gott – und daraus ein gestörtes, liebloses Verhalten. Sünde ist biblisch eine Beziehungsstörung.

Was aber vermag den in sich verschlossenen Menschen zu öffnen, zu lösen, zu erlösen von seiner Selbstverhaftung?

Druck? – Du musst… - oder: Ich muss…. - fixiert den Menschen noch mehr auf sich selber. Und zwar auch oder sogar erst recht im modernen Gewande: Du musst gut sein, denn du kannst es. Oder Ich muss immer besser werden, denn ich kann es. Diese moderne Art der Selbstüberschätzung und moralischer Tyrannei gründet im „Glauben an das Gute im Menschen“ und ist seit ca. zweihundert Jahren ein „notwendiges“ philosophisches Postulat – seit der Glaube an die Güte Gottes im Schwinden ist. Aber dieser edle „Glaube an das Gute im Menschen“ ist gerade keine Hoffnung, ist kein Trost, sondern wird unter der Hand zur unerbittlichen Forderung, zum moralischen Gesetz: Du musst – denn du kannst gut sein. Das Gute liegt in dir – du musst es nur verwirklichen. Aber dadurch werde ich noch mehr auf mich fixiert; werde noch mehr auf mich selbst bezogen und noch mehr in mich selbst verschlossen.

Der sündige Mensch ist ein einsamer Mensch, ein Autist, der dauernd nur mit sich selber beschäftigt ist. Stündig um seine Optimierung, um seine Perfektionierung bemüht, ständig um seine eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten kreisend – und  immer darauf aus, sich vor sich selbst und vor andern zu rechtfertigen, sich jedoch aus Angst nicht öffnen und deshalb sich nicht hinschenken, nicht hingeben, nicht lieben kann. Außer sich selber. Und darauf legt er großen Wert.

Erlösung von der Fixierung auf mich selber geschieht - durch Vertrauen zu einem andern, also dass ich mich ihm anvertraue. Und das ist immer ein Wagnis; denn mein Vertrauen kann auch missbraucht werden; kann aber auch belohnt werden, wo z.B. Menschen einander das versöhnende Wort und also Vergebung zusprechen und dieses Wort voneinander annehmen. Nicht anders zwischen Gott und Mensch: Dass ich den Zuspruch der Vergebung Gottes in Christus im Vertrauen annehme und für mich gelten lasse.

Erlösung geschieht also, indem ich mich öffne – und bereit bin zu geben oder zu empfangen. Ich lasse mich auf jemanden ein – und das heißt doch: ich „verlasse“ mich selbst und vertraue mich jemandem an. Und dergleichen tut die Liebe. Sie geht auf den andern zu – wie es die Liebe Gottes in Christus getan hat. Und zwar nicht spirituell abgehoben, sondern leibhaftig und erdnah. So erweist sich die Liebe als Liebe – wie die Liebe Gottes. Deshalb ist es für Johannes unmöglich, dass jemand behauptet, er habe Gemeinschaft mit Gott – und führt seinen wirklichen Lebenswandel in der Finsternis, in der Lüge, im Hass.

Leben wie er gelebt hat, ihm entsprechend, ihm gemäß kann deshalb nur heißen: Leben in der Liebe, in der Hingabe…. Und solches hat Jesus den Seinen geboten - und bezeugt Johannes in seinem Evangelium: „Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe…“ (Joh 15,12) Oder öfters in seinem Brief -und so auch: „Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (4,16) Amen.


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Predigt am 2. Sonntag n. Trinitatis zu 1. Kor. 14,1-5.20-25

Paulus schreibt: "Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!  Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen.  Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.  Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde.  Ich wollte, daß ihr alle in Zungen reden könntet; aber noch viel mehr, daß ihr prophetisch reden könntet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, damit die Gemeinde dadurch erbaut werde. ...

Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen.  Im Gesetz steht geschrieben: »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr.«  Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.  Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?  Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt;  was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, daß Gott wahrhaftig unter euch ist."

Ob Paulus wirklich recht hat? – Nicht nur, weil er gegen Ende etwas unverständlich sich etwas widerspricht?! - Mir scheint, ein kirchlicher Zaungast hält das Göttliche eher für anwesend, wenn höchst außergewöhnlich  „in Zungen geredet“ wird. Umgekehrt wendet sich ein kirchlicher Zaungast eher ab, wenn ganz gewöhnlich „prophetisch geredet“ wird. Denn die „Zungenrede“ („Glossolalie“) ist ein höchst begeistertes, ja geradezu ekstatisches Reden und Beten. Vom Hlg. Geist gewirkt (12,10) ist es auch für Paulus Lobpreisung Gottes. Auch er betet bisweilen in Zungen (14,18) - und im Gottesdienst der Gemeinde in Korinth scheint es den Gottesdienst zu erfüllen.

Und dennoch hat Paulus kritische Einwände. Nicht nur, weil es in Korinth etwas chaotische Ausmaße angenommen hat (vgl. 14,33), sondern vor allem, weil die „Zungenrede“ nur der spirituellen Auferbauung des Einzelnen diene, aber nicht zur Auferbauung der Gemeinde. Doch genau darum geht es Paulus - fünf Kapitel lang

Und alles beginnt im 12. Kapitel seines Briefes an die Korinther. Da schreibt er von dem einen Geist und seinen verschiedenen Gaben – und verdeutlicht dies im Bild von dem einen Leib aus verschiedenen Gliedern. Und was alle miteinander verbindet, ist - die Liebe, welche Paulus im darauffolgenden 13. Kapitel in den höchsten Tönen besingt (13,4ff) - und bekanntlich beginnt: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht….“ Und dann kommen im darauffolgenden 14. Kapitel tatsächlich jene „Engelzungen“ vor, die im Gottesdienst der Gemeinde von Korinth in weltentrückter und himmlisch verzückter „Begeisterung“ zu hören sind. Durchaus Gabe des Hlg. Geistes zum Lob Gottes - was jedoch vor allem den Einzelnen geistlich „aufbaut“ -jedoch unversehens geistlich hochmütig und lieblos machen kann gegenüber denen, die solche Gabe nicht haben – und dann nur „einem tönenden Erz oder einer klingenden Schelle“ gleicht! Es sei denn, manche können die „Zungenrede“ für jene „auslegen“, die eben nicht mit „Engelzungen“ begabt sind (14,5). Ansonsten wäre es besser zu schweigen (14,28).

Denn Paulus geht es nicht zuerst um die Auferbauung der persönlichen Spiritualität oder einer spirituellen Persönlichkeit, sondern um die Auferbauung der Gemeinde. Deshalb zieht er eine solche Rede im Gottesdienst vor, die es mit der Verständigung unter den Menschen und also auch mit dem Verstand (14,19) und dem Verstehen zu tun hat – und nennt sie „prophetische Rede“.

Hierzu muss man wiederum bedenken: Bei der biblischen Prophetie geht es nicht zuerst um die Vorhersage von zukünftigen Ereignissen. Propheten sind keine Hellseher und keine Schwarzseher. Es geht es geht bei der biblischen Prophetie um das entscheidende Wort (Gottes) in einer bestimmten Zeit und Situation; nüchtern und klar vor Menschen ausgesprochen – „So spricht der Herr:… -,damit diese wissen, auf was es heute ankommt – angesichts dessen, was auf die Menschen zukommt. Bei Johannes dem Täufer und bei Jesus ist darum konzentriert und klar zu hören: „Tut Buße, kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.“ Und bei Paulus dient solche prophetische Rede „den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung“ (14,3). Sie geht  aus der Liebe hervor, kommt besonnen und verständlich daher, und soll - wie die Zungenrede - in geordneter Weise geschehen (vgl. 14,31), „denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.“ (14,33)

Aber warum haben gerade die Korinther damit Schwierigkeiten? – wie sich besonders bei der Feier des Hlg. Abendmahls zeigt. Denn da wartet man nicht, bis alle da sind. „Der Rest wird schon noch irgendwann kommen...“ Und der Rest kommt dann auch – wenn die ersten schon wieder gehen. Die haben nämlich – wie bei einem richtigen Abendmahl - schon gut gegessen und kräftig getrunken, sind teilweise schon betrunken (11,21) – und die andern müssen sich mit den Resten begnügen. „Wer nicht kommt zur rechten Zeit…“ Sollen doch nächstes Mal einfach früher kommen! - Aber wie können die das, wenn sie als Hafenarbeiter in Korinth noch Schiffe zu entladen haben?! Oder wenn manche Herren ihre Knechte einfach nicht zur gegebenen Zeit vom Dienst für den Gottesdienst freistellen!? - „Unwürdig“, nennt Paulus  mit harschen Worten solch ein asoziales Verhalten am Tisch des Herrn. „…wer so isst und trinkt, dass er den Leib des Herrn – und das ist die Gemeinde - nicht achtet, der isst und trinkt sich selber zum Gericht.“ (1 Kor 11,27-29)

Aber warum solche Achtlosigkeit und also Lieblosigkeit gerade in der christlichen Gemeinde zu Korinth? Das hängt auch damit zusammen, dass die Korinther Griechen sind und die gewöhnliche Leiblichkeit des Menschen sich erst in der Vergeistigung vervollkommnet. Wenn in der griechischen Kunst der Mensch in seiner Leiblichkeit dargestellt wird, dann immer in vollkommener vergeistigter Schönheit – als ideales Abbild der ewigen Idee des Schönen. Das Leibliche in seiner Begrenztheit und Bedürftigkeit, ja Hinfälligkeit kann hier nicht vorkommen – im Gegensatz zum biblischen Zeugnis, das eine ideale Welt der Ideen nicht kennt, sondern nur diese reale Welt als Abbild seiner Herrlichkeit (Ps 19) und den realen Menschen als sein „Ebenbild“ (Ps 8).

Und auch biblisch ist der Mensch Leib, Seele und Geist – dich sich allerdings gegenseitig durchdringen in unauflöslicher „Dreieinigkeit“ – und darum in völliger „Gleichwertigkeit“. Eine Abwertung des Leibes oder gar eine Leibfeindlichkeit kommt in der Bibel nirgends vor! Das biblische und das griechische Verständnis des Menschen haben sich ihrer Ähnlichkeit wegen in der Kirche im römisch-griechischen Kulturraum immer wieder vermischt (vgl. insbesondere Augustinus) – bis dann vor ca. 200 Jahren aufgrund des naturwissenschaftlichen Erfolgs ein primär „materialistisches“ Menschenbild entstand, in dem der Mensch vor allem aus einem funktionierenden  und leistungsstarken Körper besteht – was besonders in die Medizin eingegangen ist. Vor ca. hundert Jahren hat man dann aber doch bemerkt, dass der Mensch doch nicht nur ein Stück seelen- und geistlose Materie ist – und die psychosomatische Medizin entstand (vgl. Viktor v. Weizsäcker).

Doch schleichend bildet sich gegenwärtig ein absolut anderes („transhumanes“) Menschenbild: Es ist auf ganz andere Weise leib-, seelen- und geistlos und „lebt“ in einer globalen und virtuellen Parallelwelt. Dementsprechend wird der Mensch als ein digitaler Datensatz auf Speichermedien erfasst und ist dadurch jederzeit abrufbar, verfügbar, kontrollierbar – und manipulierbar! Eine „Wirklichkeit“, die es „in Wirklichkeit“ gar nicht „gibt“ – jedoch noch wirkmächtiger, wirksamer wird als jede „analoge“ Wirklichkeit bisher und nicht nur die kirchliche und sonstige Verwaltung, sondern auch das Menschenbild in Kirche und Gesellschaft bestimmt.

Aber noch klingt Paulus von weither – zumindest in der Kirche - wie ein mahnender Einspruch, wenn er die Gemeinde als Leib Christi mit vielen Gliedern darstellt, hierzu das „Hohe Lied der Liebe“ anstimmt und schließlich darauf hinweist, dass das enthusiastische Reden und Beten „mit Engelzungen“ – auch wenn es den griechischen Korinther sehr entgegenkommt – nur die Spiritualität des Einzelnen aufbaut, und leicht lieblos werden kann, weil eben diese Spiritualisierung die Leiblichkeit des Menschen verkennt. Darum kommt Paulus auch im nachfolgenden 15. Kapitel auf die Auferstehung der Toten zu sprechen - zumal die Korinther meinen, sie seien jetzt schon aller Leiblichkeit enthoben und existieren wesentlich nur noch „geistig“, seien deshalb auch schon auferstanden (15,12). Dagegen setzt Paulus nicht nur den Ausblick auf die Auferstehung der Toten „zur Zeit der letzten Posaune“ (15,52), sondern spricht dabei auch von einem „geistlichen Leib“ („Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes“, Fr. Chr. Oetinger, 1776), bevor er dann im nachfolgenden 16. Kapitel sofort wieder zum Irdisch-Leibhaftigen zurückkehrt und auf die Geldsammlung für die notleidende Jerusalemer Urgemeinde zu sprechen kommt. Und bei seinen anschließenden Reiseplänen weißt er die Korinther darauf hin, dass er sie auf der Durchreise nicht nur mal fünf Minuten kurz sehen, sondern eine Zeitlang bei ihr bleiben will, „wenn es der Herr zulässt.“ (16,7)

Dieser große Bogen, den Paulus ganz bewusst und gezielt mit seinen fünf Kapiteln nacheinander abschreitet, zeigt, wie sehr sein Herz für diese gar nicht einfach Gemeinde in Korinth schlägt und wie er sich um sie bemüht – ihr deshalb den Weg weist von einer enthusiastischen Spiritualität des Einzelnen hin zu einer liebevollen Leibhaftigkeit und Herzlichkeit untereinander, so dass sich einer dem andern in seiner Bedürftigkeit zuwendet und die Gemeinde auferbaut wird.

Dazu dient auch die „prophetische Rede“ im Gottesdienst – die Paulus allerdings nicht näher definiert. Jedoch lässt sich so viel sagen: In der „prophetischen Rede“ kommt die jeweilige Zeit und Situation im Lichte des biblischen Wortes zur Sprache - wie bei den Propheten. Dabei geht es nicht um eine persönliche Meinung oder um einem kirchlichen Kommentar zu aktuellen Ereignissen oder zum Zeitgeschehen. Es geht auch nicht um praktische Handlungsanweisungen für bestimmte Problemzonen – äh Problemfelder des persönlichen oder gesellschaftlichen Lebens. Es geht um das Hören auf das biblische Wort, um es für unsere Zeit zur Sprache zu bringen – als wegweisendes und darum auch mahnendes Wort Gottes. Und das alles weniger „begeistert, sondern nüchtern und besonnen. Denn dass der Hlg. Geist am Werk ist, zeigt sich nicht zuerst in einer äußeren Begeisterung, die doch auch nur eine gruppendynamische Auswirkung sein könnte, sondern vor allem darin, dass jemand zutiefst berührt und getroffen, erschüttert und getröstet, ermahnt und ermutigt wird (14,25). Und so dies durch das „prophetische Wort“ geschieht, ist Gott gegenwärtig.

Paulus hat wohl recht. Auch wenn solches - vielleicht - gar nicht so oft geschieht. Doch wer weiß das schon!? Amen.


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Predigt am 1. Sonntag n. Tr. zu Jer 23,16-29 (IV)

 Die Propheten des Alten Testament sind einmalig in der ganzen Religionsgeschichte. Nach der Sesshaftwerdung Israels in Kanaan erscheinen sie - vor den Königen Israels, die immer wieder vergessen, dass ihre Macht nur verliehene Macht ist und sie deshalb dem Gott Israels Rechenschaft schuldig sind. Und sie stehen jenen Priestern gegenüber, die immer mehr das Abdriften in die Fruchtbarkeitskulte Kanaans zulassen und damit das Vergessen des Gottes Israels. Zum Propheten wird man plötzlich und unerwartet berufen, um als Bote Gottes zu sagen, was man als Wort Gottes zu sagen hat. Die prophetische Botschaft beginnt deshalb mit den Worten: „So spricht der Herr:…“.  

Aber mit der Zeit gibt es auch noch andere Propheten. Wie die Priester gehören sie vor allem am Tempel zu Jerusalem zum fest angestellten Tempelpersonal – und auch sie sagen: „So spricht der Herr: …“, aber was diese Berufspropheten sagen, steht oftmals im Widerspruch zur Botschaft der berufenen Propheten – und lässt fragen: Ja, was spricht denn nun der Herr? Dieses – oder jenes? Weil er beides nicht zugleich sagen kann, gibt es offensichtlich auch „falsche Propheten“. Doch wer ist falsch – und wer ist richtig? Ganz einfach: Falsch sind immer die andern – richtig ist man immer selbst, wenn man das richtige Selbst- oder Sendungsbewusstsein hat… Aber ganz so einfach ist es nun doch nicht; erst recht nicht bei Jeremia – auch wenn er als Bote Gottes zu sagen hat:

„So spricht der HERR/JHWH Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN. Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohlgehen -, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen. Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört? Siehe, es wird ein Wetter des HERRN kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. Und des HERRN Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen. Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.

Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der HERR. Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der HERR. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“

Man hört diesen Worten die Härte und Schärfe der Auseinandersetzung an – und diese Warnung vor falschen Propheten geht bis hinein ins Neue Testament: In seinen Reden über das Ende der Zeiten sagt Jesus: „Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen… und große Zeichen und Wunder tun, so dass sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführten.“ (Mt 11,24,11.24; 7,15). Dann haben falsche Propheten, „Pseudopropheten“ wie auch falsche Christusse offensichtlich etwas Verführerisches; man geht ihnen anscheinend leicht und gern auf den Leim. Warum? Sie treten als Wohltäter und Heilande auf; sie meinen es scheinbar nur gut – wie der Versucher mit Jesus in der Wüste! (vgl. Mt 4,1ff) – weshalb Johannes in einem Brief schreibt: „Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt.“ (1 Joh 4,1) Prüft die Geister – und also auch die prophetischen Geister; insbesondere wenn sie große Worte, große Versprechungen machen. Und woher kommen diese?

Bei Jeremia künden die falschen Propheten Gesichte aus ihrem Herzen (23,16) – und künden also das, was das Herz der Menschen begehrt. Sie meinen vielleicht wirklich subjektiv ehrlich, was sie sagen – und betrügen doch die Menschen, weil ihnen ganz anderes gesagt werden müsste. Voll religiöser Begeisterung sagen sie, wovon sie geträumt haben oder von welcher Welt oder Kirche sie träumen – was eben doch nur Ausdruck menschlicher Wünsche und Sehnsüchte ist und eben nicht empfangenes Wort Gottes.

Dabei ist es durchaus möglich, dass Gott durch Träume redet: Jakob erfährt durch den Traum von der Himmelsleiter die Gegenwart Gottes an diesem Ort. Josef, sein Sohn, der seiner hochmütigen Träume wegen von seinen Brüdern tief gedemütigt wird, rettet sein Leben in einem ägyptischen Gefängnis durch Traumdeutung. Salomo träumt, dass Gott ihn fragt, was er sich als König wünsche; und er bittet um – Weisheit für sein Amt als König. Daniel deutet einen Traum des babylonischen Königs Nebukadnezar und wird zum Obersten seiner Weisen ernannt. Joseph wird im Traum durch einen Engel aufgefordert, Maria nicht zu verlassen – und wird später zur Flucht nach Ägypten veranlasst und von dort dann wieder zur Rückkehr. Und Paulus wird durch ein Traumgesicht berufen, das Evangelium nach Europa zu bringen.

So sehr Gott auch durch Träume sprechen kann - der Traum ist nicht grundsätzlich das Einfallstor für göttliche Botschaften. Zwar ist für viele die „Seele“ die Schnittstelle zwischen Gott und Mensch. Aber es steigen eben auch Alpträume oder gar Horrorträume als Bilder und Botschaften aus dem Unterbewussten der Seele auf. Traum soll darum in der ganzen Zwiespältigkeit Traum bleiben, denn es geht um Bilder samt ihren möglichen Fehldeutungen – welche nicht als unmittelbares Wort Gottes ausgegeben werden dürfen (23,28). – Erst recht nicht, was in einem nebulösen Trance- oder Rauschzustand erlebt wird, egal ob durch ein religiöses Ritual (vgl. 1 Kön 18,28) oder durch Drogen herbeigeführt. Das Empfangen des Wortes Gottes hat es mit einem bewussten Hören und einem hörenden Bewusstsein zu tun. Es ist der wache und klare Geist eines Menschen, der vom Geist Gottes in aller Nüchternheit ergriffen und durchdrungen wird (vgl. Röm 8,16) – auch bei der visionären Berufung mancher Propheten (vgl. bes. Ez 3,12ff; usw.)

Aber was macht dann die falschen Propheten aus? Hat vielleicht ihre Botschaft einen falschen Inhalt – und ist eine „Irrlehre“? Nein! Sie haben eine Heilsbotschaft – wie manch andere Propheten Gottes auch – und doch ist diese Botschaft „gestohlen“ (23,30) und sind sie deshalb Diebe. Sie benutzen sie für einen bestimmten Zweck, um damit etwas bestimmtes zu bewirken; es geht ihnen nicht um die Botschaft, sondern um deren Funktion: Als Psychologen und Seelsorger wollen sie in unsicheren Zeiten die Menschen mit einer göttlichen Heilsbotschaft psychisch festigen und religiös trösten (23,17), was vielleicht gar nicht mal so schlecht klingt – verdecken und vertuschen aber dadurch mit solch gefälligen Heilsworten heillose (23,19) Zustände im Volk Gottes. Sie übertünchen (vgl. Mt 23,27) – während die Propheten Gottes aufdecken und - zur Umkehr mahnen.

Dieser Ruf zur Umkehr betrifft schon zu Jeremias Zeit eine zutiefst menschliche Verquickung von Religion und Ökonomie, wie sie besonders in dem landeseigenen kanaanäischen Fruchtbarkeitskult des Gottes Baal zum Vorschein kommt. Israels Priester und Propheten sind hineingerissen und fasziniert von den rauschhaften Ritualen dieses Vegetationskultes (vgl. Jes 28,7), in dessen Heiligtümern die Fruchtbarkeit der Erde, das Wachsen und Gedeihen der Früchte und damit die Wirtschaft des Landes „angekurbelt“ wird. Dafür werden auch menschliche Opfer, nämlich Kinder (vgl. 32,35) dargebracht, um Wohlfahrt und Wohlstand zu gewährleisten und zu sichern. Die Verquickung von Religion und Wirtschaft, also die Vergottung und Vergötzung der Ökonomie, weil sie doch einem Gott gleich lebenserhaltend ist und für das Überleben sorgt, ist auch das Einfallstor des Versuchers bei der ersten Versuchung Jesu: Mach aus den Steinen Brot, damit du nicht mehr hungern musst, damit du nicht verhungerst... - Diese Verquickung von Religion und Wirtschaft geht bis hinein in das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, wo „niemand kaufen oder verkaufen kann, wenn er nicht das Zeichen hat, nämlich den Namen des (verführerischen) Tieres oder die Zahl seines Namens.“ (Offbg 13,17)

Doch jegliche Vergötterung des Irdischen – erst recht mit prophetischem und priesterlichem Beistand - ist dem Gott Israels ein Gräuel und weckt seinen vehementen Einspruch. Gegen sein Vergessen als Herr und Eigentümer des geschenkten Landes ruft er sich im geschichtlichen Geschehen in Erinnerung – und zwar durch Ereignisse, die man gerade durch rauschhafte Kulte überblendet und verdrängt. Höchst unwillkommen machen die Propheten des Gottes Israels darauf aufmerksam, was sich da am Horizont zusammenbraut – und rufen deshalb zur Umkehr, also zur Abkehr von der Vergötterung des Irdischen und zur Hinkehr zu dem Gott Israels, dem Geber alles Irdischen. Ihre Botschaft kann nicht beruhigen und besänftigen wollen, sondern muss wachrütteln und erschrecken lassen. Und über ihre Botschaft erschrecken die Propheten des Gottes Israels selber zuerst. Vor allem Jeremia erlebt und erleidet das Wort Gottes an sich selber als eine Zumutung, weshalb er es am liebsten verschweigen würde – und doch nicht kann (20,9ff).

Dieses Wort Gottes sperrt sich in seiner Fremdheit und Andersartigkeit gegen jede kultische Vereinnahmung – wie der Gott Israels selber. Auch ER entzieht sich jeder religiösen Vereinnahmung und Verwaltung. ER ist absolut souverän, darum unbestechlich – und deshalb zu fürchten. Ist deshalb nicht nur ein naher und vertrauter Gott, der sehr wohl Trost und Geborgenheit schenkt, sondern auch ein ferner, in seinem geschichtlichen Handeln fremder und verborgener Gott, dessen zu wahrendes Geheimnis zu einem bohrenden Rätsel werden kann.

Doch genau dieser ferne und verborgene Gott durchschaut alles Verborgene, alles, was sich vor ihm verbergen will. Denn ER erfüllt Himmel und Erde. Mit ihm hat und bekommt es sein Volk zu tun – nicht nur als Retter, sondern genauso als Richter – in einem. Gericht und Rettung liegen ineinander. „Zur letzten Zeit“, also „letztendlich“  wird man es klar erkennen.

Aber bis dahin bleibt alles Prophetische im Bereich des Vorläufigen – und es lässt sich nicht eindeutig und also endgültig sagen, ob es sich nur um schöne oder schreckliche Träume aus des Menschen Herz handelt, oder ob tatsächlich Gottes Weisung zu hören ist. Da bleibt etwas offen – wie es dann auch Jeremia in der dramatischen Begegnung mit dem Propheten Hananja samt dem unentschiedenen Ausgang erfahren hat (28,1ff). Denn Gott selber muss sein Wort wahr machen – so dass es sich bewährt und endgültig bewahrheitet.

Doch bis dahin ist die Gefahr wahnhafter Verblendung immer gegeben. Besonders in unsicheren und angespannten Zeiten, wo jeder „Strohhalm“ zählt, erwachen Propheten und Christusse – weissagen und weisen den Weg des Heils und der Heilung - der allerdings immer dann ein Irrweg ist, wenn er in programmierter Machbarkeit begangen wird – und nicht zum Erschrecken und Innehalten und zur nötigen Umkehr und also heilsamen Veränderung führt.

Auch wenn alles immer mehr miteinander zusammenhängt und voneinander abhängt, so fängt doch jede heilsame Veränderung immer bei einzelnen an und wird manchmal bei den wenigen bleiben, die durch Gottes Wort verändert werden - und deshalb anders sind. Denn sie erfahren an sich selber, dass Gottes Wort einem Feuer gleicht, das menschliche Eitelkeit und Hochmut verzehrt; und einem Hammer, der auch noch die härtesten menschlichen Illusionen zerschlägt. Auch in Zeiten, in denen zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Wirklichkeit und Wahn nur sehr schwer zu unterscheiden ist. Amen

 

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Predigt am Sonntag Trinitatis zu Eph 1,3-14 (IV)

Paulus schreibt: "Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus. Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, daß wir, heilig und untadelig vor ihm sein sollten; in seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit. Denn Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluß, den er zuvor in Christus gefaßt hatte, um ihn auszuführen, wenn die Zeit erfüllt wäre, daß alles zusammengefaßt würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist. 

In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluß seines Willens; damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit, die wir zuvor auf Christus gehofft haben. In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit - in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem heiligen Geist, der verheißen ist, welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, daß wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit."

Dieser Lobpreis der Herrlichkeit Gottes ist wie eine große Symphonie. Die einzelnen Töne klingen so zusammen, dass sie ein wunderbares Ganzes bilden - und erst im Zusammenklingen kommt das Einzelne zu seiner Würde. Denn auf diesen symphonischen Lobpreis der Herrlichkeit Gottes hin hat jeder einzelne Ton seine verborgene Ausrichtung und kommt erst darin zum eigentlichen und eigenen Ziel.

Dieser überschwängliche Lobpreis der Herrlichkeit Gottes ist allerdings - in Ketten geschrieben (6,20),also in irgendeinem Gefängnis. Doch genau da weitet sich alles und überschreitet die Grenzen der begrenzten  Wirklichkeit und vertieft sich in der grenzenlosen Ewigkeit Gottes - aber verliert sich nicht mystisch darin, sondern findet dort gerade den festen Grund für das, was in der Zeit uns widerfährt: Unsere Erwählung zu Kinder Gottes; und damit unsere Berufung zum Lob seiner Herrlichkeit.

Da ist eine also große Kreisbewegung! Sie kommt aus dem Geheimnis des dreieinen Gottes – und sie vollendet sich wieder im Geheimnis des dreieinen Gottes. Darum: Gelobt, gepriesen, gesegnet sei Gott, der Vater, der uns durch Christus gesegnet hat; in IHM hat er uns erwählt…; in IHM haben wir die Erlösung…; in IHM sind wir auch zu Erben eingesetzt worden…; in IHM seid auch ihr versiegelt worden durch den Heiligen Geist.“ Christus ist der innerste Kern des Geheimnisses Gottes Hier nimmt das „Kommen Christi“ seinen Ausgang. Und ohne IHN gibt es keine Erwählung, keine Erlösung, keine Einsetzung als Erben, keine Versiegelung durch den Heiligen Geist. Dass wir Kinder Gottes sind, gründet in Gottes Willen und Ratschluss „vor Grundlegung/Erschaffung der Welt“. In der Ewigkeit hat ER uns „vorherbestimmt, seine Kinder zu sein“? Das ist „das Geheimnis seines Willens, nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hat“. In ihm hat er uns zu Erben „vorbestimmt“ nach seinem „Vorsatz“. Und das alles „aus Liebe“ in Christus, „dem Geliebten“.

Im Kolosserbrief wird dieser Gedanken, dass alles durch Christus und auf Christus hin geschaffen ist, noch weiter ausgeführt in einer – dem Johannesprolog (Joh 1) entsprechenden - kosmischen Christologie: „ER ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.“ (Kol 1,15-17)

Wenn es also diese große Kreisbewegung gibt, die in der Ewigkeit Gottes Ursprung und Ziel hat und also den ganzen Kosmos hineinholt in die Ewigkeit, dann geht es im biblischen Schöpfungsglauben nicht nur um den Ursprung der Welt im Willen Gottes, sondern auch um ihre Vollendung im Lob Gottes. Und der innerste Kern von Ursprung und Vollendung liegt „in Christus“ Weil ER das „Haupt“ alles Geschaffenen ist, findet in ihm alles zur Einung zusammen.

Dass wir also erwählt, erlöst, eingesetzt, versiegelt sind, gründet einzig und allein in Christus, der Liebe Gottes, vor aller Zeit; hat also seinen Grund, seine Ursache nicht in der Zeit – und damit auch nicht in uns, in unserem Willen. Darum kann auch nur ER gelobt und gepriesen und gesegnet sein – durch uns. Denn was da unvorstellbar „vor aller Zeit und Welt“ in Christus gründet, das zielt darauf ab: Wir sollen „seine Kinder sein auf ihn hin“; „zum Lobpreis seiner herrlichen Gnade“; „damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit“, „dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit“. Das Ziel ist das Lob Gottes – nicht ohne, sondern mit uns. Und alles hat im Ratschluss Gottes in Christus vor aller Zeit seinen Ursprung, „um diesen Ratschluss auszuführen (in der Zeit), wenn die Zeit erfüllt wäre, wenn also der rechte Zeitpunkt gekommen ist, dass alles zusammengefasst würde in Christus“.

Dann sind wir also geschaffen, erwählt, erlöst - zum Eigenlob Gottes? Dann geht’s also letztlich gar nicht um uns, sondern um Gott selbst? - So wenig wir Ursprung sind, so wenig sind wir auch Ziel. - Aber könnte Gott dann nicht auch ohne uns auskommen? Das Lob der himmlischen Heerscharen könnte ihm doch genügen. Warum also mit uns, wenn´s auch ohne uns ginge? Was fehlt ihm – ohne uns?

Darauf gibt es nur eine Antwort: ER will uns teilhaben lassen an seiner Fülle, an seiner Herrlichkeit. Und also geht es IHM – doch um uns. ER hat uns geschaffen, um uns zu vollenden im Lob seiner selbst.

Dass Gott uns zu seinem Lob geschaffen hat, ist darum nicht unsere Demütigung, sondern unsere Würdigung. Hebt uns über uns selbst hinaus, macht uns gerade nicht klein und unbedeutend, sondern groß und bedeutsam. Die Teilhabe am Lob Gottes ist unsere Würde. Durch diese Würdigung sind wir etwas, was wir von uns aus niemals sein können. Gott hat uns aus Liebe in Christus gewürdigt d.h. erwählt „vor Grundlegung der Welt“ und also zu seinen Kindern vorherbestimmt nach seinem Ratschluss und Willen.

Das und nur das ist der Sinn der sog. „Prädestinationslehre“, der „Lehre von der Vorherbestimmung“. Sie behauptet nicht, dass alles schicksalhaft vorherbestimmt ist und es kommt, wie‘s kommen muss. Sondern: Gott hat „in seiner Liebe uns vorherbestimmt, seine Kinder zu sein“. Er hat uns erwählt ohne unser Zutun – aus Liebe. Das ist sein unumstößlicher Ratschluss von Ewigkeit an – für alle Ewigkeit. Von ihm her – auf ihn hin; was Paulus in allen seinen Briefen zusammenfasst im Wort der Gnade.

Diese ewige Gnadenwahl Gottes kommt besonders zum Ausdruck in der Taufe eines unmündigen Kindes: Gott kommt uns mit seiner Liebe zuvor und beruft ein Menschenkind zum Gotteskind. Dieses „Wort der Wahrheit“ zu hören, diesem „Evangelium von unserer Seligkeit“ Glauben zu schenken und also sich von Gott geliebt, erwählt, erlöst, berufen zu wissen, ist das rechte „christliche Selbstbewusstsein“. Ich muss mir keines schaffen, muss mich nicht selber erfinden. Ich bin gefunden - von Gott; ich finde mich vor – in Christus. Je mehr ich mir dieses liebenden Gottes bewusst werde, umso mehr werde ich mir meiner selbst bewusst als geliebt – und kann andere lieben. Gottes Gnadenwahl gibt dem Leben Tiefe und Weite, Festigkeit und Perspektive.

Und das kommt ebenso zum Vorschein im Jubel der Erwählten und der Erlösten über ihre Erwählung und Erlösung in der urchristlichen Feier des Herrenmahls/Abendmahls. Zusammengefasst in dem Jubelruf in aramäischer Sprache : „Maranatha“ – „Unser Herr kommt, ja Herr (Jesu) komme bald.“ (vgl. Offbg 22,20) Besonders im Mahl des Herrn zur „Stärkung und Bewahrung im Glauben zum ewigen Leben“ wird das  Ziel ins Auge gefasst: Dass der aus der Ewigkeit Gottes in die Zeit Gekommene zur Vollendung der Zeiten wiederkommt und alles heimholt, hineinholt in den ewigen Jubel Gottes. Der Heilige Geist ist das Siegel Gottes darauf und macht mich dessen gewiss, lässt mich darauf getrost vertrauen und damit fröhlich leben. Dass solches geschieht, ist also wiederum Gottes Werk an mir – und gibt ihm die Ehre. Es gründet fest in IHM – und nicht auf unsicherem Grund in mir. Gibt deshalb nicht mir die Ehre, sondern Gott Lob und Dank.

Gott hier und heute zu loben und zu danken ist das schwache Abbild dessen, was in der Ewigkeit in seiner Fülle alles erfüllen wird. Denn hier und heute ist mehr als genug alles lautstark durchsetzt mit Jammern, Klagen, Schimpfen, Fluchen, Lästern, Spotten. Nicht auch noch in diese aufdringlichen Misstöne einzustimmen sind wir Christen berufen, sondern jetzt schon Gott zu loben und zu danken, „damit wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit.“

Dieser gemeinsame Wohlklang im Zusammenklingen der einzelnen „Stimmen“, diese große Symphonie zum Lob Gottes, ist in der Tat im Werden; ist im Schwange, hin zu einer "Geburt" – und bricht jetzt schon hier und dort hervor, wo mitten im Geschrei der Menschen das Lob Gottes zu hören ist. Wegweisend und hoffnungsvoll - sich der Horizont weitet; und sei es in einem engen Gefängnis - wie damals bei Paulus. Amen.

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Predigt am Pfingstsonntag zu 1 Kor 2,12-16 (IV)

  Paulus schreibt: "Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.  Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.

Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muß geistlich beurteilt werden.  Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.  Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen« ? Wir aber haben Christi Sinn."

Das ist ja mal wieder ein starkes Stück – oder zumindest ein ganz schön hoher Anspruch, mit dem Paulus da auftritt: „Wir aber - haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott… Wir aber haben Christi Sinn…“ und also andere nicht? Haben wir wirklich etwas, was andere nicht haben? Denn wir sind doch alle Menschen! Und wer sind überhaupt die andern, von denen Paulus sich abgrenzt (2, 6.10.12) - und diese damit ausgrenzt? – Das aber haben wir gar nicht gern, denn das riecht uns doch nach Sektiererei. genau so ticken nämlich Sekten: Sie nehmen für sich etwas in Anspruch, das sie andern absprechen und nur für sich gelten lassen. Und da einen die andern ja sowieso nicht verstehen, igelt man sich ein in seiner eigenen Welt und lässt mögliche Kritik von außen gekonnt an sich abprallen. Solch eine „Immunisierungsstrategie“ kann sogar Ausdruck einer Krankheit sein. - So auch bei Paulus? 

Tatsächlich werden die Judenchristen vom traditionellen Judentum als Sekte verstanden und bekämpft (vgl,. Apg 24,5.14;28,22) Denn ihr Bekenntnis zu Jesus als dem Messias, Christus, Gesalbten Gottes  - und deshalb „König“ (vgl. Joh 18,37) sagt, dass dieser Jesus der Weg und die Weisung/Torah und das Wort Gottes in Person (vgl. Joh 1,14) ist, was natürlich wie bei Jesus schon, so auch dann bei den Christen zum Streitpunkt wird und in den Konflikt führt. Als dann die christliche Kirche immer mehr außerhalb von Palästina Fuß fasst, da kommt vor allem die Auseinandersetzung mit der griechischen Geisteswelt und der römischen Staatsreligion hinzu. Und obwohl man sich von beiden abgrenzt, igelt man sich doch nicht ein.

Denn auch das ist das jüdisches Erbe in der christlichen Kirche: Wie Israel herausgerufen ist aus allen Völkern der Erde, Volk Gottes zu sein, und Jesus Menschen herausgerufen hat aus ihrem familiären Umfeld, ihm nachzufolgen, so ergeht dieser Ruf heute noch immer – im Sakrament der heiligen Taufe. Und zugleich sind die Berufenen hineingesandt in diese Welt, um hier - in Unterscheidung von der „Welt“ - ihre Berufung zu leben. Und davon zeugen vor allem die Briefe des Paulus.

Aber die kirchliche Situation hat sich seither enorm verändert: Da wir als Kirche auf keinen Fall nach „Sekte“ riechen wollen, geben wir uns recht weltoffen und gesellschaftskonform; grenzen uns gerade nicht ab, sondern lassen alles Mögliche rein. Denn es sind ja überall Menschen – nicht nur in der Gesellschaft, sondern doch auch in der Kirche… Doch weil für uns nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Kirche im Allgemeinmenschlichen gründet und daraus hervorgeht, darum fällt es uns schwer, Paulus zu verstehen. Denn sein „Grund“ liegt nicht in ihm als Mensch, sondern außerhalb von ihm: „in Christus“. Dieser ist Gottes Weisheit – welche sich allerdings verbirgt unter dem Deckmantel der Torheit des Kreuzes - was dann am Ostermorgen ans Licht kommt. Weil aber solche Weisheit von Gott ausgeht und nicht aus dem Menschen hervorgeht, kann sie vom Menschen aus auch nur als Torheit erscheinen. Nicht des Menschen Geist gelangt darum von sich aus zur Erkenntnis der Weisheit Gottes verborgen unter der Torheit des Kreuzes, sondern Gottes Geist, der Heilige Geist muss mich zu dieser Erkenntnis führen (vgl. Joh 1,12).: zum Geheimnis Christi und damit zum - Geheimnis Gottes (vgl. 2,1.7) Wenn Paulus darum Unterschiede, ja Gegensätze sieht, dann sind diese nicht von Menschen gemacht und darum auch nicht menschlicher Natur, sondern sind vom Hlg. Geist gewirkt und darum geistlicher Natur.

Aber gerade dieses unfassliche Geheimnis Gottes muss doch in menschlich verständliche Sprache gefasst werden, um angenommen oder abgelehnt werden zu können. Aber auch der Botschaft diese Fassung zu tun, wie es vor allem Paulus stotternd versucht, kann nur Werk des Hlg. Geistes sein. Und weil der Hlg. Geist nichts Allgemeines, sondern etwas höchst Besonderes ist, darum ist diese geistgewirkte und geistgefasste Botschaft etwas Besonderes; und sind, die der Botschaft geistgewirkt glauben, etwas Besonderes. Und zwar kraft dessen, der sie zu etwas Besonderem macht, was sie von sich aus nicht sind, nicht sein können: Kinder Gottes. Denn sonst stünde ihre Gotteskindschaft in ihrer Macht und beruhte auf menschlicher Kraft; wäre ihre spirituelle Leistung, ihr religiöser Erfolg und gäbe ihnen die verdiente Ehre.

Dass Gottes Weisheit von außen gesehen nur Torheit sein kann, das zeigt der Spott, den Jesus am Kreuz erfährt – und den auch die erfahren, dies sich zu IHM als Weisheit Gottes bekennen. Und wie der Hlg. Geist dieses Bekenntnis zu Jesus wirkt, so wirkt er auch den „Trost“ in solcher  Anfechtung durch Spott – und wird darum im Evangelium nach Johannes der “Tröster“, der „Beistand“, der „Anwalt“ genannt.

Allmählich wird einigermaßen klar, was Paulus meint, wenn er schreibt: „Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.“ Paulus geht es nicht um Abgrenzungen aus menschlichen Gründen, sondern um geistliche Unterschiede, die darin gründen, dass wir Gottes Geist empfangen haben, der uns das Geschenk Gottes wissen lässt: nämlich die Weisheit Gottes verborgen unter der Torheit des Gekreuzigten  (vgl. Röm 8,32!). Und wenn Paulus davon redet oder schreibt, dann eben nicht mit überzeugenden Worten, die im Sprach- und Denkvermögen der Menschen gründen (2,4f), sondern in der unverfügbaren Kraft Gottes, welche das zutiefst menschliche Zeugnis „bekräftigt“ und ihm dadurch eine Qualität gibt, die es von sich aus nicht hat.

Paulus sät nur – Gott aber lässt wachsen und gedeihen (vgl. 3,6f) – kraft seines Heiligen Geistes. Und dieser Geist ist eben nicht von Natur aus im Menschen schon da, sondern wird empfangen. Er geht über - wie Feuer übergeht; er bewegt - wie der Wind bewegt. Aber dass jemand von etwas begeistert ist, sagt noch nichts über dessen Ursprung. Es kann auch eine windige Sache sein, die schließlich in Brand setzt und zerstört. Darum mahnt Johannes, die Geister zu prüfen –ob sie aus Gott sind! (1 Joh 4,1); und für Paulus ist es ein Gabe Gottes, die Geister zu unterscheiden (1 Kor 12,10). Also nicht alle Geister und alle Begeisterung in einen Topf zu werfen, sondern zu prüfen und zu unterscheiden - und zwar anhand ihrer Auswirkungen. An der Frucht erkennt man den Baum – und an den Werken, wes Geistes Kind jemand ist. Denn die Werke als sichtbare Auswirkungen weisen wie Spuren auf eine unsichtbare bewegende Kraft zurück. Seien es Spuren der Verwüstung – oder der Heilung. Nur in seinen Auswirkungen wird jeder Geist fassbar – aber nicht an sich selbst.

Auch - oder vor allem - die Sprache gehört zu den Auswirkungen, zu den Werken des Geistes ganz allgemein – und also auch des Heiligen Geistes. So schreibt Paulus: „Und von dem, was Gott uns geschenkt hat, reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.“ Mit „den Worten, die der Geist lehrt“ meint Paulus jedoch keine geheimnisvolle Fremdsprache, sondern eine geistliche Qualität und Substanz – unter dem Deckmantel gewöhnlicher Sprache. Und da solche geistliche Qualität eben nicht mit menschlicher Weisheit steht oder fällt, sondern in „Erweisung des Geistes und der Kraft“ Gottes (2,4), kommt es nicht darauf an, hochgestochen von ihr zu reden und dadurch für sie zu bürgen. Auch Geistliches kann nur sehr menschlich gesagt werden (vgl. 2 Kor 4,7), aber seine Substanz, seine Qualität kann nur geistlich verstanden werden – von einem geistlichen Menschen – im Gegensatz zum natürlichen Menschen. Und so schreibt Paulus pointiert weiter: „Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.“

Der natürliche Mensch ist für Paulus der Mensch, der von sich, von seiner „Natur“ als Basis und Bedingung ausgeht („Fleisch“) und  alles auf sich hin versteht – und tut er so auch mit Gott, dann ist dies der natürlich-religiöse Mensch. Dieser aber kann deshalb von Gott nichts vernehmen, weil die törichte Weisheit Gottes einfach nicht in seine „natürliche“ Gottesvorstellung passt. Sie ist ihm Torheit. Der Geist Gottes schafft aus dem natürlich-religiösen Menschen, aus der „Naturreligion“ des Menschen, den geistlichen Menschen, der die törichte Weisheit Gottes im Gekreuzigten erkennt – und anerkennt.

Doch nun spitzt Paulus noch mehr zu: „Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.“ Wenn Paulus so schreibt, dann geht es hier nicht um ein menschliches Urteil vom Menschen aus über Menschen, sondern um ein geistliches Urteil aufgrund der Prüfung und Unterscheidung der Geister. Und dessen Ergebnis kann wiederum von niemandem beurteilt werden, der nicht geistlich ist und also außerhalb von sich selbst in Gott gründet. Nicht, dass der geistliche Mensch über allem und allen steht – und sich deshalb von allen andern hochmütig abgrenzt und diese ausgrenzt. Das wäre gerade ungeistliche sektiererische Arroganz und Verblendung! Und dennoch ist da ein unüberhörbarer Anspruch - erst recht wenn Paulus schließlich schreibt: »Wer hat – von sich aus - des Herrn Sinn/Verstand erkannt, oder wer will ihn unterweisen« ? Wir aber haben Christi Sinn/Verstehen/Verstand (geschenkt bekommen). 

Ja, das klingt sehr anspruchsvoll und auch abgrenzend – nicht in menschlicher, sondern in geistlicher Hinsicht. Aber wenn Christsein nicht in der Natur des Allgemeinmenschlichen gründet, sondern „in Christus“, dann gibt es kein Christsein ohne diesen geistlichen Anspruch, den „Sinn Christi“ zu haben – im doppelten Sinne (des Genitives): Den Sinn, das Verstehen von Christus, um damit etwas geistlich beurteilen zu können; und den Sinn, das Verstehen für Christus selber, dass wir also ihn verstehen. Das eine nicht ohne das andere.

Aber weil wir von uns aus für diesen Anspruch weder bürgen noch ihn einlösen können, darum heute wie vormals die pfingstliche Bitte: „Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner göttlichen Liebe.“ Amen


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Predigt am Sonntag Exaudi zu Jer. 31,31-34 (IV)

Als Israel der ägyptischen Knechtschaft entronnen war, da begann ein ganz neues Kapitel in seiner Geschichte. Die alte ägyptische Gängelei und Drängelei fand ein gnädiges Ende und es begann ein Leben in Freiheit. Um diese geschenkte Freiheit zu bewahren, bekommt Israel am Sinai die Weisungen, die Torah Gottes – in Stein eingeschrieben; und eben nicht in die Herzen der Menschen. Die Weisungen Gottes sind allesamt Notstandsgesetze. Sie versuchen zu regeln, was sich nicht von alleine regelt: Das stets gefährdete und labile Gleichgewicht zwischen den Menschen und auch zwischen Mensch und Gott zu stabilisieren. Sie versuchen, Gerechtigkeit unter den Menschen herzustellen, um den Frieden zu erhalten – auch durch die angemessene Androhung von Strafe im Falle von Übertretung. Das ist die alte Geschichte: Es geht nicht ohne Druck von außen, nicht ohne Aussicht auf Belohnung oder Androhung von Strafe. Das ist die alte Geschichte – vom Paradies her: Adam und Eva dürfen von allen Bäumen im Garten essen – doch vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollen sie unter Androhung des Todes die Finger lassen. Und genau daran vergreifen sie sich – nachdem die Schlange dieses Verbot listig in Frage gestellt hat: „Sollte Gott gesagt haben…!?“ Und schon gehen Adam und Eva der Schlange auf den Leim - und gibt es seit der Vertreibung aus dem Paradies und also seit dem Brudermord von Kain an Abel kein gerechtes und friedliches Zusammenleben mehr.

Als Bott einen Bund mit Abraham schließt, setzt ein neues Kapitel ein. Dieser Bund beruht allein auf dem Vertrauen zu den Verheißungen Gottes – und lässt selbst Abraham an der Treue Gottes zweifeln. Dieses neue Kapitel setzt sich dann Jahrhunderte später mit Mose und der Befreiung aus der ägyptischen Gängelei und Drängelei fort. Doch wie schnell holt einen die alte Welt wieder ein: Als Mose, der Mann Gottes, einmal für ein paar Wochen in den Bergen entschwunden ist, da wird aus Angst vor der Ausweglosigkeit in der Wüste ganz schnell aus ägyptischem Gold ein goldenes Stierbild gefertigt – wie man es von Ägypten her kennt – und hat damit dem Gott Israels und seiner zugesagten Treue und dem Vertrauen darauf den Rücken gekehrt. Man schafft sich ein positives „Gottesbild“ – als nötiges Gegengewicht zur Angst. Vergessen auch später immer wieder die Zusage Gottes: „Ich bin der Herr, dein Gott...!“ Und vergessen auch, an was sich das Volk Gottes deshalb halten soll bzw. was es meiden soll. Immer wieder musss Mose dem Volk Gottes die Gebote, die Weisungen Gottes einschärfen – sogar noch kurz vor seinem Tod.

Als Israel dann im Kulturland Kanaan allmählich sesshaft wird, da ist es nicht mehr die Angst vor der Ausweglosigkeit in der Wüste, sondern der materieller Wohlstand und Reichtum, der den Gott Israels und seine Weisungen vergessen lässt. Stattdessen hält man sich an die vorgefundenen kanaanäischen Fruchtbarkeitskulte mit ihren Fruchtbarkeitsgötter, welche Wohlergehen und Wachstum sichern. Die Gebote und Weisungen Gottes werden durch ein ungeschriebenes Gebot ersetzt: Tue, was dir nützt. Der eigene Nutzen und Vorteil steht an oberster Stelle. Weil jeder sehen muss, wo er bleibt, herrscht der Kampf ums Überleben – im Volke Gottes. Mitten in Wohlstand und Wachstum – oder gerade deshalb?.

Doch für deren Vergötterung bezahlt das Volk Gottes einen hohen Preis: Das Land als Gabe Gottes wird ihm wieder genommen und vor allem die Oberschicht des Volkes ins über 1000 km entfernte Assyrien/Babylonien zu Fuß in die Knechtschaft deportiert – als ob der Auszug aus der ägyptischen Knechtschaft 500 Jahre zuvor wieder rückgängig gemacht würde. Es ist insbesondere der Prophet Jeremia, der diese turbulente Zeit persönlich durchleidet – und schließlich selber in Ägypten landet, wohin er durch nationalistische Kreise gezwungen oder verschleppt wird. Und wie sich dort seine Spuren endgültig verlieren, ist so auch der Bund Gottes mit seinem Volk endgültig verloren, zumal er doch durch Treulosigkeit gebrochen wurde. Ist also nun alles aus?

Doch zuvor schon lässt Gott durch Jeremia sagen:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken."

Ist diese verheißene Zeit nach jener katastrophalen Zeit gekommen? – Gewiss, nach dem babylonischen Exil geht es weiter: Ein Teil der nächsten Generation kehrt wieder in das Land der Väter und Mütter zurück. Doch das „verheißene Land“ bleibt – nahezu immer – unter fremder Herrschaft. Wohl auch deshalb sieht man in der Befolgung des Gesetzes, der Torah immer mehr den Weg zum Heil. Man versucht deshalb, die gesetzlichen Vorschriften bis ins Kleinste zu lehren und zu erfüllen – im Gegensatz zu den treulosen Vätern. Und wer dies nicht tut, wer sich nicht belehren lässt, der ist vom Heil Gottes ausgeschlossen bzw. wird vom Volk Gottes ausgeschlossen. Wer hingegen das Gesetz bis ins Kleinste tadellos erfüllt, der kann des Heils gewiss sein und – sich dessen rühmen.

Vielleicht betrachtet man dieses Mühen sogar als die Erfüllung der Worte beim Propheten Jeremia, dass Gott sein Gesetz in ihr Herz gibt und in ihren Sinn schreibt. Aber es kommt immer noch „von außen“ und ist deshalb – Menschenwerk und spitzt sich immer mehr zu, bis zu jener Zeit, „als die Zeit erfüllt“ und also reif ist – für das Erscheinen Jesu, und mit ihm ein ganz neues Kapitel, der „neue Bund“ beginnt – mitten im alten.

Was bei Mose im alten Bund immer nur mit Druck von außen geht – und sei es eben, dass man sich selbst mühsam und ruhmreich unter Druck setzt, das Gesetz zu erfüllen -, das soll im neuen Bund von innen, von Herzen kommen. Und also tut Jesus den Willen Gottes von Herzen – und kommt genau damit mit den Gesetzeshütern, den Schriftgelehrten, den Pharisäern, in einen tödlichen Konflikt. Seltsamerweise ist es dieser tödliche Konflikt, in dem der neue Bund gründet: Denn als Jesus am Vorabend seines Leidens und Sterbens mit seinen Jüngern das Passahmahl feiert, da sagt er beim Kelch: „Dies ist der neue Bund in meinem Blut“. Und sein Blut, sein Leben setzt er ein zur Vergebung der Sünden. Das Wesen des neuen Bundes ist bei ihm nicht der Zwang von außen, sondern die Hingabe, Lebenshingabe von innen - aus Liebe. Jesus ist darum kein neuer Mose, kein neuer Gesetzgeber, sondern - der neue Adam. Jesus ist der neue Mensch nach dem ursprünglichen Bild Gottes, das wahre Ebenbild Gottes – auch deshalb „Sohn Gottes“ genannt. Und für alle, die in seinen Namen hineingetauft sind und sich ihm anvertrauen, gilt deshalb: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen; Neues ist geworden.“

Dieser Unterschied zwischen Alt und Neu gründet in der Vergebung: „…denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken“, lässt Gott durch den Propheten Jeremia 600 Jahre vor Christus wissen. Und Vergebung meint doch: Weggeben, wegtun; hinter sich lassen, nicht ständig wieder zwanghaft hervorholen, damit sich die alte Geschichte nicht immer weiter fortsetzt – wie in der Weltgeschichte bis auf diese Stunde. Die alte Welt kennt nämlich keine Vergebung – sondern nur Rache.

Ist dann also wenigstens in der christlichen Kirche mit dem „Neuen Testament“ der neue Bund Wirklichkeit geworden? Geschieht hier alles voller Hingabe aus Liebe -  von innen heraus, also „esoterisch“? - und wenn nicht von Herzen, dann wenigstens - aus dem Bauch wie bei jenen, die ein „undogmatisches Christentum“, eine „undogmatische Kirche“ wollen, in der eben nicht „dogmatisch“ vorgeschrieben wird, was man zu glauben hat, sondern jeder bestimmt aus sich selbst seinen eigenen Glauben.

So sehr dies alles an die Verheißung bei Jeremia anklingen mag: weder in irgendwelchen spirituellen Bewegungen noch in den verfassten Kirchen ist der neue Bund Wirklichkeit. Außer bei Jesus selbst ist davon auch in seiner Kirche zu wenig zu spüren und zu sehen. Außer man wird mit IHM immer mehr vertraut – so dass von Herzen kommt, was von IHM zu Herzen geht. Auch das Liebesgebot ist zwar immer noch ein Gebot von außen – und kann doch nur von innen gelebt werden.

Wenigstens in der Kirche sind Menschen auf diesen Weg Christi berufen, berufen ihm nachzufolgen. Sie kommen von IHM her, der „den neuen Bund in seinem Blut“ in Kraft gesetzt hat – und sie gehen auf jene verheißene Zeit zu, da der Geist Gottes sie zu solchen Menschen macht, die von Herzen einander und Gott zu Gefallen leben. Der heutige Sonntag Exaudi zwischen Himmelfahrt und Pfingsten erinnert daran. Sein Motiv ist „Die wartende Gemeinde“.

Denn da steht noch etwas aus. Was war und was da ist, kann noch nicht alles sein. Erst recht nicht in der Kirche. Amen.

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Predigt am  Fest der Himmelfahrt Christi zu Offbg 1,4-8 (IV)

 „Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, und von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind, und von Jesus Christus, welcher ist der treue Zeuge, der Erstgeborene von den Toten und Herr über die Könige auf Erden! Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unsern Sünden mit seinem Blut und uns zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem Vater, ihm sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Geschlechter der Erde. Ja, Amen. 

Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige. .“

Mit diesem Gruß beginnt das letzte Buch der Bibel: die Offenbarung des Johannes. Doch dieses Buch hat es vor allem mit der Wiederkunft Christi zu tun – und nicht mit Christi Himmelfahrt. Es sei denn – seine Himmelfahrt und Wiederkunft gehören zusammen; sein Weggehen und sein Wiederkommen.

Von all denen, die gegangen sind, ist noch keiner wiedergekommen; hat auch nicht sein Wiederkommen angekündigt. Nur dieser eine hat es getan – und ist seinen ungläubigen Jüngern plötzlich und unerwartet erschienen. 40 Tage später mussten sie von zwei Boten Gottes hören: „ Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen“. Also gehören Christi Himmelfahrt und Christi Wiederkunft zusammen – sind bei Gott ein Ganzes, auch wenn beides bei uns zeitlich auseinanderfällt. Deshalb beginnt der Gruß des Johannes mit diesem großen Zusammenhang: „Gnade sei mit euch von dem, der da ist, und der da war, und der da kommt.“ Und dieser sagt schließlich von sich: „Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist, und der da war, und der da kommt, der Allmächtige.“

Dann ist also bei dem, der da sagt: „Ich bin…“ alles gegenwärtig – und er ist überall gegenwärtig – während bei uns alles räumlich zerfällt in ein Hier und Dort und zeitlich in ein Gestern und Morgen. Weil bei ihm alles reine Gegenwart ist, kann man IHN deshalb weder einschränken auf irgendwelche „historischen Ereignisse“, noch IHN von ihnen ausschließen. - Wir hingegen sind beschränkt, Zusammenhänge in ihrer Tiefe zu sehen – und müssen uns deshalb auf eine oberflächliche „Kausalität“ beschränken, wodurch wir eines mit dem andern verknüpfen und erklären, um dadurch den notwendigen Zusammenhang herzustellen.

Doch so wie der Himmel ständig die ganze Erde umgreift und jederzeit allgegenwärtig ist, so auch ER. Nur verborgen – wie manchmal die Sonne hinter den Wolken des Himmels. Darum meint Himmelfahrt Christi. ER ist nicht mehr wie wir an einem bestimmten Ort der Erde zu einer bestimmten Zeit vorhanden, sondern jederzeit überall verborgen gegenwärtig – und tritt aus dieser Verborgenheit heraus bei der Vollendung der Zeiten.

Im Apostolischen Glaubensbekenntnis ist das alles sehr verdichtet, wenn es da heißt: „Aufgefahren in den Himmel. Er sitzet zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“

Das ist der Lauf der Welt – und dieser vollzieht sich in höchst dramatischer Weise. Dafür werden dem Seher Johannes die Augen und Ohren geöffnet. Und er sieht und hört diesen Lauf der Welt in dramatischen Bildern, wodurch er Einblick in die Tiefe der Wirklichkeit erhält, die wir nur beschränkt und höchst oberflächlich mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen. Alles, was darum über Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten hinausgeht, nehmen wir normalerweise nicht wahr; was auch gut so ist – es würde uns sonst wie Johannes völlig umwerfen (vgl. 1,17). Und es reicht einem ja auch schon, was man sonst alles zu hören und zu sehen bekommt. Johannes blickt hinter die sinnlichen Kulissen des irdischen Welttheaters und Machtgerangels und sieht und hört, welche Mächte und Kräfte da in der Tiefe im Streit und Kampf miteinander liegen. Und diese Tiefe reicht bis in den Himmel; also bis hin zu dem, der „sitzet zur Rechten Gottes.“  

Dass Christus zur Rechten Gottes sitzt, sagt, wer er ist: „Herr über die Könige auf Erden“, wie es in dem Gruß heißt - und deshalb „König aller Könige und Herr aller Herren“, wie er später genannt wird. Dieser Titel zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Offenbarung des Johannes – und ist die himmlische Antwort auf die irdische Frage: Wer hat die Macht? Wir sagen: Wer etwas macht, der hat die Macht. Und wer nichts macht, mit dem wird etwas gemacht. Die größten Macher haben deshalb die größte Macht – und sind die scheinbaren Sieger.

Aber wo immer es auf Erden Sieger gibt, da gibt es auch Besiegte. Und beim Machtkampf auf dieser Erde geht es ums Überleben; genauer um die Frage: Wer überlebt wen!? Die Überlebensfrage ist eine Machtfrage – und es überlebt immer nur der, der siegt; genauer, der den andern besiegt. Egal mit welchen Mitteln und in welcher Hinsicht.

In keinem anderen Buch der Bibel geht es so sehr um Macht und Überleben wie in der Offenbarung des Johannes. Denn dessen Adressaten fragen sich schon lange: Ist dem EINEN wirklich alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben? Und in keinem anderen Buch der Bibel kommt so oft das Wort „siegen“ bzw. „überwinden“(Luther) vor. Denn gerade angesichts der eigenen Ohnmacht stellt sich tatsächlich die ernsthafte Frage; „Wer behält letztlich den Sieg?“

Die Antwort darauf ist gerade in jenem Teil der Welt zu sehen, in dem jene 7 Gemeinden liegen, an welche die Offenbarung des Johannes geschrieben ist: im oströmischen und später byzantinischen Reich. Denn bis heute ist in jeder orthodoxen Kirche entweder oben an der Decke oder in der Apsis des Chores „Christus Pantokrator“, „Christus der Allherrscher“ zu sehen – und in den orthodoxen Gottesdiensten wird er gefeiert und angebetet. Da stimmt man feierlich ein in den himmlischen Lobgesang und nimmt damit in der Kirche vorweg, was schließlich auf der ganzen Erde zu hören sein wird: das Christuslob, das Gotteslob. In den Kirchen, in den Gottesdiensten aber, wird seine Macht und sein Sieg jetzt schon gefeiert. Denn der „Herr über die Könige auf Erden“, der „König aller Könige und Herr aller Herren“ schon steht fest. Der Sieger steht schon fest.

Und wie hat ER gesiegt? Über wessen Leiche ist ER gegangen? Über - seine eigene. Hat nicht das Blut anderer, sondern sein eigenes vergossen. Hat nicht andere mit deren Tod besiegt, sondern hat für andere den Tod besiegt. ER hat den Tod getötet; hat ihm die Macht genommen und wurde der „Erstgeborenen von den Toten“, was am Ostermorgen ans Licht kam und bei der Auferstehung der Toten endgültig ans Licht kommt.

Durch das ganze Buch der Offenbarung des Johannes erscheint darum ein zum Tode verwundetes Lamm, das Lamm Gottes – mit der Fahne des Siegers vom Ostermorgen. So sehen Sieger aus - in der Bibel. Diesem einen Sieger gilt das ganze Lob. Und so versteht man besonders in der orthodoxen Kirche jeden irdischen Gottesdienst als Einstimmung in den himmlischen Gottesdienst der Engel und der ganzen unsichtbaren Schöpfung. Man nimmt damit in der Zeit vorweg, was bei der Vollendung der Zeiten einzig noch übrig sein wird: Das Lob des dreieinigen Gottes.

Aus der Feier ihrer Gottesdienste hat die christliche Kirche zu allen Zeiten ihre Kraft und Zuversicht geschöpft – und ihre eigene Kraftlosigkeit und Mutlosigkeit überwunden, besiegt. Bei der Feier des Hlg. Abendmahls heißt es zu Beginn: „Erhebet eure Herzen“; oder: „Die Herzen in die Höhe“. Und darauf die Antwort der Gemeinde: „Wir erheben sie zum Herrn“; oder gar: „Wir haben sie beim Herrn.“ Diese Erhebung der Herzen zum erhöhten Herrn ist unsere kleine Himmelfahrt mitten in der Zeit. Und nur vom Himmel her lässt sich diese Welt mit ihren täglichen Machtkämpfen auch überwinden.

Der alles überwunden hat und im Himmel schon König und Priester ist, der macht uns zu königlichen und priesterlichen Menschen, die den alltäglichen Kampf um Vorherrschaft und Vormacht überwunden haben – und darum in Gelassenheit auch Niederlagen hinnehmen können. Und die für andere eintreten, anstatt sie niederzutreten – sie zu versöhnen, statt entzweien.

In und durch priesterliche und königliche Menschen "regiert" Christus heute schon auf Erden – bis er als König und Priester aus seiner Verborgenheit hervortritt und in seiner Herrlichkeit erscheint.

Ihm allein sei die Ehre und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

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Predigt am Sonntag Rogate zu Kol 4,2-6 (IV)

  Ist denn beten so wichtig? Gibt's denn nichts Wichtigeres zu tun? Denn wenn ich bete, dann lege ich doch meine Hände in den Schoß - und lege etwas oder gar mich selber in Gottes Hand. Beten ist zwar auch eine Sache des Tuns, vor allem aber - des Vertrauens.

Die meisten Menschen beten erst dann, wenn man selber nichts mehr tun, nichts mehr machen kann. Aber solange wir noch etwas machen können, brauchen wir doch auch noch nicht beten… meinen wir. So aber wird Beten am Rande des Lebens angesiedelt – und eben nicht in dessen Mitte - als Bitte, Gott möge unser Tun durchdringen und sein Wille unser Wollen regieren (vgl. Mt 6,10). Das aber ist Beten und Bitten in der Bibel: Die vertrauensvolle und zuversichtliche Zwiesprache des Herzens mit Gott – gegründet auf Gottes zugesagter Treue.

Dass uns solch konkrete Zwiesprache des Herzens mit Gott fremd wird, zeigt sich auch in der unbestimmten Art wie wir als Menschen miteinander Kontakt aufnehmen und uns anreden: Der konkrete Name weicht zunehmend einem allgemeinen „Hallo“, womit alle und zugleich niemand gemeint ist. „Hallo“ ist der moderne Ausdruck einer anonymen, namenlosen Lebenswelt. Jeder kann dann selber entscheiden, ob er gemeint ist und sich betroffen fühlt – oder sich der Anrede freibleibend entzieht. Und wie unter Menschen, so auch gegenüber Gott: „Hallo, lieber Gott…“, beginnt der Titel einiger Gebetbücher für Kinder. Es ist eine Anrede ins Ungewisse, ob da überhaupt jemand ist, der einen hört, erhört. Gott wird schon von Kind auf allgemein und namenlos – ein unbestimmtes „Es“, das „es gibt“ – oder auch nicht. Mit solch einem „Es“ kann man zwar ungezwungen plaudern und sich unverbindlich unterhalten – ohne jedoch zu wissen, ob „es“ sich überhaupt von mir betroffen fühlt und mich ernst nimmt. Das konkrete Du, das immer an einen konkreten Namen gebunden ist, verflüchtigt sich zu einer namenlosen, anonymen Macht oder Kraft oder „Energie“; „es“ wird „spiritualisiert“ – was weder menschlich noch biblisch ist.

Unter der Voraussetzung der spiritualisierten Namenlosigkeit und also Anonymität Gottes gäbe es jedenfalls keine – Psalmen; jenes beredte biblische Zeugnis der äußerst bewegten Zwiesprache mit dem Gott Israels, dessen zugesagte und verlässliche Treue sich in Jesus, dem Christus offenbart. Dieser ist der Grund des Vertrauens, auf dem Paulus betet und andere zum Beten ermahnt: „Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung!“

Erst recht uns müsste Paulus zur Beharrlichkeit im Gebet ermahnen, zumal wir nicht nur ziemlich zerstreut sind, sondern auch auf den schnellen Erfolg ausgerichtet und getrimmt werden. - Doch während wir immer unter Zeitdruck stehen, dass etwas endlich geschieht, ist bei Gott der rechte Zeitpunkt („Kairos“) entscheidend, in dem die Zeit „erfüllt“ ist (vgl. Gal 4,4). Nicht auf den zeitigen Erfolg, sondern auf den rechten Zeitpunkt muss auch Beten und Bitten zuversichtlich ausgerichtet sein. Das kann bisweilen die Geduld erheblich strapazieren und bis an jenen Rand führen, wo man schließlich gar nichts mehr erwartet – und genau dann die Antwort Gottes erfährt.

Doch während zu bitten uns (noch) vertraut ist, bleibt zu danken oftmals außen vor – und müsste uns von Paulus erst recht ans Herz gelegt werden. Denn da scheinbar alles möglich und machbar ist, steht mir auch selbstverständlich alles Mögliche und Machbare zu – ansonsten fühle ich mich benachteiligt oder gar diskriminiert. Und also wache ich darüber, dass mir ja nichts entgeht, worauf ich einen Anspruch haben könnte. - Die Wachheit, die aus dem Dank an Gott hervorgeht ist anderer Art. Denn vor Gott erwache ich darüber, dass ich zuerst ein Empfangender, ein Beschenkter bin. Als Gabe und Geschenk wird mir dann auch das „zufällig“ zuteil, was ich mir anscheinend mühsam erarbeitet habe – und doch ganz anders ausfallen könnte. Darüber aufgewacht, dass ich zuerst empfange und dafür danke, wehrt aller unersättlichen Gier; denn Gottes Gaben aus seiner Hand bleiben Gottes Gaben – auch in meiner Hand. Sei es Hab und Gut – oder ein vertrauter, also anvertrauter Mensch. Zum Beten gehört darum neben Bitten und Danken auch noch die Fürbitte für solche mir anvertrauten Menschen.

Ihn „ins Gebet zu nehmen“ – darum bittet auch Paulus im Gefängnis. Jedoch nicht, dass sich für ihn die Gefängnistür öffnet, sondern sich für das Evangelium Herzenstüren öffnen: „Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wortes auftue, und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessen willen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.“

Das reale Gefängnis scheint das zutreffende Symbol zu sein für den realen Zustand des Menschen im Blick auf das Geheimnis Christi: Als Gefangener in sich selbst ist er „von Natur aus“ gegenüber dem Geheimnis Christi verschlossen. Ihn irgendwie wortreich überzeugen oder gekonnt überreden zu wollen, hätte keinen Bestand. Denn solches gründet auf menschlichem Vermögen und gründet nicht in der Kraft Gottes. Für das Geheimnis, für das „Mysterium“ Christi kann nur der Geist Gottes einen Menschen öffnen, indem er ihm dieses Geheimnis erschließt, offenbar macht – und annehmen lässt.

Zwar gab es damals verschiedene Mysterienreligionen, also „Geheimkulte“ in die man zuerst durch ein Ritual eingeweiht und erst dann zugelassen und anschließend zu strengster Verschwiegenheit verpflichtet war, deren „Geheimnis“ nicht weitergeben und damit preisgeben durfte. - Aber der christliche Glaube ist keine Mysterienreligion – und die christliche Taufe ist kein solches Ritual. Beim „Geheimnis Christi“ geht es nicht um ein gehütetes „Geheimwissen“, sondern um etwas, das vom Geist und Willen des Menschen aus weder einleuchtend noch akzeptabel ist, sondern „verschlossen“, „geheim“ bleibt und deshalb von Gottes Geist erschlossen werden muss. Denn das „Geheimnis Christi“ besteht in einem für Menschen unauflösbaren Widerspruch: Am menschlichen Unheil des Kreuzes geschieht das Heil Gottes für diese Welt. Ein aus der Menschengemeinschaft Ausgestoßener ist der in die Gottesgemeinschaft Aufgenommene. Ein von Menschen Verfluchter ist der von Gott Gesegnete. Ein in den Augen der Welt Törichter ist die Weisheit Gottes. Gottes Reichtum verborgen in menschlicher Armut, Gottes Weisheit in scheinbar menschlicher Torheit, Gottes Kraft in menschlicher Schwachheit, Gottes Sieg im menschlichen Unterliegen. Und das alles auch noch uns zugute! Und weil hier Gott am Werk ist, ist das Geheimnis Christi zugleich das Geheimnis Gottes.

Sich hierfür zu verschließen, kann nur die Regel sein; sich hierfür zu öffnen - ein Wunder. Denn das Geheimnis Christi steht im Widerspruch zur Logik der Welt, geht deshalb nicht fließend in sie ein und schon gar nicht ursprünglich aus ihr hervor. Wird deshalb nicht als etwas eigenes angenommen, sondern als etwas Fremdes empfunden und also abgestoßen, ausgestoßen – wie Christus selbst.

Es kann nämlich Mensch und Welt nur gegen den Strich gehen, wenn Gott unsere Meinungen und Urteile einfach übergeht und sogar noch revidiert – und eben gerade nicht bestätigt. Dafür können die Herzenstüren der Menschen nicht von sich aus sperrangelweit offenstehen – denn das stellt uns zutiefst in Frage!

Aber weil diese Botschaft vom „Geheimnis Christi“ in den Augen der Welt eben nicht Weisheit, sondern Torheit ist, darum gilt die erbetene Fürbitte nicht nur offenen Herzenstüren bei den Menschen, sondern auch dem  rechten Wort zur rechten Zeit für Paulus, damit er das Geheimnis Christi und also Gottes offenbar machen und also klar sagen kann. Denn Christi Geheimnis besteht nicht in einem gehüteten Geheimwissen, sondern muss allen Menschen in sprachlich klarer Form verkündigt werden. Schließlich geht es darum zu verstehen, dass Gott sich aus Liebe gerade der Menschen erbarmt, die aufgrund ihrer Erbarmungslosigkeit solches nie verdient haben. Dass ich das für mich annehmen kann, ist genauso geistgewirkt und nicht menschengemacht, wie hierfür das rechte Wort zur rechten Zeit

Weil das alles aber von außen wie eine Torheit erscheint, darum ermahnt Paulus schließlich:Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.“

Mag auch das Geheimnis Christi in den Augen der Welt töricht erscheinen, verhaltet euch nicht selber töricht, schwätzt nicht unbedacht daher, sondern bedenkt, was ihr sagt. Bedenkt dass ihr als Christen wahrgenommen werdet – von Nichtchristen. Denn wie ihr vor anderen erscheint und redet, das gibt Zeugnis von eurem Christsein. Mehr noch: von Christus selbst. Amen.

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Predigt zum Sonntag Kantate über Apg 16,23-34 (IV)

Nachdem man Paulus und Silas hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muß ich tun, daß ich gerettet werde? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, daß er zum Glauben an Gott gekommen war.
 

Erst kurz zuvor haben Paulus und Silas aufgrund einer Erscheinung bei Nacht (vgl. 16,9f) von Kleinasien zur griechischen Hafenstadt Philippi übergesetzt - und sind damit in Europa angekommen. Einer Geschäftsfrau namens Lydia „tat der Herr das Herz auf“, so dass sie zum Glauben an Jesus fand und sich „mit ihrem Hause“ taufen ließ. Mehrere Tage gewährte sie Paulus und Silas ihre Gastfreundschaft( 16,14f). Doch was mit einer offenen Herzenstür beginnt, scheint bald darauf hinter verschlossenen Gefängnistüren zu enden.

Denn in Philippi gibt es auch noch eine andere Frau mit einem „Wahrsagegeist“, die Paulus und Silas mehrere Tage überall hinfolgt und herumschreit: „Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen“ – was zwar die Wahrheit ist, welche aber doch durch ihr Geschrei verzerrt und entstellt wird. Paulus ist über diese „Begleiterscheinung“ höchst aufgebracht (16,18), denn er weiß: Dieser Frau geht es letztlich nur darum, auf sich aufmerksam zu machen und sich durch ihr Geschrei in den Mittelpunkt zu stellen. Der Geist, der sich da äußert, kann nicht der Heilige Geist sein (vgl. Lk 4,34). Es muss ein anderer Geist, eine andere Kraft sein, welche von dieser Frau Besitz genommen hat und wovon diese wie „besessen“ ist. - Schließlich dreht sich Paulus um und gebietet diesem zwanghaften Geist im Namen und also in der Vollmacht Jesu Christi von dieser Frau auszufahren (16,18) – was dann auch geschieht.

Doch diese Befreiung hat ein Nachspiel: Diese Frau ist nämlich als Wahrsagerin für bestimmte Herren eine Geldquelle – welche fortan versiegt. Paulus und Silas haben ihnen das private Geschäft verdorben. Da sich dies jedoch vor Gericht kaum einklagen lässt, klagen diese Geschäftsleute wegen etwas, das von öffentlicher Bedeutung ist: Was Paulus und Silas da propagieren, sei jüdisch gefährde die römische Ordnung und stifte Unruhe in der Bevölkerung. Damit verbergen sie höchst geschickt ihr geschäftliches Interesse hinter der Verteidigung kultureller Werte. Hinter der Vortäuschung öffentlicher Belange rächen sie ihre verlorenen privaten Bezüge. Ihre wahren Gründe und Ziele lassen sie bewusst im Verborgenen – weshalb auch bei ihnen der Hlg. Geist nicht am Werk sein kann, sondern ebenfalls ein unheiliger Geist am Werk sein muss.

Doch diese Herren haben Erfolg und die Leute gehen ihnen auf den Leim – und lassen sich zum öffentlichen Aufruhr gegen Paulus und Silas anstacheln und damit für die privaten Interessen jener Herren mobilisieren – genau wie zuvor jene Frau. So treiben sie ihr Spiel anders weiter, andere für sich einzuspannen. Ja, diese Herren haben recht: Es geht um Aufruhr. Aber nicht um einen, den Paulus und Silas verursachen, sondern - sie selbst. Davon aber lenken sie sehr geschickt ab.

Den aufgehetzten Volkszorn bekommen Paulus und Silas schließlich leibhaftig zu spüren: Die Kleider werden ihnen vom Leib gerissen, nackt und bloß gestellt werden sie mit Stöcken geschlagen, ins Innerste des Gefängnisses geworfen, dort ihre Füße in den Pflock gelegt und schließlich wie Schwerverbrecher bewacht. Auch damit beginnt die Geschichte der christlichen Kirche auf europäischem Boden: Mit missbrauchten Menschen und missbrauchtem Recht.

Man fragt sich schon, wie Gott so etwas nur zulassen kann und was er sich dabei wohl gedacht hat: Zuerst holt er Paulus und Silas durch ein Traumgesicht nach Europa – und dann landen diese bald darauf in Sicherheitsverwahrung. Nun gut – sie haben gewissen Herren ohne es zu ahnen das Geschäft verdorben. Und wenn's ums Geschäft geht, dann scheint bei vielen bis heute jedes Mittel recht – und werden deshalb auch Rechtsmittel missbraucht. Und Gott, dem doch insbesondere nach dem Zeugnis des Alten Testaments an Recht und Gerechtigkeit liegt (vgl. Jes 9,5f), ER schaut zu – oder lässt es zumindest zu. Grund genug, vor ihm zu klagen – oder ihn gar anzuklagen. Doch statt dessen „Gotteslob um Mitternacht“ – und zwar nicht kleinlaut, sondern so laut und detulich, dass es andere im Gefängnis hören.

Sie hören damit ganz andere Töne, als die rauen Töne, die sonst hier zu hören sind. Im Gefängnis wird nicht gelobt – weder Mensch noch Gott; da wird geschimpft, gebrüllt, geflucht. Und jetzt plötzlich wird an einem solch verfluchten Ort Gott von Menschen gelobt; und das auch noch mitten im Dunkel der Nacht. Größer kann der Kontrast gar nicht sein! Doch wie kommen Paulus und Silas dazu, mitten im Elend Gott zu loben – und wofür?

Das Lob Gottes in solch einer Situation kann nur aufsteigen aus der tiefen Gewissheit: „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist“. Und nichts meint nichts. Die Gefängnismauern mögen noch so dick sein, die Feindschaft der Menschen noch so hart – von der Liebe und also Treue Gottes können sie nicht trennen. So enden auch die Klagepsalmen, in denen auch immer wieder von „Feinden“ die Rede ist, in der großen Zuversicht auf die verlässliche Treue Gottes (vgl. Ps 73). Und das sogar auch dann, wenn sich Menschen von Gott selbst wie verlassen wähnen (vgl. Ps 22). Nicht Klage, nicht Geschrei, nicht Fluchen - das Lob Gottes hat das letzte Wort. So auch in dem Gotteslob um Mitternacht bei Paulus und Silas.

Diese freudige Gewissheit der zuverlässigen Treue Gottes ist das eigentlich Erschütternde – und das berichtete Erdbeben nur dessen ausdrucksstarke Begleiterscheinung. Und so bringt das Wunder des Gotteslobes um Mitternacht auch noch ein anderes Wunder als Folgeerscheinung hervor: Die „Wende“ im Leben eines römischen Gefängnisverwalters; dessen „Bekehrung“. Denn verschlossene Gefängnistüren sind allemal leichter zu knacken als verschlossene Herzenstüren. Und die Erde lässt sich in ihren Grundfesten eher erschüttern als ein Mensch.

Die Bekehrung, die „Wende“ im Leben des römischen Gefängnisverwalters beginnt damit, dass Paulus und Silas die offenen Gefängnistüren gerade nicht nutzen, um ihr Leben zu retten. Das bewahrt den Gefängnisverwalter vor der verzweifelten Selbsttötung und lässt ihn fragen: „Was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ Denn das Verhalten von Paulus und Silas zeigt ihm: Diese beiden Gefangenen müssen sich nicht mehr retten. Sie sind schon „Gerettete“ - mitten in einem römischen Gefängnis. „Was muss ich (also) tun, dass (auch) ich gerettet werde?“ Und so klar die Frage, so klar auch die Antwort: „Glaube an den Herrn Jesus, setze dein Vertrauen auf Christus, so wirst du und dein Haus gerettet, selig.“ – Von solchem Vertrauen und solcher Rettung zeugt auch das Gotteslob um Mitternacht. „Und sie sagten ihm das Wort des Herrn, und allen, die in seinem Hause waren.“ Und das Zentrum dieses Wortes kann nur das Geschehen am Karfreitag und am Ostermorgen sein: Licht aus der Finsternis, Leben aus dem Tod. Kaum zu glauben und erst recht nicht vorzustellen.

Dass der Gefängnisverwalter dieses „Wort des Herrn“ angenommen hat, das zeigt sich nicht nur darin, dass er sich mit all den Seinen taufen ließ, sondern dass er – gegen alle Dienstvorschrift - Paulus und Silas in seiner Dienstwohnung verarzten lässt und sie an seinem Tisch bewirtet. Wie zuvor bei Lydia offenbart sich das Vertrauen zu Christus in der Liebe, die sich für die Not der Menschen öffnet.

Doch auch das hat noch ein höchst seltsames Nachspiel: Paulus und Silas ziehen nun nicht verarztet und gestärkt weiter, sondern gehen offensichtlich in der Nacht freiwillig wieder ins Gefängnis zurück – wahrscheinlich, damit der Gefängniswärter keine Dienstaufsichtsbeschwerde samt Disziplinarverfahren bekommt: wegen Verletzung der Aufsichtspflicht. Doch als es dann Tag wird, lassen die Stadtrichter durch ihr Dienstpersonal dem Gefängniswärter plötzlich ausrichten: „Lass diese Männer frei.“ Und so hören Paulus und Silas auch von ihm: „Kommt heraus und geht hin in Frieden.“ Aber wie Paulus und Silas offene Gefängnistüren nicht zur Flucht nutzten, so unterwerfen sie sich nun auch nicht menschlicher Willkür, die zuerst gnadenlos zuschlägt und dann heimlich begnadigt. Paulus und Silas bestehen als römische Bürger auf dem römischen Recht und lassen sich nicht einfach heimlich abschieben – und bestehen deshalb darauf, dass die Stadtrichter selbst an den Ort des Unrechts kommen und Paulus und Silas persönlich herausführen – was diese dann auch verlegen tun.

Dass Paulus und Silas anschließend von ihnen gebeten werden, die Stadt zu verlassen, hat seinen guten Grund. Sie schämen sich wahrscheinlich nicht nur eines juristischen Fehlurteils und ihrer jetzigen Demütigung durch Paulus und Silas und damit ihres guten Rufes. Sie fürchten wohl auch die Leute. Denn überhitzte Gemüter kühlen über Nacht kaum ab. Und so machen sich Paulus und Silas wieder auf den Weg in das gastfreundliche Haus der Lydia.

Was für ein seltsamer Anfang der christlichen Kirche auf europäischem Boden: zuerst eine aufrichtige Geschäftsfrau, dann skrupellose Geschäftemacher und schließlich ein „geretteter“ Gefängnisverwalter. Hinzu kommt: Gefängnis und Gastfreundschaft wechseln sich ab. Denn egal, ob sich das Herz einer Geschäftsfrau oder eines Gefängniswärters für das „Wort des Herrn“ öffnet, es öffnet sich dann auch das Haus für Menschen, die der Gastfreundschaft bedürfen. Das Vertrauen zu Christus offenbart sich in der Liebe zu Menschen. Amen.

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Predigt zum Sonntag Jubilate über 2. Kor 4,16-18 (IV)

Paulus schreibt: "Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.  Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig." 

Paulus scheint unermüdlich. Ein Stehaufmännchen, ein Power-Apostel, der nicht nur immer wieder sich selbst, sondern vieles andere auf die Beine stellt. Was der alles anpackt - und wegsteckt; was er alles schafft - einfach bewundernswert. Und das, obwohl innerhalb manch christlicher Gemeinden und auch von außerhalb höchst angefochten.

Von seiner Unermüdlichkeit sollte ich mir wirklich mal ein Stück abschneiden - können. Denn dieses anscheinend ergebnislose, erfolglose Abmühen bin ich manchmal schon müde, wenn da so viel Zeit und Kraft investiert wird, und dann kommt - im Verhältnis dazu - doch kaum etwas Sichtbares dabei heraus. Ökonomisch einfach nicht effizient - genug. Schon allein – der Gottesdienst samt Predigt. Ein Auslaufmodell? - Wie verständlich, dass die Kirchenleitung schon aufgrund zukünftig zurückgehender Kirchensteuereinnahmen auf mehr Effizienz  und Erfolgskontrolle bedacht ist. Die vorhandenen menschlichen und materiellen Ressourcen sollen gewinnbringender eingesetzt werden.

Denn Anzeichen von individuellen und allgemeinen Lähmungs- und Ermüdungserscheinungen, Erschöpfungszuständen, Burn-out-Syndromen, gibt es auch in der Kirche - zur Genüge. Sollte noch bis vor kurzem die inzwischen etwas angestaubte Kompetenz gestärkt werden, so ist es seit neustem die Resilienz, die Stärkung der inneren Widerstandskräfte angesichts widriger Lebensumstände. Hierfür gibt es inzwischen nicht nur mal wieder eine Menge Fortbildungen wie vormals bei der „Kompetenz“, sondern dafür gibt es für Hauptamtliche im fortgeschrittenen Lebensalter sogar ein paar Tage Sonderurlaub. Und das klingt zunächst mal recht gut.

Paulus hätte das wohl auch gut brauchen können – denn nicht nur seine Kompetenz war immer wieder mal wie auch in Korinth heftig umstritten, sondern widrige Lebensumstände kannte er zur Genüge, und am Rande seiner Kraft war er öfters. Und wie wir hörten schreibt er von Trübsal, genauer von Bedrängnis - und schreibt dennoch, dass er nicht müde wird, nicht erschöpft ist?! Wie geht denn das zusammen?!

Trübsal, Bedrängnis, Ausweglosigkeit, Enge ist für ihn kein seelischer Zustand, sondern der ganz normale sichtbare Zustand der Welt, der ganz gewiss auf das seelische Befinden abfärbt. Wir wären blind, würden wir diesen sichtbaren Zustand der Welt nicht sehen! Aber diesen Zustand zu sehen, das macht eben müde und lässt die Hoffnung ermüden. Dagegen kämpfen wir an, müssen wir ankämpfen - mit angestrengtem Optimismus und positivem Denken. Wir stehen unter dem „Gesetz“ des sichtbaren, nachweisbaren Erfolgs, dass eben doch nicht alles vergeblich ist – müssen deshalb fit und stark sein, stehen selber unter Druck und setzen einander unter Druck.

Um nicht in Erschöpfung, im Kollaps zu enden, brauchen wir uns irgendeinen „Trost“, stürzen gemeinhin in die materielle Welt des flüchtigen Konsumierens oder fliehen in eine spirituelle Welt ewiger Werte oder in noch ganz andere Beruhigungs- oder Aufputschmittel, welche den unweigerlich wahrgenommenen Zustand unserer Welt betäuben und schön färben – um bei klarem Blick nicht in Pessimismus zu verfallen oder gar zu verzweifeln.

Aber das alles folgt dem „Gesetz“, aus eigener Kraft, die wahrgenommene Trübsal, die unleugbare Bedrängnis zu meistern – und treibt Mensch und Welt wahrscheinlich noch tiefer in den Kreislauf von scheinbarer Bewältigung und wirklicher Erschöpfung hinein. Denn – mit Paulus gesprochen - es ist „Fleisch“ und nicht „Geist“. Und das alles hat kaum einer so intensiv und extensiv erfahren wie Paulus selbst – bis zu jener gewaltsamen und erlösenden Christus-Begegnung vor den Toren von Damaskus. Da öffnete, da offenbarte sich ihm eine ganz andere Sicht - und erschloss sich ihm eine ganz andere Lebensweise, die zu jenem „Gesetz“ der säkularen oder religiösen Trübsal- und Bedrängnisbewältigung in völligem Gegensatz steht und „Evangelium“, frohe Botschaft ist. Und dessen Zentrum ist das Werk Gottes in und mit dem gekreuzigten und auferstanden Christus – uns zugute. Zeugnis von Gottes Erbarmen aus Liebe. Forthin ist Paulus „in Christus“ wie er immer wieder schreibt – denn Gott „hat uns errettet von der Macht der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes.“ (Kol 1,13)

Doch so schön und gut das klingt, so schwer fällt es, dies einfach nur anzunehmen: Ja und Amen und Danke zu sagen und sich darüber von Herzen zu freuen. Das Evangelium ist deshalb nicht nur frohe Botschaft für diese Welt, sondern auch fremde Botschaft in dieser Welt. Denn das Evangelium hat seinen Ursprung eben nicht in unserer Liebenswürdigkeit, sondern in Gottes Liebe zu uns. Und dass wir Macher nur die tatenlos Beschenkten sein sollen, das kränkt ungemein – oder erfreut ungemein. Denn was gibt es Schöneres, als einfach nur geliebt zu werden – und was gibt es Schwierigeres, als solche Liebe einfach nur gelten zu lassen und anzunehmen und sich ihr anzuvertrauen. Denn Sicherheit und Dauer gibt uns scheinbar am ehesten, was wir sichtbar schaffen und machen. Die Liebe hat jedoch im Unsichtbaren ihren Ursprung; ist der höchstmögliche Zufall; das unverdiente Wunder schlichthin – und alle Liebe verdichtet sich für Paulus im Werk Gottes an dem gekreuzigten und auferstandenen Christus – uns zugute. Und damit ist für Paulus der trübselige und bedrängende Zustand der Welt behoben?

Nein, im Gegenteil: Er empfindet die Spannung zwischen Trübsal in dieser Welt und Hoffnung für diese Welt nun umso mehr (vgl. Röm 7,24f). Denn er sieht jetzt den Zustand der Welt noch klarer und nüchterner als zuvor - jedoch nun nicht mehr auf Verzweiflung, sondern auf Hoffnung hin. Paulus schaut auf den gekreuzigten und auferstandenen Christus – und sieht von ihm her Mensch und Welt. Er schaut also nicht auf das Sichtbare, Vordergründige, das sich einem alltäglich aufdrängt als das alles Entscheidende – sondern auf das Unsichtbare, was von Gott her in und durch Christus verborgen ist und geschieht. Und das Vertrauen darauf ist seine einzige Kraftquelle und lässt ihn nicht müde werden. Des Paulus Kraftquelle liegt also nicht (spirituell) in ihm – sondern außerhalb von ihm: „in Christus“ – und das ist der „innere Mensch“, der von Tag zu Tag erneuert wird. Der „äußere Mensch“ ist hingegen nicht „in Christus“, sondern außerhalb von Christus, ist nur in sich selbst zuhause. Weil Paulus „in Christus“ ist, darum lebt er auch nicht von dem Sichtbaren, das er bewirkt, sondern lebt vom unsichtbaren Wirken Gottes – der in seinem Werk am Wirken ist. Und dieses Werk und Wirken geschieht in aller Unscheinbarkeit, setzt jedenfalls nicht auf den sichtbaren Schein, der sich zeitlich und objektiv festmachen, festhalten ließe. Auch nicht im Erscheinen und Auftreten eines Menschen.

Kurz zuvor schreibt er vom „Schatz (des Evangeliums) in irdenen - also alltäglichen - Gefäßen“. Da ist also von außen gesehen gerade nichts Außergewöhnliches, Sensationelles von diesem „Schatz“ zu erkennen. So wenig wie zuvor bei Jesus selbst, von dem Johannes bezeugt: „Das Wort ward – Fleisch“ – oder mit des Paulus eigenen Worten: „…nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.” Da ist eine tiefe Verborgenheit – aus der dennoch etwas, ja sogar das Entscheidende hervorgeht. Was darum am Karfreitag geschieht, das bringt der Ostermorgen ans Licht.

Und so stehen sich auch die Erfahrung von „Trübsal“ und die Hoffnung auf Herrlichkeit nicht nur einander gegenüber, sondern Paulus bekennt und bezeugt, dass Gott aus der Trübsal, aus der Bedrängnis als dem realen Zustand dieser Welt, „eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit schafft“. Und das erfährt Paulus besonders in zuvor genannten Grenzsituationen, in denen alles Spitz auf Knopf steht und die Schicksalsgemeinschaft mit seinem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, dessen Sterben und Auferstehen an ihm selbst zum Vorschein kommt – und er erfährt: „Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (12,9)

Alles widersprüchliche und zugleich wunderbare Erfahrungen. Da liegt nichts logisch auf der Reihe – so wenig wie bei Jesus selbst, wenn ER sich dessen gewiss ist, dass das Reich Gottes „kommt“, d.h. plötzlich und unerwartet hervorbricht, denn es ist ja verborgen schon „mitten unter uns“ – was sich dann schließlich an ihm selber vollzieht am Ostermorgen: Mitten in dieser bedrängenden Welt der Gewalt und des Tötens, der spirituellen Trostsuche und materiellen Betäubung, bricht die neue Welt Gottes und des ewigen Lebens hervor: Leben aus dem Tod. Licht aus der Finsternis. Von Menschen nicht mehr erwartet – und erst recht nicht selbst gemacht.

Mitten in der Zeit geschieht schon Ewigkeit, mitten in der alten Schöpfung Neuschöpfung. Im Zeitlichen verbirgt sich das Ewige - und entbirgt sich in ganz unvorhergesehenen Situationen. Auch dort, wo müde Christen samt einem müden Pfarrer es kaum mehr erwarten. Amen.

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Predigt am Ostermontag zu 1. Kor 15,50-57 (IV)

   Paulus schreibt: "Das sage ich aber, liebe Brüder, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können; auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit. 

Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muß anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit. Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: »Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?«  56 Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!"

Was Paulus in seinen Briefen schreibt, hat meist einen aktuellen Grund - und einen verborgenen Hintergrund. Fast alle seine Briefe zeugen deshalb von einer geistigen Auseinandersetzung, in der Paulus steht. Er schreibt also keine Abhandlung über irgendein hochinteressantes Thema, sondern beantwortet konkrete Anfragen aus den Gemeinden – weil eben da manches zur Frage steht oder in Frage gestellt wird.

So tut er es auch im ganzen 15. Kapitel des 1. Briefes an die Gemeinde in Korinth, wo es um die Frage der Auferstehung geht. Der Grund ist die Meinung der Korinther: Christus mag ja schon von den Toten auferstanden sein, aber sie selber würden nicht von den Toten auferstehen (15,12); hätten das auch gar nicht nötig, denn – die Seele sei doch unsterblich.

Kein Wunder, dass die Korinther so denken, denn sie stehen in der philosophischen Tradition von Sokrates und Platon; und da gibt es zum einen den vergänglichen Leib und zum andern die unsterbliche Seele. Dabei ist der Leib das Gefängnis der Seele; der leibliche Tod deshalb die Befreiung, Erlösung daraus. Und wenn gerade in der griechischen Kunst oftmals der menschliche Leib so schön dargestellt wird, dann geht es nicht um den Leib selbst, sondern nur um das sichtbar gewordene Abbild der schönen, reinen Seele. Und schon, wer sich mit solch philosophischen Wahrheiten beschäftigt und um sie weiß, dringt ein in die ewige Welt der Ideen, der die Seele angehört. Deshalb kann der Tod nur als Freund verstanden werden, weil er die Befreiung aus der Gefangenschaft im Leib vollendet. Und deshalb trinkt Sokrates in völliger Ruhe und Gelassenheit den Schierlingsbecher und stirbt einen schönen/guten Tod („Euthanasie“!). Wer hingegen den Tod fürchtet, der ist noch in die Welt der Sinne und des Leibes verstrickt. –

All das gehört mit zum geistigen Hintergrund der Korinther. - Der geistige Hintergrund des Paulus hingegen ist nicht das griechische, sondern das hebräische Denken. Demgemäß ist der Tod etwas Schreckliches und macht Angst. Es ist jene Angst, die auch Jesus im Garten Gethsemane und am Kreuz empfindet (vgl. Hebr 5,7). Denn der Tod trennt nicht die Seele vom Leib, sondern er trennt - den Menschen von Gott, der doch das Leben ist. Der Tod ist darum die Zertrümmerung des von Gott geschenkten Lebens in seiner Ganzheitlichkeit. Denn hebräisches Denken ist ganzheitliches Denken. Der Tod ist darum seinem Wesen nach Beziehungslosigkeit, Einsamkeit, Trennung – am ehesten wahrgenommen am Grabe eines Menschen. Deshalb auch der verständliche Wunsch, mit einem geliebten Verstorbenen wieder in Kontakt zu treten, um dadurch die Trennung wieder etwas rückgängig zu machen. Denn Leben ist Gemeinschaft, erst recht Gottesgemeinschaft. Gerade wegen seiner tiefen Gottverbundenheit muss Jesus darum den Tod erst recht als Gottverlassenheit empfinden.

Wenn nun aber wirklich durch seinenTodeskampf“ der Tod als Feind Gottes besiegt und also der Tod selber getötet ist, dann ist durch diesen völlig anderen „Todeskampf“ etwas Ungeheuerliches und Einmaliges geschehen. In seinem Osterlied: „Christ lag in Todesbanden…“  singt Martin Luther davon in der ihm höchst eindrücklichen und anschaulichen Weise: „Es war ein wunderlicher Krieg, da Tod und Leben rungen; das Leben behielt den Sieg; es hat den Tod verschlungen. Die Schrift verkündet das, wie ein Tod den andern fraß, ein Spott dem Tod ist worden. Halleluja.“ (EG 101,4)! Und dieser Sieg wird den Jüngern klar, als ihnen der Gekreuzigte als der Lebendige erscheint. Die grauenhafte und versklavende Macht des Todes gebrochen. Nikolaus Herman singt: „Sein‘ Raub der Tod musst geben her, das Leben siegt und ward ihm Herr, zerstöret ist nun all sein Macht. Christ hat das Leben wiederbracht. Halleluja.“ Das handfeste irdische Zeichen hierfür ist – das offene und leere Grab.

Erst das tiefe Grauen vor der bis dahin ungebrochenen Macht des Todes macht die überschwängliche Osterfreude der frühen Christenheit überhaupt verständlich. Und diesen Gegensatz von Grauen und Freude hat Matthias Grünewald auf seinem Isenheimer Altar in einmaliger Weise dargestellt: Da ist der Gekreuzigte in grauenhafter Hässlichkeit, umgeben von nichts anderem als Nacht und Finsternis, Trauer und Klage. Und in völligem Gegensatz dazu der lichtumglänzte Auferstandene in sieghafter  Herrlichkeit. - Doch - der Auferstandene zeigt demonstrativ die Nägelmale des Gekreuzigten. Denn der Auferstandene Christus ist kein anderer als der gekreuzigte Jesus – in verklärter Leiblichkeit. Dass der Auferstandene wirklich mit dem Gekreuzigten „identisch“ ist – und also weder ein irdischer Doppelgänger, noch eine spirituelle Phantasie der anderen Jünger, will der „ungläubige Thomas“ gerade anhand der Nägelmale erkennen. Er will nicht einfach glauben, was diese ihm da so erzählen . Er will selber das Unglaubliche prüfen: Dass Gott nämlich diesen von den Menschen Verworfenen und anscheinend von Gott selbst Verfluchten wider alles Erwarteten eben nicht der Macht des Todes und der Hölle überlassen, sondern entrissen und ihn damit bestätigt hat – und also diesem Gekreuzigten treu geblieben ist.

Tatsächlich kennt die Bibel im Menschen selbst nichts überzeitlich Dauerndes, sondern wenn etwas Bestand verleiht, weil es allein Bestand hat, dann ist es allein Gottes Treue. Und der kann ich mich nur anvertrauen. Weil dies aber ein enormes Wagnis ist, geht das nicht ohne Angst und Zweifel. Denn wir geben uns – verständlicherweise - nicht gerne aus der Hand. Deshalb auch immer wieder das vor allem in den Psalmen bezeugte zähe Ringen mit Gott, das seine Treue einklagt. Und diese Treue Gottes  wird erfahren im Segen, im Gedeihen, dass also etwas dauerhaft gute Frucht bringt – und doch plötzlich fruchtlos zu enden droht und sich ein Abgrund auftut. Deshalb wird die Treue Gottes auch erfahren in der Rettung aus solch abgründiger Not; also in der jähen Erfahrung des Endes und eines „zufälligem“ Neuanfang. Das Durchtragende zwischen beiden ist die Treue Gottes – was die Nägelmale des auferstandenen Christus bezeugen: Der Vater hat den Sohn nicht im Stich gelassen, sondern durch die Leben schaffende Macht seines Heiligen Geistes wieder in die Gottesgemeinschaft zurückgeholt - uns zugute.

Wenn jedoch die bleibende Treue Gottes wegfällt, dann muss notwendig etwas anderes an ihre Stelle treten, was uns treu bleibt und auf dessen Dauer wir vertrauen. Dann muss „etwas“ im Menschen sein, das ihm Dauer verleiht. Denn das Leben ist auf Dauer angewiesen – und ohne dieses kann kein Mensch leben. Deshalb kommt die griechische Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele unserem Verlangen nach unbegrenzter Fortdauer vielmehr entgegen, als das biblische Zeugnis von der unverfügbaren  Treue Gottes, die am Ostermorgen ans Licht kommt. Die griechische Vorstellung von einer unsterblichen Seele bedarf weder der Auferstehung Christi noch unserer Auferstehung am jüngsten Tage. Sie garantiert als solche den selbstverständlichen Übergang in ein „Weiterleben nach dem Tode“.

Doch alles, was uns ausmacht, ist Schöpfung Gottes und unterliegt nach biblischem Verständnis der Vergänglichkeit – und damit der Sterblichkeit. Ist „Fleisch und Blut“, ist „verweslich“ und kann das Reich Gottes nicht von sich aus erben, ist nicht von sich aus „kompatibel“, passend. Da geht von uns aus nichts fließend über aus der geschaffenen Zeit in die umgeschaffene Ewigkeit Gottes. Auch wenn die von Paulus bald erwartete Wiederkehr Christi nicht eingetroffen ist, so trifft doch etwas anderes zu: Der Übergang von der Zeit in die Ewigkeit hat mit einer „Verwandlung“ zu tun. Oder – mit Paulus in einem Bild ausgedrückt -: Das Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit… muss überkleidet werden mit etwas ganz anderem. Was da sein muss und gar nicht anders geht, kann nur in zurückhaltenden Bilder oder Gleichnissen angedeutet werden – wobei alle diese Bilder nur auf eines hinweisen wollen: Auf die bleibende und verlässliche Treue Gottes zu denen, die sich ihm anvertrauen.

Und die sich seiner Treue inmitten aller Fragen und Zweifel anvertrauen, haben tatsächlich eine andere Einstellung zum Sterben und ein anderes Verhältnis zum Tod: Da seine Macht gebrochen ist, gleicht er nur noch einem Schlaf, aus dem mich Gott am jüngsten Tage auferwecken wird, indem ER mich mit der belebenden Kraft seines Heiligen Geistes erneut beim Namen ruft und aus Liebe endgültig sagt: Du bist mein.

Wenn auch innerlich aus ganz anderen Grund, so ist doch äußerlich die Einstellung eines Christen zu Sterben und Tod dem des Sokrates sehr ähnlich: Weil nämlich Christus dem Tode die Macht genommen hat, kann auch ein Christ wie Sokrates ruhig und gelassen sterben. Ja, das Sterben kann ihm sogar wie Sokrates willkommen sein. Denn Christen sterben nicht mehr in die grauenvolle Leere des Nichts, sondern werden hineingeboren in die unvorstellbare Fülle der ewigen Freude im Reich Gottes. Amen.


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Predigt zum Karfreitag über Hebr 9,15. 26b-28 (IV)

Wenn der Hohepriester Kaiphas zum Hohen Rat sagt: „Ihr wisst nichts; ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe“ (Joh 11,50), dann hat er rein rechnerisch durchaus recht – und erkennt doch selber nicht die Tiefe seiner Worte. Denn bald darauf wird an einem Freitag um das Jahr 30 tatsächlich ein schwelender Konflikt auf  tödliche Weise an einem Kreuz gelöst - wie schon viele Konflikte zuvor und auch danach. Also nichts Besonderes - wäre es auch geblieben, wäre nicht plötzlich und unerwartet der Gekreuzigte seinen völlig enttäuschten Jüngern als der Auferstandene, als der Lebendige erschienen.

Nun könnte man meinen, damit wäre alles wieder gut; aber genau das gibt ihnen zu denken und lässt sie fragen: Wie ist das dann alles zu verstehen und zu fassen, was da an diesem Freitag geschah?

Wenn es nicht ein historisches Ereignis wie jedes andere in den Dimensionen von Raum und Zeit ist, sondern eine einmalige und universale „Tiefendimension“ hat, dann kann dies nur aus dem Zusammenhang heraus erkannt werden, in dem sich der Konflikt mit Jesus ereignete. Und das ist die Heilige Schrift des Alten Testaments und die religiösen Praxis des Judentums.

Um die unanschauliche Tiefendimension des Todes Jesu anschaulich und verständlich zu machen, greift man deshalb auf vertrautes „Anschauungsmaterial“ daraus zurück. Vor allem auf jenen „Knecht Gottes“ beim Propheten Jesaja, der freiwillig auf sich nimmt und erträgt, was andere ihm aufladen - und diese eigentlich selber ertragen und erleiden müssten. Damit tritt er an ihre Stelle – ihnen zugute: Sie sind davon befreit, erlöst, alles selber ausbaden zu müssen.

Dasselbe macht  der Schreiber des Hebräerbriefes anhand der Opferpraxis des Judentums anschaulich: So ging der Hohepriester einmal im Jahr - am großen Versöhnungstag, am Jom Kippur – in das durch einen Vorhang für die Öffentlichkeit verschlossene Dunkel des Allerheiligsten im Tempel von Jerusalem, um in der verborgenen Gegenwart Gottes die Sünden des ganzen Volkes zu sühnen. Hierzu nahm er zwei „Sündenböcke“. Der eine wurde mit der Sünde des Volkes „beladen“ und in die Wüste zum Teufel geschickt. Der andere musste sein Leben lassen. Umhüllt von den Wolken des Weihrauchs vergoss dann der Hohepriester im Allerheiligsten dessen Blut und also das Leben des Opfertieres. Durch Schuld und Verfehlung verwirktes Leben wird durch die stellvertretende Hingabe anderen Lebens am Leben erhalten. Ein unschuldiges Tier stirbt für schuldig gewordene Menschen - an ihrer statt, ihnen zugute, damit diese leben.

Und das immer wieder Jahr für Jahr - bis 70 n. Chr. mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels jede Opferpraxis endet. Für den Schreiber des Hebräerbriefes jedoch schon vierzig Jahre früher um das Jahr 30 – mit Jesus, dem „Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt“. ER ist als „Sündenbock“ das letzte „Sühnopfer“ zur Vergebung der Sünden – und ist zugleich der letzte und endgültige  Hohepriester, der durch sein eigenes Blut zum Mittler des neuen und ewigen Bundes (13,20) zwischen Gott und den Menschen wird – was allen bisherigen Hohenpriestern nie in den Sinn gekommen wäre.  Und das alles geschieht einmalig und für immer – nicht im heiligen Tempel, sondern an einem heillosen Kreuz. Abgründig und kaum zu fassen.

Und so bekennt der Schreiber des „Hebräerbriefes:

„Christus ist er der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. … Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer, die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Das klingt gut - aber ist das für uns – noch – verständlich? – zumal uns doch dessen Hintergrund, der alttestamentliche Opferkult, recht fremd ist! - Und doch kennen wir Verkehrsopfer, Kriegsopfer, überhaupt Todesopfer und manch einer wird zum Bauernopfer. Welchen Göttern werden da Menschen geopfert und wofür? Auch wenn uns dies kaum klar ist, so ist doch eines klar: Diese Opfer haben keinerlei sühnende oder heilende Wirkung, sondern zeugen von Unheil; sie machen nichts gut, sondern schreien nach Wiedergutmachung.

Sollten wir uns nicht deshalb besser vom „Opfergedanken“ lösen? – oder gerade nicht, weil das Opfer Christi darin ein völlig anderes ist, als es versöhnende Wirkung hat? - Außerdem scheint das Opfern in der Geschichte der Menschheit tatsächlich tief verankert -als Ausdruck dafür, dass einer von der Gunst des andern lebt. Aber das Opfer ist auch der Grund für den tödlichen Bruderzwist von Kain und Abel, mit dem biblisch die Urgeschichte der Menschheit „jenseits von Eden“ beginnt – und fortsetzt. Damit zeigt sich in der Bibel der Opferkult von Anfang an überschattet. Erst recht, wenn in den umliegenden Völkern es religiöse Praxis ist, den Göttern die erstgeborenen Kinder zu opfern –, für Israel seit jener Geschichte von Abraham und Isaak strengstens verboten, weil JHWH, dem Gott Israels, es ein Gräuel ist, wenn andere Menschen gewaltsam für ihn zum Opfer gemacht werden.

Doch auch wenn wir dem ursprünglichen Opfergedanken im Allgemeinen und dem kultischen Opferverständnis des Hebräerbriefes im Besonderen kaum mehr folgen können, stellt sich uns immer noch die Frage: Wie machen wir die Tiefendimension des Todes Jesu anschaulich und verständlich – wenn es denn eine solche aufgrund seiner Auferstehung gibt? Wie machen wir uns und andern klar, dass in dem historischen Ereignis des Todes dieses Einen - und keines anderen - etwas Einmaliges und Besonderes geschehen ist, universal gültig für alle Menschen zu allen Zeiten? Wie machen wir uns und andern verständlich, dass dieser Eine freiwillig zum „Sündenbock“ „für uns“ wurde, an unserer Stelle, uns zugute, um uns zu befreien, zu erlösen aus den tödlichen Folgen von Sünde und Schuld (vgl. Röm 6,23)?

Denn genau diese Tiefe des Todes Jesu ist für uns heute schwer nachzuvollziehen, zumal wir alle irdischen Ereignisse unter rein irdischer Kausalität sehen – ohne irgendeine himmlische Tiefe, erst recht nicht solch ein höllisches Ereignis wie die Kreuzigung Jesu. - Und zugleich halten wir die Banalität eines solch oberflächlichen Lebens nicht aus und schaffen deshalb ein Gegengewicht aus allerhand tiefgründigen Geheimniskrämereien, Mystifikationen und spekulativen Systemen – um zu einem möglichen Sinn auch solch schrecklicher Ereignisse zu gelangen. Tut das der Schreiber des Hebräerbriefes auch?

Und außerdem passt es mit unserem individualisierten Selbst- und Menschenverständnis einfach nicht zusammen, dass da einer die Sünde der anderen freiwillig erleidet und auf sich nimmt, an ihrer Stelle und sogar noch ihnen zugute. Verständlich, dass deshalb zunehmend Menschen dazu neigen, sich solange im Hamsterrad der Wiedergeburt/Reinkarnation zu drehen, bis sie ihren eigenen persönlichen Schweinehund gänzlich veredelt und also sich davon endlich selber erlöst haben. - Und zugleich schieben wir Verantwortung und Versagen ständig von uns auf andere ab – wie es nun mal entsprechend dem biblischen Tiefblick von Anfang an Adam und Eva getan haben und weiterhin wohl tun (vgl. 1 Mose 3). Wir halten es einfach nicht aus, selber schuld zu sein – ließen uns deshalb noch bis vor kurzem Schuldgefühle, also Schuld als Gefühl, therapeutisch wegerklären – oder verstehen heute unser schlechtes Gewissen als einen rein neuronalen Prozess – und werden dadurch von Schuld und Versagen befreit und erlöst zu einem Weiterleben in Frieden.

Aber das alles weist darauf hin, dass wir mit irgendetwas nicht fertig werden, was wir als heillosen und schuldverstrickten Zustand auf Erden erfahren und den wir offensichtlich selber in die Welt setzen und darin zutiefst verstrickt sind. Und also dürfte wohl keiner leugnen, dass wir dafür zutiefst verantwortlich sind – und es doch nicht sein wollen, um unser Leben nicht zu verwirken.

Wenn darum nach unserem Tod nicht alles „aus und vorbei“ ist und deshalb vor dem Tod nicht alles gleich-gültig und egal, dann gibt es- soweit ich erkenne -  nur die Alternative: Entweder wir müssen gnadenlos solange und immer wieder selber Sünde und Schuld abarbeiten und büßen, bis alles endgültig bereinigt ist, um befreit und erlöst in die Seligkeit eingehen zu können – oder in dem einmaligen Tod Christi gründet tatsächlich Vergebung und Versöhnung und damit unsere Erlösung und Befreiung „von außen“ zum (ewigen) Leben – was ich „nur“ für mich gelten lassen und annehmen kann. Für unser individualisiertes Menschenverständnis, gemäß dem jeder seines eigenen Glückes oder Unglückes Schmied ist, hat das erstere mehr Plausibilität. Weiß ich mich hingegen durch Christi Tod zum Leben befreit und erlöst, dann kann dies nur ein Leben sein, das solche Befreiung und Erlösung auch lebt. Und das zeigt sich auch in einem verantwortlichen Umgang mit andern Menschen und der ganzen Schöpfung .

Denn Christus ist wohl mein Retter, aber auch mein Richter im jüngsten Gericht. Und im jüngsten Gericht  wird nur zählen, was auch bei ihm nur gezählt hat, als er sich meiner erbarmte: und das ist - die Liebe; die bedingungslose Zuwendung zum andern. Ich werde danach gerichtet, ob ich seine Liebe nicht nur für mich gerne in Anspruch genommen, sondern auch an andere weitergegeben habe, für sie eingetreten bin (vgl. Mt 18,23ff), mich ihrer erbarmt habe (Mt 25,31ff). Und zwar gerade angesichts ihrer Schuld und Sünde. Amen.

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Predigt am Palmsonntag zu Jesaja 50,4-9 (IV)

  Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, daß ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, daß ich höre, wie Jünger hören.  Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.  Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.  Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, daß ich nicht zuschanden werde.  Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Laßt uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!  Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

Wer bekommt da jeden Morgen zum Hören das Ohr geweckt, damit er weiß mit den Müden zu reden zu rechter Zeit? Wer hat da einiges von den Menschen zu erleiden und erfährt dabei Gottes Beistand? Wer ist das? -

Wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Im Buch des Propheten Jesaja ist an vier verschiedenen Stellen vom „Knecht Gottes“ die Rede (42,1-4; 49,1-6; 50,4-9; 52,13-53,12). Was seine Person und seine Aufgabe ausmacht, das erfahren wir, aber wir wissen nicht, wer das ist. Das bleibt offen. Der „Knecht Gottes“ scheint ein „Typ“, eine „Gestalt“ zu sein, die wie im Nebel erscheint, sich aber nicht eindeutig „identifizieren“, sich niemand eindeutig zuordnen lässt.

Zwar wird beim  Propheten Jesaja das ganze Volk Gottes als „Knecht Gottes“ bezeichnet: („Du aber, Israel, mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe, du Spross Abrahams, meines Geliebten, den ich fest ergriffen habe von den Enden der Erde her und berufen von ihren Grenzen, zu dem ich sprach: Du sollst mein Knecht sein; ich erwähle dich und verwerfe dich nicht -, fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“ (Jes 41,8-10)) Aber auch schon Mose (Jos 1,2.7) und auch der Prophet Jesaja selbst werden „Knecht Gottes“ genannt (Jes 20,3). Und wie jener unbekannte „Knecht Gottes“ so haben auch diese beiden unter ihrer Berufung und Aufgabe zu leiden.

Doch jener unbekannte „Knecht Gottes“ nimmt das ihm zugefügte Leiden nicht nur bereitwillig auf sich, sondern trägt und erträgt es auch stellvertretend für seine Peiniger – tritt an ihrer Stelle und tritt für sie ein. Der unter ihrer Anklage steht, wird zu ihrem Anwalt. Der erbarmungslos Gepeinigte, erbarmt sich seiner Peiniger. Und damit geschieht etwas Ungeheuerliches und Einmaliges in der ganzen Religionsgeschichte: Der gnadenlose Wirkungszusammenhang von Sünde und Sühne ist zerbrochen. Ein moralisches Naturgesetz wäre aufgehoben: dass nämlich jeder selber gnadenlos ausbaden muss, was er sich und andern eingebrockt hat. Statt dessen ist nun Erlösung, Errettung, Befreiung möglich.

Was jedoch mit dem „Knecht Gottes“ beim Propheten Jesaja noch eine offene Möglichkeit ist, das sehen 500 Jahre später die Jünger Jesu mit dessen Leiden und Sterben als „erfüllte“ Wirklichkeit. Weil ihnen der am Kreuz Getötete als der von den Toten Auferstandene und Lebendige erscheint, erkennen sie, was am Karfreitag in der Tiefe geschah: Dieser eine hat freiwillig und stellvertretend die Sünden der anderen auf sich und mit in den Tod genommen - ihnen zugute. ER hat erlitten, was diese hätten erleiden müssen. Solch ein helles Licht wirft der „Knecht Gottes“ aus dem Propheten Jesaja auf das dunkle Geschehen am Kreuz – und offenbart seinen verborgenen Sinn.

Zwar klingt der „Knecht Gottes“ aus dem Propheten Jesaja schon vor dem Karfreitag immer wieder an (vgl. Mt 8,17; 12,18ff) – aber bis dahin sehen die Menschen in Jesus eher einen Propheten (Mt 16,14). Was jedoch den „Knecht Gottes“ mit den meisten Propheten verbindet, ist – das Leiden darunter, dass seine Botschaft bei den Müden gerade nicht ankommt, nicht erhört wird, sondern als „unerhört“ von ihnen zurückgewiesen wird, was er dann auch zu spüren bekommt. Denn die „Müden“ wollen in Ruhe gelassen werden.

Und so klagt auch Jesus: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigste die zu dir gesandt sind. Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel - und ihr habt nicht gewollt.“ (Mt 23,37) Und im „Gleichnis von den bösen Weingärtnern“ (Mt 21,33ff) stellt ER sich in eine Reihe mit jenen, die zuvor schon als „Knechte“ gesandt sind und handgreifliche oder gar tödliche Ablehnung erfahren. Und in einer besonderen „Seligpreisung“ stellt ER sogar das Geschick seiner Jünger in eine Reihe mit dem Geschick der Propheten, als er ihnen Leid und Verfolgung ankündigt und sagt: „Ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.“ (Mt 5,12)- Aber wer sind sie, welche die Propheten einschließlich den „Knecht Gottes“ verfolgt haben?

Es sind vor allem - die „Priester“, welche die Propheten als Bedrohung empfinden. Denn die Priester vertreten eine Institution, hüten und verwalten darin das Heilige, das Numinose, das Mysteriöse, das Geheimnisvolle und geben es weiter – als Geweihte, Ordinierte. Doch darin birgt sich die große Gefahr, dass unter priesterlicher „Verwaltung“ alles immer wieder zu einem leeren Ritual erstarrt. Es atmet nicht mehr, ist seelenlos richtig, ist tödlich korrekt.

Hat es das Priesterliche vor allem mit dem Inszenieren und Zelebrieren heiliger Schauspiele und also mit dem Schauen zu tun, so das Prophetische vor allem mit dem Hören und Reden. Den Propheten wird das Ohr geöffnet und sie müssen dem Gehörten „gehorsam“ sein – was für sie oftmals gar nicht einfach ist, denn ihre Botschaft ist nicht unbedingt willkommen. Denn während die Priester vor allem damit trösten, dass es ganz bestimmt schon irgendwie weitergeht, hat es die Botschaft der Propheten meist mit Ende und Neuanfang zu tun, mit dem Gericht und dem Erbarmen Gottes im Gericht; mit Leben aus dem Tod. Deshalb auch der Ruf zur Umkehr: Sich also darauf einzustellen und nicht besinnungslos weiterzumachen.

Da bricht etwas wie senkrecht von oben herein, plötzlich und unerwartet, rein „zufällig“ – wie es die Propheten selber bei ihrer Berufung erfahren als Einbruch der Wirklichkeit Gottes in die Wirklichkeit dieser Welt.

So zeigt auch die Herabkunft des Hlg. Geistes bei der Taufe Jesu, dass er kaum Priester, sondern eher Prophet ist. Dementsprechend verwaltet er auch keine heilige Tradition, sondern tut den Willen Gottes und spricht in dessen Vollmacht (vgl. Mt 5,22ff). Und wie die andern Propheten kündigt er das Kommen Gottes, den Hereinbruch des Reiches, der Königsherrschaft Gottes an und ruft deshalb die Menschen auf, sich darauf auszurichten und also ihr Sinnen und Trachten umzukehren.

Doch gleich den andern Propheten findet auch ER wenig Gehör und stößt auf viel Ablehnung – vor allem eben durch die Priester: durch die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Pharisäer, welche ihre Deutungshoheit in Sachen „Religion“ durch IHN in Frage gestellt und deshalb sich zu einer Machtprobe herausgefordert sehen. Doch darauf lässt sich Jesus nicht ein – so wenig wie die Propheten. Während die Priester „Religion“ als „Rückbindung“ an eine vorhandene letzte spirituelle Sicherheit verstehen, hält sich Jesus wie die Propheten letztlich nur an dies eine: An das Vertrauen auf die Treue Gottes – aufgrund der Gewissheit, dass dieses Vertrauen nicht enttäuscht wird – auch wenn es hart auf die Probe gestellt wird. Und so bekennt der „Knecht Gottes“ beim Propheten Jesaja: „Gott, der Herr, hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden… Er ist mir nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten…“

Das greift später auch„Paulus, ein Knecht Jesu Christi“ auf und schreibt: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und vertritt uns…“

1600 Jahre später verdichtet Paul Gerhardt angesichts schwerer Anfeindungen in seiner Kirche des Paulus Wort zu dem Lied: „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich... Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott’“

Eine ebensolche tiefe Gewissheit bringt nochmal 300 Jahre später Jochen Klepper zur Sprache: 1938 dichtet er in Bezug auf den „Knecht Gottes“ angesichts der schwierigen politischen und kirchlichen Situation das Lied: „ ER weckt mich all Morgen, ER weckt mir selbst das Ohr…“ Jochen Klepper weiß darin auch um „Angst und Klage“ – aber auch um das „Wort der ewgen Treue, die Gott uns Menschen schwört“.

Um dieses „Wort der ewgen Treue, die Gott uns Menschen schwört“ geht es Priester und Propheten auf je verschiedene, ja oftmals gegensätzliche Weise. Und wenn sie auch oftmals widereinander streiten, so streiten sie doch darum. Denn wir Menschen leben von verfügbarer Kontinuität – und doch sind es die unverfügbaren „Zufälle“, die unser Leben zutiefst ausmachen und bestimmen. Amen.

 

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Predigt an Laetare zu Phil 1,15-21 (IV)

 Paulus sitzt im Gefängnis und wartet auf seinen Prozess. Man wirft ihm irgendeinen Rechtsbruch vor. Doch im Gefängnis ist allen klar, dass er „seine Fesseln für Christus trägt“. Und ihm ist klar, dass dies alles „nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten ist.“ (1,13). Wie jedoch der anstehende Prozess juristisch ausgehen wird, ob mit einem Freispruch oder mit dem Todesurteil, das ist offen.

Angesichts dieser Ungewissheit ist es umso erstaunlicher, dass gerade in diesem Brief an die erste christlichen Gemeinde auf europäischem Boden, hervorgegangen aus dem Hause der Purpurhändlerin Lydia in Philippi, die Freude vorherrscht (vgl. 3,1; 4,4). Denn Paulus ist sich dessen gewiss, dass „mir dies zum Heil/zur Rettung ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi“ (1,19). Und Heil bzw. Rettung umfasst für ihn seltsamerweise beides: am Leben bleiben und sterben müssen. Egal nun was, seine Hoffnung zielt darauf, dass er „nicht zuschanden wird, sondern dass Christus verherrlicht werde an seinem Leibe; sei es durch Leben oder durch Tod“ (1,20) – und das entspricht genau dem, was er den Christen in Rom schreibt: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ (Röm 8,28)

Des Paulus Mut und seine Furchtlosigkeit im Gefängnis das Evangelium „zu verteidigen und zu bekräftigen“ (1,7.16), hat wiederum andere zuversichtlich und noch „kühner gemacht, das Wort (Gottes) zu reden ohne Scheu/ohne Furcht“, wie er im Gefängnis erfährt (1,15). Doch die Motive ihrer Kühnheit, ihrer Furchtlosigkeit scheinen recht verschieden – weshalb Paulus schreibt:

 

„Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. Was tut's aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“

 

Des Paulus Gefangenschaft hat also manche gerade nicht eingeschüchtert, sondern ermutigt, „das Wort zu reden ohne Scheu“. Und so predigen einige von ihnen Christus in guter Absicht und in Liebe zu Paulus, einige aber predigen Christus nicht aus lauteren Motiven, sondern aus Eigennutz und möchten Paulus Trübsal bereiten in seiner Gefangenschaft. Die Motive ihrer Christusverkündigung sind „Neid und Streitsucht“, wie Paulus schreibt. Sie nutzen die Chance, dass Paulus als ihr Konkurrent ausgeschaltet ist, um nun selber groß rauszukommen. Ehrgeizig werden sie statistisch nachweisen, dass bei ihnen der Gottesdienstbesuch zahlreicher und Opfer und Kollekte höher ausfallen als bei Paulus. Mit Genugtuung werden sie darauf hinweisen, dass das Gemeindeleben durch sie viel lebendiger und bunter ist. Mit Stolz werden sie ihre Erfolge auflisten und veröffentlichen und sich damit verteidigen.

Konkurrenz in der Kirche gibt es offensichtlich von Anfang an. Sie hat sehr persönliche, menschliche Anlässe und gründet -zumindest hier - nicht in einer anderen Botschaft, nicht in einem „anderen Evangelium“ – womit Paulus allerdings auch zur Genüge zu tun hat (vgl. 2 Kor 11,4; Gal 1,8f). Hier geht es also nicht um irgendwelche Feinde des christlichen Glaubens, sondern um Geschwister aus den eigenen Reihen. Sie wittern ihre Stunde – gegen Paulus, während andere mit ihm verbunden bleiben.

Und was macht nun Paulus? Macht er seine apostolischen Würden und Vorrechte geltend? Ärgert er sich und fühlt sich in seiner Ehre gekränkt? Aber damit würde er sich auf ihre Ebene begeben und ihnen auf den Leim gehen. Denn diese hätten gerne, dass er mit ihnen auf dieser Ebene streitet. Aber persönliche Motive der Christusverkündigung interessieren ihn nicht. Er weiß, dass auch in der Verkündigung sehr viel Menschliches mitspielt – aber dies eigens zum Thema und zum Gegenstand einer Diskussion zu machen ist eine endlose und ergebnislose Angelegenheit. Was also macht er? Er freut sich – und wird sich weiterhin freuen (1,18)!

Denn wenn es Paulus um Verteidigung/Apologie geht, dann verteidigt er nie seine Person, seine Persönlichkeit, sondern - das Evangelium. Dessen Apostel, dessen Anwalt ist er – denn das Evangelium steht unter der Anklage, nicht in das Schema dieser Welt zu passen. Und das Schema dieser Welt besteht aus den gnadenlosen und erbarmungslosen Tat-Folge-Zusammenhang weltlicher Gerechtigkeit: Es ist nur gerecht, dass jeder erbarmungslos und gnadenlos auslöffelt, was er sich und andern eingebrockt hat. Biblisch ist das jedoch - die Hölle. Und diese Hölle ist alltägliche Wirklichkeit – auf Erden

Dass hingegen einer stellvertretend für alle anderen, also an ihrer Stelle und ihnen zugute ihre Sünde, ihre Verfehlungen auf sich nimmt und in den Tod nimmt und sie dadurch „gerecht macht“, indem sie sich ihm anvertrauen - das ist eine Botschaft, welche darum niemals auf dem Mist der Welt wachsen kann. Die Botschaften dieser Welt haben alle etwas zu tun mit dem unauflöslichen Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Schuld kann deshalb eigtl. nicht vergeben, sondern muss immer persönlich gesühnt und also gerächt werden. Darum sitzt „die Welt“ ständig zu Gericht über sich selbst – und richtet sich dadurch selbst zugrunde; und zwar aus Gründen ihrer Gerechtigkeit. „Fiat iustitia et pereat mundus!“ „Recht/Gerechtigkeit geschehe, auch wenn die Welt darüber zugrunde geht“ – lautet das tödliche Prinzip des Habsburger-Kaisers Ferdinand I.

Das Evangelium als frohe Botschaft hingegen bürstet diese „selbstgerechte“ Welt gegen den Strich, leuchtet deshalb gerade nicht ein, passt in kein religiöses und erst recht in kein moralisches Schema, und steht deshalb unter Anklage – und muss nüchtern und besonnen verteidigt werden. Und das können Menschen als „Anwalt“ nur tun, wenn sie zugleich einen anderen Anwalt zur Seite haben: das Gebet anderer und den „Beistand des Geistes Jesu“ (1,19), – bzw.: den Heiligen Geist, den „Tröster“, wie er im Evangelium nach Johannes genannt wird.

Paulus geht es also nicht um sich selbst, sondern um die „Sache“, um die frohe Botschaft, um das Evangelium vom Jesus Christus. Und es geht ihm darum, dass die unverwechselbare Eigenart dieser Botschaft erkenntlich und verständlich ist – damit Menschen, die sie ablehnen, auch wissen, was sie da ablehnen. Und das ist eben nicht nur eine „Information“ über einen glaubwürdigen oder zweifelhaften religiösen Sachverhalt, ist  nicht um ein „Wissen“, das einen letztlich kalt lässt. Die frohe Botschaft hat nämlich ihr Ziel darin, dass sie einen Menschen zutiefst berührt und ihn selber froh macht. Es geht um das Gemüt eines Menschen, wie ihm zumute ist – und zwar im Leben wie im Sterben.

Und wenn Paulus schreibt: „Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn“, dann bedeutet dies nicht, dass er lebensmüde oder dienstmüde ist. Und selbst wenn er anschließend schreibt: Er „habe Lust aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre“ (1,23), was aber um der Gemeinde in Philippi willen besser nicht der Fall ist, dann ist dies keine romantische Weltflucht und auch keine Sehnsucht nach einem heilen Jenseits. Denn Paulus geht es nicht um sich selbst, sondern darum, dass „Christus verherrlicht werde an seinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.“ (1,20) Und „Leib“ ist - biblisch – immer der ganze Mensch, ist leben in der Welt. An die Christen in Korinth schreibt er im Blick auf widrige Lebenslagen: „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.“ (2 Kor 4,10)

Wenn wir das alles sehen und bedenken, dann merken wir wie bewundernswert Paulus ist – und zugleich wie fremd. Fremd, weil wir uns kaum vorstellen können, wie jemand so von Christus durchdrungen ist, dass er ganz für ihn lebt – und selber seine eigene Person, seine persönlichen Bedürfnissen dahinter zurückstellt, so dass Paulus den Christen in Galatien von diesem Erfülltsein schreiben kann: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“ (Gal 2,20). Bewundernswert aber ist Paulus, weil wir oft an uns selber so sehr kleben und nicht wegkommen von uns selbst, dass wir uns selbst schon zu einer Last werden, von der wir selber gerne befreit sein möchten.

Wenn aber solcher Wunsch aber nicht in Weltflucht oder Todessehnsucht enden soll, dann gibt es nur die eine Möglichkeit, dass wir aus Gnade und Erbarmen „in Christus“ hineinversetzt sind (vgl. Kol 1,3) und dadurch auch ein bleibendes „Bürgerrecht im Himmel“ haben (3,20).

Das macht gelassen – im Leben und auch im Sterben. Amen.


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Predigt an Okuli zu 1. Petr 1,13-21 (IV)

  Petrus schreibt: "Umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.  Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet;  sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.  Denn es steht geschrieben: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«  Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht;  denn ihr wißt, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise,  sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.  Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen,  die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt."

Petrus schreibt an Christen auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Diese fragen sich ernsthaft, ob es nicht doch besser wäre, wieder zu werden, was man vormals war: kein Christ. Dann würde man sich in der röm. Gesellschaft auch nicht mehr fremd fühlen, sondern würde wieder dazugehören, wäre wieder voll akzeptiert und integriert. Aber so hat man als Christ immer dieses Gefühl, ein Fremder, ein Außenseiter zu sein. Denn man wird ausgegrenzt, weil man anders lebt. Aber ob man solch ein anderes Leben auf Dauer durchhält?

Man spürt es dem ganzen Brief des Petrus an: Da sorgt sich einer um bedrängte und wankende Christen – und schreibt einen seelsorgerlichen Brief. Und seine Seelsorge beginnt mit dem Lob Gottes: „Gelobt sein Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren, neu geboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“. (1,3) Mit dem, was Gott an uns getan hat – und nicht was wir tun sollen! – setzt Petrus ein. Durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten hat ER uns wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung. Läge hingegen der Grund unserer Hoffnung in uns selbst – wäre es eine tote Hoffnung. Denn Hoffnung hat es doch damit zu tun, dass sich etwas oder alles zum Guten wendet, also wieder gut wird und gut bleibt – was wir Menschen weder garantieren noch auf Dauer bewirken können. Christen glauben nicht an das Gute im Menschen – sondern an die Güte Gottes, die ihnen zugute kommt – und sie deshalb andern zugute kommen lassen. Diese bedingungslose Güte Gottes nennen wir: Gnade.

Wer hingegen an das Gute im Menschen glaubt und deshalb auf die beständige Güte des Menschen hofft, der wird sie auch gnadenlos vom Menschen fordern: Du sollst gut sein, denn du kannst gut sein. Aus der Möglichkeit, gut sein zu können, ergibt sich der logische Zwang, auch gut sein zu müssen – und führt schließlich tatsächlich zu einem gnadenlosen Richten über den, der anscheinend nicht gut oder nicht gut genug ist; und sei es auch - man selbst. Man setzt sich selber und andere unter Druck, in allem gut zu sein – und nach Möglichkeit immer besser und schließlich perfekt zu werden.

Für Petrus kommt dies offensichtlich nicht in Frage. Denn er weiß, dass jeder Mensch ein Sünder ist und keiner dem andern irgendetwas voraus hat. Das führt zur Solidarität der Sünder, lässt aber dann auch umso mehr fragen: Worauf dann hoffen, wenn nicht auf die moralische Perfektion des Menschen? Es muss ein „Angebot“ von außen sein. Und so schreibt Petrus: „…setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesus Christi.“ Dann ist also das, was Christus zeigt, was mit ihm erscheint, die Gnade, die Zuwendung, die Handreichung, das „Angebot“ Gottes. Und darauf, auf IHN gilt es ganz zu hoffen. Und ohne ihn gibt es für Petrus nichts zu hoffen. Mit Christus steht und ohne IHN fällt die christliche Hoffnung. Und diese Hoffnung macht sich schließlich dort fest, wo Christus, der Sündlose die Sünde der Sünder stellvertretend übernimmt: am Kreuz (1,19; 2,22ff).

Wiederum ist solche „Stellvertretung“ nur dem christlichen – und jüdischen (vgl. Jes 53) - Glauben eigen. In allen (?) anderen Religionen muss jeder „gnadenlos“ und „erbarmungslos“ auslöffeln, was er sich und andern eingebrockt hat – und sei es über mehrere Wiedergeburten hinweg; wie vor allem im Hinduismus – bis er endlich „der Seelen Seligkeit erlangt“ (1,9).

Dabei muss man zugleich bedenken: Über Christus, die Zuwendung, die Handreichung Gottes, kann man nicht verfügen. Christus ist keine spirituelle Substanz in mir, kein religiöser Besitz. Man kann ihn nicht haben. Man kann sich ihm nur personal, also in einer „persönlichen Beziehung“ anvertrauen, „an ihn glauben“ – und so auf IHN lebendig hoffen (1,21). Und Hoffnung heißt auch hier: Dass sich zum Guten wendet, also wieder gut wird und gut bleibt, was im Argen liegt und der Erlösung bedarf. Und solche Hoffnung hat nichts mit Schwärmerei zu tun, sondern vielmehr  mit „Nüchternheit“, also mit der illusionslosen Erkenntnis, dass der Menschen nicht des Menschen Hoffnung ist. Hierzu muss man sogar nach Petrus die „Lenden des Gemüts umgürten“, so dass das Gemüt gefasst bleibt und man sich nicht doch in schönen Illusionen über menschliche Möglichkeiten versteigt.

Das hat nichts mit Pessimismus zu tun, sondern ist biblischer Realismus, der weltlicher Erfahrungen entspricht – und vor einem falschen Optimismus bewahrt, der die Möglichkeiten und Fähigkeiten des Menschen schwärmerisch überschätzt, den Menschen deshalb moralisch überfordert und schließlich in Enttäuschung, Beschimpfung oder gar der gnadenlosen Verfluchung des Menschen endet – angesichts seiner tagtäglich erfahrbaren Verfehlungen. „Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.”

Das ist das eine – und daraus folgt das andere: „…wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein/werden in euren ganzen Wandel.“ Das klingt in einer Zeit, in der auch – zumindest die evangelische - Kirche ganz weltlich, säkular sein, schon etwas befremdend – und ist es auch schon in der Zeit des Petrus. Denn Petrus sieht die Christen jener Zeit „in der Fremde“(1,17), redet sie an mit „auserwählte Fremdlinge“ (1,1) oder „Fremdlinge und Pilger“ (2,11) – denn sie unterscheiden sich eben von den „Einheimischen“ der römischen Gesellschaft – was ihnen eben Schwierigkeiten bereitet und zu schaffen macht; weshalb sie Petrus seelsorgerlich ermutigt, nicht wieder zurückzufallen in das alte und vergangene Leben. Denn vormals setzten sie ihre Hoffnung – aus Unwissenheit (1,14; und Torheit 2,15) - eben nicht auf die angebotene Gnade, sondern gaben sich ihren „Begierden“ hin – hofften also auf die Erfüllung all dessen, was ihr Herz alles begehrte – und also haben wollte – seien es Dinge oder Menschen oder aufzählbare Erfolge. Dabei geht es immer um Macht über etwas, das mir zur Verfügung steht – und also mein Selbstwertgefühl ausmacht. Bei solchen „Begierden“ regiert jedoch immer die Gier: Nichts ist genug; es muss immer noch mehr sein. Unersättlichkeit ist das Zeichen der „Begierde“ – und einer inneren Leere.

Von solch „nichtigem, leerem, eitlen Wandel“, wie Petrus ihn nennt, sind die Christen durch Christus erlöst, müssen nicht mehr dem Nichtigen nachjagen, sondern sind stattdessen berufen zu einem „heiligen Wandel“. Und dieser Wandel zeigt sich in der Gottesfurcht. Und das ist ein Leben in der Verantwortung vor Gott – und also im Wissen (im Gegensatz zu jener „Unwissenheit!) , dass sie demgegenüber Rechenschaft ablegen müssen, „der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk“.

Wie aber passt das „Gericht nach Werken“ zusammen mit der „Hoffnung auf die Gnade“? Schließen sich das Gericht nach den Werken und also die Gottesfurcht und das Vertrauen in die bedingungslose Gnade Gottes nicht gegenseitig aus? Oder hebt die Hoffnung auf die Gnade das Gericht nach den Werken auf – so dass meine Werke letztlich also doch keine Rolle mehr spielen. Wie kann ich Gott fürchten, sein Urteil fürchten – und ihm zugleich vertrauen, mich ihm zugleich anvertrauen? Wie soll denn das gehen?

Mein Vertrauen und also mein Hoffen auf seine Gnade betrifft mein unmittelbares Verhältnis zu IHM. Und Christus ist dabei das verlässliche Zeichen/Sakrament seines Erbarmens. Ich muss vor Gott nicht gut sein – denn ich kann es nicht. Er macht mich gut, gerecht – durch Christus. Unverdient, aus Gnade, aus Erbarmen, aus Liebe. Und nur deshalb haben Christen die große Hoffnung, dass alles gut wird.

Meine Werke hingegen betreffen mein Verhältnis zu meinem Nächsten, zu Gottes Schöpfung – und also: Ob sich im Umgang mit ihnen das Erbarmen zeigt, das mir Gott schenkt (vgl. Mt 28,23ff). Und das ist Zeichen dafür, dass ich heilig bin wie er heilig ist, ist Zeichen meiner „Heiligung“. Umgekehrt: Wie könnte ich darauf hoffen, dass Gott sich meiner erbarmt und mir gnädig ist, wenn ich zugleich selber – sei es zu mir, sei es zu meinem Nächsten – erbarmungslos, gnadenlos, lieblos bin. Das wäre ein Widerspruch in mir selber.

       

Für einen Christen hat also ein „heiliges Leben“, hat die „Heiligung des Lebens“ nicht mit einem heiligen Ort oder mit einem heiligen Ritual zu tun, sondern lässt die lebendige Beziehung eines Menschen zu dem Heiligen Gott erkennen. Heiligkeit ist kein Habitus, keine Substanz, besteht nicht in bestimmten Ritualen oder Mysterien, Handlungen oder Haltungen. Es ist schlichte Gottesverbundenheit in Gottesfurcht - im Alltag dieser Welt. Amen.

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Predigt am Sonntag Reminiscere zu Jes. 5,1-7 (IV)

 „Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?“

Da singt einer das Lied von seinem Freund und dessen Weinberg. Und der da singt, ist der Prophet Jesaja. Und die da zuhören sind die Bürger von Jerusalem und die Männer von Juda. Und diese wissen: Der Weinberg ist ein Bild für die Braut seines Freundes. Denn eine Braut wird oftmals mit einem Weinberg verglichen: Der süßen Trauben wegen - welche ganz gewiss auch der nötigen Pflege und Zuwendung bedürfen. Ein Liebeslied ist also zu hören. Allerdings das Lied einer enttäuschten Liebe – und also ein Klagelied. Denn die Pflege und Zuwendung war da – nur der erhoffte Ertrag an süßen Trauben nicht.

Aber warum hat die bisherige Liebesmüh einfach nicht gefruchtet? Man kann es sich einfach nicht erklären! Hat es vielleicht doch an irgendetwas gemangelt? Aber an was, das bisher nicht getan wurde? Und: Was also nun überhaupt noch tun?

Ratlosigkeit macht sich breit – bei dem Besitzer des Weinbergs; und er lädt die Bürger Jerusalem und die Männern von Juda ein, zwischen ihm und seinem Weinberg zu urteilen und zu sagen, was zu tun ist. Aber auch diese scheinen ziemlich ratlos und im Schweigen zu verharren - und so gibt der Besitzer des Weinbergs selber die Antwort:

„Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.“

Das klingt hart: Der Besitzer des Weinbergs wird seinen Weinberg sich selbst überlassen und sich von ihm zurückziehen. Vielleicht ist der Weinberg darüber zunächst sogar höchst erfreut. Jetzt kann endlich alles wachsen und reifen wie es will. Doch was dann kommt, weiß jeder Winzer: Der ungepflegte Weinberg verwildert, verwahrlost, verkommt. Von einem Weinberg schließlich keine Spur mehr – und von süßen Trauben erst recht nicht. –

Und was meinen die Bürger von Jerusalem und die Männer von Juda zu diesem Vorhaben des Weinbergbesitzers? – Sie würden es wohl kaum anders halten bei ergebnisloser Liebesmüh. Und Jesaja fährt fort:

„Des HERRN Zebaoth Weinberg ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“

Den Zuhörern stockt der Atem. Manche werden rot vor Zorn – andere werden rot vor Scham. Sie haben sich nämlich stillschweigend selber das Urteil gesprochen. Schon die ganze Zeit ging es um sie selbst – ohne dass sie es gemerkt haben. Das Haus Israel und die Männer von Juda sind die Pflanzung, an der Gottes Herz hing; sind sein geliebter Weinberg, sind seine geliebte Braut. Doch aus dem Liebeslied des Gottes Israels wurde nicht nur ein Klagelied über eine enttäuschte Liebe, sondern auch ein Anklagelied – und zwar vor dem Gericht, das mit den Bürgern von Jerusalem bestückt war, die dann plötzlich und unerwartet Richter in eigener Sache wurden und über sich selbst das Urteil sprachen (vgl. Rm 2,1) - wie vormals der König David, als ihm der Prophet Nathan ein Gleichnis erzählt von einem reichen Mann, der viele Schafe hat, aber für ein Festmahl einem armen Mann sein einziges geliebtes Schaf an sich reißt. Mit scheinbar gutem Rechtsempfinden ausgestattet sagt David entrüstet und empört: „So wahr der HERR lebt: der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat!“ … Und Nathan sagt zu David: „Du bist der Mann!“- und jetzt sagt Jesaja zu den Bürgern Jerusalems: „Ihr seid dieser unfruchtbare Weinberg des Herrn“. Denn ER erwartete Rechtsprechung, aber da war Rechtsbrechung; ER erwartete gut Regiment, aber da war Blutregiment.

Gleich nach dieser Anklage sind aus dem Munde Jesajas „Weherufe“ zu hören: „Weh denen, die ein Haus zum andern bringen und einen Acker zum andern rücken bis kein Raum mehr da ist und sie allein das Land besitzen... Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen... Weh denen, die weise sind in ihren eigenen Augen und halten sich selbst für klug!...Weh denen, die den Schuldigen gerecht sprechen für Geschenke und das Recht nehmen denen, die im Recht sind...“ –

Weh denen also, die sich mit Ellenbogen breit machen und die andern zur Seite drängen; die alles gekonnt ins Gegenteil verdrehen, weil es so für sie passend ist; und auch noch das Recht vor Gericht beugen lassen und damit immer im Recht sind. Das sind die „schlechten Trauben“, welche der Weinberg Gottes gebracht hat.

Nachdem sich Gott von seinem Weinberg zurückgezogen hat, fällt - noch zur Zeit Jesajas - die assyrische Weltmacht über das Nordreich Israel her. Das Land Gottes, das „heilige Land“ wird dem Volk Gottes entzogen und vor allem die führenden Köpfe des Volkes nach Assyrien deportiert. Die Weherufe Jesajas verhallten zwar unerhört – waren dann aber unausweichlich zu spüren.

700 Jahre nach Jesaja hört die geistliche Führung des Volkes Gottes zwar kein weiteres Lied, dafür aber ein „Gleichnis vom Weinberg“ - aus dem Munde Jesu. In diesem Gleichnis schickt der Eigentümer des Weinbergs nach vielen vorhergehenden Gesandten zuletzt seinen Sohn, und erinnert durch ihn die Weingärtner an den immer noch ausstehenden und ihm zustehenden Ertrag. Doch wie vormals fühlen diese sich nur belästigt und provoziert – und töten schließlich sogar den Sohn des Weinbergbesitzers. „…was wird dieser mit den Weingärtnern tun?“, fragt Jesus die geistliche Führung. Diese antwortet „Er wird den Bösen ein böses Ende bereiten und seinen Weinberg andern Weingärtnern verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit geben.“ –

Wieder sprechen sich hier welche (nach dem Zeugnis von Mt!) unbemerkt das eigene Urteil, woraufhin Jesus zu ihnen sagt: „Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt. - Und als die Hohenpriester und Pharisäer seine Gleichnisse hörten, erkannten sie, dass er von ihnen redete. Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen; aber sie fürchteten sich vor dem Volk, denn es hielt ihn für einen Propheten. (Mt 21,40ff).

Und wie bei Jesaja sind auch aus Jesu Mund bald darauf ebenfalls Wehe-Rufe zu hören: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! … Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt! Weh euch, …die ihr die Becher und Schüsseln außen reinigt, innen aber sind sie voller Raub und Gier! Weh euch, …die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch aussehen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat! So auch ihr: von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Unrecht. Weh euch, …die ihr den Propheten Grabmäler baut und die Gräber der Gerechten schmückt und sprecht: Hätten wir zu Zeiten unserer Väter gelebt, so wären wir nicht mit ihnen schuldig geworden am Blut der Propheten! Damit bezeugt ihr von euch selbst, dass ihr Kinder derer seid, die die Propheten getötet haben…“

Der Kern solch harter Worte Jesu ist jedoch nicht Zorn, sondern Trauer. Diesmal nicht zuerst wegen sozialer Verfehlungen, sondern wegen korrekter und penibler und wunderschöner Heuchelei. Und während Jesus vor seinem Einzug über die Stadt Jerusalem weint (vgl. Lk 19,41), klagt er jetzt über sie: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt! Siehe, »euer Haus soll euch wüst gelassen werden«. (Mt 23,13ff)

40 Jahre später wird tatsächlich des Herrn Haus in Jerusalem verwüstet und wüst gelassen - und Menschen aus anderen Völkern verstehen sich als „Weinberg des Herrn“ bzw. als die „Braut Christi“, nämlich die christliche Kirche. Aber bringt dieser „kirchliche Weinberg“ dann wirklich bessere Früchte?

In der Zeit der Reformation wird darüber auch konfessionell gestritten. Lucas Cranach d.J. malt 1569 für die Pfarrkirche St. Marien in Wittenberg einen konfessionell aufgeteilten Weinberg Gottes: In der linken Hälfte die Papisten, welche u.a. die Früchte des Weinbergs selber essen, und in der rechten Hälfte die Reformatoren und Gelehrten, welche – ganz klar! - den Weinberg Gottes samt seinen Früchten hegen und pflegen.

Zu den Früchten der Reformation gehört jedoch leider auch, dass sie (außer Zwingli) die prophetische Stimme in der Kirche (aus antischwärmerischen Gründen) fast ganz zum Schweigen gebracht hat - zugunsten einer fest institutionalisierten Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung. Aber das prophetische Wort hat seinen Ursprung nicht in einer Institution, erwächst nicht aus dem religiösen Kult. Es kommt „von außerhalb“ – und ist kein mögliches, sondern das notwendige Wort, das sein muss – und nicht auch noch sein könnte: Aufklärende Zeitansage Gottes in einer bestimmten geschichtlichen Situation – meist gegen den Trend der Zeit; und darum selten willkommen. Das prophetische Wort stellt meist in die Entscheidung zwischen angepriesenen Sicherheiten und dem gewagten Vertrauen zu Gott. Sicherheit kann der schöne Schein sein oder der nachweisbare Erfolg, kann säkularer/weltlicher oder religiöser/kirchlicher Art sein. Sie ist immer vom Menschen gemacht zu des Menschen Verfügung. Das unverfügbare Vertrauen zu Gott ist hingegen ein Wagnis und besteht nur so lange, wie ich mich in guten wie in bösen Zeiten dem EINEN anvertraue. Das Feld des Vertrauens ist der gelebte Alltag, der Zustand deshalb immer die Anfechtung/“tentatio“ – und damit das persönliche Ringen des Herzens in der lebendigen Zwiesprache/“oratio“ mit Gott.  

So haben es viele Propheten erfahren und haben nur so auch ihre Berufung und ihren Auftrag durchgehalten.

Nicht anders: Jesus. Amen.

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Predigt am Sonntag Invokavit zu 2 Kor 6,1-10 (IV)

 Paulus schreibt: "Als Mitarbeiter aber ermahnen wir auch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. Denn er spricht: «Zur angenehmen Zeit habe ich dich erhört, und am Tage des Heils habe ich dir geholfen.» Siehe, jetzt ist die wohlangenehme Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils. Und wir geben in keiner Sache irgendeinen Anstoß, damit der Dienst nicht verlästert werde, sondern in allem empfehlen wir uns als Gottes Diener, in vielem Ausharren, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten,in Schlägen, in Gefängnissen, in Tumulten, in Mühen, in Wachen, in Fasten;  in Reinheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Güte, im Heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe; im Reden der Wahrheit, in der Kraft Gottes; durch die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken; durch Ehre und Unehre, durch böse und gute Nachrede, als Verführer und Wahrhaftige; als Unbekannte und Wohlbekannte; als Sterbende, und siehe, wir leben; als Gezüchtigte und doch nicht getötet; als Traurige, aber allezeit uns freuend; als Arme, aber viele reich machend; als nichts habend und doch alles haben."

„Die Bewährung des Apostels in seinem Dienst“, - so überschreibt die „Luther-Übersetzung“ diesen Abschnitt aus dem 2. Korintherbrief. Denn Paulus weiß sich zu einem Apostel, zu einem Gesandten Jesu Christi berufen und von IHM in Dienst genommen. Und für diese Berufung ins Apostelamt lebt er voll und ganz - wie die Propheten für ihre Berufung ins Prophetenamt.

Und alles fängt an mit einer völlig unerwarteten Christus-Begegnung vor Damaskus; für Paulus Bekehrung und Berufung in einem. Seither verläuft nicht nur sein persönliches Leben in eine völlig andere Richtung, sondern für das damit verbundene „Amt“ als Apostel will er sich in allen Lebenssituationen bewähren. Denn dieses Amt hat bei ihm oberste Priorität.

Und was ist der Inhalt dieses Amtes, dieses Dienstes? Einzig und allein das „Evangelium“; also die „frohe Botschaft“ von der Versöhnung der Menschen mit Gott durch den gekreuzigten und auferstandenen Christus (vgl. 2 Kor 6,18) Juden und Griechen, also allen Menschen zu verkündigen.

Dass Paulus so ganz in seinem „Apostelamt“ aufgeht, er also so ganze dafür und daraus lebt, ist für uns schon etwas merkwürdig. Denn spätestens seit Beginn der regulären Lohnarbeit mit der Industrialisierung im 19 Jhdt. unterscheiden wir zwischen Berufsleben und Privatleben, zwischen Arbeit und Vergnügen, zwischen Pflicht und Kür. Unsere berufliche Tätigkeit erfüllt dabei eine bestimmte Funktion – und sei es, dass man eben Geld hat für ein Dach über dem Kopf und für das tägliche Brot auf dem Tisch und für den jährlichen Urlaub in der DomRep. Erfüllt unsere berufliche Tätigkeit diese Funktion nicht mehr, funktioniert das nicht mehr, dann wechselt man nach Möglichkeit den Arbeitsplatz, den Arbeitgeber oder gar den Job - was ja auch verständlich ist.

Sich hingegen mit seinem Beruf zu identifizieren und ihn als persönliche Berufung zu verstehen, und seinen Dienst nicht nach Vorschrift, sondern aus Berufung zu „machen“, das macht Paulus so unzeitgemäß. Diese Unzeitgemäßheit zeigt sich auch in der Werbung für die Ausbildung von Pfarrern und Diakonen unserer Landeskirche mit der Überschrift: „Gesucht: ManagerPosaunenhirte“; zu finden im Internet unter „Himmlische Berufe“ auf der Homepage der Bad. Landeskirche. (http://www.himmlische-berufe.de/) Was auch immer ein „ManagerPosaunenhirte“ ist – er dürfte schon etwas oder ziemlich verschieden sein von dem bisherigen Hirtenamt, Pfarramt oder Pfarrdienst. Denn dieses zeitgemäße „Berufsbild“ ist zuerst funktional – und also darauf angelegt, dass da etwas einfach gut und korrekt und also reibungslos funktioniert.

Im Apostelamt des Paulus funktioniert kaum etwas reibungslos; erst recht nicht in Korinth – dafür verdeutlicht sich aber bei ihm umso mehr Jesu „Gleichnis vom guten Hirten“: Während der gute Hirte sich mit Leib und Leben für seine Schafe einsetzt, flieht der „Mietling“, der „angemietete Funktionär“ vor dem „Wolf“; denn dem Funktionär geht es zuerst – und zuletzt -  um sich selber und nicht um die ihm anvertrauten Schafe. Darum rettet er immer zuerst die eigene Haut – erst recht in solch gefährlichen Situationen, die Paulus aufzählt. Für Paulus hingegen gehört die Bewährung in solch schwierigen Situationen mit zu seinem Dienst, mit zu seinem Amt, mit zu seiner Aufgabe. Denn gerade darin zeigt es sich, wie ernst und persönlich er seine Berufung nimmt.

Bei des Paulus Bewährung geht es also nicht darum, sich persönlich keine Blöße zu geben und den starken Mann zu spielen, sondern: Keinen Anstoß, keinen Anlass zu geben, dass das Amt in solchen Situationen lächerlich gemacht werden könnte, weil Paulus – wie ein „angestellter Funktionär“  seine eigene Haut rettet und die Flucht ergreift und das Amt im Stich lässt.

Persönliche Verunglimpfungen hat Paulus zur Genüge erfahren und ertragen – und weggesteckt. Sie waren es nicht wert, darauf einzugehen. Doch als man ihm in Korinth das Apostelamt streitig macht, da stellt er sich auf die Hinterbeine – um des Amtes, um seines Dienstes, um der ergangenen Berufung willen. (vgl. 2 Kor 10ff)

Nun gibt es ganz bestimmt auch persönliche Verhaltensweisen, welche einem öffentlichen Amt nicht gemäß und deshalb abträglich sind. Und dazu gehört an erster Stelle, dass sich jemand durch solch ein Amt persönlich - vor allem materiell - bereichert – was man Paulus in Korinth auch einmal vorwirft. - Einem öffentlichen Amt ebenso abträglich ist, wenn man aus der verliehenen Machtposition zum eigenen Vorteil das Recht beugt und den Untergebenen mit Füßen tritt. Aber nicht um solche Versuchungen geht es Paulus, auch nicht um moralische Verfehlungen – denn Paulus glaubt nicht an das Gute im Menschen, sondern an die Güte Gottes. Paulus geht es einzig um seine Bewährung als „Diener Gottes“ in den verschiedenen Grenzsituationen und ihren Herausforderungen; nämlich „in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten - , (und das alles) in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, (und dabei kämpft er nur) mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, (und zwar ) in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten.“

Was Paulus um seines Apostelamtes willen auf sich nimmt, um die Würde dieses Amtes in höchst verschiedenen Situationen zu bewähren, das klingt fast übermenschlich. Dabei will er nur alle Kraft des Amtes willen aufbieten, um es nicht durch „Flucht“ dem Gelächter preiszugeben. Er steht in Person für das Amt ein.

Hinzu kommt, Grenzsituationen auszuhalten, wo etwas von außen in bestimmter Weise zu sein scheint – und doch in Wirklichkeit ganz anders ist. So erscheint er (und Timotheus) manchen wohl „als Verführer und (sind) doch wahrhaftig; als die Unbekannten, als „nobody“, und doch bekannt (bei Gott); als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.“

Was für enorme Gegensätze prallen hier spannungsreich aufeinander, die Paulus auszuhalten hat um des Amtes willen - und die ihn doch persönlich schier zerreißen.

Doch wie Amt und Person („unvermischt und ungetrennt“) ineinander liegen, so auch Bewährung und – Bewahrung! Die Situation der Bewährung ist immer zugleich die Situation der Bewahrung; ist - „Zeit der Gnade“, Zeit der Zuwendung Gottes, ist „Tag des Heils“.

Wo Paulus alle Kraft aufbietet und seine Schwachheit spürt, da erfährt er zugleich, dass „Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist“. Wo er sich an Tagen drohenden Unheils bewährt, da erfährt er Bewahrung am „Tage des Heils“.

Sich bewähren und bewahrt werden gehört zusammen. Das eine geht in das andere über. Deshalb ist nicht auseinander zu dividieren, was ich selber tue und was durch Gott an mir getan wird: Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Und so schreibt Paulus an anderen Stelle: „…durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.“ (1 Kor 15,10). Und so ermahnt er hier die Korinther, dass sie „die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangen“.

Das aber kann im Zusammenhang mit den danach aufgezählten grenzwertigen Situationen nur heißen: Paulus ermahnt, als Christ solche Grenzsituationen nicht zu fliehen, sondern sich in ihnen mutig zu bewähren – um dergleichen Erfahrung zu machen wie er: Gnädig bewahrt zu werden. Also das Wagnis des Glaubens, des Vertrauens einzugehen – gegenüber dem Gott, der die Toten lebendig macht; der das Licht aus der Finsternis ruft; der ins Dasein ruft, was nicht ist; der in den Schwachen mächtig ist. Und also mit dem Gott, der Wunder tut. Und Wunder meint in der Bibel immer (nur): Wo nichts mehr zu erwarten und nach menschlichem Ermessen schon alles zu Ende ist, da setzt ER plötzlich und unerwartet einen neuen Anfang. Wo Menschen zu IHM schreien und meinen sie schreien nur ins Leere, da werden sie doch erhört (vgl. Ps 91,15: „Invocabit me, et ego exaudiam eum…“). Wo Menschen wie vor einer unüberwindbaren Mauer stehen und nicht mehr weiterwissen, da tut sich doch noch eine Türe auf ins Freie.

Und das alles ist die Erfahrung Israels mit seinem Gott von Ägypten her. Und diese Erfahrung verdichtet sich in dem Geschehen am Karfreitag und am Ostermorgen in unüberbietbarer Weise. Und Paulus erfährt diesen Gott seit Damaskus immer wieder im eigenen Leben als Apostel, als Gesandter Jesus Christi: Wie er bewahrt wird in Situationen der Bewährung.

Und dabei ist es immer die gleiche Erfahrung: Wo wir nur Unheil und Bedrohung sehen, da schafft Gott Heil und Befreiung.

Sich darauf einzulassen, ist jedoch das harte Wagnis des Glaubens - und führt zur heilsamsten Erfahrung in dieser Welt. Amen.


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Predigt am Aschermittwoch zu 2 Kor 7,8-10 (IV)

  Etwas Schwerwiegendes muss vorgefallen sein. Eine persönliche Verletzung oder Kränkung? Handfeste Vorwürfe mit massiven Schuldzuweisungen? Wir wissen es nicht genau. Wir wissen nur: Paulus besucht die Gemeinde in Korinth, es kommt zu einem heiklen Zwischenfall und daraufhin muss er die Gemeinde verlassen – und anschließend ist das Verhältnis zwischen Paulus und der Gemeinde in Korinth am Gefrierpunkt angekommen. Alles ist wie erstarrt. Wie soll es nun weitergehen – wenn überhaupt?

Paulus greift wohl als erster wieder zur Feder – und bricht „unter Tränen“ das Schweigen, wie er schreibt. Aber was für einen Brief soll er schreiben? Soll er alles unter den Teppich kehren und so tun, als wäre nichts geschehen - und alles beim Alten?

In seinem „Tränenbrief“ muss er wohl teilweise gar nicht zimperlich geschrieben haben. Vielleicht waren manch geharnischte Sätze darunter – wir wissen es nicht, denn dieser Brief ist nicht (oder z.T. in Kap. 10ff?) erhalten. Jedenfalls ist sich Paulus schließlich selber nicht mehr sicher, ob er den Brief überhaupt abschicken soll. Will er doch, dass das Verhältnis zu den Korinthern wieder besser wird und in Ordnung kommt. Noch frostiger, noch eisiger sollte es keinesfalls werden. Er will ja die Korinther nicht noch mehr verhärten, sondern ihr Herz erweichen und wieder für sich gewinnen. Aber wie werden die Korinther solch einen Brief aufnehmen? Wird alles noch schlimmer – oder wird es besser? Bewirkt der Brief Empörung – oder führt er zur Besinnung? - Wenn Paulus jedoch nichts tut, dann verläuft alles im Sande – und wird bestimmt nicht besser. - Also wagt es Paulus; mit Zagen und Zittern unter Hoffen und Bangen: Sein Mitarbeiter Titus ist Postbote nach Korinth. -

Als Paulus nach des Titus Rückkehr erfährt, wie die Korinther seinen Brief aufgenommen haben und welche Wirkung er gezeitigt hat, da muss er ihnen gleich nochmals ein paar Zeilen schreiben – und darin steht u.a.:

„… wenn ich euch auch durch den Brief traurig gemacht habe, reut es mich nicht. Und wenn es mich reute - ich sehe ja, dass jener Brief euch wohl eine Weile betrübt hat -, so freue ich mich doch jetzt nicht darüber, dass ihr betrübt worden seid, sondern darüber, dass ihr betrübt worden seid zur Reue. Denn ihr seid betrübt worden nach Gottes Willen, so dass ihr von uns keinen Schaden erlitten habt. Denn die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemanden reut; die Traurigkeit der Welt aber wirkt den Tod.“

 Paulus freut sich. Und was ist das für eine Freude? Ist es die Schadenfreude in der Siegerpose: Denen habe ich´s aber mal gegeben; denen habe ich´s wieder mal gezeigt und heimgezahlt; wie die in die Knie gegangen sind und plötzlich ganz schön klein geworden …!?

Zwar erfährt er, dass die Korinther durch seinen Brief nicht bocksbeinig und sturköpfig, sondern traurig und betrübt wurden, dass sie der Brief geschmerzt, belastet, bedrückt hat. Er hat sie beschäftigt und aufgewühlt und eben nicht kalt gelassen. Er hat Wirkung gezeigt. Aber nicht das ist es, was Paulus freut. Sondern dass diese Wirkung tatsächlich  zu einem Gesinnungswandel geführt hat: Zur Einsicht und Reue, zur Buße und Umkehr. Und er meint, so sei es Gottes gemäß, es sei so geschehen nach Gottes Willen, von Gott gewirkt. Und das freut ihn.

Und wie es auf Seiten des Paulus keine Schadenfreude ist, so sollen sich die Korinther nun auch nicht wie begossene Pudel vorkommen, wie kleingemachte reumütige Sünder, die in ihrer eigenen Zerknirschung zergehen. Nein, die Reue der Korinther entspricht dem Willen Gottes; und Gott ist nicht daran gelegen, den Menschen kurz und klein zu kriegen – wie es Menschen oftmals gerne untereinander tun. Gott will des Menschen Seligkeit. Und der aus dem Schmerz über das eigene Versagen geborene Gesinnungswandel der Korinther führt in diese heilsame Richtung. Darum bereut eure Reue nicht. Sie ist kein Gesichtsverlust. Ihr habt euer Gesicht nicht verloren. Ihr habt etwas gewonnen auf dem Weg zur Seligkeit.

Wir merken, wie Paulus hier äußerst seelsorgerlich und einfühlsam darum ringt, dass die Korinther sich selber auf keinen Fall wie Versager oder Weicheier vorkommen. Sie sollen verstehen: Was menschlich wie ein Verlust aussieht, ist in diesem Fall geistlich ein Gewinn. Und wie Paulus mit seinem gewagten Brief mit Hoffen und Bangen sich ihnen zuwandte, so können sie sich nun wieder Paulus frei und offen zuwenden – ohne sich selbst Vorwürfe zu machen und ohne Vorwürfe zu befürchten. Paulus ist nicht nachtragend. Er gräbt nicht ständig die Vergangenheit um und holt „olle Kamellen“ hervor.

Und doch ist das, was die Korinther da hinter sich haben, eine wichtige Erfahrung. Und deren Summe ist nach Paulus: Wenn Traurigkeit oder Kränkung, wenn Leid oder Schmerz, wenn Kummer oder gar Entsetzen, wenn Tränen Gott gemäß sind, dann bewirken diese eine Umkehr hin zu einer Reinigung/Katharsis, zu einer Erleichterung, zur Befreiung, die man nicht bereut, sondern über die man sich freut. Ein säkularer Rest dieser geistlichen Einsicht ist der psychologische Rat, Tränen zuzulassen – auch über sich selbst?? - und zu welcher Seligkeit?

Jedenfalls sind die Korinther in dem tiefen Tal, das sie da durchschritten haben, nicht hängen geblieben – obwohl sie bestimmt leicht versucht waren, sich niederzulassen in ihrem Schmerz, sich festzubeißen in ihrer Kränkung, sich einzurichten in ihrem Trotz – und also gefangen und unerlöst zu bleiben. Und wie oft kommt gerade das unter Menschen vor! Man kriegt die Kurve nicht – und will sie schließlich auch nicht mehr kriegen; sondern fährt stur geradeaus mit dem Kopf durch die Wand. Man findet nicht mehr heraus – und will auch nicht mehr heraus; man hat sich alles zurechtgelegt und eingeigelt. Verbissenheit und Verbiesterung werden zur eigenen Identität. Und immer sind die andern daran schuld – und bleiben immer daran schuld.

Diese Haltung zu verlassen, kommt einem schließlich vor wie ein Identitätsverlust, wie ein Gesichtsverlust vor einem selbst und vor anderen. Also bleibt man vergraben und hat sich begraben in einer trotzigen Haltung - und findet auch nicht mehr zum andern.

Für Paulus ist diese Haltung nicht nach Gottes Willen, nicht Gott gemäß, sondern der „Welt“ gemäß. – und führt nicht zur Erlösung, bewirkt keine Befreiung, sondern bringt - den Tod. Und Tod meint in der Bibel immer Beziehungslosigkeit und damit Einsamkeit. Leben hingegen ist Gemeinsamkeit, ein beziehungsreiches Miteinander, lebendiger Austausch, ein Geben und Nehmen. Die Grenze zwischen Leben und Tod ist darum nicht unbedingt eine zeitliche oder räumliche Grenze, sondern der Rückzug auf sich selbst – oder die Verwerfung des andern. Darum kann der Tod im biblischen Sinne schon zu Lebzeiten einkehren. -

Paulus hat also mit einem gewagten Brief die Korinther zur Selbsterkenntnis und zur Freude der Buße geführt, weil diese sich nicht davor verschlossen, sondern dafür geöffnet haben und zur schmerzhaften Einsicht und Reue über ihr Fehlverhalten Paulus gegenüber führte. Zum ihrem eigenen Glück haben sie seinen gewagten Brief nicht als bösartige Beleidigung und Kränkung empfunden, haben sich nicht in ihrem Schmerz genüsslich verbohrt, sondern sind darüber hinausgewachsen - ihnen selbst zugute und Paulus zur Freude.

Was Paulus mit den Korinthern durchlebte und auch durchlitt, das kennen wir in anderer Weise von – Jesus. Er hat Tränen vergossen – über die Stadt Jerusalem, weil diese nicht zur Freude der Buße, zur erlösenden Umkehr, zu den Tränen über sich selbst gefunden hat. Deshalb sagt Jesus auf dem Weg zum Kreuz insbesondere zu den Frauen von Jerusalem, die ihn beklagen und beweinen: „Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder.“ Denn sein Wort: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken...“ fand kaum Gehör.  Nur wenige kamen. Die meisten wollten lieber bei sich bleiben. Sie wollten sich nicht öffnen – und bleiben verschlossen. Sie vergruben, begruben sich trotzig in sich selbst.

Dass das nicht Gottes Wille ist, sagt im Kirchenjahr auch der Aschermittwoch als Beginn der österlichen Bußzeit. Und das Ziel dieser Bußzeit ist die österliche Freude.

Auf dem Weg dahin geht es ganz bestimmt um die Erkenntnis des eigenen Versagens; es geht um Einsicht, Erschrecken, Reue, Bedauern, Beschämung; vielleicht sogar unter Tränen, die man über sich selbst vergießt. Aber niemals, um darin zu ertrinken, sondern um sie Christus mit auf den Kreuzweg zu geben - und zu einem befreiten Leben zu finden. Amen.