Das Miteinander von Mann und Frau in der Bibel

 

In der Bibel geht es recht spannungsreich zu. Und weil in ihr sehr viele Spannungen zur Sprache kommen, ist sie auch ein spannendes Buch. Die größte Spannung trägt sie in sich selbst – als Gottes Wort in Menschen Wort. Wenn sie das ist, dann ist sie sowohl unter geschichtlichen Bedingungen gewachsen wie alles andere auch - und atmet doch zugleich den Geist Gottes, der Geschichte macht. Dann ist sie aber weder rein historisch zu betrachten, noch wie ein direkt vom Himmel gefallenes Gesetzbuch zu lesen. Beide Lesarten sind in ihrer Ausschließlichkeit Verflachungen. Die Bibel will in ihrer Tiefe erhört werden. Dazu muss ich mich in sie hineinbegeben – und sie in mich hineinnehmen. Und daraus entsteht eine spannende Begegnung. (vgl. Joh 15,5 bzw. überhaupt die „Zwei-Naturen-Lehre“ Christi)

Von dieser spannenden Begegnung möchte ich Ihnen etwas weitergeben – allerdings ohne auf einzelne Bibelstellen detailliert einzugehen oder sie hintereinander aufzulisten. Wichtiger scheint mir, dass wir zuerst einmal den großen Zusammenhang sehen, in dem alles steht – und von hier aus das Einzelne verstehen. Ohne die Achtung vor dem großen Zusammenhang wird aus der Bibel eine zusammenhangslose Spruch- und Geschichtensammlung.

1. Die Bibel bezeugt das spannungsgeladene Miteinander von Gott und der Welt: also die Geschichte der Schöpfung von ihrem Ursprung bis zu ihrer Vollendung (Protologie und Eschatologie), und innerhalb dieser Geschichte insbesondere das Miteinander von Gott und Mensch; und darin wiederum von des Menschen Verlorenheit und Gottes Barmherzigkeit. Diesen großen Zusammenhang und Inhalt dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, sonst verlieren wir uns in biblischen Details.

Aber auch innerhalb der Schöpfung selbst herrschen spannungsvolle Verhältnisse – von Anfang an. Der ganze Schöpfungsbericht spricht von einer polaren Ordnung, die Gott im Zeitraum jeweils eines „Tages“ sieben Mal hintereinander schafft und so das ursprüngliche Schöpfungschaos (Tohuwabohu, „Ursuppe“) ordnet und gestaltet: z.B. Licht und Finsternis, Himmel und Erde, Land und Meer usw. Die letzte polare Ordnung ist „der Mensch“ – in der Gestalt als Mann und Frau. Deren spannungsreich aufeinander bezogenes Miteinander - und eben nicht statisches Nebeneinander - gehört mit zur Ordnung der Schöpfung. Ist aber nicht ihre Spitze. Die Spitze der Schöpfung ist das entspannte Ruhen Gottes am siebenten Tag von allen seinen Werken. Und wie dieses spannungsreiche Wirken und das entspannte Ruhen Gottes ein Ganzes bilden und nur zusammen ein Ganzes sind, so ist auch nur das Miteinander von Mann und Frau wesentlich ein Ganzes. Wird diese Polarität zugunsten des einen oder des anderen aufgelöst und wird zur Singularität („Single“), dann wird die spannungsreiche Schöpfungsordnung der Geschlechter aufgelöst oder gar zerstört. Mann und Frau sind zu einem polaren und dadurch spannungsreichen Miteinander geschaffen.

2. Die Gefahr der Auflösung oder gar Zerstörung betrifft aber nicht nur das Verhältnis von Mann und Frau, sondern diese Gefahr besteht grundsätzlich. Also auch beim Verständnis der Bibel: Nur als Menschenwort wird sie ein möglicher Ausdruck menschlicher Religiosität; nur als Gotteswort wird sie zum absoluten göttlichen Diktat (vgl. Koran). Gibt es nur Werktage und keinen Ruhetag, weder für Mensch noch Kreatur, so geht die Schöpfung an Erschöpfung zugrunde. Burnout hört nicht beim Menschen auf. Und wird das Miteinander von Gott und Mensch, von Gott und Schöpfung einseitig zugunsten der Schöpfung aufgelöst, so wird die Schöpfung bzw. der Mensch vergöttert, und man feiert Götzendienst und nicht mehr Gottesdienst. Wird es umgekehrt einseitig zugunsten Gottes aufgelöst, so wird die Schöpfung verachtet oder gar verteufelt.

Dasselbe betrifft genauso das Miteinander von Männer und Frauen. Wird diese Schöpfungsordnung zugunsten einer Seite aufgelöst, dann findet entweder eine Vermännlichung – auch von Frauen -, oder eine Verweiblichung – auch von Männern - statt. Im Moment erleben wir wahrscheinlich beides. Das spannungsvolle Verhältnis wird aufgelöst zugunsten einer spannungslosen „Gleichheit“ bzw. „Gleichstellung“ – egal worin diese besteht –, im Hintergrund aber tobt umso mehr ein Machtkampf um die Vorherrschaft Denn wenn Mann und Frau nicht mehr jeweils als Teil eines Ganzen einander ergänzend zugeordnet sich verstehen und wahrnehmen, weil ein Teil sich zum Ganzen erklärt, dann löst sich die Dynamik dieser Schöpfungsordnung auf. Es wird egalitär oder totalitär, gleichgültig oder herrschsüchtig – und zerfällt.

3. Aufgrund der propagierten und forcierten „Gleichheit“ bzw. „Gleichstellung“ („Gendermainstreaming“) müssen wir heute zwangsweise den Menschen als Mann und Frau neu erfinden bzw. definieren -  was wir uns im Zeitalter der grenzenlosen Machbarkeit aller Dinge – und Menschen - auch zutrauen. Das Wesen dieses Zeitalters besteht nicht mehr in der Entdeckung, sondern in der Erfindung ganz neuer Schöpfungsordnungen – vor allem durch technologische Prozesse. Daraus entstehen Schöpfungsordnungen, die allerdings weniger durch Polarität spannungsgeladen, sondern durch Dominanz unberechenbar explosiv sind – und damit zerstörerisch sein können. Solch technologisch hergestellte Schöpfungsordnungen werden in letzter Zeit insbesondere durch die Gentechnik bereitgestellt -  welche sich schon lange nicht mehr nur auf Pflanzen und Tiere beschränkt, sondern dabei ist, den anfälligen und defizitären Menschen zu einem perfekten Wesen zu optimieren - und ihn schließlich auch zu produzieren. (Wir befinden uns im Stadium von einer zusehends beschleunigten Entwicklung einer nicht nur erfolg- sondern auch gewinnversprechenden Produktion von Menschen. Diese hat angefangen mit dem Durchbruch zur künstlichen Befruchtung vor ca. 60 Jahren. Die mögliche Zeugung eines Menschen in der liebevollen Einung wird hier ersetzt durch die gezielte technische Erzeugung eines Menschen  im Reagenzglas. Es folgte die Präimplantationsdiagnostik und inzwischen auch die Keimbahntherapie; das zulässige Klonen von Menschen ist nur eine Frage der Zeit – natürlich alles „zum Wohle der Menschheit“. Vgl. die Versuchung Jesu!)

4. Wenden wir uns nach diesen zeitnahen Andeutungen wieder dem Anfang in der Bibel zu. Auch die Bibel erzählt von beidem: Von der gelungenen Spannung, deren Spitze vor allem die Liebe zwischen Mann und Frau ist – und von der aufgelösten oder nicht ausgehaltenen Spannung, die sich im Absturz in die Lieblosigkeit zeigt – auch zwischen Mann und Frau. Und alles beginnt im Schöpfungsbericht bzw. Schöpfungszeugnis mit der Erschaffung des Menschen. Und dieses Zeugnis – also diese Erkenntnis, nicht Kenntnis! - ist für das Miteinander von Mann und Frau grundlegend. Und wie überhaupt, so gibt der Schöpfungszeugnis auch hier einen Einblick in die Tiefe der Wirklichkeit.

Im 1. Schöpfungsbericht (1. Mose 1) erschafft Gott „den Menschen“ zu seinem Bilde. Und das meint: die göttliche Ebenbildlichkeit, d.h. die Würdigung bzw. Würde des Menschen besteht in dessen Herrschaft über die außermenschliche Schöpfung (dominium terrae). Gott gleich/ebenbildlich/abbildlich über sie zu herrschen, das ist des Menschen Auftrag. Und das Urbild für diese Herrschaft des Menschen ist das Herrschen Gottes selbst - über seine ganze Schöpfung einschließlich des Menschen. Stellvertreter Gottes auf Erden (vicarius dei) zu sein ist des Menschen Auftrag und - Verantwortung. Und wie der Mensch in der Bezogenheit auf Gott lebt, so erschafft Gott „den Menschen“ auch in der Bezogenheit von Mann und Frau. Den Menschen bilden nur beide zusammen: „…und schuf sie als Mann und Weib und segnete sie und gab ihnen den Namen »Mensch« zur Zeit, da sie geschaffen wurden.“ (1. Mose 5,2)

Darauf geht das 2. Schöpfungszeugnis (1. Mose 2) in besonderer Weise ein. In ihm geht es nur um die Erschaffung des Menschen. Gott formt ihn von der Erde und bläst ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Erde und Odem – die Polarität im Menschen selbst. Und Gott spürt die Einsamkeit dieses Menschen und sucht für ihn ein hilfreiches und ebenbürtiges Gegenüber zur Zweisamkeit; zunächst unter den Tieren. Diese bekommen zwar ihre Namen – aber ihre Benennung stiftet noch keine Zweisamkeit mit einem dem Menschen angemessenen Gegenüber. Aber eine besondere Beziehung und Nähe zu den Tieren ist dadurch entstanden.

Daraufhin lässt Gott einen Tiefschlaf über den Menschen fallen – und er nimmt nicht vom Kopf und nicht vom Fuß, sondern aus der Nähe seines Herzens den weiblichen Teil gesondert aus dem Menschen heraus und verschließt den übrigen männlichen Teil wieder. Nun erkennt der Mensch als Mann den anderen Menschen als Frau – und erkennt der Mann als Mensch die Frau als Mensch. Aber wie sie beide einen gemeinsamen Ursprung haben und auseinander hervorgingen, so haben sie auch beide ein gemeinsames Ziel: in der geschlechtlichen Einung – um in dieser Einung wieder wie ursprünglich ein Fleisch und damit wieder der Mensch schlechthin zu sein. Die Frau ist zwar vom daraus entstandenen Mann genommen, aber der Mann wird nach der aus ihm entstandenen Frau als dem anderen Teil und Gegenüber seiner selbst suchen. Deshalb wird ein Mann auch Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen. Denn wie die Frau ist auch der Mann nur ein Teil des ganzen Menschen. Und nur miteinander – und dazu gehört auch die geschlechtliche Einung – sind sie ganz Mensch, der ganze Mensch.

5. Geschieht diese geschlechtliche Einung nicht in der liebenden Absicht, wieder ganz Mensch zu sein, dann sprechen wir von Prostitution. Eine defizitäre/fehlerhafte geschlechtliche Vereinigung, weil die Liebe als das Entscheidende fehlt– stattdessen aber eine wie auch immer geartete Not die Ursache hiefür ist. Mann und Frau sind dabei im gegenseitigen Gebrauchen auf ihre reine Leiblichkeit reduziert. Prostitution kann deshalb auch – bis hin zur Vergewaltigung - innerhalb einer Ehe geschehen und macht den andern zum Objekt. Geschieht es außerhalb der Ehe, dann handelt es sich meist um eine bezahlte Dienstleistung und degradiert einen Menschen zur käuflichen Ware.

Biblisch ist deshalb die Handlung verwerflich – aber nicht (unbedingt) der Mensch. So wird im Buch Josua (2,1ff) die kanaanäische Hure Rahab geehrt, weil sie die hebräischen Kundschafter/Spione in ihrem Haus versteckt und damit vor dem sicheren Tod bewahrt. Dergleichen Ehre widerfährt ihr im Hebräerbrief (11,31) und im Brief des Jakobus (2,25). Und - sie wird sogar (neben Rut, der Moabiterin und der Frau des Uria als Mutter von Salomo) im Stammbaum Jesu genannt (Mt 1,5)! Hingegen ist bei den Propheten – insbesondere Hesekiel/Ezechiel, Jesaja und Hosea! - der Vorgang der Prostitution/Hurerei ein Gleichnis für den Abfall des Volkes Gottes von seinem Gott – und dem Nachlaufen anderer Götter. Aus ganz anderen Gründen findet Paulus (1. Kor 6,1ff) ablehnende und warnende Worte. Denn für ihn ist der Leib der Tempel des Heiligen Geistes. Gegenüber der römisch-griechischen Umwelt ist dies eine Aufwertung der Leiblichkeit des Menschen – und darum die Unmöglichkeit, den Leib auf einen Gebrauchsgegenstand zu reduzieren oder gar zur Ware zu degradieren. Wie das Judentum so kennt auch das Christentum ursprünglich keinerlei Verachtung des Leiblichen, sondern seine Hochachtung als Gabe Gottes. „Erde“ und „Odem“ können nicht getrennt werden.

6. Während im 1. Schöpfungsbericht die geschlechtliche Einung vor allem den Zweck der Fortpflanzung hat (1. Mose 1,28) und damit den Menschen vor dem Aussterben bewahrt („…seid fruchtbar…“), kommt sie im 2. Schöpfungsbericht vor allem als Wiederherstellung der ursprünglichen Einheit des ganzen Menschen in den Blick – und wird als solche in höchst positiver Weise gewürdigt. Sie dient also einem guten Zweck – der Fortpflanzung - und hat einen tiefen Sinn – in der liebevollen Wiedererlangung der ursprünglichen Einheit des Menschen. Und diese Würde und Schönheit bleibt auch nach der Vertreibung aus dem Paradies.

7. Allerdings kommt nun etwas hinzu, was zuvor nicht da war. Und das ist die Scham. Das unmittelbare und ungestörte paradiesische Miteinander von Mann und Frau ist nicht mehr wie ursprünglich (möglich). Zuerst nehmen sie Feigenblätter und dann erhalten sie von Gott Felle, um sich zu verhüllen und sich vor dem übergreifenden Blick des andern zu schützen. Jemand gewaltsam - vielleicht auch noch vor den Augen anderer - zu entblößen und damit bloßzustellen ist eine der tiefsten Demütigungen, die einem Mann – wie Jesus am Kreuz - nicht weniger als einer Frau zugefügt werden kann. Solche Schamlosigkeit wird auch eingesetzt als eine Form von Folter; so etwa auch bei der Aufnahmeprozedur im KZ: Dazu gehörte die medizinische Begutachtung durch SS-Ärzte, welche auch die Frauen und Mädchen völlig entkleidet antreten ließen. - Umgekehrt ist es genauso schamlos, sich den Blicken anderer anzubiedern, was auch eine Art von Prostitution („nach vorn/ zur Schau stellen, preisgeben“) ist. Sich als Frau in der Öffentlichkeit den willkürlichen Blicken der Männer nicht preiszugeben, hat vor allem für Muslime einen tiefen, aber von uns oftmals kaum mehr verstandenen Grund. Denn Schamlosigkeit scheint uns oftmals eine Errungenschaft unserer vielgepriesenen westlichen Befreiung, d.h. der Emanzipation zu sein. Dass sich Mann und Frau voreinander nicht schämen, setzt auch biblisch jene Vertrautheit bzw. Intimität voraus, die eben nicht mehr selbstverständlich vorhanden ist, und deshalb von ihnen erst durch Vertrauen gestiftet werden muss. Und diese Vertrautheit bzw. das Vertrauen, das zu gegenseitiger Hingabe führt, ist der sichtbare Ausdruck von Liebe – und wird im „Hohen Lied Salomos“ in einmaliger Weise besungen!

Aufgrund der persönlichen Vertrautheit gehen in der Bibel Lieben und Erkennen ineinander über „Und Adam erkannte sein Weib Eva und sie ward schwanger und gebar…“ Lieben und Erkennen gehören biblisch zusammen. Jedes Erkennen ohne Lieben, jede Erkenntnis ohne Liebe ist kalt und führt zu einem Machtverhältnis - nicht nur zwischen Mann und Frau. Und jedes Lieben ohne Erkennen ist leer und bleibt ein flüchtiges Gefühl – nicht nur zwischen Mann und Frau.

8. Was ich bisher gesagt habe, ist der große Rahmen, innerhalb dessen alles andere gesehen, gewichtet und gewertet werden muss, was das Miteinander von Mann und Frau in der ganzen Bibel des Alten und Neuen Testaments betrifft. Wenn wir diesen Rahmen bzw. den Zusammenhang verlieren, dann bleiben wir an einzelnen biblischen Aussagen hängen und verbohren uns sehr leicht im möglichen Missverständnis. Denn das Missverständnis geht meist aus einem Missverhältnis hervor; dass also im Zusammenhang etwas nicht stimmt oder der Zusammenhang nicht beachtet wird.

9. Aber nun kommt noch etwas hinzu: Wie sich der paradiesische von dem nachparadiesischen Zustand durch das Schämen voreinander unterscheidet – und also Mann und Frau nicht mehr in selbstverständlicher Unmittelbarkeit zueinander sind (FKK ist eine künstliche Natürlichkeit!), sondern erst in Vertrauen und Liebe wieder zueinander finden müssen -, so unterscheidet sich das Verhältnis der beiden in der nachparadiesischen Welt auch noch in ihrer gegenseitigen Zuordnung. Und diese besteht im Herrsein des Mannes – und im Verlangen der Frau nach dessen Herrsein. Um es gleich zu sagen: Die pervertierte Form dieser Zuordnung ist das großkotzige Macho-Gehabe und das kuschelige Wellness-Püppchen. Beides zeugt von Unreife und drückt letztlich ein Machtverhältnis aus, aus dem dann auch immer wieder unvermeidliche Machtkämpfe hervorgehen. Ursprünglich wird aber mit dem Herrsein des Mannes und dem Verlangen der Frau nach dessen Herrsein ein Fürsorge- und Schutzverhältnis bezeichnet. Und in diesem Fürsorge- und Schutzverhältnis drückt sich – wie im Liebesverhältnis - wiederum abbild- und gleichnishaft das Verhältnis Gottes zum Menschen aus. Denn auch Gottes Verhältnis zum Menschen und seiner ganzen Schöpfung – also sein Herrsein, seine Herrschaft - besteht in seiner Liebe und in seiner Fürsorge. Die Herrschaft des Mannes ist wahrgenommene Verantwortung. Noch mehr und - dialektisch - zugespitzt: Die Herrschaft des Mannes besteht im Dienst – wie auch die Herrschaft Gottes aus Liebe und Fürsorge im Dienst, in der Lebens-Hingabe an seiner Schöpfung besteht – weshalb Jesus schließlich von sich sagt: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben (hin)gebe als Lösegeld für viele.“ (Mk 10,45) Und deshalb fordert er auch von seinen Jüngern: „Wenn jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein von allen und aller Diener.“ (Mk 9,35)

10. Was Jesus hier ganz allgemein zu seinen Jüngern sagt, das spiegelt sich auch in seinem völlig unkomplizierten Umgang mit Männer und Frauen und auch Kindern wieder – woran sich nicht nur seine Gegner, sondern auch seine Jünger stoßen! Er betritt das Haus von zwei unverheirateten Frauen… Und im engeren Jüngerkreis gibt es den Lieblingsjünger Johannes, der beim Essen völlig problemlos an seiner Brust lag (Joh 13,23). Ist er schwul? Und als eine stadtbekannte Sünderin (Maria Magdalena?), „von hinten zu seinen Füßen tritt, weint und anfängt, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und seine auch noch Füße küsst und sie mit Salböl – vielleicht für ihre Kunden – salbt“, fragen sich die andern, wie er sich so etwas nur gefallen lassen kann. Daraufhin sagt er: „Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.“ (Lk 7,36ff) Hat er was mit ihr – gar Kinder? Und die Kinder, welche seine eigenen Jünger von ihm fernhalten wollen, die „herzte er, nahm sie also in die Arme, küsste sie, legte ihnen die Hände auf und segnete sie“ (Mk 10,16). Ist er pädophil? So fragen wir uns – denn das sind unsere Probleme! Jesu völlig unkomplizierter Umgang, den wir so nicht mehr haben (können), zeugt von einer Demut, die er nicht nur von andern fordert, sondern selber lebt: Er wäschst seinen Jüngern selbstverständlich die schmutzigen Füße – und gibt ihnen daraufhin das alte Gebot wieder ganz neu und damit erst recht: Einander zu lieben (Joh 13,34).

Liebe, Demut, Herzlichkeit gehören bei ihm problemlos zusammen, gerade weil er der Herr, der Kyrios ist. Und wenn seine Herrschaft im Dienst besteht und also niemals in Gewalt oder Unterdrückung oder Unterwerfung, dann ist sie auch und erst recht verbindlich für die „Herrschaft des Mannes“ als ein Dienst in Fürsorge und Verantwortung. Wie er das alte Liebesgebot nochmals neu in Geltung setzt, so wird auch die altvertraute Herrschaft des Mannes nochmals „neu“ von ihm gelebt.

11. Und worin besteht dann die „Unterordnung der Frau“, von der Paulus im Epheserbrief und Kolosserbrief und auch Petrus schreibt? Sie besteht im Annehmenkönnen, im Ehren dieser Fürsorge und Verantwortung – und also nicht in Ablehnung und Zurückweisung.

In der „christlichen Haustafel“, also in der christlichen Hausordnung schreibt Paulus an die Gemeinde in Ephesus zuerst: „Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi. (Und dann:) Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist, die er als seinen Leib erlöst hat. Aber wie nun die Gemeinde sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern unterordnen in allen Dingen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Gemeinde geliebt hat und hat sich selbst für sie dahingegeben, um sie zu heiligen. … So sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, der liebt sich selbst. Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst; sondern er nährt und pflegt es, wie auch Christus die Gemeinde. Denn wir sind Glieder seines Leibes. »Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein«. Dies Geheimnis ist groß; ich deute es aber auf Christus und die Gemeinde. Darum auch ihr: ein jeder habe lieb seine Frau wie sich selbst (vgl. Jesus: „…deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“); die Frau aber ehre den Mann.“ (Eph 5,21ff) Ähnliches ist zu hören im Brief an die Gemeinde in Kolossä: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie sich's gebührt in dem Herrn. Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht bitter gegen sie… Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen… Ihr dient dem Herrn Christus!“ (Kol 3,18f) Ähnlich ist auch im 1. Petrusbrief zu lesen: „Desgleichen sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen… Desgleichen, ihr Männer, wohnt vernünftig mit ihnen zusammen und gebt dem weiblichen Geschlecht als dem schwächeren seine Ehre. Denn auch die Frauen sind Miterben der Gnade des Lebens, und euer gemeinsames Gebet soll nicht behindert werden.“ (1. Petr 3,1+7)

Es geht also bei „Herrschaft“ oder „Unterordnung“ nicht um ein verordnetes Machtverhältnis, sondern um ein geordnetes Miteinander. Und wie sich in der „Herrschaft des Mannes“ als Liebe und Fürsorge gleichnishaft das Verhältnis Gottes in Christus zum Menschen widerspiegelt, so spiegelt sich ebenfalls in der „Unterordnung der Frau“ als ein bewusstes Annehmen dieser Liebe und Fürsorge gleichnishaft des Menschen Verhältnis zu Gott in Christus: dass ein Mensch bzw. die Gemeinde sich Christus anvertraut und also auf diese Weise unterordnet.

Neutestamentliches Urbild dieses Vertrauens als Unterordnung ist - Maria, die Mutter Jesu: Als der Engel ihr die Geburt eines unehelichen Kindes ankündigt, da sagt sie: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ (Lk 1,38) So etwas zu sagen, setzt allerdings Stärke und Größe voraus. Maria ist eine „Herrin“ ganz eigener Art. (vgl. die Anrede M. Luther an seine Frau: „Herr Käthe“)

12. Und dennoch tun wir uns damit – verständlicherweise - schwer. Denn wenn wir die biblischen Worte „Herrschaft“ und „Unterordnung“ mit unseren Ohren hören, dann sind das für uns wertende Kategorien, die einhierarchisches  Machtverhältnis wiedergeben – und nicht beschreibende Kategorien, die ein gebotenes Fürsorgeverhältnis beschreiben. Bei Herrschaft und Unterordnung denken wir deshalb sofort an Beherrschung und Unterdrückung. Leider ist dieses Missverständnis auch die Wirkungsgeschichte dieser biblischen Worte – mit den verheerenden Folgen des Missverhältnisses von Mann und Frau! Das große Ganze hat man(n) gar bald und frau viel später aus dem Blick verloren – und sich an einzelnen Stellen zur Bestätigung der eigenen Position oder Negation festgebissen. Und solche Stellen zu rechthaberisch-genüsslichen Festbeißen hat man und frau vor allem im Korintherbrief gefunden.

13. Im Korintherbrief geht es aber nicht um eine Hausordnung wie im Epheserbrief, sondern um eine Gemeindeordnung. Also um das öffentliche Auftreten von Männer und Frauen vor allem als Leitung der Gemeinde – und zwar vor den Augen derer, die nicht zur christlichen Gemeinde gehören. Und wie es bei der Feier des Hlg. Abendmahls in Korinth zwischen geistbewegt und chaotisch zugeht und Paulus alle Mühe hat, hier Ordnung und also Frieden zu schaffen, so gibt es anscheinend auch geistbewegt-chaotische Machtkämpfe zwischen Männern und Frauen gerade in der Leitung der Gemeinde – und zwar dem öffentlichen Ansehen der Gemeinde zum Schaden. Es scheint tatsächlich, dass Frauen versucht haben, ihre eigene sehr geistbewegt-spirituelle Ordnung mit vielen Neuerungen machtpolitisch durchzusetzen, weshalb Paulus sie mit außergewöhnlich scharfen Worten zurückpfeift – wie er es aber auch sonst im Blick auf das geistliche Chaos in Korinth tut! „Denn – so schreibt Paulus - Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens. Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen in der Gemeindeversammlung; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wollen sie aber etwas lernen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen. Es steht der Frau schlecht an, in der Gemeinde zu reden. Oder ist das Wort Gottes von euch ausgegangen? …Lasst aber alles ehrbar und ordentlich zugehen.“ (1 Kor 14,33ff) In anderen Briefen hingegen deutet manches darauf hin, dass Frauen durchaus ein Wort mitzureden haben. Anscheinend ohne dass daraus ein gemeindliches Problem entsteht.

Die erst recht in unseren Ohren scharfen Worte des Paulus sind tatsächlich durch die Situation bedingt – und dennoch nicht einfach erledigt. Denn solche Machtkämpfe zwischen Männern und Frauen in der Gemeindeleitung entstehen bis heute – oder heute erst recht - immer wieder. Und aus solchen Machtkämpfen können nur Sieger und Besiegten hervorgehen und schaffen damit ein ungutes Klima in der ganzen Gemeinde. Das ist aber für die christliche Kirche, die sich auf Christus beruft, zumindest nach außen kein gutes Zeichen. Außerdem: Sobald es um persönliche Macht und die Durchsetzung geschlechtsspezifischer Interessen geht, beginnt der Zerfall. Nicht nur zwischen Männer und Frauen, nicht nur in der Leitung einer Gemeinde.

Leider hatten gerade diese Worte aus dem 1. Korintherbrief eine verheerende Wirkungsgeschichte, weil man/frau eben das biblische Ganze aus dem Blick verloren hat – und sich eben besonders hier an einzelnen Stellen ohne den Zusammenhang zur Bestätigung einer vermeintlich paulinisch-männlichen oder propagiert antipaulinisch-weiblichen Position festgebissen hat.

14. Aber so kritisch, wie wir zu Recht gerade die Wirkungsgeschichte solch biblischer Worte für das Verhältnis von Mann und Frau in den Blick nehmen, mindestens so selbstkritisch müssen wir auch unsere Kategorien und Maßstäbe in Blick nehmen, mit denen wir das Verhältnis von Mann und Frau heute definieren! Denn dies geschieht weitgehend durch ein bestimmtes Lebensverständnis, das ausschließlich an Aktivität, am aktiven Tun orientiert ist, und damit an nachweisbarer Leistung und an öffentlicher Geltung. Passivität im Sinne von Empfänglichkeit – die gerade bei der Zeugung unabdingbar ist - ist fast zu einem Schimpfwort verkommen. Aber wo beides, Aktivität und Passivität – schon in einem Menschen – nicht in einem ausgeglichenen Verhältnis stehen, da droht der Absturz, genannt burn out. Das biblische Lebensverständnis besteht nicht zuerst darin, etwas zu leisten und sich etwas leisten zu können, besteht nicht zuerst im Produzieren und Konsumieren. Leben ist zuerst Lieben und geliebt werden, weil und wie wir von Gott geliebt sind (Agape). Dies ist das biblische Lebensverständnis ganz allgemein – erst recht im Blick auf das gemeinsame Leben von Mann und Frau. Und dieses Lebensverständnis findet seine geordnete Gestalt in der Ehe.

15. Die Ehe ist das auf Verbindlichkeit und auf Verlässlichkeit gegründete Miteinander von Mann und Frau und ist deshalb auf Dauer angelegt – und kein Projekt auf Zeit. Weil dies aber – wie jedes Zusammenleben jenseits von Eden und beginnend mit Kain und Abel! - nie konfliktfrei geschehen kann, ist erst recht das Miteinander in der Verschiedenheit von Mann und Frau immer bedroht.

Von innen bedroht entweder durch ein langweiliges Nebeneinander von beiden, weil der ergänzende Austausch verloren ging oder - nie da war. Oder durch ein tyrannisches Übereinander von einem Teil, so dass aus der Ehe als einem Vertrauensverhältnis ein Machtverhältnis wird. Dabei werden immer beide – Mann und Frau – aneinander schuldig, weil sie sich etwas schuldig bleiben: die gegenseitige Zuwendung und Aufmerksamkeit. Und das zeigt sich in der Folge. Denn diese ist meist der offene oder heimliche Rückzug oder Entzug des einen vom andern und damit eine innereheliche Trennung oder gar Scheidung. Eine solche kommt heute leichter auch nach außen und also öffentlich zum Vorschein und Vollzug, weil heute vor allem die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau vom Mann nicht mehr so vorhanden ist wie früher und Frauen weitgehend wirtschaftlich unabhängig sind. Und wenn eine Ehe eben nicht mehr wie bisher weitgehend eine „Versorgungsgemeinschaft“ ist, dann kommt es umso mehr auf das andere an, was zusammenhält: auf Liebe und Vertrauen. Und gerade diese beiden sind sehr zerbrechlich und deshalb immer bedroht. Das Scheitern ist darum von vornherein prinzipiell immer möglich. Denn das Höchste ist immer am höchsten gefährdet.

16. Was wir darum gängig unter „Ehebruch“ verstehen ist oftmals nur die leidvolle außereheliche Folge eines vorausgehenden innerehelichen Geschehens, weil jemand aus einer Ehe ausbricht (emigriert). Ehebruch beginnt in der Ehe. Also geht es beim Ehebruch nicht nur darum, in die Ehe eines andern gewaltsam einzubrechen und zu stehlen, sondern auch darum, heimlich aus der eigenen Ehe auszubrechen und sich davonzustehlen – und damit das Vertrauen und die Liebe zu zerbrechen. Das 6. Gebot, „Du sollst nicht ehebrechen“, warnt von der Folge her und weist damit indirekt auf die vorausgehenden Ursachen hin – und diese sind wie bei der Prostitution begründet in einer Not.

17. Dass sich z.Zt. Jesu ein Mann sehr leicht von seiner Frau scheiden kann, das hat Jesus selbst aufgegriffen und kritisiert, wenn er gerade den Männern sagt: „Mose hat euch erlaubt, euch zu scheiden von euren Frauen, eures Herzens Härte wegen; von Anfang an aber ist's nicht so gewesen.“ (Mt 19:8) Und noch radikaler: Für Jesus vollzieht sich der Ehebruch nicht als Seitensprung, sondern schon als Blick: „Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.“ (Mt 5:28)

Wie Paulus das Vordrängen der Frauen in der Gemeindeleitung in Korinth kritisiert, weil sonst das Verhältnis von Männern und Frauen in der Öffentlichkeit durch einen Machtkampf zerstört wird , so kritisiert Jesus die selbstverständlich erlaubten begehrlichen d.h. schamlosen Blicke der Männer, die eine Frau zum Objekt der Begierde machen. Wenn das stimmt, dann gibt es - einschließlich mir – wohl keinen Mann, der nicht schon aus seiner eigenen Ehe aus- und vielleicht in eine andere Ehe eingebrochen ist. Jesus will jedoch darauf hinweisen, dass alles im Verborgenen, d.h. im Herzen beginnt. Mit was das Herz voll ist, davon geht nicht nur der Mund, sondern auch die Augen über. Deshalb wird für ihn das 5. Gebot: „Du sollst nicht töten“ auch schon mit bösen Worten gebrochen – weshalb wir alle schon getötet haben. Doch Jesus hebt damit niemals den moralischen Zeigefinger oder klagt an, sondern weist in klarer Weise darauf hin, dass wir alle auf das Erbarmen Gottes angewiesen sind – und in dieser Angewiesenheit vor Gott alle gleich sind.

18. Aber die Ehe ist in unserer Zeit auch immer mehr von außen bedroht. Als das sozial und rechtlich geordnete Miteinander in der Verschiedenheit von Mann und Frau ist sie zwar kein Auslaufmodel, aber sie hat ihre bisherige Einmaligkeit und Besonderheit erheblich eingebüßt und Konkurrenz bekommen. Vor allem durch die rechtsgültige Absicherung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften. Das mag von Seiten des Staates und der Gesellschaft durchaus seinen Sinn haben! Aber dadurch ist die biblische Selbstverständlichkeit und Einmaligkeit der Zuordnung von Mann und Frau als zwei Teile zu einem Ganzen von innen heraus zumindest fragwürdig geworden. Um dieses Problem zu verschleiern, hat sich auch in der Kirche eine Sprachregelung durchgesetzt: Statt von „Ehe“ spricht man fast nur noch allgemein von „Partnerschaft“. Weshalb dann auch eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft kirchlich leichter zu integrieren ist – und auch gleichgeschlechtliche Trauungen leichter stattfinden können. Dann ist zwar tatsächlich eben jeder nur ein Teil, ein Part, aber das Ganze im biblischen Sinne als Einheit in der geschlechtlichen Verschiedenheit ist es nicht, kann es nicht sein. Dass die Kirchen unter erheblichem gesellschaftlichem Druck bzw. unter Konformitätszwang (dagegen Röm 12,2) stehen und bei Zuwiderhandlung auf absolutes öffentliches Unverständnis stoßen und dies sich kaum erlauben dürfen, sei nur nebenher erwähnt.

19. Aber diese Bedrohung der Ehe als Schöpfungsordnung von außen darf nicht einzeln betrachtet werden. Sie steht in dem großen Zusammenhang der Auflösung von Schöpfungsordnungen überhaupt und der Schaffung von neuen Anordnungen. Wir sind nämlich zunehmend höchst kreativ, d.h. „schöpferisch“ tätig – in den Labors und Büros. Aber eben nicht nur indem wir wie bisher etwas Vorhandenes gestalten und formen, sondern indem wir etwas völlig Neues schaffen. Die zuvor erwähnten genetischen Eingriffe in alles Lebendige sind nur die vorläufige Spitze. Weiteres wird unweigerlich folgen. Und zwar nicht mehr lokal begrenzt, sondern global verbreitet. Wir sind dabei, lange und langsam gewachsene Ordnungen durch künstliche Anordnungen zu ersetzen, welche sich innerhalb kurzer Zeit immer wieder verändern – und hochexplosiv und völlig unberechenbar und deshalb auch kaum beherrschbar sind. Dass etwas ohne irgendwelche Wachstumsbeschleuniger in Ruhe wachsen und reifen darf, ist fast schon genauso ein Vergehen, wie ein behindertes Kind zur Welt zu bringen.

20. Aber nun muss im Blick auf die Ehe als eine von innen und außen gefährdete Schöpfungsordnung gerade für Christen zum Schluss noch etwas Entscheidendes gesagt werden: Die soziale Lebensform einer Gesellschaft mag in ihrer kleinsten Einheit eine rechtlich und sozial abgesicherte „Partnerschaft“ sein! Die eigentliche Lebensform für Christen ist jedoch weder die Zweisamkeit in der Ehe noch die Ehelosigkeit im Kloster, sondern - das geschwisterliche Miteinander in der Gemeinde (1. Kor 12). Denn die Gemeinde ist der Leib Christi – nicht die Ehe als solche. Wie in einer Gemeinde und Gemeindeleitung Menschen und also auch Männer und Frauen miteinander umgehen, ob sie einander achten und ehren, ob man fähig und willens ist, auch „Außenseiter“ und „Normabweichler“, auch Trennungen und Scheidungen zwischen welchen Menschen auch immer aus welchen Gründen auch immer zu tragen und mitzutragen und zu ertragen – das ist entscheidend: „Einer (er)trage des andern Last (mit), so werdet ihr das Gesetzt/Gebot Christi erfüllen“, schreibt Paulus.  Denn die Gemeinde – nicht unbedingt die Ehe! - ist die Lebensform der Christen. Christen leben immer in der Gemeinde – sind aber nicht unbedingt verheiratet. Jesus war es auch nicht – entgegen der damaligen jüdischen Selbstverständlichkeit. Sein „Auftrag“ und die notwendig sesshafte eheliche Lebensform hätten wohl kaum zueinander gepasst.

21. Die Gültigkeit dieser „Lebensform Gemeinde“ zeigt sich in der gemeinsamen Feier des Gottesdienstes. Da kommen und finden alle zusammen im gemeinsamen Singen und Beten und Hören auf das Wort der Hlg. Schrift. Wenn darum diese gemeinsame Feier als Ausdruck der „Lebensform Gemeinde“ aufgegeben wird, dann zerfällt diese Lebensform unweigerlich in die geschlechtliche oder soziale oder gebildete oder spirituelle Verschiedenheit unter den Menschen. Dann wird eine Gemeinde, dann wird Kirche zum Abbild der Gesellschaft – anstatt das zu sein, wozu sie berufen ist: wegweisendes Vorbild.

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Die Zukunft der Kirche – die Kirche der Zukunft

 I.

Mit was wir uns jetzt in wenig befassen, ist nicht die schriftliche „Auswertung“, (m)eines kirchlichen Kummerkastens. Was Sie zu hören bekommen, ist akustisch frei von Kichenverbesserungs- oder Reformvorschlägen – und deshalb auch frei von Appellen oder Handlungsanweisungen. Sie müssen am Ende nichts machen! Will mit Ihnen nur einiges bedenken und also nachdenken über so manches, das mich nach-denklich macht. Und das sind nicht kirchliche Missstände, sondern ist (mein) kirchlicher Alltag. –

Aber vielleicht sehe ich da auch etwas nicht richtig – oder denke falsch darüber nach. Dann bedarf ich der Korrektur durch Ihr Sehen und Nachdenken. - Jedenfalls habe ich weder Visionen noch Träume von der Zukunft der Kirche noch von der Kirche der Zukunft. Bin weder Hellseher noch Schwarzseher, weder Prophet noch Zukunftsforscher, weder Prognosenaufsteller noch Statistikauswerter – auch nicht der letzten V. KMU (Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung; vgl. MD 2/15) Wer solches erwartet, geht leider zum Glück leer aus…

Mit was wir uns beim diesem „Nachdenken über…“ befassen sind - wir selbst; und zwar in dem nötigen Abstand zu uns selbst! Das ist die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis im Allgemeinen und von Humor im Besonderen. Nicht bierernst zu werden heißt jedoch nicht, etwas nicht ernst zu nehmen. Wenn darum meine Zunge zuweilen etwas spitz und also die Aussage pointiert wird, dann möge man es mir großzügig verzeihen - und versuchsweise zu Herzen nehmen...

… und stellen uns damit der am nächsten liegenden Frage: Ist sie uns überhaupt so wichtig: Die Zukunft der Kirche und die Kirche der Zukunft?? Denn gesetzt den Fall: Es gibt oder gäbe „in Zukunft“ keine Kirche mehr – würde uns oder hier (!) überhaupt etwas Notwendiges fehlen? Muss die Kirche denn wirklich sein – wie das tägliche Brot? Oder ist sie nicht (inzwischen) ein überflüssiger Kropf am Hals der säkularen Gesellschaft?

 

II:

Diese grundlegende Frage stellt sich angesichts der Tatsache, dass in Deutschland viele Menschen - laut oder leise - sagen: Ich brauche die Kirche nicht. Das macht sich zunächst mal in den Kasualien bemerkbar. Eltern mit Kirchenzugehörigkeit lassen ihre Kinder nicht mehr taufen. Die Taufe wird durch eine „Willkommensfeier“ ersetzt, die Konfirmation durch die „Jugendweihe“ und bei einer Hochzeitsfeier oder Trauerfeier hält ein „freier Redner“ oder gar ein „freier Theologe“ (!) eine „freie Rede“. Das Angebot für Freiburg und Umgebung findet hierzu sich unter der Adresse: www.zeremonienleiter.de. An die Stelle kirchlicher Zeremonienleiter und Zeremonien, pardon: Geistlicher und Gottesdienste treten lautlos, problemlos, schmerzlos säkulare Rituale und Zeremonien – die auch in den kirchlichen Raum Eingang finden und vor allem bei einer Trauung die Gewichte in Richtung Zeremonie verschieben. Das zeigt: Von außen werden Gottesdienste als austauschbare bzw. anderweitig ersetzbare  „Zeremonien“ betrachtet. Aber nicht nur das: Dieses außerkirchliche Zeremonien-Verständnis reimportieren wir in die Kirche – und ziehen damit gleich. Der einzige Unterschied: In der Kirche kostet es in der Regel nichts…

Und wie steht es um den seelsorgerlichen Trost? Die kirchliche Seelsorge ging schon längst in die psychotherapeutische Praxis und Lebensberatung über – wird allerdings nun von dort wieder reimportiert und im kirchlichen Raum als „Coaching“, pardon „Seelsorge“ deklariert. „Seelsorge“ ist Psychotherapie „im kirchlichen Raum“. Ein Etikettenschwindel? –

Und wie steht es um die kirchliche Diakonie, die sich doch an der „christlichen Nächstenliebe“ orientiert? Aber die außerkirchlichen „Anbieter von sozialen Dienstleistungen“ sind auch nicht unbedingt nächstenliebloser – und die Diakonie ist nicht unbedingt sozialer. Außerdem muss sie wie diese Anbieter auch rechnen. Und ist dennoch mehr als nur ein Geschäft unter dem Deckmantel der christlichen Nächstenliebe? -

Und wenn nicht dem Einzelnen, würde wenigstens der Gesellschaft als ganze etwas fehlen, das nur von der Kirche übernommen werden kann? Vielleicht eine moralische Instanz, welche bestimmte „ethische Werte“ vermittelt? Aber in der westlichen Gesellschaft gelten doch die Menschenrechte - die sich vom Gottesrecht emanzipiert, befreit haben; und gibt es auch die Menschenwürde - die sich von der „Gottesebenbildlichkeit“ des Menschen emanzipiert, befreit hat. Aber auch diese werden von der Kirche reimportiert und auf Kanzeln gepredigt. Geht es hier mehr als nur um ein: „Wir doch auch!“? –

Und selbst das im Sinne der „Gleichheit aller Menschen“ verstandene und exportierte „Priestertum aller Gläubigen“ wird wieder reimportiert – und als „Demokratie in der Kirche“ verstanden. Ist es wirklich das gleiche?

Die Kirche ist jedenfalls zur Gesellschaft hin offen: Säkularisierte kirchliche Anliegen werden von der Kirche rückimportiert – und in ihrer säkularen Gestalt kirchlich geweiht. Aber warum eigentlich?

Wenn das stimmt, dann zeigt sich damit: Es gibt zumindest bisher keinen spezifisch „kirchlichen Beitrag“ für den Einzelnen oder für die Gesellschaft, der nur bzw. notwendigerweise  allein von der Kirche erbracht und also keinesfalls von andern übernommen werden könnte.

Und wie mit dem „Ritual- und Sozial-Angebot“, so verhält es sich auch mit dem „Sinnangebot“. Auch hier gibt es unzählige „Anbieter“ mit ihren „Angeboten“ – und die Kirche ist nur einer davon – weshalb es nun für die Kirche darauf ankommt, sich auf diesem „Markt“ zu behaupten, für ihr „Produkt“ zu werben, wahrgenommen zu werden, „Marktanteile“ zu erlangen und die vorhandenen „Kunden“ mit einem guten „Service“ zu „bedienen“ - zumal sie ja auch einen Vereinsbeitrag, bzw. Kirchensteuer zahlen. Und das alles so attraktiv und kreativ, wunschgemäß und zeitgemäß wie möglich zu gestalten. Und damit ist „Kirche“ so etwas wie ein kundenorientiertes sozial-diakonisch-spirituelles Dienstleistungs- und Weltanschauungsunternehmen – und ist wie jedes andere Unternehmen am messbaren und nachweisbaren Erfolg orientiert. Dies zeigt sich auch im Selbstverständnis vieler kirchlicher Mitarbeiter: Sie tun ihren Job so korrekt wie möglich - haben aber sonst mit Gemeinde, Gottesdienst, Kirche wenig am Hut. Die Identifikation reduziert sich auf ihre Funktion. Um einen Job in der Kirche zu haben, muss man neben der beruflichen Qualifikation eigentlich nur eine Bedingung erfüllen: seine Kirchensteuer zahlen… Damit aber ist Kirche ein Arbeitgeber wie jeder andere auch – und also mit anderen Arbeitgebern austauschbar. Dann ist es letztlich auch für einen Pfarrer egal, oben er seinen Lebensunterhalt mit der Verkündigung des Evangeliums verdient oder als freier Theologe zu bestimmten Anlässen schöne Sonntagsreden hält,  

Aber vielleicht liegt die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Kirche und damit auch ihre Zukunft darin, nicht mehr ihr ganz besonderes „Gut“ in die Welt einzubringen, sondern das eh schon vorhandeneGute im Menschen“ und in der Welt zu fördern und z.B. wie andere und mit anderen „für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ einzutreten? – wären da nicht einige andere, die von der Kirche überhaupt nichts Gutes mehr erwarten, weil sie in der Kirche als solcher ein Übel sehen. „Écrasez l'infâme“ - »Rottet das Niederträchtige aus!« schreibt der franz. Philosoph Voltaire im 18. Jhdt. im Blick auf die röm.-kath. Kirche seiner Zeit. Dabei meint das „Niederträchtige“ nicht nur bestimmte ethisch bedenkliche und bekannte Vorgänge und Vorfälle in der Geschichte der Kirche – wie Kreuzzüge und Hexenverfolgungen und Ketzerverbrennungen, die Bekehrung der Sachsen und der 30jährige Krieg, die Eroberung Südamerikas und schließlich der Missbrauch von Kindern. Das Übel ist die Kirche selber. Und dieses Übel – so manche gebildete Stimmen aus unserer Zeit – habe vor allem theologische Wurzeln: Der Monotheismus, wie er vor allem im Alten Testament gefordert werde, sei eben nicht integrativ oder inklusiv, sondern exklusiv; schließe also nicht ein, sondern schließe aus; sei deshalb grundsätzlich nicht friedlich, sondern feindlich gesinnt. Denn dieser eine Gott vertrete einen absoluten Wahrheitsanspruch und sei deshalb absolut intolerant gegenüber der bunten Vielfalt des Lebens und - der Religionen. Dies zeige uns heute in aller Deutlichkeit der streng monotheistisch ausgerichtete Islam in seinen fundamentalistischen Auswüchsen. Darum: Wenn schon Religion, dann lieber den Polytheismus mit dem friedlichen Nebeneinander der Götter - wie im (Neo-)Hinduismus. Oder noch besser den freundlichen Buddhismus in Gestalt eines lächelnden Dalai Lama, der ganz ohne Gott oder Götter auskommt. Und den wissenschaftlichen Agnostizismus, der über Gott und die Götter schweigt, weil man von ihnen nichts erkennen könne. Oder den Atheismus, der Kirche und Religion als unvernünftig und unwissenschaftlich ablehnt oder gar bekämpft.

Natürlich gibt es umgekehrt genauso viele Menschen in und außerhalb der Kirche, die der Kirche ein historisches Existenzrecht zusprechen. Sie gehöre nun mal zu unserem Kulturkreis und sei ein europäisches Kulturerbe, habe als Kulturträger auch schon große kulturelle Leistungen erbracht - man denke nur an die Dome und Kathedralen, die man aus kunsthistorischen Gründen mal gerne aufsuche. Aber natürlich nicht unbedingt während der Zeit eines Gottesdienstes…

Diese Menschen stehen für etwas, das die Kirche der Zukunft und die Zukunft der Kirche in Europa wahrscheinlich mehr bestimmt als das bisher Erwähnte: Es scheint, dass auch der moderne und kultivierte Mensch trotz aller Aufklärung und Wissenschaft wenn nicht „unheilbar religiös“, so doch zumindest „spirituell musikalisch“ ist – und darauf besonderen Wert legt. Immer mehr Menschen sagen tatsächlich: Kirche? nein danke!– Spiritualität? ja bitte! Solch eine kirchenlose Spiritualität hat bewusst keine festen Glaubenssätze, ist „frei“ von überlieferten Dogmen und betont „offen“ für alles „Spirituelle“. Orientiert an dem eigenen spirituellen Bedürfnis kreiert man für sich ein interreligiöses Cuvée aus Jesus und Buddha, den Engeln und allen guten Geistern... Denn der Spiritualismus geht fließend leicht über in den Spiritismus.

Zwar macht man „bei Bedarf oder Gelegenheit“ immer noch Gebrauch von dem „kirchlichen Angebot“ – etwa einer kostenlosen kirchlichen Trauung, jedoch in „personalisierter“ Form. Dabei schöpft man aus allen verfügbaren Quellen – von der unergründlichen Quelle der Seele bis hin zur unerschöpflichen Quelle des Internet.

Wenn also jemand nicht mehr kirchlich ist, muss das nicht heißen, dass er nicht mehr religiös oder spirituell ist oder keine Werte mehr hat oder nicht mehr „an etwas Höheres glaubt“. Tut er sehr wohl – und jetzt vielleicht erst recht. Denn er hat endlich „ganz authentisch“ „seinen eigenen Glauben“ und kann nun ganz „nach seiner eigenen Facon selig werden“. Und mehr geht nicht.

 

III.

Wenn das alles stimmt, dann kommen wir nun bei der Gretchenfrage „Wie hältst du’s mit der Religion?“ zu einer ersten Antwort: Es würde an diesem Ort wie auch sonst wo wohl kaum etwas fehlen, wenn es „in Zukunft“ keine irgendwie verfasste „Kirche“ mehr gäbe! Es würde zwar irgendwie auffallen und wäre ein gewisser „Traditionsabbruch“. Aber viele Städte und Dörfer auf dem Gebiet der ehemaligen DDR haben solch einen Traditionsabbruch binnen 40 Jahren gemeistert – und daran hat sich auch 25 Jahre nach dem Mauerfall trotz anfänglicher Hoffnungen nichts geändert. Und viele Menschen auf dem Gebiet der ehemaligen BRD schaffen den Traditionsabbruch beim Generationswechsel (Deutsch-Russen!). Und das alles ohne nachfolgende Entzugserscheinungen – weil anscheinend kaum oder keine tieferen kirchlichen Wurzeln vorhanden sind, die nur unter große Schmerzen auszureißen wären. Und in dem ehemals gut röm.-kath. Frankreich von Voltaire herrscht seit der Französischen Revolution 1789 die strikte Trennung von Staat und Kirche. Und es scheint keinerlei Notwendigkeit zu geben, dies unbedingt um der Gesellschaft oder des Einzelnen oder des Staates  willen rückgängig machen zu müssen.

Summa: Die öffentliche Entwöhnung von Kirche und die Gewöhnung an Religion als reines Privatvergnügen – wenn´s denn unter den vielen sonstigen Vergnügungen überhaupt sein muss - geschieht für die meisten Menschen völlig lautlos, problemlos, schmerzlos.

Der Osten und der Westen zeigen jedoch – wenn auch auf jeweils verschiedene Weise -: Wo ein mögliches „Sinnvakuum“ entsteht – und „Religion“ und „Kirche“ hat es nun mal irgendwie mit „Sinn“ zu tun -, da muss dieses Vakuum durch ein anderweitiges „Sinnangebot“ ausgeglichen werden: Im Osten werden Religion und Kirche nach dem 2. Weltkrieg durch eine bestimmte Ideologie und Partei samt deren Glaubenssätze bzw. Dogmen ersetzt; so noch heute im Führerkult in Nordkorea – wie vormals auch im Großdeutschen Reich. Und im Westen wird das religiöse Vakuum nach dem 2. Weltkrieg immer mehr durch einen materiellen und inzwischen auch medialen und digitalen Konsum aufgefüllt. Und bis es den Leuten mal wieder schlecht(er) geht und sie in die Kirche gehen, stehen die Kirchen weiterhin im Schatten von Shopping-Malls und Fußballarenen; und kirchliche Großereignisse – wie z.B. Kirchentage - werden in ihrer öffentlichen Bedeutung von Mega-Events – wie z.B. Europa- oder Weltmeisterschaft – weit überboten. Diese sind inzwischen jedoch als public viewing kirchlich sehr gut importiert, integriert und abgesegnet.

Wenn das alles auch nur so ungefähr genau zutrifft, dann ist jetzt eine kleine Zwischenbilanz fällig: Die Notwendigkeit oder Überflüssigkeit von Kirche hat sich bisher am religiösen Bedürfnis des Einzelnen und am ethischen Bedarf  der Gesellschaft („der Welt“) orientiert. Dabei stand der öffentliche oder private Nutzen von Kirche im Vordergrund: Was bringt mir persönlich die Kirche, was leistet sie sozial – oder kassiert sie nur (meine) Kirchensteuer und betreibt jetzt auch noch „Erbschaftsfundraising im kirchlichen Kontext“? Dagegen hilft nicht nur Aufklärung über das, „Was sie uns anvertrauen“, sondern auch darüber, wie nützlich Kirche doch ist: Glauben – macht glücklich. Beten – hält gesund. Gottesdienst – macht schlau (Crismon). Singen – hält fit. Und Gott – beruhigt. Kirche tut nicht nur Gutes, sondern tut auch gut. Gutes tun – tut gut… ganz im Sinne von Social Wellness.

Die Frage ist nicht nur, ob das bei den Menschen überzeugt und greift, sondern ob das der Kirche entspricht. Bei Menschen greift viel, was nicht der Kirche entspricht.

 

IV.

Gehen wir nun einen fälligen Schritt weiter: Bisher war ganz allgemein von „Kirche“ die Rede. Aber von welcher Kirche reden wir eigentlich? Von der „Scientology Church“ – oder von der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“/den „Mormonen“ – oder von der neuapostolischen oder evangelischen oder römisch-katholischen oder orthodoxen Kirche oder von den vielen Freikirchen oder von der „Kirche des fliegenden Spaghettimonsters e.V.“? Ist das alles „Kirche“ – incl. die „des fliegenden Spaghettimonsters“ und der „Scientologen“?

Um darauf eine Antwort zu finden, grenzen wir ganz bewusst ein und fragen: Ist das alles christliche Kirche – nur eben in verschiedener Gestalt? Und um darauf eine Antwort zu finden, müssen wir fragen: Woraus geht denn christliche Kirche hervor und liegt ihr also als Ursprung zugrunde – und macht entscheidend christliche Kirche aus und lässt die vorhandenen „Kirchen“ unterscheiden! Dabei wird ihr Ursprung zu unterscheiden sein von ihrem historischen Anfang!

Des weiteren: Wenn die christliche Kirche einen Ursprung hat, der (vielleicht) nicht aus dieser („kausalen“) Welt ableitbar ist, dann ist dadurch bedingt (vielleicht) auch ihre Zukunft nicht aus dieser („kausalen“) Welt ableitbar. Dann ergibt sich diese Zukunft auch nicht aus wissenschaftlichen Prognosen, statistischen Hochrechnungen oder einfach nur Umfragen der Gegenwart, die im Vergleich mit der Vergangenheit von schwindender Mitgliederzahl, schwindenden Finanzen, schwindenden Mitarbeitern, schwindender kirchlicher Verbundenheit, schwindender Akzeptanz, schwindender Präsenz im öffentlichen Bewusstsein künden.

Wenn also so wenig wie der Ursprung sich die Zukunft der christlichen Kirche aus der Gegenwart ableiten lässt, dann muss sie etwas mit den biblischen Verheißungen zu tun haben! Und ohne diese kann es sich nicht um die Zukunft der christlichen Kirche handeln! Und dazu gehört auch und vor allem die Verheißung von „Parusie/Advent/Ankunft“ Jesu Christi am „jüngsten Tag“ zum „jüngsten Gericht“, und damit das endgültige Erscheinen des „Reiches Gottes“. Weil aber aus dem Lauf der Zeit („Chronos“) nicht ableitbar, deshalb auch völlig unvorhersehbar und auch völlig unvorstellbar (!) und auch völlig unerwartet; „wie ein Dieb in der Nacht“: „plötzlich und unerwartet“ („Kairos“).

Diese Zukunft der christlichen Kirche ist so „nahe“ wie ihr Ursprung. Und d.h. „verborgen“ stets gegenwärtig kann die Ewigkeit im Augenblick/Kairos in die Zeit/Chronos hereinbrechen, darin aufbrechen, „erscheinen“. Die Bibel spricht von „erfüllter Zeit“. Eine solche unberechenbare „Epiphanie“ meint Jesus, wenn er sagt: „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen“ – oder Paulus, wenn er schreibt: „...denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden“. Das hat mit einer „räumlichen“ oder „zeitlichen“ („kausalen“) Nähe nichts zu tun. Es ist der jederzeit mögliche Schnittpunkt von Chronos und Kairos: Der verborgen vor der Tür steht, kann "plötzlich und unerwartet" eintreten und offenbar werden.

Und damit sind wir allerdings an dem entscheidenden und scheidenden Punkt angelangt, über den wir uns absolut klar sein müssen: Wenn es stimmt, dass sich wie dargelegt weder die individuelle oder soziale Notwendigkeit, noch der Ursprung bzw. die Zukunft der christlichen Kirche „aus der Welt“ herleiten und ableiten lassen, dann ist die Kirche von der Welt aus für die Zukunft der Welt nicht nur überflüssig, sondern ist selber ohne Zukunft(!) – oder sie wird von einem „Ursprung“ auf eine „Zukunft“ hingeführt, welche beide weder von der Welt, noch von der christlichen Kirche selber geschaffen werden, sondern ihre unableitbare Voraussetzung sind, in der auch evtl. ihre Notwendigkeit und damit ihr Existenzrecht gründet. Dann aber kann auch ihre Notwendigkeit und Existenzrecht weder durch die Welt, noch von der Kirche selber aufgehoben werden! Und dann ist „alles“, was in dieser unableitbaren Voraussetzung gründet und von diesem Ursprung herkommt und auf diese Zukunft hingeht, christliche Kirche! Und „alles“, was nicht in dieser Voraussetzung gründet, also nicht von diesem Ursprung herkommt und auf diese Zukunft hingeht, ist auch nicht christliche Kirche!

Weil aber die christliche Kirche eine andere Voraussetzung kennt und um eine andere Zukunft weiß als „die Welt“ – kennt und weiß, nicht hat -, kann sie auch keine „weltlichen Ziele“ verfolgen, welche immer mit Herrschaft und Bestandssicherung zu tun haben. Geht es innerkirchlich um Herrschaft und Bestandssicherung, dann ist die Kirche „verweltlicht“. Eine „Entweltlichung“ der Kirche hätte dann damit zu tun, dass sie sich wieder ihres Ursprungs und ihrer Zukunft bewusst und klar wird – zum Zeichen und Vorbild für die Welt. Darin macht sich jene christliche Freiheit bemerkbar, die nicht auf gesellschaftliche Anerkennung schielt und hierfür kirchliche Konformität praktiziert. Ist das die „evangelische Freiheit“, von der in meiner Kirche immer so viel die Rede ist – oder wird hier von einer anderen Freiheit geredet?

Wenn das wiederum alles stimmt, denn stellt sich jetzt die wichtige Frage: Was ist dieser Ursprung, was ist diese Voraussetzung, von der die christliche Kirche herkommt?

 

V.

Diese Voraussetzung wird zum ersten Mal bei Abraham offenbar. Abraham ist der erste, der „plötzlich und unerwartet“ von Gott / JHWH angesprochen, aus all seinen bisherigen und also auch religiösen Lebensverhältnissen herausgerufen und mit einer Verheißung in eine neue Zukunft hineingesandt wird. Die Ansprache dieses Gottes beinhaltet den Anspruch, sich auf ihn einzulassen und ihm sich anzuvertrauen – und stellt Abraham in eine existentielle Entscheidung.

Nicht anders der Ruf dieses Gottes aus einem brennenden Dornbusch: „Mose, Mose“ - und damit dessen Berufung und Sendung, ein versklavtes Volk aus der Knechtschaft in die Freiheit bzw. in das Abraham verheißene Land zu führen. Bei Mose wird jedoch zum ersten Mal offenbar, wer dieser Gott JHWH ist. Im Gegensatz zu den anderen Göttern ist er nicht abbildbare und d.h. verfügbare „Substanz“; ER ist nicht ein „Etwas“. IHN „gibt es nicht“. Zu ihm gibt es nur eine vertrauensvolle „Beziehung“ – Glauben, Vertrauen genannt. Das ist das Herzstück der Verbundenheit, des „Bundes“, dessen „Leibhaftigkeit“ allein seine „Weisungen“ sind, die „Tora“. Nur in dieser existentiellen Beziehung „existiert“ ER, tritt aus sich heraus, offenbart sich dem, der sich ihm öffnet. Ohne diese Beziehung „ist“ er nicht!

In der Zeit nach Mose geschieht die Ansprache dieses Gottes an Menschen, die er zu seinen Propheten beruft, sie mit seinem Wort zu seinem Volk sendet – „So spricht der Herr…“ - und diesem androhen lässt, es wegen Treulosigkeit gewaltsam aus dem verheißenen Land wieder herausführen zu lassen – was dann auch geschieht. Die Ansprache Gottes an die Propheten macht seinen Anspruch als der „HERR" auf dieses Volk geltend. Danach geschieht der Ruf bzw. das Wort dieses Gottes an verschiedene Propheten mit der Verheißung der Rückkehr aus dem Exil und dem Aufbau des verwahrlosten Landes.

Noch später vernehmen bestimmte Menschen den Ruf Jesu: „Folge mir nach“, lassen sich wie Abraham herausrufen aus ihrer bisherigen Bindungen, verbünden sich mit ihm und folgen ihm nach – und hören schließlich in diesem Jesus die Anrede, den Ruf Gottes an alle Menschen und damit die Berufung aller Völker zum Volk Gottes (Paulus) – und bekennen Jesus als „das fleischgewordene Wort Gottes“.

Damit wird klar: Die christliche Kirche hat ihren Ursprung im „Wort Gottes“, das als Anruf, Anrede, Ansprache, „Anspruch“(!) Gottes einen Menschen ganz persönlich trifft, eine Beziehung stiftet, ihn aus seiner alten Welt herausruft und ihm eine neue Welt verheißt. Damit aber auch vor die Entscheidung stellt, diesem Ruf zu folgen – oder nicht. „Heute, so ihr seine Stimme höret, verstocket euer Herz nicht…“ Dass und wann dieser Anruf Gottes „unableitbar und unerwartet“, „zufällig“ geschieht – „…und des Herrn Wort geschah zu mir…“, heißt es immer wieder vor allem beim Propheten Ezechiel (und damit „geschieht“ Gott selber als der lebendige Gott) -, das liegt nicht in menschlicher Hand; ebenso wenig wie dieser Anruf Gottes geschieht; welches „Mittel“ ER in seinen Dienst dafür nimmt.

Dabei liegt es nahe, dass sein schon einmal an Menschen ergangenes und in der Bibel bezeugtes, überliefertes, tradiertes und also zur „Hlg. Schrift“ gewordenes Wort eine „gewisse Priorität“ hat -  und darin insbesondere das Zeugnis von Jesus als dem „fleischgewordenen Wort Gottes“. Dennoch kann dieser Gott immer noch einen Menschen unmittelbar ansprechen, wie es beispielhaft Blaise Pascal und Paul Claudel erfahren haben – oder eben immer noch aus einem „brennenden Dornbusch“ oder in einem „stillen, sanften Sausen“ (Elia). Oder aus dem Wasser der Hlg. Taufe. Oder aus Brot und Wein bei der Feier des Hlg. Abendmahls.

Denn diese Welt ist aus seinem schöpferischen Wort geschehen: „…und es geschah also“ – und ist deshalb als leibhaftige „Wortschöpfung“ die „erste“ „Hlg. Schrift“. Deshalb kann aus der Schöpfung – wie in der „zweiten“ „Hlg. Schrift“ der Bibel – „etwas“ plötzlich und unerwartet zur Anrede dieses Gottes an mich werden, mich rufen, berufen und in seinen Dienst, in den „Gottesdienst“ nehmen.

Meist geht Berufung nicht ab ohne Widerstand (Mose: „Mein Herr, sende, wen du senden willst.“), oder Zögern (Jeremia: “Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“) oder gar Erschrecken (Petrus: “Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“). Wer sich zu diesem „Gottesdienst“ von sich aus für fähig hält und vordrängt oder gar aufdrängt, der sieht nicht, worauf er sich da einlässt – wie jener, der meint, er könne Jesus mühelos, problemlos, schmerzlos nachfolgen – und dann hören muss: . „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ Oder wie es das Volk und die Jünger hören: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten.“ Da hängt einer die Latte abstoßend hoch. Wahrhaftig kein niederschwelliges Angebot zur Nachfolge. Auch heute noch!

Wenn also von Seiten Gottes sein „Reden“ und „Rufen“ der Ursprung der Kirche ist, dann ist von Seiten des Menschen die Bereitschaft zu hören und zu folgen grundlegend für das Kirchesein - und zwar mit Ohr, Verstand und Herz gleichermaßen. Das Hören ist die menschliche Voraussetzung der christlichen Kirche. Wo deshalb die Sinne ständig unter Dauerbeschuss stehen, da ertaubt auch der Verstand, das Verstehen. Nicht nur eine gewisse Verödung, sondern auch eine geistige Verblödung setzt unausweichlich ein.

Aber gesetzt den Fall ich höre und vernehme den Ruf, die Ansprache, die Anrede, den Anspruch Gottes an mich, erst recht in dem Wort des „fleischgewordenen Wortes“, dann stehe ich vor der Entscheidung: ob ich mich darauf voller Vertrauen einlasse – oder mich verweigere, ob ich dem Gehörten gehörsam/gehorsam bin – oder nicht.

Christliche Kirche ist dann also die Gemeinschaft derer, die das „Wort Gottes“ hören und sich darauf einlassen, ihm gehörsam/gehorsam sind, es tun und also leben. Fehlt dieses Hören, dann wird umso mehr geredet und getan, was allerdings nicht aus dem Hören hervorgeht. Es könnte darum sein, dass eine nur noch „mündige“ Kirche den Anruf Gottes gar nicht mehr vernimmt – und eine nur noch aktive Kirche nur noch menschliches „Machwerk“ ist. Mündig und aktiv entspricht jedoch durchaus dem Selbstverständnis des „säkularen Menschen“. Dieser existiert in allem, was von ihm ausgeht: Aus seinem Mund, aus seiner Hand. Er existiert in seinen „Äußerungen“, in seinen „Werken“; wird durch sie gefeiert oder gefeuert, gerechtfertigt oder verdammt. Der säkulare Mensch kann gar nicht anders als „werkgerecht“ sein. Denn sein Existenzrecht wie auch seine Erlösungshoffnung wird von seinen eigenen Worten und Taten bewirkt – oder verwirkt. Als spiritueller Ausgleich passt hierzu i Westen sehr gut der „gnadenlose“ Buddhismus aus dem Osten.

Wenn jedoch das Existenzrecht und die Erlösungshoffnung der christlichen Kirche aus dem gehörten und geglaubten und gelebten Anruf Gottes hervorgeht, dann kann Glauben nicht meinen, „etwas für wahr halten“ – und sei es auch nur einen Vers oder die ganze Bibel. Glauben ist ein Akt lebendigen Vertrauens und geht immer mit dem Tun einher: „…aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“ Ob ich jemandem vertraue, zeigt sich darin, dass ich tue, was er sagt – oder ich tue es nicht, weil ich ihm misstraue. Glauben/Vertrauen ist immer ein Wagnis – und geht darum immer mit Zweifel und Anfechtung einher – erst recht in harten Zeiten. Ob etwas wahr ist, erweist sich letztlich nur darin, dass es sich bewährt und damit bewahrheitet. Ob der Ruf, das Wort Gottes, ob Jesus „wahr“ ist, erfahre ich dadurch, dass ich mich existentiell darauf einlasse - und nicht intellektuell darüber diskutiere. Und erst indem ich mich darauf einlasse, entsteht daraus eine gewisse Glaubenserfahrung die zu einer Glaubenserkenntnis wird: „… wir haben geglaubt und erkannt...“, so Petrus zu Jesus. „Credo ut intelligam“, so Anselm von Canterbury in seinem Proslogion.

Beglückende Glaubenserfahrungen sind jedoch nicht das Ende der Wege Gottes mit mir. Wen er beruft, den sendet er auch. Jede Berufung zielt ab auf Sendung, „Mission“. Jesus sagt nicht nur: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid…“, sondern auch: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur“. Christsein, Kirchesein, das nicht mehr „missionarisch“ ist, sondern sich nur noch „tolerant“ gibt, scheint von der „Qualität“ der christlichen Botschaft nicht mehr überzeugt – und reduziert „Mission“ kleinlaut auf „Information“.

Doch die christliche Botschaft ist keine vom Boten ablösbare Information über Gott und die Welt, sondern zeugt von einer bestimmten Glaubenserkenntnis (vgl. bes. Evangelium nach Johannes). Botschaft und Bote sind zwar voneinander zu unterscheiden, aber sie lassen sich nicht voneinander trennen; sowenig wie Zeugnis und Zeuge. Und zwar deshalb nicht, weil Berufung und Sendung den ganzen Menschen in Anspruch nehmen. Eben nicht nur seinen Verstand, sondern auch sein Herz – sein Leben. Wenn das stimmt, ist es zumindest fraglich, ob die Umwandlung von kirchlichem RU in das weltanschaulich neutrale Fach LER (Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde) in Brandenburg überhaupt möglich ist. Ebenso der von der Evang. Kirche getragene interreligiöse „dialogische RU“ in Hamburg. Kann man Religion wie Mathe unterrichten – und also den Glauben als reines Wissen? Für den RU bedurfte es bisher einer „vocatio“, also einer Berufung!

Aber wo geschieht nun Berufung und Sendung schlechthin und - ganz konkret? Wo nimmt sie Gestalt an und gibt es etwas zu hören, um dann gehörsam/gehorsam zu sein?

 

VI.

Kirche fängt beim Menschen an, weil Gott mit dem Menschen etwas anfängt – und das geschieht beim einzelnen Menschen in der Hlg. Taufe. Da wird ein Mensch ganz persönlich in die Gemeinschaft mit Jesus berufen und zugleich all jenen Menschenleibhaftig hinzugefügt, die bekennen: „Kyrios Iesous“, „Herr ist Jesus“ und also „kyriake“; „dem Herrn“ gehörend „Kirche“ sind. (deshalb kann die Scientology Church und die „Kirche des fliegenden Spaghettimonsters“ keine Kirche sein!) Taufe ist Berufung von diesem Herrn und Lebensübergabe an diesen Herrn. Wer getauft ist, der gehört zur „Ekklesia“, zu den Herausgerufenen aus der alten Welt und wird mit einer Verheißung auf einen „neuen Weg“ (Apg 19,23) gesandt – wie Abraham, Mose, die Propheten, die Jünger. Von nun an ist er wie diese „in der Kirche“. Und zwar sowohl in der weltweiten Kirche („Ökumene“) von Abraham her (Hebr.), wie auch in einer ganz konkretenKirchengemeinde“ vor Ort.

Dass ich „in der Kirche bin“, zeigt sich daran, dass ich „in die Kirche gehe“ - und also ganz konkret am Gottesdienst teilnehme. In jedem Gottesdienst setzt sich fort und wiederholt sich, was in der Taufe geschieht/geschah. Jeder Gottesdienst ist Tauferinnerung – „erinnert“, vergegenwärtigt meine Taufe in der Gemeinschaft aller Getauften. (Deshalb gehört auch die Taufe bzw. der Täufling in den Gottesdienst der Gemeinde – und niemals in einen privaten Winkel.) Und wie die Taufe das Zentrum im Leben jedes einzelnen Christen ist, so ist der Gottesdienst das Zentrum der christlichen Kirche – auch wenn sich inzwischen sehr viele kirchliche Aktivitäten und Projekte als Konkurrenz in der Peripherie angelagert haben; oder sich gar ins Zentrum gerückt und den Gottesdienst an die Peripherie abgedrängt haben; oder ihn einfach als eine gemeindliche „Aktivität“ oder gar als „Projekt“ unter anderen betrachten - und dann auch aktiv und projektmäßig gestalten. Dann wird ein Gottesdienst allerdings kaum mehr gefeiert, sondern moderiert, gehalten, abgehalten – oder einfach gemacht. Gottesdienst als menschliches Machwerk. Seine Feierlichkeit besteht in der „Dekoration“.

So aber kann der Gottesdienst als „Wort-Gottes-Feier“ nicht mehr wahrgenommen werden. Diese beginnt damit, dass mich die Glocken herausrufen aus der Welt meines Alltags, wozu auch das Bett gehört. Und mich hineinrufen „in der Kirche“, um hier am Sonntag, am „Tag des Herrn“, die Getauften zu sammeln: Kirche als „Versammlung (l'Þh'q)))).) der Gläubigen“ (CA VII) in einer Kirche. Wenigstens hier, hinter lärmdichten Kirchenmauern soll das „Wort Gottes“ die ungestörte Möglichkeit haben mich in Ruhe anzusprechen. Dazu gehört, dass die Lesung aus der Hlg. Schrift so gelesen wird, dass man merkt: Da versteht jemand, was er liest. Und nur so können es auch andere verstehen. Und dass die Predigt nicht versucht ein Wörtchen bei irgendetwas mitzureden oder irgendetwas hochtheologisch oder niederschwellig zu kommentieren, sondern aus dem Hören kommt, um „das Wort“ für Heute zu sagen. Denn aus dem Hören kommt mündiges Christsein, das Zeugnis bzw. „Rechenschaft zu geben vermag von der Hoffnung die in einem ist“!

Deshalb geht es im Gottesdienst nicht zuerst oder gar allein um meine persönliche religiöse oder spirituelle Erbauung, sondern um die Zurüstung zu einem Christsein im Alltag der Welt. Und für solch eine Zurüstung taugen schöne Geschichten und kluge Weisheiten, geistreiche Impulse genauso wenig wie viel Deko und Design, das oftmals die fehlende Substanz geschickt verschleiert. Ob der Gottesdienst „attraktiv“, also „anziehend“ ist, hängt von denen ab, die ihn feiern – und nur vordergründig und kurzfristig von der Buntheit oder Farbigkeit der Elemente die in ihm vorkommen. Ein lieblos abgespulter Gottesdienst verdunkelt das Evangelium mehr als es neuere liturgische Formen erhellen.

Ein Gottesdienst in den bescheidenen Verhältnissen Afrikas zeigt, was auch in unsren üppigen Verhältnissen gilt: Farbe gewinn ein Gottesdienst durch den Gesang: durch die Lieder der Gemeinde und durch die gesungenen Liturgie. Diese ist Anbetung Gottes. Wo jedoch im Gottesdienst sowohl das Liedgut wie auch die Liturgie immer wieder wechseln, dazu auch noch Gottes Bodenpersonal samt dem Publikum, pardon: samt der Gemeinde, da verstummt die Liturgie und verkopft der Gottesdienst zwangsläufig zur kirchlichen Talkshow, die der Attraktivität wegen zum Event aufgeschäumt werden muss.

Wenn aber der Sinn und Inhalt des Gottesdienstes die Anbetung Gottes und die Zurüstung von Menschen ist, dann verdichten sich Anbetung und Zurüstung in der Sammlung um den Tisch des Herrn zur Freudenfeier seiner hingebungsvollen Gegenwart in Brot und Wein – und im Wort der Sendung: „Das stärke und bewahre euch im Glauben zum ewigen Leben.“ So verstanden ist die Feier des Hlg. Abendmahls/der Eucharistie unabdingbarer Bestandteil eines jeden Gottesdienstes.

Die Entlassung von der Feier des Hlg. Abendmahls führt hin zur Entlassung aus dem Gottesdienst am Sonntag bzw. zur Sendung der Christen in den Gottesdienst im Alltag ihrer Welt. Gottesdienst am Sonntag ist Sammlung in der Kirche zur Sendung in die Welt.

Darum wird der Gottesdienst auch „Messe“ genannt, denn er endet mit der „liturgischen Entlassung“: also mit Segen samt „missio“, der Aussendung: „Gehet hin in Frieden“. („Ite, missa est!“, „Geht hin, Aussendung ist!“) Und das meint nicht die Entlassung aus einer heiligen Zeremonie, sondern die Aussendung in den Alltag, den Werktag der Welt. Wenn dies stimmt, dann hängt von Anbetung und Verkündigung, von Sammlung und Sendung die „Qualität“ eines Gottesdienstes ab.

Aus diesem Werktag kehren Christen am Sonntag wieder in die Kirche zurück – auch mit der Erfahrung des Versagens und der dringenden Bitte: „Kyrie eleison“ – „Herr, erbarme dich“. Und bitten damit zugleich, dass sie als „unnütze Knechte und Mägde“ – doch wieder erneut in seinen Dienst genommen und ausgesandt werden. Das Ziel meines Christseins ist nicht die Vervollkommnung meiner persönlichen Spiritualität, sondern die Bezeugung des Evangeliums im Alltag meiner Welt.

Wenn also „Kirche“ und „Gottesdienst“, „in der Kirche sein“ und „in die Kirche gehen“ zusammengehören, dann kann es kein „Kirchesein“ geben ohne Gottesdienst zu feiern. Wer nicht mehr in die Kirche geht, der ist auch nicht mehr lange in der Kirche, sondern tritt langsam aus der Kirche aus, auch wenn er weiterhin seine Kirchensteuer bezahlt. Er verliert mit der Taufe als dem Zentrum seines Christseins auch den Gottesdienst als das Zentrum der christlichen Gemeinde; und verliert damit langsam den Sonntag, den „Tag des Herrn“. Denn die Feier des Gottesdienstes macht den Sonntag zum Feiertag. Was sonst?! Ansonsten mag er ein arbeitsfreier Familientag oder ersehnter Freizeittag sein – aber Sonntag ist er nicht. Wenn also der Sonntag angesichts leerer Kirchen nicht mehr unbedingt zur Feier der Gottesdienste freigehalten werden muss, wozu ihn dann noch staatlich schützen?!

Man könnte es so machen wie in China: Da gibt es keinen Sonntag – dafür aber etliche staatliche und kulturelle Feiertage. Vielleicht ist das auch in Europa die Zukunft. Natürlich hätten wir kein „Drachenbootfest“ und auch kein „Fest der hungrigen Geister“. Dafür aber einen „Internationalen Humanistentag“ oder den „Christopher Street Day“. Und Weihnachten als „Lichterfest“, Ostern als „Frühlingserwachen“, Himmelfahrt als „Vatertag“… Vor allem die Abschaffung des Sonntags käme der Wirtschaft entgegen, der Auslastung teurer Maschinen wegen. Und außerdem sind verkaufsoffene Sonntage sehr beliebt, um endlich mal absolut stressfreie einzukaufen zu können. Und sollte man den Sonntag dennoch beibehalten, dann wegen dem durchaus berechtigten Freizeitbedürfnis und den zunehmenden Vereins(sport)aktivitäten.

Damit geht allerdings nicht nur die sonntäglich Erinnerung an die Überwindung des Todes durch die Auferstehung Jesu verloren, sondern auch die christliche Hoffnung auf die Vollendung der Welt; wie sie auch in der Feier des Sabbats sich ausdrückt. Hinzu kommt: Wo kein gemeinsamer Rhythmus mehr auf ein gemeinsames Zentrum zuführt, da gibt man sich zentrifugalen Kräften preis.

 

VII.

Diese zentrifugalen Kräfte kristallisieren sich als Termine. Es sind „Zeitpunkte“, die je für sich stehen und das Band des Lebens zerstückeln und zersetzen. Dabei spielt der Weg keine Rolle. Wir springen von einem Termin zum andern – wie Flöhe. Ständig bemüht, sie abzuarbeiten und abhaken zu können – einschließlich der Gefahr, schließlich nichts mehr auf die Reihe zu bringen. Diese Gefahr geht auch von vielen gemeindeinternen Aktivitäten aus, die als wöchentlicher Terminkalender „der Gemeinde noch bekannt zu geben ist“, „Abkündigungen“ genannt. Oder als „Gemeindebrief“ erscheinen. Doch „abgekündigt“ werden ursprünglich nicht Information über gemeindliche Aktionen, sondern Anliegen zur Fürbitte empfohlen. Und Gemeindebriefe sind ursprünglich nicht Infobriefe über gemeindliche Aktivitäten mit einem niederschwelligen Grußwort vorweg, sondern höchst anspruchsvolle Äußerungen des Glaubens – z.B. von Paulus und Petrus. Und zwar an Gemeinden, die nicht unbedingt den 7 % des liberal-intellektuellen Milieus der Sinusstudie zuzuordnen ist.

Sowohl der gottesdienstlich abgekündigte wie auch der gemeindebrieflich angekündigte Terminkalender einschließlich den unvermeidlichen Terminkollisionen und den engmaschigen Terminfindungen mit Hilfe von „Doodle“ zeigt: Auch in der Kirche leben wir unter der Knechtschaft des Chronos. Und das nicht einmal ungern. Denn die terminliche Fülle dient zugleich zur Rechfertigung unserer Existenz - und ist Ausdruck unserer innerkirchlichen Werkgerechtigkeit. Aber wir spüren auch die Dürftigkeit dieser Knechtschaft – und versuchen sie zu kompensieren durch Highlights und Events. Als Ersatz für den Kairos?

Zu den zentrifugalen Kräften gehört auch die nahezu unüberschaubare Produktpalette der kirchlichen Fortbildungsindustrie. Dabei verschiebt sich in den letzten Jahren der Schwerpunkt vom therapiesensiblen Psychosandkasten zum milieusensiblen Soziosandkasten. Wer als Pfarrer und kirchlicher Mitarbeiter diese Angebote auch nur einigermaßen wahrnimmt, für den wird das Fortbildungs-Hopping zu einer zeitfressenden Seuche – und lässt die beklagte lokale „Erreichbarkeit“ und „Präsenz“ von Pfarrern noch mehr schrumpfen. Die geistige Erreichbarkeit und Präsenz von Pfarren wird darüber hinaus noch zusätzlich von der Massenproduktion hochwichtiger E-Mails beeinträchtigt.

Von den Fortbildungen erwecken manche den Anschein, dass binnen kurzem technisch Angelerntes mühelos an die Stelle mühsam erworbener Erkenntnis und durchwachsener Erfahrung treten kann. Für ein „Kompetenzzentrum für Gemeindemanagement“  - vormals „Pfarramt“ - reichen vielleicht tatsächlich ein paar Kurse in Personal-, Gesprächs – und Geschäftsführung – und es bedarf keines langwierigen und tiefgründigen Theologiestudiums mehr. Wenn aber immer noch Theologie und Seelsorge, dann reicht es auch, statt teurer Pfarrer billige Ehrenamtliche in Theologie- und Seelsorgekursen zu qualifizieren, zu professionalisieren und zu zertifizieren – und dies mit dem urevangelischen „Priestertum aller Gläubigen“ zu legitimieren oder gar zu glorifizieren.

Außerdem klingt „Pfarramt“ recht angestaubt und assoziiert die verkrustete „Amtskirche“. Das „Arbeitsamt“ wurde ja auch akustisch aufpoliert und heißt jetzt Jobcenter oder Jobbörse. Auch wenn dies alles nur begriffliche Hypes sind - vielleicht mit demselben Schicksal der Hypes im Finanzwesen –: diese Aufgeblasenheit klingt zumindest so gut wie jene „Chefin vom Dienst“ im EOK, von der ich immer wieder hochwichtige elektronische Post bekomme. Oder wie jene „Kick-offs“, die wie Pilze aus dem kirchlichen Boden schießen. Zu diesem zeitgemäßen Hingucker gehört aber auch – in anderer Weise - das kesse und sexy Kreuz der Landeskirche, himmelweit entfernt von dem hässlichen und abstoßenden Gekreuzigten eines Matthias Grünewald. Aber auch solche Widersprüche wie den „Grünen Gockel“ auf dem Dach und die agrarindustrielle Billigmilch von „gut und günstig“ auf dem Tisch. Ebenso das halbblinde „Gendermainstreaming“, das Männer und Frauen situative Gerechtigkeit verschaffen will, um psychische oder soziale Benachteiligung zu vermeiden, dabei aber den biologischen Unterschied ausblendet. Vielleicht, weil es auch in der Kirche diesen biologischen Unterschied gar nicht mehr so lange geben darf?

Das zeigt: Wir haben wir in der Kirche gesellschaftlich gut aufgeholt. Sind nicht nur seit 1919 keine staatskonforme Staatskirche, sondern auch inzwischen keine traditionelle Volkskirche mehr, weil Volkstum und Kirchturm tatsächlich nicht mehr deckungsgleich sind. Stattdessen sind wir selbstbewusst und voller Stolz zeitgenössische Gesellschaftskirche, die lautlos, problemlos, schmerzlos nachbetet und heiligt, was ihr in der Gesellschaft vorgesagt und vorgelebt wird. Dass wir als Kirche wohlwollend zur Kenntnis genommen werden, scheint jedenfalls wichtiger, als dass wir wegweisend etwas zu sagen haben – das evtl. nicht mehrheitsfähig ist. Dann hat also die Kirche nichts Eigenes mehr, das sie von sich aus in die Gesellschaft einbringen könnte? Oder wissen wir selber nicht mehr so recht, wo es denn lang geht – und haben deshalb einen „Kirchenkompass“ entwickelt, dessen erste Worte lauten: „Probieren sie es aus“. Ob diese unverbindliche Aufforderung dasselbe meint wie die verbindliche Einladung: „Komm und folge mir nach!“?

 

VIII.

Und was nun - machen? – Nichts machen! Also nicht immer so weitermachen. Dafür einfach mal sehen, was wir da ständig machen. „Darüber nach-denken“ auf einer anderen Ebene und sich selber in den Blick nehmen. Mal auf Abstand gehen zu sich selber und sehen, was wir mit viel Energieaufwand statistisch verwertbar produzieren und an was wir alles mit Eifer hilflos herumdoktern.

Und vielleicht – erschrecken; auch über unser Christsein und Kirchesein, das selbstzufrieden und verschlafen vor sich hindümpelt, weshalb auch manche „Träume“ oder gar „Visionen“ von Kirche“ haben. Bei visionären Zuständen wie auch bei Träumereien wäre eine „Erweckung“ dringend nötig. Aufwachen und klar sehen, was wir da tun – in der Kirche.

Aufwachen bzw. Aufgewecktwerden hat jedoch mit Hören zu tun. Ich muss eine Ansprache vernehmen – wie Abraham, Mose, die Propheten… und auch wie Luther. Ihm ging es nicht darum die Ärmel hochzukrempeln und den kirchlichen Saustall von allerhand Unrat zu reinigen. Da war kein Reformeifer, welcher kirchliche Missstände beseitigen wollte und dabei den eigentlichen Misstand übersieht und verschleiert: Und das sind - wir selbst. Und bei uns greifen keine Reformen. Da bedarf es einer Reformation. Jene Reformation ging nicht aus dem Chronos, sondern aus dem Kairos hervor: Aus dem heilsamen Erschrecken eines Mönchs über das niederschwellige und lautstarke Bußangebot eines Herrn Tetzel in Kombination mit einem unermüdlichen Abhören der Hlg. Schrift. Hören und Erschrecken führte zu einem Erwachen. Plötzlich und unerwartet geschah und geschieht, was Gott seinem Volk durch den Propheten Ezechiel immer wieder: „…ihr werdet erfahren, dass ich der HERR bin“.

Auch wenn man solche Gotteserfahrung nicht machen, nicht herbeiführen kann, so kann man sie doch erwarten: Dass heute seine Stimme zu hören ist; dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist; dass unser Heil jetzt näher ist als zu der Zeit, da wir gläubig wurden; dass ER vor der Tür steht und anklopft. Diese „Erwartungshaltung“ ist eine innere Bereitschaft, mit der man ans äußere Werk geht. Da diese Erwartung jedoch nicht ganz natürlich aus uns selber kommt, bedarf sie der anderweitigen Nährung: Das Hören auf das biblische Wort zeugt das Erwarten seines Wortes „heute“.

Wo aber geschieht das Hören auf das biblische Wort, wenn nicht am Sonntag im Gottesdienstes: Dort sich sammeln und versammeln - und seien es eben nur „zwei oder drei in seinem Namen“ - zur Hingabe an die Lobpreisung Gottes in der Liturgie, und zum Hören des fernen und doch nahen Wortes und sich erneut ganz bewusst senden lassen, um in aller Nüchternheit und Bescheidenheit Salz der Erde und Licht der Welt zu sein.

Das aber geht nur, wenn Sammlung wie auch Sendung bewusst wahrgenommen und angenommen werden. Christsein geht nicht ohne christliches Selbstbewusstsein – dass ich als Mensch mir meiner selbst als Christ bewusst bin. Bevor ich es jemandem andern sage, muss mir klar und bewusst sein: „Ich bin Christ“ – und zwar als Mensch. Als Mensch stehe in einer natürlichen Solidarität mit allen Menschen und aller Kreatur – und lebe doch diese Solidarität als Christ und damit in einem bestimmten Geist. Der Geist ist die prägende und formende Kraft. Bin ich mir als Christ nicht bewusst, dann ist mein Christsein geistlos und damit gestaltlos. So aber braucht mich die Welt nicht. Die Christen und ihre Kirche sind tatsächlich überflüssig.

 

IX.

Sind sie aber nicht. Denn „die Welt“ braucht „die christliche Kirche“ und damit das verkündete und gelebte Erbarmen Gottes in Wort und Tat. Ja, denn die Welt kennt mit sich selber kein Erbarmen. Sie ist erbarmungslos, gnadenlos. Denn sie ist an den Werken orientiert, lebt aus ihren Werken und schöpft daraus ihre „Gerechtigkeit“ und richtet daraus über die Ungerechtigkeit – und richtet sich dabei selbst zugrunde. Und zugleich gilt – mit Worten von Karl Heim: „Die Welt sucht nach priesterlichen Menschen, die sich nicht entrüsten über die Welt, und auch nicht jammern, sondern die Last ihrer Geschwister auf ihr Herz nehmen. Nur auf diesem schmerzvollen Weg gibt es wirklich Einfluss von Mensch zu Mensch.“

Deshalb: Christen raus aus der Kirche am Sonntag und rein in die Gesellschaft am Werktag – und wieder raus aus der Gesellschaft am Werktag und rein in die Kirche am Sonntag. Das eine geht nur mit dem andern: Nur wenn ich auch dort bin, wo die Botschaft von Gottes Erbarmen mit seiner erbarmungslosen Welt zur Sprache kommt, halte ich es als Bote dieses Erbarmen dort aus, wo es erbarmungslos zugeht: In der Politik und Wirtschaft, in Vereinen und Verbänden. Um dafür zugerüstet und also Bote zu sein, bedarf es dann auch sehr wohl der nötigen Fortbildungen und Qualifikationen.

Als begnadigte Sünder stehen Christen „in der Solidarität“ mit allen Menschen. Und sind ihnen zugleich zum wegweisenden Vorbild gesetzt: Christen leben nicht aus ihren Werken, sondern aus dem Erbarmen Gottes. Geben damit Gott die Ehre und geben diesem Erbarmen Gestalt im Leben mit den Menschen.

Das ist – wenn ich Jesus recht erkenne und Paulus recht verstehe – die Zukunft der Kirche und die Kirche der Zukunft.

Und das alles war – wie ich es verstehe – nur ein Vorwort zum Weiterdenken