das ist aber wirklich der letzte Sermon...

...zu "Taufe und Konfirmation"

anlässlich des Konfirmationsjubiläums 2017

Liebe Jubilare!

Vor 50, 60, 65, 70, 75 Jahren waren Sie alle schon mal hier - zur Konfirmation.

Erinnern Sie sich noch… an damals? An Konfirmationsunterricht mit dem vielen Auswendiglernen… an den Prüfungsgottesdienst mit dem Abfragen… und an die Eigenarten des jeweiligen Pfarrers… - und der Mitkonfirmanden…

Und fast alle waren auch 13 oder 14 Jahre zuvor schon mal hier - zur Taufe. Aber daran erinnert sich bestimmt niemand. Denn damals war es durchweg üblich, als Säugling getauft und dann als Jugendlicher konfirmiert zu werden. Denn Taufe und Konfirmation gehören zusammen und bilden jeweils zur Hälfte ein Ganzes.

Dabei sind beide höchst verschieden. Die Taufe ist ein passiver Vorgang. Da geschieht etwas mit mir – ohne dass ich gefragt werde, ob ich das will oder nicht; ohne dass ich mich dafür oder dagegen entscheiden kann - was eben besonders dadurch zum Ausdruck kommt, wenn es an mir als Säugling geschieht: Ich werde getauft – mit Wort und Wasser und damit hineingetaucht mit Jesu Tod und Auferstehung. Ich werde verbunden mit einem Geschehen, das mir vorausliegt; mit jemand, der mir vorausgeht.

Und wie Jesus damals Menschen berufen hat „Komm und folge du mir nach!“, so werde auch ich ganz persönlich durch das Sakrament der heiligen Taufe zu einem Jünger Jesu, zu einem Kind Gottes berufen. Mein Name wird in den Namen Gottes hineingetauft. Forthin kennt er mich mit Namen.

Und auch ER hat forthin für mich einen Namen, ist ein ansprechbares „Du“ in einem persönlichen, personalen Verhältnis. Und in diesem Verhältnis zwischen Gott und Mensch geht es ganz persönlich, ja sogar sehr menschlich zu - bis hin zur Menschwerdung Gottes! Zu solch einem persönlichen Verhältnis gehört, dass ich ihm danken und ihn bitten kann – und auch dass miteinander gerungen, gestritten, geklagt wird. Mit dem lebendigen Gott geht es höchst lebendig zu – und steht damit im Widerspruch mit dem Trend einer digitalen und seelenlosen Zeit, deren Lebendigkeit sich in Algorithmen und Funktionen erschöpft – und die Anrede mit Namen durch ein anonymes „Hallo“ ersetzt. Der Gott, den die Bibel bezeugt, ist keine anonyme kosmische Macht und Kraft, kein „Es“, das „es gibt“. Ein unverbindliches „Es gibt Gott“ gibt es nicht in der Bibel. Der Gott, der mich berufen hat, ist ein ansprechbares „DU“. - Dasselbe ist auch der Mensch für den Gott, der ihn beim Namen gerufen hat – und damit in die Entscheidung stellt, ob er ihm folgen will oder nicht.

Doch während damals die Jünger sich gegenüber dem Ruf Jesu als erwachsene Menschen entscheiden müssen, kann ich dies als „unmündiges“ Kind bei meiner Taufe noch nicht; entscheide mich aber bei meiner Konfirmation, seinem Ruf, meiner Berufung zu folgen und bin ich forthin ein „mündiger“ Christ. Und das meint ursprünglich nicht, dass ich nun überall mitreden und meinen Senf dazugeben kann, sondern dass ich von nun an Rede und Antwort zu stehen habe – vor Gott und den Menschen.

Doch wie mir bei meiner Taufe geschieht, ähnlich geschah mir schon zuvor: Ich wurde gezeugt und geboren – ohne dass ich gefragt wurde, ob ich auf dieser Erde überhaupt leben will oder nicht. Ein grundlegender Verstoß gegen mein Selbstbestimmungsrecht! Es wurde einfach über mich verfügt: Ich wurde in die Welt gesetzt. Plötzlich bin ich da – ein Mensch unter Menschen. Stecke in dieser Haut und in keiner anderen - und kann nicht einfach aus der Haut fahren, auch wenn ich es öfters will. Ich empfinde wie ich empfinde. Ich habe eine „Identität“, die ich mir nicht selber gegeben habe. Ich habe Eltern und Geschwister, die ich mir nicht ausgesucht habe. Ich  muss erzogen werden – und also mit einer Kultur vertraut gemacht werden, die ich mir nicht ausgesucht habe. Und so muss ich auch mit der Kultur des christlichen Glaubens vertraut gemacht werden – zuerst durch Eltern und Paten.

Natürlich könnte alles auch ganz anders sein. „Ich“ könnte ja auch in einem Elendsviertel geboren werden – und nicht „zufällig“ in einem wohlhabenden Land. Ich könnte in einem muslimisch oder hinduistisch oder atheistisch und nicht in einem christlich geprägten Land aufwachsen. Ich könnte einer der vielen Flüchtlinge sein – auf der Flucht vor Krieg, Hunger, Zukunftslosigkeit. - Dass Grundlegendes „zufällig“ und ohne mein Zutun geschieht, das mache ich mir viel zu wenig klar – weil ich meine, ich könnte oder müsste über alles selber entscheiden und bestimmen. Das entspricht zwar dem Bild, das wir zunehmend von uns haben: als „homo faber“, als „Macher“. Doch zugleich sind wir alle zunehmend immer mehr den Auswirkungen und Nebenwirkungen unseren eigenen Machwerke passiv ausgesetzt. Wir sind immer mehr Täter und Opfer zugleich.

Hierzu gehört, dass es uns schwer und immer schwerer fällt, Ereignissen ohnmächtig ausgesetzt zu sein, etwas erdulden, ertragen, erleiden müssen – bis hin zum Sterben, über das wir auch noch selber entscheiden wollen und auch immer mehr selber entscheiden müssen. Und dennoch ist wie geboren werden, so auch einmal sterben müssen ein passiver Vorgang – auch wenn es ein aktives Verb ist. Es ist der letzte Ruf Gottes, der an mich ergeht.

Doch zuvor muss jeder, muss ich selber irgendwann mit dem etwas anfangen, was mir gegeben, mitgegeben ist - in meinem Leben, als mein Leben. Ich muss Entscheidungen treffen und also etwas annehmen oder verwerfen. Und wie ich täglich mein Geborensein als Mensch „aktiv“ in die Hand nehmen muss, so auch – mein Getauftsein als Christ. Die Berufung hierzu geht zwar von Gott aus – und nur von ihm; ich kann mich nicht selber taufen, nicht selber zu einem Kind Gottes berufen –, aber ich bin berufen, mit IHM zu leben und mit den Menschen, die ebenfalls dazu berufen sind.

Und das sind – wie ich - fehlsame Menschen, die aus der Vergebung leben. Genau wie jene Menschen, die Jesus damals in die Nachfolge berufen hat. Und es sind höchst verschiedene Menschen, die ER berufen hat - und nicht ich mir ausgesucht habe. Sie sind mir durch die „neue Geburt“ in der heiligen Taufe „hinzugeboren“ - als Brüder und Schwestern, als Geschwister.

Angesichts dieser Fehlsamkeit und Verschiedenheit miteinander zu leben, das ist die Aufgabe, die sich jedem Christen in der Kirche stellt – zumal es gerade unter Geschwistern die größten Spannungen gibt. Und wie in einer Familie, so wird auch in der Kirche am heftigsten über das „Erbe“ gestritten: Wer sich wohl rechtmäßig dafür entschieden habe und sich deshalb zu recht Christ und Kirche nennen dürfe. Denn zu jeder Berufung gehört die bewusste Entscheidung: Ja, ich will dem Ruf Christi folgen und als Christ leben.

Denn wie der Ehebund, so beruht auch der Taufbund auf Gegenseitigkeit: auf dem gegenseitigen Versprechen von Liebe und Treue in einem gemeinsamen Leben. Allerdings geht Gottes  Treue- und Liebesversprechen mir zeitlich und sachlich voraus. ER hat das erste Wort, aber meine Antwort muss folgen als meine Einwilligung in seinen Ruf, mit ihm zu leben. In guten wie bösen, in leichten wie in schweren, in gesunden wie in kranken Tagen bleibt ER meine Adresse. Und meine Einwilligung zu solch einem Leben gebe ich bei der Konfirmation. Ist die Taufe ein passives Widerfahrnis, so ist die Konfirmation eine aktive Entscheidung.

Getauft wird man zwar, aber konfirmiert wird man eigentlich nicht, sondern ich konfirmiere, d.h. ich gehe konform mit dem vormals geschlossenen Taufbund und bestätige ihn - und sage „Ja und Amen“ und „Gott sei Dank“ dazu. Ja, ich will als ein fehlsamer Mensch ein verantwortliches, ein „mündiges“ Leben als Christ führen. Doch weil mein Wille ganz schnell schwach wird, deshalb nicht aus eigener Kraft, sondern: „Ja, mit Gottes Hilfe“ und also mit der Bitte um seinen Segen, um sein Geleit, um seinen Beistand, dass ein solches – nur von mir aus unmögliches - Leben als Christ gelingen möge.  

Und auch wenn ich bei der Taufe als Einzelner berufen bin und bei der Konfirmation ganz individuell mein Ja-Wort gebe, so werde und bin ich doch eingefügt in die weltweite Gemeinschaft der Christen, in die christliche Kirche. Denn wie ich als Mensch immer in der Gemeinschaft mit Menschen lebe, so als Christ immer in der Gemeinschaft mit anderen Christen in der christlichen Kirche – auch wenn es in manchmal gar nicht christlich, sondern höchst unchristlich zugeht, weil der einzelne Christ meist kein Engel, sondern eben „auch nur ein Mensch“ ist.

Vielleicht sind es solch menschliche Erfahrungen in und mit „der Kirche“, die dann manche sagen lassen: Ich will nicht mehr. Man reicht die Scheidung ein, steigt - wie aus der ehelichen, so auch - aus der kirchlichen Gemeinschaft aus. Man kündigt den Bund, die Verbundenheit – oftmals aus menschlich sehr verständlichen Gründen. -

Kündigt Gott einem dann auch? Oder ist er treu – wenn auch ich nicht treu bin?

Wäre seine Treue nicht größer als meine Untreue, so wäre mit mir alles verloren. Darum will ich mich an den Gott halten, der sich in Jesus zu mir hält – auch wenn ich manchmal nicht so recht weiß, was ich von IHM halten soll. Amen.


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...zu "Ora et labora"

anlässlich des Erntedankfestes 2016

Ich habe heute viel zu tun. Darum muss ich ... keine Zeit verlieren? …früh aufstehen? ...kräftig zupacken? Oder was?

„Ich habe heute viel zu tun, darum muss ich - viel beten.“ So ergänzte Martin Luther. Viel arbeiten - viel beten.

Dass Arbeiten und Beten zusammengehören, das hat Martin Luther der Regeln des Heiligen Benedikt für seine Klosterbrüder entnommen: „Ora et labora“ – „Bete und arbeite“. Und weil diese Regel nicht nur etwas mit dem mönchischen , sondern auch mit unserem Leben zu tun hat, deshalb dazu  eine kleine christliche Rede zum Erntedankfest. -

„Ora et labora“ – bete und arbeite. Zunächst fällt auf: Das Beten kommt - vor dem Arbeiten. Dabei ist es doch jeden Morgen so: ich liege noch im Bett – und bin schon in Gedanken mitten in der Arbeit - anstatt erst mal für die Ruhe der Nacht zu danken und für den kommenden Tag zu bitten.

Solches Beten am Morgen ist ein bewusstes Innehalten zwischen der Ruhe der Nacht und der Arbeit des Tages und verhindert, dass ich mich gedankenlos in die Arbeit stürze. Solches Beten bringt den Segen, dass ich bei allem anstehenden Arbeitsdruck die nötige Ruhe bewahre. Denn bei meinem Werk ist noch ein anderer am Werk. In meinem Wirken wirkt noch ein anderer mit. Das bewahrt mich davor, dass ich mit meiner wenigen Kraft angesichts der vielen Anforderungen nicht von vornherein verzage. Denn letztlich ist nicht entscheidend, wie viel und was ich alles tue und mache und schaffe und raffe, sondern – ob ein Segen darauf liegt; oder nicht! Darum muss das Beten aller Arbeit vorangehen.

Am Morgen wird es darum vor allem die Bitte um einen gesegneten Tag sein: dass Gottes Wille in meinem Wirken geschieht; dass er mich vor unüberlegtem Reden und übereilten Handeln bewahrt; dass er mir doch auch für das Unerwartete und Ungelegene Kraft und Gelassenheit gebe. Wenn sein Segen auf mir ruht, dann bleibe auch ich den Tag über ruhig.

Ist der Tag vorbei, dann will ich für das Vollbrachte und Gelungene danken. Und das Nichtvollbrachte oder gar Misslungene, was ich verpfuscht und vermasselt habe, Gottes Güte anheim stellen. Er möge auch daraus das Beste machen, möge das Unvollendete zu einem guten Ende führen. So finde ich zur Ruhe der Nacht - und lege des Tages Erfolg und Misserfolg in Gottes Hände.

Nicht nur die Hektik am Tag, sondern auch die Schlaflosigkeit in der Nacht hat ihre Ursache auch im verlorenen oder vergessenen Beten: Man erbittet und erwartet nichts mehr von Gott - und deshalb alles von sich selbst – rund um die Uhr. Man dankt Gott nicht mehr - und fordert darum alles von sich selbst: Ich muss dann nur noch… – rund um die Uhr. Man empfängt nicht mehr, sondern versucht gewaltsam zu erhalten. Statt offener Hände eine geballte Faust.

Beten bringt Ruhe, bringt Gelassenheit – in seinen Nebenwirkungen. Denn ich überlasse im Beten mein Leben und Wirken Gott selbst. Manches kann ich deshalb auch ruhig sein lassen. Ich würde mich sonst nur daran verkrampfen und verbeißen.

Um sich in diese lebenswichtige Gelassenheit einzuüben, und mal die Finger von allem wegzulassen, wurde von Gott nach sechs Tagen Arbeit ein Tag der Ruhe geboten bzw. ärztlich verordnet: Der Sabbat, der Ruhetag. Ein Tag, an dem man nicht die Erde in den Blick nimmt, sondern den Himmel. Ein Tag, an dem man die Hände in den Schoß legt und das Herz zum Himmel erhebt – und sich freut und dankt. Wenn darum auch noch dieser Tag mit allerhand „Aktivitäten“ zugestopft und platt gemacht wird, dann verkommt unser Leben zur lückenlosen Betriebsamkeit. Damit dies nicht geschieht, muss unsere Arbeitsnatur notwendig mit einer Feiertagskultur verbunden sein – auch wenn diese immer mehr entleert wird. Diese Feiertagskultur hat für Christen auch etwas zu tun mit der ganz bewussten Hinwendung zu Gott – in der sonntäglichen Feier des Gottesdienstes, mit dem Ohr, um zu hören, und mit dem Mund, um zu loben. Sonst habe ich nur noch mit anderem Mist die Ohren voll – und es kommt nur noch ganz anderer Mist aus meinem Mund heraus.

Aber der Feiertag, der Ferientag - bringt nicht nur den Menschen zur nötigen Ruhe, sondern auch die Natur. Am Sabbat, am Ruhetag soll ursprünglich auch die Natur von den Eingriffen des Menschen ruhen und sich erholen. Da wird die Schöpfung dem Schöpfer wieder zurückgegeben. Sonst ist zum Schluss nicht nur der Mensch erschöpft und leergebrannt, sondern auch die Schöpfung ausgebeutet. Und diese auch der Natur verordnete Ruhe gilt bis heute – obwohl wir es zunehmend anders halten; wahrscheinlich zum eigenen Schaden. Und darum gilt es erst recht heute, zumal wir immer tiefer eingreifen – mit ungeahnten Folgen.

Also erinnert uns jeder Sabbat, jeder Ruhetag daran, Mensch und Natur die nötige Ruhe und Erholung zu gönnen. Feiern und Danken bringt Mensch und Natur ins Gleichgewicht. Feiern und Danken würdigt die Arbeit des Menschen - und achtet die Natur als Gabe Gottes.

Leib und Seele, Schöpfung und Schöpfer, religiöse Kultur und geschaffene Natur gehören zusammen. Und was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch auch hier nicht scheiden. Über allem Arbeiten dürfen wir darum auch das Beten nicht vergessen.

„Ich habe heute viel zu tun, darum muss ich viel beten“ - entgegen der rechnerischen Logik, bei mehr Arbeit weniger Zeit fürs Beten zu haben, wollte Martin Luther darauf hinweisen: Beten und Arbeiten müssen sich die Waage halten - sonst kippt alles um und alle Mühe ist ohne Segen. Es entsteht zwar etwas – hat aber keine Zukunft.

Als vormals im 6. Jhdt. der Heilige Benedikt von Nursia seine Regel „Ora et labora“ –„Bete und arbeite“, einführte, da fand er seine Mönche nicht so sehr bei der Arbeit, sondern zu sehr im Gebet versunken. Bete nicht nur, sondern arbeite auch. Erdverbundene Arbeit soll sie vor himmlischer Schwärmerei bewahren – und einen nötigen Ausgleich schaffen.

Doch die körperliche Arbeit wurde in der christlichen Tradition nicht immer positiv gewürdigt. Zu sehr sah man sie an als eine Plage, auf der immer noch der Fluch der Vergeblichkeit liegt, seit eben jenseits von Eden auch Dornen und Disteln auf dem Acker wachsen. Außerdem weist doch der Apostel Paulus immer wieder darauf hin, dass durch unsere Werke und unser Wirken das Heil nicht zu schaffen sei - was jedoch recht gesehen entlastet und alle irdische Arbeit von ihrer Vergötzung befreit: Ja, sechs Tage soll der Mensch arbeiten… - aber sein Werk ist auf Gottes Segen angewiesen, um Zukunft zu haben.

Zwar kann man nach Zwingli und Calvin am sichtbaren und messbaren irdischen Erfolg ablesen, ob man von Gott gesegnet und also erwählt ist. Aus diesem Grunde waren die evangelischen Christen auch immer etwas fleißiger als ihre katholischen Mitchristen. Sie wollten ihre von den katholischen Mitchristen angezweifelte Erwählung unter Beweis stellen. Und die evangelischen Dörfer waren oftmals mehr vom materiellen Wohlstand geprägt als die katholischen. Aber wie man es auch dreht: Des Menschen Tun ist von Gottes Segen abhängig. Sonst bleibt es leer und läuft über kurz oder lang ins Leere. „An Gottes Segen ist alles gelegen“ sagt der Volksmund - und wir singen: „Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen...“

Darum führt der auch noch geringste Erfolg den zum Danken, der weiß: Es ist nicht selbstverständlich, dass aus mein Tun überhaupt etwas Gutes erfolgt. Weshalb uns das heutige Erntedankfest daran erinnert: Die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit liegen ineinander - und hier in der Kirche vor uns. Natur und Kultur, menschlicher Fleiß und Gottes Segen, Beten und Arbeiten gehen ineinander. Das eine nicht ohne das andere.

Um seine Brüder vor geistlichem Müßiggang zu bewahren verordnete ihnen der Heilige Benedikt in seiner Zeit das Arbeiten. Um vor leiblicher Erschöpfung zu bewahren erinnert Martin Luther uns an das Beten: Innehalten vor Gott, damit unsere Arbeit Maß und Ziel behält – und wir nicht maßlos und unser Leben nicht ziellos wird.

Beten und Arbeiten gehören zusammen. Ernten und Danken auch. Das Beten geht dem Arbeiten voraus. Und das Danken folgt dem Ernten nach. Denn es ist eben nicht selbstverständlich, dass wir erlangen, was wir brauchen. Auch wenn wir uns voller verblendetem Stolz als „Macher“ sehen und verstehen – und dafür alles tun: Wir bleiben Empfangende.

Oder – mit den allerletzten Worten Martin Luthers plastisch und drastisch ausgesprochen: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“ Amen.


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...zur Dorfhelferinnenstation Vogtsburg

anlässlich ihres 40jährigen Geburtstags 2016

Liebe Geburtstagsgäste!

Es wundert mich ja schon, dass man diesen angestaubten ZungenbrecherDorfhelferinnenstation“ auch nach 40 Jahren noch nicht aufgehübscht und aufgemöbelt hat. Jedes Arbeitsamt ist inzwischen zum Jobcenter avanciert, und jedes Pfarramt hat Karriere gemacht und ist zum Kompetenzzentrum für Gemeindemanagement geworden.

Nur die Dorfhelferinnenstation hat noch keinen anderen Namen? Und die Helferinnen auch noch nicht! Und außerdem verstößt diese auf weibliches Personal beschränkte Bezeichnung eindeutig dem Gleichstellungsgesetzt, auf Deutsch: dem Gender-Mainstreaming. Denn so werden und fühlen sich eindeutig die Männer erheblich diskriminiert und grundsätzlich benachteiligt. Dann doch bitte wenigstens „in gerechter Sprache “ als „DorfhelferInnen“ schreiben. Und warum nicht auch das Dorf retuschieren, denn wenn jemand „vom Dorf“ kommt, dann kommt er doch von hinterm Mond.

Wie wäre es deshalb mit: „Kompetenzzentrum für AssistentInnen auf dem Lande“… oder irgendein anderer absolut ausgefallener Namen, wie man ihn heutzutage ja auch neugeborenen Kindern gibt… Oder wie wäre es mit einer der vielen phantasievollen Abkürzungen – wie sie in letzter Zeit lustig wie Pilze aus dem Boden schießen… Oder könnte nicht mal jemand eine Masterarbeit oder Dissertation oder Habilitation darüber schreiben?

Oder vielleicht doch besser darüber: „Woher dieser künstliche Zwang zur Originalität statt einem gesunden Hang zur Normalität?“ Ja, ich weiß, man muss auffallen… muss ankommen… muss sich vermarkten… muss wettbewerbsfähig sein… muss sich vekaufen...

Aber das Etikett macht eben noch keinen Inhalt. Und je größer und schöner die Seifenblase, umso zerbrechlicher ist sie. Irgendwann fragen wir dann halt doch nach der Substanz, was denn da „dahinter“ sei – hinter dem Namen „Dorfhelferinnenstation“.

Dahinter ist das Dorf – und das lässt immer noch etwas ahnen von Dorfgemeinschaft. Ein notwendiges Gegengewicht angesichts einer schleichenden Verstädterung – auf dem Lande! Und dahinter sind Helferinnen – und die erinnern an jemand, der einem bei Bedarf hilfreich zur Seite ist – wie jene Ordenschwester Cassiana: Was war das für eine große Seele in einem schmächtigen Menschen! Dringend notwendig in einer Zeit, in der es zwar sehr viel Hand, aber zu wenig Herz gibt. Und dahinter ist eine Station – und da ist etwas Statisches drin; dringend notwendig in einer Zeit, in der man den Kult der Dynamik und Mobilität mit zunehmender Beschleunigung feiert und davon fortgerissen wird - ohne zu wissen, wohin denn…

Wie gut, dass die angestaubte „Dorfhelferinnenstation“ auch nach 40 Jahren immer noch glänzt – nicht durch das Etikett, sondern durch Qualität – d.h. "Güte". Und die hängt wesentlich von Menschen ab, von menschlicher Güte. Darum – auch im Namen meines lieben Amtsbruders Claus Trost – einen herzlichen Dank und ein herzliches Vergelt's-Gott allen, die sich in der Dorfhelferinnenstation als Menschen für Menschen einsetzen.

Das wär's. -

Nein – das ist's!


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...zu Pfingsten 2015

anlässlich der Turmsanierung der Kirche St. Michael/Niederrotweil

"Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, laßt uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. Da fuhr der HERR hernieder, daß er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, laßt uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, daß keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, daß sie aufhören mußten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder."

Stärker kann der Kontrast wohl kaum ausfallen: Was wir eben gehört haben, das war das Misslingen eines Turmbaus. Und was wir heute mit diesem Gottesdienst abschließen ist das Gelingen einer Turmsanierung. Und das auch noch an Pfingsten? Wie passt denn das alles zusammen? Aber vielleicht hat doch alles etwas miteinander zu tun!

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel hat in der röm.-kath. Leseordnung am Vorabend zum Pfingstsonntag ihren Platz. Und nach der evang. Perikopenordnung ist sie in der 3. Reihe am Pfingstmontag dran. Diese Geschichte wird offensichtlich ganz bewusst und von beiden Kirchen mit der Geschichte, mit dem Geschehen am Pfingstfest in Verbindung gebracht.

Doch zunächst: Was geschieht da in Babel? Etwas ganz Einfaches und Selbstverständliches: Wenn sich Menschen nicht mehr verstehen, dann laufen sie auseinander. Damit bleibt auch meist ihr gemeinsames Vorhaben auf der Strecke. Es heißt bei dieser Geschichte, Gott habe ihre Sprache verwirrt, so dass keiner mehr den andern versteht. Die haben also aneinander vorbei geredet; konnten sich einander nicht mehr verständlich machen, hatten „Kommunikationsschwierigkeiten“. Und wenn die Kommunikation nicht mehr gelingt – und Sprache ist ein Ausdruck des Geistes - dann kann ein gemeinsames Werk auch nicht mehr gelingen. Und so bleibt der Turm ein Halbfertigprodukt, eine Bauruine – und die Menschen erreichen nicht, was sie sich zum Ziel gesetzt haben: Mit diesem Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, wollten sie sich nämlich ein sichtbares Zentrum schaffen. Dieser Turm, ihr Werk, sollte der Nabel der Welt für sie sein; die selbst geschaffene Mitte ihres Lebens.

Es ging also nicht um den himmelstürmenden Stolz der Menschen, die irgendwie bei Gott ankommen wollten. Und wenn sich Gott im Himmel dadurch bedroht fühlen sollte, dann wäre dies kleinkariert; dann wäre er ein kleinkarierter Gott. Es ging darum, das gemeinsame Leben auf eine selbst geschaffene, weithin, ja über alle Welt sichtbare Mitte auszurichten - und dadurch den eigenen Bestand, den „Namen“ zu sichern. Doch das Ergebnis ist schließlich genau das Gegenteil: die Menschen laufen auseinander.

Aber wenn Gott sich im Himmel nicht bedroht fühlte, warum hat er dann dieses Vorhaben unterbunden? Wenn er es nicht um seinetwillen getan hat, dann hat er es – um der Menschen willen getan! Also nicht um gekränkt den Menschen eines auszuwischen, sondern um die Menschen vor etwas zu bewahren: Vor dem verhängnisvollen Irrtum, das eigene und gemeinsame Leben in einer selbstgeschaffenen Mitte zu gründen und zu erhalten. Denn eine solche Mitte ist letztlich nichts weiter, als ein psychologisches Kunst- und Kultobjekt. Es steht und fällt mit dem Menschen. Und der Mensch fällt gar schnell – nicht nur in den Irrtum, sondern auch ins Bodenlose.

Wenn also diese Geschichte vom Turmbau zu Babel letztlich eine Geschichte der Bewahrung ist, dann findet sie ihre kontrastreiche Fortsetzung und Vollendung in der Geschichte vom Pfingstfest zu Jerusalem, in der es ebenfalls um Bewahrung geht. Und was geschieht in Jerusalem?

Fast hätten sich die Jünger nach Jesu Tod auch in alle Winde zerstreut, denn sie verstanden einfach nicht, wie Gott den Tod dieses Gerechten am Kreuz hat zulassen können. Aber in den verschiedenen Begegnungen mit dem Auferstandenen bekommen sie von ihm den Auftrag, in Jerusalem zu bleiben und auf die verheißene Gabe des Heiligen Geistes zu warten. Und als dann am jüdischen Wochenfest/Schawuot 50 Tage nach Pessach/Passah der Heilige Geist in den Zeichen von Wind und Feuerzungen auf sie herniederkommt, da verlassen sie ihre Klausur und treten gestärkt durch die „Kraft aus der Höhe“ an die Öffentlichkeit und reden freimütig von den „großen Taten Gottes“. Und zwar vor Menschen aus aller Welt, die dieses Fest wegen nach Jerusalem gekommen sind. Und – höre da: Ein jeder versteht die Jünger Jesu in seiner eigenen Sprache von den großen Taten Gottes reden. Was auch immer da an diesem Tag geschehen ist und wie auch immer das möglich ist: Die Botschaft von den großen Taten Gottes lassen die Menschen einander verstehen und einen sie um eine gemeinsame Mitte, die nicht Menschen, sondern Gott selber errichtet hat. Und diese Mitte ist nicht ein Turm, nicht ein Gebäude, sondern eine Person. Jesus, der Christus.

Natürlich ziehen das manche ins Lächerliche und haben auch sofort ihre eigene und einfache Stammtischerklärung für dieses „Sprachwunder“: „Die sind voll süßen Weins“, sagen sie. Denn sie wollen nicht verstehen, was da vor sich geht – und distanzieren sich davon auf diese Weise. Man kann sich also dieser von Gott geschaffenen Mitte verschließen, lässt sich nicht hinzurufen, sondern bleibt in der Zerstreuung. Welche hingegen die Botschaft von den großen Taten Gottes, die Botschaft von Jesus, dem Christus hören und verstehen, die haben forthin ein gemeinsames gottgewirktes, geistgewirktes Zentrum für ihr eigenes und für ihr gemeinsames Leben – in der Kirche.

Und was geschieht heute am Pfingstmontag in der Kirche zu Niederrotweil? Auch die Kirche baut Türme – wie die Menschen in Babel. Allerdings Kirchtürme, genauer: Glockentürme. Und wie die Kirchen, so sind auch deren Türme von Menschen erbaut – und müssen deshalb auch immer wieder saniert werden. Und wie der Turm zu Babel, so bildet auch eine Kirche mit ihrem Turm - zumindest bisher – eine Mitte, um die sich ganz andere Gebäude ansammeln. Um das Sakrale lagert sich das Profane. Deshalb sollte man auch „die Kirche“ samt Turm im Dorf lassen, damit das Dorf eine Mitte hat, auf die das gemeinsame Leben ausgerichtet ist. In den babylonischen Megastädten unserer Zeit verhält es sich etwas anders: Da bilden die turmförmigen Hochhäuser der Banken das sakrale Zentrum und zeigen, worauf das profane Leben ausgerichtet ist und um was es sich dreht – deutlich sichtbar in Frankfurt, oder durch die vormals symbolträchtigen Twin-Towers des World-Trade-Centers in New York. Das Geld bringt tatsächlich Menschen zusammen und lässt sie einander verstehen – aber es entzweit sie genauso und lässt sie verbittert auseinander laufen.

Aber wie das Gebäude einer Bank, so wird auch das Gebäude einer Kirche von Menschen erbaut und saniert – und weist doch darauf hin, dass die Kirche nicht von Menschen erbaut und erhalten wird. Eine Kirche, die Kirche weist über sich hinaus – wie schon ein Kirchturm nach „oben“ weist. Damit weist er darauf hin, dass die irdische Kirche einen himmlischen Ursprung hat – und erinnert damit an jenen Anfang in Jerusalem: Wie da um die Botschaft von den großen Taten Gottes sich Menschen aus der ganzen Welt versammelten und kraft des Heiligen Geistes diese Botschaft - und durch die Botschaft einander - verstehen.

Damit dies in der Kirche weiterhin gott- und geistgewirkt geschehen kann, bauen Menschen Kirchen – und zwar ganz bewusst mit einem Turm, mit einem Glockenturm. Denn der Glocken wegen hat – normalerweise – jede Kirche einen Turm. Denn mit den Glocken fängt „die Kirche“, fängt der Gottesdienst an: Die Glocken rufen herbei und laden in der universalen Sprache des Klangs ein, in der Kirche, in einer Kirche, die Botschaft von den großen Taten Gottes zu hören und sie zu feiern. Und wie eine Kirche – vielleicht-  noch die Mitte eines Dorfes ist, so ist die Mitte einer Kirche, der Kirche das Dreigestirn von Kanzel-Altar-Taufstein. Es sind die besonderen Orte der verborgenen Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen im Wort und Sakrament. Hier schart er die Seinen um sich, um sie wenigstens am Sonntagmorgen um sich zu versammeln und sie wenigstens am Sonntagmorgen vor heilloser Zerstreuung zu bewahren.

ER schart sie um sich, um sie auszurüsten und auszusenden in den Alltag der Welt. Darum hat das Gemäuer jeder Kirche Türen: Man geht hinein und wieder hinaus. Inmitten ganz anderer, alle Dächer überragender Türme und ganz anderer süß und verlockend klingender Glocken soll ihr Leben von der Verbundenheit und Zugehörigkeit zu IHM, dem gekreuzigten und auferstandenen Christus zeugen. Aber nicht trotzig gegen die Welt, sondern wegweisend für die Welt. Denn die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche steht exemplarisch für die Einheit der ganzen Menschheit. Und dieses gelebte Zeugnis der Einmütigkeit in Christus sind wir als christliche Kirche der zerstreuten Welt schuldig. Amen.


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...zu Pfingsten 2014 -

anlässlich eines ökumenischen Gottesdienstes an Pfingstmontag

Wenn es Weihnachten nicht gäbe, würde etwas fehlen. Wenn es Ostern nicht gäbe, würde etwas fehlen. Wenn es Pfingsten nicht gäbe – würde was fehlen?

An Weihnachten sind die Kirchen ziemlich voll. An Ostern noch einigermaßen. Aber an Pfingsten fehlen viele Leute - weil ihnen ohne Pfingsten doch nichts fehlt?

Wie man Weihnachten feiert, weiß jeder. Wie man Ostern feiert, weiß noch mancher. Aber wie man Pfingsten feiert - weiß das jemand?

An Weihnachten geht's um das Kind in der Krippe. An Ostern um ein geheimnisvoll leeres Grab. Und an Pfingsten - um was geht's da?

Ja natürlich – um den Heiligen Geist. Stimmt. Das Problem ist nur: Geist – und also auch der Heilige Geist – ist einfach nicht zu fassen. Er ist so wenig greifbar wie Wind oder Feuer. Vielleicht deshalb auch nicht begreifbar. Viele leugnen darum jeden Geist und sehen alles als Materie an – oder als Material. Was wir als den menschlichen Geist oder als Gedanken bezeichnen, das sind dann nachweisbare neuronale Verschaltungen in unserem Gehirn. Aber mehr ist da nicht. Und das wichtigste ist, dass diese Verschaltungen funktionieren. Mehr ist da nicht zu wollen, denn mehr lässt sich nicht nachweisen. Geist lässt sich einfach nicht nachweisen, ist unterm Mikroskop wissenschaftlich  nicht nachweisbar. Man kann nicht auf ihn zugreifen. Also - gibt's ihn nicht. -

Und tatsächlich: Man kann den Menschen und die ganze Welt so geistlos sehen – und dementsprechend auch mit Mensch und Welt geistlos umgehen. Dann kommt es nur noch aufs Funktionieren an. Und wenn etwas nicht mehr funktioniert, dann wird es  repariert oder operiert oder – eliminiert und liquidiert. Na und… alles nur Materie. Alles nur Material.

Nochmals: so rein materiell und also geistlos kann man Mensch und Welt betrachten – und wird dementsprechend auch mit Mensch und Welt umgehen. Was dabei herauskommt, das sieht - ein Blinder. -

Es ist jedoch durchaus logisch, den Spieß umzudrehen. Dann ist alles sinnlich Wahrnehmbare und Nachweisbare und Beweisbare, alles „Materielle“ eine „Äußerung“ des Geistes. Das Materielle und also sinnlich Wahrnehmbare ist Ausdruck einer schöpferischen Kraft, die sich darin „offenbart“ und - „verbirgt“. Denn als solche kann diese Kraft, kann dieser Geist in dem wahrnehmbaren Ausdruck nicht nachgewiesen oder gar bewiesen werden. Ein Buch besteht nachweisbar nur aus Papier und Druckerschwärze. Und doch verbirgt und offenbart sich darin der Geist dessen, der dieses Buch geschrieben hat. Vorausgesetzt, man ist selber nicht geistlos und kann dieses Buch lesen und verstehen.

Dann aber setzt ein geistiges Erkennen und Verstehen den Geist selber voraus. Ohne Geist ein Buch zu lesen, gelingt nicht. Und wo Geist ist, da geht man mit einem guten Buch auch angemessen und würdig um: Man liest es – und nimmt es nicht zum Anfeuern.

Wenn die ganze Schöpfung ein „Buch Gottes“ ist, dann setzt es Geist voraus, in diesem Buch zu lesen. Es setzt dafür sogar den Geist voraus, mit dem dieses Buch geschrieben wurde: den Geist Gottes. Und dieser Geist macht dann die Schöpfung Gottes lebendig und zur Ansprache Gottes an den Menschen. Das Wort, durch das die Welt geschaffen wurde, spricht mich dann heute immer noch aus der Schöpfung an. Und mein Umgang mit der Schöpfung wird zur gelebten Antwort.

Dergleichen setzt es Geist voraus, um „das Wort“ zu hören und zu verstehen, welches in Jesus von Nazareth „Fleisch“ geworden ist. Noch genauer: Es setzt wiederum den Geist voraus, der sich in dieser Fleischwerdung „äußert“. Das ist der Geist Gottes, der Heilige Geist. Und wenn ich dieses Wort höre und verstehe, dann gibt mein Leben darauf Antwort.

Natürlich kann ich - wie die ganze Welt und jeden Menschen - so auch Jesus geistlos und also rein „materiell“ und d.h. „wissenschaftlich“ betrachten. Dann ist er nur eine historische Erscheinung der Vergangenheit auf der Schiene der Zeit. Vielleicht irgendwie interessant, aber letztlich so bedeutungslos wie alles andere. Denn auch bei ihm deutet nichts darüber hinaus.

Wenn sich aber Gott in Jesus von Nazareth äußert, dann kann ich Jesus als Äußerung Gottes nicht ohne den Geist Gottes verstehen, sowenig ich diese Welt als Schöpfung Gottes ohne den Geist Gottes verstehen kann. Der heilige Geist ist die Voraussetzung, um zu erkennen, wo sich Gott offenbart bzw. worin er sich verbirgt. Darum ist ohne den Heiligen Geist nichts zu erkennen vom Wirken Gottes, von seinen Werken.

Wenn das stimmt, dann ist Pfingsten, also das Kommen des heiligen Geistes, absolut notwendig - zumindest für die christliche Kirche. Ohne den Heiligen Geist gäbe es dann gar keine christliche Kirche. Wenn darum auch in der Kirche die materielle und funktionale Sichtweise vorherrscht, also die Zahl und nicht mehr das Wort, dann ist sie nicht nur geistlos geworden, sondern hat auch aufgehört, christliche Kirche zu sein. Wenn darum Pfingsten fehlt, dann fehlt in der Kirche – alles.

Was aber hat es aber dann zu bedeuten, dass für viele Menschen ohne Pfingsten scheinbar nichts fehlt und sie deshalb - im Gottesdienst fehlen? Es hängt bestimmt mit der Unanschaulichkeit des Geistes und damit auch dieses Festes zusammen. Es könnte auch sein, dass wir schon so geistlos geworden sind, dass wir die Notwendigkeit des Geistes gar nicht mehr bemerken. Es könnte auch sein, dass wir in der Kirche meinen, selbstverständlich schon genug Geist zu haben und zu besitzen. Das aber wäre ein verhängnisvoller Irrtum. Die Unanschaulichkeit des Geistes hat etwas zu tun mit seiner Unverfügbarkeit. Er entzieht sich unserem Zugriff. Wir können über den Heiligen Geist nicht verfügen - und deshalb nichts mit ihm machen. Er ist kein verfügbares Material. Im Gegenteil: Der Geist Gottes als die Kraft Gottes macht etwas mit uns und verfügt über uns – wenn wir uns ihm nicht verschließen und ihn bitten, bei uns einzukehren. Dann öffnet er uns nicht nur Herz und Sinne und Verstand für die Schöpfung Gottes und den Sohn Gottes. Dann wohnt er auch in uns, führt und regiert uns. Wir sind dann allerdings nicht mehr selbstbestimmt, nicht mehr „autonom“. Er wird Herr in meinem Hause – und nimmt mich in seinen Dienst. Will ich das wirklich?

Denn konfliktfrei geht es dann nicht ab. Ich hab ja meinen Kopf und will mit dem auch immer wieder durch die Wand und will ihn durchsetzen – gegen andere. Ich werde erfahren müssen, wie der Heilige Geist mich öfters zurücknimmt.

Und noch mehr: Durch ihn wird mir klar, dass meine ganz Selbstbestimmung und Autonomie nur Einbildung ist. Denn da gibt es noch ganz andere, unheilige Geister, die sich unbemerkt bei mir eingeschlichen haben und in mir wohnen und mich regieren. Auch mit diesen gerät er in Konflikt. -

Um den Geist Gottes, um den heiligen Geist zu bitten ist also riskant. Pfingsten ist riskant – für den einzelnen Christen wie für die ganze christliche Kirche. Vielleicht ahnen das viele – und bleiben deshalb an Pfingsten lieber weg. Andere aber scheinen immer noch etwas anderes zu ahnen: Dass wir als einzelne Christen wie auch als christliche Kirche den Heiligen Geist bitter nötig haben. Denn ohne ihn ist alles geistlos und damit leblos und lieblos. Dann geht es nur doch korrekt zu – und hört Kirche auf, christliche Kirche zu sein. Dann beschränkt man sich auf die korrekte Verwaltung kirchlichen Tradition – oder  konzentriert sich auf die kontrollierte Verwirklichung selbstgesteckten Ziele. Man macht etwas – aber lässt nichts mit sich machen. Man wirkt das eigene Werk – aber das ist nicht das Werk des heiligen Geistes. Dann gewinnt die Zahl und das Zählen und also das verfügbar Materielle die Übermacht über das Wort und das Zeichen und also den unverfügbaren Geist.

Um diese Gefährdung hat die christliche Kirche von Anfang an stets gewusst – und sich zugleich immer wieder an die Verheißung des Heiligen Geistes erinnert. Wissend um Gefährdung und Verheißung ist Pfingsten ganz bewusst das dritte und letzte große Fest im Jahr der Kirche.

Geht es bei Weihnachten und Ostern vor allem ums Danken, so geht es an Pfingsten nur ums Bitten: Um die alte Bitte ganz neu: „Komm, heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner göttlichen Liebe.“ Amen

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...zu Worte und Wein -

anlässlich der Einweihung des neuen Weinkellers von Fritz Keller

Was passiert eigentlich, wenn Fritz Keller die Eröffnung seines neuen Weingutes mit ihnen feiert?

Ganz grob gesprochen und doch genau getroffen passiert zweierlei: es wird getrunken – wie man auch sieht, und es wird geredet – wie man jetzt hört. Und je mehr man trinkt, umso länger wird geredet – und je länger man redet, umso mehr wird auch getrunken. Erst recht bei solch herrlichen Weinen und festlichem Anlass. Doch Worte und Wein scheinen überhaupt miteinander verwandt, geistesverwandt zu sein.

Darum steigt der Wein in den Kopf – und löst von dort aus wiederum die Zunge. Er macht gesprächig und gesellig – und das mach wiederum durstig. Doch wo diesbezüglich zuviel geschieht, da trifft ganz gewiß die Mahnung aus dem bibl. Buch der Sprüche zu: “Der Wein macht lose Leute durch eine lose Zunge.“ Dabei soll er doch – wie wir zuvor gehört haben – „des Menschen Herz erfreuen“!

Doch wie drückt sich nun diese Geistesverwandtschaft zwischen Wein und Worte aus? Wie wird sie sinnenfällig?

Was beim Wein als „Weinansprache“ zu sehen, zu riechen und schließlich zu schmecken ist, genau das ist auch bei einer Ansprache mit Worten zu reden oder zu hören.

Wie so mancher Wein, gibt es auch so manche Reden, die sind recht trocken, ziemlich herb, oder sogar säuerlich – und das ist schon gar nicht mehr lustig; bis dahin, daß sie einem auch später noch sauer aufstoßen. Sie ziehen einem alles zusammen und vielleicht ebenso das Hemd aus der Hose. Nicht zu verwechseln mit einem säurebetonten schlanken Wein. Der ist erfrischend und macht lustig, macht Lust auf mehr – wie so manch knackige Worte, die manch breites und fades Gerede wieder in Form und Linie bringen.

Umgekehrt gibt es wiederum Reden mit erheblicher Restsüße. Die Süße überdeckt dann alles, schmeichelt im Augenblick sehr, aber man verträgt nicht viel davon, sie macht schnell satt und verursacht wahrscheinlich einen dummen Kopf. Das trifft bisweilen auch auf Auslesen zu, auf auserlesene Worte, wenn sie nicht bis zu einem gewissen Grade doch so weit wie möglich durchgegoren sind. Irgendwo in der Mitte zwischen dem zu Sauren oder zu Süßen liegt eine große, angenehme und geschmacksreiche Palette von Worten und Weinen. Da geht es dann recht fruchtig und duftig, saftig und würzig zu, manchmal auch schillernd mit vielen Reflexen und Zwischentönen.

Bedenklich wird es aber auch, wenn zu viele Schönungsmittel eingesetzt werden oder gar Schönfärberei getrieben wird. Die rauben zu sehr den Charakter und man würde tatsächlich den Leuten nicht mehr reinen Wein einschenken – auch nicht mit schönen Worten.

Und wie der Wein, so können auch Reden recht gefällig sein. Sie liegen gut auf der Zunge – und im Ohr. Wenn auch für den Moment tauglich, halten sie doch nicht all zu lange an und sind gar bald wieder vergessen. Ihr Abgang ist recht kurz. Dazu gehört auch jene Kategorie von Tisch- und Tafelreden, zu denen am besten Tisch- und Tafelwein serviert wird; eben einfach, aber nicht unbedingt ausdruckslos.

Geht es jedoch über einfache Tischreden hinaus, wie etwa bei Festreden, dann sollte es schon etwas mit Qualität sein, mit etwas mehr Potential und Komplexität und auch Finesse. Spürbar auch eine gewisse Reife, die sich evtl. über Jahre eingestellt hat; vielleicht eine Art Reserva - also etwas, was längere Zeit bewußt zurückgehalten wurde, damit es in Ruhe reifen kann – und eben nicht gleich ausgeplaudert oder ausgeschenkt wird. Und dann auch nicht unbedingt für jedermanns Mund oder Ohr. Man soll Perlen bekanntlich nicht vor …

In Ruhe gereift und zu gegebenem Anlaß unter die Leute oder aus dem Keller gebracht – das liegt dann anders auf der Zunge und in den Ohren als gestresster Wein oder gestresste Worte. Die wirken durch zuviel Umwälzung müde und immer etwas muffig; kriegen einen untypischen Alterungston - und machen einen selbst müde und muffig. Ihnen fehlt jene Spritzigkeit und Frische, die prickelnd und perlend ist.

Solch belebend und erfrischend ausgebauter Wein oder aufgebaute Worte sind wohl den hellen Tag über am ehesten angebracht, während dann zur Dämmerung hin doch wohl eher dem Gereiften und Tiefgründigen der Vorzug zu geben ist. Wie es das rechte Wort zur rechten Zeit gibt, so auch den richtigen Wein zur richtigen Stunde. Man kann nicht jederzeit alles trinken, ertragen, hören. Das geht einem an den Nerv oder steigt einem in den Kopf.

Und wie man beim Wein bekanntlich nicht durcheinander trinken soll, so auch bei Worten nicht zu vieles durcheinander hören oder durcheinander reden. Das verwirrt die Sinne und den Verstand und gibt irgendwann einen Kater und schlechte Laune.

Aus ähnlichem Grunde sollte man mit Wein oder Worten auf nüchternen Magen sehr vorsichtig sein. Eine gute Grundlage ist allemal eine gute Voraussetzung und hält im wahrsten Sinne des Wortes besser Stand – insbesondere wenn beides, Wein und Worte zu erfreulichem Anlass gleichermaßen gehäuft auftreten und man beiden geistig standzuhalten hat. Auch wenn es immer nur Pfützen im Glas sind, die sich nacheinander abwechseln – irgendwann wird’s halt doch mal ein Teich.

Ja, überhaupt: Die Wirkung mitbedenken. Schließlich steigen sowohl Wein wie auch Worte in den Kopf, machen beschwingt oder müde; bereiten einem Kopfschmerzen oder Bauchweh, können des Menschen Herz erfreuen oder den Kreislauf belasten, können gesund machen oder krank. Denn beide – Worte und Wein - sind ein Pharmakon: sind Heilmittel oder Giftmittel – was von der Dosis, von der Menge abhängt. Maßlosigkeit ist bei beiden gesundheitsschädlich.

Um Ihnen keinen gesundheitlichen Schaden zuzufügen, setze ich hier einen Punkt – und gebe das Wort – aber nicht das Glas - weiter an Herrn Pfarrer Trost; und auch an manch andere...

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... zu Epiphanias -

anlässlich der evangelischen Vergesslichkeit

  Wir haben es bei Epiphanias mit einem Stiefkind zu tun. Zumindest wir Evangelischen können mit ihm nicht so recht etwas anfangen. Wer hat es überhaupt in diese Welt gesetzt, wer hat es aufgezogen? Zu wem gehört es denn überhaupt? Und wie heißt es denn eigentlich – dieses Stiefkind des Kirchenjahres? In der röm.-kath. Kirche ist es auf jeden Fall ein Mitglied der Familie des Kirchenjahres und trägt den Namen: Tag der „Heiligen drei Könige“. Muss also irgendetwas mit Weihnachten zu tun haben. Da tauchen nämlich diese drei so ungefähr genau auf. Aber sind die denn so wichtig, dass sie einen eigenen Feiertag kriegen? Warum gibt es dann nicht auch einen Feiertag der „Heiligen Hirten“? Die haben doch auch irgendetwas mit Weihnachten zu tun - und sind vielleicht mindestens genauso wichtig.

Aber dieses Stiefkind hat ja auch noch einen anderen Namen. Evangelischerseits heißt es gut lateinisch „Epiphanias“. Und das, obwohl die Evangelischen mit dem Lateinischen fast gar nichts zu tun haben – wollen. Die halten es nämlich lieber mit Deutsch. Sagen vielleicht auch deshalb die Evangelischen „Drei Könige“ zu diesem Feiertag?

Oder - hat „Epiphanias“ nicht doch etwas mit den Hirten zu tun, so dass es die Evangelischen mal wieder typischerweise mit den schlichten Hirten halten und die Katholischen mal wieder typischerweise mit den prunkvollen Königen? Passt doch ganz gut zu den Kirchen –stimmt aber nicht! Nicht alles, was passt, stimmt! Und nicht alles, was stimmt, muss unbedingt passen…

Wie kommt nun aber gerade der 6. Januar zu diesem seltsamen Namen „Epiphanias“? Ein Lied gibt uns darauf schon ein wenig Antwort: „Dies ist die Nacht, da mir erschienen des großen Gottes Freundlichkeit…“ (40,1-3)

„Epiphanias“ heißt „Erscheinung“ - und weist allerdings nicht auf die Erscheinung jenes Sterns oder der drei Könige hin, sondern auf die Erscheinung von „des großen Gottes Freundlichkeit“ in Christus. „Christ ist erschienen, uns zu versühnen“. Um dieser Versühnung, um diese Versöhnung willen ist Christus erschienen. Das ist doch das Evangelium, frohe Botschaft: „Gott versöhnte in Christus die Welt mit ihm selbst …“ Und wann und wo geschah diese „Versühnung“? Am Kreuz – und (noch) nicht in der Krippe - und wurde offenbar am Ostermorgen. Deshalb ist das erste christliche Fest, das man in der christlichen Kirche von Anfang an feierte, das Osterfest – genauer gesagt ist es das „christianisierte“ Passahfest des Judentums. Und weil das Judentum sich am Mondjahr orientiert und nicht am Sonnenjahr, ist der Termin von Ostern jedes Jahr etwas anders. Dementsprechend auch 40 Tage später das Pfingstfest, das „christianisierte“ Wochenfest des Judentums. Weil das Christentum im Judentum seine bleibenden wurzeln hat, darum sind ursprünglich jüdische Feste aufgenommen und christlich „umgetauft“ worden.

Aber mit der Zeit hat sich die christliche Kirche immer mehr vom Judentum und damit auch von Israel bzw. Palästina - wie es die Römer nannten - entfernt und ist in anderen Ländern heimisch und auch kulturell verwurzelt geworden; so vor allem in der Türkei, in Griechenland, in Italien und Ägypten. Und da rechnete man auch nicht mit dem Mondjahr, sondern mit dem Sonnenjahr. Da wurde ein Fest immer an einem bestimmten Datum im Jahr gefeiert – etwa immer am 6. Januar. Außerdem vertiefte die Christenheit in diesen Ländern immer mehr das Verständnis vom Osterfest als das Fest der Erscheinung bzw. Offenbarung von Gottes Freundlichkeit, indem sie es in anderen vorhergehenden Ereignissen im Leben Jesu schon aufscheinen sah. Und auch diese vorhergehenden Ereignisse wollte man nun als „Erscheinungsfest der Freundlichkeit Gottes“ feiern – die dann an Ostern erst recht zum Vorschein und Aufscheinen kommt.

Was nun das Datum des 6. Januar anbetrifft, so stammt dieses aus Alexandria in Ägypten. An diesem Tag wurde zu Beginn des 4. Jahrhunderts in der koptischen Kirche in Ägypten sowohl die Taufe Jesu wie auch Jesu Geburt wie auch das erste Wunder Jesu auf der Hochzeit zu Kana gefeiert – denn da offenbarte sich zum ersten Mal seine Herrlichkeit. Als man später in den westlichen Kirchen – vor allem in Italien – dann begann am 25. Dezember aus ganz anderen Datumsgründen Jesu Geburt zu feiern, verband man mit dem 6. Januar in Ägypten forthin vor allem nu noch die Taufe Jesu. In der zweiten Hälfte des 4. Jhdts. breitet sich dann der 6. Januar als Fest der Taufe Jesu in den Kirchen des Ostens wie des Westens aus und gelangt schließlich auch nach Rom, wo es dem hier bereits heimischen Weihnachtsfest am 25. Dezember zur Seite tritt. Nur die armenische Kirche feiert bis heute das Weihnachtsfest wie ursprünglich am 6. Januar und kennt keinen römischen 25. Dezember

Nachdem jedoch am 25. Dezember das Fest der Geburt Christi im Westen fest beheimatet war, ordnete man dem 6. Januar in Gallien neben dem schon vorhandenen Motiv der Taufe Jesu und der Hochzeit zu Kana nun auch die Anbetung der drei Weisen zu. Diese gelangt dann allmählich in Rom sogar immer mehr zum Motiv dieses Tages. So wurde schließlich von Rom aus der 6. Januar zum „Tag der heiligen drei Könige“.

Dass es drei waren ist biblisch nicht bezeugt – schließt man aber schon sehr früh aus den drei Gaben von Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und zu Königen wurden die Weisen oder Magier erst später aufgrund einer Prophezeiung im Altes Testament:“ Und die Heiden werden zu deinem Licht ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht“. Auch glaubte man ihre Namen zu kennen: Caspar, Melchior, Balthasar. Am 23. Juli 1164 wurden angeblich ihre Reliquien von Mailand nach Köln überführt. Und so wurde aus diesem ursprünglichen Christusfest immer mehr ein Heiligenfest. Diesen Charakter hat es bis heute in der röm.-kath. Kirche. Weil es diesen Charakter in der evangelischen Kirche nicht haben kann, sind wir bei der ursprünglichen Bedeutung des 6. Januar geblieben bzw. wieder dorthin zurückgekehrt und haben ihm den ursprünglich lateinischen Namen auch gelassen bzw. wieder gegeben: Epiphanias – Fest der Erscheinung der heilsamen Gnade Gottes in Christus. Diese besingen wir nun mit dem Lied: „Also liebt Gott die arge Welt…“ (51,1-3)

Auch wenn das alles gut evangelisch ist, so hat Epiphanias in der evangelischen Kirche doch nie richtig Fuß gefasst – weshalb auch heute in den meisten evang. Kirchen keine Gottesdienste gefeiert und wenn, sie schlecht besucht werden. Denn „Heilige drei Könige“ wollte und konnte man nicht feiern und die Erscheinung der Herrlichkeit und Menschenfreundlichkeit Gottes hat man doch an Weihnachten schon genug gefeiert. Stimmt! Aber der 6. Januar feiert die verborgene Seite des Weihnachtsfestes – und ergänzt insofern sinnvoll den 25. Dezember. Da steht die Menschwerdung Gottes und damit seine Erniedrigung ins Fleisch ganz im Vordergrund – bis hin zur Erniedrigung am Kreuz. Deshalb gehören Krippe und Kreuz zusammen. Das hat vor allem Jochen Klepper erkannt – in seinem wunderbar- unbekannten Lied: „Du Kind, zu dieser heilgen Zeit gedenken wir auch an dein Leid…“ Der 6. Januar aber, Epiphanias, ist das evang. Christkönigsfest. Das in einem dürftigen Stall geborene Christuskind ist der heimliche „König der Ehren“, der „König der Wahrheit“. Deshalb ist zwar auch in evang. Gottesdiensten an diesem Tag von den Weisen aus dem Morgenland zu hören, aber nur weil diese den „neugeborenen König der Juden“ suchen. Wenn es um einen König geht, dann nicht um Caspar, Melchior, Balthasar, sondern um Jesus. „O König aller Ehren, Herr Jesu Davids Sohn…“ haben wir vorhin gesungen.

Mit dem 6. Januar, mit Epiphanias, ist darum von Anfang an auch das Licht-Motiv verbunden. Aber wiederum Jesus als das Licht der Welt, als der helle Morgenstern, der selber den Weisen aus dem Morgenland den Weg zu sich weist. Und damit ist er auch das Licht der Heiden, das Licht der Völker. Das aber kommt wiederum endgültig mit seiner Auferstehung von den Toten zum Vorschein. Das Osterlicht bezeugt ihn in vollem Glanz als das Licht der Welt. Jetzt sehen wir: Wie schon die Krippe auf das Kreuz als Ort der Erniedrigung Gottes hinweist, so weist auch schon Epiphanias auf Ostern hin als Ort der Offenbarung seiner Königsherrschaft. Und wie der Karfreitag und der Ostersonntag zusammengehören und ein Ganzes bilden, so gehören auch Weihnachten am 25. Dezember und Epiphanias am 6. Januar zusammen und bilden ein Ganzes.

Noch mehr. Wie Karfreitag und Ostersonntag ursprünglich aus dem judenchristlichen Festkalender stammen und Weihnachten und Epiphanias später aus dem heidenchristlichen dazukamen, so weisen diese verschiedenen Feste auf die Zusammengehörigkeit von Judentum und Christentum hin – und also darauf, dass Christus das Licht für alle Völker ist: Zuerst für die Menschen, von denen er kommt – die ihn aber größtenteils immer noch ablehnen. Dann aber auch für solche Menschen, zu denen er kommt, die ihn aber oftmals verkennen. Singen wir deshalb für uns alle: „O Jesu Christe, wahres Licht, erleuchte, die dich kennen nicht… (72,1-3)

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...zum Adventskalender -

anlässlich seiner kreativen Verunstaltung

 Habt Ihr zuhause auch einen Adventskalender? Und zwar einen echten, bei dem man jeden Tag ein Türchen aufmacht und dabei mit irgendeiner Süßigkeit überrascht wird. Und das letzte Türchen ist gar ein Tor, das Tor vom Stall zu Bethlehem. Und hinter diesem Tor verbirgt sich das Christkind, das Christuskind.

Und also öffnet sich jeden Tag eine neue Türe und gibt ihre Überraschung preis. Das macht gerade für die Kinder das Warten bis Weihnachten erträglicher, wenn sie sehen: es geht voran; die geschlossenen Türen nehmen ab, die offenen nehmen zu – bis schließlich das letzte Tor vom Stall zu Bethlehem offen ist und also der Heilig Abend da.

Was jedoch für Kinder nie schnell genug gehen kann, das geht für uns Erwachsene oftmals viel zu schnell: Was, schon wieder bald Weihnachten, schon wieder bald Heilig Abend?! Wo geht denn die ganze Zeit hin? Wo sind die Tage hin?

Doch seltsam: der Adventskalender kennt im Fluss der Zeit etwas, das andere Kalender eigentlich nicht kennen: Er kennt ein Ziel – und zwar die Ankunft Gottes im Fleisch, die Menschwerdung Gottes, die sich hinter der letzten großen Tür verbirgt, nachdem alle anderen Türen geöffnet und durchschritten sind. Hinter der letzten großen Tür trifft man dann auf die „Süßigkeit Gottes“, von der so manche alte Kirchenlieder wissen, wenn sie vom „süßen Jesulein“ singen. Für unser Empfinden vielleicht etwas zu süßlich.

Im Adventskalender ist nun der Weg zum „süßen Jesulein“ in der Krippe zu Recht mit allerhand weltlichen Süßigkeiten als Vorgeschmack darauf versüßt. Die irdischen Süßigkeiten sind auf diese Weise Vorboten der „Süßigkeit Gottes“, die da an Weihnachten erscheint, wenn sich die letzte Türe, das letzte große Tor auftut.

Darauf bewusst zuzugehen, dazu will uns der Adventskalender helfen. Der Adventskalender ist darum eigentlich ein Terminkalender - der ganz besonderen Art. Und der einzige Termin ist unsere Ankunft bei seiner Ankunft, die sich hinter der letzten großen Tür verbirgt.

Natürlich gibt es inzwischen auch andere Arten von wunderschönen Adventskalendern; solche, die ohne Süßigkeiten und ohne Tür und Tor auskommen. Und doch wage ich zu behaupten, dass solchen Adventskalendern etwas Wichtiges fehlt. Eben diese unscheinbaren kleinen Türchen – und zum Schluß das große Tor.

Denn gerade das Öffnen derselben, so schnell es auch geschehen mag, gerade dieser flüchtige Vorgang des Öffnens hat seine tiefe Bedeutung. Was da Tag für Tag bei solch einem Kalender geschieht, das gehört nicht nur zum Wesen des Advent, sondern spielt in unserem Leben eine entscheidende Rolle: Verschlossene Türen werden nach und nach geöffnet – bis schließlich einmal das letzte, große Tor sich für uns auftut, und wir die Süßigkeit Gottes schmecken und sehen. Im Blick auf diese sind dann alle irdische Süßigkeiten nur ein Vorgeschmack.

Aber bis dahin gehen eben die kleinen Türen auf: Denn wie ein Raum ohne Türen einem Gefängnis gleicht, so auch unser Lebensraum. Wenn da nicht immer wieder etwas aufgeht und sich öffnet, sind wir Gefangene. Wir mögen in einem goldenen Käfig wohnen, aber ohne Türen ist auch er nur ein Gefängnis.

Türen sind die Nahtstellen zwischen innen und außen, zwischen drinnen und draußen; sind die Voraussetzung dafür, dass Begegnung mit anderen stattfindet. Wer in sich verschlossen ist, der kommt beim andern nicht an – und andere kommen bei ihm nicht an.

Gewiss, es ist ein Wagnis, sich nach draußen zu begeben und auf andere zuzugehen. Und es ist auch ein Wagnis, andere zu sich hereinzulassen, ihnen Raum zu gewähren im eigenen Haus, im eigenen Herzen. Ganz klar: Wer für alles offen ist, der kann wirklich nicht ganz dicht sein. Das ist richtig. Aber wer ständig nur dicht macht und abblockt, der bleibt letztlich mit sich selbst alleine und wird bitter einsam. Wir leben von der Begegnung, wir leben vom Austausch.

Türen sind deshalb elementar für unser Leben; für unseren Lebensraum. Sie schützen vor Zudringlichkeiten – aber sie verbinden auch nach draußen. Es will überlegt sein, wem ich mich öffne – oder zu recht verschließe.

Das aber zeigt: Wir führen als Menschen natürlich ein „adventliche Leben“ – wir sind darauf angewiesen, dass etwas oder jemand bei uns ankommt – und wir bei ihm. Wir sind auf Gemeinschaft hin angelegt – und nicht auf Einsamkeit. Es gibt eine ganz natürliche Offenheit für Zukünftiges – auf das ich mich freue, oder vor dem ich mich fürchte. Es gibt eine ganz natürliche Erwartungshaltung für Kommendes, dem ich freudig oder furchtsam entgegengehe. Wer jedoch verschlossen ist und nichts mehr erwartet, für den tut sich auch keine Tür mehr auf. Er ist mit Gott und der Welt am Ende – und auch mit sich selber. Und das gibt es. Leider.

Und dann gibt es – zum Glück - so ein kleines und unscheinbares Ding wie ein Adventskalender, das diese weit verbreitete Haltung kräftig gegen den Strich bürstet. 23 Mal wird man jeden Tag daran erinnert: Schließ dich nicht ein. Schließ dich nicht ab. Öffne deine Herzenstür für jemand, der dich braucht; öffne deine Haustür für jemand, der dich besuchen möchte; öffnet eure Kirchentür für alle Menschen. Öffne dich für andere Menschen und – für Gott. Geh auf den zu, der dir entgegenkommt. Das Öffnen meiner Tür für andere Menschen ist die zeitliche Einübung für das Öffnen der letzten großen Türe für Gott am Ziel der Zeit.

23 Mal wird man also in der Zeit des Advent daran erinnert. Und beim 24. Mal, beim letzten Mal eben an dies besondere: Einmal tut sich die ganz große Türe auf, hinter der sich Gott selbst verbirgt und offenbart.

Auf dem Weg dahin lautet die Aufforderung an uns:„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit...“ – und die Bitte an Gott: „O Heiland reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab wo Schloss und Riegel für.“

Aus der natürlichen Weise, „adventliche Menschen“ zu sein, wird so eine geistliche Weise. Denn dass wir „natürlich“ irgendwie etwas erwarten und hoffen, das ist immer so. Aber es bleibt letztlich leer, würden wir nicht mehr auf den warten und hoffen, der all unsere Erwartungen und Hoffnung erfüllt – und weit übertrifft. Dass wir „natürlich“ auf etwas zugehen, das führte uns letztlich ins Leere, würde der nicht auf uns zukommen, der sich damals im Stall zu Bethlehem auf den Weg zu uns gemacht hat.

An jedem Weihnachtsfest werden wir darum zur Anbetung des Gottes eingeladen, der in der Niedrigkeit des Fleisches seine Hoheit verbirgt und seine Liebe offenbart. Was ist das für ein Gott, der sich nicht zu gut ist, für uns ein Mensch zu werden! Was ist das für ein Gott, der hier auf Erden in der Krippe beginnt und am Kreuz endet! Der ist keine menschliche Erfindung. Wir Menschen erfinden ganz andere Götter. Aber hinter den Kulissen der Niedrigkeit verbirgt sich seine Herrlichkeit. Hinter der Kulisse der Gewöhnlichkeit sein Glanz. Hinter der Kulisse der Bitterkeit seine Süßigkeit.

Die Zeit des Advent ist die Zeit auf dem Weg dahin – und zwar im Gewand der eigenen Niedrigkeit und Gewöhnlichkeit und manchmal auch Bitterkeit. Darum ist dieser Weg ein hoffnungsvoller Weg. Denn die letzte große Tür, die sich uns öffnet, ist die Tür zur Anbetung Gottes. Hier endlich Einzug zu halten, das ist das Ziel aller Geschichte – der großen Weltgeschichte mitsamt meiner kleinen Lebensgeschichte.

Die Zeit des Advent will uns auf diesen hoffnungsvollen Weg setzen und allem, was auf und unter der Erde ist Richtung und Ziel geben – und also hoffnungsvolle Leute aus uns machen. Die Zeit des Advent ist darum besinnliche Zeit. Sie dient zur Besinnung auf den, der mich einst mit offenen Armen empfängt, aber mich auch mit Paul Gerhard ernsthaft fragen lässt: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn` ich dir, o aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier?!

Die Zeit des Advent ist eine Zeit der Einkehr, obwohl so viele ausschwärmen und vor allem die Türen der Kaufhäuser nicht mehr stillstehen. Aber das alles macht doch nur auf einen Lebenshunger aufmerksam, den sich kein Mensch selber nicht stillen kann.

Der das alleine kann, den gilt es deshalb gerade in der Zeit des Advent darum zu bitten – wie wir es zu Beginn auch getan haben:

  • „Komm o mein Heiland Jesu Christ,
  • mein‘s Herzens Tür dir offen ist.
  • Ach zieht mit deiner Gnade ein,
  • dein Freundlichkeit auch uns erschein.
  • Dein heilger Geist uns führ und leit,
  • den weg zur ewgen Seligkeit.
  • Dem Namen dein o Herr,
  • sei ewig Preis und Ehr.“

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...zur Bedeutung des Buß- und Bettags -

anlässlich seiner Abschaffung

 Die Wurzeln des Buß- und Bettages reichen zurück ins Alte Testament. Der „große Versöhnungstag“, der „jom kippur“, ist als höchster jüdischer Feiertag ein Tag der gemeinsamen Reue und Buße, des Gebetes und des Fastens. Ein "Sündenbock" wird mit der Sünde des Volkes beladen und in die Wüste geschickt. Aber auch Priester oder König können im Alten Testament Bußtage anordnen, wenn Krieg, Seuchen oder Hungersnot für das Gemeinwesen zu befürchten sind. Solche Tage setzten sich dann fort im römischen Reich und im ganzen Mittelalter.

Gerade weil er das Sakrament der Beichte und Buße so ernst nimmt, kritisiert Martin Luther die Beichtpraxis der Kirche seiner Zeit: Sie reduziere Buße und Vergebung auf kirchliche Formalitäten. Das ganze Leben müsse eine stetige Reue und Buße sein. Trotzdem wird schon 1532 – also noch zu Lebzeiten Luthers - vom Rat der Stadt Straßburg – also von einer politischen Institution - der erste evangelische Bußtag eingeführt. Andere folgen, bis es schließlich in 28 verschiedenen Kirchen 47 Bußtage an 24 verschiedenen Terminen gibt. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts strebt man nach Vereinheitlichung: Zuerst 1816 in Preußen, danach setzt sich der Mittwoch vor dem letzten Sonntag im Kirchenjahr als Buß- und Bettag auch in allen anderen Landeskirchen durch. Es ist Kaiser Wilhelm II, der im Deutschen Reich 1892 diesen Tag als einheitlichen Feiertag zur gemeinsamen Einkehr und Besinnung staatlich verordnet.

Adolf Hitler hat ihn dann 1939 zum ersten mal faktisch abgeschafft, indem er ihn durch Erlass auf einen arbeitsfreien Sonntag verlegte. 1950 wird er wieder als staatlicher Feiertag eingeführt und dann wieder 1995 - außer in Sachsen - als öffentlicher Feiertag abgeschafft - zur Kompensation der Kosten, die Arbeitgeber zur Finanzierung der Pflegeversicherung aufbringen müssen. Von Seiten der evang. Kirche sah man diesen Feiertagsverzicht z.T. als Dienst an der Gesellschaft an; schließlich käme er ja einer sozialen Aufgabe zugute. Und das habe doch etwas mit christlicher Nächstenliebe zu tun.

Seltsam ist nur, dass man damit gerade den Feiertag opferte, der seinem Wesen nach der einzige Feiertag war, der in besonderer Weise die kirchliche Verantwortung für Staat und Gesellschaft zum Inhalt hatte. Solch ein „Opfer“ konnte nur erbracht werden, weil man außerhalb und innerhalb der evang. Kirche den Buß- und Bettag vorwiegend der Buße und dem Gebet des Einzelnen zugeordnet sah. Und dazu braucht man wahrhaftig keinen besonderen Feiertag. Büßen und Beten kann der Einzelne auch am Sonntag in der Kirche oder am Werktag im stillen Kämmerlein zuhause oder ganz im Sinne Luthers: sein ganzes Leben. Zwar war seit den achtziger Jahren der Buß- und Bettag eingebettet in die ökumenische Friedensdekade und hat von daher auch ein neues Profil gewonnen: die Verantwortung der Kirche für Frieden und Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Ihn deshalb aber als erhaltenswert zu betrachten, konnte sich allgemein nicht durchsetzen. Da lag unter dem Anschein sozialer Nächstenliebe ein kirchliches Opfer für die Arbeitgeber näher.

Die Abschaffung dieses Feiertags bringt aber noch etwas anderes zum Ausdruck: Staat und Gesellschaft wollen zwar seltsamerweise weiterhin auf die Segnungen der Kirche nicht verzichten, wohl aber auf deren Mahnungen zur Umkehr und ihre Fürbitte vor Gott. Einmischungen oder gar Einsprüche dieser Art widersprechen der Autonomie und weltanschaulichen Neutralität von Staat und Gesellschaft. Darum solle sich die Kirche lieber aus allem Öffentlichen raushalten – und sich inzwischen auch aus allem Öffentlichen zurückziehen; also auch das Kreuz aus staatlichen Schulen. Der passiven Religionsfreiheit wegen.

Wenn das stimmt, dann kann ein Staat nicht einen Feiertag schützen, der gerade solch eine Einmischung zum Inhalt hat. Die Abschaffung dieses Feiertags als eines staatlich garantierten Feiertags ist staatlicherseits absolut logisch und konsequent.

Und was ist mit den anderen kirchlichen Feiertagen wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten? Die haben ihre öffentliche Daseinsberechtigung für die meisten Menschen in ihrem Freizeitwert. Manche Theologen betrachten diese Feiertage als ein Geschenk kirchlicher Nächstenliebe an die inzwischen säkulare Gesellschaft. Weshalb die Gesellschaft die Kirche auch mal ein wenig mehr lieben dürfte – was sie allerdings immer weniger tut.

Und wie steht's mit dem Sonntag? Ursprünglich gedacht und gesetzlich geschützt als ein Tag „der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“ (WRV) hat er inzwischen seinen Charakter ziemlich verändert. Seine Wertschätzung beruht ebenfalls auf seinem Freizeitwert. Vor allem an verkaufsoffenen Sonntagen, an denen man endlich mal Zeit hat, in Ruhe zu shoppen. Stressfrei, versteht sich. Aber gerade die verkaufsoffenen Sonntage zeigen, um was es geht: Nicht, dass der Mensch zur Ruhe kommt, sondern die Wirtschaft in Gang kommt – wie bei unserem großen Bruder: China. Dort gibt es schon lange keinen Sonntag als Ruhetag mehr. Dafür aber eine Wirtschaft die boomt mit traumhaften Zuwächsen. Dafür wird auch alles getan und geopfert – Landschaft und auch Menschen.

Nach dem Zeugnis des Alten Testaments und also auch für die christliche Kirche sind Menschenopfer dem Gott Israels ein Gräuel und werden nur Göttern dargebracht – also etwas Irdischem, das vergöttert wird. Die Beziehung zu diesen Göttern besteht in der Furcht vor ihrer unberechenbaren Macht, weshalb um ihren Zorn nicht zu spüren, man ihnen opfert – wenn sein muss auch Menschen. Seltsamerweise ist gemäß diesem alttestamentlichen Verständnis unsere säkulare Welt voller Götter. Mit zunehmender Globalisierung und Vernetzung nimmt nicht nur die Abhängigkeit von ihnen zu, sondern auch die Angst vor ihrem Zorn – im Falle der Verweigerung von Huldigung und Opfer. Die oberste Stellung in der Rangfolge der Götter hatte vormals die Wissenschaft; ihr opferte man den Glauben. Inzwischen ist es die Wirtschaft. An sie muss man inzwischen glauben. Doch des Lebens alleiniges Vertrauen in Produzieren und Konsumieren führt zur seelischen Verarmung und Verflachung.

Also macht die Abschaffung des Buß- und Bettages genau auf die öffentliche Gefährdung aufmerksam, worauf dieser Feiertag selber aufmerksam machen sollte: Das Menschsein des Menschen zu reduzieren auf sein materielles Funktionieren. Gefühllos, geistlos, gottlos. Stumm wird nun zur Sprache gebracht, was nicht mehr erwünscht ist, dass es zur Sprache gebracht werde – und vormals wohl auch kaum richtig zur Sprache gebracht wurde. Denn zu sehr war dieser Tag von der Kirche selber auf den Einzelnen ausgerichtet: Der möge Buße tun, umkehren von seinen Abwegen und Gott um Vergebung bitten. Von der Kirche selbst wurde ihr öffentlicher Auftrag reduziert auf die Seelsorge am Einzelnen.

Letztlich geht es tatsächlich immer um die seelische und soziale Not des einzelnen. Aber gerade in der Seelsorge am einzelnen erfahre ich, wie sehr dessen persönliche Not immer im Zusammenhang steht mit seinem sozialen Umfeld – in der eigenen Familie oder am Arbeitsplatz. Und genauso zusammenhängt mit dem „Geist der Zeit“, der in der Luft liegt: Mit Meinungen und Moden, mit geschürten Ängsten und künstlichen Hoffnungen. Das alles bestimmt und bemächtigt sich des einzelnen mehr als ihm bewusst ist. Sein schuldhaftes Verhalten ist immer auch Zeichen dafür, dass Menschen aneinander schuldig werden. Während der einzelne immer als Täter im Vordergrund steht und für sein Tun und Unterlassen verantwortlich ist, darf man doch nicht die Mächte und Kräfte vergessen, die sich im Hintergrund verbergen und verführen.

Darauf hinzuweisen gehört mit zum Dienstauftrag der Kirche, „der Stadt, des Staates und der Gesellschaft Bestes zu suchen“. Und wenn die Kirche diesen Dienstauftrag nicht mehr wahrnimmt, weil sie ihn sich leichtfertig nehmen lässt – zeigt sich nicht nur, wie wenig sie sich selber dieses Auftrags bewusst ist, sondern dass sie dadurch selber an Staat und Gesellschaft schuldig wird, weil sie ihren Dienstauftrag vernachlässigt. Vielleicht steht sie schon immer in dieser Gefahr und wurde deshalb früher seltsamerweise von Seiten des Landesherrn daran erinnert. Von diesem in Zeiten großer Katastrophen oder öffentlicher Nöte angesetzt, dienten Buß- und Bettage dann der Besinnung auf den gemeinsamen Fortbestand des öffentlichen Lebens, auf die Schuld des ganzen Gemeinwesens und der Frage nach dessen Heil und Heilung.

Es geht inzwischen auch um den gemeinsamen Fortbestand des Gemeinwesens Kirche. Nicht so sehr im institutionellen oder organisatorischen Sinne. Viel mehr im geistlichen und sehr menschlichen Sinne. Der Ruf zur Buße und Fürbitte gilt heute wohl der Kirche bzw. den Kirchen selbst. Denn wenn wir selber diesen Ruf nicht hören, wie kann man ihn dann Staat und Gesellschaft, Politik und Wirtschaft predigen und Umkehr verordnen. Der christliche Glaube ist eben nicht unabhängig von der Glaubwürdigkeit der christlichen Kirche. Und das sind wir alle.

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... zur verrinnenden Zeit -

anlässlich meines 60sten Geburtstages

60 Jahre auf Erden und davon fast die Hälfte in Bischoffingen. Aber das ist zunächst mal nur eine Zahl. Und Zahlen zählen nichts – solange sie nichts erzählen. Erst dann wird aus einer Quantität eine Qualität. Erst dann wird ein „Datum“ - also etwas „Gegebenes“ - etwas Lebendiges. Ein Geschichtsunterricht, der vor allem mit Jahreszahlen und Daten nur so um sich wirft, ist tote Historie. Denn eine Jahreszahl wie auch eine Alterszahl bleibt leer, solange sie nicht vom durchlebten Leben erzählt. Deshalb starb Abraham mit 175 Jahren und sein Sohn Isaak mit 180 Jahren nicht nur „alt“, sondern auch „lebenssatt“. Und womit sein Leben gesättigt war, das wird zuvor erzählt. Wolfgang Amadeus Mozart hingegen zählte nur knapp 36 Lebensjahre – schuf jedoch seit seinem 10. Lebensjahr eine musikalische Komposition nach der anderen. Der Dichter Jochen Klepper war 39 Jahre, als er dem zunehmenden politischen Druck der Nationalsozialisten nicht mehr standhalten konnte und sich zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter vor dem gekreuzigten Christus das Leben nahm. Der für mich sehr wichtige evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer wurde noch 4 Wochen vor Kriegsende mit ebenfalls 39 Jahren erhängt, weil er sich ganz bewusst dem politischen Widerstand angeschlossen hatte. Und mein oberster Dienstherr wurde mit ca. 30 Jahren gekreuzigt und also nur halb so alt wie ich, nachdem er vielleicht nur 2 Jahre in der Öffentlichkeit gewirkt hatte – im Gegensatz zu meinen 25 Jahren in Bischoffingen.

Eine Zahl allein sagt also nichts, wenn man nicht hört, wie sie mit Leben erfüllt und gesättigt ist. Quantität steht nicht automatisch für Qualität. Menge nicht zugleich für Güte. Im Gegenteil: Weniger kann mehr sein. Denn Leben kann nicht gezählt, sondern will erzählt sein – und damit verstanden. Zwar sehen wir Menschen zuerst immer, was vor Augen ist: sehen die Menge – oder den Mangel. Das entspricht unserer naturwissenschaftlich-berechnenden Denkweise, deren Herrschaft wir auch über uns selbst wie einen Gott gesetzt haben, bis hin zum modernen Verständnis des Menschen als ein medizinisch-technisches Gerät. Aber der Mensch ist weder Medizin noch Technik; Lebendiges erschöpft sich nicht im Funktionieren. Leben will verstanden werden – und zwar in seinem umfassenden Zusammenhang. Und Verstehen geht immer in die Tiefe. Es geht zu den Gründen und Abgründen des Lebens. Und davon erzählt vor allem – die Bibel. Sie erzählt von dem großen Zusammenhang, in dem jedes einzelne und alles zusammen steht. Sie erzählt von dem Zusammenhang der Welt mit – Gott. Sie erzählt aber auch davon, wie dieser Zusammenhang immer wieder zerreißt.

Will ich darum als Christ mich selbst und die Welt überhaupt verstehen, so muss ich hören, welche Geschichten die Bibel erzählt. Mein Leben kommt in diesen Geschichten vor – und diese Geschichten ereignen sich in meinem Leben. Denn die Bibel erzählt eben nicht aus fernen vergangenen Zeiten, sondern von der Nähe und Gegenwart Gottes in meinem Leben, in dieser Welt. Die biblischen Geschichten bezeugen die Geschichte Gottes mit seiner Welt aufgrund menschlicher Lebenserfahrung. Denn wir leben allezeit vor Gott und mit Gott und durch Gott. Scheinbar fern, ist er mir doch „täglich nahe“, wie wir mit Jochen Klepper singen. Christliches Leben wird darum von Gottes Gegenwart ständig durchwirkt und immer wieder neu empfangen. Sein Wirken und Walten, sein Führen und Bewahren offenbart und verbirgt sich zugleich in meinem Leben. So wird Lebenserfahrung im Nach-Denken zur Gotteserfahrung. Und Nachdenken über das Leben führt zum Staunen über Gott.

Ansonsten ist und bleibt Leben nur Schicksal und Zufall, eine Laune der Natur. Dann aber muss alles vom Menschen zum eigenen Vorteil gesteuert und beherrscht werden – und dem Schicksal und Zufall abgetrotzt. In Panik und Gier wird man dann alles herausholen, was noch herauszuholen ist – bevor es einmal nicht mehr geht. Oder das Leben dümpelt tagtäglich vor sich hin und erschöpft sich in Belanglosigkeiten. In stoischer Gleichgültigkeit fügt man sich in sein irdisches Schicksal – und auch einmal in sein zeitliches Ende. Denn die heroisch zupackende wie die stoisch abwartende Schicksalsgläubigkeit kennt eines nicht: ein personales Gegenüber, das große DU bzw. der ICH BIN, das mich in meinem Leben anspricht – und sich von mir ansprechen lässt. Solch ein lebendiges Zwiegespräch mit Gott ist jedoch für mein Christsein wesentlich. Wie kann man sonst das Treiben auf dieser Welt bewusst ertragen – samt der eigenen Umtriebigkeit?!

Solch lebendiges Zwiegespräch hat darum seinen Ort und seine Zeit mitten im Alltag meiner Welt – und ist deshalb immer Anfechtung und Zweifel ausgesetzt. Denn was da meine Augen zu sehen und meine Ohren zu hören bekommen, das steht oftmals weit zurück hinter dem, was ER verheißen hat und worauf also mein Herz noch wartet. Leben als Christ ist keine leichte Sache, denn Erfahrung und Hoffnung gehen manchmal weit auseinander.

Da hat es der Unglaube viel leichter. Er findet sich ab mit dieser Welt, denn er findet alles in ihr vor, oder rebelliert gegen ihren Zustand, denn er will einen andern. Frisst einmal alles still in sich hinein und kotzt es andermal wieder lauthals aus sich heraus.

Der Glaubende hingegen ringt beständig mit Gott – wie Jakob am Jabbok. Er zieht den Ewigen hinein in das zerrinnende Leben – wie viele Psalmbeter. Er zieht den Schöpfer hinein in seine verwundete und verirrte Schöpfung – und bringt damit sich selbst und die Welt vor Gott. Das ist ein wahrhaft priesterlicher Dienst – und wenn, dann besteht darin das evangelischerseits immer wieder lauthals zitierte „allgemeine Priestertum aller Gläubigen“.

Priester zu sein ist jedoch eine harte Aufgabe, denn sie gleicht einem Spagat zwischen Gott und der Welt: man steht mit einem Bein fest vor Gott – und mit dem andern im Sumpf dieser Welt. Da hat es wiederum der viel leichter, der mit beiden Beinen meint, fest in dieser Welt zu stehen und zu gegebener Zeit einfach seinen Hut nehmen und davonlaufen kann – von seinem Job. Der priesterliche Dienst eines jeden Christen hingegen ist gerade nicht aussichtslos, dafür aber „ausweglos“, denn jeder Christ ist seit seiner Taufe berufen auf diesen einen Weg der Nachfolge Christi. Und dieser Weg ist - ein Kreuzweg; also ein Weg, auf dem nicht so sehr entscheidend ist, was ich tue, sondern was mit und an mir getan wird. Und was ich da erfahre und erleide an mir und mit andern, das prägt und formt mich; darin werde ich herausgefordert und wachse daran, lerne und reife ich. Es ist gerade nicht das allseits propagierte aktive Tun, das einen Menschen „bildet“, genauso wenig das allseits erstrebte Glück, das man gerne genießt. Es ist das Kreuz, das man mit sich und andern und überhaupt tagtäglich zu tragen hat. Es ist dieser Dienst, in den jeder Christ berufen und gestellt ist – durch das allgemeine Priestertum aller Gläubigen. Innerhalb dessen ist das Priestertum eines Pfarrers nur ein Spezialfall - wenn auch ein wichtiger.

Aber irgendwann möchte man dann doch aus diesem Dienst entlassen werden – und sagen können: Auftrag erfüllt. Wie Mose auf dem Berg Nebo. Und nicht mehr zurück. Keinen Tag, kein Jahr. Und erst recht nicht nochmals von vorn seinen Fuß auf diese Erde setzen müssen. Es ist genug: Hinter einem durchwachsene Lebenserfahrungen, unverhoffte Glaubenserfahrungen, zugefallene Gotteserfahrungen. Einen größeren Reichtum gibt es nicht auf dieser armen Erde. Und vor einem das „verheißene Land“, das man so nicht betreten, aber doch hoffnungsvoll schauen darf wie Mose, „dessen Augen nicht schwach geworden waren und dessen Kraft nicht verfallen“. Mose hat nicht aufgrund von Erschöpfung das Zeitliche gesegnet, sondern weil er seinen Auftrag erfüllt hatte und darum sein Leben auch erfüllt war. Dass ihm dafür 120 Lebensjahre geschenkt wurden – also doppelt so viel wie mir bisher -, ist nicht das entscheidende. Diese Jahre sind nur eine Zahl, solange sie nicht von dem erzählen, was sich dadurch erfüllt hat.

Ähnlich wie Mose und doch anders ergeht es dem alten Simeon: Der „wartet auf den Trost Israels“. Und als er dann im Jerusalemer Tempel das Jesuskind in seinen Armen hält, da lobt er Gott und sagt: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“ Für Simeon hat sich die Sehnsucht seines Herzens erfüllt – und damit war sein ganzes bisheriges Leben erfüllt. Dabei schaut er nur in das Angesicht eines neugeborenen Kindes – und schaut doch „die Herrlichkeit Gottes auf dem Angesicht Jesu Christi“ wie später Paulus schreibt. Dies eine ist für ihn alles. Mehr bedarf's nicht. Nun kann er in Frieden dahinfahren. Dabei macht Simeon die Erfahrung, die man mit Gott immer wieder macht: ER lässt einen manchmal lange warten – und kommt doch nie zu spät. Dietrich Bonhoeffer bekennt (1943) aus eigener Lebens- und Glaubenserfahrung: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen“ Bisweilen scheint deshalb schon alles wie aussichtslos. Doch plötzlich stellt ER sich ein – wie auch immer. Solches Vertrauen auf Gottes Treue verdichtet sich in einem Lied von Hedwig von Redern (1901):

 

„Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl;
das macht die Seele still und friedevoll.
Ist's doch umsonst, dass ich mich sorgend müh,
dass ängstlich schlägt das Herz, sei's spät, sei's früh.

 

Du weißt den Weg ja doch, Du weißt die Zeit,
dein Plan ist fertig schon und liegt bereit.
Ich preise Dich für Deiner Liebe Macht,
ich rühm die Gnade, die mir Heil gebracht.

 

Du weißt, woher der Wind so stürmisch weht,
und Du gebietest ihm, kommst nie zu spät;
drum wart ich still, Dein Wort ist ohne Trug,
Du weißt den Weg für mich, - das ist genug.“

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...zur Bildung -

anlässlich des 25-jährigen Jubiläum des Bildungswerkes Vogtsburg.

 

Sehr geehrte Gebildete, Ausgebildete, Eingebildete, Verbildete, Allgemeingebildete, Ungebildete, Halbgebildete, Hochgebildete, Universalgebildete, Weitergebildete, Fortgebildete, Volksgebildete, Erwachsenengebildete, Religiösgebildete, Herzensgebildete!

 Sie sehen und hören, wir bringen die Vielfalt der Gebildeten einfach nicht auf einen Nenner. So bunt, so schillernd ist das mit der Bildung. Es sieht fast so aus, als wüsste man gar nicht so recht, was denn eigentlich ein „gebildeter Mensch“ ist. Ist das ein Allround-Künstler, der bei allem etwas Kluges oder Weisen zu sagen hat? Ist es ein Fachsimpel, der hochintelligent seine begrenzte Materie wie Erbsen zählt? Ist das ein studierter Bücherwurm, der wie eine wandelnde Bibliothek daherkommt und die Welt nur aus Büchern kennt? Oder ein träger Fernsehsessel, der alle Bilder der Mattscheibe in sich aufsaugt? Oder einer, der ständig online ist und sich im www besser auskennt als im eigenen Ort. Oder ein Unruhegeist, der viel herumreist und also schon viel gesehen und gehört hat – und vielleicht gar nichts verstanden? Oder ist ein gebildeter Mensch einfach einer, der gute Manieren und feine Sitten hat, ein kultivierter, gut erzogener Mensch? Oder sind wir gar immer nur auf der Höhe unseres Kopfes gebildet – aber in der Tiefe unseres Herzens und unserer Seele bleiben wir Barbaren?

In welche Richtung, mit welchem Ziel soll denn überhaupt ein Mensch gebildet werden? Und was soll denn da ausgebildet, weitergebildet, fortgebildet werden? Oder ist jede Bildung letztlich doch nur Einbildung- oder führt zumindest dazu?

Genug der lästigen und verwirrenden Fragen. Beginnen wir doch beim Einfachsten und nehmen die Sache beim Wort – und das Wort bei der Sache: Bildung muss etwas mit Bild zu tun haben. Und dem sollten wir jetzt ein wenig nachgehen, um dieses bunte und schillernde Phänomen an der Wurzel zu fassen.

Und da beginnen wir am besten ganz vorn: „Gott schuf den Menschen – ihm zum Bilde. Zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ So beginnt nach der Bibel der gebildete Mensch, der von Gott gebildete Mensch. Der Mensch ist in seinem Wesen, in seiner Gestalt ein Gebilde Gottes. Und wenn wir von dem Menschen als dem Ebenbild Gottes sprechen, dann meinen wir damit: Dass es den Menschen gibt, das ist nicht blinder Zufall, sondern der irdische Realität gewordene Wille Gottes. Gott wollte und will, dass es den Menschen gibt.

Und wie wurde der Mensch gebildet, wie wurde er ein „gebildeter Mensch“? „Gott formte den Menschen aus der Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase“, heißt es weiter. Zur Bildung des Menschen aus der Erde vom Acker, aus der rohen, puren Materie, gehört noch der Odem des Lebens, der lebensschaffende Geist Gottes. Und so macht es doch jeder Künstler. Und genau diese bibl. Grundlagen von Bildung sind eingegangen in die „Bildende Kunst“: Aus bloßem Material wird durch den Geist und die Vorstellungskraft und den Willen des Künstlers ein kostbares Kunstwerk „gebildet“: aus Lehm eine Vase, aus Leinwand und Farben ein wertvolles Gemälde. Nicht das Material macht seinen Wert aus, sondern die kunstvolle Gestaltung des Materials, die die Geistes- und Willenskraft des Künstlers in seinem „Ebenbild“ widerspiegelt. Sollte es sich nicht so auch mit dem Kunstwerk des von Gott gebildeten Menschen verhalten – und mit dem „bildenden Künstler“ Gott.

Aber da ist noch etwas: Wir sind als von Gott gebildete Menschen zur schlimmsten Barbarei fähig. Die Ursache zu dieser Fähigkeit erzählt die Bibel mit der Geschichte vom Sündenfall. Das gute Gebilde Gottes ist aus einem rätselhaften Grunde ständig dem leiblichen und seelischen Zerfall ausgesetzt. Und damit der von Gott gebildete Mensch Bestand hat, darum muss er selbst gebildet, erzogen, kultiviert werden. Sonst verfällt er der Sünde, der Barbarei.

Es war insbesondere die deutsche Mystik des 13. Jhdts., die zum erstenmal diesen Begriff „Bildung“ in diesem Sinne verwendete. Zuvor verband man damit nur ein handwerkliches und künstlerisches Gestalten und Bilden. Jetzt meinte Bildung zum erstenmal eine geistige Wandlung des Menschen: seine geistig Rückbildung zu einem Gott wohlgefälligen Menschen – und zwar durch die „Einbildung Gottes“ in die Seele des Menschen.

In einem Lied aus dem EG lautet darum ein Vers ganz in diesem Sinne:

„Der Herr, der Tröster, ob uns schweb, sein Antlitz über uns erheb,

dass uns sein Bild wird eingedrückt und geb uns Frieden unverrückt.“

Noch heute ist uns dieser Sachverhalt als „Bild-Meditation“ bekannt. Ein Anliegen gerade der Mystik, wozu natürlich insbesondere die Bild-Meditation des Kreuzes zählte, was bis zu den kath. Andachtsbildchen führt.

Solcherlei „Bildung“ durch „Bild-Meditation“ ist darum besonders in den Passionslieder zu finden:

„Jesu, deine Passion will ich jetzt bedenken,

wollest mir vom Himmelsthron Geist und Andacht schenken.

In dem Bilde jetzt erschein, Jesu, meinem Herzen,

wie du unser Heil zu sein, littest alle Schmerzen.“

Oder in dem bekannten Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“, von Paul Gerhard, das sich auch im GL befindet, heißt es in einem Vers:

“Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod,

und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot.

Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll

Dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.“

Die Rückbildung des Menschen zum ursprünglichen Ebenbilde Gottes durch die Einbildung Gottes in die Seele des Menschen.

Das führte dann zu einer pädagogischen Auffassung, die sich insbesondere natürlich in den Klöstern und Klosterschulen verbreitete, und die eben die Rückbildung des gefallenen Menschen zum Ebenbilde Gottes durch das Vorbild Christi und der Heiligen sich zur Aufgabe machte.

Aber als in der Zeit der Renaissance und erst recht mit dem Beginn der Neuzeit die kirchliche Bevormundung immer fraglicher wurde und der kirchliche Einfluss auf das öffentliche Leben immer geringer, da entfernte man sich auch immer mehr von diesem negativen kirchlichen Menschenbild: dass der Mensch eben ein gefallener Mensch sei – der eben wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückgebildet werden müsse.

Insbesondere im 17. und 18. Jhdt. ging es dann nicht mehr um die Einbildung Gottes in die Seele des Menschen, sondern um die Ausbildung dessen, was im Menschen an Gutem und Schönem und Wahrem angelegt ist. Und die Ausbildung seiner schöpferischen Fähigkeiten führen direkt zur Berufsausbildung.

Erst jetzt findet das Wort „Bildung“ eine gewisse allgemeine Verbreitung. Und zwar seltsamerweise durch Kloppstocks „Messias“, der von Händel bekanntlich vertont wird.

Aber auch Lessing prägt das Verständnis von Bildung als „die unbeirrbare Tapferkeit und intellektuelle Redlichkeit, die Fülle der Anschauung mit dem Bewusstsein der eigenen Grenze“. Und ganz in diesem Sinne hat er auch sein bekanntes Bühnenstück „Nathan der Weise“ zur Bildung der Menschen geschrieben.

Ab 1770 spricht man dann auch von „gebildeten Schichten“ – und zwar aufgrund von Gesprächs- und Lesekreisen, die sich in den Städten herausbilden.

Und der universalgebildete Alex. von Humboldt ist der erste, der meint: Zum Menschen wird erst, wer die in ihm liegenden Kräfte „ausbildet“, - und zwar insbesondere durch die Kenntnisse der klassischen Sprachen Latein und Griechisch und damit der klassischen Bildung der Antike.

Obwohl ein regelrechter Bildungsboom entsteht, und der wahre Gebildete schließlich nur noch der „Gelehrte“ ist, ist für den uns bekannten Herrn Knigge 1788 Bildung nur ein „leeres Schlagwort“ – wie er seltsamerweise sagt.

Andere gehen sogar noch weiter und blasen zum Angriff auf die „Bildungsworte“ Darunter auch Theodor Fontane, für den die einfachen Seelen wiederum selbst als die eigentlich Gebildeten erscheinen. Und so kommen in jener Zeit zwei Begriffe in Umlauf, die uns immer noch vertraut sind: die Herzensbildung und die volkstümliche Bildung.

Und im 19. Jhdt. entsteht dann auch die uns hier allen bekannte „Erwachsenenbildung“, die vom Staat und der Kirche gefördert wurde – und zwar um dem Verfall von Sitten, Kultur und politischer Ordnung entgegenzutreten.

Ca. ab 1900 tritt allerdings das Wort „Kultur“ an die Stelle des Wortes „Bildung“. Aber gerade dieses Kultur-Bewusstsein wird durch die Barbarei des 1. Weltkrieges kräftig erschüttert –ebenso durch die Ausbildung der Kultur einer Herrenrasse in der Zeit des Nationalsozialismus.

Darum wurde auch nach dem 2. Weltkrieg die Bildung des Menschen mit Gewissenbildung verbunden. Aber mit welchen Maßstäben soll das Gewissen des Menschen gebildet werden?

So sehr diese Frage immer noch und vielleicht immer mehr aktuell ist – die Frage nach der Bildung des Menschen kommt heute in einem ganz anderen Gewande daher: In Gestalt der vielbeschworenen „Selbstverwirklichung" als einem humanistischem, aber eben keinem chrisltichen "Wert"

Um was geht es dabei? Zunächst um etwas Positives: Meine persönliche Gaben und Fähigkeiten sollen nicht verkümmern, sondern „ent-deckt“, entfaltet, ausgebildet und herausgearbeitet werden. Deshalb auch die vielen „work-shops“. Man will an sich arbeiten, sich bearbeiten. Was da noch roh und brach in einem als Möglichkeit verborgen liegt, das soll „kreativ“ und „schöpferisch“ gebildet und gestaltet werden; soll durch einen selbst Wirklichkeit werden. Manchmal kommt dadurch allerdings die Wirklichkeit des andern zu kurz – und auch, dass wir in einer gemeinsamen Wirklichkeit leben, die doch gerade durch überlieferte und übernommene Werte Gemeinschaft stiftet. Nur „aus dem Bauch“ allein lässt sich nicht miteinander leben. Da braucht es auch noch Kopf und Herz, Hand und Fuß.

Denn auch diese gehören zur Bildung des Menschen durch Gott, gehören zu dem von Gott gebildeten Menschen.

Und wenn ich jetzt noch einen Kurzvortrag „über die Bedeutung des Bildungswerks in der heutigen Zeit“ halten soll, dann lautet der aufgrund des Vorangegangenen kurz und bündig:

Das Bildungswerk hat die dargestellte Vielfalt der Bildungsmöglichkeiten zu bedenken und zu fördern, damit wir zum Staunen kommen über die Größe von Mensch und Welt– aber auch zur Annahme unsrer Grenzen.

Je „gebildeter“ wir solchermaßen werden, umso mehr erkennen wir uns als „von Gott gebildete Menschen“.

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...zur Geschichte

anlässlich der Übergabe des Kirchenführers 2002

 Ein Fach, das ich in der Schule nie mochte, war das Fach Geschichte. Besser gesagt: ich verstand einfach nicht, weshalb man sich mit längst vergangenen Zeiten überhaupt beschäftigen sollte. Das ist doch alles längst vorbei und hat doch mit uns heute nichts mehr zu tun. Die Gegenwart ist wichtig. Und die erschien mir als Kind bisweilen unendlich lange. Ich lebte ganz im Hier und Jetzt.

Diese Haltung und dieses Empfinden änderte sich mit zunehmendem Alter, mit zunehmender eigener Vergangenheit. Ich hatte allmählich selbst Geschichte, Lebensgeschichte. Vergangenes wurde wichtig, besonders dann, wenn ein neuer Lebensabschnitt begann. Vergangenheit wurde zur Erinnerung. Aber dann stellten sich auch Fragen nach der Zukunft, nach Lebensperspektiven, je mehr ich für mein Leben selber verantwortlich wurde. Immer mehr war die Gegenwart eingespannt zwischen einer unabänderlichen Vergangenheit und einer noch offenen Zukunft. Die Zeit, die Zeitlichkeit, die Geschichtlichkeit des Lebens samt seiner Vergänglichkeit wurde mir immer mehr bewusst. Aber damit wurde für mich auch etwas anderes immer klarer: Die Gegenwart versteht nur, wer die Vergangenheit kennt. Denn die Gegenwart ist gewachsene Geschichte; in die offene Zukunft hineingewachsene Geschichte.

Gewiss wächst da etwas nicht automatisch. Da werden Entscheidungen getroffen – oder versäumt. Es werden heute durch unser Tun oder Lassen Weichen für die Zukunft gestellt. Aber immer auf dem uns zugewachsenen geschichtlichen Boden. Also muss man die Vergangenheit nicht nur deshalb kennen, um die Gegenwart zu verstehen, sondern auch um die Zukunft verantwortlich zu planen. Was war, das bestimmt und prägt mehr als wir glauben unsere persönliche Lebensgeschichte, die Geschichte eines Dorfes, eines Volkes usw.

Manchmal möchte man zwar wieder von vorn anfangen, das Rad der Geschichte zurückdrehen, oder irgendwo anders ein neues Leben beginnen, besonders wenn schmerzhafte Zeiten hinter einem liegen. Aber die ganze Vergangenheit ist immer in uns vorhanden. Würden wir sie verlieren, so verlören wir unsere Identität. Das Elend eines solchen Verlustes zeigt sich bei Menschen, die ihr Gedächtnis verlieren.

Wir erkennen daran wie gefährlich es ist , gegenwartsbesessen und also geschichtsvergessen zu sein. Dass einem darüber auch noch das rechte Entscheidungsvermögen für die Zukunft abhanden kommt, ist noch eine zusätzliche Gefahr. Geschichte stiftet Identität. Geschichtsverlust ist Identitätsverlust. Eintagsfliegen haben keine Identität.

Nun kann man sich mit Geschichte und Vergangenheit auf verschiedene Weise befassen: Da kann die Vergangenheit eine interessante, aber eben vergangene Zeit sein. Überlieferungen und Traditionen sind dann zu einem Bescheidwissen erstarrt und sind tote Stücke eines geschichtlichen Museums. Da hat etwas seinen Wert, weil es eben alt ist; und je älter, desto wertvoller. Jahreszahlen sind dann wichtig. Und der Liebhaberpreis - für Jäger und Sammler.

Da gibt es aber auch lebendige Vergangenheit. Da weiß ich mich verbunden mit etwas, das auf mich zugekommen ist. Da weiß ich etwas zu schätzen, das ich empfangen habe. Ich bin eingebunden in eine Geschichte, die nicht mit mir angefangen hat, und die auch nicht mit mir endet. Ich bin Glied in einer gewachsenen Kette, habe darin meinen Platz, bin darin zuhause. Lebendige Vergangenheit bereichert und gestaltet mein gegenwärtiges Leben.

Der Unterschied zwischen beiden Auffassungen zeigt sich Betreten einer Kirche: Gleicht sie einem interessanten und ehrwürdigen Raum, mit dem mich aber nichts persönlich verbindet, der mir letztlich fremd bleibt – oder hat mein kleines Leben teil an einem großen Zusammenhang, der sich mir da offenbart und in den ich hineingenommen und eingebettet bin?!

Nur im letzteren Sinne kann die Kirchengeschichte und auch die biblische Geschichte verstanden sein. Diese ist und bleibt lebendig, wenn meine eigene Lebensgeschichte dazu einen lebendigen Bezug hat. Sich darauf einzulassen, das ist für unser individualistisches und auch einsames Single-Zeitalter nicht ganz einfach; aber heilsam und hilfreich.

Aus diesem Grunde gibt es meinen persönlichen Glauben nie ohne all jene, die mir im Glauben vorausgingen. Davon erzählen die Geschichten der Bibel. Davon erzählt die Geschichte der Kirche. Und von beiden erzählen in Ausgestaltung und Architektur, in Wort und Bild viele kirchlichen Räume – auch die Bischoffinger Kirche. Christliche Kirchen sind gleichsam die reale Erinnerung daran, dass es mein persönliches Christsein nur zusammen mit geschichtlich gewachsenem Kirchesein gibt.

Werfen wir darum einen kurzen Blick auf die Bibel. Sie ist ein Geschichtsbuch, besser gesagt ein Buch voller Geschichten, die erzählen von Gott und den Menschen. Das alles beginnt im AT mit der Schöpfungsgeschichte und setzt sich fort mit der Erwählungsgeschichte Abrahams und mit der Volksgeschichte Israels. Und diese Geschichte ist geprägt von Sünde und Irrtum, von Demut und Buße. Da geht es um Politik und Prophetie, um Gottesdienst und Götzendienst. Es gibt kein Buch auf der ganzen Welt, das so aufrichtig und so ehrlich ist, wie die Bibel und in aller Klarheit die Erbärmlichkeit des Menschen und das Erbarmen Gottes schildert.

Dergleichen gilt auch für das NT. Die vier Evangelien berichten von jenem absolut unbegreiflichen Geschehen, dass Gott selbst in Jesus unser Fleisch und Blut angenommen hat. Gott durchwirkt nicht nur die Geschichte der Menschen. Er macht auch Geschichte als Mensch unter Menschen. Aber zu dieser Gottesgeschichte gehört auch die Kirchengeschichte. Zu diesem einen Menschen gehören auch die anderen Menschen in der Kirche. Darum erzählt das nächste Buch nach den Evangelien - die Apostelgeschichte des Lukas - von den Anfängen der christlichen Kirche. Und die Brief des Apostels Paulus geben Einblick in das geistliche Ringen um den rechten Weg. Die Bibel endet schließlich mit einem prophetischen Geschichtsbuch, der Offenbarung des Johannes. Dieses Buch handelt von der schweren Geburt des Reiches Gottes und damit der Vollendung der Schöpfungsgeschichte.

Aber bis dahin hält das geistliche Ringen um den rechten Weg der Kirche immer noch an. Von solchem Ringen ist die Kirchengeschichte randvoll. Besonders wenn dabei geschichtsträchtige Entscheidungen fallen. Und von solchen Entscheidungen zeugen manche Kirchen – auch die Bischoffinger Kirche mit ihrem vorreformatorischen Chorraum und dem nachreformatorischen Langhaus. Der vorreformatorische Chorraum dieser Kirche erinnert uns daran, dass wir reformatorische Christen zwischen der biblischen Zeit und der nachreformatorischen Zeit nicht ein kirchengeschichtliches Loch sehen dürfen. Kein geringerer als M. Luther mit seinen vielfachen Bezügen auf den Heiligen Augustinus und Hieronymus und Ambrosius würde mit uns sonst der Blindheit zeihen. Und alle drei Kirchenväter sind im Chorraum zu finden.

Wer darum diese Kirche betritt, betritt kirchengeschichtlich gewachsenen Boden, den andere vor uns gelegt und bereitet haben – und den wir doch heute für die bereiten, die nach uns kommen. Denn so sehr der christliche Glaube mit lebendiger Vergangenheit verbunden ist, so sehr ist er auch auf eine lebendige Zukunft hin ausgerichtet. Also darauf, dass wir heute den Boden des Glaubens für kommende Generationen bereiten. Kurzatmigkeit und Kurzfristigkeit ist der christlichen Kirche so fremd wie der Bibel. In der Bibel spannt sich der Bogen vom Beginn der Schöpfung bis zu ihrer Vollendung. Also lebt auch Kirche nicht von der Hand in den Mund, sondern pflanzt heute, wovon morgen und übermorgen andere noch ernten. So freuen wir uns heute immer noch an dem, was andere vor über 500 Jahren als Ausdruck ihres Glaubens geschaffen und uns überliefert haben, z.B. die Fresken. Und so sollen sich auch andere noch erfreuen an dem, was wir heute schaffen und ihnen überliefern, z.B. die Orgel.

Kirche lebt wesentlich vom Empfangen und Weitergeben. Und das heißt mit einem anderen Wort: „Tradition“. Das zeigt sich heute auf eine ganz besondere Weise. In dem neu erstellten Kirchenführer steht, was wir alles aus den Jahrhunderten zuvor empfangen haben, was wir in unserer Zeit dazugetan und nun also künftigen Generationen weitergeben.

 

Wer recht versteht, was darin steht, für den ist dieser Kirchenführer kein Museumsführer. Er wird vielmehr durch dieses kleine und schöne Büchlein hineingeführt und vertraut gemacht mit einer lebendigen Geschichte, an der auch er teilhaben soll. Und er wird letztlich hingeführt zu dem, was ewig bleibt und Ziel aller Geschichte ist: Das Lob und die Anbetung Gottes. Amen.

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... zum Amt des Papstes -

anlässlich der ökumenischen Bibelwoche 2007

Wenn ich einmal Papst wär, dann …. dann… würde ich natürlich alles ganz anders machen. Dann würde ich z. B. … äh…, dann würde ich… Ja, was würd’ ich dann überhaupt?

Dann würd’ ich - wohl sehr schnell ins Stottern und Stocken kommen. Ob ich solch einem Amt überhaupt gewachsen wäre? Ob ich es ausfüllen könnte? Ob ich der großen Verantwortung vor Gott und den Menschen standhalten würde? Ob ich … - nicht ganz schnell doch wieder ein kleiner Dorfpfarrer werden wollte, um hier des großen Amtes im kleinen Format eines Pontifex minimus zu walten: Ein „kleiner Brückenbauer“ – zwischen Gott und den Menschen. Ein priesterliches Amt. Nein, Hoherpriester – das muss es nun wahrhaftig nicht sein. Priester reicht auch – schon.

Aber was unterscheidet die beiden im Wesentlichen? Eigentlich nichts! Sie sind berufen zum Dienst für die Menschen vor Gott.

Doch käme ich überhaupt dazu, als evangelischer Pfarrer Papst zu werden? Nun gut, als Oberhaupt der röm.-kath. Kirche bestimmt nicht. Aber als evangelischer Papst? Oder ist das ein hölzernes Eisen – ein evangelischer Papst?

Die evangelischen Schwierigkeiten beginnen ja schon damit, dass der Papst nicht in der Bibel vorkommt. Aber da kommt auch kein Dekan vor und kein Propst und kein Superintendent und kein Ratsvorsitztender… nicht mal ein Pfarrer – im strengen Sinne. Entweder wir schaffen nun gut biblisch all diese Ämter in unserer Kirch ab -  oder wir überlegen, ob ein solches Amt nicht auch evangelischerseits möglich wäre – und dann wie.

Denn schon die Ämterlehre im Neuen Testament ist gar nicht so eindeutig und einfach. Selbst die Bezeichnung „Apostel“ scheint über den Zwölferkreis hinausgegangen zu sein. (Darauf weisen die apostolischen Kirchen, insbesondere die Neuapostolische Kirche hin.) Dann ist im Neuen Testament aber auch von „Angesehenen“ die Rede, von „Ältesten“, von „Diakonen“, von „Profeten“, von „Lehrer“, von „Bischöfen“ – ohne dass wir wüssten, was diese Ämter jeweils genau beinhaltet haben und wie sie voneinander abgegrenzt werden.

Fest steht jedenfalls dies: Je mehr sich die Kirche zeitlich von ihrem Ursprung, von Jesus entfernte, und je mehr sie geographisch sich im römischen Reich ausbreitete, um so mehr ging es um die Frage des gemeinsam Verbindlichen und wer dieses Verbindliche festlegt und weitergibt.

Das Neue Testament ist gewiss Kanon/Richtschnur der Kirche, aber es beantwortet nicht alle Fragen – insbesondere nicht jene Fragen, die sich dann unweigerlich nach dem Ausbleiben der in Bälde erwarteten Wiederkunft Christi und durch den zeitlichen Fortbestand und der geographischen Ausbreitung der Kirche einfach ergeben haben: Wie soll es weitergehen – miteinander – geordnet - in Frieden?

In den paulinischen Gemeinden um die Mitte des ersten Jahrhunderts standen zwar vor allem die geistverliehenen Charismen/Gnadengaben im Mittelpunkt – aber schon Paulus hatte große Mühe, diese so zu ordnen, damit sie der gegenseitigen Auferbauung, der Auferbauung des Leibes Christi in Frieden dienen. So vor allem in seinen Briefen an die Gemeinde in Korinth; aber auch in seinem 2. Brief an Timotheus, wo et schreibt:

„So ermahne ich dich inständig vor Gott und Christus Jesus, der da kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten, und bei seiner Erscheinung und seinem Reich: Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre. Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren. Du aber sei nüchtern in allen Dingen, leide willig, tu das Werk eines Predigers des Evangeliums, richte dein Amt redlich aus.“

Und was damals für eine einzelne Person oder für eine einzelnen Gemeinde nicht ganz einfach war - wie schwierig wurde das erst in den höchst verschiedenen Gemeinden im ganzen römischen Reich schließlich – mit den höchst verschiedenen leitenden Gremien oder Personen! Mit welcher Ordnung schafft man es zum Ausdruck zu bringen, dass diese einzelnen Gemeinden oder leitenden Personen zwar verschiedene, aber nicht voneinander losgelöste Glieder am Leibe Jesu Christi sind. In welcher äußeren Ordnung spiegelt sich das innere Wesen der Kirche wider, dass es sich bei ihr wirklich um die „una sancta catholica et apostolica ecclesia“ handelt, um die „eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. Und nur diese gibt es für alle Zeiten!

Diese Aufgabe einer „Kirchenordnung“ stellte sich schon in der Zeit des Neuen Testaments, musste aber unter den späteren Bedingungen erst recht geklärt werden.

Eine kirchengeschichtlich gewachsene Form der Klärung dieser Aufgabe ist schließlich das Amt des Papstes. Und selbst dieses Amt hat sich in seiner Geschichte von seiner Entstehung an unter schweren Geburtswehen, seiner Fortsetzung unter Wirren und Machtkämpfen bis heute immer wieder bewähren müssen. Es war in vielerlei Hinsicht immer wieder „umstritten“.

Dabei geht es viel weniger um die persönliche Glaubwürdigkeit der einzelnen Päpste – auch ein Papst ist (nur) ein Mensch -, sondern es geht viel mehr um den Grund und die Grenze dieses kirchlichen Amtes, das seinem Wesen nach für Kontinuität und Universalität der Kirche schlechthin steht wie kein anderes kirchliches Amt. Und das als menschlicher, zeitlicher, sichtbarer Ausdruck der geistlichen Tatsache: dass letztlich allein Gottes Geist und Gottes Wort (Gottes Kraft und Treue) den Bestand der Kirche bis zum jüngsten Tage gewährleistet.

Aber Gottes Geist und Gottes Wort wurde eben „Fleisch“ in Jesus Christus. Gott wurde Mensch. Und darum darf und wird die Kirche auch eine menschliche und zeitliche Größe sein. In ihren „Äußerlichkeiten“ - von ihren Gebäuden bis hin zu ihren Ämtern - darf und muss sich auf irdische und menschliche Weise widerspiegeln, was ihr geistliches Wesen ist. Damit das Wort und der Geist Gottes, damit das Evangelium, die frohe Botschaft von der „Menschenfreundlichkeit Gottes“ die Menschen erreicht, müssen die dafür notwendigen „äußeren“ Formen von Menschen zur Verfügung gestellt werden. „Wir haben den Schatz des Evangeliums in irdenen Gefäßen, damit die überschwengliche Kraft von Gott sei und nicht von uns“, schreibt Paulus an die Korinther.

Das spricht sowohl gegen einen individuellen Spiritualismus, der ins Beliebige abdriftet und sich auf irgendwelche göttlichen Privatoffenbarungen beruft. Es spricht aber auch gegen einen erstarrten Institutionalismus, der sich selbst allein absolut setzt und andere ausgrenzt. Beide sind eine Gefahr für die „eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“, die wir alle gemeinsam glauben und bekennen.

Wenn diese meine biblische und theologische Erkenntnis stimmt, dann steht gegen das Amt des Papstes als dem höchsten menschlichen Dienst und dem klarsten Ausdruck für die Einheit und Heiligkeit und Katholizität und Apostolizität der Kirche auch reformatorischerseits nichts im Wege.

Auch Luthers Konflikt mit dem Papsttum ergab sich nicht aus einer ablehnenden Haltung gegenüber dem Papstamt oder den (zweifelhaften) Trägern dieses Amtes. Luther war in seiner anfänglichen theologischen Erkenntnis kein Papstgegner. Erste kritische Wahrnehmungen in der Zeit von 1513-17 sind nicht als Infragestellung der Autorität des Papstes oder als prinzipielle Kritik an der Institution des Papstamtes zu verstehen. Erst als Luther dieses Amtes als Unterdrückung der Wahrheit und Freiheit des Evangeliums erfuhr, erst dann sah er in ihm völlig zu Recht den „Antichristen“ - und es fielen heftige und kräftige Worte, die in gewisser Weise ein rhetorischer Ausdruck jener Zeit sind, aber doch wohl besser niemals gefallen wären und bis heute noch ein historischer Klotz am Bein der evangelischen Kirche sind.

Dennoch: Das Amt des Papstes also solches wäre reformatorischerseits grundsätzlich möglich, so es der Wahrheit und Freiheit des Evangeliums dient. Also darf und muss auch ich als evangelischer Pfarrer doch wohl überlegen: „Wenn ich einmal Papst wär…“ – ja was dann?

Aber nun beginnt erst alles – und beginnen erst auch alle Schwierigkeiten. Denn das Amtsverständnis auf evangelischer Seite ist wohl ein anderes, als es auf röm.-kath. Seite ist. Ich würde mich als evangelischer Papst anders verstehen.

Der ökum. Dialog muss sich darum nicht mit der Rechtmäßigkeit eines solchen Amtes befassen, sondern mit dem Amtsverständnis. Und da sich dies auch innerhalb der röm.-kath. Kirche im Laufe der Geschichte geändert hat (I. Vaticanum!!), könnte es sich durch einen von beiden Seiten offenen ökum. Dialog doch auch (weiterhin) verändern. Dass das von Seiten der röm.-kath. Kirche nicht so einfach ist, dessen bin ich mir bewusst. Aber wenn wir von reformatorischer Seite wenigstens einmal das Amt des Papstes als das Amt der Einheit der christlichen Kirche für möglich und sinnvoll halten, dann kann man auch für dessen Verständnis miteinander einen für beide Seiten fairen und gewinnbringenden Dialog führen.

Denn was sich hinter dem röm.-kath. Bollwerk „Papst“ verbirgt und auf römisch-katholische Weise ausgeführt wird, das ist doch auch ein zutiefst evangelisches Anliegen: Dass es für die verbindliche Lehre der christlichen Kirche Kontinuität geben muss – röm.-kath.-seits dargestellt durch die Sukzession der Päpste. Und dass es die Identität/Einheit der christlichen Kirche geben muss - röm.-kath.-seits dargestellt durch den (umstrittenen) „Primat“ des Papstes.

Das alles gibt es ja auch auf evangelischer Seite – nur eben mit einer anderen biblischen und reformatorischen Begründung. Die Kontinuität liegt darin, dass sich immer wieder Menschen zusammenfinden, um das Wort Gottes zu hören und Gemeinde Gottes, Volk Gottes zu sein, weil sie der Geist Gottes zusammenführt. Und die Identität liegt darin, dass das Volk Gottes einzelne ordiniert, die beauftragt und befugt sind zu „lehren“, vom einfachen Pfarrer bis hin zum Ratsvorsitzenden der EKD. So ist das eingerichtet um des Wortes Gottes willen. Darum ist auch die evangelische Kirche notwendigerweise eine „Institution“ – auch wenn man evangelischerseits immer wieder irrtümlicherweise meint, auf die „Institution Kirche“ verzichten oder nur schimpfen zu können, weil ich „meinen Glauben“ auch ohne die Kirche haben kann. Es gibt aber den christlichen Glauben und damit auch einen evangelischen Christen nicht ohne die Gemeinschaft der Gläubigen! Alles andere wäre ein geistlicher Irrtum.

Also wird ein ökum. Dialog wohl auch sehr selbstkritisch geführt werden müssen – auf beiden Seiten. Aber zu sich selber in ein kritisches Verhältnis zu treten ist gar keine einfache Sache. Denn das sieht nach Schwäche aus und gibt eine Blöße, die leicht vom andern ausgenutzt werden könnte. Dennoch wird ein ökum. Dialog nicht ohne aufrichtige Selbstkritik geführt werden können. Und infolge solcher Selbstkritik werden dann auch zur Sprache kommen die gegenseitigen Missverständnisse und die daraus folgenden Missverhältnisse; gefolgt von der Bitte um Vergebung und Verzeihung für die gegenseitig sich zugefügten Wunden.

Voraussetzung aber ist die Offenheit füreinander – und die beruht auf der Offenheit für den Heiligen Geist und für das Wort Gottes – weshalb wir erst recht im ökum. Dialog immer wieder zurückgeworfen sind auf die beiden urchristlichen Bitten: „Kyrie eleison – Herr, erbarme dich.“ Und: „Veni creator spiritus – Komm, Schöpfer Geist.“

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... zu Ps 127,1b -

 anlässlich des "Nachtwächtertreffens" in Burkheim

Ich nehme an, Sie haben heute Nacht geschlafen und sind nun einigermaßen ausgeschlafen. Dass Sie gestern Abend überhaupt sich schlafen legten, ist eigentlich merkwürdig. Natürlich waren Sie vielleicht hundemüde, weil Sie tagsüber viel zu tun hatten. Oder sie gingen einfach aus Gewohnheit wie die Hühner zu einer bestimmten Uhrzeit ins Bett. Das ist normal – und zugleich merkwürdig. Denn wir legen uns schlafen – und geben uns damit aus der Hand. Wer schläft, hat keinerlei Kontrolle mehr. Gewiss hatten sie deshalb Tor und Tür verschlossen - oder sogar ihre Alarmanlage eingeschaltet. Man braucht dieses Gefühl von Sicherheit, das einen ruhig oder ruhiger schlafen lässt. Wahrscheinlich die wenigsten von uns schaffen es, sich unter freiem Himmel schlafen zu legen. Ein unsicheres Gefühl und auch noch das kleinste Geräusch lassen einen kaum in den Schlaf finden. Am nächsten Morgen ist man nicht nur schlecht ausgeschlafen, sondern auch noch schlecht gelaunt.

Wäre es aus einem gewissen Sicherheitsbedürfnis nicht überhaupt besser durchzuwachen, denn es könnte ja in der Nacht wirklich allerhand Unvorhergesehenes passieren und man müsste so schnell wie möglich handeln. Im Schlaf überrascht zu werden, ist etwas höchst Unangenehmes. Also besser nicht ins Bett gehen, sondern immer wach sein, immer auf der Hut sein? Natürlich geht das auf Dauer nicht – weder mit dem stärksten Kaffee noch mit der synthetischen Droge Ecstasy. Irgendwann überfällt einen der Schlaf und die Augen fallen einem unwiderstehlich zu. Oder man dreht durch und wird verrückt. Schlafentzug ist eine Foltermethode. Schon allein Tag und Nacht das Licht in der Zelle brennen zu lassen – wie es die Stasi bei ihren Häftlingen tat - genügt. Es zermürbt. Wir brauchen nämlich den Schlaf zur Regeneration von Leib und Seele, sonst gerät alles aus den Fugen.

Doch trotz dieser Notwendigkeit ist es dennoch erstaunlich, dass wir uns schlafen legen – und uns damit völlig aus der Hand legen. Woher nehmen wir geborene Angsthasen eigentlich dieses Vertrauen, dass wir am nächsten Morgen nicht nur einigermaßen erfrischt, sondern auch wieder heil und unversehrt aufwachen? Oder – überhaupt aufwachen! Das kann uns doch niemand garantieren. Wenn wir uns in den Schlaf fallen lassen, dann lassen wir uns eben nicht nur in den Schlaf fallen, sondern auch vertrauensvoll in eine Geborgenheit, die wir selber nicht machen, nicht herstellen können.

Natürlich denken wir darüber nicht nach, sondern tun es einfach selbstverständlich – wie vieles. Ist ja auch in Ordnung. Aber das Wunderbare und Seltsame und Merkwürdige entdeckt man auch hier erst durch Nachdenken und Nachfragen: Was geschieht eigentlich wirklich, wenn wir uns schlafen legen – nicht biologisch oder mental, sondern existentiell? Es wäre nämlich tatsächlich aufgrund der Unsicherheit in der Nacht und der Ungewissheit des Erwachens völlig verständlich, dass wir aus Angst besser nicht einschlafen wollen.

Und das kennen wir: beim Sterben. Da ist es die Angst vor dem letzten und endgültigen zeitlichen Einschlafen, vor dem Todesschlaf, weshalb manche einfach nicht - oder noch nicht - sterben können. Da muss man dann wirklich alles, vor allem sich selbst, aus den Händen legen. Während wir den allnächtlichen Schlaf und das allmorgendliche Aufstehen aus Erfahrung kennen, ist der Todesschlaf in der Todesnacht und die Auferstehung am jüngsten Morgen eine noch ausstehende und einmalige Erfahrung. Aber das Gegenwärtige und Zukünftige haben darin etwas miteinander zu tun, dass sie unser Vertrauen herausfordern – oder ansonsten uns in heillose Angst versetzen. Das stets geforderte Vertrauen oder die stets drohende heillose Angst wird uns gerade angesichts des Einschlafens am Ende des Lebens bewusst, und kaum beim Einschlafen am Ende eines Tages - und ist hier dennoch unbewusst gegenwärtig.

Denn schlafen Sie doch mal in der kommenden Nacht bei offenen Türen und Fenstern oder auf einer Parkbank wie Obdachlose. Spätestens dann wird Ihnen klar, welche Voraussetzung ein friedliches Einschlafen stillschweigend hat: Sicherheit und Vertrauen. Beides. Denn es kann viel passieren, wenn ich mich schlafen lege und damit ganz aus den Händen lege.

Aber brauchen wir heute überhaupt noch dieses Vertrauen angesichts einer Sicherheit, die wir doch herstellen und gewährleisten können? Wir wohnen doch in festen Häusern und können diese durchaus zu Hochsicherheitstrakten mit Wärme- und Bewegungssensoren einschließlich Stacheldraht optimieren. Aber die Nuklearkatastrophe weit weg in Japan und die EHEC-Epidemie ganz nah in Deutschland drängen es uns förmlich auf: Wir leben nicht nur immer gefährdet und bedroht, sondern es gibt gar keine absolute Sicherheit, keinen absoluten Schutz. Leben ist prinzipiell ungesichert – und kann deshalb ohne Vertrauen gar nicht gelebt werden. Keinerlei technische Sicherheit kann menschliches Vertrauen ersetzen. Im Gegenteil: Die Vorgaukelung absoluter Sicherheit entmenschlicht den Menschen, denn sie lässt bei ihm das Vertrauen verkümmern, das elementar zum Leben dazugehört – und beschert ihm eines Tages ein böses Erwachen aus dem „Schlaf der Sicherheit“. Menschlich, d.h. dem Menschen dienlich hingegen ist darum eher das umgekehrte: Inmitten aller benötigten Sicherheit darauf hinzuweisen, dass es ohne Vertrauen gar nicht geht.

Nun kann man sein Vertrauen auf sehr vieles setzen und sich dem anvertrauen. Die Bibel kennt hierzu allerdings eine wegweisende Unterscheidung: Ich kann man Vertrauen auf etwas Irdisches setzen. Dann wird es mir zum Götzen. Ein Götze ist etwas Materielles oder Ideelles, das vergöttert wird. Und solch irdische Götter oder Götzen, an die Menschen glauben und auf die sie vertrauen, gibt es massenhaft. Nach biblischem Verständnis wird ein Mensch entweder daran glauben oder– etwas drittes gibt es nicht! - er setzt sein Vertrauen auf den einen Gott, der Himmel und Erde nicht nur geschaffen hat, sondern auch erhält und schließlich vollendet; und also auch Schöpfer und Erhalter und Vollender meines kleinen Lebens ist. Dann steht alle irdische Sicherheit in seinem Dienst - den Menschen zugute.

Als eine Art Gottesdienst für Menschen ist auch die Tätigkeit der Nachtwächter in der Stadt zu verstehen. Ihre Aufgabe war es, nachts durch die Straßen und Gassen der Stadt zu gehen, das ordnungsgemäße Verschließen der Haustüren und Stadttore zu überwachen, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, verdächtige Personen anzuhalten, zu befragen und notfalls zu verhaften, die schlafenden Bürger vor Feuern, Feinden und Dieben zu warnen, und - die Stunden anzusagen. Dies geschah mit dem sog. Nachtwächterlied: „Hört ihr Herrn und lasst euch sagen…“ Es ist dem Ursprung nach unbekannt, wurde aber von Friedrich Silcher in sein Liederbuch aufgenommen. Ich habe es in der Volksschule als Volkslied gelernt, habe aber erst jetzt erkannt, dass es den zuvor als Lesung gehörten Ps 127 aufnimmt. Wenn es da heißt: „Wenn der HErr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst“, so lautet der Refrain des Nachtwächterliedes: „Menschenwachen kann nichts nützen, Gott muss wachen, Gott muss schützen. Herr durch deine Güt’ und Macht gib uns eine gute Nacht.“ Und zwischendurch immer wieder (be)merkenswerte Verse zur vollen Stunde. Um 10 Uhr: Zehn Gebote lehren wohl, wie vor Gott man wandeln soll. Um 11 Uhr: Elf der Jünger bleiben treu; einer trieb Verräterei. Um 12 Uhr: Zwölf, das ist das Ziel der Zeit; Mensch, bedenk’ die Ewigkeit. Um 1 Uhr: Ist nur ein Gott in der Welt; ihm sei alles anheimgestellt. Um 2 Uhr: Zwei Weg’ hat der Mensch vor sich; Herr den rechten führe mich. Um 3 Uhr: Drei ist eins, was göttlich heißt: Vater, Sohn und Heilger Geist. Und schließlich um 4 Uhr: Vierfach ist das Ackerfeld; Mensch wie ist dein Herz bestellt? Es gibt dann zwar zu weiteren Stunden noch weitere Verse mit den fünf Jungfrauen, sechs Schöpfungstagen, den sieben Worten Jesu am Kreuz, den acht Geretteten aus der Sintflut und den neun Undankbaren aus einem Gleichnis Jesu – je nachdem wie lange der Nachtwächter winters oder sommers unterwegs ist. Aber beim letzten Vers ist dann der Refrain keine Bitte mehr, sondern ist Dank für die Ruhe der Nacht und lautet: „Alle Sternlein müssen schwinden und der Tag wird sich einfinden. Danket Gott, der uns die Nacht hat so väterlich bewacht.“

Schon allein um all dieser geistlichen, biblischen, theologischen Erinnerung willen wäre es von Vorteil, würde dieser „Stundenschlag“ heute noch oder wieder von einem Nachtwächter auf seinem Rundgang zu hören sein. Schließlich ist jener Psalm ja ein Wallfahrtslied und wurde auf dem Weg nach Jerusalem gesungen. Warum nicht auch das Nachtwächterlied zu jedem vollen Stundenschlag auf dem Weg - durch Burkheim!? Oder besser doch nicht wegen nächtlicher Ruhestörung? Denn schon der nächtliche Stundenschlag der Glocken vom Kirchturm ist ja in Burkheim und auch in Bischoffingen nicht mehr zu hören.

Es wäre dann auf jeden Fall mehr als reine Brauchtumspflege oder schöne Romantik. Es wäre die stündliche Verbindung unserer vergehenden Lebenszeit mit bleibenden biblischen Wahrheiten. Und es wäre stündlich die Erinnerung daran, dass wir uns letztlich nicht selber beschützen und bewahren können, wenn es nicht ein anderer „durch seine Güt und Macht“ tut und uns jede Nacht eine gute Nacht gibt. Darum: „Hört ihr Herrn und lasst euch sagen…“, auch wenn es scheinbar niemand mehr so recht hören will.

Doch manchmal bekommen wir es ganz plötzlich gesagt und müssen es einfach hören, weil menschliches Leben in der Ferne oder in der Nähe plötzlich bedroht ist. Dann sind wir verunsichert und schreien nach noch mehr Sicherheit – und wissen doch zugleich, dass es diese niemals gibt.

Denn schon jede Nacht lehrt uns, was wir doch auch bei Tag immer sind: ausgeliefert an das Unvorhersehbare, Unberechenbare, Unbeherrschbare. Darum wird unser Leben in seiner Tiefe geprägt und bestimmt von Angst und Vertrauen. Und beide liegen immer im Streit miteinander. Jede Angst schreit nach machbarer Sicherheit – und das Vertrauen wagt, sich einem Größeren anzuvertrauen.

In letzteres fügen sich Christen mit ihrem Gebet am Abend des Tages ein – und üben es damit ein für den Abend ihres Lebens. Denn beides, sich schlafen legen im Bett oder im Schoß der Erde, heißt immer: sich aus der Hand geben und sich in die Hände eines Größeren legen und getrost seiner Güte überlassen.

Das bekennt jenes biblische Wallfahrtslied Ps 127, das singt der Nachtwächter in seinem Nachtwächterlied, und das nimmt Jochen Klepper auf in zwei Abendliedern, Abendgebeten. Von dem einen hören wir den ersten Vers und von dem andern lassen wir uns den letzten Vers sagen:

„Ich liege, Herr, in deiner Hut

und schlage ganz mit Frieden.

Dem, der in deinen Armen ruht,

ist wahre Rast beschieden.“

 

„In jeder Nacht, die mich umfängt,

darf ich in deine Arme fallen,

und du, der nichts als Liebe denk,

wachst über mir, wachst über allen.

Du birgst mich in der Finsternis.

Dein Wort bleibt noch im Tod gewiss.“



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... zu Musik in der Kirche -

anlässlich 125-Jahr-Feier der Winzerkapelle Bischoffingen

„Durch mündliche Überlieferung der älteren Einwohner von Bischoffingen bestand hier schon vor dem Jahr 1885 ein Musikverein. In den Evangelischen Kirchen durfte zu jener Zeit aber keine Blasmusik auftreten. Deshalb fehlen uns dafür die Unterlagen.“

Mit diesem Zitat rief Adalbert Rieflin vor einigen Tagen bei mir an und fragte nach der sachlichen Richtigkeit und den möglichen Gründen dieses Auftrittverbots für Blasmusik. Zunächst vermutete ich persönliche Querelen zwischen Dirigent und Pfarrer. Aber da es heißt: „In den Evangelischen Kirchen…“ kann es sich nicht nur um eine Bischoffinger Besonderheit gehandelt haben. An der Blasmusik als solcher konnte es allerdings auch kaum liegen. Denn Posaunenchöre standen schon seit der Zeit des Pietismus in der Evangelischen Kirche in hohem Ansehen. Außerdem sind gerade Posaunen von biblischer Bedeutung: Sind da nicht mal bei einem siebenmaligen Umzug um die Stadt Jericho sieben Posaunen wahrscheinlich in d-Moll erklungen und haben deshalb die Mauern der Stadt „de-moliert“? Und erklingt nicht auch bei der Wiederkunft des Menschensohns am Ende der Zeit die „letzte Posaune“, deutlich noch zu sehen auf der linken Rückseite des Triumphbogens in der Bischoffingen Kirche?

Überhaupt ist die Bibel voller Musik. Da erklingen Flöte, Laute, Rassel, Zimbel, Tamburin, Schelle, Horn, Posaune; und „Psalter und Harfe wacht auf…“. Diese gängigen Instrumente im vorderen Orient begleiten sowohl den Gesang wie auch den Tanz, erklingen aus weltlichen oder religiösen Anlässen. Jene Instrumente begleiteten teilweise auch die Psalmen, wobei wir deren Melodien allerdings nicht mehr kennen, weil man sie damals noch nicht mit Hilfe eines Notensystems aufzeichnen konnte.

Die Bibel ist voller Musik – und kennt sowohl deren bedenklich-ekstatische Wirkung wie auch ihre heilsam-therapeutische Wirkung. Besonders dem schwermütigen König Saul versucht man mit dem lieblichen Harfenspiel eines jungen Mannes namens David zu helfen. Ähnliches rät Martin Luther auf seine Weise: „Darum, wenn ihr traurig seid, und es will überhand nehmen, so sprecht: ‚Auf! Ich muss unserm Herrn Christo ein Lied schlagen […]; denn die Heilige Schrift lehret mich, er höre gern fröhlichen Gesang und Saitenspiel. Und greift frisch in die Tasten und singet drein, […], wie schon David es tat. Kommet der Teufel wieder und gibt Euch eine Sorge oder traurige Gedanken ein, so wehret Euch frisch und sprecht: Aus, Teufel, ich muss itzt meinem Herrn Christo singen und spielen.“

Jedoch werden im Neuen Testament Musikinstrumente recht zurückhaltend erwähnt und wohl kaum liturgisch eingesetzt. Denn viele der alten Lieder aus der Synagoge entsprachen inhaltlich nicht mehr dem neuen Glauben. Und die Musik der Römer entsprach nicht dem christlichen Lebensverständnis. In einem Klima der üblen Nachrede von allen Seiten wollten und konnten die frühen Christen nur durch äußerste Sittenstrenge und tadellosen Lebenswandel Ansehen und Sympathie gewinnen. Das bedeutete konkret: Die Instrumentalmusik, insbesondere der Tanz und der spontane Gesang der Frauen verschwanden. „Das Weib schweige in der Gemeinde“ – auch beim Singen. Damals!

In einer Streitschrift gegen die Heiden aus dem Jahre 330 n. Chr. liest man: „Seht, wie sie beim Pfeifen ihre Backen aufblähen und obszöne Gesänge mit großem Getöse vortragen, indem sie mit dem Fuß die Scabella schlagen und sich unter ihrem Einfluss die große Menge lüsterner Seelen den bizarrsten Verrenkungen hingeben.“ Darum beschränkte sich die christliche Kirche in den ersten Jahrhunderten nicht aus leibfeindlichen, sondern aus verständlichen Gründen auf den liturgischen und gemeindlichen Gesang ohne instrumentelle Begleitung – und erst recht ohne irgendwelche tänzerischen Andeutungen. Ab dem 9. Jhdt. geht die Einstimmigkeit dann in die Mehrstimmigkeit über; instrumentelle Begleitung wird möglich; ein Notensystem entsteht. Aber erst 500 Jahre später zieht – allerdings nicht ohne Gegenstimmen - die Orgel in die Kirche ein, während andere Instrumente immer noch nicht zu hören sind. Die röm.-kath. Kirche hielt allerdings kirchenmusikalisch lange an lateinischen Messen und Motetten fest. Erst mit dem 2. Vatikanischen Konzil ab 1963 öffnete sich die Kirchenmusik für den Volksgesang, für die zeitgenössische Musik und auch für die evangelische Kirchenmusik. In der evang. Kirche betrachtete man Musik allgemein als Gabe Gottes, besonders für den gottesdienstlichen Gebrauch. Im Mittelpunkt standen der deutschsprachige Choral und Gemeindegesang.

Weil jedoch der musikalische Genuss die biblische Botschaft verdrängen könnte, verbannte Ulrich Zwingli die Kirchenmusik zeitweise völlig aus dem Gottesdienst der Reformierten Kirche. Johannes Calvin ließ den Gemeindegesang unter strengen Auflagen wieder zu. Verhinderte vielleicht dieser strenge calvinistische Einfluss aus der Schweiz den Auftritt von Blasmusik um 1885 in den evangelischen Kirchen der Region? Im lutherischen Norden hingegen entstanden schon Mitte des 17. Jahrhunderts mit den Abendmusiken in der Marienkirche zu Lübeck zum ersten Mal kirchliche Konzertveranstaltungen außerhalb des Gottesdienstes. Das war damals so außergewöhnlich wie der Einzug der Pop(ular)musik in die Kirchenmusik nach 1960. Dazu kam dann der Einsatz „weltlicher“, ja elektronischer Instrumente: Elektro-Gitarre, Elektro-Orgel, Schlagzeug, Saxophon – auch noch in einer „Jazzmesse“, „Beatmesse“, „Rockmesse“. Hinzu kamen Gospels und Spirituals – mit rhythmischem Klatschen. Anfangs alles hart umstritten und umkämpft. Für viele weit entfernt von „geistlicher Musik“.

Doch - was macht eigentlich Musik zur „geistlichen Musik“, zur „Kirchenmusik“? Dass sie in einer Kirche stattfindet oder etwas mit Gottesdienst und Liturgie zu tun hat? Ist vielleicht jene Bemerkung von 1885 der Hinweis darauf, dass die Literatur jener Blasmusik zu wenig „geistlich“ und „kirchlich“, stattdessen zu „weltlich“ war?

Aber kein geringerer als Johann Sebastian Bach hat viele Stücke seiner weltlichen Musik durch spätere Umarbeitung und einen neuen Text zur geistlichen Musik gemacht. So komponierte er einst für die Kurfürstin von Sachsen eine Geburtstagskantate - ein Jahr später wurde daraus der berühmte Eingangschor des Weihnachtsoratoriums: "Jauchzet, frohlocket". Wird eine Komposition vor allem durch den Text zur "heiligen" Musik, zur „musica sacra“; oder durch einen bestimmten Musikstil oder gar durch biblische Instrumente – wozu die Orgel ganz bestimmt nicht gehört? Gibt es dann auch geistlich verbotene und Stile und Instrumente, verbotene Texte und Rhythmen? Was ist mit Tango und Samba – oder schon mit dem ¾- oder 6/8 Takt, der die einen zum Schunkeln anregt und die andern zum Walzer-Tanzen? Auch in einer Kirche? Und was ist mit dem begleitenden Klatschen bei Gospel und Spirituell?

Natürlich hat jeder gewisse Vorstellungen von kirchlicher oder geistlicher Musik aufgrund seiner kulturellen Prägung und seines persönlichen Geschmacks. Aber genau deshalb lässt sich geistliche Musik nicht auf eine bestimmte Stilrichtung einengen.

Und doch taugt ein Potpourri aus weltlichen Hits vom Radetzky-Marsch über süß-sauere Schnulzen bis zu trommelfell-zerreißenden oder verstand-raubenden Tönen samt dumpf-hämmernden Bässen nicht unbedingt zum Kirchenkonzert. Denn in den Raum einer Kirche passt nicht alles. Eine Kirche ist weder ein Wirtshaus noch ein Konzerthaus. Eine Kirche ist ein Gotteshaus. Und alles, was hier zu hören wie auch zu sehen ist, das weist von sich weg und über sich hinaus und muss mit dem übereinstimmen, was hier sonst geschieht: Dass der Ewige hier angebetet, angerufen, verehrt, gelobt wird; dass hier Evangelium, frohe Botschaft zu hören ist. Eine Kirche hat eine bestimmte geistliche Ausrichtung. Und wer diese nicht versteht, der versteht die ganze Kirche nicht.

Eine aggressive Musik, die Menschen aufreibt, ist in einem Gotteshaus deshalb genauso fehl am Platze wie eine aggressive Rede, die Menschen gegeneinander aufhetzt. Das passt nicht in diesen Raum. Das gehört nicht hier her. Ich hab ja das Klo auch nicht im Wohnzimmer. Es ist darum zunächst einmal die Intention, die innere Ausrichtung des Raumes, die manches in einer Kirche erlaubt und anderes nicht. Und wie der Raum einer Kirche über sich hinausweist auf einen Größeren, so soll es auch die Musik in einer Kirche tun. Sie soll des Menschen Herz in Freude und Dank, in Bitte und Klage beflügeln auf den Höchsten hin. Alle Musik und alle Instrumente, alle Töne und alle Klänge, alle Worte und alle Texte, die solches tun, haben einen Platz in der Kirche.

Wie nun menschenverachtende Musik kirchenuntauglich ist, so auch Musik, die von vornherein nur der Selbstverherrlichung und dem Ruhm des Menschen dient. Will ich nur mich selbst musikalisch inszenieren, dann ist ein christliches Gotteshaus dafür der falsche Ort. Dafür gibt es genug andere Orte. Deshalb kommt es nicht nur auf die innere Ausrichtung der Musik an, sondern auch auf die innere Ausrichtung eines Musikers: Dass ich nicht zu meiner eigenen Ehre komponiere oder dirigiere oder musiziere, sondern etwas weitergebe, was mir geschenkt wurde. Weshalb auch ein Pfarrer hoffentlich nicht zur eigenen Ehre predigt, sondern „ad maiorem dei gloriam“, zur größeren Ehre Gottes. Und gerade deshalb niemals oberflächlich und schlampig, sondern mit höchstem persönlichem Einsatz und höchster persönlicher Hingabe, und auch mit höchstem handwerklichem Geschick. SDG, „soli deo gloria“, „Einzig Gott zur Ehre“ - mit dieser Signatur unterzeichneten Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel die meisten ihrer Werke. Oftmals sogar anstelle des eigenen Namens. Der trat bewusst hinter das Werk und seine Ausrichtung zurück.

Wer seinen musikalischen Beitrag in einer Kirche so versteht, der wird als Musiker in einer Kirche auch keinen Applaus erwarten – und wer so Musik hört, der wird als Hörer auch nicht applaudieren. Denn mit dem Applaus wird dann leicht wieder zugeklatscht, was zuvor mit Klängen geöffnet wurde: das Ohr und Herz des Menschen. Und doch kann auch das Klatschen der Hände Dank und Freude des Herzens zum Ausdruck bringen – und sollte dann auch in einer Kirche nicht verwehrt werden.

Noch eine letzte Frage bewegt mich: Darf in einer Kirche getanzt werden? Schon die Bewegungen eines Dirigenten sind nicht nur technische Anweisungen an die Musiker, sondern Noten und Takt als Schwingung und Bewegung – und zwar nicht nur der Arme.  Oder liege ich da falsch – Herr Belle? Und weil Musik aus akustischen Schwingungen besteht, darum versetzt sie auch in Schwingung und Bewegung. Es gibt Kirchenlieder, die einen leicht und unbemerkt ins Wiegen bringen. Und warum darf's nicht auch etwas mehr sein?! – wenn dies wie das Klatschen bei einem Spiritual oder nach einem Konzert Ausdruck von Freude und Dank ist! So wenig es generell geboten ist, den Tanz in die Kirche einzuführen, so wenig ist es kategorisch verboten, in einer Kirche zu tanzen.

Aber - es muss angemessen sein, es muss passen: Zum Raum, zu den Menschen, zu den Sitten und Gebräuchen. Das alles muss man einfühlsam achten und darf es nicht gedankenlos verachten. Kultur geht immer einher mit der Ausbildung und Förderung von Gespür und Fingerspitzengefühl für das, was taktvoll ist – musikalisch und menschlich und geistlich. Was ist hier und jetzt angemessen – und was nicht. Wie nicht alles zu allem passt, so ist auch nicht überall alles angebracht; es mag an sich nicht mal schlecht sein. Der richtige Raum und die rechte Zeit sind mit entscheidend.

„Geistliche Musik“ – erst recht in einer Kirche - weist also über sich hinaus und führt deshalb auch Musiker und Hörer über sich hinaus – auf den Gott zu, von dem die Musik kommt, und der deshalb auch mit der Musik zu loben und zu ehren ist. Entscheidend dabei ist, ob mich beim Musizieren oder Hören etwas im Herzen berührt und ergreift, wegführt von der Fixiertheit auf mich selbst und hinführt zur Herrlichkeit Gottes. Geschieht dies, geschieht ein Wunder: Eine Partitur verwandelt sich zu einem „Gebet aus Noten“ - und ein Konzert zu einer „Predigt in Tönen“. Nicht nur in einer Kirche.


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 ... zu Mensch und Tier -
anlässlich eines Gottesdienstes am Welttierschutztag

Im Freiburger Stadtgarten steht im Ententeich das Denkmal eines Erpels, der im Zweiten Weltkrieg die Menschen in seiner Umgebung durch sein unüberhörbares Geschrei mehrfach vor Bombenabwürfen gewarnt hat. Die Menschen wurden gerettet, er selbst kam durch Bomben ums Leben. Das Denkmal trägt die Inschrift: „Die Kreatur Gottes klagt, klagt an und mahnt.“

 

An was dieses seltene und seltsame Denkmal in Freiburg erinnert, ist etwas Tragisches und auch etwas Magisches. Es gehört mit zur Tragik der Tiere, dass sie dem Menschen höchst hilfreich und nützlich sind – und durch den Menschen höchst gefährdet. Und es gehört mit zur Magie der Tiere, dass sie bisweilen die Fähigkeit zur Wahrnehmung haben, die unserem menschlichen Verstand normalerweise verschlossen ist – weshalb sie in den vom Mythos geprägten Zeiten insbesondere in Ägypten die Götter vergegenwärtigen.

 

So ist unser Verhältnis zu den Tieren bis heute sehr zwiespältig und ungeklärt: Wir achten sie gering, geringer als uns selbst, weil es eben „nur Tiere“ sind, mit uns nicht auf die gleiche Stufe der Entwicklung zu stellen, ohne die Kulturleistungen, denen wir uns kraft unseres Verstandes rühmen. Und wir bewundern ja beneiden sie bis heute, weil wir eben kraft unserer Natur weder fliegen und uns orientieren können wie die Zugvögel, noch schwimmen und tauchen können wie die Robben, auch nicht überwintern können wie die Bären und Schildkröten, nicht so schnell laufen können wie Geparden, nicht so klettern können wie Affen, uns nicht über 100 km Entfernung verständigen können wie die Pottwale usw.

 

Zwiespältig ist insbesondere heute, wie wir unsren Haustieren liebevoll einen Namen geben, sie hegen und pflegen, ihnen die nötige medizinische Versorgung zukommen lassen, und sie evtl. schließlich sogar auf einem Tierfriedhof mit Grabstein und Inschrift bestatten – während wir gleichzeitig namenlose Nutztiere aus der Massentierhaltung bzw. aus dem anonymen Tiefkühlfach gedankenlos, gefühllos verspeisen.

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist höchst zwiespältig und bis heute trotz aller Forschung ungeklärt – und wird es auch so bleiben. Denn da ist Verwandtschaft und Verschiedenheit, da ist Vertrautheit und Furcht, Verbundenheit und Konkurrenz, da ist Nähe und Ferne– zumindest was die höher entwickelten Wirbeltiere anbetrifft. Und um die geht es jetzt vor allem.

 

Verwandtschaft und Verschiedenheit sowohl in körperlich-organsicher Hinsicht - sonst gäbe es keine Tierversuche für medizinische und kosmetische Zwecke. Verwandtschaft und Verschiedenheit aber genauso auch in seelischer Hinsicht - worauf das lateinische Wort für Seele, „anima“ hinweist, das mit dem Tierischen, dem „Animalischen“ nicht nur etymologisch, sondern auch wesentlich eng verbunden ist. Denn Mensch und Tier sind in gleicher Weise elementar „beseelt“, d. h. „belebt“. Darum werden beide, Mensch und Tier, nach dem biblischen Schöpfungsbericht am 6. Tage erschaffen (1. Mose 1,24-31) Wir teilen mit den Tieren tatsächlich in elementarer Weise die Fähigkeit zu empfinden: Freude und Trauer, Schmerz und Glück, Zufriedenheit und Aufgeregtheit, Angst und Vertrauen, Gefahr und Sicherheit.

 

Was das Tier nicht im gleichen Maße mit uns teilt, ist das, was wir unseren instrumentellen Verstand, unsere logische Vernunft, den Intellekt, den Geist, das Selbstbewußtsein nennen – mitsamt seinen bisweilen höchst zwiespältigen kulturellen und technischen Errungenschaften. Die machten uns im Laufe der Menschheitsgeschichte dem Tier immer mehr überlegen, entfremdeten uns aber auch seelisch von ihm. Die radikalste Position hat in dieser Hinsicht der franz. Philosoph Descartes vertreten (1596 – 1655). „Ich denke, also bin ich“, war sein Grundsatz. Und alles, was nicht Denken kann, hat letztlich auch kein echtes, wahres Sein; ist nicht Leben, sondern Sache. Tiere sind wie biologische Maschinen, die perfekt funktionieren – wobei Descartes dies keineswegs im abfälligen Sinne meinte; denn diese Maschinen seien, da sie für ihn immer noch aus den Händen Gottes stammten, viel wunderbarer konstruiert, als sie je ein Mensch erfinden könnte. Aber sie sind eben nicht Subjekte, sondern Objekte – für den Menschen, der sich vornehmlich vom Bewusstsein her definiert, und dadurch aus dem natürlichen Zusammenhang mit dem Tier heraustritt.

 

Aber schon Francis Bacon (1561 –1626) ein Zeitgenosse von  Descartes, hat geahnt und die Konsequenzen vorausgedacht, die sich aus einer solch „objekthaft-wissenschaft-lichen“ Betrachtung des Tieres ergeben. In seiner damals noch utopischen Schrift „Nova Atlantis“ entwirft Bacon das Bild einer zukünftigen Gesellschaft, die durch die systematische Naturbeherrschung von Wissenschaftlern regiert wird. Die lässt er sagen:

«Wir haben auch Parkanlagen und Gehege, in denen wir alle möglichen vierfüßige Tiere und Vögel halten; wir halten sie nicht nur, um sie anzuschauen oder weil sie selten sind, sondern auch, um sie zu sezieren und anatomisch zu untersuchen, damit wir dadurch soweit wie möglich eine Aufklärung über den menschlichen Körper erhalten.  Hierbei erzielen wir zahlreiche merkwürdige Erfolge: die Erhaltung des Lebens trotz Verlustes oder Entfernung verschiedener von euch als lebenswichtig angesehene Organe, Wiederbelebung mancher Wesen, die scheinbar tot sind, und ähnliches.  Wir erproben auch an ihnen alle Gifte und andere innerlich und äußerlich wirkende Heilmittel, um den menschlichen Körper widerstandsfähiger zu machen.  Auf künstliche Weise machen wir die einen Tiere größer und schlanker, als sie es ihrer Natur nach sind; auf der anderen Seite aber hindern wir andere Tiere an ihrem natürlichen Wachstum.  Die einen machen wir fruchtbarer und zeugungsfähiger, als es ihrer Natur entspricht, die andern dagegen unfruchtbar und zeugungsunfähig.  Auch in bezug auf Farbe, Gestalt und Lebhaftigkeit verändern wir sie auf viele Arten.  Wir finden Mittel, um verschiedene Tierarten zu kreuzen und zu paaren, die neue Arten erzeugen und nicht unfruchtbar sind, wie man gewöhnlich glaubt.  Wir züchten mehrere Arten von Schlangen, Würmern, Fliegen und Fischen aus verwesenden Stoffen, von denen sich einige zu vollkommenen Arten entwickeln - wie es vierfüßige Tiere oder Vögel sind -, ein Geschlecht besitzen und sich fortpflanzen.  Wir lassen uns nun bei dieser Tätigkeit nicht vom Zufall leiten, vielmehr wissen wir von vornherein, welches Verfahren anzuwenden ist, um jene Lebewesen erzeugen zu können»

 

Allerdings tritt die Entfremdung zwischen Mensch und Tier mitsamt ihren schon von Bacon geahnten Folgen nicht erst mit der Neuzeit auf. Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier war von Anfang an nie ohne Spannung. Denn Mensch und Tier lagen schon immer in Konkurrenz zueinander. Sie konkurrierten, sie stritten um Lebensraum und Nahrung. Und diesem Streit liegt ein paradoxes Gesetz zugrunde, dem alles Lebendige seit der Zeit nach der Sintflut unterworfen ist: Leben lebt vom anderen. Der Ernährungskreislauf, der ohne Töten nicht auskommt, ist zugleich die wunderbare Erhaltung des Lebens – bringt aber auch schreckliches und grenzenloses Leiden mit sich. Egal, ob wir nun einen Löwen in der Savanne sehen, der sich am Hals eines Zebras festbeißt und es anschließend gierig zerfleischt – oder einen Menschen, der Schnitzel, Pommes und Salat in sich reinschiebt.

Gott sagte nach der Sintflut zu Noah und seinen Söhnen: „Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden und über allen Vögeln unter dem Himmel, über allem, was auf dem Erboden wimmelt, und über allen Fischen im Meer; in eure Hände seien sie gegeben. Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich's euch alles gegeben. Allein, esset das Fleisch nicht mit seinem Blut, in dem sein Leben ist!“ (1. Mose 9,2-4) Furcht und Schrecken der Tiere vor dem Menschen kann in dieser Welt jenseits des Paradieses und nach der Sintflut also nur gemindert, aber nicht prinzipiell aufgehoben werden. Dabei ist es unsere Aufgabe als vernunftbegabte und vor Gott und untereinander verantwortliche Menschen, zumindest das durch uns Menschen bewusst verursachte Leiden so weit wie möglich zu verringern. Und hierzu gehört in der westlichen Welt vor allem, dass wir unsere Lebens- und Essgewohnheiten überprüfen, mehr auf Lebensqualität und weniger auf Güterquantität setzen. Weniger ist manchmal mehr – und gesünder.

 

Wenn also das Leben unweigerlich vom Tod des andern lebt, dann geht es im menschlichen Leben nie ohne Schuld, nie ohne geschuldeten Dank ab. Wir stehen in einem unauflöslichen, nachparadiesischen Schuldzusammenhang. Darum bitten Eskimos und andere Völker das Tier, bevor sie es jagen und töten um Verzeihung. Und die abessinischen Jäger riefen dem Nilpferd zu: „Verzeih uns, lieber Vater, dass wir dich töten. Aber dein Fleisch ist so gut.“ Im Zeitalter der anonymen Massentierhaltung ist uns solcherlei Schuldbewußtsein und also auch solcherlei Dank fremd geworden. Dass er vielleicht in der Schuld unzähliger „verbrauchter“ Labortiere steht, das empfindet wohl kaum jemand, der seine Genesung, sein wieder erlangtes Leben dem Tod von unzähligen, namenlosen Mäusen, Ratten, Hunden, Katzen, Meerschweinchen, Vögeln, Fischen, Affen im Labor der pharmazeutischen Industrie verdankt. Und wie viele solcher medikamentös behandelten Krankheiten haben ihre Ursachen mit in einer ungesunden Lebensführung und in einer ungesunden Ernährung. Es gibt gewiss genügend physische und psychische Zivilisationskrankheiten, die wir uns fahrlässig einbrocken, und für die Tiere ihren Kopf hinhalten müssen. Ganz zu schweigen von kosmetischen Produkten, die Hasen und Katzen immer noch teuer zu stehen kommt.

 

Ich erinnere mich mit Entsetzen daran, wie ich einmal an einem Straßencafe saß und ein großer Lastwagen vollbeladen mit Rindern davor anhielt. Während der Fahrer in das Café ging, fingen die Rinder in der Hitze an zu brüllen und zu trampeln und des engen Platzes wegen aufeinander loszugehen. Mir wurde es unheimlich und der Kaffee wollte nicht mehr schmecken...

Ja, Leben lebt vom Tod des andern – aber dessen Tod und dessen Weg in den Tod darf nicht einfach gedankenlos, gefühllos, schuldlos, bewusstlos hingenommen werden. Noch mehr: neben der Frage, wie das lebensnotwendige Leid zu vermindern sei, muss auch die Frage erlaubt, ja geboten sein, wo sinnlos, nutzlos, überflüssig gelitten und gestorben wird – weil es nicht mehr um das Lebensnotwendige geht, sondern nur noch um Luxus, Überfluss, Profit, Patente; um die maßlose Steigerung von Lebenserwartung, Lebensstandard – bis hin zu höchst fragwürdigem, ja sadistischem Lustgewinn.

 

Hierzu zählt beispielhaft die bis ins Mittelalter zurückgehende höfische Parforcejagd, bei der meist ein Hirsch so lange mit Hilfe von Hunden gehetzt wurde, bis er, ohne angeschossen oder verletzt zu sein, entkräftet zusammenbricht. Die Hetzjagd dauerte, je nach der Stärke und Klugheit des Hirsches, zwei bis sechs Stunden.  Der völlig erschöpfte und zu Tode geängstigte Hirsch nahm, eingekesselt von der Meute, zumeist noch den Kampf gegen die Hunde auf, wurde aber in der Regel, bevor er größeren Schaden unter den wertvollen Hunden anrichten konnte, vom Jagdherrn mit der blanken Waffe abgefangen, wobei zumeist dem Hirsch, um ihn ungefährlich zu machen, von hinten mit dem Waidmesser zuvor die Hinterläufe durchschlagen wurden. Zu den bemerkenswertesten Flugblättern, die im 18.Jahrhundert dagegen entstanden, gehört das anonyme, aber wohl von Matthias Claudius („Der Mond ist aufgegangen...“) verfaßte «Schreiben eines parforcegejagten Hirsches an den Fürsten, der ihn parforcegejagt hatte»: «Durchlauchtigster Fürst, gnädigster Fürst und Herr!  Ich habe heute die Gnade gehabt, von Euer wohlgeborenen Hochfürstlichen Durchlaucht parforce gejagt zu werden; bitte aber unterthänigst, daß Sie gnädigst geruhen, mich künftig damit zu verschonen.  Euer wohlgeborene hochfürstliche Durchlaucht sollte nur einmal parforce gejagt sein, so würden Sie meine Bitte nicht unbillig finden.  Ich liege hier und mag meinen Kopf nicht aufheben, und das Blut läuft mir aus Maul und Nüstern.  Wie können Ihre Durchlaucht es doch übers Herz bringen, ein armes unschuldiges Tier, das sich von Gras und Kräutern ernährt, zu Tode zu jagen?  Lassen Sie mich lieber totschießen, so bin ich kurz und gut davon.  Noch einmal, es kann sein, daß Euer Wohlgeborene Durchlaucht ein Vergnügen an Parforcejagden haben; wenn Sie aber wüßten, wie mir das Herz schlägt, Sie täten‘s gewiß nicht wieder. Der ich die Ehre habe zu sein mit Gut und Blut bis in den Tod....“ Vielleicht werden einmal im jüngsten Gericht am Ende der Zeit die gedankenlos gequälten und sinnlos getöteten Tiere als Ankläger der Menschen auftreten...

 

Nein, es führt gewiss kein Weg zurück in ein mythisches Zeitalter, wo die Götter noch in Tiergestalten gefürchtet und verehrt wurden. Auch wenn der auf die Babylonier zurückgehende Tierkreis heute in der Astrologie immer noch eine Rolle spielt, so regieren für uns doch keine Tiere mehr vom Himmel her die Geschicke der Menschen. Uns muss es jedoch mindestens darum gehen, den Tieren ihr eigenes Lebensrecht, ihren eigenen Lebensraum, ja ihren eigenen - uns verborgenen - Lebenssinn zuzugestehen, den wir ohne einen triftigen und berechtigten Grund nicht schuldlos, nicht folgenlos zerstören dürfen. Darin zeigt sich die Kultur, die Kultiviertheit des Menschen, dass er sich dessen bewusst ist. Barbarei hingegen ist, willkürlich und maßlos auf Kosten anderer zu leben – schließlich immer zum eigenen Schaden.

 

Die „Christlichen Religionsgesänge“ der evangelischen Gemeinde in Biberach aus dem 18. Jhdt. weisen in der Abteilung „Pflichtgemäßes Betragen gegen die Thiere, Pflanzen und Bäume“ folgendes Lied auf:

«Die Tiere, deren Herr du bist,
(erwäg es Mensch, erwäg es Christ!)
sind auch des Ganzen Glieder:
der Schöpfung Bürgerrecht verlieh
Gott ihnen auch; o blick auf sie
nicht mit Verachtung nieder!

Sie, Wunder auch von Gottes Hand,
durch ihren Bau dir nah verwandt,
durch eingepflanzte Triebe:
verraten oft des Denkens Spur,
sind treue Kinder der Natur,
genießen ihre Liebe.

Du hast durch Geistesübermacht,
die Stärksten unters Joch gebracht,
kannst ihre Wildheit zähmen:
kannst was dich stärker, was dich schützt,
was dir zum längern Leben nützt,
von ihrem Leben nehmen.

Doch ihnen auch, (vergiss es nicht!)
verband der Schöpfer dich durch Pflicht:
er hat ihr Glück und Leben,
um deinem ein Behuf zu sein,
doch nicht, um dich an ihrer Pein
zu weiden, untergeben.

Du kannst, was deine Hand gemacht,
was dein Verstand hervorgebracht,
wenn dir‘s gefällt, zernichten.
Das Tier ist ein Geschöpf von Gott;
gibst du mutwillig ihm den Tod,
wird dich sein Schöpfer richten.»

Dem Respekt und der Achtung gegenüber dem Tier, entspricht darum am ehesten die Auffassung von der „Mitgeschöpflichkeit“. Im Alten Testament klingt sie an, wo im 4. Gebot Mensch und Vieh gleichermaßen die Sabbatruhe verordnet wird. (2. Mose 20) Durch die „Vogelpredigten“ des Franz von Assisi bekommt die Mitgeschöpflichkeit im 12. Jhdt. eine deutliche Stimme, ganz dem Auftrag Jesu entsprechend, „das Evangelium aller Kreatur zu predigen“ (Mk. 16,15). Der Arzt, Theologe und Musiker Albert Schweitzer greift diese Vorstellung von der „Mitgeschöpflichkeit“ in seiner Ethik von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ anfangs des letzten Jhdts. auf. Und diese Vorstellung wird dann sogar wörtlich in das seit 1987 gültige Tierschutzgesetz aufgenommen. Dessen § 1 lautet: “Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“

 

Aber schon hier, am „vernünftigen Grund“, kommt die Vernunft ins Vernünfteln und scheiden sich die Geister. Ist die Lust des Gaumens an der – auch von mir noch letztes Jahr - besonders in Frankreich so geschätzten Gänsestopfleber ein „vernünftiger Grund“, diesen Tieren dreimal täglich bis zu 500 Gramm Getreide reinzustopfen, was etwa dem entspricht, dass ein Mensch im gleichen Zeitraum 15 kg Spagetti hinunterschlingt – und das täglich?

 

Wenn wir grundsätzlich ganz im biblischen Sinne von der Mitgeschöpflichkeit der Tiere ausgehen, dann müssen wir unseren Eingriff in das Lebensrecht der Tieres durch Notwendigkeit begründen können – und nicht in Gedankenlosigkeit praktizieren. Es dürfte m.E. – auch im Blick auf die Praxis der Tierversuche - gar nicht so einfach sein, heute dem Lebensrecht des Menschen vor dem Lebensrecht des Tieres eindeutig Priorität zuzuordnen – zumal das Leben der Tiere, ja der ganzen Schöpfung heute nicht durch die Tiere, sondern durch den hemmungslosen Egoismus des Menschen bedroht wird. Wie kann man der Gattung Mensch ein höheres Lebensrecht einräumen, wenn diese sich selbst einschließlich der Gattung Tier und Pflanze durch Hemmungslosigkeit und Maßlosigkeit den Boden unter den Füßen wegzieht? Das würde kein Tier tun!

 

Das Wahrnehmen der Mitgeschöpflichkeit des Tieres hat darum für den Menschen selbst etwas Heilsames. Es erinnert ihn nämlich an seine eigene Geschöpflichkeit. Und damit an seine raum-zeitlichen Grenzen, an seine eigene Endlichkeit, an seine eigene Sterblichkeit. Die teilt er mit dem Tier. Vielleicht weiß ein Tier nichts von seinem einmal eintreffenden Tod. Akute Todesangst fühlt es allzumal. Vielleicht hat ein Tier kein zeitliches oder geschichtliches Bewusstsein. Erinnerungsvermögen, Gedächtnis hat es allemal.

 

Die Auffassung von der Mitgeschöpflichkeit des Tieres erinnert uns also an die Grenzen unserer eigenen Geschöpflichkeit. Der Dichter des Buches „Kohelet“ in der Bibel fasst diese Erkenntnis in die pessimistischen und doch sehr realistischen Worte: „Es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh... Es fährt alles an einen Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub. Wer weiß (denn schon), ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehs hinab unter die Erde fahre?“ (3,19-21)

 

Was wissen wir denn wirklich – außer unseren Begriffen, Theoremen und Bildern, die sich unser Verstand macht; hinter denen wir aber die eigentliche Wirklichkeit nur ahnen können?! Das unendliche Geheimnis der Schöpfung, das Mysterium des Lebens, bleibt unserem Verstand letztlich verborgen. Wir können es in unserer Endlichkeit nur in vernünftige Bilder fassen, aber nicht „von Angesicht zu Angesicht schauen“. Darum ist die reifste kulturelle Haltung des Menschen nicht der Hochmut über alles außermenschliche Leben, sondern die Demut, lat. die „humilitas“. Die hat etwas mit Humus, mit der Erde zu tun hat. Demut ist eine innere Haltung, eine Gesinnung, die um die Verbundenheit mit allen andern Mitgeschöpfen durch die auch dem Menschen eigene „Erdhaftigkeit“, „Erdnähe“ weiß.

 

Aber wenn wir durch solch eine Demut, durch solche „Erdnähe“, mit allem anderen Leben verbunden sind, dann müssen wir auch für alle andere Mitgeschöpfe Hoffnung auf Vollendung haben. Darum erzählt das Alte Testament nicht nur von der Vertreibung aus dem Paradies, sondern auch von dessen Wiederherstellung in der messianischen Zeit, wo Mensch und Tier wieder ohne Furcht leben können – und wo jenes Gesetz nicht mehr gilt, dass einer lebt vom Tod des anderen:

 

Beim Propheten Jesaja ist zu lesen: „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, daß ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.“ (Jes. 11,6-8)

Diese messianische Zeit sah die frühe Christenheit dann mit Jesus angebrochen und im Schwange. Gleich zu Beginn seines Evangeliums schreibt Markus: „Und er, Jesus, war in der Wüste 40 Tage und wurde versucht von dem Satan und war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.“ (Mk. 1,13) Jesus, der neue Adam, widersteht in der Einsamkeit der Wüste der dreifachen Versuchung des Bösen: dem Materialismus, dem Spiritualismus und dem Imperialismus. (Mt. 4) Die wilden Tiere empfinden ihn nicht mehr als Furcht und Schrecken. Und anstatt mit einem flammenden Schwert den Zugang zum Paradies zu verweigern, dienen ihm die Engel Gottes.

 

Um dieselbe Zeit wie Markus sein Evangelium, schreibt der Apostel Paulus seinen Brief an die christliche Gemeinde in Rom. In dessen 8. Kapitel geht er auf die Hoffnung ein, die seit Christus die ganze Schöpfung hat. Er schreibt davon, dass das „ängstliche Harren der Kreatur darauf wartet, dass die Kinder Gottes offenbar werden.“ Er schreibt davon, dass die Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen ist, „doch auf Hoffnung. Denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.“  (Röm. 8, 19-22)

 

Wissen wir auch noch um diese Erlösungsbedürftigkeit und Hoffnung, so dass dieses Wissen für unser Zusammenleben mit der Kreatur, mit der Schöpfung zum Gewissen (griech. „Mitwissen“) wird – und wir also deren Seufzer und deren Ängste nicht gewissenlos, sinnlos und gefühllos vermehren dürfen?

 

Vielleicht verstehen wir jetzt ein wenig mehr das Denkmal für jenen Erpel im Freiburger Stadtgarten, der im Zweiten Weltkrieg die Menschen in seiner Umgebung durch sein unüberhörbares Geschrei mehrfach vor Bombenabwürfen gewarnt hat. Die Menschen wurden gerettet, er selbst kam durch Bomben ums Leben. Der Sockel des Denkmals trägt die Inschrift: „Die Kreatur Gottes klagt, klagt an und mahnt.“